LIBREAS.Library Ideas

Ein Beitrag zur Bibliotherapie

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 15. März 2019

Zu: Laura Freeman (2018). The Reading Cure: How Books Restored My Appetite. London: Weidenfeld & Nicolson, 2018

 

Von: Karsten Schuldt

Lesen hilft.

Bibliotherapie ist eine Sammelbegriff für verschiedene Formen der Selbsttherapie und der angeleiteten Therapie, bei der Bücher – vor allem literarische Texte und Selbsthilfebücher – genutzt werden. Sie ist erstaunlich erfolgreich. Insbesondere für solche Formen, in denen sie therapeutisch begleitet wird, liegen zahlreiche positive Forschungsergebnisse über ihre Wirksamkeit vor. (Wohl weit mehr als für andere Themen, die aktuell im Bibliothekswesen umgesetzt werden.) Sarah McNicol und Liz Brewster (McNicol & Bewster 2018) legten letztes Jahr ein Überblickswerk für die Bibliothekspraxis vor, in dem auf die Geschichte von Bibliotherapie eingegangen und Anwendungsmöglichkeit präsentiert, aber vor allem darauf eingegangen wurde, was Bibliothek tun können, um Bibliotherapie – vor allem die durch Nutzerinnen und Nutzern „selbstgesteuerte” – zu unterstützen. Gerade in englisch-sprachen Staaten (GB, Neuseeland, Australien) existieren auch lokale und nationale Unterstützungsstrukturen, um über Bibliotheken, Menschen, die davon profitieren können, Bibliotherapie zu ermöglichen.

Das Bibliotherapie funktioniert und oft auch andere Therapien, Heilungsprozesse und Krisenverarbeitungen unterstützt, ist gut dokumentiert. Nicht bei allen, aber bei vielen Menschen. Was fehlt – so wird bei McNicol und Brewster klargestellt – ist eine Theorie, die erklärt, warum sie das tut.

 

Lesen hilft.

Laura Freeman, Journalistin in London, erzählt in ihrem Buch The Reading Cure, wie sie durch das Lesen von Romanen, Kriegsberichten, Lyrik und anschliessend Kochbüchern nach und nach die Anorexie, welche sie in ihrer Jugend entwickelte, überwand und wieder zu einem positiveren Verhältnis zu sich selbst und zum Essen fand. Nicht so, dass sie sich als „geheilt” verstehen würde, aber doch so, dass sie heute eine weit bessere Lebensqualität hat.

Das Buch ist ein reflektierter, gut lesbarer First-Hand-Bericht dazu, wie selbstgesteuerte Bibliotherapie funktionieren kann, mit individuellen Spezifika, aber doch so, dass die Chancen des „Heiles durch Lesen” offensichtlich werden. Es fällt leicht, gerade wenn man selber an Literatur und Sprache interessiert ist, die Autorin sympathisch zu finden und ihrer Geschichte zu folgen, was vielleicht ein Manko ist, wollte man das Buch als Werbung für Bibliotherapie einsetzen – zu leicht wäre es zu unterstellen, dass die Autorin zu sehr eine reine Idealfigur für Literaturbegeisterte ist. Aber für den Fall, dass man daran interessiert ist, einen ersten Einblick in die Möglichkeiten von selbstgesteuerter Bibliotherapie zu erhalten, ist es ein empfehlenswerter Einstieg.

 

Lesen hilft.

Die Geschichte Freemans beginnt in ihrer Jugend, in der sie mit 14 Jahren Anorexie entwickelt. Für den Prozess gibt es äussere Umstände (die Kultur in der Schule, in der sie geht und die mit sehr viel Druck einhergeht), aber die alleine erklären nie, warum jemand diese Krankheit entwickelt und jemand anders nicht. Vielmehr versucht die Autorin mit diesem Buch, auch nach aussen klar zu machen, wie sie sich innerlich fühlte. Sie benutzt das Bild einer Bibliothek – eher die eines englischen Herrenhauses – in ihrem Inneren, welche zerschmettert wurde: Die Bücher auf dem Boden, die Glasscheiben zertrümmert, die Stühle und Tische umgeschmissen. Das Buch ist eine Geschichte davon, wie sie diese Bibliothek wieder aufrichtet.

Man erlebt zuerst mit, wie die Anorexie immer schlimmer wird, wie die Autorin also ein Bild von sich als falsch, schuldig, ständig Fehlentscheidungen treffend entwickelt, die sich zudem ständig Strafen auferlegt (sie entwickelt einen Drang zu Laufen, über Stunden, durch jedes Wetter, obwohl ihr Körper selbstverständlich mehr und mehr geschwächt ist). Das Essen fällt dabei Schritt für Schritt fort: Sie entwickelt Abneigungen gegen einzelne Bestandteile, gegen ganzen Gruppen von Essen, gegen das Essen allgemein. Aber, darauf legt sie Wert, das sind Symptome ihres eigenen Innenlebens. Sie muss durch mütterliche und ärztliche Intervention gerettet werden: Über Monate daheim bleiben, dann einen Status der „funktionalen Anorexie” entwickelnd (also selber soviel zu Essen, dass sie überlebt).

Während sie sich in den ersten Jahren ihrer Krankheit zum Jahreswechsel selber Ziele setzte, die mit weniger Essen zu tun hatten – zum Beispiel noch mehr Dinge nicht zu essen oder mit noch mehr Selbststrafen zu reagieren – wurde ihr das bei den mütterlichen und ärtzlichen Interventionen verboten. 2012 setzte sie sich deshalb ein anderes Ziel: Das gesamte Werk Charles Dickens zu lesen. Es war das Jahr des 200. Geburtstages des Autors. Über das Jahr las sie alle seine Veröffentlichungen, systematisch in Reihenfolge ihrer Publikation. Einzig die Weihnachtsgeschichte verschob sie bis zu diesem Feiertag. Dies ist folgerichtig: Menschen mit Anorexie scheinen solches systematische, geradezu kompromisslose Vorgehen auszubilden – zumindest bei Freeman traf das zu. Das schlägt sich nicht nur in ihrem Umgang mit Essen (gar kein Zucker, gar kein Ei und so weiter) und ihrem eigenen Körper (einen Happen zuviel sind so und so viel Stunden zu Laufen) nieder, sondern auch im restlichen Leben: Systematisches Vorgehen. Das hilft auch, die Autorin studiert zum Beispiel erfolgreich im Laufe der von ihr berichteten Jahre, wird ebenso erfolgreich Journalistin, am Ende Freelancerin.

Die Bücher Charles Dickens sind offenbar angefüllt mit Essen. Szenen über Szenen von Essen. Frühstück, Mittag, Abendessen, Snacks zwischendurch, im Gasthaus, im Pub, daheim. Das ist nicht unbedingt das, wofür Dickens bekannt ist, aber das ist, was Freeman einen Zugang zu Essen verschaffte. Bei Dickens traf sie auf einen für sie neuen Gedanken: Das Essen etwas Positives sein kann, nicht nur etwas, auf das man achten und wofür man sich bestrafen muss. Man darf sich nicht vorstellen, dass das alleine schon dazu führte, dass sie wieder zu essen begann. Aber am Ende des Jahres, zu Weihnachten, im Kontext ihrer Familie und vor dem Hintergrund, dass auch in der Weihnachtsgeschichte von Dickens gegessen wird, traute sie sich das erste Mal seit Jahren einen kleine Löffel des Weihnachtspuddings zu essen. Danach musste sie wieder Stunden Laufen gehen. Aber es war ein Anfang.

2013 dann wendete sie sich – vor dem Hintergrund, dass ein Jahr später die hundertjährige Wiederkehr des Beginns des ersten Weltkriegs nahte – Berichten und Literatur von britischen Soldaten aus diesem Krieg zu. Auch hier, ungewollt und unerwartet, traf sie, eingebettet in einen grösseren Kontext, auf ein sehr positives Bild von Essen. In den Schützengräben wurde durch Essen ein Stück Normalität gefunden. Bei Aufenthalten hinter der Front oder auf Heimaturlaub wurde das Essen immer und immer wieder zum Thema, immer wieder auch positiv. Solche Schilderungen brachten sie immer mehr dazu, sich langsam dem Essen anzunähern. Es ist ein langsamer Prozess und es ist gibt auch keine direkte Übersetzung: Die Autorin bereite sich nicht bestimmte Gerichte zu, nur weil sie von diesen las. Sie näherte sich dem Essen an, räumte die Bibliothek im Kopf auf. Aber dann traute sie sich doch etwas mehr zu. Immer wieder einmal.

Das geht über weite Strecken des Buches weiter. Die Autorin beobachtete sich selber und ging dann dazu über, auch beim Lesen und dann bei der Annäherung ans Essen systematischer vorzugehen. Es gibt Rückschläge, dies ist kein Bildungs- oder Entwicklungsroman. Gerade in den letzten Monaten, in welchen sie fest angestellt in einer Redaktion arbeitet, und in der Foodtrends, die Verzicht auf bestimmte Nahrungsmittel und eine strikte Kontrolle des eigenen Essens propagieren, es bis in die Feuilletons schaffen, entwickelte sie wieder neue Abneigungen. Stress und die allgemeine Propagierung von Verzicht hatten eine direkte, negative Auswirkung auf ihr Leben und Wohlbefinden. Am Ende schilderte sie auch, dass sie von all den Nahrungsmitteln, Schokolade weiterhin aus ihrem Leben ausgeschlossen hat: In ihrem Kopf hat sich an Schokolade das Bild festgeheftet, welches sie früher mit noch weit mehr anderen Nahrungsmitteln verbunden hatte: Das des bevorstehenden Chaos. Ein Stück Schokolade würde praktisch den Damm öffnen, welcher das Chaos zurückhält, dass sie versucht von sich abzuhalten. Das ist selbstverständlich nicht rational, aber zeigt auch, wie die Krankheit weiter wirkt.

 

Menschlicher Kontakt hilft.

Freeman schildert ihr langsames wieder-zum-Essen-finden Schritt für Schritt: Immer ausgehend von Lektüre traut sie sich dann irgendwann wieder an eine Form von Nahrungsmitteln heran. Aber nicht alleine. Es sind immer Situationen in Begleitung von anderen – einem Freund, ihrer Familie, Kolleginnen und Kollegen – und eher spontane Entscheidungen, etwas zu versuchen. Erst langes Überlegen, Abwägen, sich Vorstellen, wie es sein könnte – aber dann spontanes Handeln, mit dem Barrieren überwunden werden. Sie betont das auch: Die Lektüre alleine bereitet vor, aber die positive Atmosphäre mit anderen war es dann, was sie neue Schritte übernehmen liess.

Dabei zieht sich durch das Buch auch eine Reflexion der Autorin darüber, wie viele Probleme sie mit ihrem Verhalten gerade ihrer Mutter – die über Jahre ihre Tochter unterstützte, Wutausbrüche über sich ergehen liess und so weiter – und anderen bereitet hat. Im Nachhinein wird ihr das klar, während der heftigen Phasen ihrer Krankheit war es das selbstverständlich nicht.

Insoweit war zumindest für Freeman nicht nur das Lesen, sondern auch ein Unterstützungsnetzwerk wichtig, um dann am Ende selber die „Bibliothek in ihrem Kopf” aufzuräumen.

 

Bibliotherapie hilft.

Das Buch ist kein Buch über Bibliotheken. Sie kommen aber selbstverständlich immer und immer wieder vor. Irgendwo muss der ganze Lektürestoff ja herkommen: Dafür benutzt die Autorin Bibliotheken und Buchhandel nebeneinander. Eine Unterteilung macht sie dabei nicht. Es ist aber selbstverständlich ein Buch – deswegen wird es hier so ausführlich geschildert – welches zeigt, dass es sich lohnen würde, wenn Bibliotheken den eigenen Bestand und die eigene Bestandsarbeit nicht als reinen Hintergrund für neue und andere Angebote ansehen würden, sondern auch fragten, was eigentlich dieser Bestand für Wirkungen hat. Freeman zeigt, dass das Lesen nicht einfach eine Sache ist, die einfach „noch gemacht wird”, aber eigentlich im Digitalen und Innovativen aufgehen würde, sondern das Lesen für Menschen weiterhin eine wichtige Funktion in Bezug auf ihre geistige Gesundheit und ihr Wohlbefinden haben kann. Nicht für alle, nicht alleine; aber wenn, dann doch im relevanten Mass.

 

Selbstverständlich ist die Autorin dabei prädestiniert: Schon vor ihrer Krankheit lesebegeistert, während ihrer Krankheit darauf fixiert, zu lesen – das alles hat wohl dazu beigetragen, dass sie gerade über Lektüre wieder zum Essen fand. Das gilt selbstverständlich nicht für alle Menschen.

Damit zusammen hängt, dass sie von Sprache begeistert ist. Unerwartete, unbekannte Worte findet sie interessant. Sie erwähnt, dass sie solche gesondert vermerkt, wenn sie auf sie stösst, dann weiter über sie recherchiert und später versucht, sie in Texte „einzuschmuggeln”. So wurde sie auch auf die Ess-Szenen bei Dickens aufmerksam: Weil er viele, viele unbekannte, neugebildete Worte benutzte. Man merkt das aber auch positiv an ihrem eigenen Buch: Es ist ein flüssiges Englisch, wie man das von einer Journalistin wohl erwarten darf, aber gespickt von seltsamen, interessanten Worten, die das Lesen auch sprachlich zum Vergnügen machen.

 

 

Literatur und Links

Sarah McNicol ; Liz Bewster (edit.). Bibliotherapy. London: Facet Publishing, 2018

Books on Prescription AUS – https://booksonprescription.com.au

Books on Prescription NZ – https://booksonprescription.co.nz

Reading Well GB – https://reading-well.org.uk

Das Thema Interkulturalität auf dem Bibliothekskongress 2019

Posted in LIBREAS Veranstaltungen by Ben on 14. März 2019

Eine Übersicht von Leslie Kuo (@leslie_kuo)

[Anmerkung: Der Beitrag erschien zuerst auf lesliekuo.com.]

Symbolbild Hund und Publikation "The IFLA / UNESCO Multicultural Manifesto"

Bibliothekshunde sind noch ein anderes und durchaus beispielsweise in der Leseförderung äußerst ernsthaftes und sinnvolles Thema. Hier verwenden wir Pepper, wie das schöne Tier heißt, allerdings vor allem als Blickfang um auf das wichtige Themenfeld der interkulturellen Bibliotheksarbeit hinzuweisen, das Leslie Kuo in Berlin und kommende Woche auch in Leipzig sehr sichtbar auf die Agenda setzt. (Fotografie: Leslie Kuo)

Migration prägt zunehmend unsere Gesellschaft und somit die öffentliche Bibliotheken. Gut, dass auf dem Bibliothekskongress nächste Woche wird die interkulturelle Öffnung thematisiert wird. Sowohl von mir und meinen Kolleginnen aus anderen Bibliotheken im Programm 360° der Kulturstiftung des Bundes als auch von der dbv Kommission Interkulturelle Bibliotheksarbeit.

Sie sind herzlich eingeladen, an folgende Sitzungen zu Migration und interkulturelle Öffnung teilzunehmen:

Montag, 18. März 2019

  • 09:00 – 11:30, Vortragsraum 11
    Perspektiven der interkulturellen Öffnung: 360° Fonds für Kulturen der neuen Stadtgesellschaft (Ko-präsentiert von mir)
  • 13:00 – 13:30, Podium der Verbände
    Warum wir mehr BibliotheksmitarbeiterInnen mit Migrationshintergrund brauchen: Barrieren, Brücken und andere gelebte Erfahrungen (Vortrag von mir)
  • 16:00 – 18:00, Saal 1
    Interkulturelle Bibliotheksarbeit mit Partnern und System

Mittwoch, 20. März 2019

  • 14:00 – 15:30, Vortragsraum 11
    Bunt alleine reicht nicht! Interkulturelle Vielfalt mit Erfolg ins Team bringen

Hier alle Details zu den Veranstaltungen: (more…)

LIBREAS auf dem Bibliothekskongress 2019

Posted in Hinweise, LIBREAS aktuell, LIBREAS on tour by Karsten Schuldt on 25. Februar 2019

Wenn sich große Teile der Bibliotheksszene im März in Leipzig auf dem Bibliothekskongress treffen werden, wird auch die LIBREAS-Redaktion (zumindest ein Teil) dort weilen. Sie treffen uns / ihr trefft uns in folgenden Veranstaltungen.

Gerne laden wir vor allem zum gemeinsamen Treffen respektive Chillen mit der Redaktion am Montag-Abend ein.

Montag, 18.03.2019

  • Karsten Schuldt: Warum funktioniert mein partizipatives Projekt nicht richtig? Kritik und Fallstricke (11:00-11:30, Saal 3)
  • Treffen / Chillen mit der Redaktion im “Volkshaus Leipzig” (19:00- open end, Karl-Liebknecht-Straße 30-32, zwischen Tram-Station “Hohe Straße” und “Südplatz”, http://www.volkshaus-leipzig.de/)

Dienstag, 19.03.2019

  • Karsten Schuldt, Alexandra Jobmann, Peter Jobmann, Maik Stahr: Die Bibliothek als gesellschaftliche Institution – #critlib (Teil 2) (09:00-11:00, Beratungsraum 3)

Mittwoch, 20.03.2019

  • Linda Freyberg, Sabine Wolf: Smart Libraries – Mit Beispielen, Modellen und Methoden zur Bibliothek der Zukunft. Hands-On Lab analog (09:00-11:00, Beratungsraum 2)
  • Najko Jahn, Uwe Müller: DINI Metadata Crunch: Praktische Schritte zur Nachnutzung von Metadaten aus DINI-zertifizierten Repositorien (16:00 – 17:30, Seminarraum 13)

Die Erklärung von Stavanger mit einem Schwenk zum Open Access. Serviert in der FAZ.

Posted in LIBREAS.Debatte by Ben on 13. Februar 2019

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

Screenshot FAZ 13.02.2019

Screenshot FAZ 13.02.2019 / Screen oder Zeitung? In den pressevertriebsstrukturschwachen Regionen auch Berlins ist das keine Frage. Allein deshalb sollte die FAZ die Digitalisierung umarmen und in der Vertriebspraxis tut sie das auch. Thomas Thiel hat dennoch seine Zweifel und sieht sie nach Stavanger bestätigt.

Die Frage „Buch oder Bildschirm?“, also auf welcher Medienoberfläche sich besser lesen lässt, treibt die Welt faszinierenderweise auch 2019 um – zum Beispiel im „Forschung und Lehre“-Teil der FAZ vom 13.02.2019. Der Anlass für Thomas Thiel (hier als tth) besteht in der so genannten Stavanger-Erklärung („E-READ“, weiter Informationen) zur Lesekompetenz. Deren Haupteinsicht lautet in etwa, dass das Lektüreziel die Wahl des Lektüremediums bestimmt und Gedrucktes besser für ein Tiefenverständnis funktioniert. Der FAZ-Redakteur versucht nun zu beleuchten, was die nicht gerade überraschende, nun aber empirisch nochmals verifizierte Erkenntnis, dass Papier nach wie vor Relevanz und Wert in der Rezeptionskultur besitzt und vermutlich behalten wird, für die Digitalisierungsstrategien in der Wissenschaft bedeutet. Dass die Textpraxis der wissenschaftlichen Kommunikation kein Gegenstand der Stavanger-Perspektive selbst war, spielt dabei offenbar keine Rolle. Für die Lehre sind die Einsichten fraglos hochrelevant und Erfahrungen aus der Lehrpraxis zeigen, dass die Frage wie viel und wie komplex Text für Studierende sein sollte, jede Semesterplanung maßgeblich prägt. Neu ist diese Frage freilich ebenfalls nicht. (more…)

Lob der Bibliothek oder Propaganda für die ALA?

Posted in LIBREAS.Feuilleton, Uncategorized by Karsten Schuldt on 6. Februar 2019

Karsten Schuldt

Zu: Susan Orlean. „The Library Book”. New York et al.: Simon & Schuster, 2018

 

 

Was soll man zu diesem Buch sagen?

In „The Library Book” erzählt Susan Orlean – eine Journalistin, keine Bibliothekarin – vier Geschichten:

  1. Die Geschichte vom Brand in der Zentralbibliothek der Los Angeles Public Library 1986 und von dem jungen Mann, der verdächtigt wurde, dieses Feuer gelegt zu haben.

  2. Die Geschichte der gleichen Bibliothek von der Gründung bis heute.

  3. Eine Reportage darüber, was heute alles in dieser Bibliothek passiert.

  4. Und zuletzt ihre persönliche Geschichte wie sie in jungen Jahren mit ihrer Mutter ständig die Bibliothek, in deren Nähe sie aufwuchs, besuchte.

Das alles ist lose miteinander verbunden und abwechselnd in kurzen Kapiteln erzählt. Zum Schluss des Buches ist die Geschichte der jungen Mannes – Harry Peak – zu Ende erzählt (er stirbt in Florida an AIDS ohne für den Brand verurteilt zu sein), gleichzeitig wird Zweifel daran geäussert, ob der Brand überhaupt absichtlich gelegt wurde; zugleich ist die Geschichte der Bibliothek – inklusive des Wiederaufbaus nach dem Brand – in der Jetztzeit angekommen, sind verschiedene Aufgaben, Bereiche und Personal der Bibliothek vorgestellt worden und hat die Autorin gelernt, dass die Bibliothek sie immer noch an die Zeiten Ihrer Kindheit und Jugend erinnert, auch wenn heute vieles anders ist als damals. Das Buch ist auch sichtbar mit Bedacht ausgestattet worden: Das Papier und der Umschlag sehen leicht verbraucht aus, statt Kapitelüberschriften finden sich je vier bibliographische Angaben (Titel, Jahr, Autor/in, DDC-Nummer) mit Bezug zum Thema des jeweiligen Kapitels. Die letzte Umschlagseite bildet eine (gezeichnete) Buchkarte ab. Was kann man daran nicht mögen?

 

Eines: Das Buch liesst sich über weite Strecken – fast immer, wenn es sich nicht mit Harry Peak und seiner Geschichte befasst – wie Propaganda der ALA (oder eines anderen Bibliotheksverbandes). All die Schlagworte und Themen, mit denen Bibliotheksverbände heute versuchen, Bibliotheken zu präsentieren, kommen vor – nur vielleicht gekonnter dargestellt,als das Bibliotheksverbände im Allgemeinen tun: Bibliotheken als soziale Orte, als offene Orte für alle, als Orte für verschiedene Veranstaltungen für verschiedene Nutzerinnen und Nutzer, als Ort für Kinder und Jugendliche, als Ort für persönliche Recherchen, für das Lesen, für Bildung, als einer der Orte, der Menschen ohne festen Wohnsitz Hoffnung gibt. Mehrere Bibliothekarinnen und Bibliothekare werden als interessante und engagierte Personen vorgestellt. Das eine Bibliothek viele, viele unterschiedliche Medien hat – elektronische, gedruckt und überraschendere Sammlungen. All das. Plus die erwähnte positive Geschichte der Autorin selber (die immerhin erfolgreiche Autorin wurde) und die nicht unspannende Geschichte des Brandes selber – die sich dann in Teilen auch wieder wie gute Propaganda über die soziale Bedeutung der Bibliothek liest, wenn sich sowohl zum Ausräumen der Bibliothek nach dem Brand als zum Einräumen vor der Wiedereröffnung hunderte Freiwillige einfinden und wenn lokal ansässige Firmen mit Infrastruktur, Personal und Geld einspringen, um die Bibliothek zu retten.

Zwischendurch werden auch einige eher nicht so positive Geschichten erzählt – wie Anfang des 20. Jahrhunderts die Chefbibliothekarin vom Library Board zum Rücktritt gezwungen wurde, nur damit sie von einen Chefbibliothekar (der eher Abenteurer denn Bibliothekar war) ersetzt werden konnte, was lange (und berechtigte) Proteste der damaligen Frauenbewegung nach sich zog, und wie der zur Bibliothek gehörige Park für einen Parkplatz abgerissen wurde. Aber mehr auch nicht.

The Library Book

The Library Book als Bibliotheksbuch

 

Dieses Buch erzählt also vor allem das, was Bibliotheken heute wohl gerne über sich hören. Vielleicht, weil die Autorin überzeugt wurde. Sie erscheint die ganze Zeit wahrhaft überzeugt von dem, was sie darstellt. Es gibt aber eine Stelle, die etwas Zweifel streut: In einem Kapitel bespricht die Autorin andere Bibliotheken, die über die Jahrhunderte verbrannt wurden. Das ist selbstverständlich mit einem breiten Pinsel gezeichnet, da der Platz kurz ist. Trotzdem kommen – zu Recht – auch die Bücherverbrennungen zu Beginn des nationalsozialistischen Deutschlands – beziehungsweise die Aktion „Wider den undeutschen Geist” – vor, allerdings in einer historisch ungewohnten Weise: Die Autorin besteht darauf, die ganzen Vorgänge mehrfach explizit als „Feuersprüche” (in Deutsch) zu bezeichnen, obwohl diese „Feuersprüche” nur ein Teil der Inszenierung waren. Das ist recht ungewöhnlich. Zudem schreibt sie die Bücherverbrennungen einzig den Nazis direkt zu, obgleich heutige Darstellungen immer wieder darauf hinweisen, dass die Studentenschaften die Aktion organisierten und die NSDAP erst darauf einstieg. Das sind Kleinigkeiten und auch keine, welche die historische Wahrheit verfälschen würden. Aber es hinterlässt den Eindruck, als hätte die Autorin an dieser Stelle ungenau, oberflächlich recherchiert. Vielleicht nur bei diesem einen Punkt (der vielleicht auch nur im deutschen Sprachraum wirklich auffällt), aber solche Ungenauigkeiten verleiten schon zu der Frage, wie tief die anderen Kapitel eigentlich recherchiert wurden – und nicht eher das wiedergegeben, was die Bibliothekarinnen und Bibliothekare vermitteln wollten.

 

Aber auch wenn man annimmt, dass das Buch genau das darstellt, was der Autorin aufgefallen ist, als sie über die Los Angeles Public Library nachdachte und diese besucht, ist das Buch ein Realitätscheck für den bibliothekarischen Diskurs: Wenn das wirklich ist, wie die Öffentlichkeit von Bibliotheken wahrnimmt und wie sie Bibliotheken sieht, ist überhaupt nicht mehr klar, wieso es im bibliothekarischen Diskurs diese ganzen Ängste vor dem Ende oder der Stagnation der Bibliotheken gibt. Wenn die Öffentlichkeit die Bibliotheken als so spannend und wichtig wahrnimmt, wie Susan Orlean, gibt es keinen Grund, sich Sorgen zu machen, ob man irrelevant wird oder in der Öffentlichkeit als veraltet oder langweilig angesehen. Wenn es keine „accidental propaganda” ist, dann ist es ein Hinweis darauf, dass die ständigen Krisendiskurse, welche bibliothekarische Diskurse oft prägen, wenig Grundlage in den realen Problemen haben. (Die Frage wäre dann eher, warum Bibliotheken auf dieses guten Bild, dass Orlean von ihnen zeichnet, nicht wirklich aufbauen.)

 

Trotzdem ist das Buch gut, flüssig und vergnüglich zu lesen. Als jemand, die oder der sich mit Bibliotheken auskennt, wird nicht so viel spezifisch Neues zu lesen sein, ausser der Geschichte des Brandes selber. Aber es ist ein unterhaltsamer Einblick in diese spezifische Public Library.

 

[Eine Vorstellung des Buches durch die Autorin selber im Buchladen „Politics and Prose” (Washington, D.C.) findet sich im Youtube-Kanal des Ladens: https://www.youtube.com/watch?v=CY3Wxafosbw]

Stipendium des LIBREAS-Vereins, Ausschreibung 2019

Posted in LIBREAS.Verein by libreas on 4. Februar 2019

Ziel des LIBREAS-Vereins ist die Förderung der bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Kommunikation. Um dies zu erreichen, schreiben wir auch 2019 ein Stipendium aus. Angesprochen fühlen sollten sich alle Auszubildenden und Studierenden in bibliothekarischen Fachgebieten sowie Kolleg*innen in Bibliotheken und bibliothekarischen Infrastruktureinrichtungen im gesamten DACH-Raum.

Die Höhe des Stipendiums beträgt 400 Euro, welche für den Besuch (Fahrt, Unterkunft, Konferenzgebühr etc.) einer der drei folgenden Konferenzen eingesetzt werden sollen:

Das Stipendium soll vor allem Personen zugute kommen, die sich die Besuche dieser Konferenzen nicht auf anderem Wege finanzieren können.

Wir erbitten eine formlose Bewerbung, die folgende Punkte klären sollte:

  • Welche der drei Konferenzen besucht werden soll
  • Interesse der Bewerber*in an der Konferenz und den Themen der Konferenz
  • Kurze Vorstellung der Bewerber*in

Weitere Themen und Punkte können gerne ergänzt werden. Für Fragen stehen wir gerne zur Verfügung. Wir wollen auch diejenigen Auszubildenden, Studierenden und Kolleg*innen ermutigen, die bislang keine solche Konferenz besucht haben oder nicht publiziert haben, sich zu bewerben. Das Stipendium darf gerne ein Startpunkt für solche professionelle Arbeit sein.

Die oder der Stipendiat*in soll im Anschluss an die besuchte Konferenz einen Beitrag für die LIBREAS. Library Ideas verfassen. Form, Inhalt, Länge des Beitrags stehen frei (z.B. Konferenzbericht, Auseinandersetzung mit einem Thema, das auf der Konferenz besprochen wurde). Die Redaktion der LIBREAS steht gerne bereit, die Arbeit an diesem Beitrag mit Rat und Motivation zu unterstützen.

Die Bewerbung sollte bis zum 31. März 2019 per Mail an den Vereinsvorstand geschickt werden (mail@libreas-verein.eu).

 

Vorstand des LIBREAS-Vereins, 04.02.2019

 

PS.: Das Stipendium wird hauptsächlich aus den regelmäßigen Beiträgen der Mitglieder des LIBREAS. Vereins getragen. (http://www.libreas-verein.eu/mitgliedschaftsantrag/) In der LIBREAS #34 erschien der Konferenzbericht zu den Open-Access-Tagen 2018 der ersten Stipendiatin Sophie Schneider.

Die Idee LIBREAS und das Institut für Bibliothekswissenschaft.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 6. Dezember 2018

Manuskriptfassung des Grußworts von Ben Kaden auf der Festveranstaltung 90 Jahre Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft am 02. November 2018 im Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum der Humboldt-Universität zu Berlin.

Ben Kaden bei seinem Grußwort auf der Veranstaltung 90 Jahre Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft, 02. November 2018

Ben Kaden beim Grußwort am 02. November 2018 (Foto: Maxi Kindling)

 

I

Die Berliner Bibliothekswissenschaft mit ihrem Institut wird, grob gerechnet und Pausen ausgeblendet, 90 Jahre alt. Einschränkungen sind bei der Zuschreibung zweifach notwendig: Erstens weil es natürlich bibliothekswissenschaftliches Denken in Berlin auch außerhalb des Instituts gab und gibt. Und zweitens, weil das Institut an sich kein Kontinuum ist. Vielmehr besitzt es eine wechselvolle Geschichte, deren Aufarbeitung bzw. Aufzeichnung jetzt zum Jubiläum nur ein Kratzen an der Oberfläche darstellte. Klar, man schürfte hier und da und da und hier auch mal tiefer. Aber eigentlich sieht man jetzt erst wirklich, was da an Geschichte und Geschichten hervorblitzt und Stoff für mindestens vier, fünf Promotionsvorhaben angedeutet. Oder Großaufsätze, z. B. für LIBREAS.

LIBREAS, diese hier 2004/2005 begründete elektronische Open-Access-Zeitschrift für Bibliothekswissenschaft bzw. bald namentlich erweitert wie das Institut in Zeitschrift für Bibliotheks- und Informationswissenschaft, begleitete etwa 13 dieser 90 Jahre, Das Institut war demnach um die 77, als wir mit LIBREAS begannen, eher noch sogar 76 oder 75. Ich überlege, nach wie vor ergebnisoffen, an welchem Schlüsseldatum oder -ereignis man die Idee zu LIBREAS. Library Ideas festhaken könnte.

Fester gehakt ist die Natur von LIBREAS als eindeutig typische Berliner Schöpfung. Das Projekt dieser Zeitschrift ist Ergebnis dieser berühmt-berüchtigten Mischung aus Gestaltungswillen, Dreistigkeit, Naivität und viel Improvisation, die so typisch war für das, was in gar nicht so entfernter Nachbarschaft von diesem Ort [dem Grimmzentrum, für das zeitgleich zur Gründung von LIBREAS die ersten Spatenstiche gesetzt wurden] den Mythos des Aufbruchsberlins begründete, ein Mythos, von dem die Stadt noch heute zehrt. Ich erinnere mich gut, wie wir nach offiziellen oder inoffiziellen Institutsfeiern gern noch in kleiner Gruppe in der Böse-Buben-Bar, im Aufsturz oder, auch das gab es noch, im Tacheles vorbeischauten und irgendwann von der ersten (oder zweiten) Straßenbahn des Tages im matten Morgenlicht nachhause geschunkelt wurden. Das Magisterstudium ließ auch Raum für längere Nächte. (more…)

Gastbeitrag: IBI 2003 and Beyond – Ein Blick hinter die Kulissen

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 5. Dezember 2018

 

90 Jahre IBI - Programmflyer

Natürlich und sofort auch ein Dokument der Institutsgeschichte: Der Programmflyer zur Veranstaltung am 02. November 2018

Die Festveranstaltung zum – je nach Perspektive mehr oder weniger – 90-jährigen Bestehen des Berliner Instituts für Bibliothekswissenschaft bzw. Bibliotheks- und Informationswissenschaft rückt nun selbst wieder zunehmend in die Vergangenheit. Ein Monat ist seitdem vergangenen und der Veranstaltungsraum im Grimmzentrum diente längst wieder anderen Themen wie Forschungsdaten auf dem edoc-Server oder auch die Frage nach dem Verhältnis zwischen Öffentlichen Bibliotheken und der Bibliotheks- und Informationswissenschaft als Forum. Die Fachwelt rotiert ebenso wie die Bibliothekswissenschaft weiter, was auch sehr gut und wichtig ist. Was man trotz dieser Dynamik in den Fragen und im Denken und auch dem institutionellen und personellen Gefüge um das Institut und das Fach nicht vergessen darf, sind die Spuren und Erkenntnisse, die sich aus der Betrachtung der Vergangenheit ergeben oder sich in der Gegenwart für eine kommende Betrachtung fassen und ablegen lassen. Die Festveranstaltung bot in der für solche Zusammentreffen typischen Rahmen einen Zugang, der im Nebeneffekt an vielen Stellen bestimmte, für die Geschichte des Fachs wichtige Fragmente und hier und da auch Zusammenhänge freilegte. Einiges davon findet sich in der aktuellen LIBREAS-Ausgabe. Anderes wird – hoffentlich – in kommenden Ausgaben erscheinen. Und manche Erinnerungen können auch sofort dokumentiert werden. So erreichte uns im Nachgang zum 02. November eine kleine Erinnerung, zugleich eine Art nachgereichtes Grußwort von Elmar Mittler an das für das IBI der heutigen Zeit so entscheidende Jahr 2003. Und das wollen wir natürlich auf jeden Fall an dieser Stelle in gewisser Weise auch als Supplement zur LIBREAS-Ausgabe „90 Jahre Bibliotheks*wissenschaft in Berlin“ hier nachreichen.

(Berlin, 05.12.2018)

 

Eine Erinnerung von Elmar Mittler

Zur 90-Jahrfeier des IBI kann man in jeder Weise herzlich gratulieren. Zeigte sie doch einmal mehr, dass die Konzeption des Neuanfangs mit dem Ziel der Internationalisierung des IBI aufgegangen ist. Ich bin den beiden ausländischen Mitgliedern der geleiteten Evaluierungskommission – John Feather und Hans Rosendaal – noch heute  sehr dankbar, dass sie nach einer langen Nacht der Diskussion 2003 bereit waren, nicht ihre Meinung zum damaligen Stand der Forschung und Lehre am IfB  im internationalen Vergleich in den Vordergrund zu stellen, sondern mit mir die Zukunftspotentiale des einzigen universitären bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Institutes in Deutschland zum Kern des Gutachtens zu machen. Die Kommission hat dafür die unverzügliche Neubesetzung der vakanten Professur mit einer Neuausrichtung des Faches empfohlen. Auf der Basis dieser Evaluation gelang es, die vorgesehene Schließung des Instituts zu verhindern.

Um aber die Gremien der Universität endgültig davon zu überzeugen, dass ein derartiges Institut in Deutschland das Profil der HU stärken und ihr international zusätzliches Renommee verschaffen kann, wurde gefordert, ein tragfähiges Konzept zu entwickeln. In Absprache mit dem Vizepräsidenten für Forschung Hans Jürgen Prömel, der sich im Verlaufe des Prozesses als überaus kompetenter Partner erwies, erfolgte dieses im Rahmen einer Findungskommission. Diese lud unter meiner Leitung 2004 eine Reihe international führender Forscher mit der Bitte nach Berlin ein, ihre Vorstellungen für eine Neukonzeption des Faches an der HU insbesondere auch unter dem Gesichtspunkt eines Alleinstellungsmerkmals darzulegen. Dabei bestätigte sich meine Konzeption der Internationalisierung zur Neukonzeption des Instituts für alle Beteiligten. Konrad Umlaufs Protokoll hielt es so fest: Es zeichnete sich ab, dass die geeignete Persönlichkeit aus dem englischsprachigen Ausland oder aus Skandinavien kommen könnte, wo die beiden Traditionsstränge Bibliothekswissenschaft und Informationswissenschaft anders als in Deutschland nie getrennt waren.

Das konkrete Ergebnis war die offizielle Ausschreibung einer Professur für die Digitale Bibliothek. Dieser Erfolg wäre nicht ohne die Bereitschaft des Dekans Oswald Schwemmer möglich gewesen, dem Institut die Chance zu geben, seine damalige Isolierung in der Fakultät zu überwinden; Professor Wolfgang Coy von der Informatik gab zusätzlich immer wieder hilfreichen Rat für die praktische Umsetzung. Zu den 18 Bewerbern zählte glücklicherweise auch Michael Seadle, der sich (in harmonischer Partnerschaft mit dem ebenfalls neu berufenen Professor für Informationsmanagement Peter Schirmbacher) als ideale Besetzung für den Neuanfang des Instituts erwies.

Michael Seadle brachte Internationalität in Forschung, Lehre und institutioneller Vernetzung, verankerte durch sein langjähriges Dekanat das Institut in der Fakultät und sicherte ihm durch seine aktive Mitarbeit in entscheidenden Gremien die Vernetzung in die Universität. Auch der Übergang in eine neue Generation ist inzwischen gelungen. Für mich war deshalb die 90-Jahrfeier ein glückliches Ereignis. Sie zeigte mir, dass eine meiner Zukunftsvorstellungen für das deutsche Bibliothekswesen Wirklichkeit geworden ist: wir haben ein international renommiertes universitäres Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft. Und ich darf ein bisschen stolz darauf sein, an seinem Fundament mitgewirkt zu haben. Meine Hoffnung und mein Wunsch für die Zukunft sind, dass es der jungen Mannschaft gelingt, das innovative Lehr- und Forschungspotential des IBI auch für die praktische Entwicklung des deutschen Bibliothekswesens und dessen internationale Vernetzung weiter fruchtbar zu machen – und dass sie weiter heil durch die an Untiefen reichen Gewässer komplexer institutioneller Organisationen gleitet.

CfP LIBREAS. Library Ideas #35: Neutralität. Bibliotheken zwischen Pluralität und Propaganda

Posted in LIBREAS Call for Papers by Ben on 23. November 2018

Bibliotheken als öffentliche Einrichtungen sehen sich aktuell verstärkt in einer besonders widersprüchlichen Lage: Es scheinen sich einerseits ein “Neutralitätsgebot” und eine Verpflichtung zur “Informationsfreiheit” gegenüberzustehen mit einem bewusst eingeforderten Bekenntnis zu einer aktiv pluralistisch-demokratischen Rolle, die sich auch offen gegen alle Tendenzen aufstellt, die diese Grundausrichtung des politischen Systems der Bundesrepublik gefährden. In diesem Spannungsfeld bewegen sich die Akteure, wenn es gilt Handlungsmaximen für die Praxis, also eine Art Ethik der Bibliothek, abzuleiten.

Dass diese Polarisierung jetzt so akut spürbar wirkt, liegt einerseits in der Luft. Es gibt zugleich aber auch konkrete Ereignisse, die uns als Redaktion motivieren, hier eine intensivere Auseinandersetzung zu suchen.

Veranstaltung "Rechte Lesen" in der Staatsbibliothek Berlin im November 2018

Ein Podium der rechten Lektüre? Und wenn ja, in welcher Form? Spätestens 2018 ist das Jahr, in dem sich auch das deutsche Bibliothekswesen von diesen Fragen herausgefordert sieht. Und Antworten sind so kompliziert wie notwendig. Deshalb: Unser Thema für die LIBREAS #35.

Auf dem 107. Bibliothekstag im Juni diesen Jahres in Berlin kam die Frage nach dem Umgang mit ‘neuer’ rechter[1] Literatur mit doch größerer Wucht in der deutschsprachigen Bibliotheksgemeinschaft an. Bei einer Podiumsdiskussion diskutierte man sehr kontrovers über den Umgang mit rechter Literatur in Bibliotheken. Jörg Sundermeier vom Verbrecher Verlag bezog klar Stellung gegen eine Aufnahme von rechter Literatur in das Sortiment des Buchhandels oder in den Bestand von Bibliotheken und begründete dies einmal formal mit der Unprofessionalität der rechten Verlage, sowie aber vor allem mit deren zweifelhaften, oft ins verschwörungstheoretische oder esoterische abdriftenden Inhalten, die nicht selten diskriminierend, rassistisch, homophob und die Menschenwürde verletzend sind.

In den letzten Jahren kann man jedoch teilweise einen Professionalisierungsgrad in diesem Literatursegment beobachten, der etablierte Buchhändler wie Michael Lemling zumindest Respekt abzunötigen scheint. Auch die Existenz der Bibliothek des Konservatismus in der Berliner Fasanenstraße sowie der politische Erfolg rechtskonservativer Positionen zwischen CSU und AfD, FPÖ und SVP sind Anzeichen für eine weitere Etablierung und Dauerpräsenz entsprechender Denkrichtungen im öffentlichen Diskurs und damit auch im Publikationswesen. Zudem gab es ‒- Stichwort Thilo Sarrazin ‒ schon immer Texte, die sich auf dieser Seite der Debatte positionieren und auch in größeren Publikumsverlagen ihre Heimat fanden.

Abgesehen von der Erwerbungspolitik der Bibliotheken, erhalten diese Stimmen freilich auch die Möglichkeit, sich anderweitig über Bibliotheken am politischen Diskurs zu beteiligen oder dazu zu informieren, zum Beispiel mit Veranstaltungsformaten. Einen Ansatz hierzu präsentiert der DBV-Verband Niedersachsen, der die AfD aufs Podium des Niedersächsischen Bibliothekstags, neben Vertreter*innen anderer Parteien aus dem Landtag, einlädt. (siehe auch) Diese Aktion ist gleichzusetzen mit der Abbildung des gesamten politischen Spektrums im Bestand, die unter anderem die SLB Potsdam bei der oben genannten Podiumsdiskussion vertreten hat. Jedoch tritt hier auch der Nebeneffekt ein, dass hier Rechtskonservativen nicht nur sprichwörtlich ein Podium geboten wird.

Es finden sich zugleich andere Positionierungen von Bibliotheken im Spannungsfeld zwischen Pluralität und Propaganda. Die Staatsbibliothek zu Berlin organisiert im November ein Werkstattgespräch zum Thema “Rechte lesen. Theorien und Ästhetiken der ‘Neuen’ Rechten”, welche im Weiteren eine fundierte wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema erhoffen lässt. Die Wissenschaft schweigt natürlich nicht zu diesem Thema, beispielsweise organisierte die Humboldt-Universität zu Berlin im September eine Feministische Sommeruniversität und subsumiert: “Der Feminismus muss gegen Rechts zusammenhalten.

Erwartungsgemäß haben wir zu diesem Komplex einige Fragen. In der LIBREAS-Ausgabe #35 möchten wir diese sortieren, durchdringen und diskutieren. Der Ausgangspunkt liegt im aktuell verstärkten Sichtbarwerden sogenannter neurechter Literatur. Öffentliche Debatten kreisen häufiger um die Frage, welche Rolle diese Bücher auf Buchmessen und in den Buchhandlungen spielen sollen. Aber selbstverständlich sind auch, und aus ethischer Sicht fast noch herausgeforderter, die Bibliotheken betroffen. Neurechte Titel im Bestand? Neurechte Autor*innen auf die Diskussions- und Lesebühnen? Wenn ja, in welcher Aufstellung, Präsentation, in welchem Umfang, in welchem Kontext? Das treibt mindestens diejenigen Bibliothekar*innen um, die Veranstaltungen organisieren, konkret Erwerbungsentscheidungen treffen oder die per Standing Order eingegangenen Exemplare in die Aufstellung integrieren sollen.

Da aber eine Bestandsaufnahme zur Situation fehlt, wollen wir zunächst allgemein fragen, wie sich diese Konfliktlinie überhaupt im aktuellen Tagesgeschehen und der Erwerbungspolitik der Bibliotheken manifestiert? Eine Rolle kommt dabei auch den externen Erwartungshaltungen an die Bibliotheken durch Träger und mehr noch durch die Nutzer*innen zu.

Die Achse dieser Debatten läuft erstaunlich häufig über die Vorstellung, Bibliotheken seien ein durch und durch neutraler Vermittlungsort für Information und gegebenenfalls Diskurse und Debatten. Die inhaltliche Ausgestaltung hätte sich vor allem an den Bedarfen und Ansprüchen einer Kundschaft auszurichten. Sie wären also radikal als Dienstleister*innen auf einem Markt sich verändernder Nachfragen zu verstehen, die vor dem Hintergrund des jeweiligen Publikationsaufkommens zu bedienen seien. Konsequent gedacht müssten sie daher alles anbieten und abbilden, was legal ist, solange es nur nachgefragt wird. Eine inhaltliche Bewertung und Sichtung findet nur sehr eingeschränkt statt. Wie Hermann Rösch zuletzt im Bibliotheksdienst (52 (2018) 10-11) postulierte, wäre es nur das Gesetz, das durch Verbote einen Rahmen setzt.

Man kann also fragen: Inwiefern und auf welcher Grundlage sind öffentliche (kommunale und wissenschaftliche) Bibliotheken tatsächlich zur sogenannten weltanschaulichen Neutralität verpflichtet? Und wie weit müssen sie gehen, um diese “Neutralität” umzusetzen? Prinzipiell unterliegen Bibliotheken, bei entsprechender Trägerschaft, als öffentliche beziehungsweise staatlich geförderte Einrichtungen, selbstverständlich dem Neutralitätsgebot, welches sich unter anderem von dem im Grundgesetz (Art. 3 I GG) formulierten allgemeinen Gleichheitsgrundrecht ableitet. Aber wie lässt sich dies auf den geschilderten Sachverhalt hin konkretisieren? Ebenso im Grundrecht verankert ist auch die Informationsfreiheit (Art. 5 I 1 2. Var. GG), wonach „jeder“ das Recht hat, „sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten“. Und auch hier stellt sich die Herausforderung der Umsetzung in der Bibliothekspraxis.

Denkt man Bibliotheken aus der benannten Richtung eines betont neutralen und streng an der Nachfrage ausgerichteten Informationsdienstleisters, stellt sich notwendigerweise die Frage, wie dieser Bedarf, wie diese Nachfrage ermittelt wird, wie repräsentativ dies tatsächlich ist und wie widerstreitende Bedarfe zu gewichten sind? Die oft geäußerte allgemeine Ausrichtung am Grundgesetz, die darauf abzielt, dass Bibliotheken eine umfassende Meinungsbildung im Sinne der Informationsfreiheit unterstützen sollen, impliziert zugleich, dass gerade auch die Positionen von Minderheiten erfasst werden müssten, da die umfassende Meinungsbildung eben nur über die Zurkenntnisnahme solcher Positionen möglich ist. Genau dies ist ja die Besonderheit einer pluralistischen Demokratie: Gerade nicht die Herrschaft der Mehrheit sondern eine Repräsentanz und gegebenenfalls auch ein aktiver Schutz von Minderheiten. Nur: Wer bestimmt, wer Mehrheit und wer Minderheit ist, wer besonderen Schutz und wer eine spezielle Repräsentanz benötigt? Ein rhetorischer Schachzug vieler neurechter Vertreter*innen ist es, diesen Ausgleich auszuhebeln, indem sie sich als diskriminierte Minderheitenposition einer vermeintlichen (schweigenden) Mehrheit ausgeben. Dies ermöglicht ihnen, Grundlagen und Institutionen eines demokratischen Systems zu instrumentalisieren, um genau diese Grundlagen und Institutionen nach ihren Interessen umzugestalten. Das alles ist bekannt und leicht durchschaubar und trotzdem teils sehr wirkungsvoll. Ihre – vorübergehende – Stärke liegt darin, dass das System der demokratischen Öffentlichkeit, wozu auch die Bibliotheken zählen, bisher kaum Strategien besitzt, die dadurch hervorgerufenen Verunsicherungseffekte ab- und aufzufangen.

Und entsprechend müssen sich auch Bibliotheken fragen, wie sie mit Positionen umgehen, die implizit oder explizit die Zulässigkeit anderer Positionen aktiv in Frage stellen, die jedoch zugleich in der Logik einer pluralistischen und Meinungsvielfalt fördernden Basis von Öffentlichkeit entstanden sind und die institutionalisierten Kanäle nutzen, um genau diese Basis aufzubrechen? Karl Poppers berühmtes Toleranz-Paradoxon wird plötzlich Zentralkonzept öffentlicher Debatten und eine Herausforderung für bibliothekarische Fachdiskussionen.

Daher lässt sich zwangsläufig im Kontrast zum (vermeintlichen) Neutralitätsanspruch auch zumindest fragen, ob Bibliotheken nicht parallel die Grundlagen von Öffentlichkeit mitvermitteln müssten, also ein übergreifendes Verständnis für die Struktur von Debatten und Diskursen, die Rolle und die Entstehungsbedingungen von Publikationen und die damit verbundenen Ideen und möglichen Folgen? Stehen Bibliotheken in der Verantwortung, Metakompetenzen zur Teilhabe an der Öffentlichkeit in ihrem Vermittlungsauftrag zu berücksichtigen? Zu diesen würde notwendig auch die Kommunikation ihres Selbstverständnisses zählen, die transparent werden lässt, weshalb bestimmte Titel und Positionen in den Angeboten auftauchen und weshalb andere möglicherweise fehlen. Also genereller: Sollen, wollen oder können Bibliotheken Institutionen der politischen Bildung sein?

So wird ein Gegenmodell zur reinen Dienstleistungsposition denkbar, nach dem sich Bibliotheken dezidiert als normative Institution mehr mit einem politischen bzw. Bildungs- denn einem Informations- und Dienstleistungsauftrag verstehen. Aber wie würde, könnte, sollte dies konkret aussehen? Ist solch eine Rolle in den Rahmenbedingungen und besonders auch in der Berufsausbildung überhaupt angelegt oder anlegbar? Und darüber hinaus ist zu fragen, ob Bibliotheken selbst als Akteure in den Debatten auftreten und Position beziehen sollten? (Viele tun dies nachweislich bereits.)

Wir möchten die Grenzen normativer Praxis im Bibliotheks- und Informationsbereich thematisieren. Dass ein Bibliotheksgesetz fehlt, welches einheitlich verbindliche Regelungen für Entwicklungen im Bibliothekswesen formulieren könnte, lässt Spielräume und überträgt die Aufgabe, sich hier aufzustellen, den einzelnen Einrichtungen. Ob dies eine Schwäche (mangelnde Verbindlichkeit) oder eine Stärke (im Sinne des Pluralismus) darstellt, wäre ebenfalls ein interessanter Diskussionspunkt. In jedem Fall wäre gerade der Bibliothekspraxis geholfen, überhaupt eine systematische Grundlage für mögliche normative Leitlinien zu haben – ein Auftrag auch an die Bibliothekswissenschaft. LIBREAS ruft entsprechend auch dazu auf, dafür relevante Quellen zu identifizieren, zu erläutern und nachzuweisen.

Im Prinzip erstaunt es, dass das Thema nach der normativen Ausrichtung von Bibliotheken nicht öfter Gegenstand von Bibliothekstagen, Themenheften der Fachzeitschriften oder auch bei LIBREAS ist. In den Ausgaben #19 Zensur und Ethik und in der #22 Recht und Gesetz beschäftigten wir uns immerhin bereits mit verwandten Themenkomplexen. In der kommenden Ausgabe wollen wir konkret den aktuellen Diskurs zum Umgang mit neuer rechter Literatur und der Positionierung von Bibliotheken in der aktuellen politischen Lage adressieren.

Wir wollen also erfahren: Wie positionieren Sie sich, wie positioniert ihr euch in dieser Debatte und welchen Umgang mit diesem Thema haben Sie/habt ihr mit Ihrer/eurer Einrichtung gefunden? Auf welche (historischen) Narrative und Paradigmen kann in diesem Kontext Bezug genommen werden? Gibt es internationale Parallelen?

Wir rufen dazu auf, Beiträge zu diesem Themenkomplex einzureichen, wobei wie immer sowohl Berichte aus der Praxis als auch theoretische Auseinandersetzungen in jedem Format (Essays, künstlerische Auseinandersetzungen, Abschlussarbeiten et cetera) willkommen sind. Wir freuen uns auch über Einreichungen aus Institutionen, die sich per Funktion mit diesem Themenkomplex befassen wie Gedenkstätten- oder politisch/historisch ausgerichtete (Forschungs-)Bibliotheken. Gerne unterstützen wir Sie/euch beim Verfassen der Texte oder diskutieren Ideen für Beiträge. Einreichungsschluss ist der 31.03.2019. Beitragsvorschläge und Beiträge bitte an redaktion@libreas.eu. Wir freuen uns und sind sehr gespannt.

Eure / Ihre Redaktion LIBREAS. Library Ideas

(Berlin, Chur, Dresden, Hannover, München im November 2018)


[1] Der Zusatz ‘neu’ wird in der wissenschaftlichen Diskussion teilweise abgelehnt, da aktuelle rechte Literatur oftmals auf ältere Texte verweist und sich somit an alte Diskurse anschließt. Im Folgenden verstehen wir unter ‘rechts’ zusammenfassend rechts-konservatives, rechts-extremes und rechts-revolutionäres Denken.

Berlin – Ecke Queen Street. Eine Ansichtskarte.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 18. November 2018

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

Eine kleine überraschende Ergänzung unserer im LIBREAS.Tumblr – viel zu wenig – gepflegten Serie Berliner Bibliotheken fand sich unlängst in einem Ordner mit älteren Ansichtskarten und das ist naturgemäß zu schön, um nicht auch hier verzeichnet zu werden. Wie bei solchen Fundstücken üblich, sind die Wege, die sie über die Jahre – in diesem Fall immerhin schmale 111 davon – nahm, kaum rekonstruierbar. Ausgenommen von dieser Einsicht ist die erste Etappe, da es zum postalischen Gebrauch gehört, in solche Kommunikationsträger auch entsprechende Metadaten einzuschreiben – also Adresse, Datierung und Poststempel. Dadurch wird es uns möglich, sie auch heute noch eine Lektüre zu unterziehen, die freilich verwaschen bleiben muss. Denn zahlreiche Rahmenangaben für die Analysekette Wer-was-wann-wie-wo-warum? sind nicht ermittelbar und werden es mutmaßlich nie mehr sein.

Ansichtskarte - Berlin, Ontario, Public Library

King Edward schaut wie auf diese Bibliothek: Eine Ansichtskarte aus Berlin, Ontario.

Was wir unschwer sehen: Eine Madame Verret aus Quebec – und zwar Quebec City bzw. besser noch Ville de Québec entschied sich, diese Karte aus dem Sortiment des so jungen wie nach einem Brand mit Totalverlust im Jahr 1904 gebeutelten Druckhauses Warwick Brothers & Rutter, Ltd. aus Toronto zu nutzen, um einem Jules Bellard zu schreiben, in die Kleinstadt Argentan (Orne), das Textilhistoriker*innen möglicherweise wegen seiner Spitze bekannt ist, dem so genannten Dentelle-d’Argentan-Muster, kräftig, floral, robust, ein Favorit von Louis XV und danach bald weitgehend vergessen, außer in Argentan natürlich, wo heute im Museum ausführlich an diese ruhmreiche Facette der Stadtgeschichte erinnert wird.

Nach Argentan also reiste die Karte, in die Hausnummer 4 der rue [de la] Chaussee, in der sich heute ein Fachgeschäft für Mobiltelefonie befindet, nur indirekt ein Gruß und mit dem ausdrücklichen Zweck offenbar der Übermittlung der Postanschrift von Madame Verret an diesen Jules. Wer Madame Verret schreiben wollte, der schrieb an die 172 rue Richelieu in Quebec Can., vermutlich angesichts der Lage im Quartier Faubourg Saint-Jean bereits zu dieser Zeit keine schlechte Adresse und heute Standort eines wuchtigen Appartementhauses jüngeren Baujahrs und damit für die Rekonstruktion der sozio-postalischen Spuren eine Sackgasse namens Tandem – Condos sur Cor.

Der Bezug von Madame Verret zur Carnegie gestifteten öffentlichen Bibliothek in Berlin, Ontario bleibt dagegen wie heute die Rue Richelieu 172 weitgehend im Schatten und möglicherweise ist in diesem auch gar nicht übermäßig viel zu entdecken. Es könnte auch schlicht eine Motivwahl aus Zeitgeist gewesen sein. Die Bibliothek in Berlin war nämlich ein Schmuckstück ihrer Zeit, noch sehr jung – im Januar 1904 als eine von elf ihrer Art in der Region eröffnet – und besonders üppig mit Mitteln in Höhe von 24.500 $ durch eben die Carnegie Foundation gefördert.

Interessanterweise stellte man aber 1907 fest, dass der Bau für den Bibliotheksbetrieb wenig optimal war. Sie schien schnell zu klein für eine aufstrebende Kommune mit 10.000, bald 15.000 Einwohnern. Und war vor allem zu feucht, so dass der Keller nicht für Bibliothekszwecke nutzbar war. Es blieb offenbar aus gutem Grund der erste und der letzte Bibliotheksbau des in Mannheim, Warterloo County geborenen Architekten Charles Knechtel (1869-1951), der glücklicherweise den Abriss des Gebäudes im Jahr 1963 nicht mehr erleben musste, wohl aber die Schmach einer Art Rettungsumbaus. James Bertram, Privatsekretär von Andrew Carnegie, äußerte sich in einem Brief an den Ontario Inspector of Public Libraries, Walter R. Nursey, später, als Charles Knechtel längst mit der Planung von Schulen, Kirchen und Fabriken anderswo befasst war, mit einer bemerkenswert brutale Einschätzung zum Gebäude:

“[T]he Berlin bilding [sic] is one of the most short sighted planned bildings of which I have ever seen the plans. It is cut in small areas and the balcony feature could only have been introduced under the belief that money was no object as it is absolutely unnecessary and entails expenditure of money without any return whatever.” (zitiert nach Beckman, Landmead, Black, 1984, S. 52)

Nachvollziehbar frustriert mit den Vorgängen in Berlin blockte James Bertram eine ganze Weile resolut alle Anfragen des Berlin Library Boards nach weiteren Zuschüssen für eine Neugestaltung und Erweiterung des Gebäudes ab, bis er dann schließlich doch durch die regelmäßigen Anfragen von W.H. Breithaupt, Vorsitzender des Library Board Building Committee, erweicht genug war, um nochmals 12.900 $ bereitzustellen, möglicherweise besonders motiviert durch die Tatsache, dass auch die Stadt Berlin eine erhebliche Summe beisteuerte. Im Februar 1916 wurde, verzögert auch in diesem Berlin durch den Ersten Weltkrieg, die umgebaute und erheblich erweiterte Bibliothek, jetzt mit einer Kinderbibliothek und trockenem Keller, wieder eröffnet. Auch James Bertram zeigte sich nun zufrieden. Im gleichen Jahr, auch eine Folge des Ersten Weltkriegs, benannte man Berlin in Kitchener um, als Würdigung des gerade vor den Orkney Inseln mit 736 weiteren Menschen mit der HMS Hampshire nach deutschem Minenschlag ertrunkenen britischen Feldmarschalls Lord Horatio Kitchener, der unter anderem für die Strategie der “verbrannten Erde” und das Konzept der Konzentrationslager berühmt geworden war. Parallel wurde übrigens in Australien das Gebäckstück namens “Berliner”, das wir in Berlin Pfannkuchen nennen, in Kitchener Bun umgetauft und zum Beispiel auch die Siedlung Friedensthal, South Australia in Black Hill, alles kurios und zugleich eine Erinnerung daran, wie sehr zeitpolitische Symbolentscheidungen auch in der Vergangenheit häufig grotesk und furchtbar waren.

Die nun Kitchener Public Library erfüllte jedenfalls ihren Zweck bis in die 1960er Jahre. Mittlerweile war die Bevölkerung der Stadt auf über 70.000 angewachsen und entsprechend willkommen war der ganz in der Nähe von Kitcheners wichtigsten Architekten dieser Jahre, nämlich Carl Rieder, entworfene flache und sehr moderne Neubau der Main Library an der Queen Street, der im Mai 1962 eröffnet wurde. Für die Kunst am Bau beauftragte man den Maler Jack Bechtel mit einem Wandbild, das zu seiner vielleicht bekanntesten Arbeit werden sollte. Die fast vier mal zehn Meter große in erdigen Tönen gestaltete Darstellung für den Lesesaal zeigt, zum Lichte empor, das Streben des Menschen nach Wissen, heißt passend auch “Enlightenment” und entstand 1963 in der bereits eröffneten Bibliothek und zwar etappenweise in den Nachtstunden.

Den Knechtel-Bau, der wahrscheinlich nie so genannt wurde, ebnete man kurz darauf ein und irgendwann später erwuchs an seiner Stelle ein brutalistische Züge tragendes Gebäude namens The Commerce House Office Tower. Die Berliner Bibliothek blieb die einzige der elf Carnegie-Bibliotheken in der Region Waterloo, die abgerissen wurde. Allerdings verschwand im benachbarten Guelph 1964/65 ein auf den ersten Fassadenblick noch deutlich eindrucksvollerer Carnegie-Bibliotheksbau (von William Frye Colwill).

Mittlerweile verschob sich erwartungsgemäß der Blick auf das bibiotheksarchitektonische Erbe des Andrew Carnegie soweit, dass so gut wie verbliebenen Häuser im Focus des Denkmalschutzes stehen. Für Berlin-Kitchener kommt das zu spät. Aber da Madame Verret sich im September 1907 entschied, ihre Adresse auf eine Bibliotheksansichtskarte von Warwick Bros & Rutter zu schreiben, deren Programm allein die Public Library von Berlin mindestens vier Mal aufwies, und möglicherweise sogar unterfrankiert ins Vorkriegseuropa zu schicken (eine portohistorische Prüfung steht noch an) bleibt sie uns als Berlin Public Library zumindest per Bildzeugnis erhalten.

(Berlin, 18.11.2018)

Literatur

Beckman, Margaret; Landmead, Stephen; Black, John: The Best Gift: A Record of the Carnegie Libraries in Ontario. Toronto, London: Durndurn Press, 1984