LIBREAS.Library Ideas

Themen für die Gegenwartsforschung. Heute: (Digital) Impression Management in der Wissenschaft.

Posted in LIBREAS.Referate by Ben on 11. März 2015

Eine Notiz zu

Stefanie Haustein, Timothy D. Bowman, Rodrigo Costas (2015) Interpreting “altmetrics”: viewing acts on social media through the lens of citation and social theories. To be published in: Cassidy R. Sugimoto (Ed.). Theories of Informetrics: A Festschrift in Honor of Blaise Cronin. Preprint: http://arxiv.org/abs/1502.05701

von Ben Kaden (@bkaden)

I

„Are scholars altruistically sharing information for the benefit of the community in which they belong? Or, is information sharing a self-serving activity? Are scholars sharing information in order to assist the profession grow intellectually, or are they attempting to develop a ‘brand’ around themselves?”

fragte sich George Veletsianos 2012 in seiner Betrachtung zur wissenschaftlichen Twitternutzung. Eine Antwort, die nicht „vermutlich aus beiden Gründen“ lautet, erscheint wenig plausibel. In einem Beitrag für eine anstehende Festschrift für Blaise Cronin reflektieren nun Stefanie Haustein, Timothy D. Bowman und Rodrigo Costas das Phänomen der Altmetrics aus der Warte verschiedener sozialwissenschaftlicher Theorien und kreisen damit die Frage Veletsianos‘ weiter ein. Twittern wir, weil wir wollen, dass andere ihr Bild von uns aufgrund dieser Tweets gestalten? Damit sie uns also für besonders geistreich, kompetent, engagiert oder auf der Höhe der Timeline halten sollen? (more…)

Library Life. Ein Interview zu einem interdisziplinären Forschungsprojekt.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Interview by libreas on 11. April 2013

von Lars Müller

In der Bibliotheks- und Informationswissenschaft spricht man häufig und gerne über die Erforschung vom Leben in und um Bibliotheken . Bibliotheks- und informationswissenschaftliche Studien dazu sind aber erstaunlicherweise im deutschsprachigen Raum Raritäten. Ebenso überraschend greifen in wachsender Zahl andere Disziplinen dieses Themenfeld auf. Eines dieser Projekte ist die Research Area 8, Cultures of Knowledge, Research, and Education im International Graduate Centre for the Study of Culture an der Universität Giessen. Dort ist Friedolin Krentel einer der Ansprechpartner für das Forschungsprojekt „Library Life“. Ich war daher neugierig auf das Giessener Projekt und habe für das LIBREAS-Blog per E-Mail nachgefragt.
Lars Müller (LM): Aus welchen Disziplinen stammen die beteiligten Forscher/innen Eurer Arbeitsgruppe, sind Bibliotheks- und Informationswissenschaftler/innen beteiligt?

Friedolin Krentel (FK): Unsere Arbeitsgruppe zu „Library Life“ ist aus disziplinärer Hinsicht sicherlich ein bunt zusammengewürfelter Haufen. Sie setzt sich heute aus etwa 8 bis 10 Wissenschaftler*innen zusammen, die aus ganz unterschiedlichen Fachrichtungen wie Ethnologie, Germanistik, Geschichte, Informatik, Literaturwissenschaften, Medienwissenschaften und den Sozialwissenschaften kommen. Ausgewiesene Bibliotheks- und/oder Informationswissenschaftler*innen sind leider nicht dabei. Ich könnte mir aber durchaus vorstellen, dass sich die Vielfalt unserer disziplinären Hintergründe zusammengenommen im Zusammenspiel mit unserem Forschungsinteresse sicherlich in mancherlei Hinsicht mit informationswissenschaftlichen Ansätzen und Perspektiven assoziieren lässt.

LM: Worauf richtet sich Euer Erkenntnisinteresse: Alltag der Forscher/innen, Entstehung von Wissen oder Information, Bibliothek als Raum…?

FK: Unser Projekt entwickelte sich innerhalb der Research Area 8 über einen Zeitraum von beinahe zwei Jahren aus einer intensiven Beschäftigung mit Texten der Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) um Bruno Latour und Michel Callon. Das kann man zum Beispiel auch am Titel „Library Life“ sehen, der bewusst auf die von Bruno Latours und Steven Woolgars 1979 publizierte Untersuchung namens „Laboratory Life“ (Bruno Latour, Steve Woolgar (1986): Laboratory life. The construction of scientific facts. Beverly Hills : Sage Publ, 1979. Wikipedia-Seite zur Publikation) anspielt. Die Studie beschäftigt sich mit Praktiken der Wissensproduktion in naturwissenschaftlichen Laboren und liefert wichtige Impulse für die fortlaufende Entwicklung der ANT.

In „Library Life“ wollen wir nun in gewisser Weise mit der ANT experimentieren, um zu überprüfen, inwiefern deren analytisches Instrumentarium sich auch für sozial- und geisteswissenschaftliche Wege der Wissensproduktion nutzen lässt bzw. welche neuen Erkenntnisse und Beschreibungen sich aus dieser Perspektive ergeben. Unser Fokus liegt auf der Rekonstruktion der individuellen Praktiken der Wissensorganisation und Textproduktion von Sozial- und Geisteswissenschaftler*innen. Dabei wollen wir sowohl ideelle, praktische als auch materielle Einflussfaktoren des wissenschaftlichen Arbeitsalltags aufzeigen, um damit den Prozess der Wissensgenerierung “sichtbarer” und „(be-)greifbarer“ beschreiben zu können.

Gerade angesichts einer immens fortschreitenden Umstellung der Arbeitsumgebungen im Zuge von „Computerisierung“ und Vernetzung der verwendeten Werkzeuge und Hilfsmittel sowie der möglicherweise parallelen Verwendung von „analogen“ (Zettelkasten, Karteikarten, handschriftliches Exzerpieren) und „digitalen“ (Literaturverwaltungsprogramme, vernetzte Suchalgorithmen, relationale Datenbanken, kollaborativ-vernetztes Arbeiten) Methoden, kann hier von einer Vielfalt unterschiedlichster Vorgehensweisen und Strategien zur Erzeugung wissenschaftlicher Erkenntnisse ausgegangen werden.

LM: Wie lautet Eure forschungsleitende These?

FK: Analog zu den laboratory studies nehmen wir als heuristische Arbeitshypothese an, dass die Arbeitszimmer, Bibliotheken und Büros die Labore, respektive Werkstätten sozial- und geisteswissenschaftlicher Wissensproduktion sind. Als Arbeitsorte oder Arbeitsumwelten mit einer spezifisch gestalteten Logik, materiellen Ausstattung sowie bestimmten Eigenschaften und Eigenarten sind sie unmittelbar in die Praktiken des wissenschaftlichen Erkenntnisprozess involviert und werden zugleich durch diese Praktiken als (sozial- und/oder geistes-)wissenschaftliche Handlungsorte hervorgebracht. Der wissenschaftliche Erkenntnisprozess findet damit nicht „nur“ auf einer rein geistigen Ebene statt, sondern beinhaltet immer auch einen praktischen (und zumeist wenig reflektierten) Umgang mit in gewisser Weise auch widerspenstigen Elementen der Arbeitsumwelt. Dabei kann es sich auf der einen Seite um ganz offensichtliche Dinge wie Computer, spezielle Programme, Bücher, Notizen usw. handeln. Aber ebenso könnten auch Dinge wie Lieblingsstifte, Bilder, Skulpturen, der Blick aus dem Fenster, die Kaffeemaschine im Büro, Pflanzen usw. eine Rolle spielen. Die Liste ließe sich sicherlich nahezu unendlich fortsetzen, man muss sich nur mal überlegen was am eigenen Schreibtisch so alles herumsteht oder liegt.

Mit dem von der ANT postulierten „symmetrischen Blick“ auf Wissen schaffende Praxen, gehen wir also davon aus, dass diese materiellen Ensemble im Zusammenspiel der im Umgang mit ihnen durchgeführten Praktiken direkt in die inhaltliche und formale Gestalt wissenschaftlicher Texte einfließen. Entsprechend sieht unsere empirische Datenerhebung ausdrücklich vor, das jeweilige Arbeitsumfeld und dessen Ausstattung und Dinge einzubeziehen.

LM: Welche Methoden benutzt ihr?

FK: Die Auswahl geeigneter Methoden für unser Unterfangen war innerhalb der interdisziplinären Forschungsgruppe ein längerer Prozess. Im Kern ging es darum, die methodologischen Anforderungen des Forschungsinteresses mit dem dazu notwendigen individuellen Aufwand für die parallel an ihren jeweiligen Dissertationen arbeitenden Doktorand*innen der Arbeitsgruppe abzuwägen.
Da es uns unmöglich erschien neben der Dissertation eine ethnografische Beobachtung der häufig mehrere Monate oder gar Jahre andauernden Arbeit an wissenschaftlichen Texten in Aktion im Sinne der ANT durchzuführen, versuchen wir mittels narrativer Interviews einen Reflexionsprozess bei den Interviewpartner*innen über ihr eigenes Tun anzustoßen. Sie sollen damit sozusagen zu Ethnograf*innen ihrer Selbst werden und uns – orientiert an einem von ihnen publizierten Artikel – dessen Entstehungsgeschichte rekonstruierend erzählen. Um die dinglichen, körperlichen und praxeologischen Dimensionen der Wissenserzeugung nicht aus dem Blick zu verlieren, entschieden wir uns dazu, die Interviews an dem von den Interviewpartner*innen als ihrem textspezifisch-persönlichen Hauptarbeitsort – sei es nun in der Bibliothek, dem Büro oder auch ein privates Zimmer – benannten Ort durchzuführen. Die Interviews werden jeweils zu zweit durchgeführt, so dass immer eine Person sich auf die Beobachtung des räumlich-materiellen Ensembles sowie dessen gestische Einbeziehung in die Erläuterung konzentrieren kann. Die Beobachtungen sowie unser im Vorfeld für die materiell-praxeologischen Dimensionen sensibilisierte Blick dienen dann im späteren Verlauf des Interviews dazu, möglichst offene Fragen zu konkreten Umgangsweisen und Bedeutungen einzelner erwähnter, gezeigter oder auch unerwähnter Elemente zu stellen.

Als Vorbereitung für die Interviews identifizierten wir aus unseren eigenen Arbeitsweisen potentiell relevante Aspekte und entwickelten daraus eine Art Leitfaden, der aber bestenfalls erst dann zum Einsatz kommen soll, wenn sich aus dem Interview selbst oder den Beobachtungen keine weiteren Fragen mehr ergeben. Die freie Erzählung unserer Interviewpartner*innen soll im Vordergrund stehen! Da es innerhalb unserer Forschungsgruppe unterschiedlich ausgeprägte Erfahrungen mit Interviews (und speziell narrativen Interviews) gibt, soll der Leitfaden auch als eine Hilfestellung für die unerfahreneren Kolleg*innen dienen.
Mit Einverständnis der Interviewpartner*innen würden wir im Anschluss an das Interview auch noch versuchen einzelne wichtige Elemente und/oder den gesamten Arbeitsraum mittels Videokamera und Fotoapparat zu dokumentieren, um diese dann für die Analyse in der Gruppe nutzen zu können und den individuellen Erinnerungsprozess beim Schreiben und Auswerten der Beobachtungsprotokolle zu unterstützen.

LM: Wie ist die Gruppe der Untersuchten zusammengesetzt?

FK: Als Sample für unsere Interviewanfragen haben wir in erster Linie persönlich bekannte Wissenschaftler*innen aus unterschiedlichen geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen und in verschiedenen Karrierestadien – von Doktorand*in bis Professor*in – ins Auge gefasst. Aufgrund der teilweise in privaten Bereichen stattfindenden Interviews, erscheint uns ein gewisses bereits im Vorfeld bestehendes Vertrauensverhältnis wichtig für den Zugang und die individuelle Bereitschaft für ein Interview. Insgesamt werden wir – zumeist zu zweit und in unterschiedlichen Konstellationen – jeweils zwei Interviews führen, wodurch sich unsere Untersuchungsgruppe auf insgesamt etwa 10 Personen begrenzen lässt. Zusätzlich überlege ich derzeit, ob es nicht auch interessant wäre, unsere eigenen wissenschaftlichen Arbeitsweisen innerhalb von „Library Life“ zu beobachten. Als Ausgangspunkt könnte beispielsweise unsere Klausurtagung zur gemeinsamen Sichtung und Analyse des Datenmaterials dokumentiert werden und für eine Art Metaanalyse dienen.

LM: In welcher Phase befindet sich das Projekt „Library Life“ zur Zeit?

FK: Die Phase der Datenerhebung per Interviews läuft. Sie wird sich noch bis Ende Mai hinziehen. Soweit ich weiß, wurden bereits erste Interviews geführt und einige Zusagen sind ebenfalls eingegangen, die dann im April/Mai in Angriff genommen werden. Für Anfang Juni haben wir uns mit der bereits erwähnter Klausurtagung eine klare Deadline gesetzt, zu der die Interviews definitiv abgeschlossen sein sollten. In dieser Klausurtagung wollen wir uns dann gemeinsam über mehrere Tage den Daten und ihrer Analyse widmen, um wichtige Aspekte herauszuarbeiten, die anschließend in kleineren Gruppen vertiefend behandelt werden können. Außerdem steht auf der Klausurtagung noch an, dass wir uns angesichts der vorläufigen Ergebnisse über mögliche Publikationsformate einigen, womit wir dann ja auch gleich bei der nächsten Frage angekommen sind.

LM: Ich bin gespannt auf Eure Ergebnisse. Wann und wo werdet ihr sie publizieren?

FK: Wie gesagt, steht das wo und wie noch nicht fest. Wir haben in diversen Arbeitstreffen zwar bereits mehrere Male das Thema Publikationsformen angesprochen, konnten und wollten uns da aber noch nicht endgültig festlegen. Die Tendenz geht aber – aus meiner Sicht – dahin, dass wir uns den November diesen Jahres als Deadline setzen, zu der wir uns gegenseitig und daran anschließend sicherlich auch noch auf unterschiedlichen Tagungen die Teilergebnisse der einzelnen Arbeitsgruppen vorstellen werden. Wie diese dann abschließend fixiert werden, sei es nun als gemeinsamer Sammelband, einzelne Artikel oder auch in Form einer Ausstellung oder online-Präsenz (oder auch mehrere Formate parallel) kann ich jetzt noch nicht sagen. Ich denke aber, dass wir dann im Juni weiter sind. Wer sich also dafür interessiert, kann sich bereits jetzt oder dann im Juni hoffentlich ausführlicher auf der Homepage der Research Area 8 informieren.

Zum Abschluss möchte ich mich für die spannenden Fragen bedanken, die mir einerseits die Möglichkeit eingeräumt haben, „Library Life“ vorzustellen, die mich aber darüber hinaus auch dazu angeregt haben, unser Projekt nochmal neu zu reflektieren und zu formulieren. Vielen Dank!

LM: Ich danke Dir!

(April 2013)

Überlegungen zum Verhältnis von Mensch und Technik in Wissenschaftsinfrastrukturprojekten.

Posted in LIBREAS.Referate by Ben on 7. Januar 2013

zu:

Sonja Palfner, Ulla Tschida: Grid: Technologie und soziale Praxis. In: Technikfolgenabschätzung. Theorie und Praxis. 21 / Heft 2. November 2012. S. 50-53

Unter den Projekten zur Digitalisierung der Wissenschaftspraxis in der Bundesrepublik der 2000er Jahre ragt die D-GRID-Initiative markant hervor. Das begründet sich einerseits aus ihrem Anspruch heraus, Grid-Computing in enger Kooperation mit den Fachcommunities in der Fläche zu etablieren. Und andererseits aufgrund des erheblichen Fördervolumens, das sich freilich nach dem Anspruch richtete. Die enge Verzahnung zwischen informatischer Innovation und fachwissenschaftlichen Ansprüchen prädestinierte die Initiative für eine wissenschaftssoziologische Begleitforschung. Technologie ist unzweifelhaft grundsätzlich vor allem soziales Geschehen. Auch die Entscheidung des BMBF zur massiven Förderung genau dieses Ansatzes ist Ergebnis sozialer Interaktionen. Aktuell bewegen sich diese um die Frage, wie, wo und in welcher Form die entwickelten Infrastrukturelemente und forschungsbegleitenden Werkzeuge mitsamt der für sie notwendigen Weiterentwicklung verstetigt werden können? Die technischen Möglichkeiten selbst wirken gewiss dispositiv auf das Machbare. Was aber tatsächlich umgesetzt wird, resultiert aus einer komplexen Wechselwirkung diverser Faktoren – von Budgets über die Motivation, Interessen, Konkurrenzkonstellationen und Kompetenzen von Einzelakteuren bis hin zu rechtlichen Gesichtspunkten.

Sonja Palfner und Ulla Tschida, die die D-Grid-Initiative aus einer techniksoziologischen Perspektive beforschen, rücken in ihrem kurzen Beitrag für die Zeitschrift Technikfolgenabschätzung die Frage nach dem Verhältnis zwischen den Fachgemeinschaften und den Entwicklern ins Zentrum, eine Frage also, die sich zwangsläufig auch der Bibliothekswissenschaft stellt. Denn einerseits sind wissenschaftliche Bibliotheken grundsätzlich ebenfalls Dienstleister für die Wissenschaftspraxis. Und andererseits sind Digitale Bibliotheken durch und durch informatische Ensemble. Die Entwicklung Digitaler Bibliotheksdienstleistungen, die sinnvollerweise konsequent mit dem Ziel der tatsächlichen Inanspruchnahme durch die Bibliotheksnutzer erfolgen muss, bewegt sich folglich in einem Spannungsverhältnis ähnlich dem, das die Autorinnen anhand von drei Konstellationstypen aufschlüsseln.

Beim ersten Typ dominiert die Fachwissenschaft die Informatik. Die Entwickler sollen passgenaue Dienste nach den Bedürfnissen und Ansprüchen der Wissenschaftler entwickeln. Das Problem dabei liegt jedoch in der Dynamik exakt dieser Ansprüche. Die Autorinnen betonen, dass „ein etablierter Service […] durch die Forschung selbst quasi ständig aus der bekannten Routine gerissen werden [kann].“ (S. 53)

Geht man von einer idealtypischen Wissenschaft, also einem permanenten Erkenntnisfortschritt mit sich verschiebenden Forschungshorizonten aus, dann ist das nicht einmal ein Kann-Zustand, sondern elementar: Es gibt in der Wissenschaft bestenfalls zeitweilige Stabilisierungen und Konsolidierungen in Routinen, die aber naturgemäß je nach Überarbeitung der Thesen, Forschungsfragen und Erkenntniszielen eher früher als später selbst infrage gestellt werden. Dauerhafte Routinedienste für die Wissenschaft sind hierbei bestenfalls im Sinne von Basiskonzepten und vor allem von Standards für Begleit- und Nachweisdienste (Forschungsdokumentation, Datenarchivierung), also metawissenschaftlich, denkbar. Je konkreter die Forschungspraxis und das dazu entwickelte Werkzeug (bzw. je näher an der so genannten Forschungsfront), desto zwingender wird auch eine Weiter- oder gar Neuentwicklung dazugehörender Anwendungen werden.

Was bleibt, sind Lessons-Learned- und Best-Practice-Erkenntnisse, die den jeweiligen Anpassungen zugrunde liegen. Bei einer engen Verzahnung von Bibliothek bzw. Dokumentation mit Forschungsprojekten wäre es beispielsweise ein Embedded Librarian, der mit einem diesbezüglichen Erfahrungswissen hinzugezogen wird und eine Grundsolidität der für ein Projekt notwendigen technischen Begleitdienste garantiert. Und der vielleicht entscheidet, ob auf etablierte Anwendungen zurückgegriffen werden kann/sollte oder Neu- bzw. Weiterentwicklungen unumgänglich sind. Denn ohne Zweifel gibt es trotz des oben Gesagten weite Bereiche der Wissenschaftspraxis, die methodische Nachnutzungen auch aus (wissenschafts-)ökonomischer Sicht als pragmatische Lösung zweckmäßig erscheinen lassen. Wer mit Projektwissenschaft vertraut ist, weiß, dass ein kompromissloses Streben nach neuer Erkenntnis in der Praxis eher die Ausnahme als die Wissenschaftsregel darstellt. Offen bleibt dennoch auch dann, ob bzw. wann man die Forschungsfrage den zur Verfügung stehenden Werkzeuge anpasst oder Werkzeuge zur Forschungsfrage entwickelt. Pauschal ist sie in einer hochdifferenzierten Wissenschaftswelt nicht zu beantworten.

Die zweite Konstellation bezeichnen die Autorinnen als „Service in the making“ und meinen vermutlich einen Ansatz im Einklang mit der beschriebenen Entwicklung: Eine Softwarelösung wird konkret für ein Problem oder einen Forschungsansatz entwickelt. Entwicklerkapazitäten wären unmittelbar und auf Augenhöhe mit den fachwissenschaftlichen Kapazitäten in ein Projekt einzubinden.

Für Bibliotheken könnte man analog eine permanente Interaktion mit den Bibliotheksnutzern parallel stellen. Hier wäre also direkt eine Bibliothekswissenschaft angesprochen, die die Praxen und Entwicklungen in der Wissenschaftskommunikation systematisch analysiert und zu Hinweisen und Leitlinien für die Praxen und Entwicklungen im Bibliothekswesen weiterverarbeitet. Wenn der Bibliothekswissenschaft in diesem Zusammenhang eine Aufgabe zufällt, dann die, den Akteuren der wissenschaftlichen Literatur- bzw. Informationsversorgung – vorrangig aber eben nicht nur Bibliotheken – Orientierungswissen zur Verfügung zu stellen.

Der dritte Konstellationstyp invertiert schließlich das Verhältnis des ersten. Die fachwissenschaftliche Herausforderung dient hier nur als Aufhänger für die Produkt- oder Serviceentwicklung. Die Autorinnen sprechen von der „Materialisierung des informatischen Erkenntnisgewinns.“ (S. 53) Löst man dies von der Wissenschaftspraxis ab, findet man sich schnell im Bereich kommerzieller Software-Entwicklung, zum Beispiel bei Social-Media-Anbietern, die Erkenntnisse der Sozialen Netzwerk-Analyse benutzen, um die Algorithmen hinter ihren Plattformen zu optimieren.

In der Realität finden sich die Konstellationen selten trennscharf ausgeprägt. Vielmehr dürften sie sich selbst dynamisch entwickeln. Persönliche Motivationen dürften ebenso wie Ressourcenlagen und bestimmt auch Opportunitätsüberlegungen eine wichtige Rolle bei der Ausprägung der Schwerpunkte in diesem Wechselspiel zwischen Fachwissenschaftlern und Entwicklern einnehmen. Zumal auf einer Individualebene in der Praxis häufig Doppelrollen übernommen werden. Nicht selten dominieren Akteure, die sowohl einen fachwissenschaftlichen wie auch einen informatischen Hintergrund besitzen. Kombinationsstudiengänge fördern korrespondierend solch interdisziplinäre Grundausrichtungen, wobei sich die wissenschaftssoziologische Überlegung anschließt, inwieweit sich hierdurch bestimmt wissenschaftliche Eliten gezielt etablieren (können). Angesichts der wahrscheinlichen Intensivierung von Verfahren aus den so genannten Digitalen Geisteswissenschaften (bzw. Digital Humanities) ist so beispielsweise die Kombination einer geisteswissenschaftlichen Abschlusses mit einem computerwissenschaftlichen berufsstrategisch sicher eine bessere Wahl, als sich allein beispielsweise auf die Literaturwissenschaft zu konzentrieren. Interdisziplinarität meint in der heutigen Wissenschaftslandschaft möglicherweise weniger den Spagat zwischen zwei Disziplinen und mehr den zwischen einer fachwissenschaftlichen (theoretischen) und einer wissenschaftspraktischen Qualifikation.

Welche der drei Konstellationen sich tatsächlich wie entfaltet, lässt sich naturgemäß durch die Begleitforschung erst im Nachgang eines Projektes abschließend ermitteln. Sie kann aber fraglos, analog u. a. zur Diskursanalyse, die bestimmte Trends in sich konkret vollziehenden Diskursen zu erkennen und zu konstatieren und so auf den Diskurs Einfluss zu nehmen vermag, schon während der Durchführung eines Projektes, feststellen, wie sich Verteilungen entwickeln (Dominanz der Fachwissenschaft oder Dominanz der Informatik) und auf Abweichungen von einer angestrebten Ideallinie in diesem Verhältnis mit dem Ziel einer Korrektur hinweisen. Dies setzt selbstverständlich voraus, dass entsprechende Schwerpunkte und auch Parameter zwischen den Beteiligten ausgehandelt wurden. Beziehungsweise mitunter sogar, dass zunächst einmal ein Verständnis für die soziologische Grundierung dieses Verhältnisses zwischen Wissenschaft und Service für die Wissenschaft besteht. Also eine Sensibilität für die soziale Bedingtheit der Beziehung zwischen dem forschenden Menschen und den technischen / technologischen Dispositiven (Infrastrukturen, Bibliotheksdienste, Software) seiner Forschung sowie denen, die für die Bereitstellung und Entwicklung dieser Dispositive zuständig sind (Rechenzentren, Bibliotheken, Entwickler).

( Ben Kaden / Berlin / 07.01.2013 )

(Anmerkung: Ben Kaden ist aktuell wissenschaftlicher Mitarbeiter im TextGrid-Projekt.)

Mit kleinem Kreditrahmen? Überlegungen zur Reputationsabbildung im Nano-Publishing.

Posted in LIBREAS.Referate by Ben on 14. Dezember 2011

Anmerkungen und Anschlüsse zu:

Roberto Casati, Gloria Origgi, Judith Simon (2011): Micro-credits in scientific publishing. In: Journal of Documentation, Vol. 67 Iss: 6, pp.958 – 974. DOI: 10.1108/00220411111183546

von Ben Kaden

Zusammenfassung:

Nachfolgend werden die Grundideen eines Aufsatzes der Attribution von Micro-Credits zu Teilen von wissenschaftlichen Publikationen mit dem Ziel einer präziseren Reputationszuweisung und –messung in einem größeren Rahmen zur Entwicklung pragmatischer/semiotischer Netze diskutiert. Reputation gilt dabei (Abschnitt I) als ein entscheidender Faktor für die soziale Strukturierung einer Wissenschaftsgemeinschaft. Die AutorInnen des besprochenen Textes liefern einige Ansatzpunkte für die Einbettung von kreditierenden Nanoverfahren zunächst in (natur-)wissenschaftliche Aufsätze. (Abschnitt II) Damit verdeutlichen sie eine maßgebliche Entwicklungsrichtung für die Bibliotheks- und Informationswissenschaft, zeigen aber auch deutlich auf, wie viele offene Fragen sich bei der Erweiterung von Semantic Web-Konzepten hin zu Pragmatic-Web-Ideen ergeben und wie viel weitere konzeptionelle Arbeit die Elaboration tragfähiger Theorien auf diesem Gebiet erforderlich ist. (Abschnitt III) (more…)

Nützlichkeit kennt klare Grenzen. Eine Position zu Dissens, Kritik und Wissenschaftsfreiheit (nach Judith Butler)

Posted in LIBREAS preprints by Ben on 14. August 2011

von Ben Kaden

Abstract:

Der Aufsatz untersucht ausgehend von der Argumentation Judith Butlers zur Wissenschaftsautonomie (Butler, 2011) das Konzept der Kritik als möglichen meta-analytischen und meta-methodologischen Grundbaustein von Wissenschaft. Diese Kritik zweiter Ordnung wird dabei nicht nur, Judith Butler folgend, als Option für die Selbstlegitimation von Wissenschaft vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Ansprüche an eine Nutzbar- und Verwertbarkeit wissenschaftlicher Arbeit angesehen, sondern darüber hinausgehend verstanden als erforderliches Verfahren, aus dem heraus sich Aktualisierungs- und Übersetzungsprozesse inner- und interdisziplinär organisieren lassen.

Freiheit der Wissenschaft wird dabei als Verpflichtung zum Entscheiden verstanden, der nur mit einer elaborierten kritischen Kompetenz entsprochen werden kann. Die Integration dieser Kompetenz erfordert gleichermaßen das Anerkennen der sozialen Dimension von Wissenschaft, das produktive Zulassen von Dissenz und ein Verständnis der Rolle von Kontingenz im Prozess der Erkenntnisproduktion. Der Forderung nach Nützlichkeit wird einerseits die Notwendigkeit der Kontextualisierung (=nützlich für wen in welcher Hinsicht?) und andererseits das Konzept der Möglichkeit als Zweck der Wissenschaft entgegen gestellt.

(Der hier wiedergegebene Text ist die Vorversion eines Beitrags für die kommende Ausgabe (No. 19) der Zeitschrift LIBREAS. Library Ideas. ) (more…)