LIBREAS.Library Ideas

Perspektiven für die Digital Humanities (z.B. als Post-Snowden-Scholarship).

Posted in LIBREAS.Debatte, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 30. Juni 2015

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

I

In der letztwöchigen Ausgabe der New York Review of Books (LXII, 11) bespricht der Literaturkritiker Christopher Benfey Mark Greifs Buch The Age of the Crisis of Man: Thought and Fiction in America, 1933-1973 (Princeton : Princeton University Press, 2015). Besonders überzeugend findet er die Ausführungen Mark Greifs zum Aufkommen der Theory, die mit den Arbeiten von Autoren wie Claude Leví-Strauss oder Roman Jakobson und Jacques Derrida erst dem Strukturalismus und dann Folgetheorien zu einer Popularität in den Geistes- und Sozialwissenschaften in den USA verhalfen. Greif, so Benfey, sieht beispielsweise in der Dekonstruktion eine Wiederbelebung von Ideen des New Criticism, also streng formalistischer Annäherungen an literarische Texte. Benfey zieht nun die Verbindungslinie von den New Critics zu den Digital Humanists. Ähnlich, so schreibt er, wie einst die Neue Kritik von den traditionell orientierten Wissenschaftlern als ein zu klinischer Ansatz und daher als Gefahr gesehen wurde, sehen sich neue Formen des Lesens („new ways of reading“) heute mit dem Vorwurf, sie seien „antihumanistic“ konfrontiert. Diese neuen Formen des Lesens entsprechend nun dem, was hier unter Digital Humanities verstanden wird: (more…)

Call for Papers #28: Die Bibliothek als Idee (LIBREAS. Library Ideas – 10 Jahre bibliothekswissenschaftliche Reflexionen)

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS Call for Papers by Karsten Schuldt on 18. Juni 2015

2015 wird die Open Access-Zeitschrift LIBREAS. Library Ideas zehn Jahre alt. Das wollen wir, wie bereits angekündigt, mit einer Jubiläumsveranstaltung feiern. Das Symposium am 12. Septemberr in Berlin ist inhaltlich an den Titel der Zeitschrift, Library Ideas, angeleht und thematisiert somit die ideelle Seite der Bibliothek. Innerhalb des interdisziplinären Rahmens werden vor allem kulturwissenschaftliche Forschungen die Bibliothek als Heterotopie in den Blick nehmen.

Die Bibliothek kann einerseits als Metapher für das kulturelle Gedächtnis sowie als Spiegelbild, eventuell sogar pars pro toto der zeitgenössischen Gesellschaft und ihrer Wissenskulturen betrachtet werden. Das Charakteristikum der Institution Bibliothek ist die Spannung zwischen ihrem Ideal als gemeinnützige Sammlerin und Bewahrerin von als relevant eingestuftem Wissen und den Möglichkeiten, dies in der konkreten Praxis einzulösen. Die damit verbundenen Idealbilder der Institution Bibliothek und die damit verbundenen Ziele werden genauso in gesellschaftlichen und politischen Diskursen ausgehandelt wie die Vorstellung von dem, was bewahrenswertes und legitimes Wissen ist.

Zeigte sich nun diese Spannung nur durch den Unterschied zwischen eigenem Anspruch und realisierbarer Praxis, würden Idee und Anwendung in einem engeren Verhältnis stehen und sich gegenseitig begrenzen.

 

bild_cfp

Mittelalte Ideen für eine nie umgebaute Bibliothek in Berlin.

 

Die Externalität der konkreten Vorgaben und (ökonomischer) Rahmenbedingungen bringt eine weitere Dimension ins Spiel, die diesen Abgleich häufig verunmöglicht. Nicht selten bergen diese externen Interessen und Vorstellungen ein hohes Gefährdungs- bzw. Konfliktpotential für die Institution.

Unter anderem dadurch ergibt sich in der Bibliothekspraxis eine häufig produktive, oft aber desillusionierende Situation des beständigen Scheiterns. Dieses Problem versucht die Institution durch die stetige Suche nach Ausgleich der Spannung zwischen dem Ideal, dem Geforderten, dem Wirklichem und dem Machbaren zu lösen, ohne sie jemals aufheben zu können. Entscheidend ist hier, dass die konkreten gesellschaftlichen und politischen Vorgaben selbst durch – oft widerstreitende – Ideen davon geprägt sind, was die Institution Bibliothek eigentlich ist und was sie leisten soll.

Wir wollen jedoch weniger den wiederkehrenden Konflikt des Abgleichs zwischen Vorgabe und Praxis thematisieren, sondern vielmehr im Symposium und in der Ausgabe die Ideen von der Bibliothek selbst hinterfragen: Woher kommen sie? Wodurch haben sie sich gebildet? Wie unterscheiden sie sich? Wer hat und wer nimmt mit welchen Interessen Einfluss auf ihre Entwicklung? Dabei gehen wir davon aus, dass sich die Ideen genauso ändern können wie die äußeren Umstände (Vorgaben, finanzielle Möglichkeiten, technische Bedingungen et cetera). Idee und Realität, Tradition und Innovation treffen im Raum der Bibliothek in verschärfter und konkreter Weise aufeinander. Insofern können ihre sich in viele Richtungen streuenden Entwicklungen auch als temporäres Bild der aktuellen Gesellschaft und der diese prägenden und lenkenden (Wissens-)Kulturen aufgefasst werden.

In der Jubiläumsausgabe werden idealerweise die Vorträge des Symposiums als Jubiläumsausgabe veröffentlicht. Diese sollen jedoch gern durch weitere Positionen auf die Idee(n) der Bibliothek ergänzt werden. Dies muss, wie immer, nicht in der Form eines klassischen Aufsatzes geschehen. LIBREAS befürwortet ausdrücklich Einreichungen, die die Möglichkeiten des vernetzten, multimedialen, digitalen Publizierens kreativ aufgreifen – und lädt in jedem Fall herzlich dazu ein, die Idee der Bibliothek aktiv und offen zu be- und hinterfragen. Ebenso sind, wie immer, Beiträge abseits des Schwerpunktthemas herzlich willkommen. Deadline der Ausgabe ist der 15. Oktober 2015.

Ihre und Eure LIBREAS-Redaktion
(Bielefeld, Berlin, Chur, München, Potsdam)

 

Update, 19.06.2015

Nach berechtigtem Hinweis “Reflektion” zum richtigen “Reflexion” verändert. (Beliebte Fehler)

Die Bibliothek in der Literatur. Heute: Der postsozialistische Tanz um die Kraft des Buches bei Mikhail Elizarov.

Posted in Die Bibliothek in der Literatur, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 16. Juni 2015

Eine Notiz zu

Mikhail Elizarov: The Librarian. London: Pushkin Press, 2015. (Informationen zum Titel beim Verlag)

von Ben Kaden (@bkaden)

Spuren der Institution Bibliothek in der Literatur sind bekanntlich ein beliebtes Nebenthema wenigstens von Teilen der LIBREAS-Redaktion. Dass wir dann auch mit Freuden die dieses Frühjahr publizierte Übersetzung (durch Andrew Bromfield) von Mikhail Elizarovs nicht unumstrittenen aber umso populäreren Romans The Librarian [Библиотекарь. Москва : Ad Marginem, 2007] einem Close Reading unterziehen, versteht sich von selbst. Allzu bibliothekarisch ist das von erheblicher und sonderbar archaischer Brutalität und nicht wenig Wahnwitz geprägte Geschehen um den „Bibliothekar“ Aleksei nicht. Umso konsequenter geht es jedoch in diesem so und so fantastischen Roman um Bücher und die in diesen wie auch immer codierte Macht. (more…)

Tagged with: ,

Offenes Treffen der LIBREAS-Redaktion in Nürnberg

Posted in Uncategorized by Karsten Schuldt on 22. Mai 2015

Werte Kolleginnen und Kollegen,

wie viele von Ihnen auch, wird die Redaktion der LIBREAS.Library Ideas (in Teilen) in der nächsten Woche zum Bibliothekstag in Nürnberg weilen. Neben all den inhaltlichen Veranstaltungen werden wir uns am Mittwoch Abend zu einem lockeren Treffen zusammenfinden – ohne inhaltliche Ausrichtung, einfach als soziale Gelegenheit. Gerne würden wir dort mit ihnen als (potentielle) Leserinnen und Leser, Autorinnen und Autoren zusammentreffen, die Zukunft der Bibliotheken diskutieren oder in Ruhe lassen, Kritik üben oder hören, oder aber uns einfach so austauschen. Wir treffen uns am Mittwoch, 27.05.2015, ab 19.00 Uhr im K4 Kulturgarten, Nürnberg (Königstrasse 93 – im alten KOMM –, http://www.k4-kulturgarten.de/) und würden uns freuen, sie dort zu begrüssen zu können.

für die Redaktion
Karsten Schuldt

Den Zugang zu Büchern einschränken, um die Community zu retten

Posted in LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 13. Mai 2015

Zu: Knox, Emily J. M. (2015) / Book Banning in 21st-Century America (Beta Phi Mu Schloars). – Lanham ; Boulder ; New York ; London : Rowman & Littlefield, 2015

Karsten Schuldt

In den USA – aber nicht nur da, sondern auch in anderen Staaten des globalen Nordens – werden Bücher in Bibliotheken und Schulen in unterschiedlicher Form zensuriert: Mal werden sie aus dem Bestand einer Schulbibliothek oder einer Öffentlichen Bibliothek genommen, mal von Leselisten von Schulen gestrichen oder von obligatorischer zu fakultativer Schullektüre erklärt, mal werden Systeme aufgebaut, um den Zugang zu einem Buch von der expliziten Zustimmung der Eltern von Schülerinnen und Schüler abhängig zu machen. Emily J.M. Knox untersucht in ihrem Buch Book Banning in 21st-Century America (Knox, 2015) – und zuvor schon in einem Artikel (Knox, 2014) – die Denkweisen und Argumente derjenigen Personen, die solche Verbote initiieren oder es zumindest versuchen, indem sie sich bei Library Boards oder School Boards beschweren. (more…)

Wie viel Metropole braucht die Bibliothek? Eine Anmerkung zum BBK-Vortrag von Boryano Rickum.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Debatte by Ben on 22. April 2015

 von Ben Kaden (@bkaden)

Vor einem recht gut besuchten Auditorium von etwa 25 Teilnehmern erhielt man im gestrigen Berliner Bibliothekswissenschaftlichen Kolloquium des Instituts für Bibliotheks- und Informationswissenschaft die willkommene und leider eher seltene Gelegenheit, sich mit dem konzeptionellen Hintergrund eines Bibliotheksleiters jüngerer Generation auseinanderzusetzen. Boryano Rickum betreut seit Oktober 2014 die Bibliotheken in Berlins vielleicht metropolitansten Stadtteil – Friedrichshain-Kreuzberg –, der alle Potentiale, Probleme und Herausforderungen des derzeitigen urbanen Diskurses in Berlin ganz wunderbar auf engstem Raum verdichtet enthält. Folgerichtig ging es Boryano Rickum in seinem Vortrag auch um Begriff, Funktionen und gesellschaftliche Bedeutung von Metropolbibliotheken, wobei sich recht früh, nämlich bereits bei der etwas ausführlichen Definition des Konzepts Metropole herausstellte, dass man es eher mit vorläufigen Einsichten zu tun hat.

Das wiederum passt zur jungen Metropole Berlin, wobei freilich zu berücksichtigen wäre, dass selbstverständlich nicht die gesamte Hauptstadt strukturell der Metropolendefinition gerecht wird, sondern eher einige Hotspots. Selbst in Mitte findet man erstaunlich stille und einförmige Nachbarschaften, in denen man wenig von Diversität und urbaner Fülle ahnt und die sich auch – Zentralmerkmal der Metropole bei Rickum – als überindividueller Erinnerungsraum kaum auszeichnen. Das wird dann problematisch, wenn Rickum die hohen Ansprüche an eine Metropolenbibliothek mit der Forderung einer stärkeren Zentralisierung des Berliner Bibliothekswesens verknüpft. Der Kiez um den Boxhagener Platz ist nun einmal deutlich näher am idealgroßstädtischen Bild der andauernden Dynamik als die stillen Wohnstraßen in Lichterfelde Ost. Und vielleicht braucht man in Köpenick gar keine Metropol- sondern einfach eine überschaubare Stadtbibliothek.

Das Spannende an Berlin liegt ja nicht zuletzt hinsichtlich der Metropolnarrative, also der Stadt als geteilter Erinnerungsraum, darin, dass sich hier aufgrund der Stadtgeschichte im 20. Jahrhundert massive Brüche in jede Art von Stadtbild einschrieben, die Berlin als Metropole selbst einerseits weit übersteigen, in der Zeit der Teilung zwei sehr unterschiedliche Ausprägungen derselben Stadt hervorbrachten. (Ost: Vision der sozialistische Metropole der DDR, West: etwas schläfriger Sonderbereich mit begrenzten Möglichkeiten, an die urbane Kraft des Vorkriegsberlins anzuknüpfen, zugleich aber Zuzugsraum für eine hohe Zahl von, wenn man so will, (Sub)Kulturmigranten) Gerade aus dieser historischen Warte ist Berlin keinesfalls mit anderen Metropolen, die wenigstens in der westlichen Hemisphäre eine weitaus höhere kulturelle Kontinuität und Kohärenz aufweisen, vergleichbar. Man muss also fragen, wie griffig abstrakte Metropolendefinitionen in diesem Fall überhaupt sein können.

Stadtbibliothek Friedrichshain

Spiegel der Stadt: Die Bezirkszentralbibliothek Frankfurter Allee. (Quelle: urbanistiques / Flickr / Lizenz: CC BY-NC 2.0)

Der zweite Differenzierungspunkt, den man auf Rickums Metropolenkonzept reflektieren könnte, betrifft beim Beispiel Berlin in jedem Fall und in anderen Metropolen sicher anteilig, den Aspekt, dass die wirklich prägende Kulturelite, welche die laut Rickum Metropolen kennzeichnende Wissensproduktion und Innovationskultur prägt, vor allem global mobil ist. Es gibt durchaus Gründe für den hohen Zweitwohnungsanteil in der Stadt und insofern könnte man Teile der Stadt möglicherweise als Third Place per se sehen, an dem man sich, je nach Branche, zu bestimmten Anlässen trifft, wohlfühlt und kommuniziert. Die eigentliche Innovationsarbeit und vor allem kommerzielle Einlösung des Versprechens der vermeintlichen Kreativhochburg findet aber in anderen Zusammenhängen und zunehmend auch natürlich im digitalen Weltraum statt. Die Kreativindustrie erziehlt ihre Hauptumsätze nicht im Sankt Oberholz oder in den Showrooms der Münzstraße, sondern auf globalen (online) Plattformen, wobei Berlin vor allem als Marke und Versprechen monetarisiert wird. Zugleich dürfte ein großer Teil der dominanten Berlin-Narrative (Stichwort: Berghain) nicht aus Berlin selbst stammen, sondern externen Projektionen entspringen.

Interessant ist es nun, die Rolle der lokalen Bibliothek vor allem in diesem Zusammenhang zu reflektieren. Rickum sieht sie in der Aufgabe, stadtrelevantes und analytisches Wissen zu Sammeln und für die Stadtbevölkerung versteh-, nutz- und operationalisierbar zu machen. Die Bibliothek soll ein Diskursraum der Stadt und insbesondere für stadtpolitische Diskussionen sein und zugleich vielschichtigen Zugang zu den unterschiedlichen Metropolnarrativen bieten. Die Bibliothek als Raum wird also als Ort der Gewährleistung von Grundrechten wie der Versammlungs- und Informationsfreiheit verstanden. Wie schwierig das in der praktischen Umsetzung wird, zeigte die Diskussion im BBK, die sich an der Frage entzündete, ob die Bibliothek allen Gruppierungen – also dann auch Bergida- und NPD-nahen Gruppen – einen solchen Entfaltungsraum bieten sollte.

Eine denkbare Lösung fände sich vielleicht in einer ergebnisoffenen und streng an Tatsachen orientierten Kuratierung aktueller Themen und dem diesbezüglich relevanten Wissen für die Stadtbevölkerung. Versteht man, wie Rickum es andeutet, Bibliotheken als Emanzipationsorte, ist das sicher sinnvoller, als die Einrichtung vor allem als frei und beliebig bespielbaren Salon zu begreifen. Zugleich läge es gerade nahe, die Narrative der eigenen Metropole vor allem in einem übergreifenden Zusammenhang zu verorten und abzubilden. Wer die lokale Presse aufmerksam verfolgt, ist erstaunt von der – sicher vielen Metropolen eigenen – extremen Selbstbezüglichkeit der Diskurse. Man sollte hier klären, welche Aufgabe einer Bibliothek besser stände: die des Verstärkers oder die der Dekonstruktion. Aus Sicht einer konsequent emanzipatorischen Orientierung dürfte die Antwort klar sein.

Auch für eventuelle Folgediskussionen zum Thema wäre eine intensive Differenzierung erstrebenswert, denn in der Diskussion rotierte man ein wenig zu sehr in allzu bekannten Positionen um die – an sich sehr wichtige – Frage, wie politisch die (öffentliche) Bibliothek sein solle und – mehr im Vortrag – wie sie die Dynamik der lokalen Kreativszene aufgreifen kann.

Diese, offenbar übergreifend und etwas verklärend „Maker Communities“ genannten Gruppen, gilt es, so Rickum, über die Bibliothek zu vernetzen. Vorbilder sind hier Co-Workingspaces und andere Interaktionsräume, die, realistisch betrachtet, nicht selten vor allem deshalb blühen, weil kreative Arbeit häufig abseits stabiler Anstellungsverhältnisse und sehr häufig unter prekären Bedingungen stattfindet. Es zählt zur narrativen Kreativität Berlins, diese Herausforderung eines Schöpfens ohne soziale Sicherung zu einer Stärke umzuinterpretieren und daraus einen ganz eigenen Stolz zu entwickeln.

Fraglos kann eine Bibliothek ein für diese Arbeit ausgezeichneter Ort sein. Zugleich wäre sie als Informationshub aber vor allem dann relevant, wenn sie den so Aktiven nicht die Früchte kreativer Arbeit in dichter Ballung dokumentierter Großstadterzählungen rückpräsentiert, sondern praktische Anleitungen vermittelt, wie man überlebt, wenn man zu dem übergroßen Anteil derer gehört, denen die (freischaffende) Arbeit 2.0 keine dauerhaft stabilisierte Existenz bietet.

„Bibliotheken sind wichtig für die Resilienz einer Stadt.“ betonte Rickum und wagte die These, dass Städte ohne Bibliotheken kollabieren dürften. Sein Stadtbezirk sieht es im Bezug auf den Bücherbus für die lokalen Schulen offenbar nicht so und auch sonst hat Berlin eine umfängliche Bibliotheksschließungsgeschichte. Sich hier strategisch an die Selbstkonstruktion, Erinnerungskulturen und vor allem das Gegenwartsnarrativ eines sprudelnden Kreativbrunnens anschließen zu wollen, mag strategisch klug sein. Für die Resilienz wäre aber eine (Rück)Besinnung auf das, was man einst „Soziale Bibliotheksarbeit“ nannte, vielleicht noch passender. Will man Bibliotheken politisch positionieren, dann ist es zweifellos naheliegend, sie vor allem dazu zu benutzen, denjenigen Ressourcen (Wissen, Begegnungsräume, Arbeitszonen) bereitzustellen, die ohne diese Ressourcen erhebliche gesellschaftliche Nachteile zu gegenwärtigen hätten. Das kann und wahrscheinlich sollte es auch in architektonischen Stadtmarken und in Kooperation mit der schillernden lokalen Kreativszene stattfinden. Aber gerade in Berlin und gerade in den gentrifizierungsbetroffenen Vierteln von Friedrichshain-Kreuzberg wäre die Teilhabesicherung auch aus stadtpolitischer Sicht etwas, auf dem man abseits jeder Metropolenstilisierung die praktische Bibliotheksarbeit aufbauen sollte.

(Berlin, 22.04.2015)

libreas.eu momentan nicht verfügbar

Posted in LIBREAS aktuell by libreas on 28. März 2015

Seit heute früh ist die Webausgabe der LIBREAS nicht erreichbar. Diese wird über GitHub Pages gehostet, welches laut https://status.github.com/ derzeit massiven DDoS-Angriffen ausgesetzt ist. Wir vermuten daher, dass die Nicht-Erreichbarkeit und die DDoS-Angriffe zusammenhängen.

Sämtliche Ausgaben sind ab der 12. Ausgabe über den EDOC-Server der HU Berlin zugreifbar. Zugleich ist die vollständige LIBREAS im Quelltext über GitHub verfügbar.

Tagged with:

Wie genau wird die Sammlung jetzt „divers“?

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 23. März 2015

Zu: Caldera, Mary A. ; Neal, Kathryn M. (edit.): Through the Archival Looking Glass : A Reader on Diversity and Inclusion. Chicago : Society of American Archivists, 2014.

 

“I offer […] the fact – painful though it may be – that unless and until archivists of the so-called majority culture immerse themselves in the challenging, sometimes harsh, frequently perplexing, and usually nuanced world of diversity issues, it is unlikely that our profession, our institutions, our programs, our collections, and our researchers will achieve truly fundamental and enduring success in achieving the goals – unclear as these may often be – of multiculturalism in archives.” [Greene, Mark A.: Chapter 2. Into the Deep End : One Archivist’s Struggle with Diversity, Community, Collaboration, and Their Implications for Our Profession. In: Caldera & Neal (2014), 23-59, hier: S. 25]

Through the Archival Looking Glass ist erstaunlicherweise vor allem ein Buch, dass den Eindruck vermittelt, dass es doch von Zeit zu Zeit weiter geht mit den Entwicklungen im Archivbereich (und dadurch auch im Bibliotheksbereich), dass die Kritiken und Diskussionen auch eine Wirkung haben und nicht immer nur Rückzugsgefechte darstellen, kurz: das es besser wird. Sicherlich: Es geht um gewichtige Themen, um weiterhin vorhandene Ungerechtigkeiten und um die strukturelle Unstetigkeit aller Sammlungen. Aber die Haupterkenntnis des Buches ist doch die, dass sowohl die Kritik an der mangelnden Diversität von Archiven als auch die postmoderne Kritik an monolythischen Konzepten von „Archiv“ in der Profession angekommen ist. Sicherlich: In der US-amerikanischen Profession des Archivwesens, aber immerhin. Das macht Hoffnungen.

Okay, Diversity. Was jetzt?

Thema der Aufsatzsammlung ist die Frage, wie Archive (wieder: vor allem solche in der USA, ein Text beschäftigt sich zum Teil auch mit Australien) Diversität umsetzen können, vor allem in drei Themenbereichen: (1) in der Darstellung und der Entwicklung von Archivmaterialien, (2) in der Profession, also dem Personal der Archive und Ausbildungseinrichtungen selber und (3) in grundsätzlichen Fragen der Archivtheorie und archivalischen Traditionen. Das bedeutsame dabei ist, dass es nicht darum geht, Diversität einzufordern und die Bedeutung von Diversität zu begründen. Das scheint alles nicht mehr notwendig zu sein, vielmehr geht es darum, wie sich die Forderungen, die sich aus dem Anspruch nach mehr Diversität ergeben, umsetzen lassen. Offenbar hat die Archivszene – zumindest die im Buch veröffentlichte, aber die scheint recht breit zu sein – akzeptiert, dass eine Sammlung immer eine Auswahl darstellt, die nur dann fair und ethisch sein kann, wenn sie eine gewisse Breite an Quellen, Inhalten und Zugängen schafft und dass ein Archiv dies nur erreichen kann mit einem für die Diversität der Gesellschaft offenem Blick sowie einer dies unterstützenden Infrastruktur. (more…)

Bibliothekspop aktuell. Heute: “In der Bibliothek” von Superpunk

Posted in LIBREAS.Feuilleton by libreas on 11. März 2015

von Juliane Waack (@Jules_McCloud)

„Neue Zähne für meinen Bruder und mich“ schallt es seit den frühen 2000ern regelmäßig sehr spät nachts durch norddeutsche Indiediscos und zieht dort den engsten Kern der verschwitzten Tänzer in die von Glasscherben geschmückte Tanzmitte. Ganz dem Stil der wohl auch noch als Hamburger Schule bezeichneten Genreheimat entsprechend, sind Superpunk schrammelig und irgendwie etwas verranzt im Sound und stimmen gleichzeitig eine gewisse Liebe zum Sinn hinter dem Gitarrenturm, dem Zwischenraum der Zeilen und dem klugen Köpfchen an.

So ist „In der Bibliothek“ (vom Album „A Young Person’s Guide to Superpunk“) ganz unironisch eine Hymne der „erhabene[n] Stille“ in der „niemand lacht über die neue Brille“.

Und nachdem die Klischees der Bibliothek und ihrer Besucher – verschroben, muffig und sicher nerdig, das Brillengestell wahrscheinlich auch so alt und unscheinbar unschön, dass sich kein Hipster damit auf die Straße traute – in den ersten paar Zeilen abgefertigt sind, kommt Sänger Tim Jürgens sehr schnell zur Sache: die Bibliothek ist sein liebster Ort, denn „gegen kleines Geld“ gibt es dort alles, was man sich als wissensdurstiger Mensch auch in der immerwährenden Hamburger Schule des Lebens wünscht, ob Belletristik, Biographien oder Sachbücher – die Welt liegt dort in mehr oder weniger staubigen Regalen verborgen, da darf man noch auf Schatzsuche gehen um Neues und Altes nebeneinander zu entdecken, so viel, dass man kaum glaubt, wie vielfältig diese Welt ist und dementsprechend auch die Möglichkeiten, die einem da zwischen dicken und dünnen Einbänden aus dem Versteck winken. Ob man „das System durchschauen oder einfach nur ein Flugzeug bauen“ will, es gibt diesen Ort, der ist zentral, der ist zuverlässig und bis obenhin voll mit bekannten Autoren, obskuren Genies und seltenen Funden.

Das, so Superpunk, sei sehr viel verlockender als der sonnige Strand (zur Bibliothek geht es in der U-Bahn und durch den Schnee, da locken keine Wellenreiter) oder Lover (was ist schon das Schmachten einer Nacht gegen die zu Weltliteratur geronnene Sehnsucht) oder coole Clubgänger (die tanzen gerade noch zu „Neue Zähne…“), stattdessen warme Räumlichkeiten, die sogar samstags offen sind und im Grunde alles bieten, was der Mensch braucht.

Und auch wenn man es immer öfter im Kommentar, Feuilleton oder auf Tech- und TED-Tagungen zu hören bekommt – obsolet kann die Bibliothek gar nicht werden. Wo die Bibliothek geschlossen bleibt, verschließt man sich noch mehr. Denn, so Superpunk: „Die Bibliothek öffnet jede Tür.“ Wer würde schon auf einen solchen Schlüssel verzichten wollen?

Die Dancer, die Lover, die Surfer am Meer

Ich beneide sie schon, aber nicht so sehr

Denn ich hab die Bibliothek

(Superpunk, 2012)

Juliane Waack bloggt Musik auf fichtenstein.wordpress.com.

Themen für die Gegenwartsforschung. Heute: (Digital) Impression Management in der Wissenschaft.

Posted in LIBREAS.Referate by Ben on 11. März 2015

Eine Notiz zu

Stefanie Haustein, Timothy D. Bowman, Rodrigo Costas (2015) Interpreting “altmetrics”: viewing acts on social media through the lens of citation and social theories. To be published in: Cassidy R. Sugimoto (Ed.). Theories of Informetrics: A Festschrift in Honor of Blaise Cronin. Preprint: http://arxiv.org/abs/1502.05701

von Ben Kaden (@bkaden)

I

„Are scholars altruistically sharing information for the benefit of the community in which they belong? Or, is information sharing a self-serving activity? Are scholars sharing information in order to assist the profession grow intellectually, or are they attempting to develop a ‘brand’ around themselves?”

fragte sich George Veletsianos 2012 in seiner Betrachtung zur wissenschaftlichen Twitternutzung. Eine Antwort, die nicht „vermutlich aus beiden Gründen“ lautet, erscheint wenig plausibel. In einem Beitrag für eine anstehende Festschrift für Blaise Cronin reflektieren nun Stefanie Haustein, Timothy D. Bowman und Rodrigo Costas das Phänomen der Altmetrics aus der Warte verschiedener sozialwissenschaftlicher Theorien und kreisen damit die Frage Veletsianos’ weiter ein. Twittern wir, weil wir wollen, dass andere ihr Bild von uns aufgrund dieser Tweets gestalten? Damit sie uns also für besonders geistreich, kompetent, engagiert oder auf der Höhe der Timeline halten sollen? (more…)

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 91 Followern an