LIBREAS.Library Ideas

Eine kurze Geschichte zu einem bibliothekarischen Phantomschmerz

Posted in LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 3. Juli 2017

Zu: Helga Schwarz (2017). Das Deutsche Bibliotheksinstitut: Im Spannungsfeld zwischen Auftrag und politischem Interesse. Berlin: Simon verlag für Bibliothekswissen, 2017 [2018]

von Karsten Schuldt

Die Autorin des Buches, welches hier besprochen werden soll, hat aktuell relativ viele Auftritte in der Presse, da sie ihre Promotion – die in dem Buch vorgelegt wird – mit 81 Jahren abgeschlossen hat (zum Beispiel hier, hier, hier). Das ist auch beachtlich und eine symphatische Human Interest Story. Vor allem zeigt ihre Lebensgeschichte (erst Bibliothekarin, dann Programmiererin für Bibliotheken, Firmeninhaberin für Bibliothekssoftware und jetzt Doktorin der Bibliothekswissenschaft) ein ungebrochenes Interesse am Bibliothekswesen, dass zu bewundern ist.

In dieser Besprechung soll es allerdings nicht um diese Leistung, sondern vorrangig um ihr Buch gehen, dass als Übersicht eine Forschungslücke schliesst, die das Bibliothekswesen, wenn es an der eigenen Entwicklung wirklich interessiert wäre, schon längst hätte schliessen müssen (und können), aber gleichzeitig auch einige Kritik verdient.

 

I.

Ihr Buch umfasst die gesamte Geschichte des Deutschen Bibliotheksinstituts (dbi), einer Einrichtung, die denen, die noch nicht so lange im Bibliothekswesen sind, gerne einmal als der Glanz alter Zeiten vorgehalten wird. Früher hätte es das Institut gegeben, dann (2000) war es weg und seitdem scheint es irgendwie nicht mehr so gut zu sein im Bibliothekswesen. (Der Rezensent gehört zu denen, die nach 2000 im Bibliothekswesen ankamen und damit das dbi auch nicht mehr live erlebt, sondern nur davon gehört haben. Vielleicht hat das seine Meinung vom Buch auch geprägt.)

Dabei war die Geschichte es dbi erstaunlich kurz. Offiziell gegründet – selbstverständlich mit Vorlauf und Vorläufereinrichtungen – 1978, 2000 geschlossen und bis 2003 abgewickelt, existierte es gerade einmal 25 Jahre (drei davon in Auflösung) und hatte zum Beispiel auch nur einen Direktor und eine Direktorin. So viel Zeit hatte es also gar nicht, um Einfluss zu entwickeln.

Gegründet wurde es mit den folgenden Vorgaben:

„Das Institut erforscht, entwickelt und vermittelt bibliothekarische Methoden und Techniken mit dem Ziel der Analyse, Entwicklung, Normierung und Einführung bibliothekarischer Systeme und Verfahren.“ §2 des Gesetz über das Deutsche Bibliotheksinstitut vom 22. Mai 1978

Zeitlebens scheint es aber auch andere Ziele und Begehrlichkeiten von Bibliotheken und bibliothekarischen Verbänden gegeben zu haben. Das Buch deutet diese an, aber – dies eine Kritik, die weiter unten nochmal ausgeführt wird – es wird nicht richtig klar, welche Ziele das genau waren. Während seiner Existenz übernahm es Arbeiten an Systematiken, unterhielt Kommission (die später in den dbv übergingen, wo sie auch „herkamen“, und die Grundlage dessen heutiger Kommissionen / Fachkommission darstellten), gab Publikationen heraus (zum Beispiel die Zeitschrift schulbibliothek aktuell oder die Reihe dbi-materialien, welche aber nach Angabe des Buches oft Studien anderen Einrichtungen und nicht des dbi publizierte) und betrieb Datenbanken, zum Beispiel die Zeitschriftendatenbank und bauten (das wird mehrfach betont) subito auf (jetzt bekanntlich von einem Verein getragen). Auch nach dem Lesen des Buches wird aber über solche Aufzählungen hinaus nicht so genau klar, was das Institut tatsächlich tat oder hätte tun sollen. Gleichzeitig war es gross, zu einem bestimmten Zeitpunkt hatte es über 100 Angestellte.

Nach dem Aufbau war es in den 1980er Jahren aktiv, dann geriet es in den Strudel der Veränderungen in der Wissenschafts- und Kulturpolitik nach der Wende in der DDR und der Vereinigung von BRD und DDR. Ende der 1990er wurde es dann abgewickelt.

Diese Geschichte ist das Thema des Buches. Die Autorin orientiert sich dabei auf die institutionelle Sicht. Es geht in ihrer Geschichte um Gesetze, politische Entscheidungen, Verordnungen, Evaluationsverfahren, Lobbyversuche. Dabei hat sie – wie es bei einer Promotion dieser Art zu erwarten ist – intensiv in Archiven gearbeitet und Interviews mit Beteiligten geführt. Was man aber nicht erwarten darf – obwohl es sich anböte – sind Angaben über die inhaltliche Arbeit des Instituts und seiner Wirkung (oder auch Nicht-Wirkung) auf Bibliotheken. Das wird alles nur angerissen und in Stichworten abgehandelt.1

 

II.

Leider hat die Autorin – entgegen ihrer Aussage im Vorwort, als Unbeteiligte einen objektiven Blick auf diese Geschichte zu haben – doch die Tendenz, ohne weitere Quellen (die vielleicht in der eingereichten Fassung der Promotion vorhanden waren und erst für den Verlagsdruck entfernt wurden) eigene Meinungen zu vertreten, teilweise sogar dem dbi, dem ehemaligen Direktor, ungenannten Angestellten des dbi oder auch den Bibliotheken und bibliothekarischen Verbänden, Vorwürfe zu machen. Dies wird insbesondere in den Fazits der einzelnen Kapitel – die ansonsten sehr hilfreich sind – deutlich.

Hinzu kommt die Tendenz, die Quellen nicht quellenkritisch zu verwenden, sondern – wenn es in die Argumentation passt – für die Wahrheit zu nehmen, teilweise auch „aufzuleveln“. So wird der Bericht von einer Konferenz, den Claudia Lux lieferte, zu einer „Studie“ erklärt, welche Claudia Lux durchgeführt hätte. Als ausländische Stimmen zur Schliessung wird mit Jean-Marie Reding gleich mehrfach ein Kollege aus Luxemburg zitiert, welcher bis heute sehr engagiert dem luxemburgischen Bibliotheksverband vorsteht, auf jeder bibliothekarischen Konferenz in Deutschland und der Schweiz vertreten ist und immer eine dezidierte Meinung hat – und mit diesem Wissen und dieser Aktivität gerade nicht irgendeine „ausländische bibliothekarische“ Stimme ist. Schwarz tut aber so, als wäre seine Meinung repräsentativ für die Reaktionen aus dem Ausland.

Sie hat eine Meinung zum dbi und versucht diese zu untermauern. Für eine Promotion oder einen objektive Geschichte ist das nicht angebracht und auch tatsächlich der grösste Kritikpunkt, der in dieser Rezension anzubringen ist. Es ist bleibt eine subjektive Darstellung, wenn sie auch ausführlich (auf institutioneller Ebene) ist und auf reichem Quellenmaterial, dass durch die Publikation ja in den Diskurs eingeführt wird und jetzt von anderen genutzt werden kann, basiert.

 

III.

Die Autorin setzt auch dazu an, zu erklären, wieso das dbi wieder geschlossen wurde. Es wird dazu wohl immer mehrere Deutung geben, aber laut dem Buch scheint es ein Zusammenspiel aus Animositäten innerhalb des dbi, einen schwachen Chef – wobei nicht ganz klar wird, ob die Autorin dies auch der Person selber vorwirft oder nur der Konstruktion des dbi, bei dem der Leiter keine richtige Weisungsbefugnis aber gleichzeitig mit dem Kuratorium eine übergeordnete Aufsichtsinstitution hatte – und einer Änderung der Wissenschaftspolitik, die von den Bibliotheken und bibliothekarischen Verbänden übersehen worden sei, gegeben zu haben. Das wird aber nicht nachgewiesen.

Vielmehr hat die Autorin gerade im zweiten Teil des Buches, der dem Ende des dbi gewidmet ist, die Tendenz, die Geschichte als Politikroman zu schreiben, wo einzelne Beamtinnen und Beamte der Verwaltungen, einzelne Politikerinnen und Politiker sowie Bundesländer Interessen hätten (die nicht so richtig erklärt, sondern als gegeben vorausgesetzt werden), welche dann gegeneinander intrigieren und dabei das dbi schliessen. Einen solchen Roman könnte man auch für den Anfang schreiben, aber das unterbleibt. Vielmehr hat die Autorin die Angewohnheit, im zweiten Teil ständig und ohne grösseren Kontext die Beteiligten an allen möglichen Kommissionen und Verwaltungen aufzuzählen, mit Namen und Funktion, während die Beteiligten im dbi bis auf den Direktorin und die spätere Direktorin fast immer ungenannt bleiben. (Genannt werden noch die Angestellten der Bibliothekarischen Arbeitsstelle, die aber gar nicht zum dbi gehörte, obwohl sie im Buch viel Platz eingeräumt bekommt.) Selbst dann, wenn einzelnen Personen im dbi Vorwürfe gemacht werden, bleiben sie ungenannt. Es scheint, als wäre die Politik Schuld und müsste deshalb benannt werden.

Dabei ist die Situation aus Sicht des Rezensenten recht einfach, wenn sie auch für das Personal des dbi damals persönlich destruktiv war: Das dbi wurde in der Gründungswelle von Bildungs- und Kultureinrichtungen in den 1970er Jahren gegründet und zwar in Berlin, weil Berlin – so das Buch – versuchte, sich als Zentrum des bibliothekarischen Einrichtungen zu etablieren.2 In einem politischen Akt wurde die Finanzierung für das Institut – wie für viele andere Einrichtungen dieser Gründungswelle – durch einen Eintrag auf der „Blauen Liste“ – die Einrichtungen umfasste, welche von Bund und Ländern gemeinsam gefördert wurden – gesichert. 1989 änderte sich diese Lage, einmal durch die Wende und ein anderer Mal durch die Änderung der Wissenschafts- und Kulturpolitik, die sich nun verstärkt am neoliberalen Denken orientierten. Berlin fokussierte sich darauf, Hauptstadt zu werden, die Förderung wurde von Infrastruktur auf Projektförderung umgestellt, mit der Abwicklung von Einrichtungen der DDR bildete sich eine Kultur der Abwicklungen aus, die auch auf Einrichtungen ausserhalb der DDR ausgriff.

Inhaltlicher Grund für die Schliessung des dbi war eine Evaluation durch den Wissenschaftsrat, der die Blaue Liste – jetzt die Leibniz-Gemeinschaft – zu einer Liste von Forschungseinrichtungen umbauen wollte. Die Evaluation stellte, neben anderem Lob und anderen Schwächen, fest, dass das dbi keine Forschungseinrichtung sei und empfahl die Schliessung. Die deutschen Bibliotheken scheinen dies – so zumindest die Reaktionen, von denen die Autorin berichtet – nicht so verstanden zu haben, sondern als Angriff auf die bibliothekarische Arbeit. Schwarz betont, dass sich vor allem Öffentliche Bibliotheken diese Vorstellung zu eigen gemacht hätten, während sie grossen Wissenschaftlichen Bibliotheken vorwirft, auch darauf geschaut zu haben, Projekte des dbi übernehmen zu können. Das könnte aber auch nur heissen, dass Wissenschaftliche Bibliotheken schon früher die Kultur der Projektförderung kennengelernt hatten und deshalb sahen, dass das dbi nicht weiterzuführen wäre.

Was in dieser Geschichte fehlt, scheinen zwei Dinge zu sein: Zum einen scheint es, als wäre das dbi immer nur das Ergebnis einer politischen Entscheidung gewesen, und zwar nicht vom Bund, sondern einem Bundesland, dass eine Nische zu besetzen suchte. Wenn das stimmt, wäre es nur logisch, dass – als diese Nische unnötig wurde, weil Berlin Hauptstadt war – das dbi nicht weiter gefördert wurde. Zum anderen scheint die Schliessung des dbi gerade nicht spezifisch gegen Bibliotheken gerichtet gewesen zu sein, sondern liest sich auch im Nachhinein so, als wäre sie ein später Teil der ganzen Abwicklung von Einrichtungen in den fünf neuen Bundesländern und Berlin gewesen, die in den Mitte bis Ende der 90er Jahre die Berliner Politik bestimmten, nur dass es beim dbi auch Auswirkungen auf Bibliotheken im restlichen Deutschland hatte. Aber abgewickelt wurde damals ständig irgendetwas. Man hätte diesen Kontext darstellen können, dann wäre auch diskutierbar geworden, ob und wie hier das dbi herausstach oder gerade nicht herausstach.

Dies wurde von den bibliothekarischen Verbänden und Bibliotheken, die sich äusserten, nicht so gesehen. Diese schrieben gegen die Abwicklung an und behaupteten eine besondere Wichtigkeit des dbi; eine Position, die Schwarz übernimmt, auch wenn sie den Verbänden vorwirft, damals die geänderte Zeit nicht gesehen zu haben. Aber so, wie sie es darstellt, scheinen die Veränderungen generell gegen das dbi gerichtet gewesen zu sein. Es wird im Buch ständig eine Klage wiederholt – dass eine frühere Evaluation die Fokussierung auf Öffentliche Bibliotheken gefordert hätte und dann später genau dieser Fokus negativ gewertet wurde – die wohl in den späten 1990er im Bibliothekswesen regelmässig wiederholt wurde, und angedeutet, dass diese spezifisch unfair gewesen wäre. Im grösseren Kontext scheint dies aber nur die gängige Variante der damaligen Schliessungspraxen von Einrichtungen gewesen zu sein.3

Der Rezensent würde die Situation eher dahin gehend interpretieren, dass das dbi von Anfang an schwach angebunden und mit einem unmöglichen Auftrag versehen war – oder anders: dass das Ende eigentlich schon bei der Gründung angelegt war.

 

IV.

Es wäre zu erwarten, dass eine Arbeit, wie sie die Autorin vorlegte, mit ihren rund 400 Seiten plus Anhängen, auch vermittelt, was das dbi eigentlich genau getan hat und wozu es – so die Behauptung aus der Bibliotheksszene am Ende des dbi – unverzichtbar gewesen sei. Das wird aber überhaupt nicht klar. Schwarz nennt zwar eine Anzahl an Arbeitsgebieten, aber das verbleibt auf einer ganz oberflächlichen Ebene.

Ein Beispiel: Die Autorin sieht die Arbeit im Anschluss an die Wende als den eigentlich Höhepunkt des dbi an, welches zahllosen Bibliotheken in der DDR, dann in den fünf neuen Bundesländern, Beratungen geboten hätte, damit diese ihre neuen Herausforderungen meistern könnten. Aber wie sah das den genau aus? Schwarz erwähnt Weiterbildungsveranstaltungen und persönliche Beratung. Nur: Welche Weiterbildung? Wie? Was waren die Themen? Was waren die Effekte? Wie sinnvoll war das wirklich? (Insbesondere während der Streichungswellen der frühen 90er Jahre.) Und was heisst persönliche Beratung? Ist da jemand durch die Lande gefahren und hat in den Bibliotheken Händchen gehalten? Software erklärt? Den Buchhandel? Gab es einen Telefon-Hotline? Darüber schweigt sich Schwarz aus, obwohl sie diese Beratung mehrfach betont. Und so steht es praktisch mit der gesamten Arbeit des dbi. Was haben all die Angestellten dort getan?Was wurde mit dem Rechner gemacht? Was war die Aufgabe der Datenbanken? (Schwarz nennt zum Beispiel regelmässig die Zeitschriftendatenbank, die Bibliothekarinnen und Bibliothekaren bekannt ist, aber anderen potentiellen Leserinnen und Lesern ihres Buches unbekannt sein dürfte.) Das ist auch nach dem Buch überhaupt nicht klar (und somit kann man auch mit dem zeitlichen Abstand zur Schliessung nichts mehr aus dieser Arbeit lernen). Es bleibt bei oberflächlichen Andeutungen.

Das gilt aber auch dann, wenn das dbi kritisiert wird (oder Kritiken zitiert werden). Gerade der Begriff „innovativ“ – im Sinne von „das dbi war nicht innovativ genug“ – wird im Buch oft angeführt, ohne das ersichtlich wird, was heissen soll. Teilweise scheint es – weil die Autorin mehrfach betont, dass das dbi gerade in den letzten Jahren seines Bestehens veraltete Hardware genutzt hätte und nicht sofort im Internet aktiv war – als hätte es mehr Software und Hardware haben und einsetzen sollen (und wohl auch Bibliotheken anbieten). Aber ist das schon „innovativ“? Ist das nicht gerade eine so verkürzte Vorstellung, dass es schon wieder zum Sujet wird? Teilweise scheint die Autorin vorauszusetzen, als wüssten alle Lesenden, was eigentlich die Aufgaben des dbi gewesen wären; aber das stimmt ja (wie schon mehrfach gesagt) nicht.

Grundsätzlich ist es berechtigt, eine Untersuchung, wie sie Schwarz unternommen hat, auf die institutionellen Vorgänge zu fokussieren. Es hätte aber dargestellt werden müssen, dass dies der Fokus; die Kritik ist hier hauptsächlich, dass genau dies unterblieb und mit dem Buch der Eindruck vermittelt, als würde eine Gesamtgeschichte des dbi versucht.

Ein Ergebnis diese oberflächlichen Darstellung ist allerdings, auch weil wir in einer Zeit leben, in der das dbi schon seit bald 15 Jahren nicht mehr existiert und das deutsche Bibliothekswesen trotzdem nicht zusammengebrochen ist (ganz abgesehen davon, dass andere Bibliothekswesen nie ein solches Institut hatten), als wären die ganzen Unterstützungsaussagen, die am Ende aus dem Bibliothekswesen für das dbi abgegeben wurden, nur das gewesen – Unterstützung in letzter Minute, ohne wirklichen Realitätsgehalt. Es wäre vielleicht nicht die Aufgabe der Autorin, aber von anderen gewesen, wirklich zu begründen, wozu das dbi nötig gewesen war (und vielleicht wieder wäre) – und nicht zu versuchen, nur die richtigen Floskeln anzubringen.

 

V.

Das Buch schliesst, wie schon gesagt (und wie die Autorin auch in ihren Gesprächen mit der Presse immer wieder betont), eine Lücke. Das dbi war einen Einrichtung des Bibliothekswesens, die zumindest im Nachhinein als wichtig verstanden wurde. Es ist richtig, dass diese Geschichte jetzt zumindest grundsätzlich dargestellt ist und die grundsätzlichen Quellenbestände für eine weitere Geschichtsschreibung aufgearbeitet und benannt wurden. Dass sich das Buch durch seinen Fokus auf die institutionelle Geschichte stellenweise eher träge liest, ist ihm nicht vorzuwerfen. Die Aufgabe einen Promotion ist es nicht zu unterhalten, sondern eine wissenschaftlich solide Arbeit vorzulegen.

Kritisch anzumerken bleibt die Tendenz der Autorin, ständig eigene Einschätzungen anzubringen, insbesondere, wenn diese auf Quellen aufzubauen scheinen, die nicht genannt sind. Wer hofft, durch die Aufarbeitung dieser Geschichte Argumente für ein neues dbi zu finden, wird aber enttäuscht sein. Es nicht nur nicht klar, welche Arbeit das dbi geleistet hat oder heute leisten könnte. Es wird auch klar, dass schon die Einrichtung und dann auch die Abwicklung eigentlich nichts mit den Interessen von Bibliotheken und bibliothekarischen Verbänden zu tun hatten, sondern mit politischen Entscheidung in spezifischen politischen Situationen. Mit der Verstärkung des Föderalismus in Deutschland, spätestens mit der Föderalismusreform 2006, und der Etablierung eines neoliberalen Verständnisses von Wissenschafts- und Kulturförderung, ist es unwahrscheinlich geworden, dass eine solche politische Situation in näherer Zukunft wieder eintreten wird. Und selbst dann sollte die Geschichte des dbi – aber auch anderer Projekte – eher eine Warnung davor sein, für den Aufbau bibliothekarischer Infrastrukturen auf solche politischen Möglichkeiten zu setzen – diese Situationen sind irgendwann vorbei und damit auch die Unterstützung für solche Infrastrukturen. (Bei Bauten ist das anders, die sind dann faktisch da, auch wenn die politische Situation sich ändert.)

Zu bemerken ist, dass nicht nur die Geschichte des dbi weiterhin viele blinden Flecken hat, sondern das andere Einrichtungen, die das Bibliothekswesen prägen, ähnliche institutionelle Geschichten verdienen würden, weil so klar würde, wie sie überhaupt in ihre jetzige Position geraten sind. Zu denken wäre an die grossen Firmen im Bibliotheksbereich (zum Beispiel die ekz), die bibliothekarischen Verbände, die wenigen Verlage, in denen bibliothekarische und bibliothekswissenschafliche Literatur erscheint und vor allem die schon länger laufenden Zeitschriften des Bibliothekswesens. Helga Schwarz hat anhand des dbi gezeigt, dass solche Geschichten möglich sind.

 

Fussnoten

1 Und genau hier scheint es einen Unterschied zwischen denen zu geben, die das dbi in den 1980ern noch in voller Arbeit erlebt haben und denen, die erst später dazu kamen. Vielleicht musste man Bibliothekarinnen und Bibliothekaren in den 1980er Jahren – zumindest in der BRD und West-Berlin – nicht erklären, was das dbi macht. Vielleicht hatten alle eine Meinung dazu. Heute wäre gerade das interessant.

2 In der Argumentation des Buches ist diese Behauptung auch eine Schwachstelle, da nicht gezeigt wird, wie Berlin dieser Ziel sonst noch verfolgt hat. Das Institut für Bibliothekswissenschaft an der Freien Universität wird gar nicht erwähnt, auch andere Einrichtungen nicht. So scheint es, als wäre dieses „Interesse“ Berlins mit der Gründung des dbi schon wieder erloschen zu sein.

Eventuell ist das auch die persönliche Geschichte des Rezensenten, der in der gleichen Zeit, als das dbi geschlossen wurde, in der Berliner Kinder- und Jugendpolitik erlebt hat, wie Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe nur deshalb geschlossen wurde, weil von einem Jahr zum anderen 50% der Fördersumme gestrichen wurden, ohne weitere Begründung. Und das einige Jahre lang, zumeist mit viel kürzerer Frist zwischen Mitteilung der Streichung und der tatsächlichen Schliessung (zumeist, ohne das das Personal, wie es beim dbi passierte, in den Stellenüberhang des Landes Berlin übernommen wurde). Mit diesem Hintergrund scheint die Schliessung des dbi, die sich immerhin fünf Jahre hinzog, bei aller persönlichen Tragik für die Betroffenen, dann wieder wie ein Luxus.

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Braucht es wirklich Richtlinien für Schulbibliotheken?

Posted in LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 27. Juli 2015

von Karsten Schuldt

Zu: Schultz-Jones, Barbara A. ; Oberg, Dianne (edit.) / Global Action on School Library Guidelines (IFLA Publications, 167). Boston ; Berlin: deGruyter Saur, 2015

Vorneweg: Wissenschaftsverlage sind Publikumsverlage?

Wieso wird ein Buch veröffentlicht? Allgemein würde man annehmen, dass es einen inhaltlichen Grund gibt: Ein Thema ist ausgereift genug, ein Jahrestag steht an, Material zu einem Thema drängt zur Publikation. Aber das ist in vielen, nicht allen, Teilen des Verlagswesens mehr und mehr eine Illusion. Bekanntlich führen zahlreiche Publikumsverlage Reihen, die einfach eine regelmässige Anzahl von Publikationen mit einer regelmässigen Anzahl von Seiten und einem eingegrenzten Inhalt verlangen: 20 Liebesromane à 180 Seiten pro Jahr, mit je vier Teilen, zwei erotischen Szenen und Happy-End in der einen Reihe, 15 Science Fiction Titel über grosse Kampfrobotern, je 220 Seiten, mindestens einer Schlacht und einem Joda-mässigen Spruch in der anderen. Das macht alles schön planbar und eine Reihe von Autorinnen und Autoren lässt sich darauf ein, solche Bücher zu schreiben, was nicht immer schlecht sein muss, aber oft zu austauschbaren Titeln führt. Das hat seine Berechtigung, werden solche Titel ja gerade nicht als grosse Literatur sondern als Unterhaltung konsumiert.

Aber: Eine ganze Anzahl von Wissenschaftsverlagen scheint in den letzten Jahren ebenso dazu übergegangen zu sein, in einer ähnlichen Form Reihen zu publizieren: Eine bestimmte Anzahl von Publikationen pro Jahr und Reihe wird eingeplant und muss dann auch irgendwie produziert werden. (more…)

It’s the frei<tag> 2013 Countdown (20): Steile Thesen, mehr Diskussionen

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Debatte, LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 2. März 2013

von Karsten Schuldt

Je planmässiger die Menschen vorgehen, desto wirksamer vermag sie der Zufall zu treffen. (Friedrich Dürrenmatt)

Mit der frei<tag> 2013 wollen wir unter anderem die Zukunft der Bibliotheks- und Informationswissenschaft ausloten. Die Zukunft, das wissen wir alle, ist ein Konglomerat aus dem, was man entwirft, dem, was von anderen entworfen wird, den pfadabhängigen Entwicklungen und Machtkämpfen in Institutionen und Gesellschaft sowie unerwarteten Ereignissen. Oder anders: Sie ist nur zum Teil verständlich, nicht einfach planbar, aber auch nicht zufällig. Was auf jede Zukunft vorbereitet, ist ein Verständnis des Gegebenen und eine Ahnung davon, was man haben will. Ansonsten wird die Zukunft keine Zukunft sein, sondern etwas, dass über einen hereinbricht. Die Zukunft wird anders sein als das Heute, aber auch nicht unabhängig sein davon. Was wir heute entscheiden wird Einfluss haben; was wir heute verwerfen wollen kann in Zukunft verworfen sein.

In der Managementsprache kommt oft der Begriff der strategischen Planung vor. Das ist selbstverständlich verwirrend: Strategische Planung klingt danach, als würde alles so kommen, wie man es plant, wenn man nur den Überblick behält, einen klaren Plan macht und proaktiv an seiner Umsetzung arbeitet. Aber: Dabei kann man sich immer verrechnen, wichtige Einflüsse übersehen, über- oder unterschätzen, sich zu sehr auf den Zufall verlassen, den Einfluss des strategischen oder nicht-strategischen Handelns anderer falsch einschätzen. Napoleon zum Beispiel hatte falsch geplant, als er davon ausging, bei Waterloo die englischen Truppen geschlagen zu haben, wenn die preußischen eintreffen würden. Wir wissen: Das stimmte nicht. Aber: Dank seiner Planungen ist Napoleon überhaupt mit Truppen bis nach Waterloo gekommen. (Und immer noch ist das Rätsel offen, ob ein vereintes Europa unter Frankreichs Aufklärung wirklich ein schlechte Option gewesen wäre. Das ist bei anderen Europaeroberungsplänen anders.) Die strategische Planung ist auch nicht vollständig falsch kann uns das lehren.

Oder es könnte auch sein, dass die Welt wirklich untergeht, der Sommer zum Winter wird, die Tage zu Nächten, die Nächte zu Zeiten des allgemeinen Chaos. In den Alpen sich zu verkriechen könnte da eine Strategie sein, aber wer den gesamten Dürrenmatt gelesen hat weiss, dass auch das keine wirklich gute Strategie ist. Wenn die Welt untergeht und selbst auf die Schweiz Atombomben fallen, werden Bücher zu Feuermaterial. Dennoch: Für einige Tage oder Wochen mag der Weg in die Berge, hinauf mit den letzten fahrenden Bahnen, hindurch den Schnee und Niederschlag von dem man nicht weiss: Ist er gut oder schlecht? Was verbirgt sich darunter? eine Hoffnung bieten. Eine trügerische. Aber, wieder Weltliteratur, das  Decamerone zeigt ja auch, dass diese kurze Hoffnung genossen werden kann. If you have to go, why not with a Boom?Andererseits wird man es vielleicht verdammen, dass man damals lieber Bücher las und über die Anwendbarkeit der Foucaultschen Diskursanalyse auf reine Datenmengen stritt, wenn man hätte das Skyfahren erlernen können.

Oder es könnte auch sein, dass die Welt wirklich untergeht, der Sommer zum Winter wird, die Tage zu Nächten, die Nächte zu Zeiten des allgemeinen Chaos. Sich in den Alpen zu verkriechen könnte da eine Strategie sein, aber wer den gesamten Dürrenmatt gelesen hat, weiss, dass auch das keine wirklich gute Strategie ist. Wenn die Welt untergeht und selbst auf die Schweiz Atombomben fallen, werden Bücher zu Feuermaterial. Dennoch: Für einige Tage oder Wochen mag der Weg in die Berge, hinauf mit den letzten fahrenden Bahnen, hindurch den Schnee und Niederschlag von dem man nicht weiss: Ist er gut oder schlecht? Was verbirgt sich darunter? eine Hoffnung bieten. Eine trügerische. Aber, wieder Weltliteratur, das Decamerone zeigt ja auch, dass diese kurze Hoffnung genossen werden kann. If you have to go, why not with a Boom?
Andererseits wird man es vielleicht verdammen, dass man damals lieber Bücher las und über die Anwendbarkeit der Foucaultschen Diskursanalyse auf reine Datenmengen stritt, wenn man hätte das Skifahren erlernen können.

Hier nun ein Aufruf: Wir, als Wissenschaftscommunity aber auch als Bibliothekswesen, sollten die Zukunft nicht über uns hereinbrechen lassen; auch wenn wir wissen, dass eine Planung immer etwas schief geht. Das Planen anstossen tun sehr oft intensive und heftige Diskussionen. Heftige Diskussionen werden sehr oft von steilen Thesen und grossen Behauptungen angeregt, gegen die man sich offen zu verwehren oder denen man heftig zuzustimmen müssen glaubt. Deshalb: Steile Thesen für die Massen! Offen zur Diskussion gestellt.

  1. Auch in zwanzig Jahren werden die Bibliotheken sich gegenseitig erzählen, dass sie sich der Zukunft stellen müssen und dabei immer noch die ähnlichen Angebote machen, wie heute. Die Entwicklung wird nur langsam vorangehen, durch das mangelnde historische Bewusstsein des Bibliothekswesens wird es aber so aussehen, aber sei man „gerade jetzt erst“ dabei, sich zu verändern.
  2. In der Bibliothekswissenschaft wird sich in den nächsten zehn Jahren eine starke sozialwissenschaftliche Strömung etablieren, während die Informationswissenschaft sich weiter in Richtung Informatik orientieren wird. Das wird beklagt, aber nicht verändert werden.
  3. Die Ethnologie wird zu einer Leitwissenschaft der Bibliothekswissenschaft werden.
  4. Das Forschungsdatenmanagement und das, was heute als „Big Data“ diskutiert wird, wird nicht von den Bibliotheken, sondern von neuen Einrichtungen betrieben werden.
  5. Es wird insbesondere im Bezug auf Open Government Data ein gesellschaftliches Interesse daran geben, dass eine Einrichtung mit der gesamten Gesellschaft zusammen beginnt, darüber zu diskutieren, was man mit all den Daten eigentlich anfangen kann. Bibliotheken werden diese Chance, die behauptete Informationskompetenz zu beweisen, vorüberziehen lassen.
  6. In zehn Jahren wird dem Bibliothekswesen klar geworden sein, dass die Behauptungen (a) Informationskompetenz wäre gesellschaftlich wichtig, (b) Informationskompetenz wäre vor allem Recherchefähigkeit und (c) Bibliotheken würden Informationskompetenz fördern, ausserhalb der Bibliotheken kaum ernstgenommen wird. Das Bibliothekswesen wird sich dann zu fragen beginnen, ob These (a) und (b) überhaupt stimmen und sich in diesen Diskussionen verfangen, während die Gesellschaft diese Diskussion weiter ignoriert.
  7. Schulbibliotheken werden sich in den nächsten zehn Jahren in den deutschsprachigen Staaten endgültig als eigenständige Bibliotheksformen etablieren und eine Professionalisierung beginnen. Es wird eigenständige Schulbibliotheksverbände geben, die sich dagegen verwahren werden, das Schulbibliotheken als Sonderformen Öffentlicher Bibliotheken verstanden werden.
  8. Ein tief differenziertes System von Bibliotheksfilialen, die zentrale Dienste zentral organisieren, gleichzeitig den lokalen Anforderungen angepasst sind, wird in zehn Jahren als zukunftsträchtig gelten. Eingliedrige Bibliothekssysteme und grosse Zentralbibliotheken werden als hauptsächlich negativ beschrieben werden. Es wird der Vorwurf erhoben werden, dass die grosse Konzentration von Bibliotheken seit den 1990er Jahren dem Niedergang des Bibliothekswesens Vorschub geleistet hätte.
  9. In zehn Jahren werden wir wieder mehr französischsprachige Fachliteratur lesen und mit den Kolleginnen und Kollegen in Frankreich, der Romandie, Quebec und zahlreichen französischsprachigen Staaten in intensiven Austausch treten. Das wird das deutschsprachige Bibliothekswesen offener und interessanter machen. In zwanzig Jahren wird ähnliches mit dem Spanischen passieren.

Zürich, März 2013

Online Scheitern #20 Libreas. %§§//0101010111101

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Scheitern by libreas on 7. März 2012

Wie es sich bei diesem Thema fast schon gehört: Später als geplant, nach technischen Schwierigkeiten und unvorhergeplanten Unfällen, zudem geisteswissenschaftlich spät Abends, während in einigen Städten schon Ruhe eingekehrt ist und in anderen die vorletzten Runden geordert werden.. ist die Nummer #20 der LIBREAS erschienen.

Titelbild LIBREAS Ausgabe 20 - Scheitern

Zur LIBREAS Ausgabe 20 - Scheitern

Diese Ausgabe 20 hat den Schwerpunkt Scheitern. Leider liessen sich aus verschiedenen Gründen nicht alle versprochenen Artikel realisieren. Wir hoffen dennoch, dass sich Lerneffekte ergeben haben und weiter ergeben. Nicht von ungefähr hat das Thema eine ganze Anzahl von Gesprächen angestossen.

Abgesehen vom Scheitern beschäftigen sich weitere Artikel mit der Informationswissenschaft (des letzten Jahres) als Feld, mit den Argumentationen in den Debatten um Urheberrecht und Piratentum sowie mit elektronischer Literatur. Besonders freut uns, dass ein Artikel eine Diskussion um die Sozialen Aufgaben von Bibliotheken aus der vorherigen Ausgabe der LIBREAS aufnimmt. Solche Debattenbeiträge sind uns immer willkommen und wir hoffen auf weitere.

Ausserdem hat uns das Thema zum zweiten Mal – noch der Ausgabe 13 zur Popkultur – zum Erstellen einer Play- bzw. Songliste veranlasst, die wir als Hintergrund zur Lektüre empfehlen.

(Der Call for Papers für die nächste Ausgabe erfolgt postwendend in einigen Tagen.)

(red.)

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Scheitern in der Schreibwerkstatt: Aus der Redaktion der LIBREAS. Library Ideas.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Projektberichte, LIBREAS.Scheitern by libreas on 11. Dezember 2011

LIBREAS-Redaktion

Beim Thema Scheitern ist die Arbeit an LIBREAS. Library Ideas überhaupt nicht auszunehmen. Vielmehr ist die Herausgabe jeder Ausgabe mit mehr Scheitern und Kompromissen verbunden, als mit Erfolgen. Dies lernt man sehr schnell, wenn man sich auf ein Projekt wie LIBREAS einlässt: Zu jedem publizierten Artikel, zu jeder umgesetzten Idee, zu jedem eingehaltenem Anspruch lässt sich auch das Gegenteil anführen. Ist das eine Eigenheit unserer Redaktion? Überhaupt nicht. Egal, in welche Redaktion man Einblick erhält, es ist ähnlich. Dabei unterscheiden sich nicht einmal wissenschaftliche, journalistische oder literarische Publikationen groß voneinander. Der Unterschied liegt höchstens darin, dass das Scheitern dort praktisch nie ein öffentliches Thema ist.

Warum machen wir das dann überhaupt? Das ist nicht so klar, wie es vielleicht nach außen erscheint. Die Zeitschrift lebt vom Engagement Einzelner und diese Einzelnen haben immer wieder unterschiedliche Meinungen, die zumindest in Redaktionskonferenzen und in den Tagen vor der Veröffentlichung einer neuen Ausgabe jedesmal neu zur Sprache kommen. (more…)

Flip-Flops. Zur Wissenschaft vom Scheitern. Ein Nachtrag zum LIBREAS-Call for Papers #20.

Posted in LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Scheitern by Ben on 22. September 2011

von Ben Kaden

„Menschen, Organisationen und Staaten scheiten im Grunde gleich:
wenn Planungen mit Realität konfrontiert werden.“

So überraschend das Thema der LIBREAS-Ausgabe 20 manchem erscheint, so sehr scheint sich LIBREAS thematisch mitten im Zeitgeist zu bewegen (vgl. z.B. hier). Was nicht verwundert, kreisen die Mediendiskurse doch bereits so lange um die Gefahr des Zusammenstürzens diverser Bausteine der Grundfesten unseres Daseins, dass man sich fast über den  die Eurokrise wenige Tage auf den zweiten Schlagzeilenrang verschiebenden Papst-Besuch schon aus diesem Verdrängungsgrund freut. Dass ein Fußballtrainer am selben Tag mit Burnout zurücktritt und damit sein Scheitern zugibt, offenbart dagegen wieder die unvermeidliche Allgegenwart des Themas. Einzig der offene Umgang mit dem nach wie vor in weiten Kreisen der Leistungs- und Wettbewerbsgesellschaft bedauerlicherweise mit den üblichen „Du bist nicht ok!“-Vorwürfen persönlicher Schwäche, eigenem Versagen, mangelnden Willen und grundsätzlicher Unfähigkeit gleichgesetzten Prozess, mag überraschen. An sich bleibt Scheitern jedoch ein Tabu. Oder zieht in unsere Diskurse als ein vernebelndes Tabuwabohu, dass wenigstens rhetorisch selbst in der größten Niederlage noch ein Strohhälmchen Positives findet und genau dieses ins Zentrum der Aufmerksamkeit zerrt. So zum Beispiel die dämliche Annahme, dass alles, was einen nicht umbringt, nur stärker macht. Steh auf, wenn du ein Kämpfer bist. (more…)

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Scheitern. Die nächste Ausgabe von LIBREAS # 20 (CfP)

Posted in Hinweise, LIBREAS Call for Papers by libreas on 12. September 2011

Es ist keine Verlautbarung des Scheiterns der aktuellen Ausgabe # 19, ganz im Gegenteil. Parallel zur Fertigstellung der LIBREAS # 19, die in Kürze bekannt gegeben werden kann, erscheint der Call for Papers für die folgende Ausgabe.

Call for Papers: Libreas #20: Scheitern

Der projektorientierten Wissenschaft ist das Scheitern inhärent – beziehungsweise allen Unternehmungen, die sich in Projekten organisieren. Anders wäre es eigentlich auch nicht denkbar: Projekte werden als mögliche Aktivitäten geplant und präsentiert. Jedes Projektziel ist perspektivisch angelegt und baut auf der Erfüllung von Bedingungen auf, zu denen beispielsweise ausreichender finanzieller Support und das Vertrauen in die Verfügbarkeit kompetenter personeller Ressourcen gehören. Sicherlich sind wir alle, wenn wir Projekte betreuen, versucht, die Eventualitäten abzustecken. Wenn das nicht hilft, werfen wir in den Anträgen Nebelbomben und hoffen, dass es niemand merkt. Doch selbstverständlich Scheitern Projekte in großer Zahl – das wissen alle, aber kaum jemand sagt es laut. Vielmehr wird der Eindruck aufrechterhalten, alle Projekte wären erfolgreich. Auch dieser Eindruck ist leicht zu erzeugen: Noch mehr rhetorische Nebelbomben; Projektberichte, die keine Ergebnisse präsentieren, sondern Aktivitäten; zudem ein ständiges Betonen noch offener Fragen. Auch wir in der LIBREAS-Redaktion sind das Scheitern gewohnt. Keine fünfzig Prozent der angedachten Artikel werden wirklich geschrieben, einige Themen kommen nicht zustande. Das ist keine Ausnahme, sondern in den meisten Redaktionen normal. Die Online-Zeitschrift bildungsforschung.org überzog zum Beispiel das Erscheinen ihrer vor einigen Wochen erschienen aktuellen Ausgabe um rund ein Jahr.

Die Bibliothekspraxis ist vom Scheitern nicht ausgenommen. In vertraulichen Gesprächen ist von Projekten zu hören, die scheiterten: Kooperationen, die nicht zustande kamen; Werbemaßnahmen, die keinen oder gegenteiligen Effekt hatten; Schulklassen und Studierende, die sich von Recherchetrainings unbeeindruckt zeigten; besonders aufgebaute Bestände, die nicht genutzt werden und Software, die nicht funktionierte.

Doch es sind vertrauliche Gespräche und interne Arbeitssitzungen, auf denen dieses Scheitern, das teilweise öfter aufzutreten scheint als der Erfolg, Thema ist. Öffentlich hört man davon nichts bzw. äußert sich Scheitern ansatzweise in Diskussionen und Veranstaltungen rund um die Themen Nachhaltigkeit und Geschäftsmodelle. Sowohl die Wissenschaft als auch das Bibliothekswesen scheint die Vorstellung fest verankert zu haben, dass nur Erfolge nach außen hin kommuniziert und dargestellt werden dürfen.

Wieso eigentlich? Welchen Effekt hat dieses Vorgehen? Warum scheint es so schwer, öffentlich Scheitern einzugestehen, wenn doch zumindest unter der Hand darüber geredet wird? Führen die eingesetzten rhetorischen Nebelbomben nicht dazu, dass Projektberichte immer weniger sinnhafte Aussagen enthalten? Sinkt nicht mit jedem von Erfolgsmeldungen durchzogenen Vortrag und jedem von den Schwierigkeiten schweigenden Artikeln zu Projekten die Glaubhaftigkeit solcher Kommunikationsangebote? Schwerwiegender vielleicht die Frage: Vergeben wir uns nicht alle wichtige Lernmöglichkeiten?

Im persönlichen Leben scheint das Scheitern eine positive Bewertung erfahren zu haben, was gerade mit der zunehmenden Beratungsliteratur einhergeht. Scheitern gilt als einer der Hauptgründe für Lernen und persönliche Weiterentwicklung. Eine gescheiterte Beziehung bietet immer Möglichkeiten, über sich und andere Menschen zu lernen – auf dem Weg in bessere Beziehungen. Gescheiterte Kommunikationsversuche im persönlichen Bereich – egal, ob im Sportverein, im politischen Gremium oder im Club – gelten als Antriebsgrund für das Überdenken des individuellen Selbstbildes. Scheitern scheint heute als Teil des individuellen Lebens nicht nur akzeptiert, sondern sogar geschätzt zu werden. Weiter noch: Die Wirtschaft, an der zu orientieren sich Bildungs-, Wissenschafts- und Kulturpolitik ebenso gerne rühmen, wie die Spitzen des Bibliothekswesen, sieht das Scheitern von unvernüftigen (ergo kreativen) Projekten und Unternehmungen als Innovationsmotor an. (Vgl. Hutter, Michael / Das Potenzial des Irrationalen : Scheinbar Unvernünftiges kann sich als kreativ durchsetzen. – In: WZB Mitteilungen 132/2011, S. 7-9)

Warum also sollen wir in Wissenschaft und Bibliothekswesen nicht gerade vom Scheitern lernen? Davon, wie und vor allem warum bestimmte Projekte nicht funktionierten. Davon, wie Projektergebnisse differenziert dargestellt und bewertet werden. Davon, wie speziellen Angebote nicht angenommen, Erwartungen sich nicht erfüllt haben. Davon, wo Geld und Personal vollkommen sinnlos eingesetzt wurde. Auch davon, wo man Sackgassen beschritt, die niemand anders wieder beschreiten müsste – wenn man sie denn öffentlich machte. In der wissenschaftlichen Ausbildung wird immer wieder darauf hingewiesen, dass auch eine negative Antwort auf eine Forschungsfrage ein wissenschaftliches Ergebnis sein kann – weil man immerhin das weiß. Ist es möglich, dieses Wissen auch in den laufenden Betrieb von Bibliotheken und der Wissenschaftspraxis einzubringen?

Die 20. Ausgabe der LIBREAS soll sich dem gesamten Themenbereich des Scheiterns widmen: Was scheitert wieso? Kann man das verhindern und sollte man es überhaupt verhindern? Was kann man aus dem Scheitern lernen? Mit welchen rhetorischen Kniffen maskiert man Scheitern am besten und wie deckt man diese wieder auf? Wir rufen dazu auf, diese Debatte erfolgreich werden zu lassen und sich an ihr mit Berichten, Artikeln, Meinungsäußerungen zu beteiligen.

Redaktionsschluss ist der 31.12.2011 . Für Rückfragen oder eine inhaltliche Diskussion steht die Redaktion gerne bereit.