LIBREAS.Library Ideas

Die Klassifikation ist ein Machtverhältnis

Posted in LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 19. Juni 2017

Zu: Adler, Melissa (2017). Cruising the Library: Perversities in the Organization of Knowledge. New York: Fordham University Press, 2017

von Karsten Schuldt

 

Although we might imagine the library as a kind of Utopia – an island, in a sense, that houses a great bounty of literature and knowledge to which access is granted to all members of society, the idea of a library as a perfect plan crumbles when we understand how access by subject is organized. (Adler 2017:XII)

 

I

Cruising the Library ist eine buchlange Reflexion über die Macht, die durch bibliothekarische Klassifikationen ausgeübt wird, diskutiert anhand des Beispiels der Library of Congress (LoC). Melissa Adler – selber Assistant Professor für Library and Information Science – nutzt dazu, wenig überraschend, feministische, post-strukturalistische und anti-rassistische Theorie, insbesondere Eve Kosofsky Sedgwick, Michel Foucault und Roderick A. Ferguson. All diese theoretischen Ansätze thematisieren in der einen oder anderen Weise die Gewalt und Einschränkungen, die Wissenssysteme produzieren, und versuchen gleichzeitig zu verstehen, wie man diesen entkommen oder gerade doch nicht entkommen kann.

Die Klassifikation der LoC wird von Adler als ein solches Wissenssystem par excellence verstanden, dass gleichzeitig durch die Aufstellung von Bücher die eigene Struktur sichtbar macht. Ein Beispiel, gleich vom Beginn des Buches, ist die Beobachtung, dass Medien zu Bi- und Homosexualität (HQ74-74.2, HQ75-76.8) neben solchen zu „Sexual Deviations“ (HQ71-72) – was heute vor allem Verbrechen wie Vergewaltigung oder Kindesmissbrauch heisst, aber früher auch verpönte Sexualpraktiken wie Cunnilingus und Fellation beinhaltete – aufgestellt werden, obwohl dies inhaltlich nichts miteinander zu tun; aber im Denken früherer Zeiten schon. Und dies, da diese Klassifikation in zahllosen Bibliotheken als Aufstellungssystematik genutzt wird, auch tatsächlich so in räumlich in Regalen von Bibliothek umgesetzt wird. Hat das Auswirkungen, zum Beispiel darauf, wie Bi- und Homosexualität wahrgenommen wird oder welche Verbindungen gedanklich hergestellt werden? Adler bejaht dies. Neben diesen Verbindungen, die die Klassifikation impliziert, grenze die Klassifikation andere Themen und Diskussionen ab, stellt also andere Verbindungen gerade nicht her.

 

II

Ein Argument Adlers ist, dass die Klassifikation und gleichzeitig die USA als Staat entstanden, als im 19. Jahrhundert ein sehr spezifisches Wissenssystem vorherrschte, in welchem davon ausgegangen wurde, dass Wissen einmal und dann richtig zu erfassen und zu ordnen sei; dass also auch eine Systematik in der Lage sei, dass gesamte Wissen der Welt abzubilden. Dieses Denken war beherrscht vom Wunsch nach klaren Abgrenzungen, hierarchischen Ordnungen und gleichzeitig getragen von der Überzeugung, dass das Wissen nur so und nicht anders zu ordnen sei. Zu leisten war deshalb die Arbeit, die richtigen Abgrenzungen zu definieren. Nicht zufällig wurde in dieser Zeit auch neues Wissen – im Sinne von Wissen, dass Handlungen anleitete – produziert über die Geschlechtsidentitäten und Geschlechterverhältnisse (mit klarer Dichotomie), Sexualität (mit Abgrenzung von „richtigem“ und „falschem“ Sex, was – wie Foucault bemerkte – zu einem ständigen Diskurs über all die „Perversitäten“ führte, die eigentlich ausgegrenzt werden sollten) und dem modernen Rassismus (der die Einteilung von Menschen als wissenschaftlich und selbsterklärend verstand). Oder anders: Eine Zeit, die in ihre System Ordnung einschrieben, die gar nicht vorsahen, dass andere Ordnungen möglich seien. Die Klassifikation der LoC gilt Adler als – an sich sichtbare, historisch nachvollziehbare – Ordnung, die grundsätzlich weiter so funktioniert, auch wenn sie sich mit der Zeit verändert hat. (Dies auch im Gegensatz zu den geheim gehaltenen Wissensordnungen von Suchmaschinen oder Firmen, die mit Big Data arbeiten.)

Sie zeigt die Absurditäten, die eine solche Ordnung hervorbringt, mehrfach auf, zum Beispiel indem sie darstellt, wie weit das Werk von Sedgwick in der LoC verteilt wurde, obwohl Sedgwick gerade über die Verbindung vorgeblich unverbundener Themen schrieb. An anderen Beispielen zeigt sie auch die Gewalt auf, die durch Klassifikation stattfindet, beispielsweise wenn Bücher, die sich explizit gegen die Verwendung bestimmter Begriffe (oder Denkmuster) wenden, in der Klassifikation fast folgerichtig gemassregelt und genau unter diesen Begriffen eingeordnet werden. Nicht zuletzt zeigt sie, das „Normalität“ weiterhin in den LoC-Klassifikation eingeschrieben ist, wenn es in weiten Strecken nur für „abweichende Gruppen“ gesonderte Stellen in der Klassifikation gibt, aber nicht für den „Normalfall“ (was zumeist heisst Weiss und / oder heterosexuell und / oder cis).

Das besprochene Buch in einem Sehnsuchtsort, dessen Existenz und Funktionieren auch nur auf der Basis von sozialen Ordnungen und absurden Begierden zu erklären ist: Einem Wiener Caféhaus.

 

III

Die Autorin untersucht und beschreibt diese Ordnungen und die Machtbeziehungen, die sich durch diese ausdrücken, immer wieder mit Verweisen auf die oben genannten Theorien. Gleichzeitig schlägt sie andere Formen des Navigierens durch die Klassifikation und Sammlung der LoC vor, die sie – im Anschluss an Sedgwick – als „perverse reading“ beschreibt: ein suchendes, Ordnungen missachtendes und gleichzeitig immer wieder neue Ordnungen – indem Sammlungen und Verbindungen, und wenn gedanklich, hergestellt werden – generierendes Suchen und Sich-treiben-lassen. Die Verweise auf Sexualität (perverse reading, Treiben-lassen als dem Folgen von Begierden und unbewussten Wünschen, der Titel des Buches „“Crusing in the Library“, der auf das Crusing als Teil der schwulen Kultur verweist und so weiter) sind nicht zufällig. Vielmehr ist es der Anschluss an Foucault, der – wie oben gesagt – festhielt, dass das ständige Abgrenzen der „richtigen Sexualität“ gerade im 19. Jahrhundert, in dem angeblich so wenig über Sexualität gesprochen worden sei, gerade doch ein ständiges Reden über diese hervorbrachte. So, wie sich im 19. Jahrhundert ständig Gedanken über alle möglichen Formen von „Perversität“ gemacht wurde und sie überall gesehen wurden, ermöglicht nach Adler gerade das Suchen nach „Perversitäten“ im Bestand das Aufzeigen der Grenzen von Klassifikationen:

Perhaps unsurprisingly, where we locate ‚perverse‘ subject, we find that that the classification fails to capture them., The concept of perversion pushes these systems to their limits, dismantling and opening them up to more just ways of organizing and finding knowledge in the library. By problematizing the systems and exposing their failings, the hope is that we find possibilities for creating new ways of facilitating queer and perverse readings. (Adler 2017:3)

Und das tut sie, in gewisser Weise, das gesamte Buch über (beschränkt auf die gedruckten Bestände). Sie postuliert, dass es notwendig sei, sich der Suchrichtung durch das System auf eine/n „User“ – der oder die dazu erzogen würde, genau das zu wollen, was das System bietet – zu verweigern, um zu einer besseren Klassifikation zu gelangen; besser nicht im Sinne von genauer, sondern von offener und verantwortungsvoller gegenüber der Realitäten.

In einem gesonderten Kapitel zeigt Adler anhand der Geschichte der „Delta-Collection“, die irgendwann zwischen 1880 und 1920 angelegt und bis 1964 geführt wurde und all die Werke verschliessen, quasi unsichtbar machen sollte, die als pervers galten, dass die Bibliothek eben nicht, wie sie gerne behauptet, eine „neutrale Einrichtung“ ist. Sie war eine Einrichtung, die einerseits eine aufklärerische Funktion haben wollte, doch gerade beim Thema Sexualität (aber nicht nur, ein weiteres Kapitel beschreibt den inhärenten Rassismus der Klassifikation) versuchte, aktiv Medien zu verstecken. Das erinnert, wieder nicht zufällig, an Freud aber auch an die Analyse der Aufklärung und ihrer Mythen durch Adorno und Horkheimer.

Und trotz all dieser Kritik hat Adler ein positives Verhältnis zur Bibliothek, ein Erstaunen vor all der Arbeit, die in das Ordnen des Wissens gesteckt wurde und vor der Widerstandsfähigkeit der Klassifikation. Sie nennt es – zum Grundton des Buches passend – ein sadomasochistisches Verhältnis, führt am Schluss Kafkas Erzählung „In der Strafkolonie“ ein, um dieses zu beschreiben.

 

IV

Das Thema des Buches ist nicht neu, viele Beobachtungen scheinen schon anderswo beschreiben worden zu sein. Allerdings nicht unbedingt in Buchlänge. Positiv ist der Versuch, die Wirkung der Klassifikation und der Arbeit mit ihr nicht einfach zu skandalisieren oder in Ehrfurcht vor ihr zu erstarren, sondern sie mit Hilfe verschiedener theoretischer Zugänge zu beschreiben. Teilweise kehrt die Autorin auf die immer wieder gleichen Feststellungen zurück, aber es ist immer wieder nachvollziehbar, wieso. Der Zugang über „Perversitäten“ scheint vielleicht gewollt, ist es aber nicht, wenn man der Grundthese folgt, dass die LoC und ihre Ordnung eng mit der Staatswerdung der USA und der Moderne mit ihren spezifischen Geschlechterverhältnissen, Angst vor falscher Sexualität und modernem Rassismus verbunden sind. Unter dieser Vorannahme ist die Nutzung der oben genannten theoretischen Zugänge nur sinnvoll und von diesen ausgehend die Beschäftigung mit den in der Moderne wuchernden Diskursen über Grenzen und „perversen Überschreitungen“.

Das Buch ist auch ein Versuch, klarzustellen, wieso die Tätigkeit der Katalogisierung – also die konkrete Arbeit der Bibliothek – nicht als neutral oder wertfrei verstanden werden kann, sondern nur als eine von moralischem und politischem Gewicht. Es ist ein Machtverhältnis, bei denen die Bibliothek einen erstaunlich starken Einfluss darauf hat, was wie wahrgenommen und in ein Verhältnis gesetzt wird. (Ein Einfluss, dem man nur entkommen kann, wenn man sich explizit den Regeln der Klassifikation zu entziehen versucht.)

Zu erwarten wären aber zwei Themen, die nicht angegangen werden. Zum einen wäre zu diskutieren, ob nicht RDA mit seinen Beziehungen und der grösseren Verantwortung der Katalogisierenden das Potential hätte, zumindest einige der Probleme, die Adler aufzeigt, anzugehen. Zum anderen wäre es sinnvoll gewesen, nach anderen Formen der Klassifikation zu fragen, die möglich wären, um – wie die LoC-Klassifikation – Wissen zu ordnen und damit auch zugänglich zu machen, aber gleichzeitig nicht die starren – oder zumindest nicht diese – Abgrenzungen voraussetzte. Zu denken wäre an die Brian Deer Classification, aber auch an utopische Entwürfe.

 

V

Letztlich aber ist das Buch, in Zeiten, in welchen die bibliothekarische Literatur so oft ohne jede Form wissenschaftlicher Theoriebildung aber auch oft ohne Leidenschaft und Trieb auszukommen scheint, ein Lichtblick. Es ist ein Buch zum Mitdenken. Nötig ist der Wunsch, verstehen zu wollen, wie Wissensordnung funktioniert, ohne gleich nach einer praktischen Anwendung zu fragen. Es ist – hier ist beim Thema des Buches zu bleiben – zuvörderst eine Arbeit, die mit einem perversen – diesmal: nicht sofort produktiven – Verlangen gelesen werden muss. So, wie Sexualität, die nicht gleich oder nur auf Fortpflanzung zielt, sondern auf Begierde und unbewusste Wünsche. Pleasure reading für Theorie- und Bibliotheksinteressierte.

Das Fach am Dienstag: Impulse von NY.Times, BBK und JDoc

Posted in LIBREAS.Referate by Ben on 10. Januar 2012

Ein Überblick zum 10.01.2012.

von Ben Kaden

„The general field of humanities education and scholarship will not take up the use of digital technology in any significant way until one can clearly demonstrate that these tools have important contributions to make to the exploration and explanation of aesthetic works” – Jerome McGann, 2002

„Get into the digital humanities and get a job. Not a bad slogan.“ – Stanley Fish, 2012

I Sterblichkeit, Digital Humanities, eResearch und Bibliotheken

So geht es zu am Dienstagabend: Während Stanley Fish im Opinionator-Blog der New York Times Jerome McGanns 2002 unterstrichene Kernerkenntnis zum Einsatz digitaler Technologien als Quintessenz einer Reflektion über Sterblichkeit, Textlichkeit und den Digital Humanities heranzieht, entwirft Norbert Lossau bei seiner Antrittsvorlesung im Berliner Bibliothekswissenschaftlichen Kolloquium eine klare Richtung für die Bibliotheks- und Informationswissenschaft(en) – eingangs in Richtung Singular, ausgangs im möglicherweise gewünschten Traditionsplural – und zeichnet den Bibliotheken einen Kampf um Akzeptanzsicherung in digitalen Forschungsumgebungen auf.

Auch wenn er den Ausdruck nicht gebraucht, wird schon anhand der Zahlen aus der Budgetierung unmissverständlich klar, dass digitale Forschungsumgebungen immer Big Science sein müssen. Und die wird nur, so die Annahme, über Umschichtungen im Finanzbedarf finanzierbar sein. Wollen die an Bedeutung verlierenden Universitätsbibliotheken – in den STEM-Fächern spielen sie kaum mehr in größerem Umfang auf, so die Botschaft – ihre Mittel nicht einfach fortgeschichtet bekommen, führt für sie kein Weg an der Anpassung an die Erfordernisse der eResearch vorbei, die bei Norbert Lossau nicht etwa elektronisch heißt, sondern inklusive aller benennbaren Open-Komponenten, enhanced sein wird. Ein schönes Wort, im dem sich viel containern lässt.

Die Perspektive des Göttinger Direktors und jüngsten Honorarprofessors am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft lautet nun und völlig nachvollziehbar, dass sich Bibliotheken stärker in Forschung und Lehre ihrer Universitäten einbringen müssen. Am Ende der Entwicklung steht, dass die idealerweise dreifach qualifizierten Bibliotheksmitarbeiter (Bibliothekskompetenz, fachwissenschaftliche Kompetenz, informatische Kompetenz) feste Akteure (embedded librarians) in den Forschungsprojekten sind. (vgl. dazu auch Kaden, 2011, S. 348f.)

Die im Auditorium anwesenden angehenden Fachkräfte haben vielleicht nicht unbedingt mit Freude vernommen, dass in der Praxis an den für diese Entwicklung neuralgischen Punkten in der Regel nicht-bibliothekarische Experten (mit bibliothekarischer Zusatzausbildung) zum Einsatz kommen. So ein richtig mitreißendes Plädoyer für die Zukunft der bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Fachausbildung konnte man aus der Vorlesung entsprechend leider nicht herauslesen. Aber am Ende doch ein klares Bekenntnis. Die Vision für die Rolle der Universitätsbibliotheken im Forschungsumfeld nahm sich allerdings eher wie der Entwurf einer Überlebensstrategie aus, die vorwiegend darin besteht, sich in eine Entwicklung zu fügen, die auf Bibliotheken zur Not auch verzichten kann.

Es ist einsichtig, dass die traditionelle Universitätsbibliothek, wie wir sie noch als Institution analoger Zeiten kennen, in der erweiterten Forschung mit digitalen Mitteln nicht bestehen kann. Allerdings ist diese Entwicklung generell schon in der nachmonographischen Wissenschaft angelegt und die nicht-digitaltechnologischen Komponenten dieser Trends findet man bereits im Weinberg-Report. Viele der abstrakten technologischen Ideen dagegen bei Vordenken wie Paul Otlet.

Insofern erscheint enhanced Research sogar mehr als Mittel dokumentarischer Praxen als als Fortsetzung der Bibliotheksarbeit. Für die Bibliotheken mag dies ein wenig tragisch erscheinen, denn die Chance des Schrittes von der Organisation und Verwaltung hauptsächlich der Form hinein in die Kuration der Inhalte der von ihnen verwalteten und vermittelten Medieneinheiten, also im Prinzip schon die vordigitale Virtualisierung des Geschriebenen, gab es schon lange vor dem ersten WWW-Zugang. Vielleicht zeigt sich hier auch als Defizit, dass die Bibliotheks- und Dokumentationswissenschaft gegenüber ihren Zielinstitutionen wahrscheinlich nie wirklich schlagkräftig genug war, um solche Vorlagen erfolgreich zu vermitteln. Und leider zeigt sie sich auch heute noch (als Bibliotheks- und Informationswissenschaft) mehr als Ausbildungs- und Projektdisziplin denn als wirklich umfänglich Erkenntnis und Orientierungswissen produzierendes und kommunizierendes Fach.

II Obsoleszenz und Klassifikation

Dass sie bei den in Deutschland recht schmalen Ressourcen ein äußerst weitläufiges Feld bearbeiten muss und daher naturgemäß nicht an jeder Stelle die tiefsten Furchen ziehen kann, unterstreicht die thematische Bandbreite der heute veröffentlichten Preprints zur Ausgabe 02/2012 des Journal of Documentation. Alle Beiträge verbindet, dass sie auf die eine oder andere Art kritisch sind. Und wer sich für informationsethische Fragen interessiert, findet hier eine ansprechende Sammlung.

Michael Buckland, der die Leistungskennzahl von einer Publikation im Jahr bereits in der ersten Woche des Jahres 2012 erfüllte, übertrifft das Soll in der zweiten Woche mit einem Grundsatzpapier zur Obsolescence in Subject Description. Die Terminologie der Sacherschließung – in diesem Fall die Library of Congress Subject Headings – ist wie die gesamte natürliche Sprache Ergebnis sozialer und kultureller Konstruktionen und deshalb von ständigen (semiotischen) Verschiebungen betroffen. Bezeichnungen veralten (Horseless carriages, Eskimos, Idiocy), Verweise werden politisch untragbar (Sexual perversion see also Homosexuality), Ausdrücke erfahren Differenzierungen (rabbit) und Umdeutungen und bekommen ganz neue Varianten zur Seite gestellt. Andererseits ist die traditionelle Anforderung an die Sacherschließungssysteme Zeitstabilität. Daraus ergeben sich ein Widerspruch und eine willkommene Herausforderung für alle, die mit Freude Kreise quadrieren. Ein nicht-dynamisches, kontrolliertes Indexierungsvokabular, so zeigt der Text zur terminologischen Obsoleszenz, lässt sich mit einem anderen Wort aus der O-Familie beschreiben: Oxymoron:

„A static, effective subject indexing vocabulary is a contradiction in terms.”

Vivien Petras, die am IBI (auch) auf diesem Gebiet forscht, wird sich freuen, dass  ihr kalifornischer PhD-Betreuer sie mit Dank zitiert (und zwar mit der hier annotierten Arbeit).

III Das Archiv als Bezeugung – das Beispiel Kambodscha

Der Aufsatz von Michelle Caswell bietet in gewisser Weise gleich den (bitteren) Anwendungsfall für das genannte Problem. Die Autorin setzt sich u.a. in Bezug auf die auch von Michael Buckland empfohlene Arbeit von Geoffrey C. Bowker und Susan Leigh Star (1999) mit dem ethnifizierenden Konzept der Roten Khmer (als Grundlage der Khmerization) sowie der Rolle der Klassifikation des Documentation Center of Cambodia bei der Aufarbeitung und Strafverfolgung hinsichtlich der Einordnung der Geschehnisse unter dem Regime als Genozid auseinander.

Zudem zeigt der Artikel allgemein auf, welche Rolle die Digitalisierung von Akten und die Datenanalyse in derartigen Kontexten für die historische Aufklärung spielen kann und welche Bedeutung den Archivaren zukommt. In diesem Fall war es offensichtlich die Berücksichtigung der Kategorie der Ethnizität im Datenbestand, die vor dem Rote-Khmer-Tribunal überhaupt erst eine Sensibilität für die genozidalen Prägung der Herrschaft herstellte. Die Archive sind für die Autorin aktive Bausteine in der Aufarbeitung von Geschichte:

„[R]ather than being impartial storehouses of information, archives are contested sites that, through the creation and application of descriptive standards, conduct the messy ethical business of sorting the past.”

Daraus erwächst freilich für die Archivare eine beträchtliche informationsethische Verantwortung:

„[T]his paper enjoins us to think critically about the consequences of identity-based classification systems and to consider how such systems may be strategically deployed to advance political goals.”

IV Der bibliotherapeutische Diskurs

Auch der Beitrag von Liz Brewster, Barbara Sen und Andrew Cox von der University of Sheffield beschäftigt sich mit einer politischen Fragestellung. Sie untersuchen mithilfe der Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) die Durchsetzung eines bibliotherapeutischen Projektes namens Book Prescription Wales (BPW). (sh. dazu auch hier)

Die Aufmerksamkeit liegt dabei nicht auf der Bibliotherapie selbst, sondern auf dem Verlauf des Legitimationsdiskurses zur Durchsetzung dieses Ansatzes. Die AutorInnen kommen zur Erkenntnis, dass, obschon die Wirkung bibliotherapeutische Verfahren erwiesen ist, die Evidenz basierte Argumentation in diesem Fall nicht ausschlaggebend war:

„The focal actor’s argument was that if the treatment need was to be met in a cost-effective manner, bibliotherapy delivered by GPs [General Practitioners] and libraries must be used and would benefit all actors in the network […]. The simplicity of Books on Prescription was a selling point of the scheme.“

und

„BPW is legitimised by drawing on key institutional agendas including cost-effectiveness and
reduced waiting times for treatment.”

V Social Discovery Tools

Louise Spiteri von der Dalhousie University führt uns mit ihrem Beitrag von der eher kommunikationswissenschaftlichen Diskursanalyse zurück zum bibliothekarischen Kerngeschäft. In ihrer Literaturauswertung beschäftigt sie sich mit Social Discovery Systems als Option, die Lücke zwischen Katalogisierern und Nutzern zu überbrücken, mit dem Ziel, die Katalogbenutzung für die zweitgenannte Gruppe angenehmer zu gestalten sowie in Rückkopplung den Katalogisierenden Erkenntnisse zum Informationsverhalten der Nutzer zu vermitteln. Das kann wiederum direkt auf die Systemgestaltung zurückwirken:

„User-contributed metadata in the form of tags, ratings, or reviews, provide cataloguers with the opportunity to observe directly how users interact with catalogue records and adapt them to meet their needs.”

Der Beitrag ergänzt den Obsoleszenz-Aufsatz Michael Bucklands in gewisser Weise um eine pragmatische Note: Nicht nur die Terminologie, sondern auch der Umgang mit dieser wird im Nachgang zum Web 2.0 dynamisiert die Klassifikation. Der hierarchische strukturierte Einkanal-Katalog wird zu Interaktionsfläche zwischen Informationsvermittler und Informationsnutzer. Dies wird auch, so das Fazit der Autorin, Veränderungen der Katalogisierungspraxis nach sich ziehen.

VI Informationsbedürfnisse von Obdachlosen

Weniger auf grundsätzliche Änderungen als auf ein Bewusstsein für die informationsethische Dimension öffentlicher Bibliotheken als, wenn man so will, gesellschaftlicher Teilhaberaum zielt die Untersuchung von Thomas Muggleton und Ian Ruthven vom informationswissenschaftlichen Fachbereich der University of Strathclyde. Sie untersuchten, wie sich Obdachlosigkeit auf informationelle Bedürfnisse auswirkt. Dafür interviewten sie Betroffene in Glasgow und konnten zweifelsfrei feststellen, dass für die Befragten die Benutzung öffentlicher Bibliotheken zur sozialen Teilhabe genauso wie zur Hebung des Selbstwertgefühls beiträgt. Zudem ermöglicht die konzentrierte Lektüre in der Bibliothek eine Form von Eskapismus und Zerstreuung, die, so die Autoren, in diesem Zusammenhang einen besonderen Stellenwert erhält:

„In the context of social isolation, unpleasant living conditions and traumatic life events, both past and present, the ability to switch off and distract oneself can be a vital corollary of serving more basic needs for food, clothing and shelter.”

Die informationellen Bedürfnisse obdachloser Menschen unterscheiden sich, so ein Ergebnis, nicht von denen derer mit festem Wohnsitz. Jedoch sind der Lebenszusammenhang und damit die Möglichkeiten, den Bedürfnissen zu entsprechen, grundverschieden.

VII Multimodale Suche und Grundschüler

Anna Lundh und Mikael Alexandersson  setzen sich mit dem Bildersuchverhalten von Grundschülern auseinander und verorten ihre Forschungsfrage in einem Umfeld, das sich als „multimodaler Informationskompetenz“ (multimodal information literacy) bezeichnen lässt. In ihrer ethnographisch angelegten Studie zeigen sie, welcher Problemlösungsverfahren sich die Untersuchungsgruppe bei diesem Prozess bedient. Sie kritisieren zugleich ein textzentriertes Verständnis des Informationsverhaltens. Die spielerische Auseinandersetzung der Kinder mit der Medienform Bild offenbart das Potenzial von Bildern als vielschichtiges, multimodales „semiotic tool“. Ihre Arbeit verstehen sie zugleich als methodologischen Beitrag für die Untersuchung eines multimodal ausgerichteten informationellen Handelns:

„Our study shows that in order to understand and question multimodal aspects of information activities, methods that make multimodal analyses possible must be employed.”

VIII Das verworfene Wissen

Schließlich befassen sich Gary P. Radford, Marie Louise Radford und Jessica Lingel mit der, wenn man so will, Bibliothek der ausgesonderten Bücher bzw. „libraries-which-are-not-libraries“. In Anknüpfung an Michel Foucault hinterfragen sie die Rolle der Bibliothek als institutionalisierte Autorität der Wissensverwaltung, die darüber entscheidet, was des Bewahrens wert ist und was deakzessioniert und also aus dem Bestand entfernt wird.

Mit diesen Repräsentanten des ausgeschlossenen Wissens werden zwei alternative Bibliotheksräume konkret gefüllt: die Reanimation Library in Brooklyn sowie die Public Library of American Public Library Deaccession von Julia Weist and Mayaan Pearl. (vgl. zu Julia Weist auch diesen Beitrag im LIBREAS-Weblog) Der Aufsatz der AutorInnen erörtet nun die kulturphilosophische Dimension dieser alternativen Bibliotheksräume:

„The Reanimation Library and the Public Library of American Public Library Deaccession take advantage of this process both figuratively and literally. In doing so, they effectively construct a bridge between disuse (discarded) and use (discovered), conventional (trash), and alternative (treasure), theoretical (as discourse formation) and practice (as a site of artistic creation).”

Das faszinierende Element dieser Auseinandersetzung liegt darin, wie sich aus einer einzigen Gemeinsamkeit heraus begründete Klasse (ausgesondert) ein Bestand ergibt, der möglicherweise Aussagen über die Lücken im Diskurs zulässt. Vielleicht kann man auf diese Weise mittels negativer Abzeichnung irgendwann wirklich semiotische Verfahren entwickeln. In jedem Fall entsteht damit ein ganz besonders, halb arbiträres Verzeichnis der Inhalte, die buchstäblich keinen Bestand haben sollen:

„The libraries described here find and demonstrate connections among deaccessioned books that the conventional library is unable to foresee or capture in its catalogs.”

IX Die endlose Wiederbelebarkeit des Wissens

In dem sie für die Makulatur vorgesehenen physischen Exemplare in neuer Form und neuem Kontext bewahren, unterlaufen die alternativen Bibliotheken nebenbei sogar in der physischen Welt die von Stanley Fish betonte Vergänglichkeit der Diskurse:

„To be mortal is to be capable of dying (as opposed to going on and on and on), and therefore of having a beginning, middle and end, which is what sentences, narratives and arguments have: you start here and end there with the completed thought or story or conclusion (quod erat demonstrandum).”

Nun könnte man im Sinne einer enhanced Discourse Research die Daten der deakquirierten Bestände auf eine Karte der aussondernden Bibliotheken sowie einen Zeitstrahl mappen und damit ein sehr differenziertes Bild des ausschließenden Umgangs mit Diskurselementen (Themen, Inhalten, Autoren, etc.) in Zeit und Raum gewinnen. Dieses Wissen sichtbar zu machen, käme einer Reanimation gleich. Digitale Inhalte ließen sich also nach Bedarf wiederbeleben.

Denkt man an dieser Stelle weiter, tritt in der Tat die theologische Dimension digitaler Geisteswissenschaften und das von Stanley Fish angedeutete Transzendieren der Sterblichkeit im Digitalen deutlich hervor. Das Rückkanalkabel fungiert hier auch als Rückreiseticket für den digitalen Styx – wenn denn auf der anderen Seite jemand ruft. Der Tod – wenigstens des Inhalts, wenn schon nicht des Autors – wird auf einmal reversibel.

Allerdings brauchen wir dafür auch die Reanimateure. Womit wir zurück zu Norbert Lossau gelangen, der heute Abend deren, wenn man so will, qualifikatorisch notwendige Dreifaltigkeit beschrieb: Sie müssen, um im Bild zu bleiben, (a) die Toten gut kennen, (b) das Boot zu navigieren vermögen und (c) wissen, wohin welche Strömung führt.

X Quellen:

Liz Brewster, Barbara Sen, Andrew Cox, (2012) Legitimising bibliotherapy: evidence-based discourses in healthcare. In: Journal of Documentation, 68 (2) (EarlyCite)

Michelle Caswell, (2012) Using Classification to Convict the Khmer Rouge. In: Journal of Documentation, 68 (2) (EarlyCite)

Michael Buckland (2012) Obsolescence in Subject Description. In: Journal of Documentation, 68 (2) (EarlyCite)

Stanley Fish (2012) The Digital Humanities and the Transcending of Mortality. In: Opinionator. New York Times, 09.01.2012

Ben Kaden (2011) Referenz, Netzwerk und Regelkreis. In: Information – Wissenschaft & Praxis. 62 (8), S. 343-350

Norbert Lossau (2012) eResearch und neue Forschungsinfrastrukturen: wie das Internet wissenschaftliche Bibliotheken verändert. Vortrag gehalten im BBK am 10.01.2012, Berlin. Abstract

Anna Lundh, Mikael Alexandersson, (2012) Collecting and Compiling: The Activity of Seeking Pictures in Primary School. In: Journal of Documentation, 68 (2) (EarlyCite)

Thomas Muggleton, Ian Ruthven, (2012) Homelessness and access to the informational mainstream. In: Journal of Documentation, 68 (2) (EarlyCite)

Gary Paul Radford, Marie Louise Radford, Jessica Lingel, (2012) Alternative Libraries as Discursive Formations: Reclaiming the Voice of the Deaccessioned Book. In: Journal of Documentation, 68 (2) (EarlyCite)

Louise Spiteri, (2012) Social discovery tools: Extending the principle of user convenience. In: Journal of Documentation, 68 (2) (EarlyCite)

Das Jahr 2011 in der internationalen Bibliotheks- und Informationswissenschaft.

Posted in LIBREAS aktuell by Ben on 31. Dezember 2011

Eine Rundschau von Ben Kaden

Zum Jahresende blickt man nicht selten auf Stapel von Publikationen, die durchzusehen man sich anschickte, es aber aus dem einen anderen Grund nicht mit dem gewünschten Erfolg umzusetzen verstand. Schichtarbeiter, zu denen ich zähle, neigen vielmehr sogar dazu, die Stapel mit den Jahren wachsen zu lassen. Dass man sie bei digitalen Publikationen nicht direkt materiell als Bürde des Unterlassens vor sich sieht, ist nur ein schwacher Trost.

Bevor ich nun mit der Aufschichtungstradition zu breche und 2012 mit einem leeren Tisch in einem frisch gelüfteten Raum beginne, möchte ich wenigstens stichprobenartig ein bisschen durch den virtuellen Haufen des bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Outputs tauchen und ein paar Nadeln herausheben, um sie als Pins in meine persönliche kognitive Karte des Fachs einzustecken. Die Auswahl ist notwendig voreingenommen und hoch selektiv.

Mir steht dabei die klassische Kennzahl – hoffentlich richtig – vor Augen, dass ein Wissenschaftler im Jahr ca. 1000 Aufsätze sichtet und etwa 100 liest. Und einen schreibt. An anderer Stelle wurde mir einmal vorgerechnet, dass man etwa 70.000 Seiten im Jahr lesen muss, um halbwegs auf dem aktuellen Stand der Wissenschaftsentwicklung zu bleiben. Im Terror dieser Werte gefangen arbeite ich mich wie die meisten meiner Peers durch einen nicht zu bewältigenden Berg an Publikationen und lege ab und an selbst noch ein drauf. Für die nachfolgende Rundschau habe ich in etwa das Jahrespensum eines Wissenschaftlers zusammengedampft. Mehr geht derzeit nicht. Für eine vollständige Durchsicht des Publikationsgeschehens eines Jahres müssten die Zeit zwischen den Jahren bzw. vielleicht sogar die Jahre bedeutend länger sein. Immerhin lässt sich für das nächste Jahr vornehmen, die Materialstapel gleich zeitnah vielleicht einmal im Monat zu bearbeiten und auf diesem Weg einen systematischeren Blick auf die bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Entwicklungen zu entwickeln. Dies würde auch dazu beiträgen, dem Referateansatz dieses Weblogs eine verlässlichere Form zu geben.

Selbstverständlich wäre es etwas unsinnig, den Zeitraum eines einzigen Jahres als repräsentative Eingrenzung für das Geschehen in einer Wissenschaft heranzuziehen. Zumal auf der Basis von Zeitschriftenpublikationen. Denn solche Beiträge stecken schon mal gern länger im Review- und Drucklegungsverfahren und stammen genau genommen oft bereits aus dem Vorjahr.

Wenn wir versuchen anhand der Zeitschriftenpublikationen des Jahres 2011 Trends für Bibliotheks- und Informationswissenschaft zu ermitteln, ermitteln wir eigentlich, womit sich die Forschung 2010 beschäftigte. Andererseits sind die meisten der Beiträge tatsächlich erst irgendwann im Laufe des Jahres 2011 in unserer Aufmerksamkeit gelangt und haben unsere Forschungsperspektive daher in diesem Zeitpunkt auch erst beeinflussen können.

Die Wissenschaftskommunikation ist demzufolge ein stabil zeitversetzter Prozess, der, wenn man sich zum Beispiel die Entwicklung der Sozialen Netzwerke und ihrer gesellschaftlichen Rolle ansieht, immer einen Tick hinter einem allgemeinen Zeitgeist zu verorten scheint. Dafür ist die Perspektive weiter, denn der Leser sieht, wohin sein Tablet ihn tatsächlich trägt und liest drauf, was man im Sommer zuvor über eine mögliche Tragweite dachte. Wenn man Glück hat, gelingt aus dieser Lücke auf Seiten des Beobachters eine stimmige Extrapolation in die Zukunft.

Nachfolgend werden nun bar jedes Anspruchs auf Vollständigkeit stichpunktartig Kernaussagen, Trends, Erkenntnisse und Fakten zusammengestellt, die einige der Leitthemen und Haupttrends der internationalen Bibliotheks- und Informationswissenschaft des Jahres 2011 umreißen.

Lässt man die Lektüren des Jahres 2011 nun binnen einiger Nachmittagsstunden an Jahresendfeiertagen ihre Revue passieren, dann fällt für die Bibliotheks- und Informationswissenschaft im Rückblick auf, dass es nicht unbedingt eine Disziplin der großen Durchbrüche, Erkenntnisexplosionen und Quantensätze handelt, sondern um ein Fach mit einerseits sehr heterogenen Themenstellungen und andererseits mit eher behäbigen Verschiebungen im Diskurs. Für die Wissenschaft dürfte das einem Normalzustand entsprechen: Die Paradigmenwechsel – sofern man an Kuhn glaubt – vollziehen sich natürlich dennoch und einige Tendenzen werden ich nachfolgend herausstellen. Aber wenigstens im Zeitschriftenbereich finden sich im gesichteten Korpus (besonders Journal of Documentation, Journal of Information Science, Journal of the American Society for Information Science and Technology, Knowledge Organization, Scientometrics) keine Leuchtturmpublikationen deren Strahlkraft geeignet ist, völlig neue Sichtweisen zu eröffnen oder wenigstens in eine deftige Wissenschaftskontroverse zu führen. Die Diskussionen zwischen Birger Hjørland (2011b, http://dx.doi.org/10.1177/0165551511423169) und Marcia Bates (http://dx.doi.org/10.1002/asi.21594) deuten immerhin an, dass etwas in dieser Art denkbar ist und wie es aussehen könnte. Und auch der Text von John Palfrey und Johnathan Zittrain (http://dx.doi.org/10.1126/science.1210737) als einer von wenigen interdisziplinären Ausreißern der Rundschau zu Science und Nature bestätigt eigentlich nur, dass unsere Disziplin notgedrungen ein Fach des Digitalen ist.

Um diese Aussage gleich wieder einzuschränken muss nochmals unbedingt auf die Subjektivität von Auswahl, Deutung und Schwerpunktsetzung verwiesen werden. Die Zusammenfassung schließt vorwiegend solche Quellen ein, die ich persönlich benutze, um mich ein wenig auf dem Stand des Forschungs- und Erkenntnisverlaufs in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft zu halten. Eigene Lektüreinteressen spielen bei der konkreten Titel- und Artikelauswahl keine geringe Rolle. Es kann also durchaus sein, dass ich den das Paradigma umstoßenden Beitrag schlicht nicht gesehen und/oder nicht als solchen erkannt habe. Berücksichtigt wurde zudem in diesem Fall ausschließlich Zeitschriftenliteratur (mit einer persönlichen Ausnahme, die eigentlich in der LIBREAS-Ausgabe 19 als Aufsatz erscheinen sollte…). Nach einen kurzen Zusammenfassung der Haupttrends werden einzelne, in meinen Augen notierenswerte Erkenntnisse, Einsichten, Positionen und Fakten in Form von Stichpunkten zwar grob geclustert, im Übrigen jedoch soweit als möglich neutral und unkommentiert abgebildet. (more…)

Im Kreuzungsbereich: Eine Lektüre der Überlegungen Yael Keshets zum Verhältnis von Taxonomien und Folksonomien

Posted in LIBREAS.Referate by libreas on 1. Februar 2011

„Es scheint ein wenig, als wüchse sich die Wechselbeziehung zwischen Folksonomien und Taxonomien zu einem bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Trendthema aus.“

Auch wenn die Wahrnehmung subjektiv geprägt ist, freut man sich über die Bewegung, die dieses Thema in Bibliotheks- und Informationswissenschaft trägt. So findet sich fast als Ergänzung zweier aktueller Dissertationen in der Ausgabe 1/2011 des Journal of Documentation neben ein paar anderen äußerst interessanten Beiträgen ein Aufsatz der israelischen Soziologin Yael Keshet mit dem Titel Classification systems in the light of sociology of knowledge. In diesem stößt sie, im Rahmen des in einem solchen Aufsatz Möglichen, in die Lücke vor, die in der Besprechung der Dissertationen von Isabella Peters und Katrin Weller markiert wurde. Daher drängt sich eine Lektüre mehr als auf und eignet sich hervorragend, den LIBREAS.Referate-Bereich dieses Weblogs zu reaktivieren:

Ben Kaden: Im Kreuzungsbereich. Yael Keshets Überlegungen zu Taxonomien, Folksonomien und möglichen Hybriden. Eine Lektüre.  – PDF-Download