LIBREAS.Library Ideas

Bibliotheksgeschichte aktuell: Ein Blick auf Rafael Ball und Ideen zur Literaturversorgung im Jahr 1997.

Posted in LIBREAS.Debatte by Ben on 11. Februar 2016

Eine Anmerkung von Ben Kaden (@bkaden)

Man ist geneigt, in Rafael Ball, den Direktor der Bibliothek der ETH Zürich, nach seinen jüngsten Äußerungen einen nur mit begrenzter Bodenhaftung ausgestatten Radikaldenker des zeitgenössischen Bibliothekswesens zu sehen. Im Prinzip folgt er jedoch, und auch das muss man anerkennen, einer bibliothekstheoretischen Ideenwelt, die einmal sehr progressiv war. (Und, wir erinnern uns, gegen massive Vorbehalte ankämpfen musste.)

Deutlich wird dies ein wenig beim Blick in die Bestände mit Ausgaben der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Er verfasste für die Zeitung über einige Jahre nämlich mehr als 50 Artikel zu diversen Wissenschafts- und Bibliotheksthemen. In diesem journalistischen Schaffen lassen sich unschwer die Vorläufer dessen erkennen, was seine aktuellen Äußerungen heute motiviert. (more…)

Open Access zerstört die Wissenschaft. Meint Urs Heftrich in der FAZ.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Debatte by Ben on 5. Februar 2016

Eine Anmerkung zu: Urs Heftrich: Studieren geht über kopieren. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.02.2016, S. 14. online bei faz.net

von Ben Kaden (@bkaden)

Auch an einem schönen Freitag wie diesem gibt es manchmal traurige Nachrichten. In der FAZ nämlich meldet der Heidelberger Slavist Urs Heftrich: “Open Access macht alles kaputt – die Verlage, die Bücher, die Wissenschaft”. Das kann man erstmal so stehen und wirken lassen und sich an die seit Jahren verkündeten Untergangsentwürfe von Roland Reuss und Matthias Ulmer erinnern. Zweiterer gehört nämlich auch in diesen Kontext, da Urs Heftrich seinen Feuilleton gewordenen Albdruck mit dem mittlerweile berühmten Fall der elektronischen Leseplätze an der TU Darmstadt eröffnet.

Heute, so rechnet der Autor vor, können sich Studierende für den Preis eines USB-Sticks, den er bei fünf Euro ansetzt, 400.000 Seiten Digitalisat in die Tasche stecken, “hinter denen die oft jahrelange Arbeit mehrerer Personen steckt”, was auch immer das heißen mag. Aber nicht nur das. In Urs Heftrichs dystopischer Mediennutzungswelt werden diese Seiten dann von den Studierenden umgehend auf Filesharingseiten angeboten. Und dann? Na ja, dann rollt die “Lawine”, die wohl dafür sorgen wird, dass niemand mehr geisteswissenschaftliche Fachliteratur kauft, weil es so viel Freude bereitet, aus dem Internet schwarz heruntergeladene Scans zu lesen… (more…)

Stellungnahme des Vorstands des LIBREAS e.V. zur angekündigten Schließung der Düsseldorfer Informationswissenschaft.

Posted in LIBREAS aktuell by libreas on 21. Januar 2016

Mit großem Erstaunen musste der Vorstand des LIBREAS-Vereins zur Kenntnis nehmen, dass die Philosophische Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf das Fach und den Studiengang der Informationswissenschaft als entbehrlich ansieht. (vgl. hier) Wir halten diese Sicht für einen großen Fehler.

Bereits der tägliche Blick in die Zeitungen – auch in die gedruckten – offenbart vor allem eines: Die Gesellschaft, ihre Diskurse, ihr ökonomisches Fundament, ihre kulturelle Verständigung und ihr Erkenntnisprogramm namens Wissenschaft sind mehr und mehr digitalisiert. Man kann das mögen oder nicht, es ist ein unausweichbarer und unumkehrbarer Trend, der gerade deshalb umso mehr gestaltet werden muss. Besonders die gegenwärtige Hilflosigkeit vieler Akteure auch in der Wissenschaft im Umgang mit dieser Transformation unterstreicht, wie notwendig es ist, sich systematisch, analytisch, verstehend und erklärend mit digitalen Phänomenen auseinanderzusetzen, um die Rahmenbedingungen und Entwicklungen adäquat begleiten zu können.

Gäbe es für diesen Erkenntniskomplex keine Wissenschaft, müsste man eine erfinden. Glücklicherweise gibt es ein Fach, das bereits mit einiger Tradition als Schnittstellendisziplin genau die Agenda zu adressieren in der Lage ist, deren Wucht erst jetzt deutlich wird. Man kann die Community der Informationswissenschaft zu Recht dahingehend kritisieren, dass sie diese Rolle bislang nicht zureichend zu kommunizieren verstand. Man kann bzw. muss sich wünschen, dass sie zukünftig aktiver, kritischer und engagierter bestimmte Fragestellungen angeht und zum Beispiel die Idee der Informationsethik wieder belebt. Was man gerade nicht kann bzw. sollte, ist, sie abzubauen.

Die anstehende Düsseldorfer Entscheidung einer Schließung scheint uns ungeachtet eventueller interner organisatorischer Überlegungen als ein zeit- und wissenschaftsblindes Signal. Es ist aus unserer Sicht nicht vermittelbar, warum man anstatt eine derart zeitgemäße Disziplin weiter aufzuwerten, auszubauen und die offensive Neupositionierung des Faches anzugehen, eine Schließung überhaupt ins Auge fasst. Der Wissenschaftsstandort Düsseldorf verspielt hier leichtfertig eine Chance.

Möglicherweise gegebene Sparzwänge sind sinnvollerweise und zwar nicht zuletzt auch aus volkswirtschaftlichen Gründen, sachlich reflektiert und nicht rein fiskalisch motiviert umzusetzen. Was im Jahr 2016 sachlich für den Abbau einer Disziplin spricht, die die Themen der Stunde adressiert, wurde bisher nicht kommuniziert.

Der LIBREAS. Verein zur Förderung der bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Kommunikation appelliert an die Weitsicht und Vernunft des Fakultätsrates der Philosophischen Fakultät sowie des Rektorats der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, die für den kommenden Dienstag geplante Entscheidung auszusetzen und grundsätzlich zu überdenken.

Berlin, den 21.01.2016

(Die Stellungnahme wird postalisch an den Dekan der Philosophischen Fakultät,Prof. Dr. Ulrich Rosar, sowie an die Rektorin der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Prof. Dr. Anja Steinbeck, übermittelt.)

Kindheitswelten: Peanuts, Bibliotheken und Bürokratie

Posted in Die Bibliothek in der Literatur, LIBREAS.Feuilleton by libreas on 11. Januar 2016

von Juliane Waack (@Jules_McCloud)

Nach einem willkommenen Weihnachtsgeschenk in Form eines Bandes zur Geschichte der Charles-Schulz-Comics (Chip Kidd et al. (2015): Only what’s necessary: Charles M. Schulz and the art of Peanuts. New York: Abrams Comic Arts)  und einer daraufhin ausgiebigen Reise in die zahlreichen Lebenswelten des Cartoon-Strips stolperte ich alsbald über die nicht unerhebliche Zahl an Peanuts-Cartoons, in denen die Bibliothek und ihre Nutzung eine tragende Rolle spielen, sei es nun das Lesen von Büchern, das Konzept der Bibliothek oder der heißgeliebte Bibliotheksausweis, die Peanuts – wie wohl jedes andere prädigitale Kind – gingen zur “Bibo”.

Lesekultur der Peanuts (aus: Only what's necessary)

Leider enthält das wunderbare Comic-Geschichtsbuch “Only what’s necessary” keinen der Bibliotheks-Strips der Peanuts. Die Handlung des Lesens ist jedoch allgegenwärtig, so auch in diesen beiden Reihen aus der Peanuts-Frühzeit des Jahres 1950. (aus dem zitierten Band)

Und auch im für Schulz sicherlich konkurrierenden, für Fans jedoch eher korrelierenden Calvin-and-Hobbes-Universum von Bill Watterson muss man nicht lange suchen, um die Vor- und Nachteile der Bibliothek als eine Lebenswelt des Kindes zu finden. Interessanterweise hebt sich in beiden Comicstrips ein ganz besonderes Thema hervor: die Idee der freien Nutzung der Bücher, die Mahngebühren und die Angst vor den mahnenden Bibliothekar/innen. Während Linus sich wundert, was die Bibliothek mit dem kostenlosen Verleihen der Bücher wohl im Schilde führt, schreibt ein verzweifelter Charlie Brown der Bibliothekarin, dass sie doch nicht seine Eltern einsperren möge, nachdem er ein Buch verloren hat. Auch Calvin erwartet die größte Folter und bemerkt – nachdem seine Mutter (im Gegensatz zu den Peanuts immer präsent) ihn über die tragbaren Mahngebühren aufgeklärt hat – trocken: “Nachdem mich die Bibliothekar/innen so angeschaut haben, habe ich irgendwie mit Schlimmerem gerechnet.”

Zugegeben, sowohl Calvin and Hobbes als auch die Peanuts erleben mehr als nur die Mahngebühren in ihrem Alltag mit der Bibliothek, doch wenn ich mich selbst an meine Kindheit erinnere, fällt mir ebenso die heißglühende Beklemmung ein, sich der verzögerten Buchrückgabe stellen zu müssen. Vielleicht ist es gar nicht so weit hergeholt, die Bibliothek als ersten (kindlichen) Ort zu wähnen, in dem ein Kind mit den Strukturen der Bürokratie – vom Ausweis bis zum Bußgeld – in Kontakt kommt. Während versäumte Fristen zuhause eher Standpauken oder genervte Eltern zur Folge haben, gibt es in der externen Lebenswelt einen ganzen Apparat (oftmals in Form von scheinbar Furcht einflößenden Respektpersonen ergo Bibliothekar/innen), der das Versäumnis ahndet und strikte Regeln zur Tilgung der “Schuld” aufstellt, der man sich eher selten entziehen kann. Selbst in der Schule erscheint das Vergessen der Hausaufgaben oder der verpatzte Test etwas zu sein, das letzten Endes im Elternhaus “vor Gericht” kommt. Nur die Bibliothek entzieht sich der rein familiären Schuld-und-Sühnefrage und stellt selbst für die minderjährigen Nutzer konkrete Regeln auf, die streng zu befolgen sind.

Warum sich der Gang in die Bibliothek dennoch lohnt, wird sowohl bei den Peanuts als auch Calvin and Hobbes klar: eine Unabhängigkeit des Wissens sowie durch das Wissen. Sally ist ganz überwältigt, dass es diesen Ort gibt, an dem man ihr – einem kleinen Mädchen – einfach so ein Buch über Sam Snead (ein Golf-Star der 1940er Jahre) aushändigt, während Calvin in einer Strip-Reihe versucht, “verbotene” Lektüre über die Bibliothek zu beziehen (über hausgemachte Bomben, Schimpfwörter und Graffiti). So kann die Bibliothek mit einigem Biegen und Brechen sehr wohl als Raum und Metapher des Erwachsenwerdens gesehen werden: mit den gewonnenen Freiheiten gehen auch neue Verantwortungen einher und die Unabhängigkeit bedeutet auch immer ein Stück Unsicherheit, wenn es um die Konsequenzen des eigenen Handelns geht.

Das Kunst-Buch als Objekt.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 8. Januar 2016

Karsten Schuldt

Zu: Cella, Bernhard ; Findeisen, Leo ; Blaha, Agnus (Hrsg.): NO-ISBN: on self-publishing. Wien: Salon für Kunstbuch ; Köln: Buchhandlung Walther König, 2015. ISBN: 978-3-86335-818-1

 

I.

„NO-ISBN“ (ein Buch, dass ironischerweise eine ISBN hat) gibt einen Einblick in die Praxis der Selbstpublikation, vorrangig von Künstlerinnen und Künstlern, die Bücher als Teil ihrer Kunstpraxis erstellen und vertreiben. Die Grenzen dieser Praxis sind fliessend, insoweit gibt es auch zahlreiche Verweise zu anderen Praktiken des Selbstpublizierens, insbesondere aus politischen Gründen.

Ausgangspunkt des Buches ist der Salon für Kunstbuch den Bernhard Cella in Wien betriebt – als Ort, der als Art sozialer Skulptur das Abbild eines Buchladens darstellt, aber auch als Salon für zeitgenössische Kunst wirkt. Im Salon versammelt Cella – „versammeln“ als Begriff bietet sich an, da das Buch durchzogen ist von Verweisen auf Bruno Latour – Kunstbücher, dass heisst Bücher, die von Künstlerinnen und Künstlern als Teil ihrer Kunstpraxis hergestellt werden. Dabei handelt es sich nicht um Kataloge, sondern um eigenständige Werke. Die Diskussion dieser Praktiken in „NO-ISBN“ stellen klar, dass es bei diesen Büchern nicht per se um das Buch als Informationsträger geht, sondern zum Beispiel um das Buch als Objekt, um das Material, das für das Buch verwendet wird, um den Prozess des Buchmachens als künstlerischen Akt oder auch, beziehungsweise gleichzeitig, als widerständiger Akt, der alternative Produktionsziele und -wege etabliert und andere Distributionswege eröffnet. (more…)

Jubiläumsausgabe #28: Die Bibliothek als Idee der LIBREAS. Library Ideas erschienen

Posted in LIBREAS aktuell by Karsten Schuldt on 28. Dezember 2015

cover28

Zur Tradition der LIBREAS. Library Ideas gehört, dass am Ende, bei der Veröffentlichung der Zeitschrift, alles noch ein wenig länger dauert als geplant. Insoweit ist es nur passend, dass die Jubiliäumsausgabe zum 10. Jahr LIBREAS erst jetzt, zwischen den Jahren, erscheint. Grundlage der Ausgabe ist das Symposium zu diesem Termin im September 2015 in Berlin zum Schwerpunkt “Die Bibliothek als Idee” stattfand. Auch die anderen Artikel der Ausgabe beschäftigen sich mit diesem Thema. Am Ende ist es eine erstaunlich interdisziplinäre Ausgabe geworden, über die wir als Redaktion sehr froh sind und hoffen, dass sie Ihnen / Euch als Leserinnen und Leser ebenso anregt.

Redaktion LIBREAS

(Berlin, Bielefeld, Chur, München)

LIBREAS #29 – „Bibliographien“. Call for Papers

Posted in LIBREAS Call for Papers by libreas on 10. November 2015

Ausgangssituation
Es scheint, als würdigte man die Praxis des Bibliographierens heute lange nicht mehr so wie noch vor einigen Jahrzehnten. Lange galten Bibliographien als eine wesentliche Informationsinfrastruktur der einzelnen Wissenschaftsfelder. Entsprechend groß war der Aufwand und Personaleinsatz für ihre Erstellung. An der Erstellung von Bibliografien waren sehr viele Akteure beteiligt – Akademien etwa für Fachbibliographien, Bibliotheken für National- und Regionalbibliographien oder auch kommerzielle Anbieter wie Verlage oder Antiquariate. Heute scheinen Bibliografien, wo sie überhaupt noch von Institutionen gepflegt werden, eine nachgeordnete Nebenaufgabe zu sein. Aus dem Fachdiskurs wurden sie längst durch andere Themen verdrängt. Die DNB verzeichnet unter dem Schlagwort „Bibliografie“ die drei jüngsten Publikationen für das Jahr 2013. Das bestätigt den Trend, den Dirk Wissen 2008 in seiner breit angelegten Studie zur „Zukunft der Bibliografie – Bibliografie der Zukunft“ ermittelte. (Berlin: Logos, 2008) Das Verzeichnen des Schrifttums verliert angesichts der Durchsetzung digitaler Medialität an Bedeutung. Die Zukunft muss mit direkter Volltexteinbindung, interaktiv multimedial, Domänen übergreifend und dynamisch gedacht werden, weshalb man von Medio- und Wikigrafien sprechen wird. So jedenfalls die These von vor acht Jahren.

Definition
Das Bibliographieren lässt sich bekanntlich traditionell definieren als systematischer, bestandsunabhängiger Nachweis (wissenschaftlicher) Literatur zu bestimmten mehr oder weniger eng umrissenen Themen, Regionen, Publikationsformen, Personen und vielem mehr. Ein dezidierter Mehrwehrt gegenüber klassischen Bibliothekskatalogen war und ist die Verzeichnung bibliographisch unselbständiger Publikationen wie Zeitschriftenartikeln und Sammelbandbeiträgen – häufig auch mit dem Anspruch auf Vollständigkeit. Ebenso zeichnen sich Bibliographien in vielen Fällen durch eine differenzierte Sacherschließung berücksichtigter Literatur aus. Neben den bereits erwähnten typischen Formen Nationalbibliographien, Regionalbibliographien (Landes-/Kantonsbibliographien) und Fachbibliographien, sind auch Spezialbibliographien und Personalbibliographien nicht selten. Ebenso wurden beispielsweise Bibliographien zu Bibliographien mehr als einmal herausgegeben. Details kann man unter anderem sehr schön in dem 1999 zum sechsten Mal und zugleich letztmalig aufgelegten Handbuch der Bibliographie von Friedrich Nestler (Stuttgart: Hiersemann) nachlesen.

Mehrwerte und Widersprüche
Heute mutet der Status von Bibliographien jedoch relativ ungeklärt an, insbesondere der von wissenschaftlichen Fachbibliographien. Grundsätzlich scheinen viele Fachdisziplinen ihre Bibliographien weiterhin zu schätzen, gleichzeitig wird es durch die zunehmende Projektorientierung der Wissenschaften immer schwieriger, die Arbeit an diesen nachhaltig zu finanzieren. Die gegenwärtige Transformation der Sondersammelgebiete auf Fachinformationsdienste, für die sich Bibliotheken regelmäßig mit neuen Konzepten bewerben müssen, ist nur ein sichtbares Beispiel dafür. Durch diese wird die projekthafte Organisation der Wissenschaft auf die Erwerbungspolitik übertragen: Die Erwerbung von Medien scheint immer mehr auf den aktuellen Bedarf ausgerichtet zu sein, obwohl Wissenschaft immer auch darauf angewiesen ist, Literatur mit einer langfristigen Sammlungsperspektive zu nutzen – ansonsten kann sie nicht (oder nur mit hohem finanziellen Aufwand) auf vorhandenem Wissen aufbauen. Dennoch scheint die Strategie einer vollständigen Sammlung und Vorhaltung des gesamten potentiell für die Wissenschaft relevanten Publikationsaufkommens zugunsten einer konkreten Nachfrageorientierung aufgegeben zu sein. Sind Bestände jedoch nur noch verstreut verfügbar, müsste eigentlich die Bedeutung der Literaturdokumentation zunehmen.

Ein Mehrwert von Bibliographien für die Leser/Rezipienten war bislang, den Aufwand für die systematische Kenntnisnahme von Literatur möglichst gering zu halten. Daraus ließe sich als These ableiten: Gerade in Zeiten projektorientierter Wissenschaft und damit auch einer projektorientierten Bestandserwerbung ist es umso wichtiger, einen bestandsunabhängigen, möglichst vollständigen Nachweis wissenschaftlicher Literatur zu haben.
Dieser Widerspruch tritt zu einer Zeit auf, in der technische Entwicklungen auch andere Fragestellungen für die bibliographische Praxis aufwerfen. Mehrere Projekte versuch(t)en sich beispielsweise an automatischen Formen der Sacherschließung. Sie versprechen, den Prozess der Erschließung – der auch für die Bibliographien notwendig ist – effektiver sowie personal- und kostengünstiger zu gestalten. Außer den geringeren Kosten verbindet sich mit den automatischen Verfahren weitere Versprechen: Ein Beispiel ist die Nutzung moderner Informationstechnologien, um Bibliographien Teil des Semantic Web werden zu lassen. Im Kontext der Diskussionen um die Bibliothek 2.0 wurde das Social Cataloging als eine zukunftsträchtige Entwicklung beschrieben. Das kollaborative Erschließen galt als ein möglicher Ersatz von zentralen, institutionalisierten Redaktionen. Obwohl die Bibliothek 2.0 kaum noch als Begriff benutzt wird, ist diese Frage weiterhin relevant: Bei Fachbibliographien wird der kollaborative Ansatz bis heute mit offenem Ausgang in Bezug auf ihre Nachhaltigkeit und Qualität erprobt.

Akteurinnen, Akteure und ihre Arbeitspraxis / mögliche Fragestellungen
Was bei diesen Projekten oft nicht reflektiert zu werden scheint, ist die konkrete Arbeitspraxis des Bibliographierens: Wer bibliographiert eigentlich? Mit welcher Ausbildung und Zielsetzung? Was passiert beim Bibliographieren?
Interessant ist zum Beispiel die Frage nach Status und Professionalität der Bibliographierenden: Auf der einen Seite haben sie durch die Arbeit des Selektierens, Kategorisierens, Erfassens und Beschreibens eine selten thematisierte Macht über die Wissensproduktion, auf der anderen Seite scheint ihr Status innerhalb der Wissenschaft als Hilfsarbeit beigeordnet. Dies erinnert an die gegenwärtig verhandelten Fragen, um den Status den die Produktion und Veröffentlichung von Forschungsdaten hat. Es könnte sich demnach lohnen, Parallelen zwischen Bibliographieren und Erhebung von Forschungsdaten als Teile des Forschungsprozesses herauszuarbeiten. Obwohl die Situation bei National- und Regionalbibliographien durch ihre institutionelle Anbindung an Bibliotheken gesichert erscheint, lassen sich auch bei ihnen ähnliche Fragen stellen: Was ist ihr Status? Von wem werden sie wofür genutzt? Definieren sich Nationen über Nationalbibliographien? Definieren sich Nationalbibliotheken über ihre Nationalbibliographien? Was schließen sie ein und was schließen sie aus?
Ebenso ist denkbar, eine historische Perspektive über aktuelle bibliographische Konzepte und Arbeitspraxen hinaus einzunehmen: Wer hat wann und wieso mit welchen Ergebnissen bibliographiert? Eine erste Aufzählung wären Akademien, Bibliotheken, Institute, Verlage, einzelne Forschende. Doch was unterscheidet diese von unterschiedlichen Einrichtungen erstellten Bibliographien und was verbindet sie? Was lässt sich daraus für die Gegenwart und Zukunft des Bibliographierens lernen? Beim Bibliographieren wird dem Anspruch nach umfassend und möglichst vollständig erschlossen. Gleichzeitig heißt bibliographieren auch immer auswählen, aussparen und ordnen. Die Wissenschaftsforschung, beispielsweise die Akteur-Netzwerk-Theorie im Anschluss an Bruno Latour, (Reassembling the Social. An Introduction to Actor-Network-Theory. Oxford: Oxford University Press. 2005) geht bekanntlich davon aus, dass die Infrastruktur, an und mit der Wissen produziert wird, einen Einfluss darauf hat, was überhaupt gefragt und geforscht werden kann. Werden Bibliographien als Teil dieser Infrastruktur verstanden, dann haben sie auch einen Einfluss auf die Wissenschaften, in denen sie genutzt werden. Spannend wäre zu untersuchen, wie genau sich dies realisierte, was an Forschungsfragen durch Bibliographien möglich und unmöglich wurde. Sind inter- und transdisziplinäre Inhalte wohlmöglich weniger verfolgt worden? Und schließlich ist das Bibliographieren auch ein Teil jedes Forschungsprozesses selbst, wie sich mittlerweile unter anderem unschwer an der weiten Verbreitung von Literaturverwaltungssoftware ablesen lässt. Wie verändert sich dieser Forschungsprozess und das, wenn man so will, Gebrauchsbibliografieren, wenn nicht mehr auf bestehende Bibliographien zurückgegriffen werden kann?

Für die Ausgabe #29 der LIBREAS. Library Ideas suchen wir also Beiträge zum Thema Bibliographien. Wie angezeigt, lässt sich dieses sowohl aus arbeitspraktischen, theoretischen, zukunftsbezogenen oder historischen Blickwinkeln betrachten. Genauso unterschiedlich kann auch die Beitragsform sein: vom wissenschaftlichen Artikel, Arbeitsbericht, über Rezension und Interview bis zum Essay ist alles willkommen. Über Einreichungen zu diesem Schwerpunkt hinaus, sind wie stets Beiträge zu anderen Themen sehr gerne gesehen. Alle Einreichungen sollten bis zum 31.03.2016 bei uns sein (via redaktion@libreas.eu).

Eure / Ihre Redaktion LIBREAS. Library Ideas
(Berlin, Bielefeld, Chur, München)

Wie Roland Reuß lesen? Eine Textkritik.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 14. Oktober 2015

von Ben Kaden (@bkaden)

Dass Roland Reuß für den Diskurs ein hochmodernes und leider auch hochermüdendes Stilmittel bevorzugt, nämlich die Polemik, ist allen bekannt, seit er auf seinen Durchbruchstext zum Thema Open Access (Roland Reuß: Eingecremtes Publizieren: Open Access als Enteignung. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.02.2009, Nr. 35, S. N5) die Abschaffung der Idee des Individuums und vielleicht sogar des alten Europas durch die Wissenschaftspolitik voraussagte:

„Wer hier anfängt, blind und ohne Reflexion auf die Folgen rumzufuhrwerken, legt die Axt an die Wurzel dessen, was das alte Europa einmal “selbständiges Individuum” genannt hat. Niemand kann das wollen.“

Gudrun Gersmann, zu dieser Zeit Vorsitzende des Unterausschusses »Elektronische Publikationen« der Deutschen Forschungsgemeinschaft, antwortete damals und zwar ausdrücklich nicht in ihrer DFG-Rolle sondern mit einem Erfahrungsbericht aus dem Deutschen Historischen Institut in Paris ebenfalls in der FAZ. Ihre Replik fiel bemerkenswert geduldig und gelassen aus. (Gudrun Gersmann: Wer hat Angst vor Open Access? In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.02.2009, Nr. 41, S. N5) Zum Ende hin lobte sie noch einmal das utopisch-emanzipative Potenzial von Open Access: (more…)

Wo beginnt die Vorgeschichte der Digital Humanities und was kann man aus ihr lernen?

Posted in LIBREAS.Referate by Ben on 9. Oktober 2015

Eine Notiz zu

Marcus Twellmann: »Gedankenstatistik« Vorschlag zur Archäologie der Digital Humanities. In: Merkur, 797 (Vol.69, Oktober 2015). S. 19-30

von Ben Kaden (@bkaden)

I.

Vermutlich ist es das Zeichen einer Reifung, wenn für ein junges Forschungsfeld, zum Beispiel die Digital Humanities, einerseits eine Art Geschichtsschreibung einsetzt und dies andererseits in Publikumszeitschriften geschieht. Der Merkur – Subtitel „Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken“ – gehört traditionell zu diesen leider in der Zahl eher geringen Titeln, die den Überschlag von einer geistes- und kulturwissenschaftlichen Fachöffentlichkeit hin zu einer an intellektuellen Themen interessierten allgemeinen Öffentlichkeit regelmäßig schaffen. Es handelt sich buchstäblich um eine Zeitschrift, denn es werden die Themen der Zeit be- und aufgeschrieben und wenn man beispielsweise Jürgen Habermas‘ Artikel zu Moral und Sittlichkeit aus der Dezemberausgabe 1985 nachliest, staunt man, wie trotz aller beschworenen Verkürzung von Halbwertszeiten des Wissens bestimmte ideengeschichtliche Phänomene erstaunlich geltungsstabil bleiben können.

Ob dies ähnlich auch für Marcus Twellmanns Text zur Archäologie der Digital Humanities aus der Oktoberausgabe des Jahres 2015 gelten wird, werden wir erst 2045 beantworten können. Die Chancen stehen aber nicht schlecht, denn der Konstanzer Kulturwissenschaftler nähert sich dem Phänomen bereits historisch und zwar aus einer methodengeschichtlichen Perspektive. Ist Pater Roberto Busa mit seiner computergestützten Aquin-Erschließung der Nukleus der Digital Humanities bzw. des Humanities Computing? Nicht unbedingt, meint Twellmann. Und schlägt vor:

„Betrachten wir solche humanwissenschaftlichen Formationen als protodigital, die auf einer mathematischen Verarbeitung numerischen Daten basierten und Verfahren hervorbrachten, die später computertechnisch implementiert werden konnten.“

(more…)

Die Bibliothek als Idee in Freiburg – Impressionen zu einer UB im Probebetrieb

Posted in LIBREAS on tour, LIBREAS Veranstaltungen by Matti Stöhr on 11. August 2015

von Matti Stöhr

In einem Monat, am 12. September, findet das Jubiläumssymposium von LIBREAS im und in enger Kooperation mit dem ICI Berlin statt.  Mehr Infos zum Programm und zur Anmeldung gibt es unter http://www.libreas-verein.eu/l10.

Passend zum Motto der Veranstaltung “Die Bibliothek als Idee”: In Freiburg ist gegenwärtig – bis zum Herbst – der Neubau der Universitätsbibliothek im Probebetrieb geöffnet – vgl. dazu auch den offiziellen Newspost mit Impressionen, Flyer, Factsheet und Pressemitteilung. Die UB der Albert-Ludwigs-Universität offenbart damit ihre Idee bzw. ihr Konzept der modernen (wissenschaftlichen) Bibliothek. Sowohl baulich als auch servicebezogen, was nicht von ungefähr ineinander greift, sehr interessant und bemerkenswert, sicher auch diskutabel.

So ist die Bibliothek 24/7 für Insttutionsangehörige zugänglich. Für Externe gibt es Einschränkungen, insbesondere unter dem Verweis zur Rücksichtnahme auf Studierende. So wollte ich die Bibliothek bereits am vergangenen Sonntag bei meinem Besuch in Freiburg besichtigen, durfte jedoch erst am gestrigen Montag hinein. Beeindruckend ist in jedem Fall die gleichermaßen großzügig angelegte Aufteilung und Ausstattung von “leisem” Arbeitsraum (Lesesaal) und “lautem” Arbeitsraum (Parlatorium). Hier unkommentiert ein paar schnappschussartige Eindrücke:

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Übrigens: Der SWR war beim Start des Probebetriebs am 22. Juli mit einem Kamerateam dabei und würdigt das Ereignis in einem Beitrag der Landesschau aktuell.

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