LIBREAS.Library Ideas

Warum die Publikation von Forschungsdaten nach wie vor ein begrenztes Phänomen bleibt.

Posted in LIBREAS.Referate by Ben on 5. April 2017

Eine Notiz im Anschluss an

Jens Klump: Data as Social Capital and the Gift Culture in Research. In: Data Science Journal. 16, p.14. DOI: http://doi.org/10.5334/dsj-2017-014

von Ben Kaden (@bkaden)

Wer sich mit dem Thema der Forschungsdatenpublikation befasst, kann die Lücke zwischen allgemeinen in Forschungsdaten-Policies verkündeten Anspruch an einen offenen Zugang zu diesen Daten und der Wissenschaftspraxis nicht übersehen: Trotz aller wohlbegründeten Argumente ist die Zahl der publizierten Datensätze sehr überschaubar. Andererseits ist das Konzept der Forschungsdatenpublikation nur dann wirklich nachhaltig und sinnvoll, wenn solche Veröffentlichungen nicht insular und aus dem Enthusiasmus einzelner Forschender heraus geschehen, sondern dort, wo sie sinnvoll sind, ein Eckstein wissenschaftlichen Austauschs bilden. Wissenschaft lebt von Systematizität. Wenn Forschungsdatensätze eher zufällig auf einem Repositorium landen, ist es sicher besser als keine Verfügbarkeit. Aber es ist eben nicht wissenschaftlich und ähnelt im Fall einer Nachnutzung eher dem glücklichen Zufallsfund im Archiv, während der Normalfall bleibt, dass man keine Daten für seine Forschungsfrage findet. Auch wenn es eigentlich welche gäbe.

Gemeinhin werden drei Gründe für Forschungsdatenpublikationen benannt: Forschungstransparenz, Nachnutzung und der Erwerb wissenschaftlicher Reputation. Abgesehen von ethisch besonders motivierten Publizierenden dürfte vor allem der Aspekt einer die Anrechenbarkeit von Forschungsdatenpublikationen als wissenschaftliches Kapital der Schlüssel zu einer weiteren Verbreitung sein. Insofern ist es unter anderem wichtig, Datenpublikationen so zitier- und verfügbar zu halten, wie es auch Aufsatzpublikationen sind. Die übergeordnete Sachlage ist aber selbstverständlich komplexer.

In einem aktuellen Aufsatz für das Data Science Journal geht nun Jens Klump der Frage nach, weshalb Data-Sharing-Policies bisher nur begrenztes Echo in den Fachkulturen und ihren Kommunikationspraxen finden. Er nähert sich der Frage wissenschaftssoziologisch und argumentiert nachvollziehbar, dass es nicht ausreicht, Forschungsdateninfrastrukturen aufzubauen. Vielmehr, so lässt sich ergänzen, sind diese eine Basisanforderung, um Data-Sharing-Praxen zu stimulieren. Entscheidend ist jedoch eigentlich, die Verfassung des sozialen Systems der Wissenschaft als eine „Reputation Economy“ zu verstehen und aus diesem Verständnis heraus passende Ansatzpunkte für Anreize zu setzen. Der einschlägigen Infrastrukturforschung bescheinigt Jens Klump dahingehend Defizite. Wenn also in der Reputationsökonomie der Wissenschaft die eigenen wissenschaftlichen Handlungsmöglichkeiten (z.B. über Fördermittel und Anstellungen) mittels kommunikationsbasierten Erwerb von Reputation und wissenschaftlichem Status gesichert und ausgebaut werden, dann sollte das Phänomen der Forschungsdatenpublikation folgerichtig in dieses System grundlegend integriert werden.

Interessant ist nun die durch den Übergang von einer vorwiegenden Individualwissenschaft zu einer Kollaborationswissenschaft (oft, aber nicht nur, in Gestalt von Großforschung) auftretende Verschiebung der Anforderungen. Im zweiten Fall bedarf es für eine Karriere mehr als Reputation – es gilt die Balance zwischen Reputationsgewinnen und Kollaborationsgewinnen zu finden. Man muss also in der kollaborativen Forschung nicht nur als Individuum wissenschaftlich hochklassig arbeiten, sondern zugleich an den richtigen Punkten ein geschickter Teamspieler sein.

Zwangsläufig betonen und belohnen, wie auch Jens Klump herausstellt, kollaborativ orientierte Fachkulturen das Teilen von Forschungsressourcen und also auch Forschungsdaten stärker als Kulturen, in denen der Schwerpunkt hauptsächlich auf  dem Reputationsgewinn des einzelnen Forschers liegt. Zieht man dies heran, erklärt sich auch das Spannungsverhältnis zwischen den sehr auf Kollaboration gerichteten Digital Humanities und den traditioneller ausgerichteten Geisteswissenschaften, bei denen sich Forschende häufig selbst als primär Werkschöpfende mit allen Ansprüchen an eine so genannte „Werkherrschaft“ sehen. Die aktuellen deutschen Urheberrechtsdebatten (Stichwort Publikationsfreiheit.de) könnten also maßgeblich von der Sorge um Reputationseinbußen getrieben werden. Zugleich stehen sie deutlich erkennbar den Ansprüchen kollaborationsorientierter Wissenschaft entgegen. Während die traditionellen Individualwissenschaften Erkenntnis primär zentriert auf den individuellen Forscher als Erkennenden (und idealweiser Ersterkennenden) gelesen und interpretiert haben, fokussieren, so eine natürlich etwas verkürzte Deutung, Kollaborationskulturen viel stärker den Forschungsgegenstand und das Erkenntnisziel als Fixpunkte. Sie behandeln die Forschenden zwar nicht als beliebig austauschbar, aber doch als stärker hinter die Forschungsziele zurücktretend. Ist das eigentliche Ziel nun idealerweise der Erkenntnisfortschritt selbst, so scheint es auch deutlich plausibler und vermittelbarer, dass zum Beispiel die Bereitstellung von Forschungsdaten für die Community im Sinne dieses Fortschritts stärker zu gewichten ist, als der individuelle Anspruch als Erheber dieser Daten auch eine umfassende Datenherrschaft ausüben zu können.

Individualwissenschaftliche Praxen knüpfen dagegen stärker die Originalität einer Erkenntnis an die konkrete forschende und erkennende Person als Urheber. Zu viel Transparenz oder gar die Bereitstellung der eigenen Datengrundlage (zum Beispiel in Form von Annotationen) für ähnlich motivierte Forschende (=Konkurrenten) wird zwangsläufig als erhebliche Preisgabe wissenschaftlichen Kapitals gesehen, aus dem das soziale Kapital gewonnen wird, mit man seine Karriere macht.

Einen Sonderfall stellt die Auftragsforschung dar, wenn sie das Ziel des Intellectual Property mit Teamforschung verbindet und zum Beispiel Patentierbarkeit des Erkenntnisproduktes anstrebt. Dann greifen ähnliche Zurückhaltungsmechanismen und eine Preisgabe u.a. der Datengrundlage oder auch der Verfahrensbeschreibung ist vor Sicherung des Patents und damit des rechtlich stabilisierten Verwertungsanspruchs unbedingt zu vermeiden.

Mit der Zunahme von Public-Private-Partnership-Projekten verkompliziert sich die Frage nach den Anreizen zum Teilen von Forschungsdaten demnach zusätzlich. Wissenschaft ist somit keinesfalls als isoliertes soziales System zu betrachten, auch wenn diese Sicht zunächst einmal hilft, um über die Idee einer idealtypischen Reputationsökonomie nach den passenden Interventionspunkten zugunsten einer stärkeren Öffnung wissenschaftlicher Arbeit zu suchen. Die Kommodifizierung der Erkenntnisproduktion verlagert den als für das wissenschaftliche Verhalten bestimmend definierten Peer Pressure in stärker rechtlich regulierte Bedingungen. Für denkbare Anreize zum Teilen von Forschungsdaten und -verfahren muss dies nicht schlecht sein, weil man auf rechtlichem Wege stärker auch verbindliche Mandatierungen anstreben kann – so wie die Nicht-Veröffentlichung bereits jetzt bei der Auftragsforschung klar mandatiert wird.

Abgesehen davon ist es zweifellos nach wie vor sinnvoll, auch die impliziten Normen des sozialen Systems Wissenschaft zu adressieren. „[P]ublishing data must add to reputation“ (vgl. Klump, S. 5) ist eine Basisformel für das Schaffen von Anreizen für die Forschungsdatenpublikation, die jede/r in diesem Bereich Aktive berücksichtigen sollte. Denn ohne die Aussicht auf einen potentiellen Reputationsgewinn wird es schwer, den erheblichen Mehraufwand einer soliden Datenpublikation zu vermitteln. Wissenschaftsethische Argumente werden selbstverständlich gern gehört und Ideen einer Open Scholarship stoßen selten auf Widerspruch. Ebenso selten haben sie freilich eine Wirkung, die über ein „Ja, man müsste..“ hinausreicht. Der aktuell wirksamste Weg zur Anregung von Datenpublikationen scheint die zunehmende Einforderung von Begleitdaten durch (High-Impact-)Journals, die einen gewissen Zwang mit einem Reputationsversprechen verknüpft. (vgl. zu solchen Supplementary Materials auch diesen Artikel im eDissPlus-Blog)

Dass Datenzitation (und Zitationsindices) und damit einhergehend Reputationsgewinne jedoch vergleichbar mit dem Publizieren von formalen Wissenschaftspublikationen wie Aufsätzen und auch Monografien größeren Einfluss haben werden, scheint trotz allem aktuell wenig wahrscheinlich. Während eine wissenschaftliche Erkenntnis selbst publiziert werden muss, um gelten zu können, ist dies für die ihr zugrundeliegenden Forschungsschritte nicht erforderlich. Für den Weg zur Erkenntnis reicht meist eine kurze Schilderung als Beleg des wissenschaftlichen Vorgehens. Eine weitere Anreicherung um zusätzliche Materialien wie umfassende Forschungsdaten scheint dagegen nicht zuletzt angesichts der schon lange beklagten Publikationsflut (und damit Rezeptionskrise) kaum als Default-Modus gewünscht. Zudem ist auch so nicht jeder Datensatz zur Nachnutzung geeignet oder zur Feststellung des Werts der daraus gewonnen Erkenntnis notwendig. Schließlich stehen sehr häufig auch einfach persönlichkeits- und datenschutzrechtliche Aspekte als unverrückbare Hürden vor einer möglichen Datenpublikation.

(Offenes) Data-Sharing dürfte daher auch langfristig nur in bestimmten Forschungsbereichen relevant werden. In diesen jedoch ist eine umfassende Abdeckung fraglos erstrebenswert. Und auch bereits für diese keineswegs eindeutig bestimmten und überschaubaren Felder haben Infrastrukturforschung und Policy-Entwicklung noch viel Arbeit vor sich. Daher könnte es sogar förderlich sein, das Ideal einer vollumfänglichen Open-Data-Kultur zugunsten einer differenzierteren Sichtweise zu relativieren um anhand schärfer bestimmter Zielgruppen und -szenarien die passenden Anreize definieren zu können.

(Berlin, 05. April 2017)

Nochmal zur Evidence Based Library and Information Practice. Ein neuer Startpunkt, um Forschung im bibliothekarischen Alltag zu verankern?

Posted in LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 23. Februar 2017

Zu: Koufogiannakis, Denise ; Brettle, Alison (edit.) (2016). Being evidence based in library and information practice. London: Facet Publishing, 2016

von Karsten Schuldt

Die Evidence Based Library and Information Practice ist ein Fakt. Nur nicht hier.

Das wird vielleicht einige Personen in den deutschsprachigen Bibliothekswesen überraschen, aber: Evidence Based Library and Information Practice (EBLIP) ist ein dynamisches, einflussreiches Feld, dass beständig wächst und das seit 1997 – also seit jetzt 20 Jahren. Um die einst im kleinen Rahmen propagierte Praxis ist nicht nur eine Zeitschrift (https://ejournals.library.ualberta.ca/index.php/EBLIP), sondern auch ein Community gewachsen. Und damit ist auch das Bibliothekswesen besser geworden. Das hier zu besprechende Buch, Being evidence based in library and information practice, ist nur der nächste Schritt zu diesem Wachstum.

Was an diesen Aussagen vielleicht irritierend ist, ist, dass das im deutschsprachigen Bibliothekswesen nie auch nur ansatzweise angekommen ist. Von Zeit zu Zeit hört man den Begriff: Evidence Based Librarianship. Bei uns in der LIBREAS-Redaktion tauchte er in den letzten Jahren immer wieder einmal als mögliches Thema für einen Schwerpunkt auf. Auch bei Gesprächen auf Konferenzen fällt er manchmal, besonders bei Kolleginnen und Kollegen aus Medizinbibliotheken. Mein Kollege Mumenthaler hat den Begriff mehrfach ausgesprochen, als er einmal ein Forschungsvorhaben vorschlug (auch wenn es dann in seinem Text zum Vorhaben nicht auftaucht,1 https://ruedimumenthaler.ch/2016/02/15/bibliotheken-und-digitaler-wandel-einige-fakten/). Aber mit Inhalt gefüllt wird der Begriff eigentlich nie. Das sich in der englischsprachigen Bibliothekswelt, und hier vor allem nicht vorrangig der USA oder Grossbritanniens, sondern Kanadas, der Begriff tatsächlich mit einer kleinen Bewegung verbindet, scheint nicht bekannt.2

Die Gründe dafür sind nicht ganz klar. An sich möchte die EBLIP ein Problem lösen, dass sich selbstverständlich auch in den deutschsprachigen Bibliothekswesen findet, nämlich, dass eine ganze Zahl von Entscheidungen in Bibliotheken und Diskussionen über Entwicklungen im Bibliothekswesen nicht auf überprüfbaren Fakten (Evidenzen) basiert und auch nicht objektivierbar sind (d.h. so dargestellt, dass die Argumentationen, die zu einer Entscheidung oder Aussage führen, für andere nachvollziehbar wären), sondern halt oft immer neu auf Basis lokaler Wahrnehmungen getroffen zu werden scheinen – oder aber gar aus gar nicht richtig nachvollziehbaren Gründen. Vielleicht gibt es tatsächlich eine Abneigung gegen „Theorie“ in Bibliotheken; vielleicht wird EBLIP nicht wahrgenommen, weil die deutschsprachigen Bibliotheken gerne in die USA, nach Grossbritannien und Skandinavien schauen und Dinge erst wahrzunehmen scheinen, wenn sie sich dort etabliert haben – und nicht nach Kanada (oder Australien oder Neuseeland oder Frankreich etc.3). Aber egal wieso, EBLIP entwickelte sich anderswo; jetzt scheint es sogar, folgt man dem besprochenen Buch, soweit zu sein, diese Praxis wieder einmal zu überdenken. Es wäre also auch ein guter Zeitpunkt, in diese Entwicklung einzusteigen.

Modelle der EBLIP

Denise Koufogiannakis und Alison Brettle (Koufogiannakis & Brettle 2016), die das zu besprechende Buch herausgeben und in ihm auch die programmatischen Texte geschrieben haben, schreiben ein Modell fort, dass grundsätzlich ersten Handbuch zu EBLIP von Andrew Booth und Anne Brice (Booth & Brice 2004) formuliert wurde.

Booth und Brice führten 2004 die EBLIP noch aus zwei Quellen her: einerseits aus der evidence basd medicine, die als Praxis einfordert, dass bei medizinischen Entscheidungen jeweils die besten verfügbaren wissenschaftlichen Ergebnisse genutzt würden; anderseits aus einer Kultur des Accountability und ständiger Begründung mit Evidenzen – also mehr oder minder fakten-basierten Argumenten –, wie sie unter den Blair-Regierungen („New Labour“) in Grossbritannien – wo Booth und Brice damals tätig waren – zum Geschäft aller öffentlichen Einrichtungen gehörte. Dieses Modell basierte sehr dezidiert auf wissenschaftlichen Wissen und setzte sich aus den folgenden Schritten zusammen:

  1. „Define the problem

  2. Find evidence

  3. Appraise evidence

  4. Apply results of appraisal

  5. Evaluate change

  6. Redefine problem“ (Booth & Brice 2014:61)

Es ging ihnen darum, dass gerade wissenschaftliche Quelle genutzt werden, um Fragen zu klären, die im bibliothekarischen Alltag aufkommen.

Das Modell wurde aufgegriffen, wie gesagt vor allem in Kanada, wo 2006 – gehostet an der University of Alberta – die namensgebende Zeitschrift gegründet wurde. Insbesondere in dieser wurde nicht nur Quellen beurteilt und Projekte beschrieben, die mit diesem Modell durchgeführt wurden, sondern auch Projekte, welche das Modell grundsätzlich erweiterten. Offenbar gibt es genügend Kolleginnen und Kollegen in Bibliotheken, die dem Prinzip des EBLIP folgend arbeiten und publizieren wollen. Denise Koufogiannakis und Alson Brettle sind beide seit der Gründung Teil des Editorial Teams der Zeitschrift und sitzen damit – abgesehen von eigenen Publikationen zum Thema, die beide vorgelegt haben – quasi an der Quelle der Entwicklungen im Bereich.

Die Überarbeitung des Modells basiert auf diesen Erfahrungen (wobei sie aus dem Buch von Booth und Brice ein noch früheres Modell zitieren, dass diese schon erweiterten). Das neue, erweiterte Modell verstehen sie als Kreis mit den folgenden fünf jeweils aufeinander bezogenen Schritten:

  1. Articulate (Come to an understanding of the problem and articulate it.)

  2. Assemble (Assemble evidence from multiple sources that are the most appropriate to the question/problem at hand.)

  3. Assess (Place the evidence against all components of the wider overarching problem. Assess the evidence for its quantity and quality.)

  4. Agree (Determine the best way forward and, if working with a group, try to achieve consensus based on the evidence and organizational goals.)

  5. Adapt (Revisit goals and needs. Reflect on the success of the implementation.)” (Koufogiannakis & Brettle 2016:15)

Die beiden Modelle unterscheiden sich unter anderem in folgenden Punkten:

  1. IM erste Modell ist zwar auch die Arbeit in Gruppen möglich, aber, so die Kritik bei Koufogiannakis & Brettle (2016), letztlich darauf angelegt, dass eine Person ein Projekt durchführt und auch die jeweiligen Entscheidungen trifft. Das neue Modell soll sich eher für die Arbeit in kleinen Gruppen eignen (z.B. durch den Schritt „Agree“, der in einer Gruppe sinnvoller ist, weil hier ein informierter Konsens gebildet wird, als bei Projekten von Einzelpersonen).

  2. Das erste Modell legte grossen Wert auf wissenschaftliche Quellen. Eigentlich wurde nur diese als Evidenz akzeptiert; andere Quellen waren höchstens als Anregung für die Formulierung von Fragen zugelassen. (So zumindest die Interpretation von Koufogiannakis & Brettle (2016), der betreffende Artikel von Alison Winning „Identifying sources of evidence“ in Booth & Brice (2004:71-88) kann in diese Richtung interpretiert werden, lässt aber doch Platz für andere Quellen.) Das neue Modell legt Wert auf eine Mischung von Quellen, die ihre jeweils eigenen Wert haben: Wissenschaftliche Quellen, local evidence und professional knowlegde (Koufogiannakis & Brettle 2016:14). Für eine Entscheidung (siehe nächstes Punkt) in einer Bibliothek müssen alle Arten von Quellen herangezogen werden.

  3. Während Booth & Brice (2004) EBLIP noch aus den Anforderungen der Blair-Regierung (Accountability) und dem Fakt, dass sich Ähnliches in der Medizin durchzusetzen schien, begründeten, begründen es Koufogiannakis & Brettle (2016) nun als einen „structured approach to decision making“ (Koufogiannakis & Brettle 2016:7), also als Hilfsmittel für die Entwicklung von Bibliotheken. Dabei wollen sie EBLIP als einen ständig neu wiederholten Prozess verstehen, nicht als rein projekt-bezogenes Mittel. In der Vorstellung der beiden Autorinnen ist EBLIP ein Mittel, mit dem Bibliotheken ständig ihre Entwicklungen und Entscheidungen kritisch hinterfragen können.

  4. Koufogiannakis & Brettle (2016) verstehen EBLIP auch als eine Aufforderung an Bibliotheken, diese als Betriebskultur zuzulassen (d.h. von Seiten der Leitung, die Zeit dafür einzuräumen und solche Quasi-Forschungstätigkeiten ihres Personals zu fördern) sowie zu leben (also auf Seiten der Bibliothekarinnen und Bibliothekare, tatsächlich Probleme und Fragen zu definieren, Forschung zumindest auf der Ebene der Quellenanalyse durchzuführen und diese in die lokale Praxis zu übersetzen). Obwohl sie selber (nicht alleine) die Zeitschrift am Modell wissenschaftlicher Zeitschriften ausgerichtet haben und eine einzelne Bibliotheken übergreifende Community organisieren, verstehen sie EBLIP offenbar vorrangig als Mittel, die Entscheidungen in einzelnen Bibliotheken besser und fundierter zu machen – und damit auch besser.

Aber: Wozu?

Koufogiannakis & Brettle (2016) erheben den Anspruch, mit ihrem Buch quasi das Handbuch vorgelegt zu haben, welche des Handbuch von Booth & Brice (2004) ersetzt. Ob das gelungen ist, ist wohl nur im Rahmen von Bibliotheken zu bestimmen, die ihre Praxis an EBLIP orientieren – also keinen Bibliotheken im deutschsprachigen Raum. Es gibt aber eine grosse Anzahl an Gemeinsamkeiten. Beide Bücher unterteilen sich in einen Teil, der das jeweilige Modell und die Arbeitsschritte in diesem dezidiert darstellt und einen Bereich, der EBLIP anhand von einzelnen Studien in der Praxis zeigt. Das frühere Buch hat einen Teil zur Geschichte und Begründung der EBLIP. Das jüngere Buch handelte diese Themen im Vorwort ab. Ansonsten scheint vieles tatsächlich einfach ein Update zu sein, mit einer genaueren Struktur und einem grösseren Selbstbewusstsein, das EBLIP eine etablierte Praxis ist. Gleichwohl wird bei Koufogiannakis & Brettle (2016) nicht so sehr auf die noch bei Booth & Brice (2004) im Zentrum stehende Wahl und Wertung von Quellen für Evidenzen eingegangen. Das ist ein Defizit des neuen Buches. Es scheint, als wäre es sinnvoll, falls man EBLIP im lokalen Bibliotheksrahmen umsetzen möchte, in beiden Büchern die jeweiligen methodischen Kapitel wahrzunehmen und zu nutzen.

Ein Schwachpunkt beider Bücher ist, dass sie vor allem über ihre Beispiele überzeugen wollen: In beiden finden sich Darstellungen von Bibliothek, die mittels EBLIP zu Lösungen für alle möglichen Probleme gefunden haben. Bei Koufogiannakis & Brettle (2016) sind sie besser strukturiert, da die betreffenden Kapitel – die nach Bibliothekstypen gegliedert sind – jeweils einen Überblick zu verschiedenen Studien liefern können, die es heute einfach mehr gibt, als vor 13 Jahren. Aber was die Beispiele zeigen ist eigentlich nur, dass EBLIP angewandt werden kann, um Entscheidungen im Rahmen der Bibliotheksentwicklung zu treffen; nicht, dass es besser ist, sie mit EBLIP zu treffen als mit anderen Methoden. Das ist nur soweit überzeugend, dass man es ausprobieren könnte; aber nicht, dass man es unbedingt müsste.

Ansonsten ist die Beschreibung der einzelnen Schritte des Modells – in beiden Büchern – jeweils sehr kleinteilig, aber nie wirklich erstaunlich. Eigentlich werden nur Schritte einer einfachen Forschungsplanung für Praxisprojekte gezeigt, die so wohl wöchentlich in Fachhochschulen und Universitäten der ganzen Welt für Bibliotheken erstellt werden. Nur, dass sie einmal so beschrieben werden, dass sie direkt von Bibliotheken, d.h. Bibliothekarinnen und Bibliothekaren, geplant und durchgeführt werden können. Das ist ein Vorteil von EBLIP: Zu klären, dass Forschung oder Wissenschaft keine Magie ist, sondern einfach auch selber vor Ort durchgeführt werden kann, vor allem, wenn man durch selbst gestellte Fragen motiviert wird.

Grenzen

Um das (neugefasste) Konzept von EBLIP zu verstehen, reicht eigentlich das Lesen des ersten Textes („A new framework for EBLIP“) von Koufogiannakis & Brettle (2016:11-18). Alle anderen Texte sind erklärendes Beiwerk. Gleichzeitig ist dieses Buch auch von einer etwas sehr starken Überzeugung getragen, dass EBLIP eine immer einsetzbare Lösung für Probleme und neue Fragen bei der Bibliotheksentwicklung bieten und gute Ergebnisse – d.h. Vorarbeiten für gute Entscheidungen – liefern würde. Vielleicht ist das die Erfahrung der Autorinnen, aber es vermittelt zum Teil den Eindruck, den vehemente Vertreterinnen und Vertreter anderer Methoden auch erzeugen: Das ungute Gefühl, dass der Anspruch nicht gehalten werden kann, die Methode doch nur manchmal etwas taugt und vor allem nicht darüber gesprochen wird, was für negative Effekte die Methode haben könnte.

Was die Wirkung des Buches im deutschsprachigen Raum weiter einschränken könnte, ist der Fokus auf Kanada, die USA und Grossbritannien (nur eine Autorin des Buches kommt mit Schweden aus einem anderen Land) und damit auch den dortigen Kulturen in den Bibliotheken – insbesondere deren professionellen Debatten, die nicht die gleichen sind, wie im DACH-Raum – sowie gesellschaftlichen Fragen, welche den Blick der jeweiligen Texte prägen.

Eine auffällige Leerstelle von EBLIP – in allen bislang vorliegenden Büchern und Texten – ist die Stimme der Nutzerinnen und Nutzer. EBLIP gibt die Agency, die ansonsten oft bei Forschenden an Fachhochschule und Universitäten liegt, in die Hand von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren; diese üben in den aktuellen Konzepten dann aber die gleiche Macht darüber, was und wie gefragt oder untersucht wird, aus, wie es sonst in Forschungsprojekt die Forschenden tun. Angesichts dessen, dass in vielen EBLIP-Projekten Nutzerinnen und Nutzer untersucht, befragt etc. werden, wäre zu erwarten, dass auch diesen Agency zugestanden wird. Eventuell ist eine solche Partizipation von Nutzenden der nächste Schritt in der Entwicklung von EBLIP.

Wer nur einmal einen Blick darauf wegen will, wie EBLIP funktionieren kann, benötigt nicht dieses Buch, sondern kann stattdessen ein paar Nummern der mehrfach genannten Zeitschrift lesen (https://ejournals.library.ualberta.ca/index.php/EBLIP). Diese zeigt eher die tatsächlichen Potentiale, vermittelt aber nicht das angesprochene Modell.

Ansonsten scheint EBLIP, besonders der Fakt, das diese Community schon über einen so langen Zeitraum existiert, ein Ansporn darzustellen, es auch einmal im lokalen Rahmen in deutschsprachigen Bibliotheken zu versuchen.

Literatur

Booth, Andrew ; Brice, Anne (edit.) (2004). Evidence-based practice for information professionals: a handbook. – London: Facet Publishing, 2004

Koufogiannakis, Denise ; Brettle, Alison (edit.) (2016). Being evidence based in library and information practice. – London: Facet Publishing, 2016

Schuldt, Karsten (2013). Bibliotheken erforschen ihren Alltag. Ein Plädoyer. – Berlin: Simon Verlag für Bibliothekswissen, 2013

Stock, Wolfgang G. (2009). Evidenzbasierte Bibliotheks- und Informationspraxis. EBLIP5, Stockholm, 2009. – In: Bibliotheksdienst 43 (2009) 8-9, 902-908

Fussnoten

1 Was sich aber beim ihm findet, ist eine Begründung, die sich so auch in den englisch-sprachigen Texten zur Evidence Based Library Practice finden könnte: „Die aktuelle Debatte zeigt, dass wir als Bibliothekscommunity und als Bibliothekswissenschaft schlecht aufgestellt sind. Wir haben Mühe, gegen offensichtlich falsche Äusserungen und plumpe Vorurteile zum aktuellen Stand des digitalen Wandels in Bibliotheken fundiert und sachlich zu argumentieren. Meine Aussagen sind bestimmt näher an der Wirklichkeit (finde ich…), aber eine wissenschaftlich überzeugende Argumentation sieht doch anders aus. Eigentlich müsste ich doch Fakten abrufen können, Studien zitieren können, die unmissverständlich solch absurde Behauptungen widerlegen würden. Aber ich kann nur einige Beispiele zitieren, die ein deutlich anderes Bild zeichnen. Die belegen, dass sich die Bibliothekslandschaft in Bewegung befindet, die zeigen, dass die Community die Probleme erkannt und die Herausforderungen angenommen haben.“ (https://ruedimumenthaler.ch/2016/02/15/bibliotheken-und-digitaler-wandel-einige-fakten/)

2 Bestimmt übersehe ich einzelne Nachweise in Fussnoten etc., aber richtig ist mir der Begriff nur einmal, bei einem Konferenzbericht von Wolfgang G. Stock (2009) aufgefallen. Und dann in meinem eigenen Buch zum thema Forschung in Öffentlichen Bibliotheken (Schuldt 2013).

3 Auch wenn ich dieses Argument schon mehrfach gebracht habe, gerne nochmal: Die Makerspaces waren in der australischen und kanadischen bibliothekarischen Literatur schon etabliertes Thema, bevor sie in den USA stark diskutiert wurden – aber erst dann, als sie auch in der US-amerikanischer Literatur auftuachten, wurden sie in der deutschsprachigen Literatur thematisiert. EBLIP wäre also kein Einzelfall.

So etwas wie eine Nummer eines besseren Design-Magazins, über Bibliotheken

Posted in LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 3. November 2016

von Karsten Schuldt

Zu: Maria Inês Cruz ; Lozana Rossenova (edit.) / Bookspace. Collected Essays on Libraries. London: Inland Editions, 2015

Dieses Buch ist das Ergebnis einer Kickstarter-Kampagne und offenbar des Interesses der beiden Herausgeberinnen an Bibliotheken im Allgemeinen. Dabei sind die beiden eher in Design und der Architektur verankert, als im Bibliothekswesen. Das sieht man dem Buch auch an, es ist extra ‒ sehr zurückhaltend ‒ von einem Buchdesigner (Øystein Arbo) gestaltet. Es wirkt eher wie ein Heft eines Literatur- oder Designmagazins denn wie ein Buch. Es ist auch erst das aktuell zweite Buch des Verlages. Insoweit scheint hier viel Interesse und Engagement drin zu stecken. (Und schon deshalb sollte das Buch unterstützt werden.) Ich selber habe es auch nicht in einer Bibliothek oder einer wissenschaftlichen Buchhandlung gefunden, sondern in einem auf kleine Verlage und Design spezialisierten Laden in Bern.

 

Gleichwohl: Es geht ganz explizit um Bibliotheken. Die Motivation dazu ist nicht ganz klar. Im Vorwort schreiben die beiden Herausgeberinnen davon, dass Bibliotheken sich einerseits entwickeln und positiv angesehen werden, andererseits ihr Etat ständig zusammengestrichen wird und sie deshalb in die News kommen. Das scheint ein sehr britischer Blick zu sein. Aus diesen Äusserungen folgt offenbar ein Interesse an Bibliotheken als Symbol, Architektur, aber auch als Raum, an ihrer Vergangenheit und Zukunft ‒ und das nicht nur in Grossbritannien, sondern auch in Kairo, New York und im restlichen Europa. Dabei ist das Buch sehr dünn (140 Seiten, fast A5). Deshalb ist einen solche Bandbreite an Themen nur sehr oberflächlich zu behandeln.

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Dies geschieht in relativ kurzen Beiträgen, die sich inhaltlich und formal sehr unterscheiden: Eine Photostrecke, ein Interview, zwei Beiträge zur Bibliotheksarchitektur (einer historisch angelegt, einer konkret auf ein Gebäude bezoge), zwei Texte, die tatsächlich als eher mäandernde Essays beschrieben werden können. Das alles, wie gesagt, schön gestaltet. Aber es hinterlässt eher den Eindruck ‒ wie im Titel dieses Beitrags schon gesagt ‒ eines Design-und-Architektur-Magazins (eines mit sozialem Gewissen und gesellschaftlichen Anspruch, aber trotzdem dem Fokus auf Design und Architektur), dass eine Schwerpunktnummer zu Bibliotheken macht, als den einer Monographie. Der Grossteil der Autorinnen und Autoren sind auch in Design und Architektur tätig, ein Interview wurde mit einem Verantwortlichen für Londoner Bibliotheken geführt, ein Bericht über Bibliotheken in Kairo von einer freelance cultural writer. Die ganzen Themen und Herangehensweisen sind sehr bunt und stehen unvermittelt nebeneinander.

David Pearson beschreibt als Bibliotheksverantwortlicher z.B. seinen Sicht auf die Entwicklungen im britischen Bibliothekswesen (die jetzt nicht so spannend neu sind: Mehr community, mehr social space, weniger Bücher, aber immer noch Bücher); Julius Motel liefert eine Bilderstrecke aus der Hauptfiliale der New York Public Library, Heba El-Sherif stellt den Stillstand in Kairos Bibliotheken, der nach den turbulent Zeiten nach der 25. Januar Revolution kam, dar, João Torres präsentiert die Architektur der neuen Zentralbibliothek in Lissabon. Interessant sind vor allem zwei Texte: Der von Jorge Reis, welcher die These aufstellt, dass die heutigen Bibliotheken als Bauten weiterhin Ideen aus der Romantik folgen (nämlich dem Ziel eines Exils/Raumes ausserhalb der Welt, der Betonung von Licht, insbesondere natürlichen Lichts, und dessen Führung sowie der Vorstellung vom endlosen Wissen, dass nie gesamthaft erfasst werden könnte). Und der kurze Verriss aktueller Hochschulbibliotheken von Tom Vandepuute, welcher sie als “neoliberale Bibliotheken” beschreibt, die einerseits von einem unnötigen Drängen nach Produktivität und Effektivität (deshalb gibt es seiner Meinung nach die Bibliothekscafés, obwohl früher Bibliotheken und Cafés zwei unterschiedliche Räume des Lernens gewesen wären ‒ aber halt Bibliotheken so keine Mieteinnahmen reingebracht hätten), bei gleichzeitig verstärkten Machtbeziehungen (z.B. wieder mehr sichtbare Regeln, an bestimmten Orten ruhig sein zu müssen). Dieser Text mäandert, wie schon gesagt; beschreibt dann noch die Tendenz von heutigen Nutzerinnen und Nutzern, sich innerhalb der Bibliothek in quasi-private Sphären (Kopfhörer) abzugrenzen, kommt aber nicht genau zu einem Punkt.

 

Das Buch hinterlässt einen leichten, verspielten Eindruck. Ob es wirklich einen längeren Einfluss haben kann, ist nicht so richtig klar. Aber, wie halt Design-Magazin mit sozialerem Anspruch: es eignet sich sehr gut als Lesestoff für einen freien Nachmittag.

Die Bibliothek auf dem Weg in das zweite orale Zeitalter. Analysen und Vorhersagen Marshall McLuhans zur Funktion der Bibliothek aus den späten 1970ern, mit klaren „klingt genau wie heute“-Effekten

Posted in LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 12. Oktober 2016

Von Karsten Schuldt

Zu: Robert K. Logan ; Marshall McLuhan: The Future of the Library, From Electronic Media to Digital Media (Understanding Media Ecology ; 3). New York ; Bern ; Frankfurt ; Berlin ;Brussels ; Vienna ; Oxford ; Warsaw: Peter Lang, [1979] 2016

 

Marshall McLuhan, kanadischer Medientheoretiker, hat von den späten 1960er bis zu den späten 1970ern die Diskussionen, Interpretationen und vor allem Vorhersagen über die künftigen Medien, Mediennutzungen und deren Auswirkungen auf die westlichen Gesellschaften (auch wenn er immer wieder den Anspruch formulierte, die Medien und Gesellschaften der ganzen Welt zu analysieren), geprägt. Er stellte Thesen über die kommenden elektronischen Medien auf, bekannt sind insbesondere seine Schlagworte vom „global Village“, der Wiederkehr alter Medien in jedem neuen Medium und „The medium is the message“. Es erstaunt immer wieder, dass er und seine Arbeiten in den deutschsprachigen Bibliotheks- und Informationswissenschaft eingeführt werden müssen; sie sollten eigentlich zum Kanon gehören. Tun sie aber leider nicht.

Entstehung des Buches

1979 erlag McLuhan einem Schlaganfall, konnte ab dann nicht mehr arbeiten und starb 1980. Eines der Projekte, am dem er zu diesem Zeitpunkt mit Robert K. Logan, mit dem er auch schon andere Arbeiten publiziert hatte, tätig war, war ausgerechnet ein Buch über die Zukunft der Bibliotheken. Das unfertige Manuskript wurde im National Archive of Canada eingelagert und lag dort, bis – wohl über eine Bemerkung Logans in dem zum hundertsten Geburtstag geschriebenen „McLuhan Misunderstood“ [Logan, Robert K.: McLuhan Misunderstood. Setting the record straight. Toronto: Key Publishing House, 2013:40] – ein neues Interesse an diesem entstand. Logan ergänzte das Buch um zweieinhalb Kapitel plus zahlreichen Anmerkungen und publizierte es anschliessend.1 Die Ergänzungen sollen das Buch in die heutige Zeit fortschreiben, sind aber in vielem unnötig, oberflächlich und der schwächste Teil des Buches. Das Manuskript selber ist ein bedenkenswerter Versuch, die Aufgabe von Bibliotheken zu bestimmen und gleichzeitig ein Zeitdokument, dass zeigt, dass viele vorgeblich neue Diskussionen seit Jahrzehnten diesen Status „neu“ haben. In vielem unterscheiden sich die Argumente im Buch nicht von denen, die heute vorgebracht werden. Über die Sinnhaftigkeit und Nachvollziehbarkeit der vorhergesagten Zukunft lässt sich auch heute noch gut diskutieren.

Zu bemerken ist, dass das Buch unfertig ist; die Ergänzungen von Logan runden es nicht ab. Es ist im Zustand eines frühen Manuskriptes verblieben. So finden sich mehrere Argumente und Erzählungen mehrfach an verschiedenen Stellen wieder, Zitate sind überlang und ungekürzt, die Struktur des Textes ist zwar nachvollziehbar, aber an einigen Stellen weiter mehr ausgearbeitet, als an anderen. Dies ist nach der Entstehungsgeschichte verständlich, bedeutet aber auch teilweise eine gewisse Zumutung beim Lesen.

Die Bibliothek in Veränderung

In view of the changed environment in which the library now functions, it is necessary to rethink and redefine the notion of the library. The future of the library, while constrained to a certain extent by its technology and social context, will be determined by what librarians wish it to become. (Logan & McLuhan 2016:IX)

Das Buch wurde unter der Annahme geschrieben, dass die technologischen Medien aktuell – also in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre – die Gesellschaft und die Bibliotheken (oder eher das Umfeld der Bibliotheken, siehe weiter unten) verändern würden. Die aktuellen technologischen Kommunikationsmittel waren damals bis zu den Mainframe-Computern fortgeschritten. Logan trennt im Buch diese Medien in „Electric Media“ und „Digital Media“, wobei erste die sind, die McLuhan noch persönlich erleben konnte, die letzteren die, welche nach seinem Tod aufkamen. Die Trennung ist also historisch oder vom Status der Medien her nicht sinnvoll, sondern rein dem Zufall von McLuhan Schlaganfall zuzuordnen. Dennoch sind die Voraussagen und Aussagen in vielen Teilen austauschbar mit Voraussagen, die sich heute in der bibliothekarischen Literatur über die Effekte elektronischer Medien – die heute vor allem mit dem Internet und E-Medien verbunden werden – finden:

We live in the era of information explosion. We are flooded by a plethora of data, yet seem unable to use our knowledge and understanding to come to terms with the difficulties facing us. This, we believe, can to a great extent be attributed to the effects of our communication systems2 and to the way they bias our thought process. (Logan & McLuhan 2016:155)

Solche auch heute zu hörenden Sätze finden sich durch das ganze Buch hindurch. Veränderungen durch neue Medien, „glut of information“ (ein Begriff, der sowohl als Fülle/Überfluss von Informationen als auch als „Informationsflut“ übersetzt werden kann – wobei sich heute im Deutschen die negativ klingende Variante etabliert hat; warum eigentlich?), die Neubestimmung der Aufgabe der Bibliothek als notwendiges Thema der Bibliotheken – all das findet sich bei Logan und McLuhan. Aber man darf sich davon auch nicht irritieren lassen, ansonsten ist es einfach, die Unterschiede zwischen den Diskursen zu übersehen. Während die heutige Diskussion recht einfach von einer Notwendigkeit zur Veränderung auszugehen scheint und die Veränderungen zum Teil unkritisch begrüsst, versuchen Logan und McLuhan die tatsächlichen Auswirkungen des von ihnen untersuchten und erahnten Medienwandels zu bestimmen, gehen dabei – was analytisch und nicht moralisch gemeint ist – von einer „Dehumanisierung“ durch den Überfluss an Informationen aus und schreiben gleichzeitig den Bibliothekarinnen und Bibliothekaren zu, die Zukunft der Bibliothek gestalten zu können und nicht nur den Entwicklungen „zu folgen“.

Was ist die Bibliothek?

Wie erwähnt, ist das Buch unfertig. Deshalb gibt es in ihm auch nicht einen Definitionsversuch von „der Bibliothek“, sondern mehrere Anläufe. Die Bibliothek wird als „physical extension of man’s memory, a tool, a medium, and a technology that can be studied like all the other extensions of man’s body and psyche“ (Logan & McLuhan 2016:1) beschrieben, sie wird als funktionell seit Jahrtausenden (nicht seit dem Buchdruck oder der Massenproduktion von Büchern, sondern bei den Sumern in Mesopotamien verorten Logan und McLuhan den Beginn der Bibliothek) nicht verändert beschrieben, sie wird über ihre Nutzung bestimmt („The content of a library, paradoxically, is not its books but its users […].“, Logan & McLuhan 2016:13), gleichzeitig über ihre Funktion als Kulturinstitution („[…] we shall define the library as that device that stores and makes available for easy access the lore and culture of a society.“, Logan & McLuhan 2016:31), als Einrichtung, die über die Effekte aller Medien aufklären muss (Logan & McLuhan 2016:71-101) und den „readern“ beibringen muss, die neuen Medien „zu lesen“. Diese Ansätze widersprechen sich nicht per se, aber zeigen die unterschiedlichen Zugänge.

Grundsätzlich sehen Logan & McLuhan die Bibliothek als Einrichtung, die Zugang zu Medien schafft und zwar schon sehr lange. Das Buch ist dabei ein Zwischenprodukt, das aber auch nicht unbedingt aussterben wird. (Dies versichern sie am Anfang mehrfach, als Reaktion auf Kritik in bibliothekarischen Diskussionen zu ihren früheren Arbeiten.) Sie sind nicht wirklich an der Geschichte der Bibliothek interessiert, sondern an der der Medien. Dies verleiht dem Buch, wenn es mit einem bibliothekarischen Hintergrund gelesen wird, teilweise den Anschein grosser Spekulationen über Bibliotheken. Gleichzeitig funktionieren die Aussagen innerhalb einer relativ konsistenten Argumentationskette, die gewiss stärker ausformuliert worden wäre, wäre das Buch fertig geschrieben worden.3

Laws of Media

Das Hauptargument im Buch entsteht aber weniger aus der Definition der Bibliothek, sondern aus der Analyse der Funktion von Medien, die auf Bibliotheken angewandt wird. Diese Analyse war Teil des Gesamtwerkes von McLuhan. Er formulierte „Laws of Media“ (die vielleicht heute nicht als „Laws“ im Sinne von Naturgesetzen verstanden würden, aber in den 1970ern in Nachfolge der Kybernetik eher schon), welche im Buch auch noch einmal referiert und anhand von verschiedenen Medien durchgespielt werden. Diese Laws besagen, das ein neues Medium immer (1) eine Situation / Nutzungsweise verbessert, (2) dadurch eine andere Aktivität „veraltet“ (obsolescent), wobei „veralten“ nicht heisst, überflüssig machen, sondern an einen anderen Ort verweisen, zum Beispiel als „altbekannt“, (3) diese Situation (neue Aktivität und „Veraltung“ einer anderen) ruft eine Aktivität „zurück“, die durch ein früheres neues Medium beendet beziehungsweise verdrängt wurde und (4) wenn an den Rand seiner Möglichkeiten entwickelt, dreht sich der Effekt dieses neuen Mediums um und hat einen gegenteiligen Effekt dem, den es zuerst hatte.

Logan und McLuhan spielen (auch) in diesem Buch diese „Laws“ an mehreren Medien durch. Die Presse zum Beispiel (1) macht den Tag (today) stark/zur wichtigen Sache, (2) „veraltet“ das Gestern, (3) holt die Berichterstattung (das und das ist passiert) in einen neuen Status und (4) verwandelt sich später in „soft news“.

Ist das verständlich? Nein? Nun, ein Problem ist, dass die „Laws“ nicht weiter erläutert, sondern in in dieser Art, wie hier dargestellt, einfach als gegeben eingeführt werden. Es hilft, die anderen Werke McLuhans zu kennen; aber ansonsten gibt es keine weiteren Erklärungen. Dies hat gewiss auch mit dem unvollendeten Status des Buches zu tun. Ein weiteres Problem ist, dass die „Laws“ in der Darstellung, wie sie im Buch angewandt werden, nämlich als Listen mit je vier Punkten, eher retrospektiv funktionieren. Mehr oder weniger kann man die Entwicklungsrichtungen nachvollziehen (also von der Innovation der Presse bis zum Umbrechen in „soft news“), aber Logan und McLuhan postulieren, dass die Laws auch genutzt werden können, um quasi den letzten, vierten Punkt vorherzusagen, wenn wir uns in der Entwicklung eines Mediums erst beim ersten oder zweiten Punkt befinden. Und das ist schwierig. Zwar behauptet Logan in seinen Ergänzungen immer wieder, McLuhan hätte mit seinen Vorhersagen richtig gelegen, aber das ist Interpretationssache.

Dehumanizing through the glut of information

So oder so stellen die „Laws of Media“ die Grundlage für die weiteren Ausführungen von Logan und McLuhan über die Zukunft der Bibliothek dar. Wie diese Zukunft aussehen wird, sagen sie nicht genau, sondern erwähnen mehrere Möglichkeiten. Eine Grundlage ist aber, dass sie mit den Laws of Media die Entwicklung der Gesellschaft im Zeitalter der elektronischen Medien vorhersagen. Die Kommunikationsfunktion der Medien würde wieder zunehmen (als Punkt 3), gleichzeitig würde die Verbreitung und das Wachstum von Informationen umschlagen in einen Überfluss an Informationen (4), der zu einer Dehumanisierung durch Informationen führen wird. Die Informationen würden nicht mehr zur Kommunikation benutzt werden können, weil es zu viele, zu schnell abrufbar, nicht mehr wirklich an Personen oder Situationen zu bindende etc. wären.

Daraus schliessen, in mehreren Anläufen, Logan und McLuhan,

  1. dass die Bibliothek ihre Funktion als Ort, an dem Zugang zu Informationen hergestellt wird, um als Werkzeug (Tool) der Menschen zu dienen, weiter funktionieren wird, indem sie Informationen wieder „humanisiert“, das heisst auf ein erträgliches und verarbeitbares Niveau einschränkt. Mehrfach wird angedeutet, dass die Funktion der Bibliotheken in Zukunft nicht darin bestehen würde, möglichst viele Informationen anzubieten, sondern nur eine ausgewählte, kleine Anzahl (McLuhan erinnert an eine Bibliothek von wenigen tausend, ausgewählten Titeln, die er während seines Studiums genutzt hätte) an Medien.
  2. dass die Bibliothek der Ort sein würde, an denen die reader lernen würden, die neuen Medien zu lesen, also nicht einfach, sie zweckbestimmt zu benutzen, sondern zu verstehen und aus ihnen Gewinn zu ziehen.
  3. dass die Bibliothek als Ort für seine Leserinnen und Leser funktionieren wird, die sie als Werkzeug nutzen werden.

Für Logan und McLuhan ist ausgemacht, dass sich die westlichen Gesellschaften in den späten 1970er Jahren einem zweiten „oralen Zeitalter“, in welchem die konkrete, persönliche Kommunikation wieder ein höhere Bedeutung spielen würde – nachdem das „wissenschaftliche“ Zeitalter das erste orale Zeitalter nach der Neuzeit abgelöst hatte – entgegengehen würde. Diese neue Oralität würde durch die elektrischen Medien hervorgebracht (Punkt 3). In diesem Umfeld würden die Bibliotheken eine neue Ausprägung erfahren, eben die, Informationen zu „humanisieren“.

Was anders ist: Zukunft, gestaltbar

Was auffällt, neben dem teilweise nicht ganz zusammengebrachten Argumenten, ist, dass Logan und McLuhan sowohl den Bibliotheken als auch den Menschen mehr Agency zuweisen, als dies heute der Fall zu sein scheint. In gut aufklärerischer Tradition gehen sie davon aus, dass, wenn die Funktionen und „Laws“ der neuen Medien bekannt sind, diese auch gesteuert werden können. Es sind keine einfach ablaufenden Prozesse, auf die nur noch reagiert werden kann, sondern klare Entscheidungen: Die der Bibliotheken, was sie machen und wie sie sich gestalten wollen und die der reader, wie sie mit den zukünftigen Medien umgehen werden. Logan und McLuhan schrieben vor dem Siegeszug des Neoliberalismus, der bekanntlich auch das Bild des „Es gibt keine Alternative“ und des „Marktgesetze, auf die nur reagiert werden kann“, etabliert hat. Dies merkt man dem Buch an; es hat weit mehr Vertrauen in das Denken und Handeln der Menschen und ihrer Fähigkeit, die Zukunft zu gestalten – auch auf Bibliotheken bezogen. Selbst wenn vielleicht sonst nichts stimmt im Buch, ist es doch von Wert, einen solchen Diskurs einmal wieder zu lesen, um zu bemerken, was in der Zwischenzeit verloren gegangen ist: Nämlich die Überzeugung, dass es – bei allen „Laws of Media“ – die Menschen (und Institutionen) selber sind, die die Zukunft machen.

In order to design the library of the future we must have a clear notion of our goals as well as a realistic appraisal of the social, informational, and technological environments in which the library will operate. (Logan & McLuhan 2016:180)

Gleichzeitig führt das Buch dazu, über die oft gehörten und hingenommen Argumente für die Veränderungen in Bibliotheken nachzudenken, die sonst so folgerichtig klingen. Sie sind in vielen Teilen offenbar nicht so neu, wie getan wird. Die „Innovation“ oder „Disruption“ kam nicht mit dem Internet und den E-Books, sondern wurde zumindest schon in den 1970ern vorhergesagt. Der Überfluss an Informationen war schon vorher da. Das die Kommunikation sich verändert, also das die neuen Medien die Kommunikation wieder auf eine persönliche Ebene heben, ebenso. Und die Vorstellung, dass die Bibliothek „humanisiert“, also sozial wirkt, auch. Wie kann das sein? Sind die Veränderungen gar nicht so neu?

Logan versucht, wie schon erwähnt, dass Manuskript fortzuschreiben und führt die Analyse mit den „Laws of Media“ noch einmal an der Bibliothek im „digitalen Zeitalter“ (bei ihm alles nach McLuhan) durch, kommt aber eigentlich nur dazu zu behaupten, dass McLuhan recht hatte und sich dies durch das Internet und das Web 2.0 zeigt, sowie nach eigenen Recherchen die gleichen „innovativen“ Bibliotheken, die auch in der Bibliotheksliteratur hin- und hergereicht werden, als mögliche Zukunft anzuführen. Diesen Teilen fehlt all der zukunftsweisende Blick des originalen Manuskripts.

Fazit

Wie gesagt, ist es immer wieder erstaunlich, dass McLuhan in der bibliothekswissenschaftlichen Literatur quasi nicht vorkommt. Dabei lässt sich alleine an seinen steilen Thesen viel besser und intellektuell anregender diskutieren, als an ganzen Jahresbänden bibliothekarischer Zeitschriften. (Die dafür andere Vorzüge haben.) Mit der verspäteten Publikation seiner Vorstellungen über die Zukunft der Bibliotheken hat er einen Text hinterlassen, der an gewissen Stellen fragwürdig ist, gerade dann, wenn er vorgeblich feste Aussagen machen will (z.B. zur Funktion des Hirns oder nicht-westlichen Gesellschaften und deren Kommunikationsgewohnheiten), der aber gleichzeitig anregt, über die tatsächliche Wirkung von Medien nachzudenken und die Aufgaben der Bibliotheken noch einmal neu zu diskutieren. Wie bei vielen anderen Texten McLuhans gilt auch bei diesem: Vieles stimmt bestimmt nicht, aber es regt an. Das ist schon viel wert heutzutage.

 

Fussnoten

1 Er änderte dabei offenbar auch den Untertitel, der – laut ihm selber in „McLuhan Misunderstood“ – im Originalmanuskript An Old Figure in a New Ground lautete.

2 „Communication systems“ ist hier nicht gleichbedeutend mit elektronischen Medien, sondern bezieht sich (auch) auf die gesellschaftlichen Kommunikationssysteme. Eine Quelle, die bei McLuhan immer wieder auftaucht, sind die Arbeit von Harold Innis dazu, wie die Fischereiwirtschaft und die Flüsse die Kommunikationswege (und damit die Entwicklung und Geschichte) Kanadas entwickelten.

3 Eine Kritik an McLuhan war, dass sein Denken „sprunghaft“ gewesen wäre. Ohne darauf eingehen zu wollen, ob dies allgemein stimmt, scheint dem Text tatsächlich eine gewisse Sprunghaftigkeit innezuwohnen.

Wo beginnt die Vorgeschichte der Digital Humanities und was kann man aus ihr lernen?

Posted in LIBREAS.Referate by Ben on 9. Oktober 2015

Eine Notiz zu

Marcus Twellmann: »Gedankenstatistik« Vorschlag zur Archäologie der Digital Humanities. In: Merkur, 797 (Vol.69, Oktober 2015). S. 19-30

von Ben Kaden (@bkaden)

I.

Vermutlich ist es das Zeichen einer Reifung, wenn für ein junges Forschungsfeld, zum Beispiel die Digital Humanities, einerseits eine Art Geschichtsschreibung einsetzt und dies andererseits in Publikumszeitschriften geschieht. Der Merkur – Subtitel „Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken“ – gehört traditionell zu diesen leider in der Zahl eher geringen Titeln, die den Überschlag von einer geistes- und kulturwissenschaftlichen Fachöffentlichkeit hin zu einer an intellektuellen Themen interessierten allgemeinen Öffentlichkeit regelmäßig schaffen. Es handelt sich buchstäblich um eine Zeitschrift, denn es werden die Themen der Zeit be- und aufgeschrieben und wenn man beispielsweise Jürgen Habermas‘ Artikel zu Moral und Sittlichkeit aus der Dezemberausgabe 1985 nachliest, staunt man, wie trotz aller beschworenen Verkürzung von Halbwertszeiten des Wissens bestimmte ideengeschichtliche Phänomene erstaunlich geltungsstabil bleiben können.

Ob dies ähnlich auch für Marcus Twellmanns Text zur Archäologie der Digital Humanities aus der Oktoberausgabe des Jahres 2015 gelten wird, werden wir erst 2045 beantworten können. Die Chancen stehen aber nicht schlecht, denn der Konstanzer Kulturwissenschaftler nähert sich dem Phänomen bereits historisch und zwar aus einer methodengeschichtlichen Perspektive. Ist Pater Roberto Busa mit seiner computergestützten Aquin-Erschließung der Nukleus der Digital Humanities bzw. des Humanities Computing? Nicht unbedingt, meint Twellmann. Und schlägt vor:

„Betrachten wir solche humanwissenschaftlichen Formationen als protodigital, die auf einer mathematischen Verarbeitung numerischen Daten basierten und Verfahren hervorbrachten, die später computertechnisch implementiert werden konnten.“

(more…)

Braucht es wirklich Richtlinien für Schulbibliotheken?

Posted in LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 27. Juli 2015

von Karsten Schuldt

Zu: Schultz-Jones, Barbara A. ; Oberg, Dianne (edit.) / Global Action on School Library Guidelines (IFLA Publications, 167). Boston ; Berlin: deGruyter Saur, 2015

Vorneweg: Wissenschaftsverlage sind Publikumsverlage?

Wieso wird ein Buch veröffentlicht? Allgemein würde man annehmen, dass es einen inhaltlichen Grund gibt: Ein Thema ist ausgereift genug, ein Jahrestag steht an, Material zu einem Thema drängt zur Publikation. Aber das ist in vielen, nicht allen, Teilen des Verlagswesens mehr und mehr eine Illusion. Bekanntlich führen zahlreiche Publikumsverlage Reihen, die einfach eine regelmässige Anzahl von Publikationen mit einer regelmässigen Anzahl von Seiten und einem eingegrenzten Inhalt verlangen: 20 Liebesromane à 180 Seiten pro Jahr, mit je vier Teilen, zwei erotischen Szenen und Happy-End in der einen Reihe, 15 Science Fiction Titel über grosse Kampfrobotern, je 220 Seiten, mindestens einer Schlacht und einem Joda-mässigen Spruch in der anderen. Das macht alles schön planbar und eine Reihe von Autorinnen und Autoren lässt sich darauf ein, solche Bücher zu schreiben, was nicht immer schlecht sein muss, aber oft zu austauschbaren Titeln führt. Das hat seine Berechtigung, werden solche Titel ja gerade nicht als grosse Literatur sondern als Unterhaltung konsumiert.

Aber: Eine ganze Anzahl von Wissenschaftsverlagen scheint in den letzten Jahren ebenso dazu übergegangen zu sein, in einer ähnlichen Form Reihen zu publizieren: Eine bestimmte Anzahl von Publikationen pro Jahr und Reihe wird eingeplant und muss dann auch irgendwie produziert werden. (more…)

Den Zugang zu Büchern einschränken, um die Community zu retten

Posted in LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 13. Mai 2015

Zu: Knox, Emily J. M. (2015) / Book Banning in 21st-Century America (Beta Phi Mu Schloars). – Lanham ; Boulder ; New York ; London : Rowman & Littlefield, 2015

Karsten Schuldt

In den USA – aber nicht nur da, sondern auch in anderen Staaten des globalen Nordens – werden Bücher in Bibliotheken und Schulen in unterschiedlicher Form zensuriert: Mal werden sie aus dem Bestand einer Schulbibliothek oder einer Öffentlichen Bibliothek genommen, mal von Leselisten von Schulen gestrichen oder von obligatorischer zu fakultativer Schullektüre erklärt, mal werden Systeme aufgebaut, um den Zugang zu einem Buch von der expliziten Zustimmung der Eltern von Schülerinnen und Schüler abhängig zu machen. Emily J.M. Knox untersucht in ihrem Buch Book Banning in 21st-Century America (Knox, 2015) – und zuvor schon in einem Artikel (Knox, 2014) – die Denkweisen und Argumente derjenigen Personen, die solche Verbote initiieren oder es zumindest versuchen, indem sie sich bei Library Boards oder School Boards beschweren. (more…)

Themen für die Gegenwartsforschung. Heute: (Digital) Impression Management in der Wissenschaft.

Posted in LIBREAS.Referate by Ben on 11. März 2015

Eine Notiz zu

Stefanie Haustein, Timothy D. Bowman, Rodrigo Costas (2015) Interpreting “altmetrics”: viewing acts on social media through the lens of citation and social theories. To be published in: Cassidy R. Sugimoto (Ed.). Theories of Informetrics: A Festschrift in Honor of Blaise Cronin. Preprint: http://arxiv.org/abs/1502.05701

von Ben Kaden (@bkaden)

I

„Are scholars altruistically sharing information for the benefit of the community in which they belong? Or, is information sharing a self-serving activity? Are scholars sharing information in order to assist the profession grow intellectually, or are they attempting to develop a ‘brand’ around themselves?”

fragte sich George Veletsianos 2012 in seiner Betrachtung zur wissenschaftlichen Twitternutzung. Eine Antwort, die nicht „vermutlich aus beiden Gründen“ lautet, erscheint wenig plausibel. In einem Beitrag für eine anstehende Festschrift für Blaise Cronin reflektieren nun Stefanie Haustein, Timothy D. Bowman und Rodrigo Costas das Phänomen der Altmetrics aus der Warte verschiedener sozialwissenschaftlicher Theorien und kreisen damit die Frage Veletsianos‘ weiter ein. Twittern wir, weil wir wollen, dass andere ihr Bild von uns aufgrund dieser Tweets gestalten? Damit sie uns also für besonders geistreich, kompetent, engagiert oder auf der Höhe der Timeline halten sollen? (more…)

Digitaler Kapitalismus und dogmatischer Marxismus

Posted in LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 10. März 2015

Zu: Fuchs, Christian (2014). Digital Labour and Karl Marx. New York ; Abington: Routledge

Seit jetzt schon einigen Wochen liegt auf meinem Schreibtisch ein Buch, das ich besprechen wollte. Daneben eine gesamte Schwerpunktausgabe der Zeitschrift The Information Society. Es ist aber schwer, denn leider ist das Buch schlecht. Das selber ist nichts Besonderes. Es gibt dutzende Bücher, die ich am Anfang so interessant finde, dass ich sie gerne besprechen würde – und dann stellen sie sich beim weiteren Lesen als wirklich schlecht heraus, zumindest meiner Wahrnehmung nach. Mal sind sie einfach langweilig, oft inhaltlich flach, teilweise auch falsch. Mehr als einmal waren sie einfach so einschläfernd, dass ich sie einfach nicht fertiglesen konnte und erstaunlicherweise – da ich hier vor allem von Werken spreche, die irgendetwas mit Library and Information Science zu tun haben – oft sind sie unglaublich esoterisch (gerade Chandos Publishing hat da einige erstaunliche Werke im Angebot). Aber dieses Buch ist anders. Es ist dogmatisch. Dogmatisch im Sinne des „Histomat“ der DDR oder von alten K-Gruppen, so als wären die Siebziger nicht vorbei, sondern als wären diese unflexiblen, reflexionunfähigen und auch spass- sowie ironielosen Gruppen aus BeurfsmoaistInnen und BerufstrotzkistInnen immer noch zahlreich und meiungsstark. (Und ja, ich weiss, es gibt sie immer noch in kleinen Grüppchen: Arbeitermacht, Spartakistische Arbeiterpartei, Marxistisch-Lenistische Partei und so weiter; manchmal durfte ich mich mit denen auch rumschlagen.)

Je länger das Buch neben mir liegt, je länger habe ich das Gefühl, dass ich in meiner Jugendzeit in der Berliner Antifa hatte, wenn ich solchen letzten Überbleibseln der K-Gruppen begegnete: Irgendwie klingt es von Weitem, im Vorbeigehen, im ersten Moment vertraut und dann auch noch auf der Basis von Theorie, die man selber zumindest gelesen hat; aber gleich beim ersten genaueren Blick wird klar, dass es das nicht ist. Genauso wie die K-Gruppenüberbleibsel das Gefühl vermitteln, aus der Zeit gefallene Gläubige einer Revolution zu sein, welche die Zeit ihrer Umsetzung lange hinter sich hat (wenn es sie je wirklich gab) und bestimmt auch „damals“ nicht perfekt gewesen wäre, vermittelt dieses Buch das Gefühl, als ob ein aus der Zeit gefallener Gläubiger eines sehr reduzierten und rechthaberischen Marxismus versuchen würde, ein aktuelles Thema anzugehen.

Den Digitalen Kapitalismus untersuchen

Der Vergleich ist nicht so absurd, wie er vielleicht klingt. Es geht in diesem Buch, Digital Labour and Karl Marx von Christian Fuchs (Fuchs 2014), nämlich um nicht weniger als das: Die Struktur der Arbeit und Ausbeutungsverhältnisse im „Digitalen Kapitalismus“ mithilfe marxistischer Theoriewerkzeuge zu untersuchen und zu beschreiben. Mit einer klaren Perspektive zur Aufhebung dieser Verhältnisse, was nicht überraschen sollte, wenn man Marx (und Engels) gelesen hat; aber doch, wenn man bedenkt, dass das Buch selber bei Routledge verlegt wurde. (more…)

Die Geologisierung der Medientheorie.

Posted in LIBREAS.Referate by Ben on 30. Januar 2015

Eine kurze Besprechung zu: Jussi Parikka: The Anthrobscene. Minneapolis: University of Minnesota Press. 2014. (Angaben zum Titel beim Verlag)

von Ben Kaden (@bkaden)

Eine buchstäblich globale Perspektive auf die Folgen der Digitalisierung eröffnet eine schmale Publikation des Medientheoretikers Jussi Parikka, die unlängst bei der Minnesota University Press erschien und den wortverspielten Titel The Anthrobscene trägt. Das  „eröffnet” bezieht sich darauf, dass sie als eine Art ausgelagerte Vorthematisierung (die Reihe heißt Forerunners: Ideas First) der für das Frühjahr angekündigten Band A Geology of Media (Verlagsseite) fungiert und bereits vorab in einige zentrale Thesen dieser kommenden Mediengeologie einführt.

Die Idee einer Geologisierung der Medienwissenschaft ist nicht neu. Parikka zitiert John Durham Peters mit dessen naturwissenschaftlichen Verortung der Kommunikationstheorie (oder eben der kommunikationstheoretischen Verortung naturwissenschaftlicher Ansätze):

 „Both geology and astronomy face the problem of belated reception, interpreting messages that come posthumously, as it were, after long delays. Both sciences are always also media studies; they necessarily study not only content, but signal and channel properties as well (this is also true of quantum physics).” (Peters)

Die Biologie und bei Parikka zweifelsohne in der Konkretisierung zur Zoologie (vgl.Parikka, 2010) Werden wir konkreter, werden auch die Chemie und die Materialkunde plötzlich sehr relevant für unsere Auseinandersetzung mit der digitalen Transformation. (vgl. Parikka, 17)

Der Ansatz Parikkas in Anthrobscene ist also dahingehend außerordentlich interessant, dass er etwas ins Zentrum rückt, was Medien- und insbesondere Digitalisierungsdiskurse gern ausblenden und in eine abstrakte Blackbox auslagern: die Materialität, die Digitalität überhaupt ermöglicht. Wie auch in den sozialen Transformationen zeichnen sich medientechnische Transformationen durch ein erhebliche Steigerung der zu bewältigenden materialien Komplexität aus. Parikka zitiert in seiner Arbeit (S.15) den Aufsatz „On the materials basis of modern society“ dessen Autoren mit der Auskunft eröffnen:

„A century ago, or even half a century ago, less than 12 materials were in wide use: wood, brick, iron, copper, gold, silver, and a few plastics. Today, however, substantial materials diversity in products of every kind is the rule rather than the exception. [A modern computer chip, for example, employs more than 60 different elements[…].“ (Graedel et al, S.1)

Die stoffliche Seite moderner Kommunikationstechnologien, die, wie Parikka herausarbeitet, derzeit eine metallische ist, weist weit darüber hinaus, was bisweilen bei der Betrachtung der Hardware als materiale Bedingung des Digitalen im Mittelpunkt steht. („Hardware perspectives are not necessarily hard enough […]“, Parikka17) Hier geht es um erdgeschichtliche Dimensionen. Der Möglichkeit des Data Mining geht immer Minentreiben in die Rohstoffstöcke voraus.

Die Folgen der Digitalisierung reichen diesbezüglich über Partikularaspekte mit nicht zuletzt bemerkenswert metaphorischer Tiefe im Sinne der Beschreibung Benjamin Brattons:

„how we carry small pieces of Africa in our pockets, referring to the role of, say coltan in digital media technologies.” (Parikka, 37)

hinaus. Die Obszönisierung des Anthropozäns, also der Erdperiode, in der Mensch und die Folge seines Handelns als Hauptprägekraft des Planeten wirkt (und gewirkt haben wird), ergibt sich laut Parikka aus der ethisch und politisch höchst fragwürdigen Rücksichtslosigkeit, mit der die metallischen Grundlagen digitaler Technologie in der Regel bar jeder nachhaltigen Perspektivplanung abgebaut, benutzt und entsorgt werden. (vgl. Parikaa, 6) Für die Umwelt in vielerlei Hinsicht (potentiell) schädlich – Stichworte u.a.: „planned obsolescence of electronic media, the energy costs of digital culture, and, for instance, the neocolonial arrangements of material and energy extraction across the globe“ – und damit die Lebensgrundlagen von Menschen bzw. der Menschheit bedrohend, sind die derzeitigen Handlungspraxen im Hintergrund der Digitalisierung unmoralisch. Das gilt insbesondere für die Bedingungen, unter denen die „Bröckchen Afrika”, also die so genannten Konfliktmineralien, gewonnen werden.

Cover "The Anthrobscene"

Jussi Parikka:  The Anthrobscene.

Berücksichtigt man dies, wirkt es erstaunlich, wie randständig im öffentlichen Diskurs die Auswirkungen der Digitalisierung aus einer umweltpolitischen Perspektive verhandelt werden. Und auch in den mit den Transformationsprozessen beschäftigten Wissenschaftszweigen inklusive der Bibliothekswissenschaft findet sich wenig Engagement oder überhaupt Bewusstsein gegenüber der Prozesskette, die der orts- und zeitunabhängigen Vermittelung menschlicher Kommunikation und des Datenhandel(n)s vorausgeht (und nachfolgt). Was man derzeit unter Green-IT versteht, bezieht sich vor allem auf das Energiemanagement, wenngleich sich in Verlautbarungen des BMBF und auch in der Digitalen Agenda der Bundesregierung, „etwa durch weitere Zertifizierungen und die Anregung zur freiwilligen Selbstverpflichtung in der Wirtschaft“ einige zaghaft gelegte Spuren zu entdecken sind. Dominiert wird diese Green-IT-Debatte bisher freilich durch die Frage der Energieeffizienz, was am Ende jedoch nur einer von zwei zentralen Aspekten dessen ist, was im Zusammenhang der digitalen Informations- und Kommunikationstechnologien auf das Geosystem zurückwirkt. Sicher ist, dass diese Transformation der Informationsverarbeitung und Kommunikation in die Erde erheblich eindringt und letztlich in gewisser Weise zu dieser wird:

„The earth is a machine of variation, and media can live off variation – but both earth and media are machines that need energy and are tied together in their dynamic feedback loop. Electronic waste is an example of how media feeds back to earth history and future fossil times.” (29)

Die Erde selbst fungiert in dieser Schleife sowohl als Materialspeicher („the future landscape of media technological fossils”, 44) wie auch als Zeitspeicher also als Basis (ferner) zukünftiger Wissenschaft, die an eine Perspektive des 19. Jahrhunderts anschließt:

„processes of transmission and recording are already present in the earth itself, a vast library waiting to be deciphered.” (27)

Fast also könnte man vermuten, dass weitaus länger als die digitalen Inhalte ihre Temporärträger und deren Materialität Zeugnis über unsere Kultur geben werden. Wir graben derzeit all das aus und ein, was als Sediment zukünftigen Archäologien, die als diszplinäre Idee natürlich selbst Medienwissenschaften sind, Rückschlüsse auf die Art des menschlichen Lebens im frühen 21. Jahrhundert ermöglicht. Sofern das in dieser Zukunft noch jemanden interessiert.

(Berlin, 30.01.2015)

Quellen

E. Graedel, E. M. Harper, N. T. Nassar, Barbara K. Reck (2013) On the materials basis of modern society. In: PNAS 2013 : 1312752110v1-201312752. DOI:   10.1073/pnas.1312752110

John Durham Peters (2003) Space, Time, and Communication Theory. In: Canadian Journal of Communication. Vol. 28, No. 4

Jussi Parikka (2010) Insect Media. An Archaeology of Animals and Technology. Minneapolis: University of Minnesota Press