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Die Bibliothek in der Literatur. Reed Gračevs Disput über das Glück.

Posted in Die Bibliothek in der Literatur, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 29. Oktober 2014

von Ben Kaden (@bkaden)

I

Es gibt auf dem deutschen Buchmarkt (und vermutlich muss man sagen: in der deutschen Buchkultur) vermutlich nichts, was die russische Literatur so wunderbar entfaltete wie die Zusammenarbeit der Friedenauer Presse mit dem Übersetzer Peter Urban. Hätte es sie nicht gegeben, fehlten uns nicht nur fantastische Ausgaben im Regal. Wir wüssten vermutlich auch sehr wenig über Daniil Charms und so gut wie nichts über Leonid Dobyčin (vgl. auch hier) und schon gar nichts über Reed Gračev (Рид Грачев). Dessen Texte in der jüngst erschienenen Zusammenstellung zu einem Band mit dem denkbar schlichten Titel „Tomaten“ wird das letzte Produkt dieser wunderbaren Kooperation sein, denn Peter Urban starb im Dezember 2013.

Die Übersetzungen zu Gračev, der auch in Russland gerade erst ein wenig wieder entdeckt wird, erarbeitete Peter Urban bereits schwer erkrankt, wie die Herausgeberin des Bändchens, Brigitte van Kann, in ihrem Nachwork ausführt, das zugleich mutmaßlich der erste deutschsprachige Text über Gračev und dessen Biographie sein dürfte. Das schmale und wie bei der Friedenauer Presse üblich haptisch hochwertig broschierte Bändchen enthält nun mit der Erzählung „Disput über das Glück“ einen der wunderbarsten Texte mit Bibliotheksbezug, die uns dieser Literaturherbst hinblättert.

Reid Gracev - Tomaten. Erschienen 2014 in der Friedenauer Presse

Das Glück ist tomatenrot, ein wenig angestoßen und eventuell auch etwas traurig. So jedenfalls könnte man einen Beitrag zu einem entsprechenden Disput als These formulieren und zwar exakt deshalb, weil sich Glück hier auf das Empfinden bezieht, das einen umfängt, wenn man die wunderbare und hier sichtbar durch entsprechenden Gebrauch gezeichnete Ausgabe der Tomaten hinter sich (=gelesen) und vor sich (=nach dem Lesen) liegen hat.

Wie auch in den anderen Erzählungen geschieht in der 1961 (im Original: Диспут о счастье) erstpublizierten mehr Betrachtung als Kurzgeschichte auf den ersten Blick gar nicht so viel: einer Bibliothek vermutlich im Puschkin-Lyzeum von Zarskoje Selo (im daneben liegenden Katharinenpark beschäftigt sich der Wind mit dem Bewegen der Bäume, über dem Schulgebäude beschäftigt sich ein Flugzeug mit dem Steigflug) treffen ein Dutzend Senioren und eine unbestimmte, kleine Zahl Soldaten aufeinander, um sich zu erläutern, was das ist, dieses Glück. Die Gastgeberin ist die Bibliothekarin und ihr gegenüber tritt eine weitere Frau als Gegenfigur auf, die „in einer strengen Jacke“ und mit „ernstem Blick“ zunächst die Rolle einer Beobachterin übernimmt und zugleich bei der Bibliothekarin ein Kreisen eines eigenen Glückskonzeptes anregt. Zwei vereinzelte Personen stehen zwei Gruppen – den Alten und den Jungen – gegenüber, begleiten deren Glücksvorstellungen ohne jedoch selbst in den Disput einzugreifen und ohne sich diesen Glücksentwürfen anzuschließen.

Das Glück der Bibliothekarin ist nichts, auf das man zustrebt. Es ist vielmehr – die „bleiche Sonne vor dem Fenster“, das „Rauschen der Bäume im Park“, die „Soldaten mit ihren rosigen Gesichtern und den Schiffchen auf den Knien“ – ein ganz tiefes bescheidenes Daseinsglück, eine Einsicht die sie durchaus gern mit den Anwesenden und der Fremden in der Ecke teilen würde. Sie meint jedoch „es sei besser nichts zu sagen, denn man könnte sie missverstehen, und die unbekannte Frau hätte womöglich ihre eigenen Vorstellungen vom Glück und ihr könnte missfallen, was die Bibliothekarin dachte.“

Die Anwesenheit des undurchschaubaren Beobachters verhindert die Aussage: Wo man missverstanden oder Missfallen erregen kann, da sollte man also schweigen. Oder, wie zu Flucht oder Tarnung, darüber hinweg sprechen, „[u]nd die Bibliothekarin sagte die üblichen Worte, die Bibliothekare zu sagen haben, wenn sie Dispute über das Glück eröffnen.“

Wobei dies erstaunlicherweise in der Gegenwart so selten vorkommt, dass man als am „üblichen“ ein Sekunde länger als eben üblich hängen bleibt und zu meinen versteht, wohin Reed Gračev seine Bibliothekarin und damit uns lenkt. Hilfreicher ist es womöglich sogar noch, wenn man weiß, dass Dispute über das Glück in der Lyrik des eben in Zarksoje Selo geborenen Sohn Anna Achmatova vorkommen. Lew Nikolajewitsch Gumiljows Leben war in Stalins Sowjetunion zwar typisch aber völlig fernab von dem, was man landläufig als glücklich bezeichnen würde: früher Verlust des Vaters durch politische Gewalt, mehrfacher Ausschluss vom Studium, Verbannung nach Norilsk, Weltkriegsteilnehmer, denkbar hohe Hürden für die wissenschaftliche Arbeit, zeitweise Zuflucht im Bibliothekarsberuf, wieder Lagerhaft, wobei er dort immerhin das Glück hatte, wenigstens zeitweise in die vergleichsweise erträgliche Rolle des Bibliothekars der Lagerbibliothek zu gelangen. Insofern war, wie für viele Intellektuelle und intellektuelle Dissidenten seiner Zeit die Bibliothek ein zentraler Ort und bereits in seiner Kindheit häufiger Gast in der Stadtbibliothek seiner Kindheitsstadt Beschezk. Das Gedicht „Disput über das Glück“ ist, soweit ich sehen kann, nicht exakt datiert, entstand aber vor 1940, denn da hatte es seine Kommilitonin an der Leningrader Universität, Tatiana Stanyukovich, schon im Notizbuch. Gumilev vereinigt in seinem Disput-Gedicht acht Glückskonzepte, die Dschinghis-Kahn bei einigen seines Heeresführer abfragt und zusammenfasst. Am Anfang steht dort ein Falke und am Ende ein Dolch und zwischendurch liest man von Pferden und Mädchen, also all dem, was bedeutsam war, für die Männer der Inneren Mongolei. Glück ist überall Entwurf. Die Realität ist Verlust und Bedrohung und eventuell: Hoffnung.

II

Was war nun Glück für den jungen Reed Vite, dessen ungewöhnlicher wirklicher Vorname – er bekam noch einen Iosifovič dazu – unschwer erkennbar einen Faden zu dem Journalisten und Kommunisten John Reed zieht, dem 1919 in den USA die Anklage wegen Hochverrats drohte, vor der er nach Moskau flüchtete und es ist einer dieser eigenwilligen Züge der Weltgeschichte, dass sie ihre Motive immer wieder wiederholt, wenngleich Edwards Snowden nun wirklich kein Kommunist ist. Reed starb jung (mit 33) an Typhus im Land seiner Ideale und bevor er die Garstigkeiten Stalins (der immerhin Reeds Beschreibung der Oktoberrevolution Ten Days That Shook the World verbieten ließ, weil er seine eigene Rolle darin zu wenig gewürdigt sah und Trotzkis zu sehr) erleben konnte und wurde in einem Ehrengrab an der Kremlmauer beigesetzt. Gračev wurde deutlich älter und starb nach herben Erfahrungen des Breschnew-, Spät- und Postsozialismus‘. Jemand hat seinen Grabstein fotografiert und ins Internet gestellt.

Reed Vite verlor beide Eltern bei der Blockade Leningrads und durchlief eine Kindheit in Waisenhäusern und in der, mehr oder weniger, Obhut von Verwandten. Die Elternlosigkeit und die Sehnsucht nach seinen Wurzeln werden später Zentralmotive seiner Geschichten. Er galt als äußerst talentiert, versuchte sich an einer Übersetzung von Camus Der Fremde und übertrug Saint-Exupery ins Russische bevor er ab 1959 nach Abschluss seines Journalismusstudiums bis in die späten 1960er Jahre eine konzentrierte und innerhalb der Leningrader Literaturlandschaft sehr nachhaltig wirkende, unumstritten großartige Prosa schrieb. In Erinnerung an seine Mutter, die Journalistin Mauli Arsenjevna Vite, die ihre Artikel mit dem Nachnamen ihres Vaters unterzeichnete, nannte er sich Gračev. Irgendwann in den frühen 1960ern entstand ein Foto, dass ihn mit Andrej Bitov, Aleksandr Kushner und Jakov Gordin zeigt – die frühe nachstalinistische Sowjetunion in Leningrad schien nicht der schlechteste Startpunkt für einen jungen Schriftsteller gewesen zu sein, was auch Brigitte van Kann in ihrem Nachwort zu Tomaten betont. Für das Publizieren wäre Moskau besser gewesen. Leningrad hatte dafür die Gorozhane (Die Urbanisten), das Café Saigon am Newski Prospekt, eine wildere Samisdat-Kultur und eine Institution namens LITO, eine offizielle aber vergleichsweise wenig reglementierte lokalen Schriftstellervereinigung, in der sich Gračev engagierte und die zunächst als Sprungbrett zu funktionieren schien. Er galt bald weithin als einer der literarischen Hoffnungsträger seiner Generation. An dieser Stelle hatte er zugleich, was vermutlich niemand ahnte, den Höhepunkt seiner Schriftstellerlaufbahn bereits erreicht.

Dass seine Wirkung weitgehend auf seinen engeren Kreis, oft dem um Lidiya Ginzburg , der sich in Gračevs Wohnung in der Scheljabow Straße traf, begrenzt blieb, lag nicht an die Qualität der Texte – wie die nun auch auf Deutsch vorliegende Sammlung eindrücklich unterstreicht. Sondern daran, dass er kaum gedruckt wurde. Ein Manuskript lag seit 1962 beim Verlag, ein Vertrag war unterschrieben und er hoffte darauf, publiziert zu werden. Aber in der zweiten Hälfte der 1960er bricht die Perspektive allmählich. Krankheit und Armut sind die beiden Koordinaten, in denen er sich gefangen sieht. Die Publikationsmöglichkeiten schwinden in der sich wieder straffenden Kulturpolitik der Sowjetunion weiter. Er verbringt Zeiten in psychiatrischen Kliniken. Dass ihm Joseph Brodsky 1967 bescheinigte, der beste russischsprachige Schriftsteller dieser Zeit zu sein, half nicht. Im selben Jahr erscheint ein massiv zusammengekürztes Prosabändchen, was Gračev, wie Bitov und Gordin in der Rückschau berichteten, keinesfalls als Glück, sondern als reine Demütigung empfand. Gde tvoi dom? – Wo bist Du zu Hause? war der Titel, es gab ein graues Holzschnittcover und eine Auflage von immerhin 30.000. Die Geschichte vom Disput über das Glück ist darin nicht enthalten, wohl aber das auch in Tomaten übersetzte Meisterstück der Suche nach Heimat oder Ankunft „Der Zahn tut weh“. In den 1990ern wird er erstmals umfassend gedruckt, aber es kommt zu spät. Ausgerechnet 1994, in dem Jahr, in dem sein Werk erscheint, verliert er seine Wohnung und ist zeitweilig obdachlos. Er wird entführt und verliert ein Bein. Am 01. November 2004 stirbt er in St. Petersburg. Die wenigen Fakten, die sich über sein Leben zusammentragen lassen, verweisen nirgends auf Glück. Aber vielleicht liegt es doch irgendwo verborgen und möglicherweise zeigt sich in der Bibliothekarin aus Zarskoje Selo, immerhin erschaffen von Gračev, doch eine Ahnung davon.

III

Der Disput in der Bibliothek am Katharinenpark ist genau genommen keiner, denn die RentnerInnen erkennen trotz aller unterschiedlichen Annäherungen an das Thema, „das sie alle glücklich waren oder glücklich gewesen waren, und als sie das erfuhren, bekamen die alten Frauen und Männer einen rosigen Hauch im Gesicht und sahen von fern den Jungen ähnlich.“ Am Anfang steht in der Retrospektive aufs Glück die Arbeit, dann folgt die Freundlichkeit (eines Mediziners) und schließlich die Distanz zu den Spießbürgern, was sicher alles bedeutsam war in der Sowjetunion von 1960. Das Glück ist, alles in allem, allen dasselbe.

Die Soldaten tragen zur Diskussion nichts bei, halten geduldig äußerlich die Fassung und streben innerlich zum Kino, also, wenn man so will und wenn es gut läuft, zur Perfomativität des Glücks. Wobei es gar keine Alternative zu geben scheint: „Vor allem lächelten sie. Und wer nicht lächelte – lachte. Und wer nicht lachte – sang.“ Das Glück ist, alles in allem, allen dasselbe.

Die Frau (die Fremde) in der Ecke bleibt undurchschaubar, fast bedrohlich. Ihre Jacke ist erst „streng“, dann „seriös“, dann „düster“, dann „schwarz“ und schließlich „unansehnlich“. Sie durchläuft eine kleine Karriere vom Ernsten zum Schäbigen und zwar in den Augen der irritierten und nach außen hin ebenfalls ganz teilnahmslos wirkenden Bibliothekarin, die erst zum Fenster in die „rote“, also sinkende, nicht mehr „bleiche“, also etwa zwei Stunden früher hoch stehende, Sonne sah und dann – Klammer zu – „die üblichen Worte [sagte], die Bibliothekare sagen, wenn sie Dispute über das Glück beenden.“ Wie bewusst die Formulierung „den Disput beenden“, also mit einem Machtwort schließen, gewählt ist, mag man vermutlich erst in Rückgriff auf das Original entscheiden. Die Frau mit der Jacke hört sich an, was über das Glück gesagt wird, macht sich Notizen, schaut streng auf die, die reden und verschwindet, ohne etwas jenseits der Strenge über sich und ihre Interessen erkennbar werden zu lassen. Auf einmal ist sie aus dem Blick. Die Besucher des Disputs verabschieden sich und auch die Bibliothekarin ist frei. Alle gehen ihrer Wege, auf die Straße.

Die Besucher erfreuen sich nun und dort am sichtbaren Gegenwartsglück der „fortschrittlichen Sowjetjugend“, das sie jeweils aus ihrer Perspektive und für sich immer richtig ausdeuteten. Die jungen Menschen selbst „waren einfach jung, waren einfach schön und waren trunken vor Glück. Sie gingen einfach ins Kino.“

Auch die Bibliothekarin sieht all dies und das Glück der Jugend, diesem Idealalter des Sozialismus und würde sich, wenn sie könnte, womöglich sogar einreihen, ins Kino gehen und lächeln. Es geht nicht.

„Aber sie war nicht mehr jung und wusste was Glück ist. Deshalb beschloss sie, es niemandem zu sagen.“

Ihr Glück ist so sinnlich wie vergänglich. Was die Bibliothekarin eingangs über das Glück denkt, wiederholt sich. Es sind die rauschenden Bäume, die sinkende Sonne, es ist auch, vielleicht, das ungefilterte, auch unwissende Glück der Anderen (das Lächeln, das Lachen, das Singen) und das steigende Flugzeug. Es steigt über die gesamte Geschichte. Am Ende dreht es sich weiter durch den Himmel „zu einer rostbraunen Wolke“ hinauf. Das ist eigentlich alles.

(19.10.2014)

Quellen

Reed Gračev (2014) Tomaten. Acht Erzählungen. Aus dem Russ. übers. von Peter Urban. Hrsg. und mit einem Nachw. von Brigitte van Kann. Berlin: Friedenauer Presse (Seite zum Buch beim Verlag)

Рид Грачев [Reed Gračev] (1967) Где твой дом : Рассказы. Москва Ленинград : Сов. писатель, 1967

Carol Ueland (1999) Unknown Figure in a Wintry Landscape: Reid Grachev and Leningrad Literature of the Sixties. The Slavic and East European Journal. Vol. 43, No. 2, S. 361.-369. DOI: 10.2307/309550

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Felix Stalder über Diskursivität und Peer Review.

Posted in LIBREAS.Referate by Ben on 17. Oktober 2014

Eine Notiz  von Ben Kaden (@bkaden)

I.

„Wir sollten davon ausgehen, dass Wissen aus Debatten her vorgeht und dass Debatten oder Diskurse die zentralen Elemente der Wissensproduktion sind. Anstatt einen Text „den Erfordernissen entsprechend“ zu modellieren und ihn dann mit dem Stempel des Peer Review zu legitimieren, sollten Beiträge als Ausgangspunkte für Debatten betrachtet werden, die offen sind und offen bleiben.“ (Stalder, 2014)

schreibt der Medienwissenschaftler Felix Stalder in der, tatsächlich, Nullnummer der Zeitschrift Kamion, die – ganz nah an der Idee des Open Access – mit dem Motto „Der Aufstand der Verlegten“ antritt. (mehr zur Zeitschrift bei Brandmayr, 2014) Der Autor verwirft darin sehr offensiv die Idee des Peer Review, die ihm gerade im Double-Blind-Modus als sehr eigenartiges Verfahren, als ein „in vielerlei Hinsicht paradoxer Prozess“ erscheint:

„Durch die Verschleierung der Einflussnahme der Gutachter_innen auf den veröffentlichten Text wird ein Anspruch auf unpersönliches Wissen erhoben (das im Zuge des Begutachtungsprozesses entsteht), und es wird eine individuelle Autor_innenstimme behauptet.“ (ebd.)

Die Gründe, die aus seiner Sicht gegen das Peer Review sprechen, sind zusammengefasst:

  • Es besteht ein (Macht)Missbrauchspotential auf Seiten die Gutachter.
  • Die Autorenherkunft lässt sich gerade mithilfe digitaler Recherchetechnologien sehr einfach ermitteln (Stilproben, Thematik), so dass die Blind-Variante nicht wasserdicht ist.
  • Peer Review befördert einen stilistischen und formalen Konsens, wirkt also, wenn man so will, für den Diskurs homogenisierend
  • Das Peer-Review-Verfahren ist schlicht inkonsistent und zu langwierig.

II.

Es gibt mittlerweile erwartbar eine ganze Reihe von Überlegungen, wie der Ansatz des Peer Review als Qualitätskontrollmaßnahme überholt und reformiert werden kann. Stalder geht kurz auf Tony Prug und dessen Idee des Open Process Academic Publishing (Prug, 2010) ein. Diese beinhaltet u. a. auch, dass die publizierende Arbeit, also das, was ein Journal und eine Redaktion sowie, wenn vorhanden, die Reviewer tun, sichtbar wird und zugeordnet werden kann. Der für die Wissenschaftsgemeinschaft und die Selbstorganisation ihrer Publikationsprozesse entscheidende Schritt wäre eine komplette Nachvollziehbarkeit des Reviewing, die Missbrauchsmöglichkeiten erheblich reduziert und obendrein Metadiskurse zum Verfahren anregt, weil nun auch die Defizite des Review-Verfahrens erkennbar und analysierbar werden.

Stalder sucht eine andere Lösung. Er möchte das Peer-Review-Verfahren insgesamt überwinden. Entscheidend ist für ihn nicht, wie sehr ein Text bestimmten Vorstellungen und Kriterien der Gutachter entspricht, sondern welches diskursive Potential dieser enthält. Ins Zentrum der Auswahlentscheidung rückt die Debatte (vgl. Eingangszitat). Interessant für die Redaktionspraxis von kleinen Fachzeitschriften wie LIBREAS, die sich ständig intensiv mit der Frage der Begutachtung und Beitragsauswahl beschäftigen, sind Stalders Vorstellungen vom Aufgabenprofil einer Redaktion:

„Die Aufgabe des Redaktionsgremiums einer Zeitschrift wäre demnach eine doppelte: Erstens gilt es einzuschätzen, ob ein eingereichter Beitrag das Potenzial hat, die diskursive Praxis des Zusammenhangs weiterzubringen; und zweitens müssen, um die Debatte zu eröffnen, die Schlussfolgerung(en) dieser Einschätzung durch das Redaktionsgremium zusammen mit dem ursprünglichen Beitrag veröffentlicht werden. Das Redaktionsteam muss zu keiner Einigung gelangen. Es sollte ausreichen, dass ein Mitglied überzeugende Argumente dafür liefern kann, was aus diesem Beitrag tatsächlich einen Beitrag zur gemeinsamen diskursiven Praxis macht. Sollten andere Redakteur_innen zu anderen Schlussfolgerungen kommen, so wären auch ihre Argumente zu veröffentlichen. Eine Zurückweisung sollte nur dann erfolgen, wenn sich niemand positiv dafür interessiert.“ (Stalder, 2014)

Es beruhigt in gewisser Weise, dass in praxi ein solcher Prozess eines Editorial Reviews von Anfang an die einzige Option für eine Open Access-Zeitschrift im Betriebsmodus von LIBREAS war. Die zum Stalder’schen Konzept lückenschließende Ergänzung wäre nun, die Entscheidungsargumente aus den Protokollen der Redaktionsbesprechungen zu extrahieren, aufzubereiten und neben dem Beitrag als eine Art Paratext zu veröffentlichen.

Stalders Konzept klingt zunächst einmal nach einer reizvollen Idee, die wir auch gern intern reflektieren werden. Es birgt jedoch auch die Gefahr, dass die Redakteure mit ihrer plötzlich öffentlichen Rolle als Expertenjury eine prominentere Position im Publikationskontext einnehmen, als sie eigentlich anstreben. Das Kriterium der, wenn man so will, erwartbaren Diskurswucht eines Beitrags müsste in jedem Fall hinsichtlich der jeweiligen, also unserer, Diskursgemeinschaft spezifizieren. Schon das dürfte Probleme bereiten, denn die Erfahrung zeigt, dass sich die Zielgruppe von LIBREAS schwer eng umreißen lässt.

Die Einschätzung, „was aus [einem] Beitrag tatsächlich einen Beitrag zur gemeinsamen diskursiven Praxis macht“, fordert darüber hinaus einen Entscheidungsmaßstab, der konsequenterweise selbst wiederum transparent ermittelt werden muss. Ob sich das am Ende auf der Bewertungsebene allzu sehr vom traditionellen Peer Review unterscheidet, ist offen. Denn auch das Peer Review hat im Kern keinen anderen Grund als die Beurteilung, wie relevant und damit anregend für Folgeforschung oder Folgediskurse ein Beitrag ist. Alle übrigen Kriterien (passt ein Beitrag qualitativ in die jeweilige Zeitschrift?, ist er formal korrekt ausgearbeitet?, etc.) setzen auf dieser Grundidee auf.

Schließlich bleibt auch noch zu beachten, dass sich der Aspekt der Diskursivität in den so genannten STEM-Fächer ganz anders als in den Geisteswissenschaften präsentiert. Dort dient Peer Review im Idealfall zur Absicherung von faktueller und Verfahrenskorrektheit. Die dadurch erfolgende Vorfilterung trägt erfahrungsgemäß zu einer sehr willkommenen Komplexitätsreduktion bei, da – wiederum im Idealfall – nur Beiträge überhaupt in den Rezeptionszyklus gelangen, die den wissenschaftlichen und fachlichen Standards entsprechen. Das sollte nicht einer Homogenisierung sondern eher einer Kanalisierung entsprechen, bei der (wir denken an Ranganathans Every reader his/her book.) Publikationen möglichst genau dem passenden Adressatenkreis zugeleitet werden. Sind die Wissenschaftler mit dem Zuschnitt und den Review-Kriterien einer Zeitschrift vertraut, gelingt es ihnen umso besser, die Primärentscheidung zu treffen, ob ein Aufsatz für eine Lektüre überhaupt relevant ist. Die Forderung, Review-Verfahren transparenter und nachvollziehbar zu gestalten, ist hier absolut berechtigt. Das Kriterium der Debattenfähigkeit dürfte jedoch keine große Rolle spielen. Denn die Debatten finden in diesen Disziplinen eher über die Editorials, manchmal auch die Berichten und den Korrespondenzseiten der Fachzeitschriften vermittelt statt, also genau in den Teilen der Zeitschriften, die nicht einem Peer Review unterliegen.

 III.

Die Umbrüche im Publikationswesen an sich und besonders auch in der wissenschaftlichen Kommunikation sind so notwendig wie erwartbar langwierig. Das zeigt auch die Publikation von Felix Stalder in Kamion. Der Autor beschreibt in seiner Analyse der Debatte etwas, was sehr nah an die Idee liquider Dokumentensysteme rückt und führt einiges an, was in der Modellierung zu so genannten „enhanced Publications“ regelmäßig auftaucht, nämlich das Ziel:

„Materialien einfacher zwischen verschiedenen Publikationsformaten hin und her zu bewegen, von Interventionen über vielleicht auf Video aufgezeichneten Gesprächen hin zu Online-Artikeln und elektronischen oder gedruckten Büchern und wieder zurück.“ (Stalder, 2014)

Dies ist konzeptionell gar nicht allzu weit von dieser Beschreibung entfernt:

„Grob definiert versteht man unter “enhanced publications” Publikationsformen, die über eine digitale Nachbildung von Druckmedien hinausgehen und zum Beispiel mit Zusatzdiensten und Multimedia-Materialien angereichert sowie hypertextuell und/oder semantisch vernetzt sind.“ (Kaden, Kleineberg, 2014)

Was Stalder zu Recht in diesen Kontext einzubringen unternimmt, ist, diese Vernetzung nicht nur auf der Ebene der Formate, der maschinenlesbaren Verknüpfung sowie generell dem Anschluss von Begleitmaterialien wie Forschungsdaten oder Verfahrensdokumentationen zu sehen. Wissenschaftliche Kommunikation bleibt auch zukünftig unvermeidlich ein primär soziales Geschehen, weshalb die Vernetzungsdynamik von Publikationen naturgemäß auch und aus Sicht von Publizierenden ganz besonders von der Perspektive der Diskursivität her gedacht werden muss.

Digitale Kommunikationswerkzeuge der Gegenwart und idealerweise auch alle kommenden Publikationsstrukturen sollten dies ausdrücklich berücksichtigen und unterstützen. Die einfache Einbindung von Web-Elementen in Soziale Netzwerke ist dabei nur eine der simpelsten Varianten.

Selbst wenn man versteht, wie aufwendig es ist, mit engem Budget eine Zeitschrift herauszugeben, hätte man sich daher auch aus diesem Grund im Fall von Kamion ein wenig mehr Mut zur Nutzung offenerer digitaler Publikationsformen gewünscht. Schließlich tritt die Zeitschrift mit dem Anspruch an:

„Sie forciert den Verkehr, die Übersetzungen, die Vernähungen zwischen sozialen Bewegungen, Kunstpraxen und kritischer Intellektualität. Sie eröffnet Raum für entspannt theoretische, essayistische, nicht-akademische Schreibweisen und experimentelle Erzählformen. Sie entwickelt Taktiken und Strategien der Verkettung, Neuzusammensetzung und Bildung von Allianzen.“ (Kamion, 2014)

Publiziert wurde die Null-Ausgabe leider im Rückgriff auf das antiquierte und im digitalen Sinn denkbar verschlossene PDF-Format.

Erstaunlicherweise relativiert sich diese Kritik ein wenig, wenn man weiter recherchiert. Dann findet man den Text Felix Stalders bereits stärker „enhanced“, nämlich mehrsprachig und mit ein paar weiterführenden Informationen verknüpft, parallelpubliziert auf einem Portal namens _transversal texts_ (einem „multilingual webjournal“ herausgegeben vom europäischen institut für progressive kulturpolitik in Wien), wobei wiederum wenigstens für den Erstbesucher reichlich undurchsichtig bleibt, was, wie und mit welchem Zweck zusammenhängt. Aus performativer Hinsicht ist diese Unübersichtlichkeit, die so kennzeichnend für vielschichtige und offene digitale Kommunikationsumgebungen ist, fraglos gelungen. Einem Rezipienten, der permanent zwischen beiden Welten, nämlich der analogen bzw. analog geprägten und der digitalen und enhanced ausgericheten Publikationskultur wandelt, fehlen hier freilich stabile Orientierungsmarker, anhand derer er einschätzen kann, womit er es überhaupt zu tun hat. Was man nämlich nicht vergessen darf, ist, dass das diskursive Potential einer Publikation nicht allein von der Entscheidung der Herausgeber und der Redaktion abhängt. Ähnlich, wenn nicht sogar wichtiger ist die Bewertung und Begutachtung der Publikation durch das Publikum, also die rezipierende Diskursgemeinschaft. Die Aufgabe einer Redaktion ist folglich, nicht nur Beiträge auszuwählen, sondern auch einen Präsentationsrahmen zu entwickeln, der diese ohne großen zusätzlichen Aufwand eindeutig und konzentriert rezipierbar macht.

(Berlin, 17.10.2014)

Quellen

Alessia Bardi; Paolo Manghi (2014) Enhanced Publications: Data Models and Information Systems. In: LIBER Quarterly, Vol. 23, Nr. 4, S. 240-273, apr. 2014., vgl. http://libreas.tumblr.com/post/99488614736/enhanced-publications

Tanja Brandmayr (2014) Die Lust an transversalen Texte. In: Versorgerin, #103, http://versorgerin.stwst.at/artikel/aug-23-2014-2204/die-lust-transversalen-texten

Ben Kaden, Michael Kleineberg (2014) Das Fu-PusH-Weblog. In: Future Publications in den Humanities (FuPusH). Weblog. 13.10.2014, https://blogs.hu-berlin.de/fupush/2014/10/fupush/

Kamion [Redaktion] (2014) Einfahrt „Nicht abonnieren, wir gehen jetzt. In: Kamion, Nr. 0. S. 2f. (24. Juni 2014), http://diekamion.org/einfahrt/)

Tony Prug (2010) Open Process Academic Publishing. In: ephemera, Vol. 10, Nr. 1, S. 40-63, http://www.ephemerajournal.org/contribution/open-process-academic-publishing

Karsten Schuldt (2012) Peer Review – eine Entscheidungsfrage für kleine Zeitschriften. In: LIBREAS.Weblog, 06. Juni 2012, https://libreas.wordpress.com/2012/06/06/peer-review-eine-entscheidungsfrage-fur-kleine-zeitschriften/

Felix Stalder (2014) Wissenschaftliches Schreiben jenseits der Peer Review. Vom individuellen Schreiben zur diskursiven Praxis. In: Kamion, Nr. 0. S. 4-10 bzw. bei transversal: http://eipcp.net/transversal/0614/stalder/de

(Ben Kaden ist Mitherausgeber der Zeitschrift LIBREAS. Library Ideas und beforscht derzeit im Projekt Future Publications in den Humanities (Fu-PusH) an der Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin die Zukunft der wissenschaftlichen Kommunikation in den Geisteswissenschaften.)