LIBREAS.Library Ideas

Braucht es wirklich Richtlinien für Schulbibliotheken?

Posted in LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 27. Juli 2015

von Karsten Schuldt

Zu: Schultz-Jones, Barbara A. ; Oberg, Dianne (edit.) / Global Action on School Library Guidelines (IFLA Publications, 167). Boston ; Berlin: deGruyter Saur, 2015

Vorneweg: Wissenschaftsverlage sind Publikumsverlage?

Wieso wird ein Buch veröffentlicht? Allgemein würde man annehmen, dass es einen inhaltlichen Grund gibt: Ein Thema ist ausgereift genug, ein Jahrestag steht an, Material zu einem Thema drängt zur Publikation. Aber das ist in vielen, nicht allen, Teilen des Verlagswesens mehr und mehr eine Illusion. Bekanntlich führen zahlreiche Publikumsverlage Reihen, die einfach eine regelmässige Anzahl von Publikationen mit einer regelmässigen Anzahl von Seiten und einem eingegrenzten Inhalt verlangen: 20 Liebesromane à 180 Seiten pro Jahr, mit je vier Teilen, zwei erotischen Szenen und Happy-End in der einen Reihe, 15 Science Fiction Titel über grosse Kampfrobotern, je 220 Seiten, mindestens einer Schlacht und einem Joda-mässigen Spruch in der anderen. Das macht alles schön planbar und eine Reihe von Autorinnen und Autoren lässt sich darauf ein, solche Bücher zu schreiben, was nicht immer schlecht sein muss, aber oft zu austauschbaren Titeln führt. Das hat seine Berechtigung, werden solche Titel ja gerade nicht als grosse Literatur sondern als Unterhaltung konsumiert.

Aber: Eine ganze Anzahl von Wissenschaftsverlagen scheint in den letzten Jahren ebenso dazu übergegangen zu sein, in einer ähnlichen Form Reihen zu publizieren: Eine bestimmte Anzahl von Publikationen pro Jahr und Reihe wird eingeplant und muss dann auch irgendwie produziert werden. (more…)

It’s the frei<tag> 2013 Countdown (20): Steile Thesen, mehr Diskussionen

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Debatte, LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 2. März 2013

von Karsten Schuldt

Je planmässiger die Menschen vorgehen, desto wirksamer vermag sie der Zufall zu treffen. (Friedrich Dürrenmatt)

Mit der frei<tag> 2013 wollen wir unter anderem die Zukunft der Bibliotheks- und Informationswissenschaft ausloten. Die Zukunft, das wissen wir alle, ist ein Konglomerat aus dem, was man entwirft, dem, was von anderen entworfen wird, den pfadabhängigen Entwicklungen und Machtkämpfen in Institutionen und Gesellschaft sowie unerwarteten Ereignissen. Oder anders: Sie ist nur zum Teil verständlich, nicht einfach planbar, aber auch nicht zufällig. Was auf jede Zukunft vorbereitet, ist ein Verständnis des Gegebenen und eine Ahnung davon, was man haben will. Ansonsten wird die Zukunft keine Zukunft sein, sondern etwas, dass über einen hereinbricht. Die Zukunft wird anders sein als das Heute, aber auch nicht unabhängig sein davon. Was wir heute entscheiden wird Einfluss haben; was wir heute verwerfen wollen kann in Zukunft verworfen sein.

In der Managementsprache kommt oft der Begriff der strategischen Planung vor. Das ist selbstverständlich verwirrend: Strategische Planung klingt danach, als würde alles so kommen, wie man es plant, wenn man nur den Überblick behält, einen klaren Plan macht und proaktiv an seiner Umsetzung arbeitet. Aber: Dabei kann man sich immer verrechnen, wichtige Einflüsse übersehen, über- oder unterschätzen, sich zu sehr auf den Zufall verlassen, den Einfluss des strategischen oder nicht-strategischen Handelns anderer falsch einschätzen. Napoleon zum Beispiel hatte falsch geplant, als er davon ausging, bei Waterloo die englischen Truppen geschlagen zu haben, wenn die preußischen eintreffen würden. Wir wissen: Das stimmte nicht. Aber: Dank seiner Planungen ist Napoleon überhaupt mit Truppen bis nach Waterloo gekommen. (Und immer noch ist das Rätsel offen, ob ein vereintes Europa unter Frankreichs Aufklärung wirklich ein schlechte Option gewesen wäre. Das ist bei anderen Europaeroberungsplänen anders.) Die strategische Planung ist auch nicht vollständig falsch kann uns das lehren.

Oder es könnte auch sein, dass die Welt wirklich untergeht, der Sommer zum Winter wird, die Tage zu Nächten, die Nächte zu Zeiten des allgemeinen Chaos. In den Alpen sich zu verkriechen könnte da eine Strategie sein, aber wer den gesamten Dürrenmatt gelesen hat weiss, dass auch das keine wirklich gute Strategie ist. Wenn die Welt untergeht und selbst auf die Schweiz Atombomben fallen, werden Bücher zu Feuermaterial. Dennoch: Für einige Tage oder Wochen mag der Weg in die Berge, hinauf mit den letzten fahrenden Bahnen, hindurch den Schnee und Niederschlag von dem man nicht weiss: Ist er gut oder schlecht? Was verbirgt sich darunter? eine Hoffnung bieten. Eine trügerische. Aber, wieder Weltliteratur, das  Decamerone zeigt ja auch, dass diese kurze Hoffnung genossen werden kann. If you have to go, why not with a Boom?Andererseits wird man es vielleicht verdammen, dass man damals lieber Bücher las und über die Anwendbarkeit der Foucaultschen Diskursanalyse auf reine Datenmengen stritt, wenn man hätte das Skyfahren erlernen können.

Oder es könnte auch sein, dass die Welt wirklich untergeht, der Sommer zum Winter wird, die Tage zu Nächten, die Nächte zu Zeiten des allgemeinen Chaos. Sich in den Alpen zu verkriechen könnte da eine Strategie sein, aber wer den gesamten Dürrenmatt gelesen hat, weiss, dass auch das keine wirklich gute Strategie ist. Wenn die Welt untergeht und selbst auf die Schweiz Atombomben fallen, werden Bücher zu Feuermaterial. Dennoch: Für einige Tage oder Wochen mag der Weg in die Berge, hinauf mit den letzten fahrenden Bahnen, hindurch den Schnee und Niederschlag von dem man nicht weiss: Ist er gut oder schlecht? Was verbirgt sich darunter? eine Hoffnung bieten. Eine trügerische. Aber, wieder Weltliteratur, das Decamerone zeigt ja auch, dass diese kurze Hoffnung genossen werden kann. If you have to go, why not with a Boom?
Andererseits wird man es vielleicht verdammen, dass man damals lieber Bücher las und über die Anwendbarkeit der Foucaultschen Diskursanalyse auf reine Datenmengen stritt, wenn man hätte das Skifahren erlernen können.

Hier nun ein Aufruf: Wir, als Wissenschaftscommunity aber auch als Bibliothekswesen, sollten die Zukunft nicht über uns hereinbrechen lassen; auch wenn wir wissen, dass eine Planung immer etwas schief geht. Das Planen anstossen tun sehr oft intensive und heftige Diskussionen. Heftige Diskussionen werden sehr oft von steilen Thesen und grossen Behauptungen angeregt, gegen die man sich offen zu verwehren oder denen man heftig zuzustimmen müssen glaubt. Deshalb: Steile Thesen für die Massen! Offen zur Diskussion gestellt.

  1. Auch in zwanzig Jahren werden die Bibliotheken sich gegenseitig erzählen, dass sie sich der Zukunft stellen müssen und dabei immer noch die ähnlichen Angebote machen, wie heute. Die Entwicklung wird nur langsam vorangehen, durch das mangelnde historische Bewusstsein des Bibliothekswesens wird es aber so aussehen, aber sei man „gerade jetzt erst“ dabei, sich zu verändern.
  2. In der Bibliothekswissenschaft wird sich in den nächsten zehn Jahren eine starke sozialwissenschaftliche Strömung etablieren, während die Informationswissenschaft sich weiter in Richtung Informatik orientieren wird. Das wird beklagt, aber nicht verändert werden.
  3. Die Ethnologie wird zu einer Leitwissenschaft der Bibliothekswissenschaft werden.
  4. Das Forschungsdatenmanagement und das, was heute als „Big Data“ diskutiert wird, wird nicht von den Bibliotheken, sondern von neuen Einrichtungen betrieben werden.
  5. Es wird insbesondere im Bezug auf Open Government Data ein gesellschaftliches Interesse daran geben, dass eine Einrichtung mit der gesamten Gesellschaft zusammen beginnt, darüber zu diskutieren, was man mit all den Daten eigentlich anfangen kann. Bibliotheken werden diese Chance, die behauptete Informationskompetenz zu beweisen, vorüberziehen lassen.
  6. In zehn Jahren wird dem Bibliothekswesen klar geworden sein, dass die Behauptungen (a) Informationskompetenz wäre gesellschaftlich wichtig, (b) Informationskompetenz wäre vor allem Recherchefähigkeit und (c) Bibliotheken würden Informationskompetenz fördern, ausserhalb der Bibliotheken kaum ernstgenommen wird. Das Bibliothekswesen wird sich dann zu fragen beginnen, ob These (a) und (b) überhaupt stimmen und sich in diesen Diskussionen verfangen, während die Gesellschaft diese Diskussion weiter ignoriert.
  7. Schulbibliotheken werden sich in den nächsten zehn Jahren in den deutschsprachigen Staaten endgültig als eigenständige Bibliotheksformen etablieren und eine Professionalisierung beginnen. Es wird eigenständige Schulbibliotheksverbände geben, die sich dagegen verwahren werden, das Schulbibliotheken als Sonderformen Öffentlicher Bibliotheken verstanden werden.
  8. Ein tief differenziertes System von Bibliotheksfilialen, die zentrale Dienste zentral organisieren, gleichzeitig den lokalen Anforderungen angepasst sind, wird in zehn Jahren als zukunftsträchtig gelten. Eingliedrige Bibliothekssysteme und grosse Zentralbibliotheken werden als hauptsächlich negativ beschrieben werden. Es wird der Vorwurf erhoben werden, dass die grosse Konzentration von Bibliotheken seit den 1990er Jahren dem Niedergang des Bibliothekswesens Vorschub geleistet hätte.
  9. In zehn Jahren werden wir wieder mehr französischsprachige Fachliteratur lesen und mit den Kolleginnen und Kollegen in Frankreich, der Romandie, Quebec und zahlreichen französischsprachigen Staaten in intensiven Austausch treten. Das wird das deutschsprachige Bibliothekswesen offener und interessanter machen. In zwanzig Jahren wird ähnliches mit dem Spanischen passieren.

Zürich, März 2013

Online Scheitern #20 Libreas. %§§//0101010111101

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Scheitern by libreas on 7. März 2012

Wie es sich bei diesem Thema fast schon gehört: Später als geplant, nach technischen Schwierigkeiten und unvorhergeplanten Unfällen, zudem geisteswissenschaftlich spät Abends, während in einigen Städten schon Ruhe eingekehrt ist und in anderen die vorletzten Runden geordert werden.. ist die Nummer #20 der LIBREAS erschienen.

Titelbild LIBREAS Ausgabe 20 - Scheitern

Zur LIBREAS Ausgabe 20 - Scheitern

Diese Ausgabe 20 hat den Schwerpunkt Scheitern. Leider liessen sich aus verschiedenen Gründen nicht alle versprochenen Artikel realisieren. Wir hoffen dennoch, dass sich Lerneffekte ergeben haben und weiter ergeben. Nicht von ungefähr hat das Thema eine ganze Anzahl von Gesprächen angestossen.

Abgesehen vom Scheitern beschäftigen sich weitere Artikel mit der Informationswissenschaft (des letzten Jahres) als Feld, mit den Argumentationen in den Debatten um Urheberrecht und Piratentum sowie mit elektronischer Literatur. Besonders freut uns, dass ein Artikel eine Diskussion um die Sozialen Aufgaben von Bibliotheken aus der vorherigen Ausgabe der LIBREAS aufnimmt. Solche Debattenbeiträge sind uns immer willkommen und wir hoffen auf weitere.

Ausserdem hat uns das Thema zum zweiten Mal – noch der Ausgabe 13 zur Popkultur – zum Erstellen einer Play- bzw. Songliste veranlasst, die wir als Hintergrund zur Lektüre empfehlen.

(Der Call for Papers für die nächste Ausgabe erfolgt postwendend in einigen Tagen.)

(red.)

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Scheitern in der Schreibwerkstatt: Aus der Redaktion der LIBREAS. Library Ideas.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Projektberichte, LIBREAS.Scheitern by libreas on 11. Dezember 2011

LIBREAS-Redaktion

Beim Thema Scheitern ist die Arbeit an LIBREAS. Library Ideas überhaupt nicht auszunehmen. Vielmehr ist die Herausgabe jeder Ausgabe mit mehr Scheitern und Kompromissen verbunden, als mit Erfolgen. Dies lernt man sehr schnell, wenn man sich auf ein Projekt wie LIBREAS einlässt: Zu jedem publizierten Artikel, zu jeder umgesetzten Idee, zu jedem eingehaltenem Anspruch lässt sich auch das Gegenteil anführen. Ist das eine Eigenheit unserer Redaktion? Überhaupt nicht. Egal, in welche Redaktion man Einblick erhält, es ist ähnlich. Dabei unterscheiden sich nicht einmal wissenschaftliche, journalistische oder literarische Publikationen groß voneinander. Der Unterschied liegt höchstens darin, dass das Scheitern dort praktisch nie ein öffentliches Thema ist.

Warum machen wir das dann überhaupt? Das ist nicht so klar, wie es vielleicht nach außen erscheint. Die Zeitschrift lebt vom Engagement Einzelner und diese Einzelnen haben immer wieder unterschiedliche Meinungen, die zumindest in Redaktionskonferenzen und in den Tagen vor der Veröffentlichung einer neuen Ausgabe jedesmal neu zur Sprache kommen. (more…)

Flip-Flops. Zur Wissenschaft vom Scheitern. Ein Nachtrag zum LIBREAS-Call for Papers #20.

Posted in LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Scheitern by Ben on 22. September 2011

von Ben Kaden

„Menschen, Organisationen und Staaten scheiten im Grunde gleich:
wenn Planungen mit Realität konfrontiert werden.“

So überraschend das Thema der LIBREAS-Ausgabe 20 manchem erscheint, so sehr scheint sich LIBREAS thematisch mitten im Zeitgeist zu bewegen (vgl. z.B. hier). Was nicht verwundert, kreisen die Mediendiskurse doch bereits so lange um die Gefahr des Zusammenstürzens diverser Bausteine der Grundfesten unseres Daseins, dass man sich fast über den  die Eurokrise wenige Tage auf den zweiten Schlagzeilenrang verschiebenden Papst-Besuch schon aus diesem Verdrängungsgrund freut. Dass ein Fußballtrainer am selben Tag mit Burnout zurücktritt und damit sein Scheitern zugibt, offenbart dagegen wieder die unvermeidliche Allgegenwart des Themas. Einzig der offene Umgang mit dem nach wie vor in weiten Kreisen der Leistungs- und Wettbewerbsgesellschaft bedauerlicherweise mit den üblichen „Du bist nicht ok!“-Vorwürfen persönlicher Schwäche, eigenem Versagen, mangelnden Willen und grundsätzlicher Unfähigkeit gleichgesetzten Prozess, mag überraschen. An sich bleibt Scheitern jedoch ein Tabu. Oder zieht in unsere Diskurse als ein vernebelndes Tabuwabohu, dass wenigstens rhetorisch selbst in der größten Niederlage noch ein Strohhälmchen Positives findet und genau dieses ins Zentrum der Aufmerksamkeit zerrt. So zum Beispiel die dämliche Annahme, dass alles, was einen nicht umbringt, nur stärker macht. Steh auf, wenn du ein Kämpfer bist. (more…)

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Scheitern. Die nächste Ausgabe von LIBREAS # 20 (CfP)

Posted in Hinweise, LIBREAS Call for Papers by libreas on 12. September 2011

Es ist keine Verlautbarung des Scheiterns der aktuellen Ausgabe # 19, ganz im Gegenteil. Parallel zur Fertigstellung der LIBREAS # 19, die in Kürze bekannt gegeben werden kann, erscheint der Call for Papers für die folgende Ausgabe.

Call for Papers: Libreas #20: Scheitern

Der projektorientierten Wissenschaft ist das Scheitern inhärent – beziehungsweise allen Unternehmungen, die sich in Projekten organisieren. Anders wäre es eigentlich auch nicht denkbar: Projekte werden als mögliche Aktivitäten geplant und präsentiert. Jedes Projektziel ist perspektivisch angelegt und baut auf der Erfüllung von Bedingungen auf, zu denen beispielsweise ausreichender finanzieller Support und das Vertrauen in die Verfügbarkeit kompetenter personeller Ressourcen gehören. Sicherlich sind wir alle, wenn wir Projekte betreuen, versucht, die Eventualitäten abzustecken. Wenn das nicht hilft, werfen wir in den Anträgen Nebelbomben und hoffen, dass es niemand merkt. Doch selbstverständlich Scheitern Projekte in großer Zahl – das wissen alle, aber kaum jemand sagt es laut. Vielmehr wird der Eindruck aufrechterhalten, alle Projekte wären erfolgreich. Auch dieser Eindruck ist leicht zu erzeugen: Noch mehr rhetorische Nebelbomben; Projektberichte, die keine Ergebnisse präsentieren, sondern Aktivitäten; zudem ein ständiges Betonen noch offener Fragen. Auch wir in der LIBREAS-Redaktion sind das Scheitern gewohnt. Keine fünfzig Prozent der angedachten Artikel werden wirklich geschrieben, einige Themen kommen nicht zustande. Das ist keine Ausnahme, sondern in den meisten Redaktionen normal. Die Online-Zeitschrift bildungsforschung.org überzog zum Beispiel das Erscheinen ihrer vor einigen Wochen erschienen aktuellen Ausgabe um rund ein Jahr.

Die Bibliothekspraxis ist vom Scheitern nicht ausgenommen. In vertraulichen Gesprächen ist von Projekten zu hören, die scheiterten: Kooperationen, die nicht zustande kamen; Werbemaßnahmen, die keinen oder gegenteiligen Effekt hatten; Schulklassen und Studierende, die sich von Recherchetrainings unbeeindruckt zeigten; besonders aufgebaute Bestände, die nicht genutzt werden und Software, die nicht funktionierte.

Doch es sind vertrauliche Gespräche und interne Arbeitssitzungen, auf denen dieses Scheitern, das teilweise öfter aufzutreten scheint als der Erfolg, Thema ist. Öffentlich hört man davon nichts bzw. äußert sich Scheitern ansatzweise in Diskussionen und Veranstaltungen rund um die Themen Nachhaltigkeit und Geschäftsmodelle. Sowohl die Wissenschaft als auch das Bibliothekswesen scheint die Vorstellung fest verankert zu haben, dass nur Erfolge nach außen hin kommuniziert und dargestellt werden dürfen.

Wieso eigentlich? Welchen Effekt hat dieses Vorgehen? Warum scheint es so schwer, öffentlich Scheitern einzugestehen, wenn doch zumindest unter der Hand darüber geredet wird? Führen die eingesetzten rhetorischen Nebelbomben nicht dazu, dass Projektberichte immer weniger sinnhafte Aussagen enthalten? Sinkt nicht mit jedem von Erfolgsmeldungen durchzogenen Vortrag und jedem von den Schwierigkeiten schweigenden Artikeln zu Projekten die Glaubhaftigkeit solcher Kommunikationsangebote? Schwerwiegender vielleicht die Frage: Vergeben wir uns nicht alle wichtige Lernmöglichkeiten?

Im persönlichen Leben scheint das Scheitern eine positive Bewertung erfahren zu haben, was gerade mit der zunehmenden Beratungsliteratur einhergeht. Scheitern gilt als einer der Hauptgründe für Lernen und persönliche Weiterentwicklung. Eine gescheiterte Beziehung bietet immer Möglichkeiten, über sich und andere Menschen zu lernen – auf dem Weg in bessere Beziehungen. Gescheiterte Kommunikationsversuche im persönlichen Bereich – egal, ob im Sportverein, im politischen Gremium oder im Club – gelten als Antriebsgrund für das Überdenken des individuellen Selbstbildes. Scheitern scheint heute als Teil des individuellen Lebens nicht nur akzeptiert, sondern sogar geschätzt zu werden. Weiter noch: Die Wirtschaft, an der zu orientieren sich Bildungs-, Wissenschafts- und Kulturpolitik ebenso gerne rühmen, wie die Spitzen des Bibliothekswesen, sieht das Scheitern von unvernüftigen (ergo kreativen) Projekten und Unternehmungen als Innovationsmotor an. (Vgl. Hutter, Michael / Das Potenzial des Irrationalen : Scheinbar Unvernünftiges kann sich als kreativ durchsetzen. – In: WZB Mitteilungen 132/2011, S. 7-9)

Warum also sollen wir in Wissenschaft und Bibliothekswesen nicht gerade vom Scheitern lernen? Davon, wie und vor allem warum bestimmte Projekte nicht funktionierten. Davon, wie Projektergebnisse differenziert dargestellt und bewertet werden. Davon, wie speziellen Angebote nicht angenommen, Erwartungen sich nicht erfüllt haben. Davon, wo Geld und Personal vollkommen sinnlos eingesetzt wurde. Auch davon, wo man Sackgassen beschritt, die niemand anders wieder beschreiten müsste – wenn man sie denn öffentlich machte. In der wissenschaftlichen Ausbildung wird immer wieder darauf hingewiesen, dass auch eine negative Antwort auf eine Forschungsfrage ein wissenschaftliches Ergebnis sein kann – weil man immerhin das weiß. Ist es möglich, dieses Wissen auch in den laufenden Betrieb von Bibliotheken und der Wissenschaftspraxis einzubringen?

Die 20. Ausgabe der LIBREAS soll sich dem gesamten Themenbereich des Scheiterns widmen: Was scheitert wieso? Kann man das verhindern und sollte man es überhaupt verhindern? Was kann man aus dem Scheitern lernen? Mit welchen rhetorischen Kniffen maskiert man Scheitern am besten und wie deckt man diese wieder auf? Wir rufen dazu auf, diese Debatte erfolgreich werden zu lassen und sich an ihr mit Berichten, Artikeln, Meinungsäußerungen zu beteiligen.

Redaktionsschluss ist der 31.12.2011 . Für Rückfragen oder eine inhaltliche Diskussion steht die Redaktion gerne bereit.