LIBREAS.Library Ideas

Braucht es wirklich Richtlinien für Schulbibliotheken?

Posted in LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 27. Juli 2015

von Karsten Schuldt

Zu: Schultz-Jones, Barbara A. ; Oberg, Dianne (edit.) / Global Action on School Library Guidelines (IFLA Publications, 167). Boston ; Berlin: deGruyter Saur, 2015

Vorneweg: Wissenschaftsverlage sind Publikumsverlage?

Wieso wird ein Buch veröffentlicht? Allgemein würde man annehmen, dass es einen inhaltlichen Grund gibt: Ein Thema ist ausgereift genug, ein Jahrestag steht an, Material zu einem Thema drängt zur Publikation. Aber das ist in vielen, nicht allen, Teilen des Verlagswesens mehr und mehr eine Illusion. Bekanntlich führen zahlreiche Publikumsverlage Reihen, die einfach eine regelmässige Anzahl von Publikationen mit einer regelmässigen Anzahl von Seiten und einem eingegrenzten Inhalt verlangen: 20 Liebesromane à 180 Seiten pro Jahr, mit je vier Teilen, zwei erotischen Szenen und Happy-End in der einen Reihe, 15 Science Fiction Titel über grosse Kampfrobotern, je 220 Seiten, mindestens einer Schlacht und einem Joda-mässigen Spruch in der anderen. Das macht alles schön planbar und eine Reihe von Autorinnen und Autoren lässt sich darauf ein, solche Bücher zu schreiben, was nicht immer schlecht sein muss, aber oft zu austauschbaren Titeln führt. Das hat seine Berechtigung, werden solche Titel ja gerade nicht als grosse Literatur sondern als Unterhaltung konsumiert.

Aber: Eine ganze Anzahl von Wissenschaftsverlagen scheint in den letzten Jahren ebenso dazu übergegangen zu sein, in einer ähnlichen Form Reihen zu publizieren: Eine bestimmte Anzahl von Publikationen pro Jahr und Reihe wird eingeplant und muss dann auch irgendwie produziert werden. (more…)

Den Zugang zu Büchern einschränken, um die Community zu retten

Posted in LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 13. Mai 2015

Zu: Knox, Emily J. M. (2015) / Book Banning in 21st-Century America (Beta Phi Mu Schloars). – Lanham ; Boulder ; New York ; London : Rowman & Littlefield, 2015

Karsten Schuldt

In den USA – aber nicht nur da, sondern auch in anderen Staaten des globalen Nordens – werden Bücher in Bibliotheken und Schulen in unterschiedlicher Form zensuriert: Mal werden sie aus dem Bestand einer Schulbibliothek oder einer Öffentlichen Bibliothek genommen, mal von Leselisten von Schulen gestrichen oder von obligatorischer zu fakultativer Schullektüre erklärt, mal werden Systeme aufgebaut, um den Zugang zu einem Buch von der expliziten Zustimmung der Eltern von Schülerinnen und Schüler abhängig zu machen. Emily J.M. Knox untersucht in ihrem Buch Book Banning in 21st-Century America (Knox, 2015) – und zuvor schon in einem Artikel (Knox, 2014) – die Denkweisen und Argumente derjenigen Personen, die solche Verbote initiieren oder es zumindest versuchen, indem sie sich bei Library Boards oder School Boards beschweren. (more…)

Themen für die Gegenwartsforschung. Heute: (Digital) Impression Management in der Wissenschaft.

Posted in LIBREAS.Referate by Ben on 11. März 2015

Eine Notiz zu

Stefanie Haustein, Timothy D. Bowman, Rodrigo Costas (2015) Interpreting “altmetrics”: viewing acts on social media through the lens of citation and social theories. To be published in: Cassidy R. Sugimoto (Ed.). Theories of Informetrics: A Festschrift in Honor of Blaise Cronin. Preprint: http://arxiv.org/abs/1502.05701

von Ben Kaden (@bkaden)

I

„Are scholars altruistically sharing information for the benefit of the community in which they belong? Or, is information sharing a self-serving activity? Are scholars sharing information in order to assist the profession grow intellectually, or are they attempting to develop a ‘brand’ around themselves?”

fragte sich George Veletsianos 2012 in seiner Betrachtung zur wissenschaftlichen Twitternutzung. Eine Antwort, die nicht „vermutlich aus beiden Gründen“ lautet, erscheint wenig plausibel. In einem Beitrag für eine anstehende Festschrift für Blaise Cronin reflektieren nun Stefanie Haustein, Timothy D. Bowman und Rodrigo Costas das Phänomen der Altmetrics aus der Warte verschiedener sozialwissenschaftlicher Theorien und kreisen damit die Frage Veletsianos’ weiter ein. Twittern wir, weil wir wollen, dass andere ihr Bild von uns aufgrund dieser Tweets gestalten? Damit sie uns also für besonders geistreich, kompetent, engagiert oder auf der Höhe der Timeline halten sollen? (more…)

Digitaler Kapitalismus und dogmatischer Marxismus

Posted in LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 10. März 2015

Zu: Fuchs, Christian (2014). Digital Labour and Karl Marx. New York ; Abington: Routledge

Seit jetzt schon einigen Wochen liegt auf meinem Schreibtisch ein Buch, das ich besprechen wollte. Daneben eine gesamte Schwerpunktausgabe der Zeitschrift The Information Society. Es ist aber schwer, denn leider ist das Buch schlecht. Das selber ist nichts Besonderes. Es gibt dutzende Bücher, die ich am Anfang so interessant finde, dass ich sie gerne besprechen würde – und dann stellen sie sich beim weiteren Lesen als wirklich schlecht heraus, zumindest meiner Wahrnehmung nach. Mal sind sie einfach langweilig, oft inhaltlich flach, teilweise auch falsch. Mehr als einmal waren sie einfach so einschläfernd, dass ich sie einfach nicht fertiglesen konnte und erstaunlicherweise – da ich hier vor allem von Werken spreche, die irgendetwas mit Library and Information Science zu tun haben – oft sind sie unglaublich esoterisch (gerade Chandos Publishing hat da einige erstaunliche Werke im Angebot). Aber dieses Buch ist anders. Es ist dogmatisch. Dogmatisch im Sinne des „Histomat“ der DDR oder von alten K-Gruppen, so als wären die Siebziger nicht vorbei, sondern als wären diese unflexiblen, reflexionunfähigen und auch spass- sowie ironielosen Gruppen aus BeurfsmoaistInnen und BerufstrotzkistInnen immer noch zahlreich und meiungsstark. (Und ja, ich weiss, es gibt sie immer noch in kleinen Grüppchen: Arbeitermacht, Spartakistische Arbeiterpartei, Marxistisch-Lenistische Partei und so weiter; manchmal durfte ich mich mit denen auch rumschlagen.)

Je länger das Buch neben mir liegt, je länger habe ich das Gefühl, dass ich in meiner Jugendzeit in der Berliner Antifa hatte, wenn ich solchen letzten Überbleibseln der K-Gruppen begegnete: Irgendwie klingt es von Weitem, im Vorbeigehen, im ersten Moment vertraut und dann auch noch auf der Basis von Theorie, die man selber zumindest gelesen hat; aber gleich beim ersten genaueren Blick wird klar, dass es das nicht ist. Genauso wie die K-Gruppenüberbleibsel das Gefühl vermitteln, aus der Zeit gefallene Gläubige einer Revolution zu sein, welche die Zeit ihrer Umsetzung lange hinter sich hat (wenn es sie je wirklich gab) und bestimmt auch „damals“ nicht perfekt gewesen wäre, vermittelt dieses Buch das Gefühl, als ob ein aus der Zeit gefallener Gläubiger eines sehr reduzierten und rechthaberischen Marxismus versuchen würde, ein aktuelles Thema anzugehen.

Den Digitalen Kapitalismus untersuchen

Der Vergleich ist nicht so absurd, wie er vielleicht klingt. Es geht in diesem Buch, Digital Labour and Karl Marx von Christian Fuchs (Fuchs 2014), nämlich um nicht weniger als das: Die Struktur der Arbeit und Ausbeutungsverhältnisse im „Digitalen Kapitalismus“ mithilfe marxistischer Theoriewerkzeuge zu untersuchen und zu beschreiben. Mit einer klaren Perspektive zur Aufhebung dieser Verhältnisse, was nicht überraschen sollte, wenn man Marx (und Engels) gelesen hat; aber doch, wenn man bedenkt, dass das Buch selber bei Routledge verlegt wurde. (more…)

Die Geologisierung der Medientheorie.

Posted in LIBREAS.Referate by Ben on 30. Januar 2015

Eine kurze Besprechung zu: Jussi Parikka: The Anthrobscene. Minneapolis: University of Minnesota Press. 2014. (Angaben zum Titel beim Verlag)

von Ben Kaden (@bkaden)

Eine buchstäblich globale Perspektive auf die Folgen der Digitalisierung eröffnet eine schmale Publikation des Medientheoretikers Jussi Parikka, die unlängst bei der Minnesota University Press erschien und den wortverspielten Titel The Anthrobscene trägt. Das  „eröffnet” bezieht sich darauf, dass sie als eine Art ausgelagerte Vorthematisierung (die Reihe heißt Forerunners: Ideas First) der für das Frühjahr angekündigten Band A Geology of Media (Verlagsseite) fungiert und bereits vorab in einige zentrale Thesen dieser kommenden Mediengeologie einführt.

Die Idee einer Geologisierung der Medienwissenschaft ist nicht neu. Parikka zitiert John Durham Peters mit dessen naturwissenschaftlichen Verortung der Kommunikationstheorie (oder eben der kommunikationstheoretischen Verortung naturwissenschaftlicher Ansätze):

 „Both geology and astronomy face the problem of belated reception, interpreting messages that come posthumously, as it were, after long delays. Both sciences are always also media studies; they necessarily study not only content, but signal and channel properties as well (this is also true of quantum physics).” (Peters)

Die Biologie und bei Parikka zweifelsohne in der Konkretisierung zur Zoologie (vgl.Parikka, 2010) Werden wir konkreter, werden auch die Chemie und die Materialkunde plötzlich sehr relevant für unsere Auseinandersetzung mit der digitalen Transformation. (vgl. Parikka, 17)

Der Ansatz Parikkas in Anthrobscene ist also dahingehend außerordentlich interessant, dass er etwas ins Zentrum rückt, was Medien- und insbesondere Digitalisierungsdiskurse gern ausblenden und in eine abstrakte Blackbox auslagern: die Materialität, die Digitalität überhaupt ermöglicht. Wie auch in den sozialen Transformationen zeichnen sich medientechnische Transformationen durch ein erhebliche Steigerung der zu bewältigenden materialien Komplexität aus. Parikka zitiert in seiner Arbeit (S.15) den Aufsatz „On the materials basis of modern society“ dessen Autoren mit der Auskunft eröffnen:

„A century ago, or even half a century ago, less than 12 materials were in wide use: wood, brick, iron, copper, gold, silver, and a few plastics. Today, however, substantial materials diversity in products of every kind is the rule rather than the exception. [A modern computer chip, for example, employs more than 60 different elements[…].“ (Graedel et al, S.1)

Die stoffliche Seite moderner Kommunikationstechnologien, die, wie Parikka herausarbeitet, derzeit eine metallische ist, weist weit darüber hinaus, was bisweilen bei der Betrachtung der Hardware als materiale Bedingung des Digitalen im Mittelpunkt steht. („Hardware perspectives are not necessarily hard enough […]“, Parikka17) Hier geht es um erdgeschichtliche Dimensionen. Der Möglichkeit des Data Mining geht immer Minentreiben in die Rohstoffstöcke voraus.

Die Folgen der Digitalisierung reichen diesbezüglich über Partikularaspekte mit nicht zuletzt bemerkenswert metaphorischer Tiefe im Sinne der Beschreibung Benjamin Brattons:

„how we carry small pieces of Africa in our pockets, referring to the role of, say coltan in digital media technologies.” (Parikka, 37)

hinaus. Die Obszönisierung des Anthropozäns, also der Erdperiode, in der Mensch und die Folge seines Handelns als Hauptprägekraft des Planeten wirkt (und gewirkt haben wird), ergibt sich laut Parikka aus der ethisch und politisch höchst fragwürdigen Rücksichtslosigkeit, mit der die metallischen Grundlagen digitaler Technologie in der Regel bar jeder nachhaltigen Perspektivplanung abgebaut, benutzt und entsorgt werden. (vgl. Parikaa, 6) Für die Umwelt in vielerlei Hinsicht (potentiell) schädlich – Stichworte u.a.: „planned obsolescence of electronic media, the energy costs of digital culture, and, for instance, the neocolonial arrangements of material and energy extraction across the globe“ – und damit die Lebensgrundlagen von Menschen bzw. der Menschheit bedrohend, sind die derzeitigen Handlungspraxen im Hintergrund der Digitalisierung unmoralisch. Das gilt insbesondere für die Bedingungen, unter denen die „Bröckchen Afrika”, also die so genannten Konfliktmineralien, gewonnen werden.

Cover "The Anthrobscene"

Jussi Parikka:  The Anthrobscene.

Berücksichtigt man dies, wirkt es erstaunlich, wie randständig im öffentlichen Diskurs die Auswirkungen der Digitalisierung aus einer umweltpolitischen Perspektive verhandelt werden. Und auch in den mit den Transformationsprozessen beschäftigten Wissenschaftszweigen inklusive der Bibliothekswissenschaft findet sich wenig Engagement oder überhaupt Bewusstsein gegenüber der Prozesskette, die der orts- und zeitunabhängigen Vermittelung menschlicher Kommunikation und des Datenhandel(n)s vorausgeht (und nachfolgt). Was man derzeit unter Green-IT versteht, bezieht sich vor allem auf das Energiemanagement, wenngleich sich in Verlautbarungen des BMBF und auch in der Digitalen Agenda der Bundesregierung, „etwa durch weitere Zertifizierungen und die Anregung zur freiwilligen Selbstverpflichtung in der Wirtschaft“ einige zaghaft gelegte Spuren zu entdecken sind. Dominiert wird diese Green-IT-Debatte bisher freilich durch die Frage der Energieeffizienz, was am Ende jedoch nur einer von zwei zentralen Aspekten dessen ist, was im Zusammenhang der digitalen Informations- und Kommunikationstechnologien auf das Geosystem zurückwirkt. Sicher ist, dass diese Transformation der Informationsverarbeitung und Kommunikation in die Erde erheblich eindringt und letztlich in gewisser Weise zu dieser wird:

„The earth is a machine of variation, and media can live off variation – but both earth and media are machines that need energy and are tied together in their dynamic feedback loop. Electronic waste is an example of how media feeds back to earth history and future fossil times.” (29)

Die Erde selbst fungiert in dieser Schleife sowohl als Materialspeicher („the future landscape of media technological fossils”, 44) wie auch als Zeitspeicher also als Basis (ferner) zukünftiger Wissenschaft, die an eine Perspektive des 19. Jahrhunderts anschließt:

„processes of transmission and recording are already present in the earth itself, a vast library waiting to be deciphered.” (27)

Fast also könnte man vermuten, dass weitaus länger als die digitalen Inhalte ihre Temporärträger und deren Materialität Zeugnis über unsere Kultur geben werden. Wir graben derzeit all das aus und ein, was als Sediment zukünftigen Archäologien, die als diszplinäre Idee natürlich selbst Medienwissenschaften sind, Rückschlüsse auf die Art des menschlichen Lebens im frühen 21. Jahrhundert ermöglicht. Sofern das in dieser Zukunft noch jemanden interessiert.

(Berlin, 30.01.2015)

Quellen

E. Graedel, E. M. Harper, N. T. Nassar, Barbara K. Reck (2013) On the materials basis of modern society. In: PNAS 2013 : 1312752110v1-201312752. DOI:   10.1073/pnas.1312752110

John Durham Peters (2003) Space, Time, and Communication Theory. In: Canadian Journal of Communication. Vol. 28, No. 4

Jussi Parikka (2010) Insect Media. An Archaeology of Animals and Technology. Minneapolis: University of Minnesota Press

Felix Stalder über Diskursivität und Peer Review.

Posted in LIBREAS.Referate by Ben on 17. Oktober 2014

Eine Notiz  von Ben Kaden (@bkaden)

I.

„Wir sollten davon ausgehen, dass Wissen aus Debatten her vorgeht und dass Debatten oder Diskurse die zentralen Elemente der Wissensproduktion sind. Anstatt einen Text „den Erfordernissen entsprechend“ zu modellieren und ihn dann mit dem Stempel des Peer Review zu legitimieren, sollten Beiträge als Ausgangspunkte für Debatten betrachtet werden, die offen sind und offen bleiben.“ (Stalder, 2014)

schreibt der Medienwissenschaftler Felix Stalder in der, tatsächlich, Nullnummer der Zeitschrift Kamion, die – ganz nah an der Idee des Open Access – mit dem Motto “Der Aufstand der Verlegten” antritt. (mehr zur Zeitschrift bei Brandmayr, 2014) Der Autor verwirft darin sehr offensiv die Idee des Peer Review, die ihm gerade im Double-Blind-Modus als sehr eigenartiges Verfahren, als ein „in vielerlei Hinsicht paradoxer Prozess“ erscheint:

„Durch die Verschleierung der Einflussnahme der Gutachter_innen auf den veröffentlichten Text wird ein Anspruch auf unpersönliches Wissen erhoben (das im Zuge des Begutachtungsprozesses entsteht), und es wird eine individuelle Autor_innenstimme behauptet.“ (ebd.)

Die Gründe, die aus seiner Sicht gegen das Peer Review sprechen, sind zusammengefasst:

  • Es besteht ein (Macht)Missbrauchspotential auf Seiten die Gutachter.
  • Die Autorenherkunft lässt sich gerade mithilfe digitaler Recherchetechnologien sehr einfach ermitteln (Stilproben, Thematik), so dass die Blind-Variante nicht wasserdicht ist.
  • Peer Review befördert einen stilistischen und formalen Konsens, wirkt also, wenn man so will, für den Diskurs homogenisierend
  • Das Peer-Review-Verfahren ist schlicht inkonsistent und zu langwierig.

II.

Es gibt mittlerweile erwartbar eine ganze Reihe von Überlegungen, wie der Ansatz des Peer Review als Qualitätskontrollmaßnahme überholt und reformiert werden kann. Stalder geht kurz auf Tony Prug und dessen Idee des Open Process Academic Publishing (Prug, 2010) ein. Diese beinhaltet u. a. auch, dass die publizierende Arbeit, also das, was ein Journal und eine Redaktion sowie, wenn vorhanden, die Reviewer tun, sichtbar wird und zugeordnet werden kann. Der für die Wissenschaftsgemeinschaft und die Selbstorganisation ihrer Publikationsprozesse entscheidende Schritt wäre eine komplette Nachvollziehbarkeit des Reviewing, die Missbrauchsmöglichkeiten erheblich reduziert und obendrein Metadiskurse zum Verfahren anregt, weil nun auch die Defizite des Review-Verfahrens erkennbar und analysierbar werden.

Stalder sucht eine andere Lösung. Er möchte das Peer-Review-Verfahren insgesamt überwinden. Entscheidend ist für ihn nicht, wie sehr ein Text bestimmten Vorstellungen und Kriterien der Gutachter entspricht, sondern welches diskursive Potential dieser enthält. Ins Zentrum der Auswahlentscheidung rückt die Debatte (vgl. Eingangszitat). Interessant für die Redaktionspraxis von kleinen Fachzeitschriften wie LIBREAS, die sich ständig intensiv mit der Frage der Begutachtung und Beitragsauswahl beschäftigen, sind Stalders Vorstellungen vom Aufgabenprofil einer Redaktion:

„Die Aufgabe des Redaktionsgremiums einer Zeitschrift wäre demnach eine doppelte: Erstens gilt es einzuschätzen, ob ein eingereichter Beitrag das Potenzial hat, die diskursive Praxis des Zusammenhangs weiterzubringen; und zweitens müssen, um die Debatte zu eröffnen, die Schlussfolgerung(en) dieser Einschätzung durch das Redaktionsgremium zusammen mit dem ursprünglichen Beitrag veröffentlicht werden. Das Redaktionsteam muss zu keiner Einigung gelangen. Es sollte ausreichen, dass ein Mitglied überzeugende Argumente dafür liefern kann, was aus diesem Beitrag tatsächlich einen Beitrag zur gemeinsamen diskursiven Praxis macht. Sollten andere Redakteur_innen zu anderen Schlussfolgerungen kommen, so wären auch ihre Argumente zu veröffentlichen. Eine Zurückweisung sollte nur dann erfolgen, wenn sich niemand positiv dafür interessiert.“ (Stalder, 2014)

Es beruhigt in gewisser Weise, dass in praxi ein solcher Prozess eines Editorial Reviews von Anfang an die einzige Option für eine Open Access-Zeitschrift im Betriebsmodus von LIBREAS war. Die zum Stalder’schen Konzept lückenschließende Ergänzung wäre nun, die Entscheidungsargumente aus den Protokollen der Redaktionsbesprechungen zu extrahieren, aufzubereiten und neben dem Beitrag als eine Art Paratext zu veröffentlichen.

Stalders Konzept klingt zunächst einmal nach einer reizvollen Idee, die wir auch gern intern reflektieren werden. Es birgt jedoch auch die Gefahr, dass die Redakteure mit ihrer plötzlich öffentlichen Rolle als Expertenjury eine prominentere Position im Publikationskontext einnehmen, als sie eigentlich anstreben. Das Kriterium der, wenn man so will, erwartbaren Diskurswucht eines Beitrags müsste in jedem Fall hinsichtlich der jeweiligen, also unserer, Diskursgemeinschaft spezifizieren. Schon das dürfte Probleme bereiten, denn die Erfahrung zeigt, dass sich die Zielgruppe von LIBREAS schwer eng umreißen lässt.

Die Einschätzung, „was aus [einem] Beitrag tatsächlich einen Beitrag zur gemeinsamen diskursiven Praxis macht“, fordert darüber hinaus einen Entscheidungsmaßstab, der konsequenterweise selbst wiederum transparent ermittelt werden muss. Ob sich das am Ende auf der Bewertungsebene allzu sehr vom traditionellen Peer Review unterscheidet, ist offen. Denn auch das Peer Review hat im Kern keinen anderen Grund als die Beurteilung, wie relevant und damit anregend für Folgeforschung oder Folgediskurse ein Beitrag ist. Alle übrigen Kriterien (passt ein Beitrag qualitativ in die jeweilige Zeitschrift?, ist er formal korrekt ausgearbeitet?, etc.) setzen auf dieser Grundidee auf.

Schließlich bleibt auch noch zu beachten, dass sich der Aspekt der Diskursivität in den so genannten STEM-Fächer ganz anders als in den Geisteswissenschaften präsentiert. Dort dient Peer Review im Idealfall zur Absicherung von faktueller und Verfahrenskorrektheit. Die dadurch erfolgende Vorfilterung trägt erfahrungsgemäß zu einer sehr willkommenen Komplexitätsreduktion bei, da – wiederum im Idealfall – nur Beiträge überhaupt in den Rezeptionszyklus gelangen, die den wissenschaftlichen und fachlichen Standards entsprechen. Das sollte nicht einer Homogenisierung sondern eher einer Kanalisierung entsprechen, bei der (wir denken an Ranganathans Every reader his/her book.) Publikationen möglichst genau dem passenden Adressatenkreis zugeleitet werden. Sind die Wissenschaftler mit dem Zuschnitt und den Review-Kriterien einer Zeitschrift vertraut, gelingt es ihnen umso besser, die Primärentscheidung zu treffen, ob ein Aufsatz für eine Lektüre überhaupt relevant ist. Die Forderung, Review-Verfahren transparenter und nachvollziehbar zu gestalten, ist hier absolut berechtigt. Das Kriterium der Debattenfähigkeit dürfte jedoch keine große Rolle spielen. Denn die Debatten finden in diesen Disziplinen eher über die Editorials, manchmal auch die Berichten und den Korrespondenzseiten der Fachzeitschriften vermittelt statt, also genau in den Teilen der Zeitschriften, die nicht einem Peer Review unterliegen.

 III.

Die Umbrüche im Publikationswesen an sich und besonders auch in der wissenschaftlichen Kommunikation sind so notwendig wie erwartbar langwierig. Das zeigt auch die Publikation von Felix Stalder in Kamion. Der Autor beschreibt in seiner Analyse der Debatte etwas, was sehr nah an die Idee liquider Dokumentensysteme rückt und führt einiges an, was in der Modellierung zu so genannten „enhanced Publications“ regelmäßig auftaucht, nämlich das Ziel:

„Materialien einfacher zwischen verschiedenen Publikationsformaten hin und her zu bewegen, von Interventionen über vielleicht auf Video aufgezeichneten Gesprächen hin zu Online-Artikeln und elektronischen oder gedruckten Büchern und wieder zurück.“ (Stalder, 2014)

Dies ist konzeptionell gar nicht allzu weit von dieser Beschreibung entfernt:

„Grob definiert versteht man unter “enhanced publications” Publikationsformen, die über eine digitale Nachbildung von Druckmedien hinausgehen und zum Beispiel mit Zusatzdiensten und Multimedia-Materialien angereichert sowie hypertextuell und/oder semantisch vernetzt sind.“ (Kaden, Kleineberg, 2014)

Was Stalder zu Recht in diesen Kontext einzubringen unternimmt, ist, diese Vernetzung nicht nur auf der Ebene der Formate, der maschinenlesbaren Verknüpfung sowie generell dem Anschluss von Begleitmaterialien wie Forschungsdaten oder Verfahrensdokumentationen zu sehen. Wissenschaftliche Kommunikation bleibt auch zukünftig unvermeidlich ein primär soziales Geschehen, weshalb die Vernetzungsdynamik von Publikationen naturgemäß auch und aus Sicht von Publizierenden ganz besonders von der Perspektive der Diskursivität her gedacht werden muss.

Digitale Kommunikationswerkzeuge der Gegenwart und idealerweise auch alle kommenden Publikationsstrukturen sollten dies ausdrücklich berücksichtigen und unterstützen. Die einfache Einbindung von Web-Elementen in Soziale Netzwerke ist dabei nur eine der simpelsten Varianten.

Selbst wenn man versteht, wie aufwendig es ist, mit engem Budget eine Zeitschrift herauszugeben, hätte man sich daher auch aus diesem Grund im Fall von Kamion ein wenig mehr Mut zur Nutzung offenerer digitaler Publikationsformen gewünscht. Schließlich tritt die Zeitschrift mit dem Anspruch an:

„Sie forciert den Verkehr, die Übersetzungen, die Vernähungen zwischen sozialen Bewegungen, Kunstpraxen und kritischer Intellektualität. Sie eröffnet Raum für entspannt theoretische, essayistische, nicht-akademische Schreibweisen und experimentelle Erzählformen. Sie entwickelt Taktiken und Strategien der Verkettung, Neuzusammensetzung und Bildung von Allianzen.“ (Kamion, 2014)

Publiziert wurde die Null-Ausgabe leider im Rückgriff auf das antiquierte und im digitalen Sinn denkbar verschlossene PDF-Format.

Erstaunlicherweise relativiert sich diese Kritik ein wenig, wenn man weiter recherchiert. Dann findet man den Text Felix Stalders bereits stärker „enhanced“, nämlich mehrsprachig und mit ein paar weiterführenden Informationen verknüpft, parallelpubliziert auf einem Portal namens _transversal texts_ (einem „multilingual webjournal“ herausgegeben vom europäischen institut für progressive kulturpolitik in Wien), wobei wiederum wenigstens für den Erstbesucher reichlich undurchsichtig bleibt, was, wie und mit welchem Zweck zusammenhängt. Aus performativer Hinsicht ist diese Unübersichtlichkeit, die so kennzeichnend für vielschichtige und offene digitale Kommunikationsumgebungen ist, fraglos gelungen. Einem Rezipienten, der permanent zwischen beiden Welten, nämlich der analogen bzw. analog geprägten und der digitalen und enhanced ausgericheten Publikationskultur wandelt, fehlen hier freilich stabile Orientierungsmarker, anhand derer er einschätzen kann, womit er es überhaupt zu tun hat. Was man nämlich nicht vergessen darf, ist, dass das diskursive Potential einer Publikation nicht allein von der Entscheidung der Herausgeber und der Redaktion abhängt. Ähnlich, wenn nicht sogar wichtiger ist die Bewertung und Begutachtung der Publikation durch das Publikum, also die rezipierende Diskursgemeinschaft. Die Aufgabe einer Redaktion ist folglich, nicht nur Beiträge auszuwählen, sondern auch einen Präsentationsrahmen zu entwickeln, der diese ohne großen zusätzlichen Aufwand eindeutig und konzentriert rezipierbar macht.

(Berlin, 17.10.2014)

Quellen

Alessia Bardi; Paolo Manghi (2014) Enhanced Publications: Data Models and Information Systems. In: LIBER Quarterly, Vol. 23, Nr. 4, S. 240-273, apr. 2014., vgl. http://libreas.tumblr.com/post/99488614736/enhanced-publications

Tanja Brandmayr (2014) Die Lust an transversalen Texte. In: Versorgerin, #103, http://versorgerin.stwst.at/artikel/aug-23-2014-2204/die-lust-transversalen-texten

Ben Kaden, Michael Kleineberg (2014) Das Fu-PusH-Weblog. In: Future Publications in den Humanities (FuPusH). Weblog. 13.10.2014, https://blogs.hu-berlin.de/fupush/2014/10/fupush/

Kamion [Redaktion] (2014) Einfahrt „Nicht abonnieren, wir gehen jetzt. In: Kamion, Nr. 0. S. 2f. (24. Juni 2014), http://diekamion.org/einfahrt/)

Tony Prug (2010) Open Process Academic Publishing. In: ephemera, Vol. 10, Nr. 1, S. 40-63, http://www.ephemerajournal.org/contribution/open-process-academic-publishing

Karsten Schuldt (2012) Peer Review – eine Entscheidungsfrage für kleine Zeitschriften. In: LIBREAS.Weblog, 06. Juni 2012, https://libreas.wordpress.com/2012/06/06/peer-review-eine-entscheidungsfrage-fur-kleine-zeitschriften/

Felix Stalder (2014) Wissenschaftliches Schreiben jenseits der Peer Review. Vom individuellen Schreiben zur diskursiven Praxis. In: Kamion, Nr. 0. S. 4-10 bzw. bei transversal: http://eipcp.net/transversal/0614/stalder/de

(Ben Kaden ist Mitherausgeber der Zeitschrift LIBREAS. Library Ideas und beforscht derzeit im Projekt Future Publications in den Humanities (Fu-PusH) an der Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin die Zukunft der wissenschaftlichen Kommunikation in den Geisteswissenschaften.)

Muss man den Hochschulbibliotheken die Information Literacy entreissen, um sie zu demokratisieren?

Posted in LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 18. September 2014

Karsten Schuldt

Zu: Withworth, Andrew / Radical Information Literacy: Reclaiming the Political Heart of the IL Movement. – (Chandos Information Professional Series). – Amsterdam et al. : Chandos Publishing, 2014

 

Der Anspruch, den Andrew Withworth in seinem Radical Information Literacy erfüllen möchte, ist die Re-Politisierung der Information Literacy (IL), weg von einem Konzept, welches er als „funktionalistisch“ beschreibt und hin zu einem Konzept von Fähigkeiten, welche die Demokratie unterstützen. Dazu dekonstruiert er das Konzept IL im ersten Teil seines Buches, ausgehend von der Geschichte des Konzeptes und stellt dabei sowohl das verbreitete Verständnis von IL als auch die Verankerung von IL in Hochschulbibliotheken in Frage. Letztlich führt er die geringe Einbindung von Hochschulbibliotheken in die Hochschulbildung auf die Verengungen von IL auf diese Bibliotheken zurück. Im zweiten Teil seines Buches unternimmt er es, IL wieder zu rekonstruieren. Dafür greift er scheinbar vor allem auf Jürgen Habermas und Mikhail Bakhtin zurück, um IL als Teil eines demokratischen Prozesses zu beschreiben und einzufordern; allerdings scheint es sich bei seinen Wahrnehmungen unterschiedlicher Theorien oft mehr um „produktive Missverständnisse“ als um die tatsächliche Nutzung von Theorieelementen zu handeln. Das im Buchtitel angekündigte „Radical“ ist im Ergebnis seiner Studie nicht zu finden.1 Die Stärke des Buches ist eindeutig der erste Teil.

Kritik des Status Quo

Grundsätzlich speist sich die Kritik von Withworth aus zwei Quellen: erstens einem Verständnis von Information als kontextbezogen und zweitens der Geschichte der Debatten um IL. Withworth versteht Information immer als Bestandteil sozialer Kommunikation. Die Idee, dass es Informationen geben würde, die nicht Artefakte solcher Kommunikationsakte wären, lehnt er ab. Information ist für ihn immer in einem Kontext entstanden; abgespeichert als Text oder in anderer Form trägt jede Information ihren Entstehungskontext mit sich und kann auch nur wieder in einem spezifischen sozialen Kontext als Information genutzt werden. Systeme, welche solche Informationen abspeichern und wieder verfügbar machen, reproduzieren diese Verhältnisse, insbesondere die sozialen Hierarchien mit. Radical IL würde helfen, diese Strukturen zu erkennen und ihnen bei der Nutzung von Informationen entgegenzutreten. Aus diesem Grundgedanken leitet Withworth ab, dass die IL, wie sie in den unterschiedlichen Standards – insbesondere der ALA – niedergelegt sind, keine Kompetenz beschreiben, sondern einzig Studierende (eine besondere Gruppe in der Gesellschaft) während ihres Studiums (einer besonderen Situation) bei der Nutzung von Informationsressoucen als Instrument (aber nicht reflektierend, sondern als vorgeblich abgeschlossener Kommunikationsakt und Fakt) unterstützen.2 Diese Standards würden nicht das Ziel haben, Menschen bei dem Verständnis der sozialen Situationen, in denen Informationen entstanden sind oder beim Verständnis des aktuellen Nutzungskontextes unterstützen. Kürzer: Sie wären nicht auf demokratische Werte, sondern auf den Instrumentencharakter von Informationssystemen hin ausgerichtet.

Eine wichtige Erkenntnis, die Whitworth vermittelt, ist die, dass dies nicht so sein müsste, sondern das Ergebnis strategischer Entscheidungen war. Er zeichnet die Entstehung des Konzeptes IL nach, beginnend in den frühen 1970er Jahren, über die Entstehung der ersten Standards der ALA (American Library Association) 1989 und dem weiteren „Besetzen“ der IL durch die Hochschulbibliotheken. Während der 19070er und 1980er Jahre hätte es ein weit grösseres Verständnis von IL gegeben, dass zum Teil gar nicht auf das Lehren von IL, sondern auf die Gestaltung von Informationssystemen gerichtet gewesen wäre. Die einflussreichen – und auch im deutschen Sprachraum in verschiedenen Abwandlungen rezipierten – IL-Standards der ALA seien als Ergebnis des Berichtes A Nation at Risk: The Imperative For Educational Reform als strategisches Dokument entstanden. Dieser Bericht, 1983 erschienen und heute ein Klassiker der bildungspolitischen Texte, stellte das Bildungssystem der USA als grundsätzlich disfunktional und dem Zusammenbruch nahe dar. Es wurden grundlegende Reformen angemahnt und anschliessend zum Teil durchgeführt (die heute allerdings zum Teil wieder als Grund für das schlechte Schulsystem der USA gelten, insbesondere der fast schon fanatische Fokus auf Standards und Schulautonomie). Nicht erwähnt wurden im Bericht Bibliotheken. Diese verstanden sich allerdings als Bildungseinrichtungen (was heute nicht anders ist) und versuchten, angepasst an die aufkommenden Diskurse der späten 1980er Jahre, ein Thema zu besetzen, welches sie als ihr eigenes in die Bildungsdebatten einbringen konnten und wählten die IL, wobei die Hochschulbibliotheken diese Strategie dominierten. Dies, zumindest der Darstellung Whitworths folgend, war der Beginn der Verengung der Debatten darum, was IL sein soll und was sie erreichen soll.

Von Interesse ist dabei gar nicht so sehr die Interpretation, welche Whitworth vorlegt, als vielmehr die notwendige Erinnerung daran, dass die Debatten um IL – mit den gleichen grundlegenden Annahmen darüber, dass „heute“, also Ende der 1970er, die Informationsmenge zu gross sei, um sie eigenständig zu verarbeiten, wie sie im 21. Jahrhundert immer noch angeführt werden – recht alt sind und viele mögliche Entwicklungswege offen gestanden hätten. Die Fokussierung auf Standards, welche ja einen bestimmten Typ von Mensch – zweckrational handelnde Studierende – als Grundlage haben, war nur ein möglicher Weg. Dabei sind, wieder Whitworth folgend, nicht nur mögliche historische Entwicklungen ausgeschlagen, sondern auch eine Diskussion von IL etabliert worden, welche die Bibliotheken (und die Library and Information Science) und deren Sicht auf Informationen in den Mittelpunkt stellt und dabei notwendig andere Einrichtungen marginalisiert – was erklärt, warum eine Kooperation, welche die Bibliotheken immer wieder einfordern, nicht wirklich zustande kommt sowie die tatsächlichen Erfahrungen und Praktiken von Nutzerinnen und Nutzern kaum wahrnehmen kann – würden diese als soziale Prozesse wahrgenommen, müssten die Hochschulbibliotheken ihre Deutungshoheit über Informationsnutzung und IL aufgeben.

„[This situation has] created a gap between the idealised, theoretical information user – an individual aware of their information needs and face to make judgements from the full range of information sources – and real information practices undertaken by individuals (subject to anxiety, pressures of time, cognitive authorities, and other psychological effects), within communities and information landscapes that may help or hinder their experience of variation in different ways.” (Whitworth 2014, 84)

Demgegenüber würde fast die gesamte Literatur zu IL sich heute damit beschäftigen, die jeweils lokal gültigen Standards in der Praxis umsetzbar zu machen, aber weder über Ziele noch Grenzen von IL diskutieren noch über eine theoretische Fundierung nachdenken.

radicalinformationliteracy

Wenig überzeugende Neufassung von IL

Dieses Nachdenken von Whitworth über die Realität von IL ist erfrischend kenntnisreich, kritisch und polemisch. Grundsätzlich führt er die Debatte an einem Punkt, an dem man ihm entweder vollständig widersprechen – aber dann hinzunehmen hat, dass sich die Situation wohl nie ändern wird, weil IL in einer gewissen „Praxis-Sackgasse“ feststeckt – oder aber eine grundlegende Trennung von Hochschulbibliotheken und IL-Debatten anstreben muss, um weitere Ziele in die Debatten einzubringen, die im Laufe der Zeit „vergessen“ wurden.

Der zweite Teil des Buches hingegen, in dem Whitworth versucht, auf der Basis von Versatzstücken verschiedener Theorien eine solche neue Debatte zu IL anzustossen, in welcher andere Ziele gesetzt und ein weitergehendes Verständnis von IL als sozialer Prozess angestrebt wird, fällt weit hinter diesen Anspruch zurück. Über weite Stelle liesst sich dieser Teil, als hätte Whitworth eine Vorstellung von IL, die er zu untermauern versucht, indem er die Theoriegeschichte plündert. Dies führt aber nicht weit. Grundsätzlich fordert er, dass die Kontextgebundenheit von Information als Ergebnis sozialer Prozesse zum Teil von IL wird.3 Wer informationskompetent ist, sollte nach Whitworth diese Kontexte erkennen, interpretieren und neu verwenden können. Autorität und Artefakte sozialer Kommunikation (d.i. Texte, Dokumente, Daten etc.) sollten hinterfragt, ihre impliziten Voraussetzungen identifiziert und gleichzeitig neu Information geschaffen werden können. Oder anders: Nicht (nur) Texte gefunden, sondern diese auch kontextualisiert und für neue Texte verwendet werden können. Zu erreichen sei das vor allem durch Gegenhegemonien. Den Begriff Hegemonie borgt sich Whitworth von Antonio Gramsci – allerdings ohne die auf eine marxistische Revolution zeigende Zielrichtung bei Gramsci zu beachten – und entwirft ein Programm von IL, welche die demokratische Bildung zum Ziel hat. Wer informationskompetent ist, sollte die Gesellschaft mitbestimmen können (und nicht nur das Studium abschliessen).

Das ist kein neuer Entwurf. Vor dem Hintergrund der politischen Geschichte der letzten Jahrzehnte liesst sich der Entwurf von Whitworth – der allerdings keine Kenntnis von den Debatten in den deutschsprachigen Gesellschaften zu haben scheint – wie ein Manifest zur Gegenöffentlichkeit, wie sie die taz oder verschiedene Blogprojekte darstellen wollen; nur auf der Ebene persönlicher Kompetenzen eine möglichst breiten Masse von Menschen im Bezug auf Informationen. Dies mag eine sinnvolle Haltung sein, aber es ist keine – wie im Titel seines Buches angekündigte – radikale Haltung, auch wenn er im Laufe des Textes beständig marxistische Denker anführt. Wäre der Begriff nicht so negativ belegt, könnte man Whitworths Vorstellungen von IL gut als „reformistisch“ beschreiben. Gleichwohl lohnt sich das Buch aufgrund der Anregungen im ersten Teil. Gewiss lassen sich aus den Hinweisen dieses Teils auch andere, bessere abgesicherte Forderungen und Debattenanlässe generieren, als dies Whitworth im zweiten Teil selber tut.

 

Fussnoten

1 Vielmehr geht er dem aus dem Weg, in dem er – ebenso produktiv – die Frankfurter Schule vor Habermas und zugleich Michel Foucault uminterpretiert und nicht etwas aus beiden radikale Einsichten oder Forderungen zieht. Vielmehr bewegt er sich in seinem Denken in einer affirmativen Haltung zur existierenden Gesellschaft, was zum Beispiel dazu führt, dass er der Frankfurter Schule vorwirft, einfach gar keine Lösung anzubieten, anstatt ernstnehmen, dass es in deren Diskussionen immer auch um die radikale Überwindung der aktuellen Gesellschaft geht. Ebenso reduziert er Bakhtin auf eine Kommunikationstheorie und umgeht dessen marxistischen Hintergrund. Es ist recht erstaunlich, wie sehr Whitworth Radikalität in Anspruch nimmt, aber gleichzeitig nicht in sein Denken integriert. Er scheint zwar die Radikalität als Anspruch zu geniessen, aber ansonsten zwar grundlegend demokratisch, aber auch unradikal zu denken – was vor allem deshalb irritiert, da er beständig von Radikalität spricht.

2 Er insistiert darauf, dass dies grundlegend auch für weitere IL-Standards, insbesondere für Schulen gilt, die darauf abzielen würden, Schülerinnen und Schüler früh diese Fähigkeiten zu vermitteln, die sie eigentlich nur im Studium benötigen würden.

3 Womit er, meiner Meinung nach, vollkommen Recht hat.

Die Forschung zum Diskurs als Wörterbuch. Eine Besprechung.

Posted in LIBREAS.Referate by Ben on 30. August 2014

zu: Daniel Wrana, Alexander Ziem, Martin Reisigl et. al [Hrsg.] (2014): DiskursNetz. Wörterbuch der interdisziplinären Diskursforschung. Berlin: Suhrkamp. (Seite zum Titel beim Verlag)

von Ben Kaden (@bkaden)

Nach einen an Fachliteratur eher armen und mit anderer Literatur wundervoll gesättigten August fällt es nun, da die Himmel eher milchig sind und die Abende wieder häufiger ernüchternd kühl, wieder Zeit sich kühlen Blutes den Spuren der wissenschaftlichen Diskurse zuwenden und die den Hundstagen etwas eingeschlafenen LIBREAS-Zwischenmedien (Tumblr, Weblog) zu wecken.

Frisch auf dem Schreibtisch findet sich das im Juli bei Suhrkamp erschienene Wörterbuch der interdisziplinären Diskursforschung ein, dessen Herausgeber ihm nahe liegend Weise den Namen ihres Forschungsverbundes zum Titel gaben: DiskursNetz. Das Buch selbst entstand ganz zeitgemäß und kollaborativ in einem Wiki (www.diskursanalyse.net), wobei es noch zeitgemäßer wäre, stände dieses zugleich Open Access und dynamisch erweiter- und vernetzbar zur Verfügung.

Andererseits versteht man, wenn man selbst einmal etwas in Buchform herausgegeben hat, dass man schon lieber kontrolliert eine redaktionell abgeschlossene Fassung als alleinigen Referenzpunkt für die Öffentlichkeit haben möchte und den bietet nun der Band mit seinem fast 450 Seiten breiten Nachschlagebereich für Artikel vom Lacan’sche A (le grande Autre) zum allgemeinen Zweck:

“ein telisches Konzept, das vor allem in der Funktionalen Pragmatik verwendet wird“. (Reisigl, S. 447)

Die Linguistik heiligt bei diesem Stichwort trotz allem interdisziplinären Anspruch sehr offensichtlich die Wortwahl und es sagte ja auch niemand, dass Diskursforschung für diejenigen einfach zugänglich sein muss, die Telizität erst einmal noch an anderer Stelle nachschlagen müssen. Wer an Telos denkt, denkt – so glaube ich jedenfalls – schon in die richtige Richtung. Wobei der telische Blick wohl einer zurück auf das bereits erreichte Ziel ist. Worum es bei der Analyse von Diskursen ja oft genug geht. In jedem Fall ist Telizität durch einen Prozess  gekennzeichnet und durch eine zeitliche Abgrenzung bzw. Abgrenzbarkeit desselben. Aber eigentlich ist das für das Verständnis des Zweck-Begriffs gar nicht übermäßig wichtig.

Denn wenn man sich in diesem Fall telisch einfach auf die Bedeutung zielgerichtet reduziert, kann man ganz unbeschwert und wahrscheinlich nicht völlig irrend im Stichwort fortschreiten und lesen:

Zweck ist

“ein […] Konzept […] um eine gesellschaftlich verallgemeinerte, in der Lebenspraxis des Menschen verankerte Finalität eines sozial etablierten Mittels […] zu bezeichnen, das nicht nur der Befriedigung eines individuellen Ziels, sondern eines gesellschaftlichen Bedürfnisses unter institutionellen Bedingungen dient.“(ebd.)

Das sozial etablierte Mittel ist im Fall von DiskursNetz das Nachschlagewerk und die Finalität ist, dass man nach dem Nachschlagen in der Lage ist, das Wort “Zweck” in der Bedeutung, die ihm die Diskursforscher (und die Sprachwissenschaftler) (=institutionelle Bedingungen) geben, verwenden und verstehen kann.

DiskursNetz Cover

Fällt das Licht passend, dann erkennt man, dass sogar die Materialität, auf der die zurückgenommene Willy-Fleckhaus-Ästhetik der Taschenbuchreihe suhrkamp-wissenschaft (hier:Band 2097) aufsetzt, durchaus eine Gitternetz-Struktur verbirgt. Was sehr gut zum vorliegenden Titel passt.

Der vergleichsweise harte Einstieg über das letzte Stichwort des Wörterbuchs in das Diskurs(forschungs)netz besitzt freilich den unbestreitbaren Vorteil, dass andere Einträge, unter anderem das gleich zuvor gesetzte und ebenfalls von Martin Reisigl bearbeitete Konzept des Zitats (“eine spezifische Form der absichtsvollen Redewiedergabe […]”, S. 446) plötzlich außerordentlich klar und eingängig erscheinen. Möglicherweise bewahrheitet sich auch schlicht, dass die scheinbar einfachsten Konzepte am schwierigsten gefasst werden können. (–> Ambiguität)

Bibliotheks- und informationswissenschaftlich bewegt man sich mit dem Wörterbuch natürlich weit in einem transdisziplinären Grenzgebiet. Der Begriff der Information wird leider nicht definiert. Ein Stichwort “Informationseinheit” (von Felicitas Macgilchrist, S.196f) gibt es dagegen und der Text dazu lässt erkennen, dass “Information” in der Diskursforschung ziemlich zweckmäßig und mehr als eine Benennung als als ein eigenes spezifisches Phänomen zur Anwendung kommt:

“In verbalen Texten bildet […] ein Gliedsatz (clause) eine Informationseinheit; in gesprochener Sprache signalisieren Intonation und Rhythmus Informationseinheiten.” (Macgilchrist, S. 196)

Nach Michael Halliday differenziert man zudem Informationen nach given und new:

“Given teilt den alten und schon »gegebenen« Teil der Information mit; new bezieht sich auf die neue, wichtige oder interessante Information.” (ebd.)

Redundanz-sozialisierte Informationstheoretiker haben da mutmaßlich eine andere Vorstellung.

Aber genau das ist ja das Sinnvolle an Verdichtungen und zielgerichteten Reduktionen, wie sie Wörterbücher gemeinhin darstellen: Man bekommt eine handliche und überschaubare Basis für die Vorstellungen, die sich Andere bzw. andere Disziplinen von vermeintlich vertrauten Konzepten machen. Solange die Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Diskursforschung bestenfalls und selbst das nur in Randlage als reiner Anwender bestimmter Elemente der Diskursanalyse entgegentritt, darf sie sich jedoch nicht beschweren. Selbstverständlich könnte sie, die sich im Grunde umfänglich wie sonst fast niemand mit soziosemiotischen Ordnungsprozessen (der Zeichen, der Texte, des Wissens, der Kultur) auseinandersetzt, sehr gut und gestaltend auf das Programm der Diskursforschung einwirken. Aber es bleibt bislang nur bei der Möglichkeit und alle die sich in der Bibliothekswissenschaft mit der Diskursforschung befassen wollen, kommen zwangsläufig gar nicht darum, Publikationen wie die vorliegende als Ausgangspunkt für ihre Arbeit heranzuziehen.

Der Wissensbegriff schließlich, hier gefasst von Boris Traue (S.440f.), dem man sofort und fast ein wenig dankbar anmerkt, dass er Soziologe und nicht Linguist ist, differenziert die bekannte Zweiteilung von explizitem (in diesem Fall formuliert als “symbolische objektiviert”) und implizitem (=”habituell verfestigte Praktiken”) Wissen, benennt kurz die gegenwärtige Perspektive auf das Wissen als “dreistellige Relation […] Ergebnis einer Vermittlung von Subjekt, Praxis und Materialität” und referiert danach leider nur kurz Positionen zum Konzept von Karl Mannheim bis Quentin Meillassoux, was zweifellos den Grenzen des Formats “Wörterbuch” geschuldet ist. Eine ergänzende Online-Version hätte gerade bei einem komplexen Phänomen wie dem Wissen, dessen Definition weitaus komplexer ist als beispielsweise die des “Zwecks” und dessen Rolle für die Diskursforschung trotz allem in der Buchfassung sicher nicht erschöpfend dargestellt ist, erheblich Sinn.

Dennoch zeigt bereits die Erwähnung der Vermittlung (in der Praxis unter anderem vollzogen in und durch Bibliotheken), wo die Bibliotheks- und Informationswissenschaft sofort einen Zugang zu diesem Forschungsfeld finden kann. Denn alle Prozesse, bei denen über materialisiertes (symbolisch objektiviertes) Wissen Subjekte tatsächlich, also praktisch verknüpft sind, sind Informationsprozesse und traditionell sind die Bibliotheken hier als Vermittler, also als (auch die Diskurse lenkende) Infrastruktur, innerhalb der man zu dem Ergebnis “Wissen” gelangt”, aktiv.

Man muss das Wörterbuch “DiskursNetz” gar nicht groß rezensieren. Es ist nicht zuletzt dank der Bibliografie und allein des Verzeichnens von einschlägigen Belegquellen ein derzeit nahezu unverzichtbares Nachschlagewerk, wenn man derzeit, in welcher Disziplin auch immer, diskursforschend arbeitet. Wie von so gut wie jedem wissenschaftlichen Werk geht auch von diesem weder ein besonderer Zauber noch die Aura höherer Wahrheit aus. Aber es ist eine exzellente Basis. Wer methodische Zugänge zum Forschungsfeld sucht, muss noch ein paar Tage warten: Für September ist ein “interdisziplinäres Handbuch” zur Diskursforschung aus dem gleichen Herausgeberumfeld angekündigt. (Angermuller, Nonhoff, Herschinger, et al, 2014, Seite zum Titel beim Verlag) Bis dahin eignet sich erstaunlich gut funktionierende, Suhrkamp-typisch handliche Druckausgabe in jedem Fall als prima Begleiter, um in den letzten Tage des Sommers 2014 in einem Stadtpark zwischen der Serendipidität der Diskursforschung und der der restlichen Lebenswelt wohlbalanciert hin- und herzuschwenken.

Das das Forschungsteam zum DiskursNetz sich ebenfalls auf eine Art fröhliche Wissenschaft (na ja, vielleicht sogar eher alberne Wissenschaft) versteht, zeigt ein in das Verweisgefüge des DiskursNetzes plötzlich hereinbereichender diskurspomologischer Eintrag, der leider etwas zu durchsichtig ist, um nicht vielleicht doch ganz unverhofft eine fachwissenschaftliche Karriere anzutreten: der der Diskursbanane.

DiskursNetz: Diskursbanane

Zwei Apfelsinen im Hirn und der Diskurs ganz Banane? Die Adressierung der Konzept auf James Bond [JBo] ist leider sofort der Pointe Assassine (assassin pun) dieser neckischen Idee, wo es doch eine franco-gallische Diskursforscherin namens Rosita la Banda  [RLB] (eigenartigerweise, so einen Namen kann man sich kaum ausdenken) wenigstens früher oder später zu einer Zitation in der Wikipedia hätte bringen können.

(Berlin, 30.08.2014)

 

. Angermuller, Johannes; Nonhoff, Martin; Herschinger, Eva et. Al [Hrsg.] (2014) Diskursforschung. Ein interdisziplinäres Handbuch. 2 Bd. Bielefeld: transcript, Eintrag bei der DNB

. Macgilchrist, Felicitas (2014) Informationseinheit. In: Warna, Ziem, Reisigl et. al [Hrsg.] (2014) DiskursNetz. Wörterbuch der interdisziplinären Diskursforschung. Berlin: Suhrkamp, S. 196-197

. Reisigl, Martin (2014): Zitat. In: Warna, Ziem, Reisigl et. al [Hrsg.] (2014) DiskursNetz. Wörterbuch der interdisziplinären Diskursforschung. Berlin: Suhrkamp, S. 446-447

. Reisigl, Martin (2014): Zweck. In: Warna, Ziem, Reisigl et. al [Hrsg.] (2014) DiskursNetz. Wörterbuch der interdisziplinären Diskursforschung. Berlin: Suhrkamp, S. 447-448

. Traue, Boris: Wissen. In: Warna, Ziem, Reisigl et. al [Hrsg.] (2014) DiskursNetz. Wörterbuch der interdisziplinären Diskursforschung. Berlin: Suhrkamp, S. 440-441

Ein Handbuch und sein Fach. Zu einer aktuellen Besprechung in der Zeitschrift BuB.

Posted in LIBREAS.Debatte, LIBREAS.Referate by libreas on 19. Juni 2014

Eine Anmerkung von Ben Kaden (@bkaden).

Das im vergangenen Herbst erschienene „Handbuch Methoden der Bibliotheks- und Informationswissenschaft“ (herausgegeben von Konrad Umlauf, Simone Fühles-Ubach und Michael Seadle) bereitet uns in der LIBREAS-Redaktion einen kleinen Kummer. Denn seitdem suchen wir jemanden, der den satten Band in Orange und Grün für LIBREAS bespricht. Warum es so schwierig ist, jemanden für diese Aufgabe zu gewinnen, ist ziemlich offensichtlich: Die größte Zahl derer, die es angemessen könnten, ist befangen oder beteiligt. So ist ein herausragender Nebeneffekt der Publikation, dass sie aufzeigt, wie klein die Community eigentlich ist. Und zugleich stehen natürlich auch Abhängigkeiten im Raum, denn in so einem übersichtlichen Gefüge von Akteuren möchte sich auch kein Nachwuchswissenschaftler mit einer eventuell sehr kritischen Besprechung ins Abseits schreiben.

Jan-Pieter Barbian, Kulturhistoriker und Direktor der Stadtbibliothek Duisburg, hat dieses Problem nicht. Weder im Fach der Bibliotheks- und Informationswissenschaft verankert noch mit der Notwendigkeit, eine Anschlussbeschäftigung zu finden, kann er den Band in der aktuellen Ausgabe der BuB (06/2014) ganz frei und offen rezensieren. Und wenigstens am Berliner Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft sorgt diese Rezension für das eine oder andere Flurgespräch, so dass es auch deshalb durchaus sinnvoll scheint, einen genaueren Blick darauf zu werden.

Seine Einschätzung nach einer, wie er betont, vollständigen Lektüre („was bei diesem Medium eigentlich weder intendiert noch zwingend erforderlich ist“) lautet in etwa: Wer darin sucht, findet schon etwas. Aber: „Wer viel Zeit für die Lektüre dieser seitenstarken Einführung in die große Welt der akademischen Theorien und Methodologien investiert hat, muss am Ende nach deren Wert für die wesentlich bescheidenere Praxis fragen.“ (S.488)

Die Einschätzung überrascht dahingehend ein wenig, steht doch im Handbuch gleich zum Beginn der Einleitung:

„Beim Stichwort Methoden denken Praktiker und Fachvertreter überwiegend an Methoden, die in der Praxis Probleme lösen oder bei der Aufgabenwahrnehmung zur Anwendung kommen […] Um solche Methoden geht es in diesem Handbuch nicht.“

Die Herausgeber betonen, im Gegensatz zur Lesart des Rezensenten in der BuB, gerade nicht die Anwendbarkeit der geschilderten Methoden in der Praxis. Dafür eine gesonderte Aufarbeitung anzubieten und den Wissenstransfer aus der Bibliothekswissenschaft in die Bibliothekspraxis zu fördern, wäre zweifellos eine noble Arbeit. Aber es ist keinesfalls die Aufgabe des Handbuchs, in dem die Herausgeber viel mehr herausstellen, dass die „Forschungsergebnisse mindestens teilweise letztlich auch wieder im Anwendungsfeld des Faches […] ausgewertet werden können.“ Hier wünschte man sich selbstverständlich eine klarere Formulierung wie: „Forschungsergebnisse des Faches wirken idealerweise auf die Ausgestaltung der Bibliotheks- und Informationspraxis zurück“ o.ä. Aber der Wunsch bleibt Wunsch und die Herausgeber werden schon wissen, warum sie drei an sich überflüssige Adverbien aneinanderreihen. Dennoch bleibt das Anliegen leicht fassbar.

Dagegen muss man vermuten, dass Jan-Pieter Barbian den besprochenen Titel aus irgendeinem Grund schlicht von der falschen Seite las. Denn das Handbuch ist erklärtermaßen der Versuch, einen Überblick über die Verfahren und Methodologiediskussionen zu geben, die für die Bibliotheks- und Informationswissenschaft (Betonung auf „Wissenschaft“) relevant sind. Hier wie Barbian die Despektierlichkeit beizulegen: „[…] letztlich bleibt dies alles [die Methoden] etwas für akademische Fetischisten“, zeugt zunächst von einer völlig verkehrten Erwartung. Das ist ein wenig, als würde ein Bergsteiger sich beklagen, dass ihm ein glaziologisches Standardwerke am Steilhang so wenig hilft.

Darüber hinaus eröffnet die in der Formulierung „akademische Fetischisten“ eingeschnürte Herablassung zusätzlich die Interpretationsoption, dass dem Rezensenten daran liegt, der Bibliotheks- und Informationswissenschaft als Wissenschaftsdisziplin eins mitzugeben, was sich dadurch verstärkt, dass er direkt im Anschluss lobend auf die in diesem Zusammenhang eher mit nachgeordneter Relevanz auftretende Buchwissenschaft verweist.

Man mag bedauern, dass buchwissenschaftliche Aspekte aus der Forschungsagenda der gegenwärtigen Bibliothekswissenschaft, jedenfalls hier in Berlin, fast völlig verschwunden sind. Aber dann kann man es auch so formulieren. Oder eben anerkennen, dass im 21. Jahrhundert Buch- und Bibliothekswissenschaft oft getrennte Wege gehen, wie auch in vielen Bereichen Buch und Bibliothek. Man mag auch diese Entwicklung als Verlust empfinden. Außerdem bleibt es eine Debatte, die zu weit über den besprochenen Band hinausführt, als dass sie nebensätzlich auftauchen muss.

Dass Barbian den leider weitgehend deskriptiven und nicht wirklich methodologisch ausgeführten Beitrag von Elmar Mittler zur Historischen Buchforschung (darin als Tiefpunkt eine Abarbeitung der Gender Studies in ihrem Bezug zur Bibliotheks- und Informationswissenschaft in vier Zeilen, drei Wörtern, vgl. S. 498) als besonders aufschlussreich heraushebt, ist tatsächlich besonders aufschlussreich – und zwar hinsichtlich des Blickwinkels, aus dem hier bewertet wird.

Die eigentlichen Probleme des Handbuchs blendet Barbian dagegen aus. Denn man darf durchaus sogar unabhängig vom eigentlichen Inhalt fragen, ob ein Handbuch, dem zudem zugeben wirklich etwas mehr innere Ordnung und Kontur nicht schlecht stehen würde, in dieser Form und zu diesem Preis für die Hauptzielgruppe, nämlich Studierende und Doktoranden der Bibliotheks- und Informationswissenschaft, überhaupt noch zeitgemäß ist. E-Book und Druckausgabe kosten jeweils 99,95 Euro und im Paket 149,95 Euro. Welcher Dozent möchte seinen Studierenden ernsthaft zuraten, sich dieses Buch für den Schreibtisch zu kaufen, zumal zu den meisten der beschriebenen Methoden recht gute Einführungen zu weitaus günstigeren Preisen oder sogar frei im Web verfügbar sind?

Handbuch Methoden der Bibliotheks- und Informationswissenschaft

Die Wikipedia informiert: “A reference work is a book or serial to which one can refer for confirmed facts.” Damit hätte man bereits einen Ansatzhebel für die Einschätzung a) ob deGruyter den Titel in die richtige Reihe geschoben hat und b) ob das Handbuch bei dieser Zuordnung hält, was die Gattung verspricht.  Weitere Aspekte  dafür wären: “The information is intended to be found quickly when needed.”, “Reference works are usually referred to for particular pieces, rather than read from beginning to the end.” und “The writing style used in these works is informative; the authors avoid use of the first person and emphasize facts.” Wäre die Welt wikipedianisch, wäre eine Kritik auch anders und vielleicht einfacher möglich gewesen – dies sogar aus der bibliothekspraktischen Sicht, nämlich in Beantwortung der Frage ob sich die Anschaffung des Titels aus dieser Hinsicht lohnt. Die Nachfrage, auch das zählt ja, ist übrigens offenbar gegeben. Von den 10 Exemplaren im Berliner Grimm-Zentrum sind derzeit 8 entliehen und ein neuntes ist Teil des Präsenzbestandes.

Wer ein konkretes wissenschaftliches Projekt durchführen möchte, findet in der überwiegenden Zahl der Beiträge naturgemäß mehr einen Impuls als eine erschöpfende Abhandlung, wird also ohnehin nach weiterführenden Darstellungen suchen. Das eigentliche Desiderat, eine integrative und auch kritische Auseinandersetzung mit der Grundfrage, was eine typische bibliotheks- und informationswissenschaftliche Methodologie kennzeichnet, wird von dem vorliegenden Band dagegen nicht adressiert.

Man kann also Oliver Schoenbeck nicht wirklich widersprechen, wenn er in seiner Besprechung des Bandes für die Informationsmittel (IFB) notiert:

„Gerade angesichts der inhaltlich so verschiedenen Methoden hätte dem Band wohl auch eine stärkere Strukturierung gut getan.“

Aber auch bei ihm klingt ein Anspruch an, dass der Band unbedingt auch für die konkrete Praxis genutzt werden sollte:

„Hier hätte man sich ein weniger akademisches Methodenverständnis gewünscht.“

Dahinter steht möglicherweise in beiden Fällen das klassische Problem, dass die Bibliotheks- und Informationswissenschaft nach wie vor in der Bibliothekspraxis nicht als freie und unabhängige Wissenschaftsdisziplin anerkannt wird, sondern nur als eine Art Zulieferinstanz oder „Formen des Luxus“ (Barbian) Akzeptanz findet. Das darf die Praxis natürlich. Aber aus wissenschaftstheoretischer Sicht ist diese immer wieder aufglimmende Legitimationsforderung nicht haltbar. Eine Wissenschaftsgemeinschaft muss sich schon nach Art. 5 Abs. 3 GG nicht vor dem von ihr betrachteten Praxisfeld rechtfertigen. Kein Schriftsteller würde von der Literaturwissenschaft verlangen, dass ihre Erkenntnisse für seine Arbeit nützlich sind.

Zweifellos ist die ideale Welt eine, in der sich Bibliothekspraxis und Bibliothekswissenschaft permanent gegenseitig befruchten, denn die besondere Konstellation von Gegenstand und wissenschaftlichem Analyseapparat ermöglicht dies im Fall von Bibliothek und Bibliothekswissenschaft in spezifischer Weise. Genauso aber ist es der (universitären) Bibliothekswissenschaft als Wissenschaftsdisziplin gestattet, sich auch völlig unabhängig von den Mühen der Ebenen der Bibliothekspraxis bewegen. Sie ist kein Dienstleister für ein Bündel von Institutionen und eigentlich auch keine Ausbildungseinrichtung für Bibliothekare.

Die besondere Situation in Deutschland, in der auch das Berliner Institut seit langer Zeit feststeckt, macht dies in der Praxis weniger trennbar. De facto finden viele der Absolventen den Weg in die Bibliothekspraxis, was erfahrungsgemäß für alle Beteiligten nur gut ist. Es wäre gerade deshalb wünschenswert, wenn die Diskussion auf gegenseitigem Respekt und der Anerkennung der Eigenständigkeit der akademischen Disziplin Bibliotheks- und Informationswissenschaft, die sich Binnendiskurse zu ihrer Methodologie genauso leisten darf wie suboptimale Methodenhandbücher, beruhte und nicht auf dem Anlegen falscher Maßstäbe.

Dass das Handbuch ein schwieriger Fall ist, dass es mittlerweile gegenwärtige Formen gäbe, zum Beispiel eine dynamische Variante, in der man stillschweigend den Ratschlag aus dem Kapitel zur Usability-Forschung „Beschriften der Videokassette, ggf. neue einlegen“ (S.255) in „Eindeutige Benennung der Datei und Speicher-Backup“ verändern könnte, wissen Herausgeber und Autoren vermutlich selbst sehr gut.

Der Hauptkritikpunkt, neben dem Publikationsmodell an sich, bleibt sicher der, den Oliver Schoenbeck herausstellt:

„[…] Eine deutlichere Herleitung der einzelnen Beiträge aus dem inhaltlichen Anspruch und den Fragestellungen der Disziplin ist nicht immer gegeben. Man scheint den einzelnen Autoren überlassen zu haben, diese Herleitung – eine Chance, die mal wahrgenommen und mal vertan wurde.“

also der fehlende Überbau, der die Methodenbeschreibungen überhaupt zu einer Methodologie systematisiert. Um das Beste aus der Sache zu machen, wäre denkbar, dass die Herausgeber und die Autoren die Beiträge vielleicht realisiert in einem Projektseminar am IBI in ein Wiki einpflegen und so als aktualisierbare, dialogisch gerichtete und dynamische Basis für jede Methodenfrage einer aktiven und reifen Bibliotheks- und Informationswissenschaftscommunity etablieren. Als 100-Euro-Handbuch ganz alter Schule scheint die Arbeit bei aller Mühe tatsächlich vor allem aus der Zeit gefallen.

(Berlin, 19.06.2014)

 

. Jan-Pieter Barbian (2014) Begrenzter Mehrwert. Ein Handbuch für Theoretiker, die Erkenntnisse über die Praxis gewinnen wollen. In: BuB, 66 (2014), 06, S. 487f.

. Oliver Schoenbeck (2014) Schoenbeck, Oliver Rezension zu: Handbuch Methoden der Bibliotheks- und Informationswissenschaft: Bibliotheks-, Benutzerforschung, Informationsanalyse / hrsg. von Konrad Umlauf … Red.: Petra Hauke. – Berlin [u.a.] : De Gruyter Saur, 2013. – 560 S. : graph. Darst. ; 25 cm. – (Reference). – ISBN 978-3-11-025553-9. Informationsmittel IFB. ISSN 1619-3954. Verfügbar über: http://oops.uni-oldenburg.de/1755/

. Konrad Umlauf, Simone Fühles-Ubach, Michael Seadle (Hrsg.) (2014) : Handbuch Methoden der Bibliotheks- und Informationswissenschaft: Bibliotheks-, Benutzerforschung, Informationsanalyse. Berlin [u.a.] : De Gruyter Saur. Informationsseite zum Titel beim Verlag

Von Molotowcocktails in (französischen) Bibliotheken und dem Leben in den Banlieues

Posted in LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 15. Mai 2014

Von Karsten Schuldt

Zu: Merklen, Denis (2013) / Pourquoi brûle-t-on des bibliothèques ?. – [Papiers]. – Villeurbanne : Presses de l’enssib, 2013

D’un côtè, la bibliothèque est perçue comme « une chance pour le quartier », comme une forme dàccès à la culture, comme un investissement prestigieux, comme un espace ouvert à tous et apprécié de beaucoup, particulièrement investi par les familles, les enfants, les jeunes filles, les personnes âgées. Mais de l’autre côté, l’attaque de la bibliothèque vient signifier tout l’arbitraire de cette « intervention » de l’État, et d’un autre groupe social, dans « notre espace » du quartier. Les habitants [de quartiers] dèplorent alors les normes qui leur sont imposées par un autre groupe social et le contrôle que ce groupe exerce sur des ressources financières importantes. » (Merklen 2013, 313)

In französischen Vorstädten werden immer wieder, gerade bei grösseren Auseinandersetzungen zwischen der dortigen Bevölkerung und der Polizei, Öffentliche Bibliotheken angegriffen, verwüstet oder gar angezündet. Dies passiert nicht täglich, aber doch öfter, als es im deutschsprachigen Raum bekannt ist. Denis Merklen zählt in seinem hier zu besprechenden Buch zwischen 1996 und 2013 immerhin 70 solcher Vorfälle. Diese Zerstörungen von Bibliotheken werden zumeist mit Unverständnis und Ablehnung kommentiert, vor allem von der Politik und Presse. Aber diese Unverständnis klärt nicht darüber auf, wieso sie so oft vorkommen.

In seiner Studie Pourquoi brûle-t-on des bibliothèques ? (Warum die Bibliotheken abfackeln?) unternimmt Merklen auf mehr als 300 Seiten den Versuch, die Motivationen hinter diesen Angriffezu beschreiben. Dabei ist der Autor kein Bibliothekar, sondern ein Soziologe, welcher das Buch auf einer Studie aufbaut, die er und seine Kolleginnen und Kollegen von 2006 bis 2011, mit Nachrecherchen in 2012, in Plain Commune – einer Agglomerationsstruktur, welche mehrere Gemeinden bei Paris umfasst und rund 300.000 Einwohnerinnen und Einwohnern in den Banlieues genannten Stadtteilen beherbergt – durchgeführt haben. In diesem Untersuchungsgebiet befinden sich 23 Öffentliche Bibliotheken, mehrere davon wurden in der Vergangenheit bei Auseinandersetzungen angegriffen. Die Methode dieser lang angelegten Studie lässt sich, mit sichtbaren Anlehnungen an Pierre Bourdieu, als „dichte Beschreibung“ begreifen. Merklen versucht, die Situation aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu verstehen, sowohl aus der Sicht der Bibliothekarinnen und Bibliothekare als auch aus der Sicht der Bewohnerinnen und Bewohner der Banlieues, gleichzeitig aus der Struktur der französischen Gesellschaft und der Diskurse in dieser Gesellschaft als auch aus kulturellen Ansprüchen. Regelmässig verweist er dabei auf Südamerika – in dem er mehrere Jahre lang geforscht hat – als Kontrastfolie, um die Entscheidungen, die in den untersuchten Bibliotheken getroffen werden, als Entscheidungen und eben nicht als unabänderliche Situationen zu verstehen. Zudem ist er relativ unbeteiligt – weder verteidigt er die Bibliotheken, noch verurteilt er sie. Mit volltuender soziologischer Offenheit beschreibt er als Aussenstehender Haltungen unterschiedlicher Seitegerade als Haltungen und Diskurse, ohne sich mit einer gemein zu machen. Das heisst auch, dass bestimmte Diskurse, die Bibliotheken sich untereinander beständig gegenseitig erzählen verständlich werden als Erzählungen, die eine Situation informieren – wobei aber gleichzeitig klar wird, wie sehr diese Erzählungen von anderer Seite nicht geteilt werden müssen.

Die Bibliothek als Elite

Das Bild, welches Merklen von der Situation in den Banlieues zeichnet, ist nicht vorteilhaft, schon gar nicht für die Bibliotheken. Dabei verweist er immer wieder darauf, dass (a) die Bibliothekarinnen und Bibliothekaren ihre Arbeit als sinnvoll, kulturell bereichernd und Chancen-schaffend verstehen – sich also als die Guten sehen, die Gutes bringen – und (b) gleichzeitig die Bibliotheken bemüht sind, sich zu moderne Einrichtungen zu entwickeln, inklusive neuer Medien, ein Zugehen auf die Jugend und die Kulturen in den Banlieues sowie des Akzeptierens der sich wandelnden Rolle der Öffentlichen Bibliotheken. Das allerdings heisst nicht, dass dies auch von der Bevölkerung der Banlieues so wahrgenommen wird.

Angriffe auf Bibliotheken sind Angriffe, die sich nicht unbedingt auf die Bibliothek als Einrichtung beziehen. Die Bibliothek wird bei Auseinandersetzungen oft als Teil des französischen Staates beziehungsweise des französischen Kulturanspruches verstanden: Polizei, Schule, Ämter, Bibliothek werden dann als Teil eines Ganzes begriffen, welche für die Situation in den Banlieues verantwortlich sind und gleichzeitig die Kulturen dieser Vorstädte angreift. Sicherlich: Die Bibliotheken sehen dies nicht so. Sie verstehen sich als freiwillig aufzusuchende Kultureinrichtungen, die vollständig freie Angebote machen. Teilweise – so Interviews mit dem Personal von Bibliotheken, die Merklen anführt – verstehen sie sich als explizit als „antiscolaire“ (anti-schulisch). Vor allem sehen sie keine Verbindung zur Polizei oder den Ämtern und deren struktureller Gewalt. Merklen beschreibt sehr nachvollziehbar, wie Bibliotheken sich selber als Orte zu konstituieren versuchen, welche gänzlich ausserhalb der sozialen Auseinandersetzungen stehen (und bei dieser Haltung von Politik und Kultur unterstützt werden).

Comme nous l’avons vu, les bibliothècaires répètent à l’envi qu’ils ne sont pas de enseignants. Apparemment, tout les distingues. Tandis que maîtres er professeurs font de la lecture une obligation et un programme, eux sont là pour la « lecture plaisir ». Pas d’utilitarisme ni d’instrumentalisation, pas de calcul, pas de contrainte. De plaisir. Voilà une fiction par laquelle ils cherchent à se maintenir dans un espace protégé. Car contrairement aux institutions scolaires, ils seraient « innocents » du point de vue des conflits soxiaux, des dynamiques d’exclusion er des formes de domination auxquelles participerainent celles-ci. Ils ne demandent donc qua être maintenus à l’écart des conflits. Et peu importe la caractère fallacieux de cette représentation. (Merklen 2013, 130f.)

Dieser Anspruch allerdings ist, wie Merklen zeigt, nicht zu halten. Die Bibliotheken werden sowohl von Seiten der Bevölkerung in den Banlieues als auch von der Politik als Einrichtungen gesehen, welche die Werte der französischen Republik qua Kultur repräsentieren, insbesondere im aktuellen Prozess des Stadtumbaus („renovation urbaine“), welcher in den untersuchten Gebieten forciert wird. Ein Teil der Bevölkerung und die Bibliotheken sowie die Politik begreift die Finanzierung und den Aufbau dieser Bibliotheken als Angebot an die Bewohnerinnen und Bewohner, Teil der französischen Gesellschaft zu werden. Aber ein anderer Teil der Bevölkerung begreift die Bibliotheken allerdings als Eindringlinge in „ihr Gebiet“, quasi als weicher Arm von Polizei und Ämtern. In Situationen, in denen die Werte der französischen Republik angezweifelt oder vielmehr – wie es in den Auseinandersetzungen in den Banlieues normal ist – als Scheinheiligkeit begriffen werden, hinter denen sich eine sozial ungerechte und rassistische Gesellschaft versteckt, die im Besten Fall alle Bewohnerinnen und Bewohner zur Mittelstandsbevölkerung erziehen will, wird genau diese Position abgelehnt. Merklen verweist in einem Kapitel, in dem er sich mit der literarischen Produktion „um die Bibliotheken drumherum“ (welche diese nicht wahrnehmen würden, sondern mit dem Anspruch, selber Kultur anzubieten praktisch zur Unkultur oder Nicht-Kultur negieren) wie dem französischen Rap oder dem Verlan (der französischen Jugendsprache, welche durch ständige Vokal- und Silbenumstellungen und einer grossen sprachlichen Flexibilität geprägt ist) beschäftigt, explizit auf den Rap „Lettre à la République“ von Kery James (Merklen 2013, S. 175ff.), welcher mit den Zeilen beginnt: „Á tous ces racistes à la tolérance hypocrite / Qui out bâti leur nation sur le sang“ („an all die scheinheilig Toleranz rufenden Rassisten / die ihre Nation auf Blut erbaut haben“).

Die Bibliotheken würden sich gerne als Einrichtungen ausserhalb dieser Auseinandersetzungen sehen, die nur positive Angebote machen; dabei sind sie Teil der Auseinandersetzungen, zumal Merklen mehrfach in Frage stellt, ob die „Kultur“ und die Angebote, welche Bibliotheken mit gutem Gewissen machen, tatsächlich wertfrei sind. Vielmehr zeigt er, dass eine als universell verstandene französische Kultur vertreten wird, bei der gleichzeitig das Versprechen gegeben wird, dass, wer sich ihr anpasst, auch einen Aufstieg in die französische Gesellschaft machen wird. Dies begreifen Bibliotheken – aber auch Schulen – als die Chance, die sie der Bevölkerung bieten. Auch dies ist eine Sichtweise, die in den Banlieues nicht unbedingt geteilt wird. Werden Konflikte zum Beispiel als rassistisch begriffen oder wird klar, dass eine hohen Universitätsabschluss auch nicht den versprochenen Aufstieg garantiert, sondern der Wohnort sich trotzdem negativ auf die Zugangschancen zum Arbeitsmarkt auswirkt, wird auch das Versprechen der französischen Kultur unglaubwürdig. Zumal, wie Merklen betont, diese Kultur sich zwar wandelt und zum Beispiel die politische Literatur und Musik der 1960er und 1970er integriert hat, aber eben nicht von den heutigen Jugendlichen beeinflusst werden kann.

Grundsätzlich zeichnet Merklen das Bild von zutiefst verunsicherten Bibliothekarinnen und Bibliothekaren, welche die Umgebung ihrer Bibliotheken nicht verstehen – sich aber von dieser Umgebung auch massiv unterscheiden, weil zum Beispiel fast niemand von ihnen je in Banlieues gewohnt hat oder weil sie alle feste Stellen haben, im Gegensatz zum Grossteil der Bevölkerung, die keine oder nur prekäre Stellen haben oder auch, weil sich für sie der Aufstieg durch Bildung oft bewahrheitet hat, während dies bei Bewohnerinnen und Bewohner der Banlieues nicht unbedingt der Fall ist – und auch nicht von der Umgebung angenommen werden. So haben die Bibliotheken in den Banlieues durchschnittlich viel geringere Nutzungszahlen (rund 10% der Bevölkerung als aktive Nutzerinnen und Nutzer versus rund 20% im nationalen Durchschnitt) und erreichen zu grossen Teilen Kinder bis 14 Jahren, aber nicht darüber hinaus.

Konflikt, nicht Gewalt

Angriffe auf Bibliotheken sind aber nicht nur Angriffe auf den französischen Staat, sondern auch auf Bibliotheken im Besonderen. „C’est le soit disant frimeur qui vous envoie ce message si gentiment“ („Es sind die Angeber, denen wir mit Freuden diese Nachricht bringen“) steht mit Schreibmaschine geschrieben auf einem Papier, dass um einen Stein gewickelt wurde, welcher gegen die Ausstellung einer der untersuchten Bibliotheken geschleudert wurde und der im Buch abgebildet ist. Die Distanz ist sichtbar: Die Bibliothek als Angeber, als Einrichtung, die sich etwas besseres dünkt und die nicht als Gleiche akzeptiert wird.

Gleichzeitig sehen die Bibliotheken ihre Umgebung nicht positiv. Vielmehr nehmen sie diese wahr als von Armut und Perspektivlosigkeit bestimmt, als überwältigend viel und konzentriert auf wenige Orte (auch, weil die Bibliothekarinnen und Bibliothekare fast alle in anderen Städten und Umgebungen wohnen und aufgewachsen sind, die keine so hohe Dichte aufweisen), als Ansammlung unterschiedlicher Ethnien (und nicht unbedingt französischer Individuen mit unterschiedlicher Herkunft) und von Gewalt geprägt. Das ist nicht unbedingt falsch, aber (a) haben die Bibliotheken, wie schon erwähnt, den Eindruck, von dieser Situation nur betroffen, aber nicht an ihr beteiligt zu sein (was ein Teil der Bevölkerung anders sieht) und (b) tendieren sie dazu, diese Situation nicht verändern zu wollen. Merklen kommt mehrfach auf einen Vorfall zurück, in dem ein junger Mann „Salaam alaikum“ grüssend eine Bibliothek betritt, was von dem anwesenden Bibliothekar als Provokation verstanden wird. Ob es eine solche ist, ist unklar, allerdings macht Merklen mit der mehrfachen Diskussion klar, dass die Bibliothek und die Beziehung zu ihrer Umgebung unterschiedlichen Deutungsrastern und Erfahrungen unterliegen: Ist es zum Beispiel eine rassistische oder kulturalistische Interpretation des Bibliothekars? Ist es wirklich eine Provokation? Ist es ein normaler Gruss? Ist es ein Angriff auf den säkularen französischen Staat? Ist es unbewusst oder ist es gewollt gesagt worden?

Grundsätzlich gelangt Merklen dazu, die Situation zwischen Bibliothek und Banlieue als Konflikt zu beschreiben. Der Augenmerk sollte sich nicht auf den Akt der Zerstörung legen, sondern dieser Akt sollte als Teil einer tiefergehenden Auseinandersetzung verstanden werden. Diese Auseinandersetzung ist komplex, es gibt keine einfach richtigen, guten oder auch nur konsistenten Positionen. So ist zum Beispiel auch unter der Bevölkerung in den Banlieues nicht klar, ob die Bibliothek eine Chance und ein Angebot ist oder ein Eindringling. Klar ist allerdings am Ende der Studie, dass die Bibliotheken sich nicht als neutrale Einrichtungen begreifen können. Sie vertreten eine Kultur – zumal mit der Betonung des Buches als Kulturgegenstand, die zumindest vor den aktuellen Umbauten in den untersuchten Bibliotheken vorherrschten – und diese Kultur ist weder so offen, wie sie von Ihren Vertreterinnen und Vertretern verstanden wird, noch ist sie so universell, wie dies von der französischen Politik verstanden wird.

Ein wichtiger Hinweis, den Merklen anbringt, ist allerdings, dass es bei diesem Konflikt nicht per se um die Bibliotheken allein geht. Auch andere Einrichtungen haben kaum Kontakt zur Bevölkerung in den Banlieues. So sind die untersuchten Gebiete politisch von der PCF, der Kommunistischen Partei Frankreichs, dominiert, bei der man erwarten würde, dass sie auf die Interessen der Personen in den Banlieues, die von Armut betroffen sind, genauso eingeht, wie sie darauf achten sollte, das die institutionellen Strukturen nicht rassistisch wirken. Aber auch dies ist nicht so einfach. Dass es immerhin 23 Bibliothek in diesem Gebiet gibt, ist auch der PCF zu verdanken, die solche Kultureinrichtungen als notwendig ansieht. Nur ist dies offenbar nicht unbedingt die Meinung der Bevölkerung. Allerdings geht auch nur eine sehr geringe Zahl dieser Bewohnerinnen und Bewohner, weit unter 50%, überhaupt wählen. Auch andere politische Bewegungen haben nur geringen Einfluss auf die Bevölkerung. Dies hat, so zumindest Merklen, auch damit zu tun, dass die Politik dieser Bewegungen – egal ob PCF oder organisierten Katholizismus – in Konflikten und Politikformen verfangen ist, die von dieser Bevölkerung so nicht gesehen oder akzeptiert werden. Praktisch alle Beziehungen zwischen offizieller Kultur und Banlieues sind konfliktgeladen, Bibliotheken sind da nur ein Teil des Konfliktes. Gewalt wird, wenn man Merklen in seiner Analyse folgt, in der einen oder anderen Form von allen Seiten angewandt, egal ob mit Steinen und Molotowcocktails, mit Polizeiaufgebot und Vorschriften oder strukturell. Das ist nicht mit besserem Bibliotheksmarketing oder anderen Strategien, die im Bibliothekswesen gerne besprochen werden, sondern nur mit einer Veränderung von Bibliothek, Gesellschaft und Banlieues zu erreichen, die auf einem Anerkennen der Situation – und nicht unbedingt einem reinen Skandalisieren von Gewaltausbrüchen allein – basieren muss.

Für mehr französisch in den deutschsprachigen Bibliotheken

Die Studie von Denis Merklen ist anders, als alles, was man in der deutsch- oder englischsprachigen Literatur zu Bibliotheken liesst. Sie ist eine Langzeitstudie, die mit soziologischem Instrumentarium „von aussen“ an die Bibliotheken herangeht und Dinge, die sich Bibliotheken immer wieder gegenseitig erzählen – Bibliotheken sind anders als Schulen, Bibliotheken sind offen, Bibliotheken sind soziale Zentren – einmal im gesellschaftlichen Zusammenhang als uneingelöste Ansprüche thematisiert. Das Buch ist unbedingt zu empfehlen. Es zeigt unter anderem, wie gefährlich es ist, sich beim Erkunden der Wirkung von Bibliotheken auf einfache Methoden wie Umfragen, Expertinnen- und Experteninterviews oder Social Audits zu verlassen; da diese fast immer nur ein Seite der Situation zeigen (ohne das diese als Konflikt begriffen werden kann).

Vor einigen Monaten besprach ich schon ein ebenso soziologisches Werk aus Frankreich zu Personen ohne festen Wohnsitz in der Bibliothek des Centre Pompidou in Paris sehr positiv (Paugam, Serge ; Giorgetti, Camila (2013) / Des pauvres à la bibliothèque : Enquête au Centre Pompidou. – Le lien social. – Paris : Presses Universitaires de France, 2013, Besprechung hier), des Weiteren empfehle ich immer wieder gerne „Du lecteur à l’usager“ (Roselli, Mariangela ; Perrenoud, Marc (2010) / Du lecteur à l’usager : ethnographie d’une bibliothèque universitaire. Socio-logiques. Toulouse : Presses universitaires du Mirail, 2010) über die Nutzerinnen und Nutzer in der Universitätsbibliothek Toulouse als eine der tiefgreifendsten Untersuchungen über die Nutzung von Bibliotheken. Auch der vor kurzem aus dem Französischen übersetzte Text Die Bibliothek, eine Frauenwelt (Roselli, Mariangela (2013) / Die Bibliothek, eine Frauenwelt. Analyse und Folgen der Segmentierung des jungen Publikums in den Bibliotheken. In: Bibliothek. Forschung und Praxis 37 (2013) 3, 322-330) scheint mir herausragend im Sachen Erkenntnis über Bibliotheken und deren gesellschaftliche Wirkung zu sein. Grundweg wird für mich immer mehr sichtbar, dass die deutschsprachigen Bibliothekswesen mehr über die gesellschaftlichen Wirkungen von Bibliotheken lernen können, wenn sie diese Literatur sowie die darin enthaltenen Forschungsfragen, -methoden und -haltung wahrnehmen. Insoweit ist diese Besprechung auch ein Aufruf, mehr Französisch zu lesen.

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