LIBREAS.Library Ideas

Ein Plädoyer für mehr Gerechtigkeit durch öffentliche Informationsinfrastrukturen

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 11. Juni 2018

Zu: Safiya Umoja Noble (2018). Algorithms of Oppression. How Search Engines Reinforce Racism. – New York : New York University Press, 2018

Karsten Schuldt

 

Technologie ist nicht neutral. Ist das neu?

Technologie und Algorithmen sind nicht neutral und auch nicht einfach reine Widerspiegelungen gesellschaftlicher Verhältnisse. Was an Technologie entwickelt wird und was nicht; was als Problem definiert wird, welches Problem technisch – oder halt auf der Ebene von Software durch Algorithmen – zu lösen wäre und was nicht; was überhaupt als Problem wahrgenommen wird; auf welche Kritik von wem Rücksicht genommen wird und welche Kritik von wem ignoriert wird – all das ist gesellschaftlich. Und es wirkt dann, wenn es in Technologie umgesetzt ist, verstärkend auf die Gesellschaft zurück. Es entwickelt sich nicht in einem luftleeren Raum, in welchem nur Innovation und Genie zählen, sondern entlang von Machtstrukturen und gesellschaftlichen Diskursen. Ist das eine überraschende Aussage?

Das hier zu besprechende Buch von Safiya Umoja Noble thematisiert diesen Fakt in einer Weise, als sei er neu. Es gäbe in der Gesellschaft die Vorstellung, dass Technologie (in diesem Fall Suchmaschine-Technologie) neutral und fair wäre. Die Autorin berichtet, dass Ihre Studierenden (an der University of California) dies in ihrem Unterricht zum ersten und einzigen Mal in ihrem Studium hörten. Einen ähnlichen Eindruck vermittelt sie auch in ihren Vorträgen zum Thema (zum Beispiel auf der letzten re:publica 2018). Wenn dem so ist, ist es wohl wichtig, dass es diese Buch gibt. Es sind aber auch keine überraschenden Aussagen. Vielleicht sind dem Rezensenten einfach die beiden Wissenschaftsfelder, auf die sich die Autorin bezieht – Gender Studies und Library and Information Science – selber zu sehr bekannt, aber ihm schien, dass das Buch eher Bekanntes konkretisiert, als neues benennt.

Beispiele für Bias

Überzeugt dann aber diese Konkretisierung? Schon. Noble fokussiert auf Google beziehungsweise Alphabet, da dies einfach die grösste Firma im Bereich Suchtechnologien ist und die Ergebnisse dieser Technologie direkte Auswirkungen in der Gesellschaft haben. Sie zeigt, dass es offensichtliche Vorurteile gibt, die sich in den Suchergebnissen von Google widerspiegeln und damit auch in den Algorithmen der Maschine. Das prominent im Buch mehrfach thematisierte Beispiel ist eindrücklich: Die Autorin wollte 2011 mit ihren Nichten Quality-Time verbringen, suchte deshalb mit dem Schlagwort „black girls” nach Dingen, die diese interessieren könnten, fand aber fast nur Pornographie (und eine Pop-Band mit diesem Namen). Dies liess sich auf andere Gruppen und Themen ausweiten: „latina girls” lieferte ebenso vor allem Pornographie, aber nicht „asian girls” oder „white girls”; „three black teenagers” lieferte Polizeiphotos, „three white teenagers” Bilder von Gruppen von Jugendlichen, „unprofessional hairstyles for work” lieferte nur Bilder von Afroamerikanerinnen, „professional” nur von weissen Frauen. Es ist leicht ersichtlich, dass rassistische (und, in anderen Beispielen, sexistische) Denkstrukturen sich in diesen Ergebnissen spiegelten, nicht die Realität.

Noble problematisiert nun in ihrem Buch die Vorstellung, dies seien rein technische Probleme. Diese Position wird, wie sie zeigt, von Google beziehungsweise Alphabet eingenommen. Nicht einmal als Ausrede, sondern als Ideologie. Regelmässig verweist Google darauf, dass die Ergebnisse ihrer Maschine nicht einfach zu kontrollieren seien, sondern sich aus den Suchen in Google und den verwendeten Algorithmen ergeben würden. Gleichzeitig finden sich dann immer doch Lösungen, einige krude (so fand man nach einer gewissen Zeit unter „three white teenagers” dann auch Polizeiphotos), einige wirksamer (so findet sich heute unter „black girls” oder „latina girls” keine Pornographie mehr, ausser es wird explizit nach ihr gesucht). Für Noble ist aber klar, dass dies eine falsche Vorstellung davon ist, wie Technologie funktioniert. Welche Probleme schnell angegangen würden und welche nicht oder nur sehr langsam, hätte zum Beispiel auch mit der recht männlichen, weissen und asian-american Belegschaft von Google zu tun, auch mit der Vorstellung, dass diese Belegschaft sich meritokratisch gefunden hätte (also weil sie alle besser seien als andere). Gleichzeitig sei es aber auch ein Problem, dass die Öffentlichkeit Google mit einer fairen und interesselosen Infrastruktur gleichsetzen würde: Google sei eine Werbeplattform, die Suchen und Ergebnisse, die Technologie und Infrastruktur sei davon bestimmt. Die Öffentlichkeit – und dabei meint sie nicht nur einzelne Personen, sondern auch die Politik, Wissenschaft, Verwaltung – sähe in Google aber eine Infrastruktur, die grundsätzlich fair sei. (Dies sei nicht nur auf Google, sondern auch auf den ganzen Diskurs von Big Data zu beziehen.)

Suchergebnisse haben Konsequenzen

Weiterhin zeigt Noble, dass das alles nicht egal ist. Was gefunden wird, wenn gesucht wird, hat Einfluss auf die Wahrnehmung von Gruppen (oder auch, dass Menschen überhaupt als bestimmte Gruppen wahrgenommen werden), auf die Selbstwahrnehmung von Gruppen und von Individuen. Beispiel: Wenn „black girls” oder „latina girls” als Repräsentation ihrer selbst vor allem Pornographie finden, während andere Mädchen vor allem Angebote zur Freizeitgestaltung finden. Die Autorin zeigt dies auch noch am Beispiel von Dylann Roof, dem white nationalist welcher 2015 in Charleston neun Menschen (weil sie schwarz waren) erschoss und in seinem „Manifest” angab, dass sein Weg in die Radikalisierung mit einer Suche auf Google begann. Auch dessen Identität wurde dadurch geprägt, was zu finden war – white nationalist websites – und was nicht zu finden war – reale Informationen über Kriminalitätsraten oder Darstellungen, was an den Diskursen auf den white nationalist websites falsch war.

Das ist alles richtig. Es ist auch wichtig, dass es gesagt wird. Die Frage ist nur, ob es neu ist.

Für eine öffentliche Suchmaschineninfrastruktur

Neu ist aber wohl der Lösungsvorschlag von Noble. Sie zeigt, dass es zwar wichtig ist, solche Beispiele aufzunehmen und zu skandalisieren, dass es aber nicht darum geht, von Google zu fordern, dieses oder jenes abzustellen. Dies spielt in den Diskurs von Google selbst hinein, dass es sich nur um technische Probleme handeln würde. (Was nicht heisst, dass es falsch wäre, an den Ergebnissen etwas zu ändern.) Wichtig wäre, zu thematisieren, was hier passiert und warum. Nobel verweist darauf, dass es in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft eine Tradition der Kritik von Kategorisierungen und Systemen der Wissenschaftsorganisation gäbe, insbesondere der DDC. An diese könne und müsse angeschlossen werden, wenn es um Suchmaschinentechnologien geht. Allerdings: eine Voraussetzung dieser Kritik sei, dass transparent ist, welche Kategoriesysteme in Bibliotheken verwendet werden – in die DDC kann man hineinschauen, aber in die Algorithmen von Google nicht (weil es eine Werbeplattform ist).

Die Lösung liegt für Noble darin, zu verstehen, welche Effekte Google auf die Gesellschaft hat und aus dieser Erkenntnis nicht etwa zu folgern, dass die Suche im Internet das Problem wäre, sondern die Struktur und Ideologie von Google. (Und anderen Firmen, aber der Fokus liegt bei Google.) Nicht ein „besseres Google”, sondern eine öffentlich finanzierte und getragene Suchmaschineninfrastruktur wäre zu fordern. Angelehnt ist diese Vorstellung erkennbar an Bibliotheken. (Für Europa klingt diese Forderung nicht so weit hergeholt. Die Europeana könnte – bei entsprechender Finanzierung – diese Infrastruktur mit aufbauen.) Nur dann sei es möglich auch zu wissen, was wieso und wie gesucht und gefunden wird; welche Probleme als solche definiert würden und welche nicht. Dies wäre politisch, aber darum geht es Noble ja: Die Vorstellung, ein Suchalgorithmus können neutral und damit unpolitisch sein, ist falsch. Damit muss man umgehen. Dadurch, dass eine solche Infrastruktur öffentlich würde, würde sie zum Beispiel nicht mehr an Werbeeinnahmen gebunden und es gäbe auch keinen Grund, die Algorithmen nicht öffentlich zu machen.1 Eine grosse Forderung, aber damit, dass Noble sie auf den Tisch legt, wird sie auch diskutierbar.

Kritik

Wie schon angedeutet, ist der Rezensent zwar vom Thema des Buches überzeugt, nicht aber davon, dass es inhaltlich etwas neues bieten würde. Wirklich neu ist nur der zuletzt genannte Vorschlag einer öffentlichen Suchmaschineninfrastruktur.2 Dieser Eindruck zieht sich auch durch das Buch selber. Die Hauptargumente und -aussagen finden sich praktisch in der Einleitung, später werden sie immer wieder neu aufgegriffen. Es wird eher in Kaskaden diskutiert (also immer wieder das, was schon gesagt wurde, aufgegriffen, ergänzt und dann in der nächsten Runde wieder aufgegriffen und so weiter), als das es einen roten Faden gäbe. Es scheint, dass dies in einem Universitätsseminar angemessen sein kann („Lernen durch Wiederholung”), für ein Buch scheint es weniger praktisch.

Zudem hat die Autorin die irritierende Angewohnheit, quasi alle Personen, von denen Studien oder anderes zitiert wird, mit Namen und Funktion, beispielsweise dem Institut bei dem sie arbeiten, vorzustellen, so als würde dies den Argumenten mehr Autorität verleihen – was aber nicht der Effekt ist.

Fazit

Wie gesagt scheint vieles von dem, was die Autorin darlegt, schon bekannt. Vielleicht nur in den kleinen Kreises der kritischen Bibliotheks- und Informationswissenschaft (aber dieses Blog erreicht vielleicht vor allem diesen Kreis). Es untermauert mehrfach das Wissen, dass Technologie und Algorithmen nicht neutral sind und dass sie, wenn unkritisiert, in einer rassistischen Gesellschaft vor allem die rassistischen Strukturen reproduzieren. (Noble argumentiert und sucht im Kontext der US-amerikanischen Gesellschaft, aber es ist ein leichtes, dies auf die deutsche, schweizerische, österreichische, liechtensteinische Gesellschaft und die Diskursstrukturen und Vorurteile hier zu übertragen.) Sie tut dies in zitierbaren und klaren Aussagen. Es gibt also keinen Grund, von diesem Buch abzuraten; aber es scheint doch an vielen Stellen zu lang.

Grundsätzlich in den Diskurs als potentielle Lösung aufzunehmen ist der Vorschlag, Suchmaschineninfrastrukturen, nach dem Vorbild von Bibliotheken, als öffentliche Infrastruktur einzufordern.

Fussnoten

1 Julien Mailand und Kevin Driscoll machen in ihrem in diesem Blog auch schon besprochenen Buch zum Minitel-System im Frankreich der 1980er-Jahre [Julien Mailland ; Kevin Driscoll (2017). Minitel: Welcome to the Internet (Platform Studies). Cambridge ; London: The MIT Press, 2017] ein ähnliches Argument: Ein Vorteil des staatlich organisierten Systems – gegenüber heutigen Plattformen wie Facebook, die einfach so Entscheidungen über Inhalte, die sie anzeigen oder nicht anzeigen treffen dürfen – sei gewesen, dass alle Entscheidungen darüber, was im System zugelassen wurde und was nicht, potentiell der öffentlichen Kontrolle (ergo: Beschwerden, Klagen, Einsichtsnahmen in Unterlagen) unterlag.

2 Hier stellt sich wirklich die Frage, wann und warum Bibliotheken aufgehört haben, über eine solche nachzudenken. Als noch Yahoo mit seinen Kategorien und Linksammlungen die Suche im Internet bestimmte, gab es solche Diskussionen und mit der Deutschen Internetbibliothek auch eine Infrastruktur, die dies versuchte. Nachdem einfache Suchen” zum bestimmenden Modus der Suche wurde, scheinen Bibliotheken aufgegeben zu haben. Heute ist wohl noch nicht mal bekannt, wie die Suchergebnisse in den Bibliothekskatalogen zustande kommen; auch das ist intransparent von den Anbietern der Katalogsoftware organisiert.

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Sophie Schneider fährt zu den Open-Access-Tagen 2018. Mit Unterstützung von LIBREAS

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Verein by Ben on 8. Juni 2018
Sophie Schneider - die erste LIBREAS-Reisestipendiatin

Sophie Schneider – die erste LIBREAS-Reisestipendiatin (Foto: privat)

Sophie Schneider fährt nach Graz. Jedenfalls hoffen wir als LIBREAS, dass sie das tut. Und wir unterstützen sie mit Freude und mit allem, was wir bieten können, also unserem Reisestipendium. Denn ihr Motivationsschreiben für das von uns ausgelobte Reisestipendium für den Besuch der Open-Access-Tage 2018 überzeugte hat uns außerordentlich. Als angehende Bibliotheksmanagerin, sie studiert aktuell an der Fachhochschule Potsdam, sind Veranstaltungen wie diese naturgemäß mehr als irgendein Konferenzbesuch, um den Anschluss an aktuelle Diskussionen zu halten. Aus eigener Erfahrung können wir berichten, dass Studierende mit solchen Reisen ihren Blick auf die Bibliothekswelt und ihre mögliche Position darin sehr erweitern, manchmal auch grundsätzlich verändern können. Es ist uns daher eine große Ehre, diese Tür im Rahmen unserer Möglichkeiten, nun auch Sophie Schneider zu öffnen. Denn dies ist die Motivation hinter dem LIBREAS-Reisestipendium: Menschen, die sonst womöglich nicht so einfach die Mittel haben, um zu einer Konferenz zu reisen, bei der Teilhabe zu unterstützen. Will man es ganz groß aufspannen, ist es auch eine Investition in das Bibliothekswesen, das weitsichtige, engagierte, kompetente Persönlichkeiten immer benötigt und aktuell natürlich besonders.

In ihrem Bewerbungsschreiben formulierte Sophie Schneider die Frage:

„Wo können wir als Bibliotheks- und Informationswissenschaftler/innen die Fachwissenschaftler/innen beim Publikationsprozess
unterstützen, vielleicht sogar mit der Entwicklung entsprechender Strukturen und Technologien?“

Die Open-Access-Tage an der Technischen Universität Graz sind in diesem Jahr genau der richtige Ort, um darüber zu diskutieren.

Graz im Februar

Ein Blick auf Graz im Februar. Im Spätsommer zeigt es sich selbstverständlich deutlich leuchtender. Nur haben wir bisher  kein entsprechendes Bild im Archiv. Aber vielleicht bringt uns Sophie Schneider eines mit. (Foto: Ben Kaden)

Wer vorab in einen entsprechenden Austausch mit Sophie Schneider einsteigen möchte, sollte sich mit ihr schon vorab über Twitter verknüpfen: https://twitter.com/BibWiss. Wir empfehlen darüberhinaus auch einen Blick in ihr Weblog. Und wir freuen uns auf eine rege Berichterstattung im September, die wir in jedem Fall auch an dieser Stelle so sichtbar wie möglich machen.

Darüber hinaus hoffen wir, dass wir dem Reisestipendium einen wichtigen Beitag zum Vereinsziel des LIBREAS e.V. leisten, nämlich für die “ Förderung der bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Kommunikation“. Weitere Anregungen, Ideen und natürlich auch Unterstützungen sind wie immer sehr willkommen. Der anstehende Bibliothekartag / Bibliothekstag 2018 in Berlin bietet zudem die Möglichkeit, persönlich mit uns in Kontakt zu treten. Ansonsten immer sehr gern über mail@libreas-verein.eu, redaktion@libreas.eu oder auf Twitter: @libreas.

(red. / Berlin im Juni 2018)

Von Digitalfundamentalisten und Zentralisierungswünschen

Posted in LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 23. Mai 2018

Zu: Michael Knoche (2018): Die Idee der Bibliothek und ihre Zukunft (2. Auflage). Göttingen: Wallstein, 2018

Karsten Schuldt

 

„Die Idee der Bibliothek und ihre Zukunft” ist ein Buch, welches stark an Polemik, aber inhaltlich weder überzeugend noch konsistent ist.

Von Beginn an: Der Autor, Michael Knoche, war lange Jahre (inklusive der Zeit des Brandes und Wiederaufbaus) Direktor der Anna Amalia Bibliothek in Weimar und scheint als solcher eine starke Meinung zu verschiedenen Themen des Wissenschaftlichen Bibliothekswesens entwickelt zu haben. Im genannten Buch versucht er, diese zu vermitteln. Selbstverständlich ist er dabei fachkompetent.

Das Buch selber ist erstaunlich kurz. Die einzelnen, 16 Kapitel sind jeweils vielleicht 5 Seiten lang. Zudem ist es an vielen Stellen unterhaltsam zu lesen: Der Autor versucht sich immer wieder in Polemik und Sprachbildern, die nicht immer funktionieren, aber von Überzeugungen zeugen.

Was der Autor allerdings sagen will und vor allem, gegen wen er anschreibt, das ist schwer fetszustellen. Ebenso schwer ist zu sagen, an wen er sich eigentlich richtet. Vom Thema ausgehend könnte vermutet werden, dass er ins Bibliothekswesen hinein intervenieren will. Viele seiner Andeutungen sind wohl nur für die verständlich, die einen bibliothekarischen Hintergrund mitbringen. Gleichzeitig aber scheint der Autor sich an eine breit Öffentlichkeit oder aber die Politik zu richten, da er ständig Konzepte wie Open Access, Provenienzforschung oder Formen der Fernleihe erläutert, die man im Bibliothekswesen als bekannt voraussetzen kann. Am Ende des Buches ist dann auch nicht klar, von wem er eigentlich was fordert.

Sichtbar ist, dass er eine Personengruppe ablehnt, die er mal „Digitalfundamentalisten” (47 u.a.), mal als „Bibliothekare[, die] unter einer rätselhaften Form des Bücherverdrusses [leiden]” (11) bezeichnet. Wer genau zu dieser Gruppe gehört oder was diese Gruppe genau ausmacht, wird nicht benannt. Einzig Rafael Ball (ETH Zürich) und Rick Anderson (University of Utah) werden genannt, aber das ist keine Gruppe. Man würde vermuten, dass im Laufe des Buches durch Abgrenzungen klar wird, was diesen „Digitalfundamentalisten” vorzuwerfen sei, aber das passiert nicht. Der Autor selber ist überhaupt nicht konsistent in dem, was er positiv oder negativ findet. Er hebt, selbstverständlich, auch ständig Vorteile des digitalen Kommunizierens, Publizierens und Aufbewahrens (also vor allem des Scannes von Büchern) hervor. Er ist also kein Luddit. Vielleicht meint er, dass „Digitalfundamentalisten” einfach immer und überall gedruckte Medien ablehnen würden, was so (die Bücher von Rafael Ball sind z.B. auch gedruckt zu erhalten, ebenso wie die von ihm herausgegeben B.I.T. Online) auch nicht stimmt. Es scheint eher, als hätte der Autor ein Feindbild und würde davon ausgehen, dass wir, die Leserinnen und Leser, dieses ohne grosse Erklärung auch teilen würden. (Zumindest der Rezensent ist gehört nicht zu dieser Gruppe und kann deshalb mit dem Begriff nicht wirklich etwas anfangen.)

Der Titel, der Klapptentext und das einleitende Kapitel des Autors versprechen, über die „Idee der Bibliothek” und die Zukunft der Bibliotheken – eingeschränkt auf die Wissenschaftlichen Bibliotheken – nachzudenken. Davon findet sich im Buch fast nichts. Es wird nicht argumentiert oder nachgedacht, vielmehr scheint der Autor einige Überzeugungen zu haben, die er mitteilen will. Das Problem ist nicht, dass er Überzeugungen hat. Ohne solche wäre vielleicht kein guter Bibliotheksdirektor gewesen. Das Problem ist, dass er nicht einmal den Versuch unternimmt, zu überzeugen. Er scheint auch hier davon auszugehen, dass es keiner weiteren Ausführungen bedürfte, sondern das einfach dadurch, dass er seine Überzeugungen äussert, diese zu Wahrheiten würden. Das hält das Buch kurz, aber es erreicht nur die, die eh schon seiner Meinung sind. Beispielsweise betont er, dass Bibliotheken (alle Bibliotheken) den Auftrag hätten, langfristig und umfassend zu sammeln. (Das ist dann auch schon die „Idee der Bibliothek” aus dem Buchtitel.) In einem Kapitel betont er dann noch, dass nur dieses Sammeln es möglich macht, historisch zu arbeiten, zumal bei sich ständig wandelnden Paradigmen der Geschichtswissenschaft. Aber anschliessend geht er einfach davon aus, dass dies allgemein akzeptierter Fakt sei. Es ist, wie weiter oben gesagt, eine Polemik. Gäbe es aber zum Beispiel die Gruppe der Digitalfundamentalisten wirklich und würde diese auch nur inhaltlich konsistent argumentieren, egal was, wäre sie überzeugender, als dieses Buch.

Die Überzeugungen, welche Knoche vorträgt, sind zudem auch nicht originell. Sie lassen sich in drei Thesen zusammenfassen:

  1. Aufgabe der Bibliotheken ist das umfassende und nachhaltige Sammeln
  2. Digitalfundamentalisten würden diese Aufgabe bedrohen (weil das Digitale nicht einfach zu sammeln wäre, sondern – weil es ja Lizenzen sind – gesonderter Regeln bedürfe und selbstverständlich einer Klärung, wie man überhaupt Digitales nachhaltig sammeln kann; alles Fragen, die im Bibliothekswesen auch ohne die Polemik dieses Buches besprochen werden): „Nur wenn die Sammlungen ihr Eigentum sind, können sie [die Bibliotheken] versuchen, sie dauerhaft zur Verfügung zu stellen. Bibliotheken müssen Bestand halten.” (9)
  3. Notwendig sei eine Zentralisierung von Aufgaben, entweder durch zentrale Einrichtungen (Knoche meint, dass die DFG dies nicht – mehr – tun würde oder könnte, sondern der Bund eingreifen müsste) oder aber durch enge Kooperation der Bibliotheken (wobei er dann für Bibliotheken mehr Autonomie fordert und – offenbar ohne Kenntnis der tatsächlichen Lage in der Schweiz – unter anderem die schweizerischen Bibliotheken als positives Beispiel darstellt)

Gerade diese letzte Idee einer nationalen Koordination der bibliothekarischen Aufgaben scheint Knoche umzutreiben. Aber auch hier: Das wird nicht begründet, es wird einfach behauptet, dass es anders nicht mehr möglich wäre, zu sammeln. Gezeigt oder gar nachgewiesen wird das nicht. Die reine Behauptung vonseiten des Autors soll offenbar alleine ausreichen. Ausgehend von dieser Behauptung fordert er dann – allerdings unklar, von wem – wieder einmal eine Nachfolgeeinrichtung des Deutschen Bibliotheksinstituts und eine Wiedereinführung der langfristigen Finanzierung der Sondersammelgebiete.

Wie gesagt: Dieses Buch überzeugt wohl niemand von irgendetwas. Es liefert auch, ausser dem polemischen Begriff der Digitalfundamentalisten (übrigens durchgängig männlich, deshalb auch in dieser Besprechung so zitiert), keine neuen Ideen. In einigen Bereichen sind die Überzeugungen des Autors auch erstaunlich konservativ, beispielsweise spricht er sich – aber da ist er mit anderen Autoren des herausgebenden Wallstein Verlages, wie Uwe Jochum einer Meinung – gegen eine Verpflichtung von Forschenden zu Open Access aus, weil dieses die Wissenschaftsfreiheit einschränken würde. Vielleicht spiegelt es die Überzeugungen vieler deutscher (?) Bibliotheksleitungen wider. Wenn dem so wäre, würde es aber auch eine Schwäche dieser Überzeugungen offenlegen, nämlich dass sie nicht argumentativ oder mit Fakten untermauert sind.

Es ist aber, wie gesagt, vergnüglich zu lesen. Aber eher wie ein Grime-Track, dem man wegen der Sprachbilder und dem gekonnten Springen durch die Themen und Beleidigungen Respekt zollt, nicht wegen des Inhalts.

LIBREAS-Verein unterzeichnet Jussieu Call for Open Science and Bibliodiversity

Posted in LIBREAS.Verein by maxiki on 5. April 2018

Der LIBREAS-Verein hat abgestimmt: Nach einem positiven Mitgliedervotum hat der Vorstand des LIBREAS-Vereins den Jussieu Call for Open Science and Bibliodiversity unterzeichnet. Der LIBREAS-Verein unterstützt damit Open Access und Open Science im Sinne der Vereinsziele.

Der Jussieu Call ruft in acht Punkten die wissenschaftliche Gemeinschaft dazu auf, Open Access und Open Science vielfältig und partizipativ zu denken sowie weiterzuentwickeln und nicht allein eine Umwälzung der Subskriptionskosten für wissenschaftliche Journals auf Open-Access-Gebühren zu forcieren.

Das LIBREAS-Journal und die dahinter stehende Struktur an Redaktionsorganisation und Kommunikationskanälen sind der lebende Beweis dafür, dass offene Wissenschaft in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft auch anders geht – mit allen Herausforderungen, die damit verbunden sind.

Eine wichtige Geschichte zu jahrhunderte-alten Manuskripten in Afrika, leider nicht angemessen erzählt

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 4. April 2018

Karsten Schuldt

Zu: Joshua Hammer (2016). The Bad-Ass Librarians of Timbuktu: and their race to save the world’s most precious manuscripts. New York, London, Toronto, Syndey, New Delhi: Simon & Schuster 2016

 

Der Titel „The Bad-Ass Librarians of Timbuktu“ empfiehlt dieses Buch einer Besprechung hier im Blog. Es ist eher verwunderlich, dass es offenbar im deutsch-sprachigen Bibliothekswesen noch nicht thematisiert wurde. Die englisch-sprachigen Rezensionen, sowohl in Zeitschriften als auch in anderen Portalen (goodreads etc.) sind allerdings durchwachsen. Immer wieder wird in ihnen betont, dass das Buch von der eigentlichen Geschichte aus dem Titel abweicht in die Darstellung politischer und militärischer Vorgänge. Und leider: Sie haben ganz Recht.

 

Die Hauptgeschichte: Manuskripte aus Jahrhunderten, mehrfach gerettet

Die Hauptgeschichte alleine ist erstaunlich und verdient es, mehrfach erzählt zu werden. Kurz: Für Jahrhunderte war Timbuktu (heute in Mali) das Zentrum intellektueller und künstlerischen Produktion. Ein erster Höhepunkt waren das 15. und 16. Jahrhundert. Während dieser Zeiten wurden in Timbuktu zahllose Manuskripte hergestellt, sowohl durch Kopisten als auch direkt als Produkte der lebendigen intellektuellen Arbeit. Dabei wurden in der Stadt und den Reichen, denen sie zugehörte, vor allem liberale religiöse und gesellschaftliche Traditionen gepflegt, wenn auch immer wieder mit gegenteiligen politischen Bewegungen (Dschihadismus, Antisemitismus).

Dschihadistische Bewegungen und die französische Kolonialherrschaft beendeten die Geschichte des intellektueller Zentrums Timbuktu. Die Produktion der Manuskripte wurde praktisch eingestellt, aber sie selber verschwanden nicht einfach, sondern wurden bei Familien verwahrt, teilweise versteckt, teilweise aber auch als Unterrichtsmaterial für informelle Bildungsgänge genutzt, die über Jahrhunderte in Wohnhäusern angeboten wurden. Die Manuskripte blieben oft über Jahrhunderte im Familienbesitz. Und während die rassistische Geschichtsschreibung Europas des 19. Jahrhunderts ganz Afrika als einen geschichtslosen Ort darstellte, welcher erst durch die weitläufige Kolonisation aus einem „wilden Zustand“ in die Menschheitsgeschichte integriert würde, lagen in Timbuktu Beweise für das Gegenteil.

Erst nach der Unabhängigkeit Malis (1960) begann man langsam – im Institut des hautes études et de recherches islamiques Ahmed Baba, gegründet 1973 – diese Manuskripte wieder öffentlich zugänglich zu machen. Eigentlichen Aufschwung nahm dies erst ab 1984, als der eigentliche Held des Buches, Abdel Kader Haidara, begann, für dieses Zentrum zu arbeiten, in ganz Mail nach Manuskripten recherchierte und sie nach Timbuktu brachte. Nach einigen Jahren dieser Arbeit versuchte er für die Sammlung seiner eigenen Familie, die zu beaufsichtigen er von seinem Vater bestimmt wurde, eine eigene Bibliothek zu gründen. Dies gelang erst durch die Intervention von Henry Louis Gates, der in den Manuskripten ein Beispiel für afrikanische Geschichte sah, die bekannt werden müsste. Haidara begründete nicht nur seine eigene Bibliothek, sondern initiierte weitere, öffentlich zugängliche Bibliotheken, die von „grossen Familien“ in Timbuktu eingerichtet wurden, um ihre Sammlungen zu zeigen. 2012, zu seinem (bisherigen) Höhepunkt, umfasste dieses Netzwerk in Timbuktu 45 Bibliotheken mit 377.000 Manuskripten. Bis 2012 sicherten Haidara und andere Millionen Dollar von verschiedenen Stiftungen und Regierungen (mit den denkbaren Problemen, die auftreten, wenn Gelder aus Südafrika, dem Nahen Osten, Europa, den USA, aber auch Gaddafis Libyen fliessen), um die Bibliotheken aufzubauen, Manuskripte zu sammeln und zu beginnen, diese zu sichern, zu restaurieren und zu digitalisieren. Haidara und andere erlernten zum Beispiel extra das Restaurieren und Digitalisieren solcher Manuskripte. Das alleine wäre schon eine erstaunliche Geschichte, ist aber nur der erste Teil.

Der zweite Teil begann mit dem weitgehenden Zusammenbruch Malis, als 2012 Tuareg-Rebellen und islamistische Milizen (al-Qaida im Maghreb, Ansar Dine und Bewegung für Einheit und Dschihad in Westafrika) gemeinsam weite Teile der Landes unter ihre Kontrolle brachten, inklusive Timbuktus. Innerhalb dieser Koalition setzten sich die islamistischen Milizen durch und etablierten für einige Monate ein von ihnen kontrolliertes Gebiet. Erst ein von Frankreich geführter Militäreinsatz beendete diese Situation.

Die Manuskripte waren in dieser Zeit bedroht, da sie zum Beispiel mit ihren Auslegungen des Islam dem Verständnis der Islamisten widersprachen und gleichzeitig als Objekte galten, an deren Erhalt „der Westen“ ein grosses Interesse hätte – sonst wäre nicht so viel Geld geflossen – und die entweder zerstört werden könnten, um den Westen zu erzürnen oder aber als „Geiseln“ genutzt werden könnten. In einer grossen Aktion gelang es dem Netzwerk von Bibliotheken, wieder unter der Federführung von Haidara, die Manuskripte zuerst zu verstecken, anschliessend aus Timbuktu herauszuschmuggeln – dies, obwohl nur Nachts und dann, wegen Ausgangssperre auch nur zwei Stunden lang, gearbeitet wurde; vorbei an islamistischen Strassensperren, an Strassensperren des malischen Militärs und später auch des französischen – und nach Bamako (Malis Hauptstadt, gehalten vom malischen Militär) zu bringen. Und zwar alle, bis auf die, welche im oben genannten Zentrum ausgestellt oder zur Digitalisierung vorbereitet wurden, als der Aufstand begann. Diese wurden von al-Qaida im Maghreb, welche das Zentrum als Hauptquartier genutzt hatte, vor ihrem Rückzug allesamt verbrannt (nicht aber die viel grössere Anzahl Manuskripte, die im Keller lagerten). Dieser Teil der Geschichte ist noch erstaunlicher.

Heute hat das Zentrum und andere Bibliotheken wieder ihre Arbeit aufgenommen, aber es geht offenbar weiterhin um Wiederaufbau und Sicherung der Manuskripte.

 

Kritik: Eine journalistische Erzählung

Das Buch schildert all dies, aber der gewählte Stil ist wenig hilfreich. Der Autor ist Journalist und so liest sich das Buch: als möglichst spannend erzählte Reportage. Abgesehen davon, dass die Geschichte auch so spannend genug wäre, führt das zum Beispiel dazu, dass ständig Leute in direkter Rede zitiert werden, so als wäre der Autor bei Situationen dabei gewesen (bei denen er nicht dabei gewesen sein kann). Es gibt zahlreiche Schilderungen von Landschaft, Gebäuden, Kämpfen, die zur Geschichte selber wenig beitragen, aber Hintergrundrauschen liefern. Allerdings viel zu viel, dafür eigentlich immer zu wenig über die Manuskripte und die Arbeit der Librarians.

Das die Geschichte Kontext braucht, besonders wenn sie schon Buchlänge haben darf, ist verständlich. Aber der gelieferte Kontext ist viel zu umfangreich. Immer wieder verschwinden die Manuskripte und die Bibliotheken selber aus dem Text, kommen ganze Kapitel über nicht vor. Dafür hat der Autor eine irritierende Nähe zum US-amerikanischen und französischen Militär, berichtet deshalb quasi live von den Kämpfen, davon, wie die französische Armee ihre Soldatinnen und Soldaten verpflegt hat, wie sie den Einsatz in Mali geplant hat, wie bestimmte Kämpfe abliefen und so weiter. Wir erfahren, was der Militärbeauftragte der US-Army für das südliche Afrika und die neue US-Botschafterin voneinander dachten, als sie sich das erste Mal traffen. Wir erfahren auch vom Vorgehen der Islamisten, von ihren Taktiken, Gewalttaten, Strafen oder auch von den Absprachen zwischen ihnen und den Tuareg-Rebellen. Von all dem aber erfahren wir von all demviel zu viel, wenn es eigentlich um die Bad-Ass Librarians gehen soll. Teilweise scheint es, als hätte der Autor zwei Bücher schreiben wollen, aber am Ende nur eines produzieren dürfen.

Der Autor hat eine Meistererzählung vom Aufstieg Timbuktus als Beispiel eines liberalen Islam (wobei liberal selbstverständlich ein Anachronismus ist, Europa war damals erst dabei, die Neuzeit zu erfinden, der Liberalismus selber brauchte noch einige Jahrhunderte), Abstieg insbesondere durch den französischen Kolonialismus, dann Wiederaufstieg und die Hoffnung auf ein modernes, offenes Mali ab den 1990ern, dann neuer Zusammenbruch und jetzt Wiederaufbau. Die Manuskripte und Bibliotheken spielen in dieser Erzählung nur eine (allerdings wichtige) Rolle. Und das lenkt immer wieder ab.

Erstaunlich ist auch, dass dieses Buch, in dem es so viel um Manuskripte geht, vollkommen ohne Bild auskommt. Nur auf der hinteren inneren Umschlagseite findet sich das Bild eines Manuskripts. Das Buch macht leider den Eindruck, schnell und billig produziert worden zu sein (einige Rezensionen benennen weitere kleine Fehler, die die Mastererzählung nicht ändern, aber doch ärgerlich sind.) Es gibt, falls dies interessiert, mehrere Aufzeichnungen von Vorträgen des Autors, in denen er solche Bilder zeigt (zum Beispiel hier bei den US National Archives https://www.youtube.com/watch?v=E_DbmVMgfqM, ab Minute 11:42). Dafür ist das Buch aber auch sehr leicht zu lesen, hier merkt man den journalistischen Hintergrund des Autors.

 

Grundsätzlich ist die Geschichte der Bad-Ass Librarians aber spannender als das Buch selber.

Nicht wirklich helfen, aber emphatisch bleiben. Eine leider eingeschränkte Anleitung zum Umgang mit obdachlosen Menschen in Bibliotheken.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 27. März 2018

Karsten Schuldt

Zu: Dowd, Ryan J. (2018). The Librarian’s Guide to Homelessness: An Empathy-Driven Approach to Solving Problems, Preventing Conflict, and Serving Everyone. Chicago: ALA Editions, 2018

 

Leider nicht gut ist das hier kurz zu besprochende Buch. Leider, da es eigentlich eines inhaltlich guten Buches zum Thema bedürfte, eines umfangreichen und konkreten. Dieses ist es nicht, auch wenn es dies im Titel behauptet.

“The Librarian’s Guide to Homelessness” ist stattdessen ein verschriftliches Seminars zum Umgang mit Menschen, die von Obdachlosigkeit betroffen sind, mit dem Ziel, das diese respektvoll, aber doch bestimmt dazu gebracht werden, den Regeln der Bibliothek zu folgen. Der Autor hält nicht nur Seminare, die Bibliothekspersonal (und anderen) dies beibringen sollen, sondern leitet zugleich ein homeless shelter bei Chicago. Insoweit ist er qualifiziert. Aber es geht ihm eben nicht darum, dass gesamte Thema Obdachlosigkeit zu behandeln, sondern wirklich nur darum, wie sich Bibliothekarinnen und Bibliothekare so verhalten können, dass sie Menschen, die obdachlos sind, wertschätzen können, aber doch dazu anleiten, den restlichen Bibliotheksbetrieb ungestört zu lassen.

Dabei geht der Autor klar davon aus, dass alle Menschen Respekt verdienen und das die Situation von obdachlosen Menschen verstanden werden muss – also wie es sich lebt und anfühlt, mit welchen Diskriminierungen und Zurücksetzungen zu leben ist, wie sich dies auf die Perspektiven und die Lebensentwürfe der Menschen auswirkt – um emphatisch handeln zu können. Zugleich zielt er darauf ab, dass das Bibliothekspersonal ohne Befehle zu geben, Strafen zu verhängen oder “hartes Auftreten” auskommen kann. Das ist alles gut und hilfreich. Grundsätzlich gilt für ihn: Wer Menschen, die obdachlos sind, respektvoll behandelt wird auch von ihnen respektvoll behandelt – wie das bei Menschen an sich üblich ist, egal in welcher Situation. Da gibt es nicht so viele Unterschiede.

Der Grossteil des Buches versucht allerdings vor allem einzelne Tricks und Umgangsformen zu lehren: Wie man sprechen kann, wie man Humor einsetzt, das man sich nicht zu ernst nimmt, wie man im Gespräch stehen soll etc. pp. Hilft das weiter? Vielleicht der Bibliothek beziehungsweise dem Bibliothekspersonal, aber weniger den betroffenen Menschen. Sie werden, wenn die Tricks angewendet werden, besser behandelt und können ihr Recht, die Bibliothek zu nutzen, besser umsetzen. So weit, so gut.

 

Gleichzeitig ist das Buch, wie gesagt, offensichtlich aus Seminaren entwachsen. Die gleichen Versuche mit persönlichen Geschichten („my wife says…”), schlechten Witzen und Verweisen auf popkulturelle Produkte („like Batman…”) Menschen in Seminaren interessiert zu halten und zum Mitmachen zu motivieren, finden sich hier auch – nur das sie in einem Buch nicht angebracht scheinen. Es ist halt kein Seminar sondern ein Text, den alle Interessierten im eigenen Tempo durcharbeiten könnten. Zudem gibt es ständig zweifelhafte Verweise auf irgendwelche Studien, die aber nur herangezogen werden, wenn sie die Position des Autors untermauern. Das ist auch nicht überzeugend und für die meisten Aussagen auch vollkommen unnötig.

Nur im letzten Kapitel kommt der Autor überhaupt auf die Frage zu sprechen, wie Bibliotheken Menschen, die von Obdachlosigkeit betroffen sind, helfen könnten (Respektvoll sein; das tun, was Bibliotheken eh tun; bei Suche nach Arbeit und Obdach helfen), aber das auch eher oberflächlich.

Hinzu kommt selbstverständlich, dass sich das Buch auf US-amerikanische Verhältnisse bezieht: So warnt es vor “Punishment”-Strategien, bei denen Personal eingesetzt wird, um Obdachlose gesondert zu überwachen und, im Rahmen der Regeln, möglichst hart anzugehen, was im deutsch-sprachigen Raum nicht verbreitet zu sein scheint. Die meisten popkulturellen Referenzen scheinen auch sehr spezifisch US-amerikanisch zu sein. (Es könnte aber auch am Desinteresse des Rezensenten an Teilen der Popkultur liegen, zumindest waren ihm mehrfach eindeutig als Anspielungen gemeinte Aussagen unverständlich.)

 

Alles in allem: Ein Buch, das im Titel weit mehr und weit Konkretes verspricht, als es einlöst. Im Kern humanistisch und vielleicht für einzelne Bibliotheken interessant. Aber ansonsten wenig brauchbar.

Call for Papers #34: 90 Jahre Bibliotheks*wissenschaft in Berlin

Posted in LIBREAS Call for Papers by maxiki on 21. März 2018

Für LIBREAS. Library Ideas ist das Institut für Bibliothekswissenschaft beziehungsweise Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin (IBI) ein sehr besonderer Ort. Denn hier in der Dorotheenstraße 26, im Herzen Berlins, wurden erst die Idee, dann die Zeitschrift und später der Verein empfangen, erstellt und gegründet. Das Eckhaus gegenüber der Rückseite der Staatsbibliothek ist also der Nucleus oder der Ausgangspunkt für vielerlei persönliche Geschichten. Uns liegt es aus diesem Grund sehr am Herzen. Es hat uns viel gegeben (und genommen), bisweilen auch enttäuscht, letztlich aber unhintergehbar geprägt. Nicht nur uns. Das heutige IBI ist im Prinzip das, was von der nie sehr großen universitären Bibliothekswissenschaft in Deutschland übrig ist und zugleich einer der wenigen akademischen Anker der Informationswissenschaft, den sich die Bundesrepublik leistet. Zumindest wir aus der Bibliotheks- und Informationswissenschaft wissen, dass dies in einem argen Missverhältnis zu dem steht, was an Aufgaben sowohl für das Bibliothekswesen als auch für Informationskontexte aller Art an wissenschaftlichem Kompetenzaufbau und Begleitforschung eigentlich notwendig wäre. Dass Bibliotheken und Digitale Gesellschaft auch ohne große umfassende bibliotheks- und informationswissenschaftliche Unterfütterung funktionieren, bedeutet ja nicht, dass sie nicht besser funktionieren könnten – oder dass es nicht besser wäre, wenn die Gesellschaft mehr von ihnen verstehen würde. Eine Rolle spielt in der Praxis übrigens auch, dass Absolvent*innen des IBI natürlich ihre auch bibliothekswissenschaftliche Expertise und mitunter Forschung an ihren jeweiligen Beschäftigungsorten leben.

In diesem Jahr wird das IBI nun 90 Jahre alt, nicht ganz ein Jahrhundert, aber doch Zeuge einer Epoche, die die Welt in einer auch retrospektiv kaum fassbaren Weise transformierte. Der Traum von Mundaneum lebt in gewisser Weise in einem Tesla-Elektromobil fort, das in Richtung eines Asteroidengürtels steuert. Man kann nur staunen. Und natürlich die Frage stellen, was sich zwischen Dokumentation und Wissensmanagement, zwischen Szientometrie und Wissenschaftsforschung, zwischen sozialer Bibliotheksarbeit und Makerspaces an Spuren des Instituts, seiner Professor*innen, Mitarbeiter*innen, Absolvent*innen, Abrecher*innen in die Welt getragen hat. Wir möchten gemeinsam mit dem IBI für eine Jubiläumsausgabe einen vielstimmigen, gern auch leicht kakophonischen Chor mit Eindrücken, Erinnerungen, Erkenntnissen aus 90 Jahren Bibliothekswissenschaft, Bibliothekswissenschaft und wissenschaftliche Information, Bibliotheks- und Informationswissenschaft und iSchool-Existenz zusammentragen und eine Art Rückblick und kritische Würdigungen zusammenstellen. “Heute Neunzig Jahr” hat uns als Titel Uwe Johnson bereits vorweggenommen. Daher operieren wir zunächst sachlich mit dem Arbeitstitel “90 Jahre Bibliotheks*wissenschaft in Berlin”. Aber auch dahingehend sind wir für jeden Vorschlag offen.

Wir freuen uns zum Beispiel über Vorschläge zu den folgenden Themen:

  • Historische, retrospektive Aufarbeitung der Berliner Bibliotheks- und Informationswissenschaft
  • Persönliche Geschichten verbunden mit dem Studienfach, dem Ort Dorotheenstraße, den Lehrenden, Studierenden etc.
  • Analyse des Status quo der (deutschsprachigen) Bibliothekswissenschaft
  • Zukunftsperspektiven für die Bibliotheks- und Informationswissenschaft

Neben Einreichungen in textlicher Form sind ausdrücklich auch alternative Beitragsformen visueller oder multimedialer Art (Zeichnungen, Collagen etc.) vorstellbar.

Informationen zu weiteren Jubiläumsplanungen des IBI finden sich übrigens auf der Webseite des Instituts unter: https://www.ibi.hu-berlin.de/de/90-jahre-ibi

Die Deadline für die Einreichung von Artikeln ist der 1.8.2018. Vorschläge können gerne vorab mit der Redaktion besprochen werden.

Ihre / Eure Redaktion LIBREAS. Library Ideas zusammen mit dem IBI

(Berlin, Chur, Dresden, Göttingen)

 

LIBREAS. Library Ideas auf dem Bibliothekstag 2018 in Berlin

Posted in LIBREAS aktuell, Uncategorized by Karsten Schuldt on 20. März 2018

Bekanntlich ist der Bibliothekstag das grösste bibliothekarische Treffen im deutschsprachigen Raum. Die LIBREAS. Library Ideas wird auf und bei ihm – wenn er schon in Berlin ist, der Stadt zu dem die ganze Redaktion einen Bezug hat – zu treffen sein, in unterschiedlichen Funktionen: Am Mittwochabend beim offenen “Chillen mit der Redaktion”, auf Vorträgen und Workshops, auf Ständen und als Besucher*innen. Hier eine kurze Übersicht, wo Sie/ihr uns persönlich treffen können. Kommen Sie/Kommt doch vorbei.

Chillen mit der Redaktion (Mittwoch, 13.06.2018)

Am Mittwochabend, nach der Konferenz, laden wir Sie/euch ein, mit uns gemeinsam die doch etwas tristen langweiligen Hallen des Konferenzzentrums zu verlassen und einen ordentlichen Berliner Abend zu verbringen. Wir treffen uns ab 19:00 im Birgit&Bier. (http://birgit.berlin/, Adresse: Schleusenufer 3, 10997 Berlin, Stationen in der Nähe: S-Bhf. Treptower Park, Bus Heckmannufer oder U-Bhf. Schlesisches Tor. Mit der S-Bahn vom Kongressort gut zu erreichen.) Kommen Sie/kommt gerne vorbei und machen Sie/macht das, was man in Berlin macht: Mate trinken, Buletten essen oder lieber was Veganes, rumhängen und über Tische hinweg quatschen. Oder was Ihnen/euch gefällt, man ist da bekanntlich sehr offen in Berlin.

Vorträge und Project-Labs

Dienstag (12.06.2018)

  • 13:00-13:30. Karsten Schuldt: Bibliothek und Armut: Was kann die Öffentliche Bibliothek wirklich tun? (Raum V)
  • 15.30–18.00. Michaela Voigt (u.a.): Hands-on-Lab Zweitveröffentlichungen (Lab II)

Mittwoch (13.06.2018)

  • 14:30-15:00 Najko Jahn: Hybrid OA Dashboard: ein Analysewerkzeug zur Open Access Transformation wissenschaftlicher Journale (Raum III)
  • 17:00-17:30 Linda Freyberg: Augmented Library – Konzeption einer App für die Heinrich-Böll-Bibliothek in Berlin-Pankow (Raum IV)

Donnerstag (14.06.2018)

  • 09:00-13:00: Matti Stöhr, Michaela Voigt (u.a.): Kooperative Entwicklung der Kriterien für den Open Library Badge 2018 (Project Lab)
  • 10:30-11:00. Karsten Schuldt: Die Entwicklung der Schulbibliotheken in Berlin 2008-2017: Ergebnisse einer zehnjährigen Studie (Estrel Saal A)
  • 14:00-18:00. Karsten Schuldt, Peter Jobmann, Maik Stahr, Alexandra Jobmann: Die Bibliothek als gesellschaftliche Institution? #critlib auf deutsch? Ein Zine-Projekt (Project Lab)

Warum Forschungsdaten nicht publiziert werden.

Posted in LIBREAS.Dokumente, LIBREAS.Projektberichte by Ben on 13. März 2018

Eine Zusammenstellung und Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

Eine große und vermutlich noch zu wenig systematisierte Frage aller Diskussionen um eine Offene Wissenschaft lautet zumindest für die in diesem Bereich aktiven Infrastrukturen: Was spricht eigentlich dagegen? Die Erfahrung aus dem Open-Access-Bereich und mehr noch aus dem der Open Science bzw. Open Scholarship zeigt, dass es nicht selten eine erhebliche Lücke zwischen Wünschen, Zielen und Vorstellungen der Forschungsinfrastruktur und den besonders engagierten fachwissenschaftlichen Vertreter*innen in diesem Bereich und einer Gruppe gibt, die hier verkürzt als “Mainstream” der Wissenschaft bezeichnet werden kann.

Eine wichtige, wenngleich auch nicht ganz überraschende Einsicht aus den jahrelangen Auseinandersetzung mit der Offenen Wissenschaft muss lauten, dass die meisten Forschenden vor allem forschen möchten und zwar in der ihnen vertrauten Logik der Publikations- und wissenschaftlichen Publikationskulturen. Defizite auch der Publikationssysteme werden durchaus erkannt, aber nur dann tiefer adressiert, wenn sie zu spürbaren Behinderungen ihrer Forschung führen. In den meisten Fällen wollen Forschende jedoch nicht als Innovator*innen für wissenschaftskommunikative und -infrastrukturelle Lösungen in einer Weise aktiv werden, die zu einer Umwidmung der Aufmerksamkeit vom Forschungsgegenstand auf diese Metastrukturen der wissenschaftlichen Kommunikation führt. Wo also der Leidensdruck im Umgang mit bestehenden Systemen und Praxen aus Sicht der Forschenden nicht übermäßig hoch ist und tradierte Formen nach wie vor die besten Karrierewege öffnen, werden auch hochengagierte und raffiniert geschliffene Keynote-Apelle wenig verändern. Für wissenschaftliche Bibliotheken und andere Akteure der Wissenschaftsinfrastrukturen ist es folglich unerlässlich, zu wissen, welche Ansprüche, Herausforderungen und Ziele in den einzelnen Communities existieren. Die Gründe, warum Forschungsdaten und -materialien disziplinär zwar unterschiedlich intensiv aber nach wie vor eher selten unter den Idealvorstellungen der Offenen Wissenschaft zugänglich gemacht werden, zählen dazu.

Auf dem gestern (12.März 2018) bei der Wikimedia durchgeführten Open-Science-Bar-Camp des Leibniz Forschungsverbunds Science 2.0 gab es genau dazu eine Session „Valid reasons for opting out of sharing openly“, zur der einige Stichpunkte freundlicherweise auch für alle die sichtbar, die nicht teilnehmen konnten, in einem Etherpad hinterlegt wurde: https://etherpad.wikimedia.org/p/oscibar2018_session13

Ich habe mir erlaubt, diese ein wenig zu clustern und auszuformulieren. Im Anschluss an diese Liste ergänze ich noch einige Stichpunkte aus dem eDissPlus-Projekt, das sich mit den Möglichkeiten des dissertationsbegleitenden Zugänglichmachens von Forschungsdaten befasste.

Aufwand

  • Forschende wollen ihre Zeit lieber in die Forschung selbst als in die Organisation eines Austauschprozesses für Forschungsdaten investieren.
  • In der Projektplanung sind keine zeitlichen und personellen Ressourcen für die Aufbereitung von Forschungsmaterialien und Forschungsdaten für ein Teilen bzw. eine Veröffentlichung vorgesehen.
  • Die Veröffentlichung bzw. Zugänglichmachung von Forschungsdaten und Forschungsmaterialien wurden nicht bei der Projektplanung bzw. beim Erstellen des Forschungsdatenmanagementplans berücksichtigt und ist nachträglich zu aufwändig umzusetzen.

Datenschutzrecht

  • Die Veröffentlichung bzw. Zugänglichmachung von Forschungsdaten und Forschungsmaterialien ist aus datenschutzrechtlichen Gründen ausgeschlossen.
  • Für eine Zugänglichmachung bzw. Publikation von personenbezogenen Daten liegt keine informierte Einwilligung vor.

Institutionelle / infrastrukturelle Ausstattung

  • Die eigene Einrichtung bietet keine ausreichende Unterstützung sowohl infrastrukturell als auch beratend für die Verfügbarmachung bzw. Publikation von Forschungsdaten und Forschungsmaterialien an.

Institutionelle Vorgaben

  • Prüfungsordnungen untersagen Promovierenden eine Publikation von Teilen der Promotion vor Abschluss des Promotionsverfahrens.
  • Es gibt keine formalen Auswahlkriterien, welche Forschungsdaten bzw. Forschungsmaterialien wie zugänglich gemacht werden sollten.

Möglichkeiten und Kompetenzen des Teilens / Publizierens

  • Wissenschaftler*innen ist nicht bekannt, wo sie ihre Daten für eine Weitergabe hinterlegen können.
  • Wissenschaftler*innen sind nicht zureichend geschult, um Forschungsmaterialien bzw. Forschungsdaten wissenschaftlichen Publikationsstandards entsprechend zugänglich zu machen bzw. zu publizieren.
  • Forschungsdatenpublikationen sollen ein Peer-Review-Verfahren durchlaufen, das jedoch möglicherweise noch nicht existiert. Die nicht peer-reviewte Publikation von Forschungsdaten wird abgelehnt.

Persönliche Einstellung / Datenkontrolle / Wissenschaftsethik

  • Wissenschaftler*innen  sind am Thema Open Science / Offene Wissenschaft nicht interessiert.
  • Wissenschaftler*innen möchten gern wissen, wer ihre Forschungsmaterialien und Forschungsdaten nachnutzt, weshalb sie diese nur auf persönliche Anfrage weitergeben würden bzw. sich vorbehalten, eine Weitergabe abzulehnen.
  • Kooperationspartner in einem Forschungsdaten sprechen sich gegen eine Verfügbarmachung bzw. Publikation der im Projekt erzeugten Forschungsdaten und Forschungsmaterialien aus.
  • Die Zugänglichmachung von Forschungsdaten bzw. Forschungsmaterialien wird bewusst verweigert, weil entsprechende Anregungen und Vorgaben als Eingriff in die persönliche Wissenschaftsfreiheit interpretiert werden.
  • Die eigenen Forschungsdaten bzw. Forschungsmaterialien werden als für eine Weitergabe zu wenig relevant eingeschätzt.
  • Wissenschaftler*innen möchten verhindern, dass ihre Forschungsdaten bzw. Forschungsmaterialien für von ihnen nicht gewünschte Zwecke nachgenutzt werden.
  • Es bestehen Zweifel daran, dass Dritte die Forschungsdaten bzw. Forschungsmaterialien wissenschaftlichen Standards entsprechend nutzen können.
  • Es besteht die Sorge, dass durch Zugänglichmachung von Forschungsdaten bzw. Forschungsmaterialien Schwächen der Datenerhebung und -analyse sichtbar werden.
  • Die konkreten Forschungsdaten bzw. Forschungsmaterialien sind in einer Weise manipuliert, die verborgen bleiben soll.

Verlags-, Urheber- und Nutzungsrecht

  • Wissenschaftler*innen haben die Nutzungs- und Verwertungsrechte im Zuge einer Copyright-Vereinbarung an einen Wissenschaftsverlag übertragen und besitzen daher keine Verfügungsmöglichkeiten zum Teilen bzw. Veröffentlichen von Forschungsdaten.
  • Promovierende, deren Forschungsprojekt in Kooperation mit Dritten stattfindet, haben nur begrenzt Verfügungsrechte über ihre Forschungsdaten bzw. Forschungsmaterialien. Dies betrifft insbesondere Kooperationen mit kommerziellen Partnern.
  • Es ist nicht bekannt, wer die rechtliche Eigentümerschaft zu den jeweiligen Forschungsdaten bzw. Forschungsmaterialien besitzt.

Weitere Rechtsgebiete / Wissenschaftsethik

  • Das Forschungsthema ist zu sensibel als dass die Forschungsmaterialien und Forschungsdaten frei und international verfügbar gemacht werden können.
  • Es ist unklar, wer langfristig die Verantwortung für die jeweiligen Forschungsdaten bzw. Forschungsmaterialien übernimmt.

Wissenschaftssoziologie

  • Forschungsdaten und -materialien gelten als wissenschaftliches Kapital und werden (noch) zurückgehalten, weil sie in einem späteren Projekt weiter ausgewertet werden sollen.
  • Forschungsdaten und  Forschungsmaterialien sollen als exklusives Asset für einen Antrag auf Projektförderung angeführt werden. Sind sie frei verfügbar, sinkt, so die Wahrnehmung, die Chance auf Förderung.
  • Forschungsdaten und Forschungsmaterialien sollen zunächst exklusiv weiter beforscht werden, weshalb eine Publikation bzw. Zugänglichmachung bestenfalls nach einem Embargo in Frage kommt.
  • Die Publikation bzw. das Teilen von Forschungsmaterialien und Forschungsdaten wird nicht ausreichend als wissenschaftliche Leistung gewürdigt.

Wissenschaftsfreiheit

  • Das Prinzip der Open Science / Offenen Wissenschaft sollte nicht als Druck wirken – im Sinne der Wissenschaftsfreiheit sollten Wissenschaftler*innen selbst entscheiden ob bzw. wie bzw. wann sie Materialien und Forschungsdaten zugänglich machen.

Aus den Erfahrungen des eDissPlus-Projektes, das Einstellungsmuster von Promovierenden zum Publizieren von Forschungsdaten untersuchte,lassen sich, wie angekündigt, noch einige weitere Hürden benennen bzw. genannte Aspekte weiter differenzieren. Dies sind u.a.:

Aufwand

  • Der Aufwand für eine dissertationsbegleitende Forschungsdatenpublikation wird nur sehr selten in der Dissertationsplanung und – sofern überhaupt vorhanden – in Forschungsdatenmanagementplänen berücksichtigt.

Institutionelle und disziplinäre Vorgaben / Rahmenbedingungen

  • In vielen Bereichen fehlen für Forschungsdatenmanagement und das Publizieren von Forschungsdaten Standards, die eine Orientierung geben können.
  • Forschungsdatenpolicies werden im Einzelfall häufig als untauglich empfunden, u.a. da sie zum Beispiel datenschutzrechtliche sowie weitere rechtliche Einschränkungen einer möglichen Forschungsdatenpublikation in keiner Weise würdigen.
  • In vielen Disziplinen gibt es keinen nachhaltigen und systematischen Austausch darüber, welchen Stellenwert und welche Form Forschungsdatenpublikationen für wissenschaftliche Kommunikation haben sollten.
  • Prüfungsordnungen treffen in der Regel keine Aussagen zu Forschungsdatenpublikationen und bieten daher auch keine Orientierung.
  • Für den Titelerwerb sind Forschungsdatenpublikationen in den meisten Fällen nicht erforderlich.

Kompetenzen und Kompetenzvermittlung

  • Bereits für das generelle Forschungsdatenmanagement werden häufig Vermittlungsdefizite benannt: Das Thema findet in Lehre und Methodenausbildung kaum statt. Die Frage der Forschungsdatenpublikation wird in der Regel überhaupt nicht angesprochen.
  • Da in vielen Disziplinen Forschungsdatenpublikationen unüblich sind, kommen Promovierende auch bei der Literatursuche nicht mit dieser Gattung in Kontakt. Die Idee und Möglichkeit einer Forschungsdatenpublikationen ist ihnen daher häufig nicht bekannt.

Persönliche Einstellung / Datenkontrolle / Wissenschaftsethik

  • Forschungsdaten werden im Rahmen von Promotionsprojekten häufig mehr als Mittel zum Zweck als als eigene publikationswürdige Größe angesehen.
  • Promovierende sehen sich angesichts der geringen Etablierung von Forschungsdatenpublikationen in vielen Bereichen überfordert und nicht in der Lage, zusätzlich zu ihrer Promotion entsprechende Pionierarbeit für die Publikationskulturen ihrer Fächer zu leisten.

Rechtliche Aspekte

  • Promovierende können oft die u.a. urheber- bzw. erheber-rechtlichen Folgen einer Forschungsdatenpublikation nur unzureichend abschätzen. So scheint die Bedeutung der Creative-Commons-Lizenzen für konkrete Szenarien oft wenig eindeutig.
  • Das Datenschutzrecht steht einer Publikation von dissertationsbegleitenden Forschungsdaten mit Personenbezug aktuell in fast allen Fällen im Weg, u.a. da selten Forschungsdatenpublikationen von vornherein eingeplant und in den jeweiligen informierten Einwilligungen nicht vorkommen. Das nachträgliche Einholen eine Publikationserlaubnis ist oft nicht möglich oder wird als deutlich zu aufwändig eingeschätzt.

Wissenschaftssoziologie / Forschungsdatenkontrolle

  • Forschungsdatenpublikationen versprechen in den meisten Fällen keinen zusätzlichen Reputationsgewinn. Teilweise wird von den Gutachter*innen eine dissertationsbegleitende Forschungsdatenpublikation sogar als potentiell schädlich eingeschätzt.
  • Forschungsdaten gelten bei vielen Promovierenden als wissenschaftliches Kapital. Besteht die Bereitschaft zur Weitergabe, wird eine selektive Zugänglichmachung auf Anfrage deutlich gegenüber einer allgemeinen Zugänglichmachung als Publikation bevorzugt.

Beide Auflistungen sind sicher keinesfalls erschöpfend. Zu vielen Aspekten wären auch vertiefende Einzeluntersuchungen sinnvoll und notwendig. Deutlich wird jedoch bereits an dieser losen Reihung, dass individuelle Einstellungsmuster zwar einen wichtigen Aspekt darstellen und entsprechend Lobbyarbeit für Open Access und weitere Elemente der Offenen Wissenschaft sicherlich sinnvoll ist. Nachhaltig wirksam werden sie aber nur sein können, wenn auch entsprechende Rahmenbedingungen existieren und zwar sowohl infrastrukturell als auch fachkulturell.

Ein offensichtliches Haupthindernis liegt sicher im aktuell in vielen Fällen deutlichen Missverhältnis von Aufwand und Nutzen. Eine wissenschaftlichen Standards entsprechende Forschungsdatenpublikation erfordert gerade auch angesichts des Mangels an Best-Practice-Beispielen und auch im Einzelfall passenden Leitlinien eine vergleichsweise hohe zusätzliche Arbeitsbelastung, der jedoch kein erwartbarer Reputationsgewinn entgegen steht. Je niedrigschwelliger hier Infrastrukturen Beratung und andere Dienste anbieten können, desto besser. Die Universitätsbibliothek wurde von vielen der befragten Promovierenden im eDissPlus-Projekt als natürliche Ansprechpartnerin für alle Fragen zum Thema Forschungsdaten angesehen und zwar auch für Aspekte, die man gemeinhin eher den Instituten und der dortigen Ausbildung zugeschrieben hätte. Man wünscht sich von der Bibliothek idealerweise ein umfassendes Spektrum an Dienstleistungen von der Beratung über Cloud-Dienste bis zur Langzeitarchivierung für komplexe Datenstrukturen. Was davon wie tatsächlich angeboten werden kann, ist allerdings eine andere Diskussion. In der Erwartungshaltung der Promovierenden, die mit hoher Kompetenz an Forschungsdaten gehen, ist Github ein Benchmark. Bei den anderen eher Dropbox. Im Ergebnis weist der Wunsch in eine Richtung, die beide Dienste mit umfassenden Beratungsangeboten verbindet und überschätzt nebenbei deutlich die Entwicklungskapazitäten, die die öffentliche Hand an dieser Stelle bereitzustellen vermag.

Die zweite große Herausforderung liegt in einer unklaren Rechtslage in Bezug auf Forschungsdaten. Hierzu gab es im Januar 2018 einen Workshop an der Viadrina in Frankfurt/Oder, der erwartungsgemäß wenige Antworten dafür aber noch tiefere Einblicke in die Komplexität der Gemengelage bot.

Und schließlich fehlen für viele Disziplinen tatsächlich praktikable Infrastrukturangebote, auch übrigens von Verlagen oder anderen kommerzieller aufgestellten Anbietern, für eine zeitgemäße und dauerhafte Zugänglichmachung von Forschungsdatenpublikationen. Das Druckparadigma, dass sich im PDF-Format vergleichsweise angenehm spiegeln ließ, funktioniert für digitale Forschungsdaten endgültig nicht mehr. Will man sie zum festen Teil der wissenschaftlichen Kommunikation werden lassen, benötigt man oftmals überhaupt erst einmal adäquate mediale Präsentationsformen – eine Debatte übrigens, die in zahlreichen Bereichen bestenfalls nebenbei geführt wird. Implizit lässt sich hier auch aus den eDissPlus-Befragungen ein weiteres sehr großes Hindernis für Forschungsdatenpublikationen ermitteln: Die Daten sind u.U. mit den bestehenden Möglichkeiten gar nicht sinnvoll als Publikation darstellbar.

Zu all diesen Problemen existiert selbstverständlich engagierte Arbeit hinsichtlich möglicher Lösungen, auch wenn die Digitalisierung der Wissenschaft gerade im Infrastrukturbereich noch ganz anders auch von den Träger- und Förderinstitutionen adressiert werden könnte, als dies bislang geschieht. So ermöglicht beispielsweise der edoc-Server seit diesem Jahr Forschungsdatenpublikationen. Auch Zenodo kann als gelungenes Beispiel für einen zeitgemäßen Publikationsserver für alle möglichen Materialien gelten. Dass Forschungsdaten auf den Publikationsservern mit Metadaten erschlossen, mit DOIs versehen werden und wenigstens teilweise sogar in Bibliothekskatalogen bibliografiert erscheinen, mag ebenfalls ein früher Schritt in Richtung Anerkennung als ordentliche wissenschaftliche Publikation sein. Aber damit endet in den meisten Fällen die Reichweite dessen, was die Bibliotheken und Infrastrukturen zu leisten in der Lage sind.

Die Selbstorganisation der Wissenschaft macht es erforderlich, dass sich die Fachkulturen darüber verständigen, welchen Stellenwert in welcher Form die Publikation von Forschungsdaten und anderen Forschungsmaterialien für sie einnehmen kann und soll. Sie müssen selbst ausdiskutieren, prüfen und entscheiden, ob sie zum Beispiel ein Peer Review wollen, ob komplexe Forschungsdatenpublikationen auch berufungsrelevant sein können, welche Formate sie bevorzugen und welche Metadaten sie brauchen. Die Infrastrukturseite kann aufzeigen, was möglich ist, kann Erfahrungen, Erkenntnisse und Überblickswissen vermitteln. Dafür brauchen wir Veranstaltungen wie das Open-Science-Bar-Camp und Wissenschaftsforschung, wie sie im eDissPlus-Projekt stattfinden konnte. Die Absicherung eines Wissenstands auf der jeweiligen Höhe der Zeit zu den Praxen und Wünschen der Fachkulturen einerseits und den technischen Möglichkeiten andererseits ist bereits für sich eine enorme Herausforderung und zugleich Minimalbedingung jeder zielorientierten Infrastrukturentwicklung. Bereits dafür benötigt man, wenn man so will, Brückenakteure, die sowohl Fach- und Publikationskulturen als auch Ziele, Möglichkeiten, Grenzen von Wissenschaftsinfrastruktur und -organisation kennen. Man braucht solche Akteure aber noch mehr, wenn es darum geht, den eigentlichen Schritt einer digitalen Wissenschaft zu gehen, nämlich die Infrastruktur mit der wissenschaftlichen Kommunikation und an bestimmten Stellen direkt mit der Forschung zu verzahnen. Wir können auf Barcamps und in Workshops umfassend darüber diskutieren, warum Forschende ihre Daten nicht publizieren. Greifbare und praktikable Lösungen werden sich jedoch erst dann daraus ableiten lassen, wenn diese Diskussionen auch mit den Wissenschaftler*innen geführt werden. Dazu ist es notwendig beide Seiten nicht nur zu kennen, sondern in einem stetigen Dialog zu halten. Ich habe eingangs bemerkt, dass Forschende vor allem forschen und sich möglichst wenig mit Infrastrukturfragen befassen wollen. Dies ändert sich bei der digitalen Wissenschaft natürlich dann, wenn Infrastruktur und Forschung zusammenfallen. Ein gutes Beispiel unter anderem auch für die Schwierigkeiten dieser Entwicklung sind die Digital Humanities.

Wir, als Vertreter zum Beispiel der Universitätsbibliotheken bemühen uns unter anderem in Projekten wie eDissPlus intensiv darum, zu verstehen, was die Forschenden als Zielgruppen umtreibt. Konsequent gedacht könnte sich das Konzept der Zielgruppe allerdings an nicht wenigen Stellen zunehmend relativieren und das Gewicht deutlich in Richtung einer Partnerschaft verschieben. Ein unmittelbares Desiderat ist aktuell ein Forum oder eine Form, das bzw. die es uns ermöglicht, Erkenntnisse wie die oben zusammengetragenen in einen übergreifenden und gestaltungsorientierten Dialog mit allen Stakeholdern einzubringen. Ein zweites ist häufig eine stabile und ein idealerweise unkomplizierte Struktur, die es nach Ende von Projekten von eDissPlus erlaubt, über die, wenn man so will, Anamnese hinaus, zu konkretisieren, wie, mit welchen Mitteln und an welchen Stellen die in diesem Fall identifizierten Hürden abgebaut werden können. Diese Situation steht dabei exemplarisch für etwas sehr Generelles: Die Ansprüche einer Offenen Digitalen Wissenschaft werden sich nur als Projekt des Gesamtsystems Wissenschaft realisieren lassen.

(Berlin, 13.03.2018)

Reisestipendium des LIBREAS-Vereins für den Besuch der Open-Access-Tage 2018 (TU Graz)

Posted in Hinweise, LIBREAS.Verein by maxiki on 19. Februar 2018

Der LIBREAS-Verein zur Förderung der bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Kommunikation schreibt in diesem Jahr erstmals ein Reisestipendium aus. Wir fördern den Besuch der Open-Access-Tage 2018 an der TU Graz vom 24.-26.9.2018  mit einem Zuschuss von 400,- EUR.

Das Stipendium wird an eine Person vergeben, die in einer Informationsinfrastruktureinrichtung (Bibliothek, Museum, Archiv, Rechenzentrum, Datenzentrum etc.) tätig ist oder die mit einer bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Ausbildungseinrichtung assoziiert ist (Lehrende, Promovierende, Studierende, Auszubildende). Als Bewerbung wünschen wir uns ein Motivationsschreiben (max. 600 Wörter), in dem dargelegt wird, warum sie/er die Open-Access-Tage besuchen will beziehungsweise welche Verbindung sie/er zum Thema Open Access hat. Weiterhin ist insbesondere bei Angestellten kurz zu begründen, warum die- oder derjenige sich die Reise gegebenenfalls nicht selbstständig beziehungsweise über die eigene Einrichtung finanzieren lassen kann. Die Person wird auf Basis dieses Motivationsschreibens durch den LIBREAS-Vorstand ausgewählt.

Die Bedingung für den Erhalt des Stipendiums ist die Berichterstattung über die Open-Access-Tage, die dann in LIBREAS. Library Ideas veröffentlicht wird. Die Berichterstattung kann während und/oder im Anschluss an die Open-Access-Tage erfolgen. Hinsichtlich des Formats ist die LIBREAS-Redaktion offen – eine Vorab-Absprache zu organisatorischen Fragen ist jedoch erforderlich. Ein Vorschlag zum Publikationsformat kann gerne im Motivationsschreiben gemacht werden. Die Reisekosten und die Teilnahmegebühr sind dem Vorstand schriftlich nachzuweisen. Sie werden nach der Einreichung der Berichterstattung in maximaler Höhe von 400,- erstattet. Bei Einreichung eines Nachweises über den Ticketkauf können die Kosten für Fahrkarten oder Flucktickets auch im Voraus übernommen werden. Die Reise ist selbstständig zu organisieren.

Die Bewerbungsfrist endet am 30. April 2018. Der LIBREAS-Vorstand freut sich auf eure/Ihre Motivationsschreiben an die Mailadresse vorstand@libreas.eu.