LIBREAS.Library Ideas

Warum die Publikation von Forschungsdaten nach wie vor ein begrenztes Phänomen bleibt.

Posted in LIBREAS.Referate by Ben on 5. April 2017

Eine Notiz im Anschluss an

Jens Klump: Data as Social Capital and the Gift Culture in Research. In: Data Science Journal. 16, p.14. DOI: http://doi.org/10.5334/dsj-2017-014

von Ben Kaden (@bkaden)

Wer sich mit dem Thema der Forschungsdatenpublikation befasst, kann die Lücke zwischen allgemeinen in Forschungsdaten-Policies verkündeten Anspruch an einen offenen Zugang zu diesen Daten und der Wissenschaftspraxis nicht übersehen: Trotz aller wohlbegründeten Argumente ist die Zahl der publizierten Datensätze sehr überschaubar. Andererseits ist das Konzept der Forschungsdatenpublikation nur dann wirklich nachhaltig und sinnvoll, wenn solche Veröffentlichungen nicht insular und aus dem Enthusiasmus einzelner Forschender heraus geschehen, sondern dort, wo sie sinnvoll sind, ein Eckstein wissenschaftlichen Austauschs bilden. Wissenschaft lebt von Systematizität. Wenn Forschungsdatensätze eher zufällig auf einem Repositorium landen, ist es sicher besser als keine Verfügbarkeit. Aber es ist eben nicht wissenschaftlich und ähnelt im Fall einer Nachnutzung eher dem glücklichen Zufallsfund im Archiv, während der Normalfall bleibt, dass man keine Daten für seine Forschungsfrage findet. Auch wenn es eigentlich welche gäbe.

Gemeinhin werden drei Gründe für Forschungsdatenpublikationen benannt: Forschungstransparenz, Nachnutzung und der Erwerb wissenschaftlicher Reputation. Abgesehen von ethisch besonders motivierten Publizierenden dürfte vor allem der Aspekt einer die Anrechenbarkeit von Forschungsdatenpublikationen als wissenschaftliches Kapital der Schlüssel zu einer weiteren Verbreitung sein. Insofern ist es unter anderem wichtig, Datenpublikationen so zitier- und verfügbar zu halten, wie es auch Aufsatzpublikationen sind. Die übergeordnete Sachlage ist aber selbstverständlich komplexer.

In einem aktuellen Aufsatz für das Data Science Journal geht nun Jens Klump der Frage nach, weshalb Data-Sharing-Policies bisher nur begrenztes Echo in den Fachkulturen und ihren Kommunikationspraxen finden. Er nähert sich der Frage wissenschaftssoziologisch und argumentiert nachvollziehbar, dass es nicht ausreicht, Forschungsdateninfrastrukturen aufzubauen. Vielmehr, so lässt sich ergänzen, sind diese eine Basisanforderung, um Data-Sharing-Praxen zu stimulieren. Entscheidend ist jedoch eigentlich, die Verfassung des sozialen Systems der Wissenschaft als eine „Reputation Economy“ zu verstehen und aus diesem Verständnis heraus passende Ansatzpunkte für Anreize zu setzen. Der einschlägigen Infrastrukturforschung bescheinigt Jens Klump dahingehend Defizite. Wenn also in der Reputationsökonomie der Wissenschaft die eigenen wissenschaftlichen Handlungsmöglichkeiten (z.B. über Fördermittel und Anstellungen) mittels kommunikationsbasierten Erwerb von Reputation und wissenschaftlichem Status gesichert und ausgebaut werden, dann sollte das Phänomen der Forschungsdatenpublikation folgerichtig in dieses System grundlegend integriert werden.

Interessant ist nun die durch den Übergang von einer vorwiegenden Individualwissenschaft zu einer Kollaborationswissenschaft (oft, aber nicht nur, in Gestalt von Großforschung) auftretende Verschiebung der Anforderungen. Im zweiten Fall bedarf es für eine Karriere mehr als Reputation – es gilt die Balance zwischen Reputationsgewinnen und Kollaborationsgewinnen zu finden. Man muss also in der kollaborativen Forschung nicht nur als Individuum wissenschaftlich hochklassig arbeiten, sondern zugleich an den richtigen Punkten ein geschickter Teamspieler sein.

Zwangsläufig betonen und belohnen, wie auch Jens Klump herausstellt, kollaborativ orientierte Fachkulturen das Teilen von Forschungsressourcen und also auch Forschungsdaten stärker als Kulturen, in denen der Schwerpunkt hauptsächlich auf  dem Reputationsgewinn des einzelnen Forschers liegt. Zieht man dies heran, erklärt sich auch das Spannungsverhältnis zwischen den sehr auf Kollaboration gerichteten Digital Humanities und den traditioneller ausgerichteten Geisteswissenschaften, bei denen sich Forschende häufig selbst als primär Werkschöpfende mit allen Ansprüchen an eine so genannte „Werkherrschaft“ sehen. Die aktuellen deutschen Urheberrechtsdebatten (Stichwort Publikationsfreiheit.de) könnten also maßgeblich von der Sorge um Reputationseinbußen getrieben werden. Zugleich stehen sie deutlich erkennbar den Ansprüchen kollaborationsorientierter Wissenschaft entgegen. Während die traditionellen Individualwissenschaften Erkenntnis primär zentriert auf den individuellen Forscher als Erkennenden (und idealweiser Ersterkennenden) gelesen und interpretiert haben, fokussieren, so eine natürlich etwas verkürzte Deutung, Kollaborationskulturen viel stärker den Forschungsgegenstand und das Erkenntnisziel als Fixpunkte. Sie behandeln die Forschenden zwar nicht als beliebig austauschbar, aber doch als stärker hinter die Forschungsziele zurücktretend. Ist das eigentliche Ziel nun idealerweise der Erkenntnisfortschritt selbst, so scheint es auch deutlich plausibler und vermittelbarer, dass zum Beispiel die Bereitstellung von Forschungsdaten für die Community im Sinne dieses Fortschritts stärker zu gewichten ist, als der individuelle Anspruch als Erheber dieser Daten auch eine umfassende Datenherrschaft ausüben zu können.

Individualwissenschaftliche Praxen knüpfen dagegen stärker die Originalität einer Erkenntnis an die konkrete forschende und erkennende Person als Urheber. Zu viel Transparenz oder gar die Bereitstellung der eigenen Datengrundlage (zum Beispiel in Form von Annotationen) für ähnlich motivierte Forschende (=Konkurrenten) wird zwangsläufig als erhebliche Preisgabe wissenschaftlichen Kapitals gesehen, aus dem das soziale Kapital gewonnen wird, mit man seine Karriere macht.

Einen Sonderfall stellt die Auftragsforschung dar, wenn sie das Ziel des Intellectual Property mit Teamforschung verbindet und zum Beispiel Patentierbarkeit des Erkenntnisproduktes anstrebt. Dann greifen ähnliche Zurückhaltungsmechanismen und eine Preisgabe u.a. der Datengrundlage oder auch der Verfahrensbeschreibung ist vor Sicherung des Patents und damit des rechtlich stabilisierten Verwertungsanspruchs unbedingt zu vermeiden.

Mit der Zunahme von Public-Private-Partnership-Projekten verkompliziert sich die Frage nach den Anreizen zum Teilen von Forschungsdaten demnach zusätzlich. Wissenschaft ist somit keinesfalls als isoliertes soziales System zu betrachten, auch wenn diese Sicht zunächst einmal hilft, um über die Idee einer idealtypischen Reputationsökonomie nach den passenden Interventionspunkten zugunsten einer stärkeren Öffnung wissenschaftlicher Arbeit zu suchen. Die Kommodifizierung der Erkenntnisproduktion verlagert den als für das wissenschaftliche Verhalten bestimmend definierten Peer Pressure in stärker rechtlich regulierte Bedingungen. Für denkbare Anreize zum Teilen von Forschungsdaten und -verfahren muss dies nicht schlecht sein, weil man auf rechtlichem Wege stärker auch verbindliche Mandatierungen anstreben kann – so wie die Nicht-Veröffentlichung bereits jetzt bei der Auftragsforschung klar mandatiert wird.

Abgesehen davon ist es zweifellos nach wie vor sinnvoll, auch die impliziten Normen des sozialen Systems Wissenschaft zu adressieren. „[P]ublishing data must add to reputation“ (vgl. Klump, S. 5) ist eine Basisformel für das Schaffen von Anreizen für die Forschungsdatenpublikation, die jede/r in diesem Bereich Aktive berücksichtigen sollte. Denn ohne die Aussicht auf einen potentiellen Reputationsgewinn wird es schwer, den erheblichen Mehraufwand einer soliden Datenpublikation zu vermitteln. Wissenschaftsethische Argumente werden selbstverständlich gern gehört und Ideen einer Open Scholarship stoßen selten auf Widerspruch. Ebenso selten haben sie freilich eine Wirkung, die über ein „Ja, man müsste..“ hinausreicht. Der aktuell wirksamste Weg zur Anregung von Datenpublikationen scheint die zunehmende Einforderung von Begleitdaten durch (High-Impact-)Journals, die einen gewissen Zwang mit einem Reputationsversprechen verknüpft. (vgl. zu solchen Supplementary Materials auch diesen Artikel im eDissPlus-Blog)

Dass Datenzitation (und Zitationsindices) und damit einhergehend Reputationsgewinne jedoch vergleichbar mit dem Publizieren von formalen Wissenschaftspublikationen wie Aufsätzen und auch Monografien größeren Einfluss haben werden, scheint trotz allem aktuell wenig wahrscheinlich. Während eine wissenschaftliche Erkenntnis selbst publiziert werden muss, um gelten zu können, ist dies für die ihr zugrundeliegenden Forschungsschritte nicht erforderlich. Für den Weg zur Erkenntnis reicht meist eine kurze Schilderung als Beleg des wissenschaftlichen Vorgehens. Eine weitere Anreicherung um zusätzliche Materialien wie umfassende Forschungsdaten scheint dagegen nicht zuletzt angesichts der schon lange beklagten Publikationsflut (und damit Rezeptionskrise) kaum als Default-Modus gewünscht. Zudem ist auch so nicht jeder Datensatz zur Nachnutzung geeignet oder zur Feststellung des Werts der daraus gewonnen Erkenntnis notwendig. Schließlich stehen sehr häufig auch einfach persönlichkeits- und datenschutzrechtliche Aspekte als unverrückbare Hürden vor einer möglichen Datenpublikation.

(Offenes) Data-Sharing dürfte daher auch langfristig nur in bestimmten Forschungsbereichen relevant werden. In diesen jedoch ist eine umfassende Abdeckung fraglos erstrebenswert. Und auch bereits für diese keineswegs eindeutig bestimmten und überschaubaren Felder haben Infrastrukturforschung und Policy-Entwicklung noch viel Arbeit vor sich. Daher könnte es sogar förderlich sein, das Ideal einer vollumfänglichen Open-Data-Kultur zugunsten einer differenzierteren Sichtweise zu relativieren um anhand schärfer bestimmter Zielgruppen und -szenarien die passenden Anreize definieren zu können.

(Berlin, 05. April 2017)

LIBREAS.Dokumentation. Heute: Die Analyse Eric Steinhauers zum Aufruf Publikationsfreiheit.de

Posted in LIBREAS.Debatte, LIBREAS.Dokumente by Ben on 12. März 2017

von Ben Kaden (@bkaden)

1.

LIBREAS versteht sich seit je nicht nur als elektronische Zeitschrift für Bibliothekswissenschaft bzw. Bibliotheks- und Informationswissenschaft, die im Sinne einer Fachzeitschrift mehr oder minder wissenschaftlich ermittelte Erkenntnisse formalisiert von Autor*innen zu Leser*innen transportiert. Sondern auch als Debattenmedium (siehe auch die entsprechende Kategorie dieses Weblogs). Das bietet sich einerseits bereits wissenschaftsstrukturell an, da die harte einschlägige Forschung oft nach wie vor in internationalen High-Impact-Journals bzw, zumindest in Web-of-Science registrierten Titeln wie dem De-Gruyter-Journal Bibliothek Forschung und Praxis publiziert werden. Das reicht für das Forschungsaufkommen wenigstens in der deutschsprachigen Bibliotheks- und Informationswissenschaft eigentlich vollkommen.

Nichtkommerzielle bzw. Grassroots-basierte Open-Access-Titel wie Informationspraxis, Perspektive Bibliothek oder 027.7 und schließlich auch LIBREAS funktionieren, wenn es ihnen gelingt, konzeptionell, inhaltlich oder in Hinblick Zielgruppe und Netzwerk Nischen zu besetzen. Angesichts des vergleichsweise Austrocknen inhaltlicher Diskussionen auf der Liste inetbib, kann man auch vermuten, dass der dort lange spürbare Bedarf nach informellerem Austausch über diese Medien und sicher auch durch die mittlerweile u.a. dank hypotheses.org strukturierteren deutschen wissenschaftlichen Blogkultur – als besonders relevant ist Klaus Grafs Archivalia zu erwähnen – von diesen digitalen Kommunikationsformen abgeschöpft wird. Zugleich haben sich Diskussionen zunehmend Richtung Twitter verlagert, da das Medium schneller und sichtbarer (und auch noch weniger reguliert) Meinungen und Hinweise kommunizierbar macht. Dass es zugleich auf Mittel der systematischen Wiederauffindbarkeit und damit die Idee des nutzbaren Archivs verzichtet, war lange für viele Vertreter*innen aus Bibliothekswesen und der Bibliothekswissenschaft eine Hürde. Mittlerweile scheint dieser Aspekt nicht mehr so sehr zu stören. Wir wollen dies zukünftig trotzdem stärker adressieren und werden ausgewählte Beiträge in einer gesonderten Kategorie u.a. anderem in diesem Blog dokumentieren. Den Auftakt macht heute die Debatte um die Petition zur Publikationsfreiheit (publikationsfreiheit.de). (more…)

Die Bibliothek in der Literatur. Heute: In den Kindheitserinnerungen von Ljudmila Petruschewskaja.

Posted in Die Bibliothek in der Literatur, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 5. März 2017

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

Dass erfolgreiche Schriftstellerinnen und Schriftsteller in Kindheitsbegegungen mit Buch und Bibliothek die Keimzelle ihrer späteren Berufung sehen, ist erfahrungsgemäß eher Regel als Ausnahme. Auch die 1938 geborene russische Autorin Ljudmila Petruschewskaja weicht davon in keiner Weise ab, wie ihre unlängst unter dem Titel The Girl from the Metropol Hotel übersetzten und publizierten Erinnerungen (New York: Penguin, 2017) unterstreichen. Erstaunlich und bestürzend sind jedoch die Umstände. Als Kind so genannter Volksfeinde – ein Ausdruck, der als „Enemies of the People“ derzeit durch Donald Trump wieder gruseligerweise popularisiert wird  – war ihre Kindheit ein Leben, oft mehr Überlebensversuch, am absoluten Nullpunkt der sowjetischen Gesellschaft. Das in den Schilderungen spürbare Ausmaß an Armut und Ausgeschlossensein kann man eigentlich nur erschüttert zur Kenntnis nehmen. Ein Nachvollzug scheitert aus der heutigen Sicht, denn so vieles scheint nach den Maßstäben des Jetzt und Hier schlicht (und glücklicherweise) unvorstellbar. Die Familie, also ihre Mutter, ihre Tante, ihre Großmutter, sie selbst, galten jedem als Feind

„to our neighbors, to the police, to the janitors, to the passers-by, to every resident of our courtyard of any age. We were not allowed to use the shared bathroom, to wash our clothes, and we didn’t have soap anyway. At the age of 9 I was unfamiliar with shoes, with handkerchiefs, with combs; I did not know what school or discipline was.“ (S.67f.)

Zahlreiche Familienmitglieder verschwanden im Mahlwerk der stalinistischen Verfolgung oder in Massengräbern des deutschen Vormarsches: „Her end was terrible: she, her mother, and her little son were buried alive, along with other Ukrainian Jews, by the advancing Nazis.“ (S.7)

Mit dem Bombenkrieg 1941 wurde die nun kleine Familie von Moskau nach Kuibyschew (seit 1991 wieder Samara) evakuiert und blieb dort vorerst hängen. Ljudmila Petruschewskajas Mutter hatte das Moskauer Literaturinstitut jung und schwanger verlassen, also ihr Studium unterbrochen. Durch eine Verkettung glücklicher Umstände erhielt sie sechs Jahre später eine Zulassung, steckte aber in Kuibyschew fest. Reisen waren nicht ohne Weiteres möglich. Rein zufällig bot sich jedoch, so Ljudmila Petruschewskaja, auf dem Heimweg vom Markt die Möglichkeit in der Lokomotive eines Zuges nach Moskau mitzureisen. Zum Zimmer und zu ihrer Familie konnte sie vor der Abfahrt nicht mehr und verschwand so im Sommerkleid und mit einer Flasche Speiseöl für vier Jahre aus dem Leben ihrer Tochter und aus dem Kosmos des Elends von Kuibyschew in ein Moskauer Studium, in dem Armut und Hunger treue Alltagsbegleiter blieben.

In Kuibyschew gab es weder Schuhe noch ausreichend Lebensmittel insbesondere für die Volksfeinde. Mangels Schuhwerk schwand insbesondere im Winter die Möglichkeit zum Schulbesuch und Ljudmila erinnert sich, wie sie sehnsüchtig durchs Fenster einem Mädchen nachblickte, das durch den Schnee zur Schule stapfte. Spielzeug war ein unerreichbarer Traum und oft war es bereits ein Wunder, wenn das Mädchen nicht Opfer der Alltagsgewalt ihrer Zeit wurde. Wenige Stunde mit einer streunenden Katze, die das Mädchen zu Silvester in der Kammer erlebte, prägten sich als kaum fassbares Glück ein. Manches in den Geschichten haben tatsächlich einen Hauch des Märchenhaften. Eine plötzliche Wendung zur Rettung tritt freilich nirgends in Prinzengestalt durch die Tür. Ljudmila Petruschewskaja rettete sich selbst durch einen zähen Kampf unter den Bedingungen der jeweiligen Gegenwart und die sollten noch lange Zeit hart bleiben.

Ansichtskarte: Kinderbibliothek und Internat in Zhigulyovsk

Eine Ansichtskarte aus Schiguljowsk. / Es ist gar nicht mal so weit – schon gar nicht für russische Verhältnisse, von Samara / ehemals Kuibyschew nach Schiguljowsk. Allerdings existierte Schiguljowsk in den 1940er Jahren noch gar nicht in der Stadtform, die es heute hat, sondern wurde erst nach dem Ausbau der Ölindustrie entwickelt. Das verringert die Zahl der Gründe, in den 1940er Jahren an diesen Ort zu fahren zusätzlich und auch so lässt sich keine direkte Verbindung der Stadt mit Ljudmila Petruschewskaja ermitteln. Selbst in der auf der Ansichtskarte aus dem Jahr 1979 gezeigten Kinderbibliothek war sie bestenfalls in einer Zeitschrift präsent, wozu man freilich die Bestandsinformationen aus dieser Zeit benötigte und das wäre jetzt etwas zu viel der Recherche. Ljudmila Petruschewskaja hatte zu diesem Zeitpunkt gerade den Juri-Norstein-Trickfilm Die Geschichte der Geschichten (Сказка сказок) geschrieben, den man sich nach der Lektüre ihres Erinnerungsbuches durchaus noch einmal anschauen könnte. Ihr Durchbruch als Autorin stand noch bevor. Neben dem nicht ganz von der vor ihm liegenden Kinderzeitschrift (oder dem Fotografen) begeisterten Mädchen in der Bibliothek zeigt die Ansichtskarte die Kinderpoliklinik in der Friedensstraße (улица Мира) von Shiguljowsk, die sich, wie Google Streetview vermittelt, seit dem Zeitpunkt der Aufnahme kaum verändert hat.

Eine Besonderheit der Konstellation in der Biografie der Autorin, die sich möglicherweise als Rettungsmittel erwies, lag in der Tatsache, dass Ljudmila Petruschewskaja aus einer Ahnenreihe der damals so genannten Intelligenz stammte. Ihre Großväter waren Akademiker, ihre Großmutter wurde von Wladimir Majakowski umschwärmt. Das Mädchen Ljudmila kannte zwar kaum Klassenzimmer von innen, konnte aber früh gut und schnell lesen. Die immerhin 5000 Bände umfassende Bibliothek ihres Großvaters mütterlicherseits, dem aus Gnade und Akademie gefallenen Sprachwissenschaftler Nikolai Yakovlev, blieb ihr allerdings verschlossen:

„In the entire library I could read only one book: The Description of the of the Land of Kamchatka by Stephan Krasheninnikov. It had the sour smell of old paper. The other 4,997 volumes were in foreign languages: for example, the complete works of Goethe illustrated with Gustave Doré’s nightmarish figures with horns.“ (S.78)

Eines der Bücher, eine besondere Ausgabe des Eugen Onegin, verschwand eines Tages heimlich zu einem Buchhändler, u.a. um Ljudmila von einer Nasennebenhöhlenentzündung zu befreien. Zwar war ihre Mutter fast naturgemäß und in jedem Fall als Studentin eine begeisterte Leserin:

„she consumed mountains of books (she was majoring in literary studies) and took literature so seriously that simple reading for pleasure she considered a sacrilege.“ (S.5 f)

Wer allerdings so viel aufgeben musste, um überhaupt zu überleben, hängt am Ende vielleicht auch nicht so sehr an einer einzelnen Ausgabe, auch wenn diese einst General Alexei Petrowitsch Jermolow gehörte. Oder doch? Später, in den 1950ern, als sich die Situation halbwegs stabilisiert hatte und das Mädchen Ljudmila in der Oberschule eine weitere Prägung in Richtung Literatur durch den von ihm vergötterten und von Ljudmila Petruschewskaja in einem Kapitel des Buches zutiefst gewürdigten Lehrer Aleksandr A. Plastinin („Sanych“) erhielt, setzte bei ihrer Mutter ein deutliches Kompensationshandeln ein:

„Mama kept buying books maniacally – her entire family library had perished during the arrests – and I kept reading it.“ (S.128f.)

Und gleich darauf folgt die Würdigung der öffentlichen Bibliothek nicht nur als Lese- sondern auch als Zufluchtsort. Und als einer der Bildung obendrein:

„After school I always went to the library instead of home, where nothing good awaited me. The librarians took advantage of my addiction, and for every two books I requested, they forced me to read at least one on the school curriculum.“ (S.129)

Auf diese Weise hatte die Schülerin auch Maxim Gorkis Die Mutter gelesen, auf unorthodoxe Weise interpretiert und das Eis zu dem für sie sehr wichtigen Lehrer gebrochen. Auch hier: Die Verkettung von Umständen, ein prinzipielles Lebensthema der Schriftstellerin und natürlich waren es auch Zufälle, die sie zum Journalismus und damit weiter in Richtung dessen transportierten, was sie heute ist. Aber da sich die Bibliothek mit einer einzigen weiteren Erwähnung aus der Universitätszeit bereits wieder aus dem Erinnerungsbuch verabschiedet hat, soll dazu hier nichts weiter verraten werden. Denn zweifellos ist The Girl form the Metropol Hotel eine eindeutige Lektüreempfehlung wert. Die Kindheit der Ljudmila Petruschewskaja ist – in der Schilderung – schrecklich und märchenhaft zugleich (inklusive böser Stiefmutter), wobei das Schreckliche sich auf die unausweichlich furchtbaren und unmenschlichen Folgen aller Versuche einer totalitären Ordnung der Gesellschaft bezieht und das Märchenhafte auf diese sonderbare Kraft der Kindheit, die es offenbar schaffen kann, noch dem größten Elend Momente des Zaubers abzugewinnen.

(Berlin, 04.03.2017)

Ergänzung zu: Der Fall Julien Reitzenstein vs. H-Soz-Kult und die Frage nach der Kritikfähigkeit in der Wissenschaft

Posted in LIBREAS.Debatte by Ben on 27. Februar 2017

von Ben Kaden (@bkaden)

Im Anschluss an den am Freitag veröffentlichten Beitrag Der Fall Julien Reitzenstein vs. H-Soz-Kult und die Frage nach der Kritikfähigkeit in der Wissenschaft korrespondierte ich ausführlich mit Julien Reitzenstein und erfuhr mehr zu den Hintergründen der Angelegenheit. Grundlegend lässt sich festhalten, dass die Sachlage differenzierter zu betrachten ist, als es zum Beispiel das Echo auf Twitter vermuten lässt. Ich halte es daher aus zwei Gründen, also einerseits der Fairness halber, die allen Positionen Raum zugestehen soll und andererseits, um die Debatte mit aus meiner Sicht notwendigen Zusatzinformationen zu bereichern,  für geboten, meinen Ursprungskommentar mit dem nachstehenden Text zu ergänzen.

I

Ein aktuelles Geschehen, zumal eines sich noch entwickelndes, zeitnah zu kommentieren, birgt immer seine Gefahren. Anders als in der Rückschau sieht man immer nur einen Ausschnitt. Verrückt man diesen nur ein wenig, ändert sich eventuell die Grundlage dessen, was es zu beurteilen gab und relativiert oder revidiert damit die Beurteilung selbst.  Andererseits möchte man gern zeitnah reagieren, gerade auch wenn man sein Medium als eines versteht, das Teil fortlaufender Diskurse ist. Im Fall des Falles Julien Reitzenstein vs. H-Soz-Kult gab es durchaus eine Hemmung, die offengestanden dadurch motiviert war, dass das Vorgehen in der verfügbaren Schilderung bei H-Soz-Kult und FAZ so eindeutig und eindeutig gefährlich schien, um von Anwaltspost ausgehen zu müssen, wenn ein Halbsatz verrutscht. Am Ende war diese Sorge zugleich Motivation, denn das Grundverständnis von LIBREAS ist seit je, dass es zum Diskurs gehört, furchtlos Position zu beziehen und in Kommentaren die persönliche Sicht auf einen Sachverhalt direkt zu formulieren. Dass das Vorgehen gegen einzelne Formulierungen in einer wissenschaftlichen Rezension per Unterlassungserklärung der Gegenstand der Anmerkung war, gibt der Sache einen Spin Richtung Metaebene. (more…)

Der Fall Julien Reitzenstein vs. H-Soz-Kult und die Frage nach der Kritikfähigkeit in der Wissenschaft

Posted in LIBREAS.Debatte by Ben on 24. Februar 2017

Eine Anmerkung von Ben Kaden (@bkaden)

Update 27.02.2017: Im Anschluss an die Veröffentlichung des nachstehenden Beitrags korrespondierte ich ausführlich mit Julien Reitzenstein und erfuhr mehr zu den Hintergründen der Angelegenheit. Grundlegend lässt sich festhalten, dass die Sachlage differenzierter zu betrachten ist, als es zum Beispiel das Echo auf Twitter vermuten lässt. Ich halte es daher aus zwei Gründen, also einerseits der Fairness halber, die allen Positionen Raum zugestehen soll und andererseits, um die Debatte mit aus meiner Sicht notwendigen Zusatzinformationen zu bereichern,  für geboten, meinen Ursprungskommentar mit weiteren Ausführungen zu ergänzen.

In dieser Woche kam eine, glücklicherweise, erstaunliche und aus Sicht der Herausgeberschaft einer Zeitschrift, die auch Rezensionen veröffentlicht äußerst unersprießliche Angelegenheit ans Licht. Auf der zentralen deutschsprachigen Webplattform für die Geschichtswissenschaften, H-Soz-Kult, war 2016 eine Besprechung des Historikers Sören Flachowsky erschienen, der sich mit der Arbeit mit dem Titel Himmlers Forscher : Wehrwissenschaft und Medizinverbrechen im „Ahnenerbe“ der SS (Paderborn: Schönigh, 2014) des Historikers Julien Reitzenstein auseinandersetzte. Julien Reitzenstein fand am Besprechungstext offenbar einiges unzulänglich. Diese Mängel schienen ihm gravierend genug, um die Ebene des fachlichen Disputs sofort zu verlassen und sowohl den Rezensenten wie auch die Herausgeber von H-Soz-Kult mit einer vom Landgericht Hamburg angesegneten Unterlassungserklärung zu konfrontieren.

Michael Wildt und Rüdiger Hohls haben den Vorgang mit sichtbaren Bemühen um Transparenz auf der Seite beschrieben und betonen, was eigentlich jedem Leser und jeder Leserin der problemlos über die amerikanische Mutterseite noch verfügbare Orginalrezension klar sein dürfte: (more…)

Nochmal zur Evidence Based Library and Information Practice. Ein neuer Startpunkt, um Forschung im bibliothekarischen Alltag zu verankern?

Posted in LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 23. Februar 2017

Zu: Koufogiannakis, Denise ; Brettle, Alison (edit.) (2016). Being evidence based in library and information practice. London: Facet Publishing, 2016

von Karsten Schuldt

Die Evidence Based Library and Information Practice ist ein Fakt. Nur nicht hier.

Das wird vielleicht einige Personen in den deutschsprachigen Bibliothekswesen überraschen, aber: Evidence Based Library and Information Practice (EBLIP) ist ein dynamisches, einflussreiches Feld, dass beständig wächst und das seit 1997 – also seit jetzt 20 Jahren. Um die einst im kleinen Rahmen propagierte Praxis ist nicht nur eine Zeitschrift (https://ejournals.library.ualberta.ca/index.php/EBLIP), sondern auch ein Community gewachsen. Und damit ist auch das Bibliothekswesen besser geworden. Das hier zu besprechende Buch, Being evidence based in library and information practice, ist nur der nächste Schritt zu diesem Wachstum.

Was an diesen Aussagen vielleicht irritierend ist, ist, dass das im deutschsprachigen Bibliothekswesen nie auch nur ansatzweise angekommen ist. Von Zeit zu Zeit hört man den Begriff: Evidence Based Librarianship. Bei uns in der LIBREAS-Redaktion tauchte er in den letzten Jahren immer wieder einmal als mögliches Thema für einen Schwerpunkt auf. Auch bei Gesprächen auf Konferenzen fällt er manchmal, besonders bei Kolleginnen und Kollegen aus Medizinbibliotheken. Mein Kollege Mumenthaler hat den Begriff mehrfach ausgesprochen, als er einmal ein Forschungsvorhaben vorschlug (auch wenn es dann in seinem Text zum Vorhaben nicht auftaucht,1 https://ruedimumenthaler.ch/2016/02/15/bibliotheken-und-digitaler-wandel-einige-fakten/). Aber mit Inhalt gefüllt wird der Begriff eigentlich nie. Das sich in der englischsprachigen Bibliothekswelt, und hier vor allem nicht vorrangig der USA oder Grossbritanniens, sondern Kanadas, der Begriff tatsächlich mit einer kleinen Bewegung verbindet, scheint nicht bekannt.2

Die Gründe dafür sind nicht ganz klar. An sich möchte die EBLIP ein Problem lösen, dass sich selbstverständlich auch in den deutschsprachigen Bibliothekswesen findet, nämlich, dass eine ganze Zahl von Entscheidungen in Bibliotheken und Diskussionen über Entwicklungen im Bibliothekswesen nicht auf überprüfbaren Fakten (Evidenzen) basiert und auch nicht objektivierbar sind (d.h. so dargestellt, dass die Argumentationen, die zu einer Entscheidung oder Aussage führen, für andere nachvollziehbar wären), sondern halt oft immer neu auf Basis lokaler Wahrnehmungen getroffen zu werden scheinen – oder aber gar aus gar nicht richtig nachvollziehbaren Gründen. Vielleicht gibt es tatsächlich eine Abneigung gegen „Theorie“ in Bibliotheken; vielleicht wird EBLIP nicht wahrgenommen, weil die deutschsprachigen Bibliotheken gerne in die USA, nach Grossbritannien und Skandinavien schauen und Dinge erst wahrzunehmen scheinen, wenn sie sich dort etabliert haben – und nicht nach Kanada (oder Australien oder Neuseeland oder Frankreich etc.3). Aber egal wieso, EBLIP entwickelte sich anderswo; jetzt scheint es sogar, folgt man dem besprochenen Buch, soweit zu sein, diese Praxis wieder einmal zu überdenken. Es wäre also auch ein guter Zeitpunkt, in diese Entwicklung einzusteigen.

Modelle der EBLIP

Denise Koufogiannakis und Alison Brettle (Koufogiannakis & Brettle 2016), die das zu besprechende Buch herausgeben und in ihm auch die programmatischen Texte geschrieben haben, schreiben ein Modell fort, dass grundsätzlich ersten Handbuch zu EBLIP von Andrew Booth und Anne Brice (Booth & Brice 2004) formuliert wurde.

Booth und Brice führten 2004 die EBLIP noch aus zwei Quellen her: einerseits aus der evidence basd medicine, die als Praxis einfordert, dass bei medizinischen Entscheidungen jeweils die besten verfügbaren wissenschaftlichen Ergebnisse genutzt würden; anderseits aus einer Kultur des Accountability und ständiger Begründung mit Evidenzen – also mehr oder minder fakten-basierten Argumenten –, wie sie unter den Blair-Regierungen („New Labour“) in Grossbritannien – wo Booth und Brice damals tätig waren – zum Geschäft aller öffentlichen Einrichtungen gehörte. Dieses Modell basierte sehr dezidiert auf wissenschaftlichen Wissen und setzte sich aus den folgenden Schritten zusammen:

  1. „Define the problem

  2. Find evidence

  3. Appraise evidence

  4. Apply results of appraisal

  5. Evaluate change

  6. Redefine problem“ (Booth & Brice 2014:61)

Es ging ihnen darum, dass gerade wissenschaftliche Quelle genutzt werden, um Fragen zu klären, die im bibliothekarischen Alltag aufkommen.

Das Modell wurde aufgegriffen, wie gesagt vor allem in Kanada, wo 2006 – gehostet an der University of Alberta – die namensgebende Zeitschrift gegründet wurde. Insbesondere in dieser wurde nicht nur Quellen beurteilt und Projekte beschrieben, die mit diesem Modell durchgeführt wurden, sondern auch Projekte, welche das Modell grundsätzlich erweiterten. Offenbar gibt es genügend Kolleginnen und Kollegen in Bibliotheken, die dem Prinzip des EBLIP folgend arbeiten und publizieren wollen. Denise Koufogiannakis und Alson Brettle sind beide seit der Gründung Teil des Editorial Teams der Zeitschrift und sitzen damit – abgesehen von eigenen Publikationen zum Thema, die beide vorgelegt haben – quasi an der Quelle der Entwicklungen im Bereich.

Die Überarbeitung des Modells basiert auf diesen Erfahrungen (wobei sie aus dem Buch von Booth und Brice ein noch früheres Modell zitieren, dass diese schon erweiterten). Das neue, erweiterte Modell verstehen sie als Kreis mit den folgenden fünf jeweils aufeinander bezogenen Schritten:

  1. Articulate (Come to an understanding of the problem and articulate it.)

  2. Assemble (Assemble evidence from multiple sources that are the most appropriate to the question/problem at hand.)

  3. Assess (Place the evidence against all components of the wider overarching problem. Assess the evidence for its quantity and quality.)

  4. Agree (Determine the best way forward and, if working with a group, try to achieve consensus based on the evidence and organizational goals.)

  5. Adapt (Revisit goals and needs. Reflect on the success of the implementation.)” (Koufogiannakis & Brettle 2016:15)

Die beiden Modelle unterscheiden sich unter anderem in folgenden Punkten:

  1. IM erste Modell ist zwar auch die Arbeit in Gruppen möglich, aber, so die Kritik bei Koufogiannakis & Brettle (2016), letztlich darauf angelegt, dass eine Person ein Projekt durchführt und auch die jeweiligen Entscheidungen trifft. Das neue Modell soll sich eher für die Arbeit in kleinen Gruppen eignen (z.B. durch den Schritt „Agree“, der in einer Gruppe sinnvoller ist, weil hier ein informierter Konsens gebildet wird, als bei Projekten von Einzelpersonen).

  2. Das erste Modell legte grossen Wert auf wissenschaftliche Quellen. Eigentlich wurde nur diese als Evidenz akzeptiert; andere Quellen waren höchstens als Anregung für die Formulierung von Fragen zugelassen. (So zumindest die Interpretation von Koufogiannakis & Brettle (2016), der betreffende Artikel von Alison Winning „Identifying sources of evidence“ in Booth & Brice (2004:71-88) kann in diese Richtung interpretiert werden, lässt aber doch Platz für andere Quellen.) Das neue Modell legt Wert auf eine Mischung von Quellen, die ihre jeweils eigenen Wert haben: Wissenschaftliche Quellen, local evidence und professional knowlegde (Koufogiannakis & Brettle 2016:14). Für eine Entscheidung (siehe nächstes Punkt) in einer Bibliothek müssen alle Arten von Quellen herangezogen werden.

  3. Während Booth & Brice (2004) EBLIP noch aus den Anforderungen der Blair-Regierung (Accountability) und dem Fakt, dass sich Ähnliches in der Medizin durchzusetzen schien, begründeten, begründen es Koufogiannakis & Brettle (2016) nun als einen „structured approach to decision making“ (Koufogiannakis & Brettle 2016:7), also als Hilfsmittel für die Entwicklung von Bibliotheken. Dabei wollen sie EBLIP als einen ständig neu wiederholten Prozess verstehen, nicht als rein projekt-bezogenes Mittel. In der Vorstellung der beiden Autorinnen ist EBLIP ein Mittel, mit dem Bibliotheken ständig ihre Entwicklungen und Entscheidungen kritisch hinterfragen können.

  4. Koufogiannakis & Brettle (2016) verstehen EBLIP auch als eine Aufforderung an Bibliotheken, diese als Betriebskultur zuzulassen (d.h. von Seiten der Leitung, die Zeit dafür einzuräumen und solche Quasi-Forschungstätigkeiten ihres Personals zu fördern) sowie zu leben (also auf Seiten der Bibliothekarinnen und Bibliothekare, tatsächlich Probleme und Fragen zu definieren, Forschung zumindest auf der Ebene der Quellenanalyse durchzuführen und diese in die lokale Praxis zu übersetzen). Obwohl sie selber (nicht alleine) die Zeitschrift am Modell wissenschaftlicher Zeitschriften ausgerichtet haben und eine einzelne Bibliotheken übergreifende Community organisieren, verstehen sie EBLIP offenbar vorrangig als Mittel, die Entscheidungen in einzelnen Bibliotheken besser und fundierter zu machen – und damit auch besser.

Aber: Wozu?

Koufogiannakis & Brettle (2016) erheben den Anspruch, mit ihrem Buch quasi das Handbuch vorgelegt zu haben, welche des Handbuch von Booth & Brice (2004) ersetzt. Ob das gelungen ist, ist wohl nur im Rahmen von Bibliotheken zu bestimmen, die ihre Praxis an EBLIP orientieren – also keinen Bibliotheken im deutschsprachigen Raum. Es gibt aber eine grosse Anzahl an Gemeinsamkeiten. Beide Bücher unterteilen sich in einen Teil, der das jeweilige Modell und die Arbeitsschritte in diesem dezidiert darstellt und einen Bereich, der EBLIP anhand von einzelnen Studien in der Praxis zeigt. Das frühere Buch hat einen Teil zur Geschichte und Begründung der EBLIP. Das jüngere Buch handelte diese Themen im Vorwort ab. Ansonsten scheint vieles tatsächlich einfach ein Update zu sein, mit einer genaueren Struktur und einem grösseren Selbstbewusstsein, das EBLIP eine etablierte Praxis ist. Gleichwohl wird bei Koufogiannakis & Brettle (2016) nicht so sehr auf die noch bei Booth & Brice (2004) im Zentrum stehende Wahl und Wertung von Quellen für Evidenzen eingegangen. Das ist ein Defizit des neuen Buches. Es scheint, als wäre es sinnvoll, falls man EBLIP im lokalen Bibliotheksrahmen umsetzen möchte, in beiden Büchern die jeweiligen methodischen Kapitel wahrzunehmen und zu nutzen.

Ein Schwachpunkt beider Bücher ist, dass sie vor allem über ihre Beispiele überzeugen wollen: In beiden finden sich Darstellungen von Bibliothek, die mittels EBLIP zu Lösungen für alle möglichen Probleme gefunden haben. Bei Koufogiannakis & Brettle (2016) sind sie besser strukturiert, da die betreffenden Kapitel – die nach Bibliothekstypen gegliedert sind – jeweils einen Überblick zu verschiedenen Studien liefern können, die es heute einfach mehr gibt, als vor 13 Jahren. Aber was die Beispiele zeigen ist eigentlich nur, dass EBLIP angewandt werden kann, um Entscheidungen im Rahmen der Bibliotheksentwicklung zu treffen; nicht, dass es besser ist, sie mit EBLIP zu treffen als mit anderen Methoden. Das ist nur soweit überzeugend, dass man es ausprobieren könnte; aber nicht, dass man es unbedingt müsste.

Ansonsten ist die Beschreibung der einzelnen Schritte des Modells – in beiden Büchern – jeweils sehr kleinteilig, aber nie wirklich erstaunlich. Eigentlich werden nur Schritte einer einfachen Forschungsplanung für Praxisprojekte gezeigt, die so wohl wöchentlich in Fachhochschulen und Universitäten der ganzen Welt für Bibliotheken erstellt werden. Nur, dass sie einmal so beschrieben werden, dass sie direkt von Bibliotheken, d.h. Bibliothekarinnen und Bibliothekaren, geplant und durchgeführt werden können. Das ist ein Vorteil von EBLIP: Zu klären, dass Forschung oder Wissenschaft keine Magie ist, sondern einfach auch selber vor Ort durchgeführt werden kann, vor allem, wenn man durch selbst gestellte Fragen motiviert wird.

Grenzen

Um das (neugefasste) Konzept von EBLIP zu verstehen, reicht eigentlich das Lesen des ersten Textes („A new framework for EBLIP“) von Koufogiannakis & Brettle (2016:11-18). Alle anderen Texte sind erklärendes Beiwerk. Gleichzeitig ist dieses Buch auch von einer etwas sehr starken Überzeugung getragen, dass EBLIP eine immer einsetzbare Lösung für Probleme und neue Fragen bei der Bibliotheksentwicklung bieten und gute Ergebnisse – d.h. Vorarbeiten für gute Entscheidungen – liefern würde. Vielleicht ist das die Erfahrung der Autorinnen, aber es vermittelt zum Teil den Eindruck, den vehemente Vertreterinnen und Vertreter anderer Methoden auch erzeugen: Das ungute Gefühl, dass der Anspruch nicht gehalten werden kann, die Methode doch nur manchmal etwas taugt und vor allem nicht darüber gesprochen wird, was für negative Effekte die Methode haben könnte.

Was die Wirkung des Buches im deutschsprachigen Raum weiter einschränken könnte, ist der Fokus auf Kanada, die USA und Grossbritannien (nur eine Autorin des Buches kommt mit Schweden aus einem anderen Land) und damit auch den dortigen Kulturen in den Bibliotheken – insbesondere deren professionellen Debatten, die nicht die gleichen sind, wie im DACH-Raum – sowie gesellschaftlichen Fragen, welche den Blick der jeweiligen Texte prägen.

Eine auffällige Leerstelle von EBLIP – in allen bislang vorliegenden Büchern und Texten – ist die Stimme der Nutzerinnen und Nutzer. EBLIP gibt die Agency, die ansonsten oft bei Forschenden an Fachhochschule und Universitäten liegt, in die Hand von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren; diese üben in den aktuellen Konzepten dann aber die gleiche Macht darüber, was und wie gefragt oder untersucht wird, aus, wie es sonst in Forschungsprojekt die Forschenden tun. Angesichts dessen, dass in vielen EBLIP-Projekten Nutzerinnen und Nutzer untersucht, befragt etc. werden, wäre zu erwarten, dass auch diesen Agency zugestanden wird. Eventuell ist eine solche Partizipation von Nutzenden der nächste Schritt in der Entwicklung von EBLIP.

Wer nur einmal einen Blick darauf wegen will, wie EBLIP funktionieren kann, benötigt nicht dieses Buch, sondern kann stattdessen ein paar Nummern der mehrfach genannten Zeitschrift lesen (https://ejournals.library.ualberta.ca/index.php/EBLIP). Diese zeigt eher die tatsächlichen Potentiale, vermittelt aber nicht das angesprochene Modell.

Ansonsten scheint EBLIP, besonders der Fakt, das diese Community schon über einen so langen Zeitraum existiert, ein Ansporn darzustellen, es auch einmal im lokalen Rahmen in deutschsprachigen Bibliotheken zu versuchen.

Literatur

Booth, Andrew ; Brice, Anne (edit.) (2004). Evidence-based practice for information professionals: a handbook. – London: Facet Publishing, 2004

Koufogiannakis, Denise ; Brettle, Alison (edit.) (2016). Being evidence based in library and information practice. – London: Facet Publishing, 2016

Schuldt, Karsten (2013). Bibliotheken erforschen ihren Alltag. Ein Plädoyer. – Berlin: Simon Verlag für Bibliothekswissen, 2013

Stock, Wolfgang G. (2009). Evidenzbasierte Bibliotheks- und Informationspraxis. EBLIP5, Stockholm, 2009. – In: Bibliotheksdienst 43 (2009) 8-9, 902-908

Fussnoten

1 Was sich aber beim ihm findet, ist eine Begründung, die sich so auch in den englisch-sprachigen Texten zur Evidence Based Library Practice finden könnte: „Die aktuelle Debatte zeigt, dass wir als Bibliothekscommunity und als Bibliothekswissenschaft schlecht aufgestellt sind. Wir haben Mühe, gegen offensichtlich falsche Äusserungen und plumpe Vorurteile zum aktuellen Stand des digitalen Wandels in Bibliotheken fundiert und sachlich zu argumentieren. Meine Aussagen sind bestimmt näher an der Wirklichkeit (finde ich…), aber eine wissenschaftlich überzeugende Argumentation sieht doch anders aus. Eigentlich müsste ich doch Fakten abrufen können, Studien zitieren können, die unmissverständlich solch absurde Behauptungen widerlegen würden. Aber ich kann nur einige Beispiele zitieren, die ein deutlich anderes Bild zeichnen. Die belegen, dass sich die Bibliothekslandschaft in Bewegung befindet, die zeigen, dass die Community die Probleme erkannt und die Herausforderungen angenommen haben.“ (https://ruedimumenthaler.ch/2016/02/15/bibliotheken-und-digitaler-wandel-einige-fakten/)

2 Bestimmt übersehe ich einzelne Nachweise in Fussnoten etc., aber richtig ist mir der Begriff nur einmal, bei einem Konferenzbericht von Wolfgang G. Stock (2009) aufgefallen. Und dann in meinem eigenen Buch zum thema Forschung in Öffentlichen Bibliotheken (Schuldt 2013).

3 Auch wenn ich dieses Argument schon mehrfach gebracht habe, gerne nochmal: Die Makerspaces waren in der australischen und kanadischen bibliothekarischen Literatur schon etabliertes Thema, bevor sie in den USA stark diskutiert wurden – aber erst dann, als sie auch in der US-amerikanischer Literatur auftuachten, wurden sie in der deutschsprachigen Literatur thematisiert. EBLIP wäre also kein Einzelfall.

Analogkultur / Digitalkultur. Über @handmedium und „real things and why they matter.“

Posted in LIBREAS.Feuilleton, Uncategorized by Ben on 6. Februar 2017

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

I

Derzeit sammelt sich Samstag für Samstag auf dem immergrauen Vorplatz der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt am Main eine Schar Demonstranten, die sich für einen Erhalt der Möglichkeit eines Zugangs zum gedruckten Medium im Lesesaal der Bibliothek einsetzen. Ein Transparent komprimiert das Anliegen in eine Frage: Bibliothek ohne Bücher? Es ist eine kleine, aber sehr engagierte Gruppe, die der Stroemfeld-Lektor Alexander Losse per Megaphon zu aktivieren versucht und einen kleinen Niederschlag findet sich regelmäßig vor allem in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die in diesem Fall als Lokalblatt gelten kann. Aber auch in der wochentäglichen Abwesenheit bleibt die unter dem Kürzel @handmedium auf Twitter ihre Aktionen begleitenden, dokumentierenden und mit befreundeten Accounts retweetenden selbsternannte Mahnwache präsent. Außerdem sucht man das 140-Zeichen-Gespräch mit Twitternden, die man sich als passende Gegenüber für den Austausch von Positionen heraussucht.

"Digital vor gedruckt" - Aushang in der DNB

„Digital vor gedruckt“ – der in diesem Fall farblich gut auf die Oberbekleidung der Besucher abgestimmte Aushang erläutert eigentlich sehr nachvollziehbar und in leichter Sprache, warum die Bibliothek lieber den Griff zur E-Book-Fassung sähe. Und zugleich regt sie die Nutzerinnen und  Nutzer zum Nachdenken über ihr Nutzungshandeln an. Denn nun müssen sie sich bei jedem Verlangen überlegen, wie sich der Zweck ihrer gewünschten Lektüre zur Medialität des Objektes verhält.

Spricht man Mitarbeiter des Hauses auf die Mahnwache und ihre Ziele an, gibt es die Bandbreite des Lächelns von verzweifelt über mitleidig bis sogar nachsichtig zu sehen. Es ist schon ein Politikum, hört man. Und, vertraulicher, dass es durchaus Verbindungen aus dem Haus über die Frankfurter Allgemeine zur „Reuß’schen Gruppe“ gäbe, die in dem Vorplatzprotest etwas zu kanalisieren versuche. Was das genau ist, erfährt man nicht und möchte es eigentlich auch gar nicht wissen. Das Öl soll besser nicht weiter ins Feuer tröpfeln und die FAZ hat doch noch einen gewissen Einfluss auf die öffentliche Meinung der Stadt am Main. (more…)

Die Bibliothek in der Literatur. Heute: In Hanns Cibulkas Swantow.

Posted in Die Bibliothek in der Literatur, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 29. Januar 2017

Ein Sonntagstext von Ben Kaden (@bkaden)

I

Im März 1989 schrieb jemand mit dem schönen nordischen Namen Olaf mutmaßlich im Uckermärkischen Templin – es findet sich die Abkürzung Tpl neben dem Datum – die erste Zeile eines der bekanntesten Lieder der DDR-Popmusik in einem schmalen Band aus der Kleinen Edition des Mitteldeutschen Verlags. „Einmal wissen dieses bleibt für immer“, popularisiert durch „Am Fenster“ der Band City, formuliert von Hildegard Maria Rauchfuß, erstveröffentlicht 1970 in dem heute schwer vergriffenen Band „Versuch es mit der kleinen Liebe“. Die Lyrikerin war bekannt für singbare und Singeklub taugliche Texte und durfte einmal gemeinsam im Auftrag des Rat des Bezirkes Leipzig mit dem Komponisten Peter Herrmann eine Kantate zu Ehren Karl Liebknechts erarbeiten. So war kurz vor ihrem Band eine Schallplatte der heute trotz Stiftung weitgehend versunkenen Schlagercombo Fred Frohberg und das Ensemble 67 mit einigen Vertonungen ihrer Texte durch die Presswerke von Amiga gegangen. „Versuch es mit der kleinen Liebe“ war beim Henschelverlag in der Kabarettabteilung untergekommen und wurde von Erika Baarmann illustriert. Im Jahr nach Erscheinen intonierte der Pionierchor Böhlen bei den 13. Arbeiterfestspielen zur Freude der Berichterstatterin des Neuen Deutschland „ein Loblied gleichsam auf die arbeitenden Menschen unserer Republik und das kostbare, verpflichtende Vertrauen der Kinder zu ihnen.“ (vgl. Pehlivanian, 1971) Die Amiga-Single von „Am Fenster“ erschien 1977, ergänzt um das zutiefst nostalgische Lied „Mein alter Freund“ und ebenso die westdeutsche Pressung bei Telefunken. Die Produktion von City war, wie auch bei ein paar anderen Gruppen, die bei der gefeierten Vorstellung von „Am Fenster“ auf der „Rhythmus 77“ im Berliner Palast der Republik aufspielten (und auch solchen die fernblieben – die Puhdys tourten gerade durch Bulgarien, dem Heimatland von City-Mitglied und Am-Fenster-Arrangeur Georgi Gogow.) buchstäblich ein Exportschlager auch ins nichtsozialistische Ausland. In Griechenland beispielsweise erreichte die Schallplatte den Status einer goldenen. Das lag nicht unbedingt nur am Text, sondern mutmaßlich weitaus mehr an der überaus stimmigen Komposition, die sich unmittelbar einprägt und zwar so, dass sie sofort erklingt, wenn man die Worte liest, hier handschriftlich in ein Exemplar der vierten Auflage von Hanns Cibulkas Swantow eingewidmet, direkt unter die Mottos, die Cibulka von Goethe und Hugo von Hofmannsthal für sein Buch wählte, was Hildegard Maria Rauchfuß sicher gefreut hätte.

Hanns Cibulka - Swantow - aufgeschlagen, mit Widmung

Einmal wissen – dieses ist für immer!? Nun ja. Für den Aufenthalt des Buches im Regal der beschenkten Person galt dies offenbar nicht. Aber vielleicht wird das Bild ja alsbald vom Crawler des Internet-Archives eingesammelt. Und dann ist zumindest die Erinnerung an die Verknüpfung von Olaf und Swantow für eine kleine digitale Ewigkeit archiviert. Für immer ist das auch nicht. Aber immerhin.

(more…)

CfP #31: Emotionen & Emotional Labor

Posted in LIBREAS Call for Papers by Karsten Schuldt on 6. Dezember 2016

Bibliotheken managen nicht nur den Bestand, sondern sie sind auch Ort, an dem Menschen miteinander kommunizieren.

Die Fachliteratur thematisiert dies eher eng, vor allem als Informationsbedarfsgespräch, bei dem vorausgesetzt wird, dass die Nutzerinnen und Nutzer auch alle mit einem klar erfragbaren Interesse in die Bibliothek kommen. Aber ist dies die einzige Situationen, in denen Personal und Bibliotheksnutzern miteinander kommunzieren? Was wird im Rahmen solcher Gespräche mitgeteilt, mit welchen Gefühlen gehen beide Seiten in solche Situationen hinein, mit welchen gehen sie hinaus? Und was ist mit den anderen „Kontaktsituationen“, zum Beispiel bei Veranstaltungen? All diese Kontakte bedeuten auch, dass Menschen mit ihren Identitäten, Vorstellungen, Vorarbeiten, Ängsten, Hoffnungen und teilweise eher unkonkreten Bedürfnissen aufeinander treffen.
Lisa Sloniowski (2016) bemerkt, dass diese „emotional labor“ in Bibliotheken ständig stattfindet, aber kaum thematisiert oder gesondert bemerkt, entlohnt oder gesteuert würde. Vielmehr würden stärker klar messbare oder sichtbarere Aspekte zur Bewertung von guter oder schlechter Arbeit genutzt. Ein Beispiel sind technische Projekte. Sie weist zudem darauf hin, dass zumindest in ihrem Umfeld – der Bibliothek der York University, Toronto – die „emotional labor“ vor allem von Frauen geleistet wird. Hat diese Arbeit also, so fragt sie weiter, einen ähnlichen Status, wie die „unsichtbare Hausarbeit“, welche die zweite Frauenbewegung in den 1960ern und 1970ern erst sichtbar machen musste? Tragen Frauen in Bibliothek genauso mit unbezahlter Arbeit zum Funktionieren der Institution bei, wenn sie die Arbeit mit den Nutzenden verrichten, wie Frauen unbezahlt im Haushalt das Funktionieren der „kleinbürgerlichen Kleinfamilie“ garantierten? Sloniowski tendiert zu dieser Deutung und leitet daraus unter anderem die Forderung ab, die Situation feministisch zu interpretieren und gegen den von ihr postulierten neoliberalen Alltag der (kanadischen) Universität zu wenden.

Daneben ist zu bemerken, dass der Umgang mit „schwierigen Nutzenden“ zwar vor allem als Sicherheitsproblem thematisiert wird (Eichhorn 2015), aber viel öfter und viel eher eine persönliche Komponente enthält. Zumeist werden Probleme mit diesen Personen ohne Sicherheitsdienst oder Vorschriften gelöst. Aber wie genau? Zumal zum Beispiel Bodaghi, Cheong & Zainab (2015) zeigen, dass – zumindest in dem von ihnen untersuchten Bibliotheken in Malaysia – ein gewisser Mangel von Empathie auf Seiten des Bibliothekspersonals aus Nutzenden mit Sehbeeinträchtigungen erst „schwierige Nutzende“ machte. Wie gesagt: In der Bibliothek treffen Menschen auf vielen Seiten mit ihren eigenen Identitäten, Möglichkeiten und Vorstellungen aufeinander.

Bibliotheken sind zudem Einrichtungen, in denen sich Personal begegnet, zusammenarbeitet oder zumindest mit einander auskommen muss. Daher kann und muss man aus einer, wenn man so will, emotionstheoretischen Perspektive fragen: Was passiert in den Bibliotheken im Hintergrund? Wie funktionieren Bibliotheken auf der persönlichen, zwischenmenschlichen Ebene? Wie geht das Personal an der Theke mit dem Personal in der Katalogisierung um? Wie die Fachreferentin mit dem Medienbearbeiter? Wie mit den befristet eingestellten Projektleiterinnen und Projektleitern? Wie mit der Praktikantin, dem Praktikanten? (Larrivee 2015)

Zudem, der Kontakt zwischen Personal und Chefin oder Chef: In einer Bibliothek erwarten man eigentlich kein hartes Aufeinandertreffen. Es ist keine Firma, die sich mit ihrer Arbeit gegen Konkurrenten behaupten muss. Doch Machtbeziehungen existieren unweigerlich da, wo Hierarchien sind. Bibliotheken sind nach wie vor sehr oft eher nach traditionellen Mustern der Verwaltungsorganisation und damit hoch hierarchisch organisiert. Wie wirkt sich das auf der Ebene zwischen Menschen aus? Steuern Chefinnen und Chefs in Bibliotheken ihre Mitarbeitenden mit Emotionen? Lassen diese es sich gefallen?

Ein Thema aus dem englischsprachigen Bibliothekswesen ist das der „Mikroagression“ innerhalb des Personals, also der (zumeist ungewollten, aber strukturell auf Machtbeziehungen aufbauenden) Provokationen und Beleidigungen aufgrund unreflektierter Urteile über Menschen oder Vorannahmen, beispielsweise das Bestreiten von vorhanden Machtbeziehungen oder unnötig niedrige Anforderungen, die Mitarbeitenden vermitteln, dass ihnen weniger zugetraut wird. (Alabi 2015) Ist dies in Bibliotheken in den deutschsprachigen Ländern auch ein Thema?

Hin und wieder thematisiert werden die Ängste vor der Benutzung von Bibliotheken, die (potentielle) Nutzende davon abhalten, Bibliotheken überhaupt oder in Teilen so zu nutzen, wie es ihnen eigentlich möglich wäre. Dass solche Ängste bestehen, ist bekannt; dass sie die Nutzung von Bibliotheken einschränken, ist klar ersichtlich. (Jan, Anwar & Warraich 2016; Gremmels 2015) Doch: Wie verbreitet sind sie in deutschsprachigen Ländern? Wie prägen sie sich aus? Vor allem: Ängste sind persönlich – auch wenn sie gesellschaftlich vermittelt werden. Beschäftigen sich Bibliotheken mit solchen Ängsten? Gehen sie dagegen vor, dass sie bei (potentiellen) Nutzenden entstehen? Helfen sie, diese abzubauen? Wie? Wer macht diese emotionale, persönliche Arbeit?

In der Forschung weniger thematisiert, weil nicht den Problemfall oder das Pathologische ansprechend, können auch positive Emotionen der Bibliothek gegenüber oder in der Bibliothek auftreten. Die Architektur bereitet womöglich ästhetisches Wohlgefallen, der Büchergeruch lässt die schöne Kindheit wiederaufleben, in der Bibliothekslounge verfällt man endlich in die lang ersehnte tiefe Entspannung, für gemeinsames Arbeiten oder auch Flirten bietet die Bibliothek das perfekte Setting. Das emotionale Spektrum ist breit und kann individuell sehr stark variieren: Für die eine/den einen ist die Bibliothek der schönste Platz zum Aufhalten und Arbeiten, der/die andere empfindet die Bibliothek als elitären Ort, dessen neobarocke Eingangspforte sie oder er nie passieren würde.

Aufruf für Beiträge

Die LIBREAS. Library Ideas möchte die Ausgabe #31 zu diesem Themenbereich “Emotionen und Emotional Labor” gestalten und ruft zu Beiträgen auf, die sich mit den gerade genannten oder andere, passenden Fragen aufgreifen. Grundsätzlich bieten sich dazu persönliche Berichte und Reflexionen genauso an, wie Beschreibungen von institutionellen Strategien zum Umgang mit der emotionalen Komponenten bibliothekarischer Arbeit oder übergreifende Texte. Die Form der Beiträge ist offen, beispielsweise wären neben Essays und Artikeln auch mehr künstlerische Beiträge wie Lyrik oder Bilder denkbar. Erfahrungsberichte sind ebenfalls sehr willkommen und können auf Wunsch auch anonym (oder unter Pseudonym) veröffentlicht werden.

Für Rückfragen oder die Diskussion von Ideen für Beiträge steht die Redaktion gerne zur Verfügung. Kontakt und Einreichungen gerne per Mail. Deadline ist der 30.04.2017.

Eure/Ihre Redaktion LIBREAS. Library Ideas

(Berlin, Chur, Dresden, Hannover, München)

Literatur

Alabi, Jaena: Racial Microaggressions in Academic Libraries: Results of a Survey of Minority and Non-minority Librarians. In: The Journal of Academic Librarianship 41 (2015) 1: 47-53 (http://aurora.auburn.edu/handle/11200/48541)

Eichhorn, Martin: Konflikt- und Gefahrensituationen in Bibliotheken: ein Leitfaden für die Praxis. (3. Auflage) Berlin: De Gruyter Saur, 2015

Gremmels, Gillian S.: Constance Mellon’s „Library Anxiety”: An Appreciation and a Critique. In: College & Research Libraries 76 (2015) 3: 268-275

Jan, Sajjad Ullah ; Anwar, Mumtaz Ali ; Warraich, Nosheen Fatima: Library Anxiety and Emotion Perception Among the Undergraduate Social Sciences Students: A Relationship Study. In: Behavioral & Social Sciences Librarian 35 (2016) 2: 52-63

Larrivee, Anne: Exploring the Stressors of New Librarians. In: Public Service Quarterly 10 (2014) 1: 1-10

Matteson, Miriam L. ; Chittock, Sharon ; Mease, David: In Their Own Words: Stories of Emotional Labor from the Library Workforce. In: Library Quarterly 85 (2015) 1: 85-105

Sloniowski, Lisa: Affective Labor, Resistance, and the Academic Librarian. In: Library Trends (Issue: Reconfiguring Race, Gender, and Sexuality) 64 (2016) 4: 645-666

 

— Edit 06.12.2016 —

Deadline ist in 2017, nicht wie anfänglich angegeben, in 2016. Selbstverständlich.

— Edit 07.12.2016 —

Einige Tipp- und Korrekturfehler behoben.

Die Bibliothek in der Literatur. Heute: In Jonathan Franzens „Purity“.

Posted in Die Bibliothek in der Literatur, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 4. Dezember 2016

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)
(Achtung: enthält Spoiler.)

zu: Jonathan Franzen (2015): Purity: a novel. [First Picador International Mass Market Edition: August 2016] New York: Picador.

„Franzen reveals moments of absolute genius.“ notierte das Library Journal 2015 über Purity. Wir haben mit der Lektüre ein wenig gebraucht, räumen das Buch jetzt aber endlich vom Nachttisch und schließen uns nur bedingt der amerikanischen Begutachtungskultur des unbegrenzten Superlativs an. Bevor wir die Zuschreibung „Genie“ verwenden, muss nämlich doch noch einiges mehr an Finesse durchblitzen als es bei diesem zugegeben gut lesbaren und in jedem Fall vom Autor schwer erarbeiteten Zusammenbiegen von Archetypen der Gegenwart und ihrem Kampf darum, gute Menschen zu sein, geschieht. Man spürt eben doch zu oft die nicht-genialische Mühe, genug glaubwürdiges Plotgewebe über die nicht übermäßig originelle Grundkonstellation der Figuren zu werfen. Dass die als bitterarm eingeführte Hauptfigur – Achtung Spoiler – am Ende das zeitgenössische Geldwertäquivalent zu einem Königreich von einem Anwalt namens Navarre – Ach Pamplona! – de facto überreicht bekommt und einen Traumprinz mit einem zitronenliebenden Hund namens Choco dazu, ist beispielsweise doch mindestens ein Grad zu kitschig.

Auch die andere Hauptfigur, ein charismatischer Internetleaker mit ostdeutscher Dissidenzvergangenheit, dessen Widerborstigkeit gegenüber dem DDR naturgemäß persönliche Gründe hat und zwar in Rebellion gegen die tief in den Nomenklatura verankerten Eltern (hier geht jemand etwas sehr offensichtlich in ein anderes Blau), lässt die Fäden, an denen der Franzen’sche Bilderreigen aufgehängt wird, etwas sehr scheinen. Aber in jedem Fall und wie auch erwartet sind viele Aspekte und Settings mit größtmöglicher Präzision recherchiert. Damit hat er vielen deutschen Massennarrativen über das Ende der DDR wie zum Beispiel der unsäglichen Stasi-Seifenoper Weissensee einiges voraus.

Für die Reihe „Die Bibliothek in der Literatur“ lässt sich aus Purity allerdings nur wenig fischen. Es gibt eine Stelle, in der Andreas Wolf, der ehemalige Posterboy der Berliner Bürgerrechtsbewegung und mittlerweile aufstrebende Nachwuchsleaker („he’d been in the headlines for breaking the news of German computer sales to Saddam Hussein“), kurz nach 9/11 einen fragwürdigen Kontaktmann treffen möchte. Als einzigen sicheren Ort fällt ihm eine Bibliothek ein. Nämlich die des Amerika-Hauses am Bahnhof Zoologischer Garten. Allerdings weniger aus bibliothekarischen Gründen:

„Andreas agreed to meet the caller at the Amerika Haus library, where security was heavy.“ (S.610)

Was ihn erwartete, war allerdings eher harmlos: „There was a briefcase in front of him on the library table.“

Der mysteriöse Anrufer stellte sich als Andreas‘ biologischer Vater heraus, einst Kommilitone und Liebhaber seiner mit einer Parteigröße verheirateten Mutter, der folgerichtig im Stasi-Gefängnis und in der Alkoholabhängigkeit enden musste und auch nach der Wende ein Leben näher an der Armut als nach seinen Fähigkeiten zu führen gezwungen ist. Er hat einen zweiten Sohn, der schwerbehindert ist. Da seine Frau unlängst starb, muss dieser nun in einer Pflegeeinrichtung betreut werden. Die Rente reicht nicht und um Geld zu bekommen, möchte er nun ein Erinnerungsbuch mit dem sehr un-DDR-igen Titel „The Crime of Love“ veröffentlichen, erhält aber nur Absagen. Andreas soll ihm jetzt mit seinem Einfluss helfen. Dieser tut dies widerwillig, gibt ihm vorher aber noch eine Schaufel Demütigung mit:

„It was hearbreaking to see old Ossis trying to ape the thinking of Wessis, trying to master the lingo of capitalist self-promotion. „I met my son a second time, at the Amerika Haus library,“ Andreas said. „This meeting itself could be the coda to your book.“ (S.613)

Als Coca-Koda dieses Handlungsfadens steht das Buch freilich zwölf Wochen auf der SPIEGEL-Bestsellerliste und damit ist der echte Vater aus Purity denn auch verschwunden.

Es gibt nur noch ein zweites Auftauchen einer Bibliothek in Purity. Zwei weitere Hauptfiguren, die sich, Spoiler!, als die Eltern des Mädchens namens Purity herausstellen, haben sich gerade in State College, Pennsylvania kennen und lieben gelernt. Sie, Anabel, die Milliardärstochter und Veganerin macht Kunst und sucht die maximale moralische Reinheit. Er, Tom, gibt ein Campusblatt heraus, spielt Bro und versucht mehr oder weniger in seiner Maskulintätsblase damit zurecht zu kommen, dass er noch jungfräulich ist. Sie, schwer von ihrer Familie geschädigt, hat dagegen wilde Zeiten hinter sich, kann jedoch mittlerweile nur noch zum Höhepunkt gelangen, wenn gerade Vollmond herrscht. Er, dessen herzensguter Vater die bettelarme Mutter einst aus der Vormauer-DDR und einem Missbrauchsumfeld in die USA gerettet hat, kann eigentlich immer und weiß nicht so recht, wie ihm geschieht. Naturgemäß finden sich die beiden Außenseiter nach einem spielerischen Auf-und-ab.

Cover Jonathan Franzen Purity

Über der Cloud: die reine Leere? Für den Autor von Freedom soll diese Freiheit nun nicht nur nicht grenzenlos sein. Sondern sie wird eher ersetzt durch ein äußerst komplexes Netzwerk von Schuld, Moral, ein bisschen Sühne und vor allem der Grenze zwischen Wissen (Einsicht) und Nicht-Wissen (Unsicherheit). Wobei die Bibliothek, sofern sie sich nicht in Richtung der Snowden-Commons entwickelt, kaum noch das Medium ist, in dem diese Fragen verhandelt werden. Sondern bestenfalls Ort der verzweifelten Übergabe von Papier.

Die Bibliothek findet nun an der Stelle eine Erwähnung, an der der von Anabel abgrundtief gehasste Milliardärsvater die Bühne betritt:

„She went to the Free Library every weekday afternoon, because we’d decided it was healthy to be apart for some hours and she didn’t want to wait for me at home like a housewife.“ (S.495)

An einem dieser freien Bibliotheksnachmittage ruft Vater David an, gelangt ungeplant an Tom und erfährt, dass seine Tochter einen Freund hat, was ihn auch, grober Idealtyp volle Kraft voraus, deshalb erfreut, weil er nun die helfende Hand eines Mannes an seinen derangierten Nachwuchs gelegt sieht:

„Are you black?“ he said. „Handicapped? Criminal? Drug addict?“ „Ah, no.“ „Interesting. I’ll tell you another secret: I like you already.“ (ebd.)

So grob also sind die Pinsel, die Franzen für seine Figuren nutzt, was sich jedoch nach der Fernbeobachtung der USA im ernüchternden Wahljahr 2016 als bedauerlich glaubwürdig erweist. Sympathiepunkte sammeln in dieser Welt nur sehr wenige.

Es fällt generell auf, wie wenig die Bibliothek im Buch auffällt, zumal weite Strecken in einem akademischen Milieu spielen. Aber die Zeit und die auch die Medienkultur eilt offenbar Richtung online, was an einer Stelle sehr schön deutlich wird. Pip alias Purity trifft einen alternden, missmutigen und nach einem Motorradunfall gelähmten Spitzenschriftsteller in dessen Haus und dieser eröffnet das Gespräch mit einem Fragedreiklang:

„Are you a reader, Pip? Do you read books? Is the sight of so many books in a room at all frightening to you?“ (S.263)

Pip darauf eher höflich-schmallippig „I like books.“ Und sie bestätigt dem traurigen Grantler auf dessen Offensive hin, dass sie auch „Eating Animals“ gelesen hat, worauf dieser noch einmal kurz in den Raum stöhnt „So many Jonathans. A plague of literary Johnathans.“ (S.264)

Das zeigt zwei Dinge. Nämlich einerseits, welch ein ausgeglichen-sanfter Selbstironiker Franzen ist. Und zweitens, dass diese alten Dialoge der jungen hübschen Frauen mit alten Kulturpatriarchen auch lange nach Ibsen noch gepflegt werden (vgl. u.a. diesen Tweet), junge Frauen jedoch mittlerweile selbstbewusster sein dürfen. Oder besser: aufmüpfiger in situ.

Denn die Pip-Linie des Buches sind ja gerade ihre Selbstzweifel und die damit verbundenen rites de passage. Die Figur ist hochintelligent und tief verunsichert. Und sie ist durch und durch digitalkompetent, denn sie wurde im bolivianischen Shangri-La der Digitalaufklärung, also im Dschungel-Camp des mittlerweile von Regierungen aus aller Welt gesuchten Star-Leakers Andreas Wolf, zur Spitzen-Internet-Rechercheurin ausgebildet. Nach einem eigentlich vielversprechenden Einstieg in den Non-Profit-Journalismus, der aus dramaturgischen Gründen inszeniert und beendet wurde, landet sie nach der große Schleife der Identitätssuche hinter dem Tresen eines Cafés und in der Westküstenwohngemeinschaft, an der das Buch begann und ist damit gar nicht mal unzufrieden. Es gibt, wie oben angedeutet, natürlich noch einen Twist Richtung Wohlstands- und also Erlösungsversprechen, der hier aber nicht mehr referiert werden soll.

Aus einer medientheoretischen Sicht stellt man, so vielleicht ein Fazit, am Beispiel von Purity beruhigt fest, dass auch die Gegenwartsliteratur engagiert Fragen nach dem Verhältnis von Leak, Leak-Vermittlung und Leak-Folgenabschätzung erörtert. Die moralischen Herausforderungen der Gegenwart sind eben zu großen Teilen digital geprägt und es ist ein gutes Zeichen, wenn sie mittlerweile ausführlich auch in der traditionellen erzählenden Literatur verhandelt werden. Das führt vermutlich unvermeidlich zu feuilletonistischen Einsichten wie:

„The aim of the Internet and its associated technologies was to „liberate“ humanity from the tasks – making things, learning things, remembering things – that had previously given meaning to life and thus had constituted life. Now it seemed as if the only task that meant anything was search-engine optimization.“ (S. 631)

Wer solche, nun ja, Küchentischmedienphilosophie in Kauf zu nehmen bereit ist, wird mit Purity vor allem aus literarischer Sicht sicher besser bedient, als mit dem schrecklichen „I hate the Internet“ des Jarett Kobek. Und wenn man wie wir Literatur auch als Zeitspeicher begreift, dann darf man Purity als unbedingt für den Langzeitkanon geeignet einordnen. Es ist sicher in keiner Hinsicht Avantgarde. Aber es ist ein wuchtiges und grundsolides Epochengemälde, in dem, wie wir lesen konnten, Buch und mehr noch Bibliothek nur noch ein stilles Echo am Rande sein dürfen.

(Berlin, 04.12.2016)