LIBREAS.Library Ideas

CfP LIBREAS. Library Ideas #32 Wirkt Open Access? Oder: Wo ist die Utopie geblieben?

Posted in LIBREAS Call for Papers by Karsten Schuldt on 14. Juni 2017

Little proof exists to warrant an overturn of the current publishing system—a system that has been refined over many decades and works to the mutual benefit of various stakeholders.

Brian D. Crawford, 2003

 

An old tradition and a new technology have converged to make possible an unprecedented public good.

Jean-Claude Guédon, 2017

 

Wir, die Unterzeichner, fühlen uns verpflichtet, die Herausforderungen des Internets als dem zunehmend an Bedeutung gewinnenden Medium der Wissensverbreitung aufzugreifen. Die damit verbundenen Entwicklungen werden zwangsläufig zu erheblichen Veränderungen im Wesen des wissenschaftlichen Publizierens führen und einen Wandel der bestehenden Systeme wissenschaftlicher Qualitätssicherung einleiten.

Berliner Erklärung, 2003

 

 

Oktober 2003: Die „Berlin Declaration on Open Access to Knowledge in the Sciences and Humanities” wird veröffentlicht und sukzessive von Forschungseinrichtungen, Institutionen der Forschungsförderung und Bibliotheken unterzeichnet. Es scheint ein Wind der Veränderung zu wehen: Open Access gilt als Lösung der Zeitschriftenkrise, als zeitgemäße Reaktion auf die technischen Entwicklungen in der Wissenschaftskommunikation, als Möglichkeit, wissenschaftliches Wissen mehr und besser und für alle zu teilen, und auch als Möglichkeit, Wissenschaft zu verbessern, etwa indem sich wissenschaftliche Ergebnisse zeit- und ortsunabhängig replizieren und idealerweise nachnutzen lassen. Eine Utopie, gewiss, aber eine, die zum Greifen nahe scheint: Freies Wissen für alle, das wissenschaftliche Publikationswesen wieder näher an der Wissenschaft und das wissenschaftliche Kommunizieren wieder stärker von der Wissenschaft und ihren Bedürfnissen selbst geprägt und nicht von externen Stakeholdern mit Renditeüberlegungen.

 

Mai 2017: Es scheint einen gewissen Katzenjammer zu geben. Auf der einen Seite hat sich ein Konzept von Open Access durchgesetzt, sind Open Access-Büros geschaffen und -Beauftragte bestimmt worden und Infrastrukturen wie Open-Access-Journale und Repositorien entwickelt worden. Aber gleichzeitig scheint der Schwung der Utopie in Ängste vor der Usurpation durch die großen Wissenschaftsverlage umgeschlagen zu sein. Vorherrschend ist eine reine Institutionalisierung ohne wissenschaftsverändernde oder gar gesellschaftsverändernde Konsequenzen und vor allem eine Bevorzugung schon etablierter Strukturen. (Cambridge Economic Policy Associates 2017) Die Punkrockphase des aufregenden und befreienden Do-It-Yourself scheint vorbei, die Phase des Pop ist da. Die Stakeholder mit ihren Profitinteressen sind es ebenfalls. Und dank “Goldwashing” und so günstigen wie öffentlichkeitswirksamen APC-Waivern für bestimmte Ländern haben sie sogar informationsethische Grundideen der Bewegung eingekauft.

Ulrich Herb (2017) stellt in seinem Rückblick auf 15 Jahre Open Access fest, dass die Wissenschaftsverlage, die zu Beginn der Debatten in den Utopien gar nicht mehr vorkamen, heute aus Open Access ein einträgliches Geschäftsmodell geformt haben, das anfänglich über Kampagnen gegen Open Access und später über Open-Access-Gebühren, Aufschläge für Freie Lizenzen für Artikel und Verhandlungen auf Konsortialebene funktioniert. Ironischerweise scheinen gerade die Nutznießer der Zeitschriftenkrise auch die Gewinner der Gegenbewegung zu sein. Forschungsfördereinrichtungen und Hochschulen finanzieren heute Open-Access-Gebühren oder richten Förderlinien ein, die die Umwandlung vorhandener Zeitschriften wissenschaftlicher Verlage in Open-Access-Zeitschriften finanzieren. Konsortialverhandlungen, auch im Bezug auf Open Access, werden heute mit harten Bandagen ausgetragen, und zwar auf der Ebene der nationalen Wissenschaftsstrukturen.

 

Für Bibliotheken verändert sich die Situation dahingehend, dass sie neben oft zunehmend reduzierten Beständen Publikationsfonds verwalten. Sie stehen nach der Etablierung vernetzter, digitaler Medienformen seit den frühen 1990er Jahren daher ein zweites Mal vor einer Legitimationskrise. Argumentierte man damals, dass Online-Strukturen des Publizierens und Kommunizierens und damit eine “Verflüssigung” des Bestands in eine Bildschirmwelt außerhalb der Lesesäle und Magazine Bibliotheken als Versorgungsorte überflüssig machen würden, so nähert sich nun eine Herausforderung über eine organisatorische Frage: An welcher Stelle im Prozess der wissenschaftlichen Kommunikation sollen und dürfen sie aktiv werden? Genauer gesagt: Wie viel Bibliothek wird für das Open-Access-Publizieren überhaupt benötigt?

 

Für Bibliotheken und Verlage gibt es eine Art unwillkommenes Dejavu, nachdem Modi für die digitale Simulation analoger Abhängigkeitsketten halbwegs etabliert werden konnten. Folglich wird hauptsächlich mit urheberrechtlichen und lizenzrechtlichen Barrieren versucht, der Auflösung der Prinzipien der Analogkultur durch digitale Medialitäten entgegen zu wirken. Der Dynamik und Unabgrenztbarkeit digitaler Kommunikationsstrukturen versuchen sie etwas Handfestes entgegen zu halten, getrieben von der Angst, Wissenschaft könnte früher oder später doch an ihnen vorbei kommunizieren.

 

So entdecken beide zum Beispiel den Wert von digitalem Erfolgsmonitoring für die Wissenschaft, dessen Verfahren in der Regel kaum transparenter als der Impact Factor sind. Wo die digitale Barriere den Zugang zum Medium nur mühsam erhält, entwickelt man Mehrwertdienste und neue Barrieren. Sind das Rückzugsgefechte? Oder Neuinterpretationen der eigenen Rolle?

 

Die kommende Ausgabe von LIBREAS möchte die Gemengelage hinter dieser Zuspitzung betrachten. Selbstverständlich lässt sich heute fragen: Werden Bibliotheken (und die klassischen Verlage) zur Organisation einer (utopischen) wissenschaftlichen Publikations- und mehr noch Kommunikationskultur, die rein digital und komplett Open Access ist, überhaupt noch benötigt? Zugleich kann man gegenfragen: Wenn nicht sie, wer dann? Welche institutionellen Alternativen gibt es für die Organisation der wissenschaftlichen Kommunikation?

 

Über all dem schwebt seit Anbeginn die Frage der Finanzierung. Die Intransparenz der Publikationskosten steht auf der einen Seite, der Overhead des Betriebs von Bibliothekssystemen auf der anderen. Beides steht unter Legitimationsdruck, wobei der Open-Access-Diskurs interessanterweise vor allem die Verlage in den Blick nimmt. Oder ist es doch alles anders? Wir suchen für die Ausgabe #32 Beiträge, die gern auch sehr offen und schonungslos die Wechselbeziehung zwischen den drei Komponenten – Open Access, Bibliotheken und Verlage – in den Blick nehmen, hinterfragen, dekonstruieren, vermessen und analysieren.

 

Eine wichtige Rolle in der Ausgabe sollen auch Beiträge aus der Praxis spielen. Welche Fragestellungen und Ansätze gibt es an Bibliotheken, Open Access empirisch zu begleiten? Auf welche Werkzeuge und Datenquellen wird für das “Open Access Monitoring “ etwa im Rahmen der jährlichen Berichtspflichten für das DFG-Programm “Open Access Publizieren” zurückgegriffen? Ob und inwieweit werden die Ergebnisse diskutiert und geteilt? Welche alternativen Zugangsmöglichkeiten zu Open-Access-Literatur gibt es? LIBREAS. Library Ideas ruft für die empirischen Beiträge insbesondere zur Publikation dynamischer Formate wie R Markdown auf, so dass sich Analysen technisch nachvollziehen lassen. Mittels GitHub, über das LIBREAS. Library Ideas quelloffen gehostet wird, ist auch die gemeinsame Veröffentlichung von dynamischen Abbildungen, Daten oder Skripten möglich. Denn selbstverständlich folgen wir als erste originäre bibliothekswissenschaftliche Open-Access-Zeitschrift im deutschsprachigen Raum nach wie vor der Utopie der frühen 2000er Jahre, die wir zwar nun kritischer sehen, aber nach wie vor ernst nehmen. Dass sie in der Open-Source-Welt und nicht bei Bibliotheken und im wissenschaftlichen Publizieren ihre eigentliche Entfaltung fand und immer noch findet, zählt eben auch dazu.

 

Deadline ist der 22. Oktober 2017

 

Eure / Ihre Redaktion LIBREAS.Library Ideas

(Berlin, Chur, Dresden, Göttingen, München)

Literatur

Cambridge Economic Policy Associates (2017). Financial Flows in Swiss Publishing. Final Report.

 

Crawford, Brian D (2003). Open-Access publishing: where is the value? In: The Lancet, Volume 362, Issue 9395, 8 November 2003, Pages 1578–1580. DOI: 10.1016/S0140-6736(03)14749-6.

 

Guédon, Jean-Claude (2017). Open Access: Toward the Internet of the Mind.
http://www.budapestopenaccessinitiative.org/open-access-toward-the-internet-of-the-mind.

 

Herb, Ulrich (2017). Open Access zwischen Revolution und Goldesel: Eine Bilanz fünfzehn Jahre nach der Erklärung der Budapester Open Access Initiative. In: Information. Wissenschaft & Praxis 68 (1) 2017:1-10.

Zur möglichen Rolle der Bibliothek in einer nach-utopischen Netzgesellschaft.

Posted in LIBREAS.Debatte, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 8. Juli 2013

Überlegungen von Ben Kaden  / @bkaden

I

Dass das Internet als vernetzter, überräumlicher und echtzeitlicher Kommunikationsraum von Beginn an dazu verführte, Projektionsfläche vielfältiger Gesellschaftsutopien zu werden, ist weithin bekannt. Man versprach sich, angefangen bei einer durch und durch umstrukturierten Weltgesellschaft und hin bis zu einer simplen aufklärerisch-emanzipatorischen Wirkung vieles von einer digitaltechnisch geprägten Reorganisation unseres Zusammenlebens, organisiert über ein „basisdemokratisches, hierarchiefreies und unkontrolliertes Medium“ (Tilman Baumgärtel: Das Ende der Utopien. In: Neue Zürcher Zeitung, 04.07. 2013, S. 19).

Ähnliche Versprechen galten mit Abstrichen auch für das Bibliothekswesen und die Bibliothekswissenschaft, stand doch der Leitstern der Digitalen Bibliothek über dem Firmament dessen, was sie sich als zukünftige Gestade und Ankerplätze vorstellten. Dass das zwanzigste Jahrhundert in eine Art Wissensgesellschaft auslief und die Bibliotheken lange Zeit die zentralen Verfügungsinstanzen für systematisch erfasstes und abrufbares Wissen darstellten, hätte sie eigentlich zu den Leitakteuren dieser neuen Welt werden lassen können. Diese Erwartung löste sich bekanntlich nur bedingt ein, was eventuell wenigstens teilweise auch daran gelegen haben mag, dass sie im Selbstverständnis der Branche lange Zeit nicht übermäßig verankert war. Bibliothek und Internet blieben viele Jahre trotz aller Vorzeichen getrennte Welten mit überschaubaren Schnittmengen, allen voran der Schnittmenge des Web-OPAC. Damit blieb die Institution freilich in der Nische und vor allem auf ihre in diesem Nachweismedium erfassbaren Bestände fixiert. In digitalen Kommunikationswelten ist Bestand jedoch ein Anachronismus, zumal wenn nur der Nachweis und nicht der Inhalt direkt vermittelt wird. Das aber prägte bald das Erwartungsbild der Menschen im Netz.

Der Schritt zur umfassenden Überformung der Gesellschaft mit digitalen Mitteln war selbstverständlich unvermeidlich, denn natürlich poppte das Internet nicht als plötzliche Überraschung in die Lebenswelten, sondern fasste nur eine ganze Reihe von vorlaufenden Technologietrends (Datenbanken, BTX, Desktop-Publishing, Telefonie, Digitalisierung, Personalcomputer, etc.) zu einer Struktur zusammen. Die Richtung der Entwicklung war mehr oder weniger längst vorbestimmt. Der wirkliche Durchbruch zum Omnimedium gelang durch ein paar vergleichsweise kleine Lückenschlüsse und die Durchsetzung von Benutzungsoberflächen, die das Technische hinter das Inhaltliche zurückdrängten und es so für die riesige Masse derer attraktiv machte, die keinerlei größeren technischen Interessen hatten, sich wohl aber für die (vermeintliche) Leichtigkeit des digital vermittelten Kommunizierens (und später auch Einkaufens) anfällig zeigten.

Diese Leichtigkeit drückte denn auch den utopischen Kern aus. Jeder kann an etwas aktiv teilhaben, was vormals nur passiv zur Verfügung stand. Lange wurde (und an manchen Stellen wird es noch immer) das Internet immer als Kontrast- oder Gegenmedium zu bis dato vorherrschenden Kommunikationsformen verstanden. Der Medienwissenschaftler Tilman Baumgärtel erinnert in seiner jüngst im Feuilleton der Neuen Zürcher Zeitung abgedruckten Rückschau auf die Utopien der frühen und mittleren Netzgesellschaft sehr anschaulich daran, dass das WWW anfangs zunächst von, nun ja, Randfiguren geprägt war, also Akteuren, denen Zugang zu und aktive Nutzung von etablierten Medienstrukturen nur begrenzt möglich waren. Oder die, mit welcher Motivation auch immer, kein Interesse an der mühsamen Einpassung in diese hatten. Sie erkämpften eine eigene Form der Medienmacht und Diskurshoheit dadurch, dass sie nicht – wie sonst bei Revolutionen üblich – bestehende Räume und Kanäle eroberten – sondern die Entwicklung eigener (Alternativ-)Strukturen forcierten, die schließlich so erfolgreich wurden, dass sie diejenigen, von denen sie sich bisher ausgeschlossen fühlten, schlicht für obsolet erklären konnten. Die, deren Herz chronisch für die Underdogs schlägt, hegten dafür heftige Sympathien. Genutzt hat es wenig. Denn heute sehen wir, dass diese anarchistischen morgenluftigen Vorstellungen tatsächlich utopisch, bestenfalls ein Interregnum blieben. Was Aspekte wie Mitmenschlichkeit, Chancengleichheit und Autonomie angeht, sind wir, wie wir heute erkennen, eher nicht vorangekommen.

II

Die Technologie, so schien es, gab es her: Mit vergleichsweise geringem realweltlichem Aufwand konnte man einen nahezu unbegrenzten Kommunikationsraum ausgestalten. Die Zäune für das Handeln zog der Code und auch der war durchaus flexibel. Solange das Web eine Nische blieb und in der herkömmlichen Lebenswelt nur dadurch spürbar wurde, dass man die Memos in der Firma durch E-Mails ersetzte, war die ganze Angelegenheit so entspannt, von solcher Leichtigkeit geprägt, wie man es von kalifornischen Träumereien erwartet. Das große Säbelrasseln ergab sich auch nicht so sehr im Traum der Autonomie und einem offeneren Miteinander, wie ihn beispielsweise der im Artikel zitierte Howard Rheingold hegte, wenn er schrieb:

„Da wir einander nicht sehen können, können wir auch keine Vorurteile über andere bilden, bevor wir gelesen haben, was sie mitteilen wollen, Rassenzugehörigkeit, Geschlecht, Alter, nationale Abstammung und die äussere Erscheinung werden nur bekannt, wenn jemand diese Merkmale angeben will.“ (zitiert nach Baumgärtel, 2013)

Selbst wenn solche Aussagen bereits damals von einer kaum fassbaren Reflexionsarmut geprägt zu sein schienen, so waren sie doch wenigstens freundlich und welcher sich an den Rand gedrängt fühlende Intellektuelle träumt nicht davon, Teil einer anderen „Community of Minds“ zu sein. Idealerweise in leitender Position.

Die Probleme traten auf, als das WWW wirklich ein mächtiges und andere Kommunikations- und Medienformen unkontrolliert verdrängendes Phänomen wurde. Das erste für viele sehr deutliche Signal war mutmaßlich die Napsterisisierung des Musikkonsums. So schwenkte die Debatte spätestens in den 2000-Jahren mehr und mehr in selbstgerechte Urteile zum Überholtsein alter Medien um, die gegen Kulturverfallsthesen, Verteufelungen und Bedrohungsszenarien jeder Färbung gefeuert wurden (bzw. umgekehrt) und auf den entsprechenden Podien nicht selten in für Außenstehende eher peinlich wirkende Deutungskämpfe und kleinkarierte Rechthabereien mündeten.

Richtig heiß und paradox liefen die Debatten, als die Schlacht auf der herunter bipolarisierten Grundebene (Digital=Zukunft+erstrebenswert vs. Analog=Geschichte+zu überwinden) absehbar gewonnen war und Google und Apple und andere erfolgreich die Monopolisierungen, der die frühe Netzgemeinde gerade durch digitale Alternativen entgehen oder auch etwas entgegensetzen wollte, reproduziert hatten. Netzgesellschaftliche Topoi waren vergleichsweise weiche Ziele für Polemiken, wo im harten Kern schlicht die kommende Verteilung der Tortenstücke der Digitalökonomie zwischen alten, absteigenden und neuen, aufstrebenden Akteuren ausgefochten aber selten an sich hinterfragt wurde. Letztlich führt sogar die Frage nach Closed oder Open Access vor allem zu einer volkswirtschaftlichem Abwägung, die mögliche informationsethische Argumente deutlich überlagert.

III

Parallel und vielleicht auch müde vom jahrelangen Ringen bzw. Selbstdefinieren und/oder verführt durch – wie auch Tilman Baumgärtel erwähnt – klassische Etablierungsmöglichkeiten „als populäre und gutbezahlte Konferenzredner und Unternehmensberater“ versanken viele der einstigen Digitalrevolutionäre schließlich mehr oder weniger vollständig in einer Apple-ästhetisierten Welt der Nabelschau, in der Utopien, so scheint es heute, einzig technisch-funktional als „The Next Big Thing“ überlebten. Die übergeordnete Provokation blieb nicht selten als Grundgeste erhalten – aber immer auch irgendwie als Produkt und ein bisschen austauschbar.

Das Bibliothekswesen schloss weitgehend erst zu diesem Zeitpunkt auf, übernahm teilweise schnell die Phraseologik der 2.0-Sprache, in der es von Anfang an nur um Geschäftsmodelle, also Marktstrukturierung ging, die aber die Emanzipationsmetapher als voran geschobene Brechstange dazu benötigte, sich so zu immunisieren, dass sie jede Kritik sofort als reaktionär abwehren konnte.

Auf der anderen Seite kämpften ein paar Protagonisten mit noch stumpferen Waffen um die Beibehaltung eines vordigitalen Stands. Die Berliner Bibliothekswissenschaft war in dieser Zeit, auch das gehört zur jüngeren deutschen Bibliotheksgeschichte, derart in Selbsterhaltungs- und Neuausrichtungsbemühungen derangiert, dass sie selbst den bibliothekarischen Fachdebatten zum Thema kaum Impulse geben konnte. Es blieb am Abend eines Tages zumeist nur Affirmation, nicht selten mit einer Prise Servilität.

Mit der Durchsetzung des WWW als Konsumraum reduzierte sich der utopische Gehalt auf den Zentralwert des immer guten „Neuen“ und eine Rhetorik der vorreitenden Andersheit, die auch dann noch werbewirksames Verführungsmittel war, als die große Masse längst mitstrudelte. Der Schlüssel des Erfolges liegt möglicherweise in der permanenten technischen und gestalterischen Optimierung und/oder Variation der Endgeräte, was durch neue Produktzyklen immer zugleich Fortschritt signalisierte, wo man eigentlich nur das Display etwas breiter zog. Auch mit rein konsumistischer Hingabe konnte man sich lange Zeit als Teil einer aufbrechenden Zukunftsgesellschaft fühlen.

Fast unvermeidlich wurden in die Diskurse zur Aufgabe der Bibliotheken darauf nachjustiert. Konsum (bzw. Erlebnis) und die Herstellung der Anschlussfähigkeit an den Arbeitsmarkt (hier als Bildung verstanden) wurden die windschnittigen Pole, zwischen denen sich Bibliotheksarbeit im frühen 21. Jahrhundert zu entfalten hatte. Das Mittel wurde das, was alle(s) bewegte: Technologie. Die Freude am Aufbau neuer Infrastrukturen war unzerbrechlich und wo es Risse gab, wurden diese mit der Annahme, dass Bibliotheken garantiert aussterben, wenn sie nicht sofort aktiv werden, grob gekittet, wo man vielleicht ein bisschen mehr hätte kittlern sollen.

IV

Die Legitimationspflicht liegt bekanntlich selten auf Seiten der Revolutionäre und eventuelle Grundsatzfragen kann man immer zunächst hinter der Dringlichkeit des Augenblicks und später dann hinter den Erfolg vermeldenden Tatsachen vergraben. Wenn es nur neu ist und die Scheinobjektivität der Nutzungsstatistik eine Art Erfolg vermeldet, dann erübrigt sich meist jede weitere Analyse. Nicht nur, aber vor allem die Geschichte zeigt freilich, wie nachteilig sich eine Verlagerung von Richtungsentscheidungen auf das Maß der Masse (gern instrumentalisiert für die Interessen einer Elite) auswirken kann.

Das Problem auch der bibliothekswissenschaftlichen Diskurse war lange, dass es zwischen unwissender Ablehnung und nicht viel mehr wissender Affirmation so gut wie keine theoretisch grundierte Reflexionsarbeit geschweige eine aufklärte Kritik der Entwicklungen gab, die eine andere Annäherung und eine möglicherweise stärkere an übergeordneten Werten fundierte Innovationslenkung nach sich hätte ziehen können.

Nach wie vor werden vorwiegend externe Trends (oft ein bisschen unsystematisch) aufgegriffen, die, sofern möglich, die Grundlage einer bibliothekarischen Selbstoptimierung bieten. Eine gestaltende Rückbindung an die Gesellschaft findet dagegen nur äußerst eingeschränkt statt, wobei man sich gern auf eine mittelbare Wirkung beruft.

Dabei enthalten das Konzept der Bibliothek wie auch seine realweltliche Ausprägung ziemlich viel von dem, was es braucht, um unter Nutzung digitaler Technologien, tatsächlich ein Stück weit utopischer, d.h. gezielt an, wenn man so will, humanistischen Werten orientiert, gesellschaftsprägend zu wirken. Die Utopie für die Bibliotheken wäre etwas kleiner, weniger disruptiv gerichtet, als die Vorstellungen beispielsweise von Timothy Leary oder Howard Rheingold. In ihr ginge es eigentlich nur um das die forcierte Schaffung eines Bewusstseins, das zu einer kritischen und hinterfragenden Auseinandersetzung mit den scheinbar selbstverständlichen wirtschaftlichen und politischen Rahmungen der Lebenswelt befähigt. Die Bibliothek wäre in gewisser Weise in der permanenten Opposition, ein Raum, um ein „Es könnte und kann auch anders sein“ zu denken. Man könnte es eigentlich Aufklärung nennen.

V

Der Zeitpunkt könnte für eine entsprechend aktivere Positionierung richtiger nicht sein. Nach Edward Snowden gibt es offensichtlich ein interessantes Erwachen, das möglicherweise im Rückblick mehr von einer Zäsur haben wird, als wir heute ahnen. Dass die Reaktionskette auch in der Politik eher emotional (erst Überraschung, dann Empörung) ausfällt, zeigt, wie notwendig ein differenzierendes und abgeklärtes Bewusstsein in dieser Richtung wäre.

Was die aktuelle Debatte eigentlich nur offenbart, ist, dass die klassischen, vordigitalen Machtverhältnisse wieder- bzw. im Web ebenfalls hergestellt sind. Der scheinbare Alternativraum wurde ganz klassisch erobert. Das WWW ist heute ein Marktplatz und zugleich eine ausgezeichnete Kontrollbasis, wobei die dahinterliegenden Prozesse der Marktakteure und der staatlichen Kontrolle fast auf identische Weise funktionieren, wie Tilman Baumgärtel unterstreicht:

„Das Geschäftsmodell von Google basiert im Grunde auf einem Data-Mining, das demjenigen, das die NSA betreibt, vergleichbar ist. Der Unterschied ist lediglich, dass die NSA Terrorverdächtige identifizieren will, während Google sein gesammeltes Wissen über seine Nutzer analysiert, um ihnen auf sie geschnittene Werbebotschaften zu präsentieren.“

Das ist kein Ende der Utopie, sondern eine wenig überraschende, aber geschickt vollzogene Gegenrevolution. Das erhoffte Shangri-La wurde ganz traditionell kolonialisiert. Die harmlose politischen Spätrudimente der digitalen Aufbruchseuphorien (mustergültig: die Piratenpartei) zeigen, wie wenig es braucht, um solche Bewegungen zu marginalisieren.

Letztlich, so eine Erkenntnis mutmaßlich bereits der Steinzeitpsychologie, wollen die Menschen vor allem etwas, was bequem ist und sie ansonsten nicht weiter fordert. So haben sich alte Macht- und Kontrollprinzipien nach wenigen Jahren der Überforderung und Verwirrung nicht nur mit den neuen Strukturen arrangiert, sondern sie nahezu kampflos übernommen. Die meisten neuen Milliardäre dieser Wirtschaft – und das unterscheidet sie erstaunlicherweise kaum von den Oligarchen des Russlands der 1990er Jahre – sind die, die sich besonders opportun verhielten und reibungslos dem sie umgebenden Normensystem (in diesem Fall des Spätkapitalismus) fügten. Ihr revolutionäres Anderssein reduziert sich auf popkulturelle Effekte, eine an Don’t be evil-Nullsätzen ausgerichteten Geschäftsethik und dass sie frech in Billiglohnländern gefertigte Sneaker dort tragen, wo man früher schon in braunen Oxfords schief angeschaut wurde. Man kann ihnen das gar nicht vorwerfen: Keiner dieser Akteure hatte jemals etwas anderes im Sinn, als eine in der Regel genial einfache Idee zur Optimierung einer sozialen Praxis (Informationssuche, Gespräch, Selbstinszenierung) zu entfalten. Weltverbesserung fängt hier im ganz Kleinen und Praktischen an. Und endet auch dort. Allerdings sind die Konsequenzen gewaltig.

VI

Was wir nun sehen – obwohl man es sich, wie Tilman Baumgärtel anmerkt, „eigentlich schon in den Tagen der Morgenröte des Netzes denken“ konnte – ist eine Art Daten-Totalitarismus. Die NSA benutzt zur Krönung, wie wir erfahren, Open-Source-Programme, lange das Königsbeispiel des freien, altruistisch gerichteten und kollaborativen Geistes der neuen Netzkultur. Die türkische Polizei vervollständigt derweil ihre Festnahmelisten anhand von Web 2.0-Profilen.

Dass wohlmeinende Vorkämpfer den Boden für äußerst unsympathische und am Ende menschenfeindliche Regime bereitet haben (bzw. dass die in der Regel einen Hauch weniger idealistischen unter den Vorkämpfern in dieser schließlich auch mitwirkend aufgingen), ist freilich für die Menschheitsgeschichte sehr gewöhnlich. Neu ist die offensichtliche Totalisierbarkeit einer Daten-Macht, die uns in Hinblick auf unsere Kommunikationen, also auf unsere Sozialität und damit unsere Einbettung in der Welt, regulierbarer macht als jemals zuvor. Es besteht eine ziemlich direkte technologische Linie von der Volltextsuche über die semantische Analyse zum Geospacing zur Exekution per Drohne. Dafür, dass wir, d.h. also auch die Bibliotheken und die Bibliothekswissenschaft, das wissen, kämpfen wir mit ziemlich soften Bandagen. Nicht einmal zu einer Diskussion über die datenpolitische Rolle, die das Bibliothekswesen und die Bibliothekswissenschaft übernehmen könnte, kam es bisher.

Es ist verständlich, dass man sich nicht unnötig außerhalb des Kerngeschäfts exponieren möchte (man wird angreifbar) und dass man genauso wenig das Bedürfnis verspürt, außerhalb des Funktionsrahmens, dem die Gesellschaft einem zugesteht, Verantwortung zu übernehmen (man ist ohnehin schon voll ausgelastet). Eigensicherung, so der Eindruck, geht vor Gestaltungswillen. Daher bleibt es oft bei unverfänglichen, ein bisschen  selbstbeweihräuchernden Wahlsprüchen wie „Wir öffnen Welten“ (Bibliothekartag 2014), in denen man alles Mögliche verpacken kann und mit denen man niemandem weh tut. Eine tatsächliche gesellschaftliche Bedeutung ergibt sich daraus freilich noch nicht automatisch. Und  durchgängig überzeugend ist diese Art von Anspruchsdenken, gegossen in nicht in jedem Fall ganz zündendes Bibliotheksmarketing, in Rückbindung an die Realität derzeitiger Wissenskulturen nur mit Einschränkung. Die benötigen die Bibliothek als Weltöffner nämlich nicht zwingend. Die Geschichte winkt dagegen derzeit mit mehr als einem Zaunpfahl dahin, wo sich Bibliotheken ihrer/unserer Zeit gemäß und wirksam nicht nur in sondern auch für eine Öffentlichkeit positionieren könnten.

(Berlin, 05. Juli 2013)

Bibliographie als Utopie. Zu einer Position aus dem Jahr 1896.

Posted in LIBREAS.Referate by Ben on 27. August 2012

Zu:

Frank Campbell: The Bibliography of the Future. (In: Peter R. Frank (1978): Von der systematischen Bibliographie zur Dokumentation. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft. (Wege der Forschung; Bd. 144), S.124-142 / Original: Frank Campbell: The Theory of National and International Bibliography. London, Library bureau, 1896. Sec. II. No. 3, S. 243-259

Ben Kaden

I

Sowohl die Unkonferenz frei<tag> 2012 wie auch die LIBREAS Summer School in diesem Jahr ließen für uns in guter wissenschaftlicher Sitte mehr offene Fragen als schlüssige Antworten zurück. Das ist nur zu begrüßen, sind doch Fragen seit den Urzeiten exzellente Sensibilisierungselemente der systematischen Erkenntnisfindung.

Dass Fragen neu auftreten bedeutet jedoch nicht zugleich, dass sie auch wirklich neu sind. Meist reicht ein kurzer Blick in die Geschichte des Faches, um sich dessen zu vergewissern. Als Beispiel mögen heute Frank Campbells 1896er Überlegungen zur Bibliografie der Zukunft (wohlgemerkt: der Zukunft des Jahres 1896) dienen. (more…)

It’s the frei<tag> 2012 Countdown (19): Das utopische Element

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS Veranstaltungen, LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 28. Juli 2012

Karsten Schuldt

Der Bibliotheks- und Informationswissenschaft fehlt das utopische Element, dass sie einstmals mit sich führte. Einstmals, dass heisst gerade zur Zeit der Kybernetik, als sich die Informationswissenschaft – oder die Personen, die sich ihrer direkt und indirekt bedienten – in beiden Teilen der Welt zur Leitwissenschaft aufschwingen wollte. Es gab diese Zeit, wo sich Forschende ernsthaft hinsetzen und Texte schrieben, in denen sie davon sprachen, wie die Welt und die Menschen in 50, in 100 Jahren leben würden. Und das waren keine kleinen Entwürfe. Immer ging es in diesen den Menschen viel besser als heute, immer hatten sie die Möglichkeit, ein gutes Leben zu führen, fast frei von Arbeit, fast frei von Zwang, vor allem aber frei von Sorgen wie Krieg, Hunger, Einsamkeit und Krankheit.

Als Norbert Wiener in „Cybernetics“ behauptete, dass er mit der Kybernetik die Gewerkschaften bei der Schaffung eines besseren Arbeitsmarktes helfen könnte (wenn sie nur zuhörten), war dies Teil des utopischen Versprechens. Auch als Nikita Chruschtschow versprach, das die Sowjetmenschen binnen Kurzem die reichsten Menschen der Welt sein würden, tat er dies aufgrund der Vorhersagen der Kybernetik. Grosse Entwürfe die Welt besser zu machen, mit Hilfe der Information und Informationsverarbeitung – dies war für einen historischen Moment die Vorgehensweise der Informationswissenschaft. Begibt man sich einmal in die historischen Schriften (aber wer tut das heute schon noch?) auch der Väter und Mütter der Programmierung und Rechnenmaschinen, spürt man dieses Versprechen noch. Er scheint, als wäre damals viel Nachdenken über Informationssysteme und Informationen durch die grundgute Überzeugung getragen gewesen, dass man selber dabei war, die bessere Welt, das Himmelreich auf Erden, von dem Heine sprach, zu errichten – und zwar nicht irgendwann, sondern bald, wenn nicht heute, dann spätestens morgen.

Sicherlich: Das war grössenwahnsinnig und hat nie wirklich gestimmt. Genauso, wie wir immer noch nicht mit ökologisch unbedenklichen Elektroautos durch die Luft fliegen, obwohl uns das schon für das Jahr 2000 versprochen war, genauso wenig regelt heute ein System aus Rechenmaschine eine perfekt organisierte Wirtschaft oder einen perfekt organisierten Arbeitsmarkt. Und immer noch nicht geht es allen Menschen gut. (Vielmehr haben wir das Gefühl, dass es immer mehr Menschen immer schlechter geht.) Aber dennoch: Die von Utopie getriebene Forschung hat Ergebnisse hervorgebracht, kühne Entwürfe. Und bei alledem war sie in gewisser Weise viel symphatischer als so manche Forschung, von der wir heute so lesen können.

Was ist da eigentlich passiert? Heute machen wir uns Sorgen, ob ein Angebot einer Bibliothek genutzt werden kann, ob wir unsere Nutzerinnen und Nutzer glücklich machen, ob wir die Entwicklungen im Semantic Web (die an uns vorbeizogen) nachvollziehen können. Wir denken vielleicht noch fünf Jahre voraus, nicht aber mehr 50 oder 100. Wir schreiben keine Programme mehr, wie das Bibliothekswesen in den Mond- und Saturnsiedlungen organisiert werden müssten oder wie Informationen dazu beitragen werden, alle Kriege der Welt und den Hunger zu überwinden. Produkte entwickeln wir, keine Utopien. Dabei: Das Utopien nicht sinnlos sind, wurde in den letzten Jahren mindestens dreimal „nebenan“ in den Computerwissenschaften bewiesen: Internet, Semantic Web / Web 2.0 und One Laptop Per Child-Project waren allesamt Idee, die wahnsinnig klangen, als sie vorgestellt wurden, aber dann wurden sie doch erfolgreich.

Treffen sich mehrere Utopien in der freien Wildbahn… was passiert? Hier nichts. Der Traum vom richtigen Leben im falschen (AKA der ökologisch korrekte Kapitalismus), dahinter der Traum der Jugend, die sich in Studentenklubs zurückziehen und dort zu besseren Menschen werden kann. Und das wieder ausgedrückt mit der teil-ironischen, teil-ernsten (Weiss man’s? Wird ja heute nicht mehr geschaut wer Kommunistin ist oder Kommunist oder wer es nur ironisch meint. Zumal, in Berlin und Hamburg, vor allem aber in New York soll man schon von ironisch-kommunistischen Hipstern gehört haben. Alles schwierig.) Rezitation der Bildsymbolik einer untergegangenen Utopie – und das aus der Phase, als ihr utopischer Gehalt unter dem Stalinismus schon untergegangen war. Aber hier, im sommerlichen Potsdam, existiert beides (noch?) nebenher. Treffen sich also Utopien in der freien Wildbahn, tauschen die sich dann aus? Und über was?

Eine Wissenschaft, so die kurze These hier, die sich traut, weit in die Zukunft hinein zu entwerfen, mit Gedanken zu spielen, darüber nachzudenken, wie eine Welt (oder weiter ein Universum) gebaut werden kann, in dem alle Menschen (und Aliens und Roboter) glücklich sein können, wäre gewiss viel aufregender und würde viel mehr vorwärtsweisende Dinge hervorbringen, als die heutige Bibliotheks- und Informationswissenschaft. Insoweit: Wenn jemand darüber reden will, wie wir das interplanetarische Bibliotheks- und Informationssystem in unserem Sonnensystem organisieren und dazu beitragen, dass auch auf den kleinen Siedlungen im Meteoriten die Medien, die gewünscht und benötigt werden, ankommen, würde ich sofort begeistert zuhören. Menschen, die über so etwas nachdenken, wollen immerhin die Welt besser machen.

It’s the frei<tag> Countdown. Noch 10 Tage.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS Veranstaltungen, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 31. Mai 2011

Wer die Welt kennt, kennt nicht nur, wie die einstige NDW- und jetzige Erwachsenpopcombo Die Zimmermänner auf ihrem sympathischen Album Fortplanzungssupermarkt glauben machen möchte, den Zuckermann, sondern auch eine ganze Reihe von Heiligen von der Gottesmutter Maria bis hin zum Strohsack. Das hat weniger mit religiöser Ehrfurcht als mit ganz banaler Basisintegration mit der bendländischen Kulturgeschichte zu tun. Allerdings kratzt die Heiligenkenntnis des atheistisch-aufgeklärt Sozialisierten eher nur an der Spitze des Ei-Bergs. Tausendmal mehr und vielfältiger pocht hinter harten Schalen die weiche Substanz des guten Lebens.

I.

Heute zum Beispiel ist der Tag der Petronilla, Tochter des Fischers Simon und Gegenstand des Malers Simone (Pignoni). Von ihr ist wenig bekannt, außer dass sie märchenhaft schön gewesen sein soll und dazu fanatisch keusch, was gemeinhin einen nahezu unerträglichen Sozialdruck nach sich zieht, denn wie jeder weiß, ist Schönheit, die vor allem auf Jugend basiert, hochvergänglich und will, so ein pragmatischer Volksglaube, genutzt sein. Dies galt gerade in Zeiten, in denen eine (ökonomisch und genetisch) gute Partie das Überleben der gesamten Sippe sicherte.

So war ein angenehmes Äußeres der Tochter des Hauses nicht nur deren persönliches Kapital – was in Gary Shteyngarts Neu-Orwelliade „Super Sad True Love Story“ mit dem entzaubernden Statistikwert der Fuckability neben dem Aspekt der Personality und dem Konsumvermögen als zum Basisprofil des neuen Menschens der nahen Zukunft gehörig ausgegeben wird – sondern das Kapital der Familie.

Petronilla verweigerte sich einer Ehe, denn der um sie werbende Flaccus war ein heidnischer König. Die christliche Jungfrau entschied sich dieser Tatsache ansichtig für den Glauben und damit den jungfräulichen Tod und wurde damit Märtyrerin. Im deutschen Bibliothekswesen erinnert man sich der Petronilla dadurch, dass immerhin ein paar kirchlich betriebene Büchereien ihren Namen tragen. Ansonsten rief man sie an, wenn man gegen ein Fieber kämpfte.

Wo Petronilla also vor allem als fieberheilende Heilige ihre Funktion für das Leben des glaubenden Menschen erfüllt, schützt die Heilige Odilia sowohl Elsass als auch Augenlicht. Während Petronilla, so manche Quellen, von einer Lähmung geheilt wurde, kam Odilie nämlich blind zu Welt und erst die Taufe durch den Wanderbischof Erhard von Regensburg öffnete ihr die Augen zum Sehen. Dass sie überhaupt diese Taufe erlebte, verdankt sie der Mutter (mit dem schönen Namen Bereswinde), die sie vor dem Vater, Wüterich und Herzog Adalricus, rettete und sie, die vom Vater aufgrund ihrer Versehrtheit Todesgeweihte, in die rettenden Mauern eines Klosters gab. Später gründete Odilie selber eines und zwar auf oben auf der Kuppe, die heute erwartungsgemäß Mont Ste.-Odile heißt. Und ein zweites im Tal davor. Ihr Grab ist heute auf dem Berg in der kleinen, sehr gepflegten Anlage mit bezeichnenderweise herrlichen Blick über die Rheinebene und einem vom Abendlicht gefluteten Wallfahrerrestaurant, einer Herberge  mit die Zeitung lesenden Franzosen in der Lobby und einem um 19 Uhr bereits geschlossenen Souvenirshop.

II.

Im Prinzip funktioniert die Biografie zur Heiligwerdung immer ähnlich: Entweder wird man mit Handicap geboren oder es widerfährt einem eine Art Unbill, die das ganze bisher vorgebahnte Leben übermächtig aus dem Lot bringt. In Kooperation mit einer höheren Macht lernt man dies jedoch nicht nur zu ertragen, sondern auch zu etwas Gutem zu wenden und schließlich wird man für diese doppelten Verdienste (Aushalten und Gestalten) mit dem höchsten Grad der Anerkennung, den die Kirche zu vergeben hat, ausgestattet und ist MärtyrerIn.

In jüngerer Zeit geht es übrigens auch ohne fremdauferlegte Verwerfung im Schicksal. Jedoch nicht ohne selbstauferlegte weltliche Entbehrung sowie hoher Disziplin gegenüber den Regeln der jeweiligen Kirche. Diese wird in einer Art Führungszeugnis bescheinigt (nihil obstat).

Die Geschichte des pseudo-egalitären American Dream, des Giganten, der es vom Arbeiter Jett Rink zum Petrodollarmillionär Jett Rink bringt, folgt einem nicht unähnlichen Muster und zeigt zugleich, dass selbst im Aufbruchskapitalismus ein mühsam erarbeiteter Reichtum bestenfalls die halbe Miete darstellt. Am Ende gilt er bei der Eroberung unerschlossender Paradiese nur etwas, wenn sich der Edelmut eines Bick Benedicts dazu addiert. Man muss es demnach nicht nur geschafft haben. Sondern als Bonus auch noch seinen Nächsten lieben, also – genauer – demütig Gehorsam gegenüber einem alles transzendierenden Höheren zeigen. Das ist dann eher die Variante der protestantischen Ethik und der Schlüssel zur amerikanischen Philantropie.

III.

Dieses Heilige – manche nennen es auch das Erhabene – entspricht übrigens bei genauerer Betrachtung dem, was Max Frisch in seinen New Yorker Poetikvorlesungen im November 1981 unter dem Begriff der Utopie verortete. Nachdem Harold Brodkey bei einem dazugehörigen Panel Frischs zuvor in seiner Vorlesung aufgefalteten Bezug zum Utopischen präzisiert haben wollte, ergänzte Frisch, wie Mark Jay Mirsky berichtet:

„Es sei die Sehnsucht […] nach etwas, das der Mensch noch nie erlebt habe, das er aber haben möchte. »Die Trauer darüber, daß es so ist, wie es ist, die Einladung, dagegen zu protestieren, impliziert die Sehnsucht, daß die Welt anders sein könnte, ein Paradies.«“ und „»Wir werden es nicht schaffen. Die Sehnsucht gibt die Richtung an für das, was wir tun. […] Es ist nicht ganz weit weg vom religiösen Glauben. «“(In: Max Frisch (2008) Schwarzes Quadrat. Zwei Poetikvorlesungen. Frankfurt/Main: Suhrkamp. S. 79f.)

Es ist nicht nur nicht ganz weit weg. Es residiert sogar direkt um die Ecke. Denn wenig ist so leicht erkennbar, wie dass am Ende alle Rationalisierungsbestrebungen Fortsetzungen des Religiösen mit anderen (berechnenderen und berechenbareren) Mitteln darstellen.

Das, was zunimmt, ist die verwaltbare Komplexität, die immer auch semiotisch sein muss, denn nur was man labeln und konzeptionalisieren kann, kann man auch operationalisieren. Die Wissenschaft hat ihre eigenen Heiligen genauso wie die Literatur und alle streben mehr oder minder explizit einer unerreichbaren Mitte zu, die uns, da wir in Zeitachsen denken, als zukünftig erscheint, aber natürlich in der kosmologischen Perspektive als ewige Gegenwart verstanden werden muss.

Der Mensch ist aus der Laune wahlweise einer Natur oder eines Gottes als Sinn-Wesen und in seinem Kern als sich permanent in seinem Willen nach Kohärenz verschiebendes Sin-Zeichen angelegt. Pragmatisch geht es mit Roland Barthes‘ Vorlesungstitel „Comment vivre ensemble“ darum, das Miteinander so zu organisieren (buchstäblich: in ein weitgehend heterostatisches Gefüge von funktionierenden Wechselwirkungen zu bringen), dass man trotz aller Nachteile gesellig seine Jahre in ganz guter Form übersteht. Egal, was da eigentlich kommen mag. Die Heiligen, heißen sie nun Foucauld oder Foucault, helfen uns, die wir blind auf unsere Zukunft starren, als vorbildende Orientierungspunkte. Jede Lehre ist auch eine Art vorgespanntes Führungsseil, eine Braille-Markierung in einem Höhlenkomplex, in der wir, unsere Becky Thatcher an der Hand, wenigstens unser Gleichnis suchen. Und/oder die Schatzkiste des Indianer-Joe.

Die Bibliotheks- und Informationswissenschaft ist selbstverständlich auch eine Art Lehre, die in der funktional differenzierten Wissenschaftsgegenwart so etwas wie eine Subgemeinschaft (=Fachcommunity) darstellt, der es momentan zugegeben ein wenig an Heiligkeit fehlt.

Da sich nun aber vorwiegend das Noviziat der kleinen intellektuellen Gilde rund um Buch, Bibliothek und Digitalo-versum in anderthalb Wochen (wenn es gut läuft) zu einer Art Hambacher Fest des bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Denkens trifft, darf also die Frage nach dem, was unserer Community eigentlich heilig ist, ruhig mal aufs Tapis.

St. Odile

"Ich wünschte, es gäbe einen Knall und die Psyche wäre aufgeräumt." Ach Kitty Hoff, es ist schon fast bestürzend, wie Dein "Psychenswing" den Refrain zum Thema bietet. Denn das, was uns heilig ist, ist in gewisser Weise und buchstäblich die ersehnte Knallcharge. Daher heißt das Album, auf dem sich das Lied befindet sehr passend "Blick ins Tal". Irgendwo dort unten, in einem Örtchen namens Avolsheim steht die Église Saint-Pierre de Molsheim. Die ist insofern für den vorliegenden Text beachtenswert, als dass man – jedenfalls wenn man Elsässer war – lange Zeit dachte, die Heilige Petronilla sei tatsächlich in dieser Kirche begraben. Entsprechend wurde die Grabstätte Pilgerort der lokalen Fieberkranken bis sich herausstellte, dass dort eine gewisse Terentia Augustala beigesetzt sei, die weder eine Heilige noch eine Fieberheilkräftige war. Sondern nur eine ganz normale römische Frau. Erstaunlicherweise erfüllte das Grab, als Statthalter der Heiligkeit Petronillas missverstanden, seinen Zweck als placeboesker Pilgerort bis zur Enttarnung offenbar recht gut. Wenn es, jetzt abstrakter gedacht, in diesem Zusammenhang eine Aufgabe für die Bibliotheks- und Informationswissenschaft geben kann, dann die, die zunächst dank der Postmoderne einzig möglich Form des Umgangs mit diesen Transzendenz-Storyplots auszuentwickeln: eine Synopse der Möglichkeiten des Heiligen. Beispielsweise in der Wissenschaft. Hat man daraus dann ein wohlgeordnetes (wissenschaftssoziologisches) und in der semiotischen Grundanlage organisches Zeichengewebe gesponnen, wird sich, da darf man sicher sein, schon eine neue Aufgabe zur Arbeit an den Infrastrukturen auch des wissenschaftlichen Glaubens finden.

(bk)