LIBREAS.Library Ideas

Bibliotheksgeschichte aktuell: Ein Blick auf Rafael Ball und Ideen zur Literaturversorgung im Jahr 1997.

Posted in LIBREAS.Debatte by Ben on 11. Februar 2016

Eine Anmerkung von Ben Kaden (@bkaden)

Man ist geneigt, in Rafael Ball, den Direktor der Bibliothek der ETH Zürich, nach seinen jüngsten Äußerungen einen nur mit begrenzter Bodenhaftung ausgestatten Radikaldenker des zeitgenössischen Bibliothekswesens zu sehen. Im Prinzip folgt er jedoch, und auch das muss man anerkennen, einer bibliothekstheoretischen Ideenwelt, die einmal sehr progressiv war. (Und, wir erinnern uns, gegen massive Vorbehalte ankämpfen musste.)

Deutlich wird dies ein wenig beim Blick in die Bestände mit Ausgaben der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Er verfasste für die Zeitung über einige Jahre nämlich mehr als 50 Artikel zu diversen Wissenschafts- und Bibliotheksthemen. In diesem journalistischen Schaffen lassen sich unschwer die Vorläufer dessen erkennen, was seine aktuellen Äußerungen heute motiviert. (more…)

Open Access zerstört die Wissenschaft. Meint Urs Heftrich in der FAZ.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Debatte by Ben on 5. Februar 2016

Eine Anmerkung zu: Urs Heftrich: Studieren geht über kopieren. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.02.2016, S. 14. online bei faz.net

von Ben Kaden (@bkaden)

Auch an einem schönen Freitag wie diesem gibt es manchmal traurige Nachrichten. In der FAZ nämlich meldet der Heidelberger Slavist Urs Heftrich: “Open Access macht alles kaputt – die Verlage, die Bücher, die Wissenschaft”. Das kann man erstmal so stehen und wirken lassen und sich an die seit Jahren verkündeten Untergangsentwürfe von Roland Reuss und Matthias Ulmer erinnern. Zweiterer gehört nämlich auch in diesen Kontext, da Urs Heftrich seinen Feuilleton gewordenen Albdruck mit dem mittlerweile berühmten Fall der elektronischen Leseplätze an der TU Darmstadt eröffnet.

Heute, so rechnet der Autor vor, können sich Studierende für den Preis eines USB-Sticks, den er bei fünf Euro ansetzt, 400.000 Seiten Digitalisat in die Tasche stecken, “hinter denen die oft jahrelange Arbeit mehrerer Personen steckt”, was auch immer das heißen mag. Aber nicht nur das. In Urs Heftrichs dystopischer Mediennutzungswelt werden diese Seiten dann von den Studierenden umgehend auf Filesharingseiten angeboten. Und dann? Na ja, dann rollt die “Lawine”, die wohl dafür sorgen wird, dass niemand mehr geisteswissenschaftliche Fachliteratur kauft, weil es so viel Freude bereitet, aus dem Internet schwarz heruntergeladene Scans zu lesen… (more…)

Stellungnahme des Vorstands des LIBREAS e.V. zur angekündigten Schließung der Düsseldorfer Informationswissenschaft.

Posted in LIBREAS aktuell by libreas on 21. Januar 2016

Mit großem Erstaunen musste der Vorstand des LIBREAS-Vereins zur Kenntnis nehmen, dass die Philosophische Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf das Fach und den Studiengang der Informationswissenschaft als entbehrlich ansieht. (vgl. hier) Wir halten diese Sicht für einen großen Fehler.

Bereits der tägliche Blick in die Zeitungen – auch in die gedruckten – offenbart vor allem eines: Die Gesellschaft, ihre Diskurse, ihr ökonomisches Fundament, ihre kulturelle Verständigung und ihr Erkenntnisprogramm namens Wissenschaft sind mehr und mehr digitalisiert. Man kann das mögen oder nicht, es ist ein unausweichbarer und unumkehrbarer Trend, der gerade deshalb umso mehr gestaltet werden muss. Besonders die gegenwärtige Hilflosigkeit vieler Akteure auch in der Wissenschaft im Umgang mit dieser Transformation unterstreicht, wie notwendig es ist, sich systematisch, analytisch, verstehend und erklärend mit digitalen Phänomenen auseinanderzusetzen, um die Rahmenbedingungen und Entwicklungen adäquat begleiten zu können.

Gäbe es für diesen Erkenntniskomplex keine Wissenschaft, müsste man eine erfinden. Glücklicherweise gibt es ein Fach, das bereits mit einiger Tradition als Schnittstellendisziplin genau die Agenda zu adressieren in der Lage ist, deren Wucht erst jetzt deutlich wird. Man kann die Community der Informationswissenschaft zu Recht dahingehend kritisieren, dass sie diese Rolle bislang nicht zureichend zu kommunizieren verstand. Man kann bzw. muss sich wünschen, dass sie zukünftig aktiver, kritischer und engagierter bestimmte Fragestellungen angeht und zum Beispiel die Idee der Informationsethik wieder belebt. Was man gerade nicht kann bzw. sollte, ist, sie abzubauen.

Die anstehende Düsseldorfer Entscheidung einer Schließung scheint uns ungeachtet eventueller interner organisatorischer Überlegungen als ein zeit- und wissenschaftsblindes Signal. Es ist aus unserer Sicht nicht vermittelbar, warum man anstatt eine derart zeitgemäße Disziplin weiter aufzuwerten, auszubauen und die offensive Neupositionierung des Faches anzugehen, eine Schließung überhaupt ins Auge fasst. Der Wissenschaftsstandort Düsseldorf verspielt hier leichtfertig eine Chance.

Möglicherweise gegebene Sparzwänge sind sinnvollerweise und zwar nicht zuletzt auch aus volkswirtschaftlichen Gründen, sachlich reflektiert und nicht rein fiskalisch motiviert umzusetzen. Was im Jahr 2016 sachlich für den Abbau einer Disziplin spricht, die die Themen der Stunde adressiert, wurde bisher nicht kommuniziert.

Der LIBREAS. Verein zur Förderung der bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Kommunikation appelliert an die Weitsicht und Vernunft des Fakultätsrates der Philosophischen Fakultät sowie des Rektorats der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, die für den kommenden Dienstag geplante Entscheidung auszusetzen und grundsätzlich zu überdenken.

Berlin, den 21.01.2016

(Die Stellungnahme wird postalisch an den Dekan der Philosophischen Fakultät,Prof. Dr. Ulrich Rosar, sowie an die Rektorin der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Prof. Dr. Anja Steinbeck, übermittelt.)

Jubiläumsausgabe #28: Die Bibliothek als Idee der LIBREAS. Library Ideas erschienen

Posted in LIBREAS aktuell by Karsten Schuldt on 28. Dezember 2015

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Zur Tradition der LIBREAS. Library Ideas gehört, dass am Ende, bei der Veröffentlichung der Zeitschrift, alles noch ein wenig länger dauert als geplant. Insoweit ist es nur passend, dass die Jubiliäumsausgabe zum 10. Jahr LIBREAS erst jetzt, zwischen den Jahren, erscheint. Grundlage der Ausgabe ist das Symposium zu diesem Termin im September 2015 in Berlin zum Schwerpunkt “Die Bibliothek als Idee” stattfand. Auch die anderen Artikel der Ausgabe beschäftigen sich mit diesem Thema. Am Ende ist es eine erstaunlich interdisziplinäre Ausgabe geworden, über die wir als Redaktion sehr froh sind und hoffen, dass sie Ihnen / Euch als Leserinnen und Leser ebenso anregt.

Redaktion LIBREAS

(Berlin, Bielefeld, Chur, München)

Einladung: 10 Jahre LIBREAS – Symphosium am 12.09.2015 in Berlin

Liebe Mitlesende,

in diesem Jahr wird die Open Access-Zeitschrift LIBREAS. Library Ideas [http://libreas.eu] zehn Jahre alt. Das wird am 12. September 2015 mit einem Symposium unter dem Motto “Die Bibliothek als Idee” gefeiert – im und in enger Kooperation mit dem ICI Berlin Institute for Cultural Inquiry [http://www.ici-berlin.org]. Unschwer zu erkennen: Das Symposium thematisiert inhaltlich angelehnt an den Titel der Zeitschrift (Library Ideas) die ideelle Seite der Bibliothek. Innerhalb des interdisziplinären Rahmens sollen vor allem kulturwissenschaftliche Forschungen die Bibliothek als Heterotopie in den Blick genommen werden.

Die Website zur Veranstaltung ist via http://www.libreas-verein.eu/l10 zu erreichen, wo unter anderem auch das vorläufige Programm zu finden ist:

09:30-10:00 Corinna Haas, Berlin: “Führung durch die ICI-Bibliothek”
10.00-10.30 [Ankommen]
10.30-10.45 Begrüßung
10.45-11.30 Karin Aleksander, Berlin: Eröffnungsvortrag: “Ist eine transdiszipläre Bibliothek möglich? Oder: Wie der Genderaspekt Idee und Ideal der Bibliothek herausfordert”
11.35-12.15 Ute Engelkenmeier, Dortmund: “Das Bild der Bibliothek und Bibliothekar/innen im TV-Genre ‘Comedy und Komödie'”
12.30-13.30 [Pause]
13.30-14.15 Olaf Eigenbrodt, Hamburg: “Idee und Raum der Bibliothek”
14.15-15.00 Frank Hartmann, Weimar (u. V.): TBA
15.00-15.30 [Pause]
15.30-16.15 Kirsten Wagner, Bielefeld: “Die architektonische Idee der modernen Bibliothek”
16.15-17.00 Hans-Christoph Hobohm, Potsdam: “Bibliothek vom Ort zum Akteur. Kann die Bibliothek als Heterotopie (nach Foucault) auch Akteur im Sinne der Akteur-Netzwerk-Theorie Latours sein?”

Anschließend folgt der Social Event im Clärchens Ballhaus [http://www.ballhaus.de/].

Ist Ihr Interesse geweckt? Seien Sie herzlich eingeladen dabei zu sein. Noch sind Plätze verfügbar. So lange es noch Kapazitäten gibt, geht es hier zur Anmeldung: http://www.libreas-verein.eu/l10j/l10j-anmeldung/

Die Teilnahme ist kostenfrei, Spenden für den LIBREAS. Verein werden aber natürlich mit offenen Armen entgegen genommen. Auch neue Vereinsmitglieder sind sehr sehr gerne gesehen: http://www.libreas-verein.eu/mitgliedschaftsantrag/%5Bhttp://www.libreas-verein.eu/mitgliedschaftsantrag/]

Viele Grüße im Namen der Journal-Redaktion und des Vereins

Matti Stöhr

Perspektiven für die Digital Humanities (z.B. als Post-Snowden-Scholarship).

Posted in LIBREAS.Debatte, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 30. Juni 2015

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

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In der letztwöchigen Ausgabe der New York Review of Books (LXII, 11) bespricht der Literaturkritiker Christopher Benfey Mark Greifs Buch The Age of the Crisis of Man: Thought and Fiction in America, 1933-1973 (Princeton : Princeton University Press, 2015). Besonders überzeugend findet er die Ausführungen Mark Greifs zum Aufkommen der Theory, die mit den Arbeiten von Autoren wie Claude Leví-Strauss oder Roman Jakobson und Jacques Derrida erst dem Strukturalismus und dann Folgetheorien zu einer Popularität in den Geistes- und Sozialwissenschaften in den USA verhalfen. Greif, so Benfey, sieht beispielsweise in der Dekonstruktion eine Wiederbelebung von Ideen des New Criticism, also streng formalistischer Annäherungen an literarische Texte. Benfey zieht nun die Verbindungslinie von den New Critics zu den Digital Humanists. Ähnlich, so schreibt er, wie einst die Neue Kritik von den traditionell orientierten Wissenschaftlern als ein zu klinischer Ansatz und daher als Gefahr gesehen wurde, sehen sich neue Formen des Lesens („new ways of reading“) heute mit dem Vorwurf, sie seien „antihumanistic“ konfrontiert. Diese neuen Formen des Lesens entsprechend nun dem, was hier unter Digital Humanities verstanden wird: (more…)

Call for Papers #28: Die Bibliothek als Idee (LIBREAS. Library Ideas – 10 Jahre bibliothekswissenschaftliche Reflexionen)

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS Call for Papers by Karsten Schuldt on 18. Juni 2015

2015 wird die Open Access-Zeitschrift LIBREAS. Library Ideas zehn Jahre alt. Das wollen wir, wie bereits angekündigt, mit einer Jubiläumsveranstaltung feiern. Das Symposium am 12. Septemberr in Berlin ist inhaltlich an den Titel der Zeitschrift, Library Ideas, angeleht und thematisiert somit die ideelle Seite der Bibliothek. Innerhalb des interdisziplinären Rahmens werden vor allem kulturwissenschaftliche Forschungen die Bibliothek als Heterotopie in den Blick nehmen.

Die Bibliothek kann einerseits als Metapher für das kulturelle Gedächtnis sowie als Spiegelbild, eventuell sogar pars pro toto der zeitgenössischen Gesellschaft und ihrer Wissenskulturen betrachtet werden. Das Charakteristikum der Institution Bibliothek ist die Spannung zwischen ihrem Ideal als gemeinnützige Sammlerin und Bewahrerin von als relevant eingestuftem Wissen und den Möglichkeiten, dies in der konkreten Praxis einzulösen. Die damit verbundenen Idealbilder der Institution Bibliothek und die damit verbundenen Ziele werden genauso in gesellschaftlichen und politischen Diskursen ausgehandelt wie die Vorstellung von dem, was bewahrenswertes und legitimes Wissen ist.

Zeigte sich nun diese Spannung nur durch den Unterschied zwischen eigenem Anspruch und realisierbarer Praxis, würden Idee und Anwendung in einem engeren Verhältnis stehen und sich gegenseitig begrenzen.

 

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Mittelalte Ideen für eine nie umgebaute Bibliothek in Berlin.

 

Die Externalität der konkreten Vorgaben und (ökonomischer) Rahmenbedingungen bringt eine weitere Dimension ins Spiel, die diesen Abgleich häufig verunmöglicht. Nicht selten bergen diese externen Interessen und Vorstellungen ein hohes Gefährdungs- bzw. Konfliktpotential für die Institution.

Unter anderem dadurch ergibt sich in der Bibliothekspraxis eine häufig produktive, oft aber desillusionierende Situation des beständigen Scheiterns. Dieses Problem versucht die Institution durch die stetige Suche nach Ausgleich der Spannung zwischen dem Ideal, dem Geforderten, dem Wirklichem und dem Machbaren zu lösen, ohne sie jemals aufheben zu können. Entscheidend ist hier, dass die konkreten gesellschaftlichen und politischen Vorgaben selbst durch – oft widerstreitende – Ideen davon geprägt sind, was die Institution Bibliothek eigentlich ist und was sie leisten soll.

Wir wollen jedoch weniger den wiederkehrenden Konflikt des Abgleichs zwischen Vorgabe und Praxis thematisieren, sondern vielmehr im Symposium und in der Ausgabe die Ideen von der Bibliothek selbst hinterfragen: Woher kommen sie? Wodurch haben sie sich gebildet? Wie unterscheiden sie sich? Wer hat und wer nimmt mit welchen Interessen Einfluss auf ihre Entwicklung? Dabei gehen wir davon aus, dass sich die Ideen genauso ändern können wie die äußeren Umstände (Vorgaben, finanzielle Möglichkeiten, technische Bedingungen et cetera). Idee und Realität, Tradition und Innovation treffen im Raum der Bibliothek in verschärfter und konkreter Weise aufeinander. Insofern können ihre sich in viele Richtungen streuenden Entwicklungen auch als temporäres Bild der aktuellen Gesellschaft und der diese prägenden und lenkenden (Wissens-)Kulturen aufgefasst werden.

In der Jubiläumsausgabe werden idealerweise die Vorträge des Symposiums als Jubiläumsausgabe veröffentlicht. Diese sollen jedoch gern durch weitere Positionen auf die Idee(n) der Bibliothek ergänzt werden. Dies muss, wie immer, nicht in der Form eines klassischen Aufsatzes geschehen. LIBREAS befürwortet ausdrücklich Einreichungen, die die Möglichkeiten des vernetzten, multimedialen, digitalen Publizierens kreativ aufgreifen – und lädt in jedem Fall herzlich dazu ein, die Idee der Bibliothek aktiv und offen zu be- und hinterfragen. Ebenso sind, wie immer, Beiträge abseits des Schwerpunktthemas herzlich willkommen. Deadline der Ausgabe ist der 15. Oktober 2015.

Ihre und Eure LIBREAS-Redaktion
(Bielefeld, Berlin, Chur, München, Potsdam)

 

Update, 19.06.2015

Nach berechtigtem Hinweis “Reflektion” zum richtigen “Reflexion” verändert. (Beliebte Fehler)

Wie viel Metropole braucht die Bibliothek? Eine Anmerkung zum BBK-Vortrag von Boryano Rickum.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Debatte by Ben on 22. April 2015

 von Ben Kaden (@bkaden)

Vor einem recht gut besuchten Auditorium von etwa 25 Teilnehmern erhielt man im gestrigen Berliner Bibliothekswissenschaftlichen Kolloquium des Instituts für Bibliotheks- und Informationswissenschaft die willkommene und leider eher seltene Gelegenheit, sich mit dem konzeptionellen Hintergrund eines Bibliotheksleiters jüngerer Generation auseinanderzusetzen. Boryano Rickum betreut seit Oktober 2014 die Bibliotheken in Berlins vielleicht metropolitansten Stadtteil – Friedrichshain-Kreuzberg –, der alle Potentiale, Probleme und Herausforderungen des derzeitigen urbanen Diskurses in Berlin ganz wunderbar auf engstem Raum verdichtet enthält. Folgerichtig ging es Boryano Rickum in seinem Vortrag auch um Begriff, Funktionen und gesellschaftliche Bedeutung von Metropolbibliotheken, wobei sich recht früh, nämlich bereits bei der etwas ausführlichen Definition des Konzepts Metropole herausstellte, dass man es eher mit vorläufigen Einsichten zu tun hat.

Das wiederum passt zur jungen Metropole Berlin, wobei freilich zu berücksichtigen wäre, dass selbstverständlich nicht die gesamte Hauptstadt strukturell der Metropolendefinition gerecht wird, sondern eher einige Hotspots. Selbst in Mitte findet man erstaunlich stille und einförmige Nachbarschaften, in denen man wenig von Diversität und urbaner Fülle ahnt und die sich auch – Zentralmerkmal der Metropole bei Rickum – als überindividueller Erinnerungsraum kaum auszeichnen. Das wird dann problematisch, wenn Rickum die hohen Ansprüche an eine Metropolenbibliothek mit der Forderung einer stärkeren Zentralisierung des Berliner Bibliothekswesens verknüpft. Der Kiez um den Boxhagener Platz ist nun einmal deutlich näher am idealgroßstädtischen Bild der andauernden Dynamik als die stillen Wohnstraßen in Lichterfelde Ost. Und vielleicht braucht man in Köpenick gar keine Metropol- sondern einfach eine überschaubare Stadtbibliothek.

Das Spannende an Berlin liegt ja nicht zuletzt hinsichtlich der Metropolnarrative, also der Stadt als geteilter Erinnerungsraum, darin, dass sich hier aufgrund der Stadtgeschichte im 20. Jahrhundert massive Brüche in jede Art von Stadtbild einschrieben, die Berlin als Metropole selbst einerseits weit übersteigen, in der Zeit der Teilung zwei sehr unterschiedliche Ausprägungen derselben Stadt hervorbrachten. (Ost: Vision der sozialistische Metropole der DDR, West: etwas schläfriger Sonderbereich mit begrenzten Möglichkeiten, an die urbane Kraft des Vorkriegsberlins anzuknüpfen, zugleich aber Zuzugsraum für eine hohe Zahl von, wenn man so will, (Sub)Kulturmigranten) Gerade aus dieser historischen Warte ist Berlin keinesfalls mit anderen Metropolen, die wenigstens in der westlichen Hemisphäre eine weitaus höhere kulturelle Kontinuität und Kohärenz aufweisen, vergleichbar. Man muss also fragen, wie griffig abstrakte Metropolendefinitionen in diesem Fall überhaupt sein können.

Stadtbibliothek Friedrichshain

Spiegel der Stadt: Die Bezirkszentralbibliothek Frankfurter Allee. (Quelle: urbanistiques / Flickr / Lizenz: CC BY-NC 2.0)

Der zweite Differenzierungspunkt, den man auf Rickums Metropolenkonzept reflektieren könnte, betrifft beim Beispiel Berlin in jedem Fall und in anderen Metropolen sicher anteilig, den Aspekt, dass die wirklich prägende Kulturelite, welche die laut Rickum Metropolen kennzeichnende Wissensproduktion und Innovationskultur prägt, vor allem global mobil ist. Es gibt durchaus Gründe für den hohen Zweitwohnungsanteil in der Stadt und insofern könnte man Teile der Stadt möglicherweise als Third Place per se sehen, an dem man sich, je nach Branche, zu bestimmten Anlässen trifft, wohlfühlt und kommuniziert. Die eigentliche Innovationsarbeit und vor allem kommerzielle Einlösung des Versprechens der vermeintlichen Kreativhochburg findet aber in anderen Zusammenhängen und zunehmend auch natürlich im digitalen Weltraum statt. Die Kreativindustrie erziehlt ihre Hauptumsätze nicht im Sankt Oberholz oder in den Showrooms der Münzstraße, sondern auf globalen (online) Plattformen, wobei Berlin vor allem als Marke und Versprechen monetarisiert wird. Zugleich dürfte ein großer Teil der dominanten Berlin-Narrative (Stichwort: Berghain) nicht aus Berlin selbst stammen, sondern externen Projektionen entspringen.

Interessant ist es nun, die Rolle der lokalen Bibliothek vor allem in diesem Zusammenhang zu reflektieren. Rickum sieht sie in der Aufgabe, stadtrelevantes und analytisches Wissen zu Sammeln und für die Stadtbevölkerung versteh-, nutz- und operationalisierbar zu machen. Die Bibliothek soll ein Diskursraum der Stadt und insbesondere für stadtpolitische Diskussionen sein und zugleich vielschichtigen Zugang zu den unterschiedlichen Metropolnarrativen bieten. Die Bibliothek als Raum wird also als Ort der Gewährleistung von Grundrechten wie der Versammlungs- und Informationsfreiheit verstanden. Wie schwierig das in der praktischen Umsetzung wird, zeigte die Diskussion im BBK, die sich an der Frage entzündete, ob die Bibliothek allen Gruppierungen – also dann auch Bergida- und NPD-nahen Gruppen – einen solchen Entfaltungsraum bieten sollte.

Eine denkbare Lösung fände sich vielleicht in einer ergebnisoffenen und streng an Tatsachen orientierten Kuratierung aktueller Themen und dem diesbezüglich relevanten Wissen für die Stadtbevölkerung. Versteht man, wie Rickum es andeutet, Bibliotheken als Emanzipationsorte, ist das sicher sinnvoller, als die Einrichtung vor allem als frei und beliebig bespielbaren Salon zu begreifen. Zugleich läge es gerade nahe, die Narrative der eigenen Metropole vor allem in einem übergreifenden Zusammenhang zu verorten und abzubilden. Wer die lokale Presse aufmerksam verfolgt, ist erstaunt von der – sicher vielen Metropolen eigenen – extremen Selbstbezüglichkeit der Diskurse. Man sollte hier klären, welche Aufgabe einer Bibliothek besser stände: die des Verstärkers oder die der Dekonstruktion. Aus Sicht einer konsequent emanzipatorischen Orientierung dürfte die Antwort klar sein.

Auch für eventuelle Folgediskussionen zum Thema wäre eine intensive Differenzierung erstrebenswert, denn in der Diskussion rotierte man ein wenig zu sehr in allzu bekannten Positionen um die – an sich sehr wichtige – Frage, wie politisch die (öffentliche) Bibliothek sein solle und – mehr im Vortrag – wie sie die Dynamik der lokalen Kreativszene aufgreifen kann.

Diese, offenbar übergreifend und etwas verklärend „Maker Communities“ genannten Gruppen, gilt es, so Rickum, über die Bibliothek zu vernetzen. Vorbilder sind hier Co-Workingspaces und andere Interaktionsräume, die, realistisch betrachtet, nicht selten vor allem deshalb blühen, weil kreative Arbeit häufig abseits stabiler Anstellungsverhältnisse und sehr häufig unter prekären Bedingungen stattfindet. Es zählt zur narrativen Kreativität Berlins, diese Herausforderung eines Schöpfens ohne soziale Sicherung zu einer Stärke umzuinterpretieren und daraus einen ganz eigenen Stolz zu entwickeln.

Fraglos kann eine Bibliothek ein für diese Arbeit ausgezeichneter Ort sein. Zugleich wäre sie als Informationshub aber vor allem dann relevant, wenn sie den so Aktiven nicht die Früchte kreativer Arbeit in dichter Ballung dokumentierter Großstadterzählungen rückpräsentiert, sondern praktische Anleitungen vermittelt, wie man überlebt, wenn man zu dem übergroßen Anteil derer gehört, denen die (freischaffende) Arbeit 2.0 keine dauerhaft stabilisierte Existenz bietet.

„Bibliotheken sind wichtig für die Resilienz einer Stadt.“ betonte Rickum und wagte die These, dass Städte ohne Bibliotheken kollabieren dürften. Sein Stadtbezirk sieht es im Bezug auf den Bücherbus für die lokalen Schulen offenbar nicht so und auch sonst hat Berlin eine umfängliche Bibliotheksschließungsgeschichte. Sich hier strategisch an die Selbstkonstruktion, Erinnerungskulturen und vor allem das Gegenwartsnarrativ eines sprudelnden Kreativbrunnens anschließen zu wollen, mag strategisch klug sein. Für die Resilienz wäre aber eine (Rück)Besinnung auf das, was man einst „Soziale Bibliotheksarbeit“ nannte, vielleicht noch passender. Will man Bibliotheken politisch positionieren, dann ist es zweifellos naheliegend, sie vor allem dazu zu benutzen, denjenigen Ressourcen (Wissen, Begegnungsräume, Arbeitszonen) bereitzustellen, die ohne diese Ressourcen erhebliche gesellschaftliche Nachteile zu gegenwärtigen hätten. Das kann und wahrscheinlich sollte es auch in architektonischen Stadtmarken und in Kooperation mit der schillernden lokalen Kreativszene stattfinden. Aber gerade in Berlin und gerade in den gentrifizierungsbetroffenen Vierteln von Friedrichshain-Kreuzberg wäre die Teilhabesicherung auch aus stadtpolitischer Sicht etwas, auf dem man abseits jeder Metropolenstilisierung die praktische Bibliotheksarbeit aufbauen sollte.

(Berlin, 22.04.2015)

libreas.eu momentan nicht verfügbar

Posted in LIBREAS aktuell by libreas on 28. März 2015

Seit heute früh ist die Webausgabe der LIBREAS nicht erreichbar. Diese wird über GitHub Pages gehostet, welches laut https://status.github.com/ derzeit massiven DDoS-Angriffen ausgesetzt ist. Wir vermuten daher, dass die Nicht-Erreichbarkeit und die DDoS-Angriffe zusammenhängen.

Sämtliche Ausgaben sind ab der 12. Ausgabe über den EDOC-Server der HU Berlin zugreifbar. Zugleich ist die vollständige LIBREAS im Quelltext über GitHub verfügbar.

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LIBREAS #26 Bibliotheken ___abseits / außerhalb der Bibliothek erschienen

Posted in LIBREAS aktuell by Karsten Schuldt on 27. Dezember 2014

Pünktlich zum Jahresende, und damit als dritte Ausgabe des Jahres, erschien in der Zeit “über den Jahren” die Ausgabe #26 der LIBREAS. Library Ideas mit dem Schwerpunkt “Bibliotheken ___abseits / außerhalb der Bibliothek”. Der Schwerpunkt geht vor allem Grenzen “traditioneller” Bibliothekssysteme und Debatten ab, wobei schnell ersichtlich wird, dass diese Grenzen sehr unterschiedlich sind: in der eigenen Verortung von Bibliotheken (Anarchistische Bibliothek & Archiv Wien; Zinelibraries), in der Gesellschaft, zu der sich Bibliotheken zuordnen (Kamerun), in den politischen und gesellschaftlichen Aufgaben, die Bibliotheken zugeschrieben werden (Stadtumbau und Gentrifizierung; Kunst und Experiment).

Eine Bibliothek ____außerhalb der Bibliotheken, irgendwo in Thailand.

Eine Bibliothek ____außerhalb der Bibliotheken, irgendwo in Thailand.

In gewisser Weise ist diese Ausgabe der LIBREAS eine der politischsten, was sie aber auch zu einer sehr interessanten und hoffentlich diskussionsanregendsten macht. Über den Schwerpunkt hinaus wird das vor allem in einem Text zu den “Snowden-Files” sichtbar, der sich mit Fragen der Zugänglichkeit zu den von Edward Snowden “befreiten” Daten beschäftigt.

Die gesamte Ausgabe #26 findet sich am bekannten Ort unter www.libreas.eu.

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