LIBREAS.Library Ideas

Rückmeldung zu: Karsten Schuldt, Rudolf Mumenthaler: „Partizipation in Bibliotheken. Ein Experiment, eine Collage“. LIBREAS. Library Ideas, 32 (2017)

Posted in LIBREAS.Leserbriefe by Karsten Schuldt on 23. Januar 2018

[Vorwort: Auf dem im Titel genannten Beitrag aus der aktuelles Ausgabe der LIBREAS. Library Ideas reagierte Jens Ilg mit folgender Mail, die wir hier – auch als Aufforderung zur Diskussion – in Rücksprache mit allen Beteiligten publizieren. Grundsätzlich ist LIBREAS. Library Ideas immer an Rückmeldungen zu den publizierten Artikeln interessiert. Dazu kann übrigens auch für jeden Text per hypothes.is kommentiert werden (der Link dazu befindet sich bei jedem Text über dem Titel).]

 

Lieber Karsten Schuldt, lieber Rudolf Mumenthaler,

über euern Beitrag in LIBREAS #32 habe ich mich sehr gefreut, da m.E. Partizipation ein Element sein wird, künftige Bibliotheksarbeit zukunftsfest aufzustellen. Auch ich versuche in der täglichen Bibliothekspraxis – bisher in Rostock, jetzt an der UB Magdeburg – mein bestes zu geben, kundenpartizipatorisch zu arbeiten und andere Kollegen dazu zu ermuntern (und sie mich!). Vor diesem Hintergrund habe ich euren Beitrag gelesen und stimme euren Argumentationen in einigen Punkten zu, in einigen nicht: Erlaubt mir, hier zu widersprechen, s. unten.

Herzliche Grüße aus Magdeburg

Jens Ilg

 

  1. Eure Argumentation:

„Die Darstellung bei Dewosch (2016) schärft, wenn man sie etwas gegen den Strich liest, den Blick dafür, was in Bibliotheken an Partizipation ermöglicht wird und was nicht.(Satz 1) Der Eindruck ist, dass Bibliotheken sich vor allem Hinweise geben lassen für Themen, die sie schon im Vorhinein bestimmt und strukturiert haben. (2) Das kann sehr einfach sein oder elaboriert, es kann einzelne Gruppen umfassen oder aber potentiell alle Nutzerinnen und Nutzer oder gar die gesamte Bevölkerung. (3) Aber letztlich legen die Bibliotheken fest, worüber abgestimmt, diskutiert oder ein Workshop durchgeführt wird, dann haben Personen die Möglichkeit, sich dazu zu äussern und werden zum Teil aktiv dazu aufgefordert. (4) Aber durchsetzen können sie ihre Meinung nicht. Die Bibliothek informiert sich und kann Vorschläge und Trends in den Aussagen aufgreifen – oder auch nicht. (5)“

A.1 Als kritischer Leser hat man es leicht, Verallgemeinerungen – wie dieser – zu widersprechen; ich würde es nicht tun, wenn es davon nicht viele in eurem Beitrag gäbe und wenn wenn meine Arbeiten nicht in Dewosch enthalten wären (was sie sind): Die Sätze (Aussagen) 3 bis 5 sind nicht zutreffend: a) an der UB Rostock wurde und werden die meisten partizipative Projekte nutzerinduziert gestartet und ergebnisoffen angelegt, 2) „bestimmen TATSÄCHLICH Nutzer, worüber abgestimmt wird“ (z.B. Pflanzenpatenschaften, Jacken-Taschen-Mitnahme, Lernraumertüchtigungen sind Themen der Nutzer); 3) selbstversändlich können und konnten sie „ihre Meinung durchsetzen“: Das Projekt „Innenarchitekt auf Zeit“ – als ein Beispiel von vielen – ist nix anderes gewesen. Und selbst aus Sicht anderer Hochschulbibliotheken, an denen partizipative Projekte durchgeführt werden, widerlegen eure Aussagen.

 

  1. Eure Argumentation:

Fußnote 13: „Nebenbemerkung: Dieses Dokument (2014 Foster) ist eines, welches eigentlich viel Arbeit, die im Bibliotheksbereich lokal gemacht wird, ersparen könnte.(Satz 1) Immer wieder entwerfen Bibliotheken Projekte, bei denen sie für sie neue Methoden ausprobieren und dies später als innovativ beschreiben (siehe Ilg 2016), obwohl diese schon ausführlich in diesem Dokument beschrieben sind, inklusive dem Nachweis, dass sie in Bibliotheken funktionieren.(2) Bibliotheken könnten sich vielmehr auf die Durchführung ihrer Projekte konzentrieren, wenn sie auf diesem publizierten Wissen aufbauen würde. (3)“

B.1 Als Beleg eurer Nebenbemerkung, dass bestimmte Fachliteratur nicht zur Kenntnis genommen und daher etwas als innovativ behauptet würde, habt ihr meine Publikation zitiert: Ilg, 2016: In der habe ich eben reingeschaut: Dergleichen habe ich nicht behauptet noch geschrieben, weder explizit noch implizit; auch das Wort „innovat*“ kommt nicht vor. Und unabhängig davon ist der Innovationsbegriff keineswegs unbestritten eindeutig im Gebrauch; m.E. überdehnt man auch dann nicht den Innovationsbegriff, wenn der Regionalitätsaspekt einbezogen wird, d.h. X kann für deutschspr. Bereich innovativ sein, wenn X dort bisher singulär war, obwohl X anderswo exitiert.

B.2 Das von euch zitierte Dokument ist mir und einigen meiner Kollegen bekannt.

B.3 Die Behauptung in Satz 3 ist provokant und wäre eine eigene Diskussionsrunde wert; da sie hier nur eine Nebenbemerkung ist, erlaube ich mir die Gegenargumentation zu verkürzen auf: Das kann nicht auf eigene Beobachtung fußen.

 

  1. Eure Argumentation:

Wenn ich einen der Grundgedanken richtig verstanden habe, ist es so, dass, wenn in Bibliotheken – wozu auich Hochschulbibliotheken gehören – partizipative Projekte durchegführt werden oder sie reflektiert werden (z.B. in Fachlit.), dann unbemerkt oder unbeachtet wird, dass es sich nur um eine sehr eingeschränkte und damit tendenziell nicht wirkliche Partizipation handelt, weil a) letztlich noch immer Bibliotheken vorgeben oder darüber entscheiden, ob und wenn ja, wie weit partizipative Projekte gehen, b) letztlich von Bibliotheken (als Institution) Machtstrukturen bedient werden, bei denen die Nutzer noch immer am kürzeren Hebel sind. Korrekt? Wenn ja:

C.1 Unabhängig davon, ob das stimmt (in A.1 behaupte ich das Gegenteil), a) hört sich implizit an wie ein Vorwurf (unreflektiert, nur Pseudopartizipation): bibliothekspraktisch klingt das nicht ermutigend, wenn nur radikalpartizipatorisches Arbeiten partizipatorisches Arbeiten ist.

C.2 Auch b) ist m.E. nicht flächendeckend von der Realität gedeckt; als Beispiel dient mir hier DEAL, wo in diesem Fall Wissenschaftler (zusammen mit Bibliotheken) eine der Machtstrukturen in der hochschulbibliothekarischen Literaturversorgung aufzubrechen versuchen. Auch die Macht von Nutzern, Bibliotheken bzw. deren Services dauerhaft nicht zu nutzen und damit über deren Existenz mitzuentscheiden, widerspricht m.E. Behauptung a) und b).

 


Jens Ilg hat Philosphie und Theaterwissenschaft (Universität Leipzig) sowie Library and Information Science (M.A., Humboldt Universität zu Berlin) studiert. Er leitet die Abteilung Benutzung der UB Magdeburg.

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Ein Leserbrief zu Sibel Ulucans Begriffsbestimmtung der „Hybride Bibliothek“ (Ausgabe 21)

Posted in LIBREAS.Leserbriefe by Ben on 22. Januar 2013

Man muss es schon zugeben: Die Anzahl der Leserbriefe, die die LIBREAS-Redaktion zu den Ausgaben erreichen, hält sich bisher in einem sehr überschaubaren Rahmen. Was eigentlich schade ist. Denn wie einige Threads in der Inetbib-Liste, der  populärsten deutschsprachigen Mailing-Liste unseres Feldes, zeigen, gibt es nach wie vor die Bereitschaft und das Bedürfnis, sich in einer Form auszutauschen, die in fachlichen bzw. Gelehrtenbriefwechseln ihren Ursprung hat und heute freilich, jedenfalls soweit es öffentlich wahrnehmbar ist, per E-Mail stattfindet. Für Sammler von Autografen ist das eine bedauerliche Entwicklung. Für den Diskurs kann es sehr fruchtbar sein. LIBREAS als Diskursmedium freut sich natürlich sehr über E-Mails und Leserbriefe und sofern sie uns für den Diskurs relevant genug erscheinen, publizieren wie diese sehr gern und zeitnah. Was im Gegenzug bedeutet, dass Einsender von Leserbriefen und -E-Mails immer damit rechnen müssen, dass ihre Position von uns veröffentlicht wird. Als digitale Publikation besteht für uns keine Notwendigkeit zum Kürzen. Wenn wir redaktionellen Bearbeitungsbedarf sehen, halten wir mit den Einsendenden Rücksprache. Tipp- und Flüchtigkeitsfehler korrigieren wir stillschweigend.

Die publizierten Leserbriefe und -E-Mails geben die Meinung der jeweiligen Autoren und nicht der Redaktion wieder.

Einsendungen bitte an:

redaktion@libreas.eu

bzw.

LIBREAS / Maxi Kindling
Humboldt-Universität zu Berlin
Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft
Unter den Linden 6
D-10099 Berlin
Deutschland

(bk / red.)

Leserbrief von Walther Umstätter vom 18.01.2013 zu Sibel Ulucan (2012): Hybride Bibliothek – eine Begriffsneubestimmung. In: LIBREAS.Library Ideas, Jg. 8, H. 2 (21).

Der Beitrag „Hybride Bibliothek – eine Begriffsneubestimmung“ von Sibel Ulucan macht deutlich, dass es um die letzte Jahrhundertwende keine gute Idee war, den Projekten der USA zur Digital Library, in Großbritannien
bzw. Europa als Pendant die Hybrid Library als Ort analoger und digitaler Medien, gegenüber zu stellen. Das eigentliche Ziel der Digitalisierung wurde nicht mehr erkennbar. Wenn die Autorin nun, einer im Bibliothekswesen seit mehr als einem Jahrzehnt gebräuchlichen Bezeichnung, eine neue Bedeutung, mit noch größeren Problemen der begrifflichen Unschärfe, geben möchte, so ist das eher verwirrend als erhellend. Schon in der Biologie wird das Wort hybrid sehr viel präziser verwendet, als es Ulucan tut. Die Feststellung „Denn die Vermischung ist das Prinzip des Lebens.“ klingt zwar einleuchtend, ist aber in dieser Einfachheit irreführend. Denn in der Biologie gibt es lang diskutierte Definitionen von Art und Rasse, die z.B. bei Reinrassigkeit bzw. Heterosis nicht immer als beliebig hybridisierbar zu bezeichnen sind, und auch „Crossover“ ist nicht nur eine einfache Kreuzung, sondern ein spezieller Fall bei Chromosomenbrüchen mit entsprechenden Konsequenzen. Also etwas, was es in Bibliotheken oder Kulturen so nicht geben kann.

Wenn alle Bibliotheken als hybrid definiert werden, weil sie Dokumente verschiedener Art oder Kulturen sammeln, wird das Wort hybrid ohnehin inhaltsleer, weil es ja keinen Unterschied zwischen Bibliothek und hybrider Bibliothek gibt.

Da ich ein Verfechter des Post Peer Reviewing bin, und es durchaus begrüßenswert finde, wenn Libreas nicht den Versuch macht Beiträge schon vor der Publikation abzulehnen, halte ich es zwar für gerechtfertigt, die Ansichten von Frau Ulucan ins Netz zu stellen, sie aber völlig unkommentiert zu lassen, dürfte es Newcomern unmöglich machen, eine ausreichend zuverlässige Begriffsbestimmung der Fachliteratur zu entnehmen.