LIBREAS.Library Ideas

Die Zwiegesprächsregulationsmaschine. Boris Groys über Google.

Posted in LIBREAS.Referate by Ben on 27. Februar 2012

Anmerkungen zu: Boris Groys (2012) Google: Worte jenseits der Grammatik.  dOCUMENTA (13): 100 Notizen – 100 Gedanken Nr. 046. Ostfildern : Hatje Cantz. (Weitere Informationen zum Titel beim Verlag)

von Ben Kaden

„Die Sprache ist ja weder blosses Werkzeug zur präzise-korrekten Verständigung, noch lässt sie sich in Schablonen von Norm und Ethos pressen. Sie lebt, assimiliert fortlaufend neue Erfahrungen und Realitäten und ist darüber hinaus auch ein hoch emotionales Medium.“

So schreibt der Bankier, Pferdezüchter und Stiftungsrat Hans-Dieter Vontobel im Vorwort zu Broschüre „Sprachen der Jungen“ von Angelika Overrath (Zürich: Vontobel-Stiftung, 2011, mehr dazu bei der NZZ) und benennt damit genau das Verständnis, was wir gemeinhin von der dynamische Grundsubstanz unserer Kommunikationen haben sollten. Für die Alltagssprache von Angesicht zu Angesicht wird sich dies auch kaum ändern und wenn junge Menschen (in diesem Fall etwa um die 14 Jahre) in der S-Bahn einander zurufen: „Das ist doch voll ehec, Alter!“ dann beweisen sie durch die Übernahme durchaus Anschlusspunkte und Rekontextualisierungskompetenz zu übergreifenden gesellschaftlichen Diskursen. Anders stellt sich die Situation dagegen für die digital vermittelte Kommunikation dar. Boris Groys beschäftigt ich in einem kleinen als Positionierung zur Documenta 13 publizierten Aufsatz mit den Auswirkungen einer wenn man so will Googlefizierung der Kommunikation. Als Ausgangspunkt formuliert er die Prämisse, dass unser Leben ein beständiges Zwiegespräch mit der Welt und daher, wenn man so will, in jedem Moment kommunikativ sei. Für das Verhältnis zwischen Individuum und Welt drängen sich damit zwei Fragen auf:

  1. Wie stellen wir bestimmte Fragen an die Welt?
  2. Wie bestimmen wir, welche der Antworten, die uns die Welt gibt, als relevant erscheinen?

Die Diskussionen die sich bei einer allgemeinen Betrachtung aus dieser Annäherung ergäben, führten unweigerlich in die Elementardebatten der Kulturgeschichte. Mit dem Internet, dass uns als Kommunikationsraum ein zugleich ungreifbares (da virtuelles), aber doch in der Struktur erkennbares (dank der programmierten Basis) Modell von Welt bietet, können wir diese Dialogizität konkretisieren und konkret untersuchen. Man kann natürlich darüber streiten, ob die Aussage:

„Heute führen wir unser Zwiegespräch mit der Welt in erster Linie über das Internet.“

nicht auch vom Lebensstil abhängig ist und es nach wie vor Menschen gibt, die das Internet als Beigabe ihrer Kommunikationswelt benützen oder sogar überhaupt nicht.  Aber nicht erst seit Kathrin Passig (vgl. dazu u.a. diesen Kommentar) ist die Praxis, eigene Erfahrungen mit diesem Medienfeld zur Allgemeinverbindlichkeit hochzurechnen ein Kernbaustein der digitalen Diskurse zum Medienwandel. Die damit verbundene verkündete markerschütternde Dringlichkeit, sein Leben entsprechend zu ändern, wäre selbst hervorragender Gegenstand einer Reflexion über die Prozesse der Normkonstruktion in der digitalen Gesellschaft. Boris Groys stellt jedoch einen anderen Aspekt in den Mittelpunkt seines Aufsatzes. Er fragt nach den „spezifischen Regeln und Formate[n]“ die den Strukturrahmen des Zwiegesprächs bestimmen. Google, als zentrale Anfrageinstanz, erhält dabei einen besonderen Status: (more…)

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Autorität und Schreibmaschine: Überlegungen zur Digitalkultur.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 1. April 2011

“I love the tactile feedback, the sound, the feel of the keys underneath your fingers”

In der Ausgabe des Times Literary Supplement vom 25. März 2011 bespricht der Medienwissenschaftler David Finkelstein unter der Überschrift „Textual liberation“ zwei aktuelle Bücher zur Veränderung des Schreibens unter digitalen Bedingungen. Das Thema ist nicht nur medientheoretisch, sondern auch bibliothekswissenschaftlich bedeutsam, betrifft doch der Übergang zum so genannten Read/Write-Web und die damit verbundene Wandlung der dominierenden Lese- und Schreibtechnologien und -praxen alles, was für Bibliotheken die Zeitstrahlsegmente Gegenwart und Zukunft markiert.

Nachfolgend spanne ich von diesem Rezensionstext ausgehend auf sanften 3000+ Wörtern einen regen Bogen ausgehend vom Zusammenhang zwischen dem digitalen Handeln und den dieses Handeln prägenden Institutionen hin zur Parallele von Schreibmaschine und digitalem Textwerk vor dem Hintergrund einer Studie aus dem Jahr 1932. An den Bibliotheken geht dieser Bogen ausnahmsweise etwas vorbei. (more…)

Kulturkurven für Achtjährige: Ein kurzer Blick auf Googles Ngrammatologie

Posted in Sonstiges by libreas on 17. Dezember 2010

(Dieser kleine Beitrag ist der großen Maxi gewidmet, unserer wunderbaren und heute Geburtstag feierenden Redaktionskollegin. Hier ist Deine Kurve!)

„The goal is to give an 8-year-old the ability to browse cultural trends throughout history, as recorded in books“

zitiert die New York Times den Harvard Junior Fellow Erez Lieberman Aiden, der mit anderen hinter dem Google Books Ngram Viewer steht. (Patricia Cohen: In 500 Billion Words, New Window on Culture. In: nytimes.com, 16.12.2010) Die Alterszuschreibung ist dabei weniger zufällig gewählt, als der kurzsichtige Zeitungsleser möglicherweise annimmt. Das „childparenting“-Portal von About.com weist für Achtjährige (auch in Hinblick auf die anstehenden Weihnachtsfestivitäten interessant) neben dem Fahrrad auch folgende zielgruppengeeignete Objekte aus:  „Science Kits, Craft Kits,…, Books…“. Und wo findet man schon mehr Bücher als bei Google Books und das auf der Kostenebene für den Gegenwert eines Internetzugangs?

Google Labs führt mit dem Ngram-Viewer in gewisser Weise „Science Kits“ und „Books“ zusammen und streut eine Prise Franco Moretti (=quantitative Literaturwissenschaft) dazu. Die Leute hinter dem Ngram-Viewer nennen die daraus resultierenden Erkenntnismethoden Culturomics und von dort dürften es nur noch wenige Schritte zu einer Culturmetrics zu nennenden aktualisierten Bibliometrie sein.

Der Ngram-Viewer zeichnet schon einmal ganz wunderbar den Verlauf der Häufigkeit des Auftretens von Zeichenketten im – so wird gesagt – 500 Milliarden Wörter starken Korpus der Google Book-Scans. Wirklich spannend wenn man Verläufe verschiedener Ausdrücke übereinander legt und damit die Tür zur Interpretation der Stellung der bezeichneten Phänomene innerhalb des Publikationsgeschehens des 20. Jahrhunderts (ins 21ste lappt der Korpus bis 2008) per Graphen öffnet.

Vergleicht man beispielsweise die zunächst etwas konkurrierenden und mittlerweile komplementär auftretenden „Bibliothekswissenschaft“ und „Informationswissenschaft“, erhält man folgendes Bild:

Die Informationswissenschaft betritt die Bühne des Publikationswesens ziemlich genau zum Zeitpunkt der  Shannon-Zäsur (Publikation der Mathematical Theory of Communication), schrammt eine Weile an der X-Achse entlang, um Mitte der 1960er Jahre abzuheben, Mitte der 1980er den Klimax zu erreichen und schließlich in ein sanftes Tal hinabzugleiten, das sich gen Millenium etwas aufhügelt.

Die Bibliothekswissenschaft saust dagegen schon 1920 mit einer gewissen Häufigkeit auf die Bühne, springt um 1930 über die 0,000010 % Marke (des Gesamtaufkommens an Wörtern), erlebt nach 1945 eine Hausse, die wahrscheinlich der Wachstumskurve des Wirtschaftswunders nicht unähnlich ist, um in den 1970er Jahren an die Decke der Darstellung zu stoßen. Danach bricht sie ein wie der Neue Markt im Herbst des Jahres 2000, kämpft sich aber interessanterweise mit dem Boom der Dot-Com-Industrien kurz davor tapfer nach oben. Was die obige Grafik verbirgt, sieht man, wenn man die Suche bis zum chronographischen Ende des Korpus (2008) erweitert: Etwa um 2002 bricht die Bibliothekswissenschaft ein und wir in Berlin wissen, was die lokalen Hochschulstrukturreformbemühungen zu diesem Zeitpunkt beabsichtigten…

Die Dokumentationswissenschaft zeitigt weniger Auf-und-Abs, hat es aber nie geschafft, auch nur die Linie der Informationswissenschaft zu tangieren.

Nun werden sich die Achtjährigen aller Altersstufen nur bedingt für die Schicksalslinien der beschrieben drei disziplinären Teile unseres Wissenschaftsblickwinkels beschäftigen. Sondern eher musikalische Phänomene vergleichen,  ihre Lieblingsportarten gegeneinander aufrechnen, die Popularitätsverläufe einzelner Haustierrassen nachzeichnen oder die Beliebtheit von Schriftstellern der Gruppe 47 aneinanderlegen. Oder ermitteln, dass Heckenbraunelle und Williams Christ bei der Häufigkeit ihrer Referenzierung im letzten Jahrhundert gar nicht so weit auseinander liegen.

Weitaus mitreißender als die Parallelität von Vögeln und Birnen ist aber das, was Rückschlüsse auf den Unterschied zwischen E- und P-Welt zulässt. Beispielsweise der Vergleich dieser zwei Basisbausteine unserer Kultur:

Das deutschsprachige Google-Internet positioniert das Verhältnis dagegen aktuell so: Rot=23 Millionen Treffer, Blau=8,87 Millionen Treffer. Das harmoniert wiederum mit den Trends, die uns die Kurve für englischsprachigen Druckerzeugnisse vorzeichnen (Wobei man allerdings berücksichtigen sollte, wie stark dabei aufgrund der erweiterten Semantik im Englischen der Feminismus in diese Kurven eingeflossen sein dürfte.)

Das Potential der Ngram-Visualisierung wird vermutlich bereits anhand der wenigen angeführten Beispiele deutlich, wobei es noch aussteht, die einflussnehmenden und mitunter verzerrenden Faktoren zu ermitteln. Für retrospektive Trendanalysen bietet sich damit jedoch in jedem Fall ein wundersames Werkzeug für gesellschafts- und kulturorientierte (undbibliotheksorientierte) Wissenschaften. Und die ideale Festtagsbeschäftigung für alle, auf die diese Beschreibung des zurückgezogenen achtjährigen Kindes auch in späterem Alter noch zutrifft:

„An introverted child may enjoy some limited group activity that is balanced with independent playtime. She often likes to read or play alone.“

Für die Generation des Post-Web 2.0, also die notorischen Facebookcases muss das Angebot noch mit entsprechenden Schnittstellen ausgerüstet werden, die aus dem Ngram-Buch-Vergleich ein Gesellschaftsspiel werden lassen. Denn für diese Akteure gilt laut About.com:

„The extraverted child will not be happy playing alone for long and she revels in group activities such as sports and games.“

Buchfluch gegen Google, ein Fundstück am Montag

Posted in Sonstiges by Ben on 14. September 2009

Das Thema Urheberrecht im Zeitalter der digitalen Reproduzierbarkeit und zwar insbesondere im Rahmen des Digitalisierungsunterfangens durch Google scheint nicht nur in erregte Debatten zu führen, wie wir sie vom Heidelberger Appell kennen. Im Nebeneffekt könnte es zur Renaissance eines buch- und buchdruckgeschichtlich hochinteressanten Phänomens kommen: dem Buchfluch. Der bekannteste bzw. am häufigsten bearbeitete Fall eines solchen Bücherfluches stellt wohl die Vorbemerkung Eike von Repgows zum Sachsenspiegel dar, der ausgelegt wurde, um diejenigen zu treffen, die heute gegen  § 14 des UrhG verstoßen würden. Mittlerweile ist von einem Fall zu berichten, der dieses Phänomen aktualisiert und auf die Digitalisierung und das kommerzielle Ausschlachten solcher Digitalisate anwendet. In einem amüsanten roten Buch namens „Hinz- und Kurzgeschichten“ eines Autors namens ‚Andi Leser‘ lässt sich folgender Eintrag entdecken:

Buchfluch 2.0

Buchfluch 2.0 - Quelle: Leser, Andi (2009) Hinz- und Kurzgeschichten. Berlin: Schaltzeit-Verlag.

Man darf a) gespannt sein, ob sich Google daran hält und b) falls es sich herausgefordert fühlt und das Digitalisat anfertigt, ob der Bannfluch seine Wirkung tut. Bei der Volltexterschließung könnte die automatische Indexierung angesichts so mancher in Form konkreter Poesie verfasster Textteile jedenfalls schnell an ihre Grenzen stoßen, etliche Fehlermeldungen produzieren und dadurch den ganzen Digitalisierungsprozess durcheinander bringen. Völlig substanzlos und aus dem Handgelenk scheint der Fluch also nicht verfasst zu sein. Dies gilt umso mehr, als dass der Autor ganz offen die Gefahr in Kauf nimmt, bei Eintreffen des Fluches, seine elektronische Kommunikationsplattform einzubüßen.

Mi;Nesta/Marketing library services to the Net Generation

Posted in LIBREAS.Referate by Ben on 6. September 2006

Jia Mi; Frederick Nesta: Marketing library services to the Net Generation. In: Library Management; Vol. 27 No 6/7 2006, S. 411-422

online

„Finding the right way to achieve balance between traditional values and the expectations and habits of the wired generations will determine whether libraries remain relevant in the social, educational and personal contexts of the information age.“ (S. 419)

Die beiden Bibliothekare Jia Mi und Frederick Nesta beleuchten in ihrem Aufsatz „Marketing library services to the Net Generation” Möglichkeiten die so genannte „Net Generation“ über Methoden des Bibliotheksmarketings zu erreichen und betrachten dabei die Verschiebungen bei der Nutzung von Bibliothek und WWW-Suchmaschinen. (more…)