LIBREAS.Library Ideas

Die Klassifikation ist ein Machtverhältnis

Posted in LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 19. Juni 2017

Zu: Adler, Melissa (2017). Cruising the Library: Perversities in the Organization of Knowledge. New York: Fordham University Press, 2017

von Karsten Schuldt

 

Although we might imagine the library as a kind of Utopia – an island, in a sense, that houses a great bounty of literature and knowledge to which access is granted to all members of society, the idea of a library as a perfect plan crumbles when we understand how access by subject is organized. (Adler 2017:XII)

 

I

Cruising the Library ist eine buchlange Reflexion über die Macht, die durch bibliothekarische Klassifikationen ausgeübt wird, diskutiert anhand des Beispiels der Library of Congress (LoC). Melissa Adler – selber Assistant Professor für Library and Information Science – nutzt dazu, wenig überraschend, feministische, post-strukturalistische und anti-rassistische Theorie, insbesondere Eve Kosofsky Sedgwick, Michel Foucault und Roderick A. Ferguson. All diese theoretischen Ansätze thematisieren in der einen oder anderen Weise die Gewalt und Einschränkungen, die Wissenssysteme produzieren, und versuchen gleichzeitig zu verstehen, wie man diesen entkommen oder gerade doch nicht entkommen kann.

Die Klassifikation der LoC wird von Adler als ein solches Wissenssystem par excellence verstanden, dass gleichzeitig durch die Aufstellung von Bücher die eigene Struktur sichtbar macht. Ein Beispiel, gleich vom Beginn des Buches, ist die Beobachtung, dass Medien zu Bi- und Homosexualität (HQ74-74.2, HQ75-76.8) neben solchen zu „Sexual Deviations“ (HQ71-72) – was heute vor allem Verbrechen wie Vergewaltigung oder Kindesmissbrauch heisst, aber früher auch verpönte Sexualpraktiken wie Cunnilingus und Fellation beinhaltete – aufgestellt werden, obwohl dies inhaltlich nichts miteinander zu tun; aber im Denken früherer Zeiten schon. Und dies, da diese Klassifikation in zahllosen Bibliotheken als Aufstellungssystematik genutzt wird, auch tatsächlich so in räumlich in Regalen von Bibliothek umgesetzt wird. Hat das Auswirkungen, zum Beispiel darauf, wie Bi- und Homosexualität wahrgenommen wird oder welche Verbindungen gedanklich hergestellt werden? Adler bejaht dies. Neben diesen Verbindungen, die die Klassifikation impliziert, grenze die Klassifikation andere Themen und Diskussionen ab, stellt also andere Verbindungen gerade nicht her.

 

II

Ein Argument Adlers ist, dass die Klassifikation und gleichzeitig die USA als Staat entstanden, als im 19. Jahrhundert ein sehr spezifisches Wissenssystem vorherrschte, in welchem davon ausgegangen wurde, dass Wissen einmal und dann richtig zu erfassen und zu ordnen sei; dass also auch eine Systematik in der Lage sei, dass gesamte Wissen der Welt abzubilden. Dieses Denken war beherrscht vom Wunsch nach klaren Abgrenzungen, hierarchischen Ordnungen und gleichzeitig getragen von der Überzeugung, dass das Wissen nur so und nicht anders zu ordnen sei. Zu leisten war deshalb die Arbeit, die richtigen Abgrenzungen zu definieren. Nicht zufällig wurde in dieser Zeit auch neues Wissen – im Sinne von Wissen, dass Handlungen anleitete – produziert über die Geschlechtsidentitäten und Geschlechterverhältnisse (mit klarer Dichotomie), Sexualität (mit Abgrenzung von „richtigem“ und „falschem“ Sex, was – wie Foucault bemerkte – zu einem ständigen Diskurs über all die „Perversitäten“ führte, die eigentlich ausgegrenzt werden sollten) und dem modernen Rassismus (der die Einteilung von Menschen als wissenschaftlich und selbsterklärend verstand). Oder anders: Eine Zeit, die in ihre System Ordnung einschrieben, die gar nicht vorsahen, dass andere Ordnungen möglich seien. Die Klassifikation der LoC gilt Adler als – an sich sichtbare, historisch nachvollziehbare – Ordnung, die grundsätzlich weiter so funktioniert, auch wenn sie sich mit der Zeit verändert hat. (Dies auch im Gegensatz zu den geheim gehaltenen Wissensordnungen von Suchmaschinen oder Firmen, die mit Big Data arbeiten.)

Sie zeigt die Absurditäten, die eine solche Ordnung hervorbringt, mehrfach auf, zum Beispiel indem sie darstellt, wie weit das Werk von Sedgwick in der LoC verteilt wurde, obwohl Sedgwick gerade über die Verbindung vorgeblich unverbundener Themen schrieb. An anderen Beispielen zeigt sie auch die Gewalt auf, die durch Klassifikation stattfindet, beispielsweise wenn Bücher, die sich explizit gegen die Verwendung bestimmter Begriffe (oder Denkmuster) wenden, in der Klassifikation fast folgerichtig gemassregelt und genau unter diesen Begriffen eingeordnet werden. Nicht zuletzt zeigt sie, das „Normalität“ weiterhin in den LoC-Klassifikation eingeschrieben ist, wenn es in weiten Strecken nur für „abweichende Gruppen“ gesonderte Stellen in der Klassifikation gibt, aber nicht für den „Normalfall“ (was zumeist heisst Weiss und / oder heterosexuell und / oder cis).

Das besprochene Buch in einem Sehnsuchtsort, dessen Existenz und Funktionieren auch auf sozialen Ordnungen und absurden Begierden zu erklären ist: Einem Wiener Caféhaus.

 

III

Die Autorin untersucht und beschreibt diese Ordnungen und die Machtbeziehungen, die sich durch diese ausdrücken, immer wieder mit Verweisen auf die oben genannten Theorien. Gleichzeitig schlägt sie andere Formen des Navigierens durch die Klassifikation und Sammlung der LoC vor, die sie – im Anschluss an Sedgwick – als „perverse reading“ beschreibt: ein suchendes, Ordnungen missachtendes und gleichzeitig immer wieder neue Ordnungen – indem Sammlungen und Verbindungen, und wenn gedanklich, hergestellt werden – generierendes Suchen und Sich-treiben-lassen. Die Verweise auf Sexualität (perverse reading, Treiben-lassen als dem Folgen von Begierden und unbewussten Wünschen, der Titel des Buches „“Crusing in the Library“, der auf das Crusing als Teil der schwulen Kultur verweist und so weiter) sind nicht zufällig. Vielmehr ist es der Anschluss an Foucault, der – wie oben gesagt – festhielt, dass das ständige Abgrenzen der „richtigen Sexualität“ gerade im 19. Jahrhundert, in dem angeblich so wenig über Sexualität gesprochen worden sei, gerade doch ein ständiges Reden über diese hervorbrachte. So, wie sich im 19. Jahrhundert ständig Gedanken über alle möglichen Formen von „Perversität“ gemacht wurde und sie überall gesehen wurden, ermöglicht nach Adler gerade das Suchen nach „Perversitäten“ im Bestand das Aufzeigen der Grenzen von Klassifikationen:

Perhaps unsurprisingly, where we locate ‚perverse‘ subject, we find that that the classification fails to capture them., The concept of perversion pushes these systems to their limits, dismantling and opening them up to more just ways of organizing and finding knowledge in the library. By problematizing the systems and exposing their failings, the hope is that we find possibilities for creating new ways of facilitating queer and perverse readings. (Adler 2017:3)

Und das tut sie, in gewisser Weise, das gesamte Buch über (beschränkt auf die gedruckten Bestände). Sie postuliert, dass es notwendig sei, sich der Suchrichtung durch das System auf eine/n „User“ – der oder die dazu erzogen würde, genau das zu wollen, was das System bietet – zu verweigern, um zu einer besseren Klassifikation zu gelangen; besser nicht im Sinne von genauer, sondern von offener und verantwortungsvoller gegenüber der Realitäten.

In einem gesonderten Kapitel zeigt Adler anhand der Geschichte der „Delta-Collection“, die irgendwann zwischen 1880 und 1920 angelegt und bis 1964 geführt wurde und all die Werke verschliessen, quasi unsichtbar machen sollte, die als pervers galten, dass die Bibliothek eben nicht, wie sie gerne behauptet, eine „neutrale Einrichtung“ ist. Sie war eine Einrichtung, die einerseits eine aufklärerische Funktion haben wollte, doch gerade beim Thema Sexualität (aber nicht nur, ein weiteres Kapitel beschreibt den inhärenten Rassismus der Klassifikation) versuchte, aktiv Medien zu verstecken. Das erinnert, wieder nicht zufällig, an Freud aber auch an die Analyse der Aufklärung und ihrer Mythen durch Adorno und Horkheimer.

Und trotz all dieser Kritik hat Adler ein positives Verhältnis zur Bibliothek, ein Erstaunen vor all der Arbeit, die in das Ordnen des Wissens gesteckt wurde und vor der Widerstandsfähigkeit der Klassifikation. Sie nennt es – zum Grundton des Buches passend – ein sadomasochistisches Verhältnis, führt am Schluss Kafkas Erzählung „In der Strafkolonie“ ein, um dieses zu beschreiben.

 

IV

Das Thema des Buches ist nicht neu, viele Beobachtungen scheinen schon anderswo beschreiben worden zu sein. Allerdings nicht unbedingt in Buchlänge. Positiv ist der Versuch, die Wirkung der Klassifikation und der Arbeit mit ihr nicht einfach zu skandalisieren oder in Ehrfurcht vor ihr zu erstarren, sondern sie mit Hilfe verschiedener theoretischer Zugänge zu beschreiben. Teilweise kehrt die Autorin auf die immer wieder gleichen Feststellungen zurück, aber es ist immer wieder nachvollziehbar, wieso. Der Zugang über „Perversitäten“ scheint vielleicht gewollt, ist es aber nicht, wenn man der Grundthese folgt, dass die LoC und ihre Ordnung eng mit der Staatswerdung der USA und der Moderne mit ihren spezifischen Geschlechterverhältnissen, Angst vor falscher Sexualität und modernem Rassismus verbunden sind. Unter dieser Vorannahme ist die Nutzung der oben genannten theoretischen Zugänge nur sinnvoll und von diesen ausgehend die Beschäftigung mit den in der Moderne wuchernden Diskursen über Grenzen und „perversen Überschreitungen“.

Das Buch ist auch ein Versuch, klarzustellen, wieso die Tätigkeit der Katalogisierung – also die konkrete Arbeit der Bibliothek – nicht als neutral oder wertfrei verstanden werden kann, sondern nur als eine von moralischem und politischem Gewicht. Es ist ein Machtverhältnis, bei denen die Bibliothek einen erstaunlich starken Einfluss darauf hat, was wie wahrgenommen und in ein Verhältnis gesetzt wird. (Ein Einfluss, dem man nur entkommen kann, wenn man sich explizit den Regeln der Klassifikation zu entziehen versucht.)

Zu erwarten wären aber zwei Themen, die nicht angegangen werden. Zum einen wäre zu diskutieren, ob nicht RDA mit seinen Beziehungen und der grösseren Verantwortung der Katalogisierenden das Potential hätte, zumindest einige der Probleme, die Adler aufzeigt, anzugehen. Zum anderen wäre es sinnvoll gewesen, nach anderen Formen der Klassifikation zu fragen, die möglich wären, um – wie die LoC-Klassifikation – Wissen zu ordnen und damit auch zugänglich zu machen, aber gleichzeitig nicht die starren – oder zumindest nicht diese – Abgrenzungen voraussetzte. Zu denken wäre an die Brian Deer Classification, aber auch an utopische Entwürfe.

 

V

Letztlich aber ist das Buch, in Zeiten, in welchen die bibliothekarische Literatur so oft ohne jede Form wissenschaftlicher Theoriebildung aber auch oft ohne Leidenschaft und Trieb auszukommen scheint, ein Lichtblick. Es ist ein Buch zum Mitdenken. Nötig ist der Wunsch, verstehen zu wollen, wie Wissensordnung funktioniert, ohne gleich nach einer praktischen Anwendung zu fragen. Es ist – hier ist beim Thema des Buches zu bleiben – zuvörderst eine Arbeit, die mit einem perversen – diesmal: nicht sofort produktiven – Verlangen gelesen werden muss. So, wie Sexualität, die nicht gleich oder nur auf Fortpflanzung zielt, sondern auf Begierde und unbewusste Wünsche. Pleasure reading für Theorie- und Bibliotheksinteressierte.

CfP LIBREAS. Library Ideas #32 Wirkt Open Access? Oder: Wo ist die Utopie geblieben?

Posted in LIBREAS Call for Papers by Karsten Schuldt on 14. Juni 2017

Little proof exists to warrant an overturn of the current publishing system—a system that has been refined over many decades and works to the mutual benefit of various stakeholders.

Brian D. Crawford, 2003

 

An old tradition and a new technology have converged to make possible an unprecedented public good.

Jean-Claude Guédon, 2017

 

Wir, die Unterzeichner, fühlen uns verpflichtet, die Herausforderungen des Internets als dem zunehmend an Bedeutung gewinnenden Medium der Wissensverbreitung aufzugreifen. Die damit verbundenen Entwicklungen werden zwangsläufig zu erheblichen Veränderungen im Wesen des wissenschaftlichen Publizierens führen und einen Wandel der bestehenden Systeme wissenschaftlicher Qualitätssicherung einleiten.

Berliner Erklärung, 2003

 

 

Oktober 2003: Die „Berlin Declaration on Open Access to Knowledge in the Sciences and Humanities” wird veröffentlicht und sukzessive von Forschungseinrichtungen, Institutionen der Forschungsförderung und Bibliotheken unterzeichnet. Es scheint ein Wind der Veränderung zu wehen: Open Access gilt als Lösung der Zeitschriftenkrise, als zeitgemäße Reaktion auf die technischen Entwicklungen in der Wissenschaftskommunikation, als Möglichkeit, wissenschaftliches Wissen mehr und besser und für alle zu teilen, und auch als Möglichkeit, Wissenschaft zu verbessern, etwa indem sich wissenschaftliche Ergebnisse zeit- und ortsunabhängig replizieren und idealerweise nachnutzen lassen. Eine Utopie, gewiss, aber eine, die zum Greifen nahe scheint: Freies Wissen für alle, das wissenschaftliche Publikationswesen wieder näher an der Wissenschaft und das wissenschaftliche Kommunizieren wieder stärker von der Wissenschaft und ihren Bedürfnissen selbst geprägt und nicht von externen Stakeholdern mit Renditeüberlegungen.

 

Mai 2017: Es scheint einen gewissen Katzenjammer zu geben. Auf der einen Seite hat sich ein Konzept von Open Access durchgesetzt, sind Open Access-Büros geschaffen und -Beauftragte bestimmt worden und Infrastrukturen wie Open-Access-Journale und Repositorien entwickelt worden. Aber gleichzeitig scheint der Schwung der Utopie in Ängste vor der Usurpation durch die großen Wissenschaftsverlage umgeschlagen zu sein. Vorherrschend ist eine reine Institutionalisierung ohne wissenschaftsverändernde oder gar gesellschaftsverändernde Konsequenzen und vor allem eine Bevorzugung schon etablierter Strukturen. (Cambridge Economic Policy Associates 2017) Die Punkrockphase des aufregenden und befreienden Do-It-Yourself scheint vorbei, die Phase des Pop ist da. Die Stakeholder mit ihren Profitinteressen sind es ebenfalls. Und dank “Goldwashing” und so günstigen wie öffentlichkeitswirksamen APC-Waivern für bestimmte Ländern haben sie sogar informationsethische Grundideen der Bewegung eingekauft.

Ulrich Herb (2017) stellt in seinem Rückblick auf 15 Jahre Open Access fest, dass die Wissenschaftsverlage, die zu Beginn der Debatten in den Utopien gar nicht mehr vorkamen, heute aus Open Access ein einträgliches Geschäftsmodell geformt haben, das anfänglich über Kampagnen gegen Open Access und später über Open-Access-Gebühren, Aufschläge für Freie Lizenzen für Artikel und Verhandlungen auf Konsortialebene funktioniert. Ironischerweise scheinen gerade die Nutznießer der Zeitschriftenkrise auch die Gewinner der Gegenbewegung zu sein. Forschungsfördereinrichtungen und Hochschulen finanzieren heute Open-Access-Gebühren oder richten Förderlinien ein, die die Umwandlung vorhandener Zeitschriften wissenschaftlicher Verlage in Open-Access-Zeitschriften finanzieren. Konsortialverhandlungen, auch im Bezug auf Open Access, werden heute mit harten Bandagen ausgetragen, und zwar auf der Ebene der nationalen Wissenschaftsstrukturen.

 

Für Bibliotheken verändert sich die Situation dahingehend, dass sie neben oft zunehmend reduzierten Beständen Publikationsfonds verwalten. Sie stehen nach der Etablierung vernetzter, digitaler Medienformen seit den frühen 1990er Jahren daher ein zweites Mal vor einer Legitimationskrise. Argumentierte man damals, dass Online-Strukturen des Publizierens und Kommunizierens und damit eine “Verflüssigung” des Bestands in eine Bildschirmwelt außerhalb der Lesesäle und Magazine Bibliotheken als Versorgungsorte überflüssig machen würden, so nähert sich nun eine Herausforderung über eine organisatorische Frage: An welcher Stelle im Prozess der wissenschaftlichen Kommunikation sollen und dürfen sie aktiv werden? Genauer gesagt: Wie viel Bibliothek wird für das Open-Access-Publizieren überhaupt benötigt?

 

Für Bibliotheken und Verlage gibt es eine Art unwillkommenes Dejavu, nachdem Modi für die digitale Simulation analoger Abhängigkeitsketten halbwegs etabliert werden konnten. Folglich wird hauptsächlich mit urheberrechtlichen und lizenzrechtlichen Barrieren versucht, der Auflösung der Prinzipien der Analogkultur durch digitale Medialitäten entgegen zu wirken. Der Dynamik und Unabgrenztbarkeit digitaler Kommunikationsstrukturen versuchen sie etwas Handfestes entgegen zu halten, getrieben von der Angst, Wissenschaft könnte früher oder später doch an ihnen vorbei kommunizieren.

 

So entdecken beide zum Beispiel den Wert von digitalem Erfolgsmonitoring für die Wissenschaft, dessen Verfahren in der Regel kaum transparenter als der Impact Factor sind. Wo die digitale Barriere den Zugang zum Medium nur mühsam erhält, entwickelt man Mehrwertdienste und neue Barrieren. Sind das Rückzugsgefechte? Oder Neuinterpretationen der eigenen Rolle?

 

Die kommende Ausgabe von LIBREAS möchte die Gemengelage hinter dieser Zuspitzung betrachten. Selbstverständlich lässt sich heute fragen: Werden Bibliotheken (und die klassischen Verlage) zur Organisation einer (utopischen) wissenschaftlichen Publikations- und mehr noch Kommunikationskultur, die rein digital und komplett Open Access ist, überhaupt noch benötigt? Zugleich kann man gegenfragen: Wenn nicht sie, wer dann? Welche institutionellen Alternativen gibt es für die Organisation der wissenschaftlichen Kommunikation?

 

Über all dem schwebt seit Anbeginn die Frage der Finanzierung. Die Intransparenz der Publikationskosten steht auf der einen Seite, der Overhead des Betriebs von Bibliothekssystemen auf der anderen. Beides steht unter Legitimationsdruck, wobei der Open-Access-Diskurs interessanterweise vor allem die Verlage in den Blick nimmt. Oder ist es doch alles anders? Wir suchen für die Ausgabe #32 Beiträge, die gern auch sehr offen und schonungslos die Wechselbeziehung zwischen den drei Komponenten – Open Access, Bibliotheken und Verlage – in den Blick nehmen, hinterfragen, dekonstruieren, vermessen und analysieren.

 

Eine wichtige Rolle in der Ausgabe sollen auch Beiträge aus der Praxis spielen. Welche Fragestellungen und Ansätze gibt es an Bibliotheken, Open Access empirisch zu begleiten? Auf welche Werkzeuge und Datenquellen wird für das “Open Access Monitoring “ etwa im Rahmen der jährlichen Berichtspflichten für das DFG-Programm “Open Access Publizieren” zurückgegriffen? Ob und inwieweit werden die Ergebnisse diskutiert und geteilt? Welche alternativen Zugangsmöglichkeiten zu Open-Access-Literatur gibt es? LIBREAS. Library Ideas ruft für die empirischen Beiträge insbesondere zur Publikation dynamischer Formate wie R Markdown auf, so dass sich Analysen technisch nachvollziehen lassen. Mittels GitHub, über das LIBREAS. Library Ideas quelloffen gehostet wird, ist auch die gemeinsame Veröffentlichung von dynamischen Abbildungen, Daten oder Skripten möglich. Denn selbstverständlich folgen wir als erste originäre bibliothekswissenschaftliche Open-Access-Zeitschrift im deutschsprachigen Raum nach wie vor der Utopie der frühen 2000er Jahre, die wir zwar nun kritischer sehen, aber nach wie vor ernst nehmen. Dass sie in der Open-Source-Welt und nicht bei Bibliotheken und im wissenschaftlichen Publizieren ihre eigentliche Entfaltung fand und immer noch findet, zählt eben auch dazu.

 

Deadline ist der 22. Oktober 2017

 

Eure / Ihre Redaktion LIBREAS.Library Ideas

(Berlin, Chur, Dresden, Göttingen, München)

Literatur

Cambridge Economic Policy Associates (2017). Financial Flows in Swiss Publishing. Final Report.

 

Crawford, Brian D (2003). Open-Access publishing: where is the value? In: The Lancet, Volume 362, Issue 9395, 8 November 2003, Pages 1578–1580. DOI: 10.1016/S0140-6736(03)14749-6.

 

Guédon, Jean-Claude (2017). Open Access: Toward the Internet of the Mind.
http://www.budapestopenaccessinitiative.org/open-access-toward-the-internet-of-the-mind.

 

Herb, Ulrich (2017). Open Access zwischen Revolution und Goldesel: Eine Bilanz fünfzehn Jahre nach der Erklärung der Budapester Open Access Initiative. In: Information. Wissenschaft & Praxis 68 (1) 2017:1-10.

Dienste für die dissertationsbegleitende Publikation von Forschungsdaten. Eine Vortragsnachlese.

Posted in LIBREAS.Dokumente by Ben on 7. Juni 2017

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

In dervergangenen Woche fand bekanntlich in Frankfurt am Main der Bibliothekartag 2017 statt, eine seltsam buchfreie und ausgiebig betwitterte Veranstaltung, die wie immer ein ganz guten Rundumblick über den Diskursstand des deutschen Bibliothekswesens lieferte. Das Gesetz zur Angleichung des Urheberrechts an die aktuellen Erfordernisse der Wissensgesellschaft (UrhWissG) und die dagegen anlaufende Initiative der deutschen Presse waren naturgemäß ein Thema auch der Pausengespräche. Digitalisierung, die ja im Prinzip alles mögliche, u.a. Social Media, umfassen kann, ein anderes und begleitet die Veranstaltung nun schon fast zwei Jahrzehnte. Innovation wurde ein weiteres Mal verkündet und eingefordert. Informationsethik wurde kritisiert. Und es wurde, vielleicht am interessantesten, festgestellt, dass es im deutschen Bibliothekswesen oft offenbar schwer fällt,sowohl qualifizierte als auch motivierte Persönlichkeiten für Leitungsstellen zu finden.

Selbstverständlich bleibt Eindruck auch von der Themensetzung nur fragmentarisch, da LIBREAS-Vertreter_innen zwar hier und da durch das Kongresszentrum der Frankfurter Messe wanderten, in der Regel aber mit ihren hauptberuflichen Schwerpunkten und Aufgaben ausreichend beladen und entsprechend zielstrebig. Und mancher kam nur für einen Vortrag und also nur einen halben Tag nach Frankfurt, winkte hier und da jemandem zu, besuchte ein Panel zu Altmetrics, das zu großen Teil Richtung Firmenpräsentation driftete und die Einsicht aufdrängte, dass das Rad der Webanalyse mit Big-Data-Methoden gerade neu erfunden wird.

Nicht neu erfunden, mittlerweile sehr nachdrücklich behandelt wird dagegen das Themenfeld der Forschungsdaten. In dieses fügt sich nun auch der Vortrag ein, zu dessen Nachbereitung nachfolgend einige Kernpunkte fixiert werden. Gegenstand der kurzen Präsentation waren Erkenntnisse aus dem eDissPlus-Projekt. Da sich zudem direkt im Anschluss zur Präsentation, wenn auch zu einem anderen Aspekt des Projektes, in der Twittersphäre Missverständnisse offenbarten, die auch mit den Besonderheiten der Konferenzatmosphäre zusammenhängen können, ist das nur zusätzlich Anlass zur Wiederholung und Erläuterung des Präsentierten. Dies geschieht ausdrücklich mit dem Wunsch, eine Diskussionsvorlage zu bieten. Im vorliegenden Rahmen muss die Darstellung allerdings auf den Präsentationsteil der Humboldt-Universität beschränkt bleiben und dort auf die Befragungen mit Promovierenden und Post-Docs zu Einstellungs- und Erfahrungsmustern hinsichtlich einer denkbaren Publikation von Forschungsdaten.

(more…)

Alles im kleinen Kreis halten lässt unnötige Bibliothekspläne entstehen und scheitern

Posted in LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 30. Mai 2017

von Karsten Schuldt

Zu: Scott Sherman (2015). Patience and Fortitude: Power, real estate, and the fight to save a public library. – Brooklyn ; London: Melville House, 2015

Im Jahr 2007 entwarfen die Trustees der New York Public Library (NYPL) – also das Board, welches über die Entwicklung des Öffentlichen Bibliothekssystems in New York bestimmt – einen Plan zum Umbau der Hauptfiliale in der 42nd Street (die aus Ghostbusters mit den zwei Löwen am Eingang), der einerseits viel von dem enthielt, was heute immer noch im Bibliothekswesen als modern und notwendig für neue Bibliotheken angeführt wird, andererseits aber auch zum neoliberalen Zeitgeist mit seinen „Leuchtturm“-Projekten, Vernachlässigung der sozialen und infrastrukturellen Fragen sowie dem Anspruch, als „Elite“ autoritär über die Interessen von Menschen bestimmen und gleichzeitig Steuergelder in persönliche Grossprojekte gesteckt sehen zu wollen, passte. 2014, nach der Wahl von Bill de Blasio als Bürgermeister der Stadt, musste der Plan aufgegeben werden. Die Proteste gegen ihn waren zu stark und einigermassen erfolgreich.

Die Geschichte ist es wert, erzählt zu werden, weil sie zeigt, wie sehr man an den Interessen der eigentlichen Nutzerinnen und Nutzer vorbei handeln kann, wenn man die Entwicklung von Bibliotheken plant und anstatt auf deren Interessen zu reagieren, sich einfachen, gerade aktuellen Denkmustern unterwirft und – fast schon folgerichtig – auf Transparenz verzichtet.

Journalismus

Scott Sherman, der Autor vom Patience and Fortitude, begleitete die Entwicklung als Journalist – in gewisser Weise stiess er die Proteste auch erst mit einem Artikel an – und erzählt sie hier noch einmal in der längeren Form einer Monographie (und mehreren Artikeln, u.a in der Public Library Quarterly (Sherman 2017)).

Die Kritik an diesem Buch vorneweg: Es ist ein journalistisch angelegtes Buch und das ist auch zu merken. Es hält sich nicht mit Diskussionen auf, die in bibliothekarischen Kreisen geführt werden (die scheinen aber durch), es arbeitet mit eindrücklichen Bildern und dem Beschreiben von Atmosphären. Am Ende weiss man zum Beispiel, wie die wichtigsten Personen, die als Trustees, Bibliotheksdirektoren oder Protestierende an der Geschichte beteiligt waren, aussahen, was zum Verständnis überhaupt nicht notwendig ist. Zudem ist das Buch eine Geschichte, die einige klare Aussagen transportieren will. Auf diese Aussagen hin sind die einzelnen Teile ausgerichtet (zum Beispiel erfahren wir zuerst von Besuchen in heruntergekommen Branches, wo Räume unrenoviert leerstehen, dann direkt von den Einschätzungen anonym bleibender Bibliothekarinnen und Bibliothekare, dass die Trustees die Branches ignorieren und sich eigentlich nur um die 42nd Street kümmern – was eindrucksvoll, aber auch eindeutig so konstruiert ist), nicht auf die Diskussion von Argumenten oder gar den Test von Thesen.

Im Buch erfahren wir die Geschichte aus einem Blickwinkel (was auch damit zu tun hat, dass – was jedesmal explizit erwähnt wird – die ganzen Trustees, Bibliotheksdirektoren oder andere Beteiligte sich weigerten, für das Buch interviewt zu werden), auch wenn sich um Ausgewogenheit bemüht wird. Am Ende ist man sehr klar gegen die Trustees eingestellt; aber man stellt sich schon die Frage, ob dies nicht auch mit dem Aufbau des Buches zu tun hat.

Durch die eingängige Sprache und gut Struktur scheint sich die Geschichte auch einfach in einer Richtung zu entwickeln. Alternativen oder andere potentielle Entwicklungen werden nicht diskutiert, was die Lernmöglichkeiten die das Buch bieten würde, doch einschränkt.

Das Scheitern eines grossen Planes an Protesten und Realitäten – Was ist passiert?

Die NYPL hat eine Struktur, die sich so in Deutschland und Österreich wohl nicht mehr (in der Schweiz aber schon, selbstverständlich in kleinerem Rahmen) findet: Es ist keine öffentliche Einrichtung, sondern eine Non-Profit-Organisation, teils privat, teils öffentlich, geleitet von einem Board of Trustees, die zum Beispiel die Direktion bestellt und kontrolliert sowie die strategische Ausrichtung der Bibliotheken vorgibt. Diese Organisation betreibt die Hauptbibliothek in der 42nd Street, die ihr vollständig gehört. Zudem gehört ihr das Land bestimmter Filialen, das ihr über die Jahrhunderte geschenkt wurde. Der Grossteil der Branches in Manhattan, Bronx und Staten Island gehört allerdings der Stadt, die NYPL betreibt diese in deren Auftrag. (Brooklyn und Queens haben eigene Bibliothekssysteme.) Die Stadt gibt dafür Zuschüsse, die den Grossteil des laufenden Budgets ausmachen. Diese Struktur hat wohl einiges zu den Problemen mit dem Plan beigetragen.

Das Board ist vor allem mit superreichen Personen aus Manhattan besetzt, die sich auch philanthropisch engagieren wollen. Das hat lange gute Auswirkungen gehabt, zum Beispiel wurde die Bibliothek in der 42nd Street erst von solchen Trustees gegründet und finanziert. Gleichzeitig ist das Board nur sich selbst gegenüber Rechenschaftspflichtig. Es tagt öffentlich; aber nicht, wenn es schwierige Entscheidungen zu treffen hat. Zur Zeit dieser Geschichte bestand es grösstenteils aus Immobilienunternehmerinnen und -unternehmern.

Eine kurze Geschichte der 42nd Street Branch

Die Geschichte der Bibliothek in der 42nd Street Branch ist ebenfalls relevant: Sie wurde Anfang des 20. Jahrhunderts (eröffnet 1911) als öffentliche Forschungsbibliothek gegründet, nach den damals aktuellsten Bibliothekstechniken und -vorstellungen. Ziel war es, allen Menschen Zugang zu möglichst allem Wissen zu ermöglichen, dass dann in den Lesesälen vor Ort genutzt werden konnte. Dazu wurde als Herzstück der Bibliothek ein System von Stacks gebaut, die so organisiert sind, dass Bücher nicht nur aufbewahrt, sondern möglichst schnell zu den Lesepulten transportiert werden können. Sie sind konstruiert als Teil einer grossen „Buchbring-Maschine“ , nehmen den grössten Teil des Platzes im Gebäude ein und stützten gleichzeitig den Hauptlesesaal. (Dies wurde damals auch als Innovation gefeiert, siehe: https://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=pst.000063000047;view=1up;seq=527 und https://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=pst.000063000047;view=1up;seq=537.)

Seit ihrer Eröffnung wurde die Bibliothek, die mit grossen Ansprüchen agierte und zahllose Sonderbestände aufbaute, von zahllosen berühmten Forschenden, Schriftstellerinnen und Schriftstellern, Künstlerinnen und Künstlern, politischen Radikalen genutzt. Sherman lässt sie en gros durch seine Seiten laufen: Salman Rushdie, Lou Reed, Al Sharpton, die Black Panther, Gloria Steinem, Susan Sarandon, Frank McCourt, Betty Friedan, Mario Vargas Llosa. Er berichtet auch von ehemaligen Schuhputzern, die sich in der 42nd Street das erste Mal in einer Bildungseinrichtung willkommen fanden (nachdem sie ihren Schuhputzkasten wie jedes andere Gepäckstück abgeben konnten). Der Punkt dieser Aufzählung ist zu zeigen, dass die Bibliothek als Forschungsbibliothek für die Massen funktioniert, als Ort mit Lesesälen und einem Fokus auf den Bestand.

Daneben gab und gibt es eine Reihe von Branches über das gesamte Stadtgebiet verteilt, die andere Aufgaben übernehmen.

Der Central Library Plan

2007 nun entwickelte der damalige Direktor Paul LeClerc zusammen mit den Trustees – aber nicht den Bibliothekarinnen und Bibliothekaren der NYPL – einen Central Library Plan. Dieser strategische Plan sah unter anderem vor:

  • Die Stacks aus der 42nd Street zu entfernen und den Platz umbauen zu einer „modernen Bibliothek“, also mit vielen flexibel zu nutzenden Flächen, einem Fokus auf digitale Nutzung etc. Die Bestände sollten in eine Magazin in New Jersey verbracht werden und innerhalb eines Tages in die Bibliothek geliefert werden. Die gesamte 42nd Street würde renoviert werden (wobei sie vor einigen Jahren schon aussen renoviert worden war und einzelne Lesesäle auch erst kurz vorher; hier ging es um den ganzen Rest) und gleichzeitig würde an sie angebaut werden. Das Ganze sollte von einem der Star-Architekten, die in der Zeit vor der Finanzkrise von 2008 grosses Ansehen genossen, umgesetzt werden. Im Laufe des Projektes fiel die Wahl auf Norman Foster (der Architekt der Kuppel auf dem Reichstagsgebäude in Berlin und diesem Tannenzapfen-Turm in London).
  • Die Branches, deren Land der NYPL gehörten – und die, dass ist ein kritischer Punkt des Planes, zu „Prime Real Estate“ geworden waren – würden zum Teil verkauft. Teilweise würden an ihrer Stelle neue Branches geschaffen (die Idee war bei einer Branch sie zu schliessen, dann dort ein Luxushotel hinzubauen, dass unten wieder eine Branch drin hätte).
  • Die Stadt sollte 300 Millionen Dollar an Steuergeldern zahlen. (Dabei war die Stadt nicht an der Planung beteiligt.)

Der Plan hatte die typischen Merkmale neoliberaler Projekte, mit einem lokalen Gestus: Es wurde ein Grossprojekt geplant, das sichtbar sein sollte, während die Branches – die ja am meisten für die Bevölkerung Angebote erbringen – ein Nebenprojekt waren und zu grossen Teilen nicht beachtet wurden. Die Trustees hatten den Plan – teilweise unter expliziter Geheimhaltung – ohne Input der Öffentlichkeit oder des Bibliothekspersonals beschlossen. Er wurde als Fortschritt verstanden, während die jetzige Situation als veraltet beschrieben wurde; auch wenn nicht nachgewiesen wurde, ob es wirklich einen Bedarf an diesen Veränderungen gab.

Bibliothekarisch wurde hier die Idee der durch-digialisierten, medienarmen und konktaktstarken Bibliothek als Fortschritt und die Idee der Forschungsbibliothek als veraltet dargestellt. Mit einem solchen Diskurs lässt sich leicht jede Kritik als rückständig bezeichnen.

Ebenso zum Denken der Zeit passte, dass der Plan einfach davon ausging, dass die Öffentlichkeit – also die Stadt – den Grossteil der Kosten tragen würde, obwohl diese noch nicht einmal gefragt worden war. Die Trustees – Teil der superreichen Oberschicht Manhattans – gingen einfach davon aus, dass dies passieren würde, weil sie es beschlossen hatten. Sie hatten dabei nicht nur ihre eigenen Erfahrungen im Immobiliengeschäft, auf die sie mit dieser Einschätzung aufbauen konnten, sondern mit Michael Bloomberg auch einen Bürgermeister, der solches Denken und solche Projekte unterstützte.

Vom Scheitern

Wie schon gesagt, ging dieser Plan nicht auf. Ein Grund dafür war die Finanzkrise von 2008, die nicht nur die Preise für Immobilien fallen liess, sondern es sogar schwer für die NYPL machte, ihre Grundstücke zu verkaufen.

Wichtiger waren aber Proteste, die sich mit der Zeit entfalteten. Das dauerte seine Zeit. Die Bibliothek veröffentlichte zwar den Central Library Plan, aber die Bibliothekarinnen und Bibliothekare durften nicht einfach über ihn reden. Er war „Chefsache“. Die Presse und die Öffentlichkeit benötigten einige Zeit, um zu verstehen, was die Konsequenzen des Planes waren. Sherman selber erfuhr dies in einem Gespräch mit dem neuen Direktor der NYPL (LeClerc war, auch so ein Zeichen der Zeit, in einen anderen Job gewechselt, nachdem er den Plan entworfen und erste Finanzierungen gesichert hatte). Es folgten einige Artikel in Zeitschriften, die sich wie das How-is-How des linken und links-liberalen New York lesen: The Nation (von Sherman selber), N+1 (der wohl längste, Petersen 2012), The Paris Review, Insider Higher Ed, Vanity Fair, The New Yorker.

Die Kritiken kamen aus unterschiedlichen Richtungen:

  • Es gab offenbar eine starke Architekturkritik, die einerseits Architektur in New York unter dem Blickwinkel des Urbanen (also der Frage, wie und ob Architektur zum urbanen Leben beiträgt) betrachtet und den Umbau als antiurban und geschichtslos verstand. (Viel scheint über die Stacks selber diskutiert worden zu sein. Für die NYPL ein Hindernis für den Ausbau der Räume, für die Kritik ein Meisterwerk der Bibliothekstechnik, dass weiterhin seine Aufgabe erfüllt und erhalten werden muss.) Zugleich wurde der Entwurf, den Norman Foster dann vorlegte, zum Teil als einfallslos und nicht einer Bibliothek entsprechend beschrieben.
  • Es gab eine Kritik an den Vorstellungen der Bibliothek von ihrer eigenen Aufgabe. Die Bibliothek trat mit wenigen Argumenten an, sondern stellte es vielmehr so da, als wäre ein Umbau einfach nötig; erst mit der Zeit kamen weitere Argumente. Aber die Kritik stellte zum Beispiel fest, dass der Plan, einmal umgesetzt, die 42nd Street ihrer Funktion als Forschungsbibliothek entledigen würde. Es wäre für Forschende nicht mehr möglich, spontan vorbeizukommen und die Bestände zu nutzen. Niemand glaubte, dass die Bibliothek wirklich innerhalb 24 Stunden Bücher würde aus New Jersey transportieren können. Zudem wurde der Fokus auf digitale Medien kritisiert. Die Bibliothek hatte die Hoffnung, durch E-Medien und Digitalisierung (über Google Books) die Bestände elektronisch zugänglich zu machen. Einerseits wurde gefragt, ob das jemals wirklich so eintreten würde (Sherman kann darauf verweisen, dass Google Books diesen Zugang heute nicht bietet), anderseits auch kritisiert, dass dies überhaupt nicht dem Arbeitsprozess in der Geisteswissenschaft entspricht. (Sherman führt Forschende an, die gerne umgeben von aufgeschlagenen Büchern arbeiten. Für ihn ist klar, dass das auch in Zukunft so sein wird.) Nicht zuletzt wurde kritisiert, dass das, was sich die Bibliothek als „modern“ vorstellt nicht viel mehr wäre als ein grosser Coffeshop mit WLAN (von denen es schon genügend in Manhattan gäbe).
  • Sherman macht aber noch einen weiteren Kritikstrang auf: Ein Problem bestand für ihn darin, dass die Trustees eine Gruppe von Individuen bildeten, die eine eigene, Immobilien-getriebene Sicht auf die Welt hätten und sich das Recht herausnähmen, mit dieser Sicht (er nennt sie „Wall Street Logic“), über Einrichtungen des öffentlichen Lebens zu bestimmen. Dies führe zu einer Intransparenz, weil eine kleine Gruppe, die sich selber zur Elite ernennt, Entscheidungen trifft, die andere Menschen massiv beeinflusst (hier: die alte Bibliothek schliesst). Das die Meinung der Bibliothekarinnen und Bibliothekare, aber auch der Nutzerinnen und Nutzer nicht zählt, ist für ihn nur ein Zeichen dafür, dass die Gruppe sich selber in ihrem Denken abschliesst. Zu seinem Argument zählt auch, dass der Plan sich auf die 42nd Street konzentrierte und nicht auf die Branches. Er erzählt zum Beispiel von Besuchen in alten Carnegie-Libraries, wo es seit Jahrzehnten leerstehende Wohnungen im Obergeschoss gäbe, in denen einst die Hausmeister wohnten. Diese Wohnungen seien in vielen Branches nie umgebaut worden, obwohl sie sich als Flächen für die jeweilige Bibliothek anbieten – weil dafür niemals Geld da sei. Hingegen sei die 42nd Street Branch mehrfach renoviert worden. Dies gilt für ihn Ausdruck einer Logik, die auf „Leuchtttürme“ setzt statt auf eine Strategie für das gesamte New Yorker Bibliothekswesen.

Als der Plan endgültig scheitert bestehen zwei Gruppen, die gegen den Umbau der Bibliothek in der vorgesehenen Form engagieren: Erst entstand das Committee to Save the New York Public Library, dass aus einem Protestbrief und einer Veranstaltung, bei dem ein Architekt die Pläne der NYPL kritisierte, hervorging. Später, als jüngerer und radikalerer Zusammenschluss, die Library Lovers League.

Die Proteste irritieren die Trustees zuerst, die sich offenbar nicht vorstellen können, dass es Widerspruch zu ihrer Strategie geben könnte. Nach einer Weile öffnen sie eine „listening period“, aber ändern an ihrem Plan nichts. Sie äussern sich auch nicht nach aussen. Was den Plan am Ende stoppt, ist die Öffentlichkeit, die zum Beispiel über Proteste vor der Bibliothek, Social Media Auftritte, aber auch zwei Klagen gegen den Umbau erreicht wird, die Finanzkrise von 2008 und am Ende die Wahl von Bill de Blasio, dessen links-liberale Regierung nicht unbedingt der „Wall Street Logik“ folgt, sondern zum Beispiel dafür sorgt, dass die 150 Millionen, die die vorherige Stadtregierung am Ende für das Projekt am Ende bereitgestellt hatte (während gleichzeitig der laufende Etat gekürzt wurde, was auch zum neoliberalen Denken passt), nicht für den Umbau der 42nd Street, sondern für die Renovierung von anderen Branches verwendet wird. (Wobei Sherman auch klar macht, dass der Bibliotheksdirektor, der den Plan umsetzten soll, Tony Marx, selber ein erklärter Linksliberaler ist, es also gar nicht um eine Auseinandersetzung zwischen verschiedenen politischen Richtungen geht.)

Oder anders: Auch, wenn sie sich wehren und versuchen, ihren Plan weiter durchzuziehen, zerbricht die Strategie der Trustees, indem sie in Kontakt mit der Öffentlichkeit – und nicht nur den Spitzen der Regierung – gebracht wird.

Die Situation heute ist nicht ausgeglichen. Weiter engagiert sich das Committee to Save the New York Public Library, die Bestände aus den Stacks, die im Laufe des Projektes heimlich ausgelagert wurden, scheinen immer noch nicht wieder in der Bibliothek zu sein (was heisst, dass da eine Buchbring-Maschine ohne Bücher steht, mitten in Manhattan). Gleichzeitig haben sich die Umbaupläne zerschlagen. (Norman Foster hat aber für sein Modell schon neun Millionen Dollar erhalten, dass sind so die Summen, über die man in diesen gesellschaftlichen Sphären entscheidet.) Viele Vorhersagen, auf die der Central Library Plan aufbaute, haben sich als falsch herausgestellt: Die Entwicklung bei der Digitalisierung ist nicht so erfolgt, wie gedacht, der Immobilienmarkt brach zusammen, die Stadt ist mehr an einer Förderung in der Fläche anstatt an „Leuchtturmprojekten“ interessiert; die Öffentlichkeit vertraut den Trustees und der Bibliotheksleitung nicht unbedingt einfach so, sondern möchte mitreden.

Berlin, Toronto

Man könnte die Geschichte als New York-spezifisch lesen, aber es gibt mindestens zwei andere Geschichten, die sich als ähnlich aufdrängen. Zum einen der gegenüber der Öffentlichkeit schwerhörige (tone-deaf) Versuch der Zentralen Landesbibliothek Berlin (ZLB) vor einigen Jahren gerade auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof – also im Rahmen einer Auseinandersetzung zwischen Civic Society und Berliner Senat – ein neues Gebäude zu bauen, zum anderen die Auseinandersetzung um die Entwicklung des Bibliothekswesens in Toronto in den späten 1970ern, die John Marschall (1984) zusammenfassend dargestellt hat.

Die ZLB möchte seit langem ein neues Gebäude bauen, in den 1980ern noch am jetzigen Standort, nach der Wende als gemeinsames Projekte der dann zusammengeführten Häuser in Ost und West. Dieses neue Gebäude gibt es bis heute nicht, der letzte Versuch aber wurde vor einigen Jahren unternommen, als der Senat vorschlug, auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof eine „Randbebauung“ zuzulassen. Um dieses Vorhaben kam zu einer Volksabstimmung, die recht eindeutig zu einer Ablehnung des Vorhabens führte. (https://de.wikipedia.org/wiki/Volksentscheid_zum_Tempelhofer_Feld_in_Berlin) Die ZLB hatte sich in diesen Plan einbinden lassen. Zwischen den neuen Wohnungen sollte eine neue Bibliothek gebaut werden, welche sehr stark an die damals aktuell im Bibliothekswesen immer wieder herumgezeigte Openbaare Bibliotheek Amsterdam und das Dokk1 in Aarhus erinnerte (http://www.berliner-zeitung.de/berlin/neues-zlb-gebaeude-auf-tempelhofer-feld-betonband-oder-glasfassade-1368738).

Die Struktur dieses Projektes ist einfach zu ähnlich zu dem Projekt in New York, als das sie nicht auffallen könnte:

  • Der Plan, eine neue Bibliothek zu bauen, wurde in einem kleinen Kreis getroffen, der es kaum für nötig hält, überhaupt zu begründen, wieso die neue Bibliothek benötigt wird. Es wird einfach vorausgesetzt, dass es eine moderne Bibliothek geben müsste (während die beiden heute bestehenden Häuser der ZLB auch ständig überfüllt sind, also auch nicht nicht funktionieren können). Die Gruppe ist offenbar der Meinung zu wissen, was gut für die Nutzerinnen und Nutzer sei. Zudem liess sich die Bibliothek in einen Plan des Senats einbinden, der immens unpopulär – weil als typisches Gross- und Gentrifizierungsprojekt angesehen – war.
  • Offenbar überrascht davon, dass es Widerspruch gab, versuchte die Stiftung ZLB in den letzten Wochen vor der Volksabstimmung mit neuen Argumenten aufgewartet, es wurden sogar Werbepostkarten gedruckt und Videos gedreht. Auf einmal wurde betont, dass die Berlinerinnen und Berliner eine moderne Bibliothek verdienen würde. Das überzeugte nicht. (Die Stiftung hätte auch früher auf die Strasse gehen und den Leuten zuhören können und hätte gemerkt, dass das ganze Projekt des Senats extrem unbeliebt war und die Bibliothek immer wieder in Kneipengesprächen als Teil des Planes angeführt wurde.) Das ist mit der Situation in New York zu vergleichen. Erst wurde der Plan gemacht und begonnen, ihn umzusetzen. Es schien dafür nicht viele Argumente zu brauchen. „Modern“ schien auszureichen. Erst, als Proteste auftauchten, wurde argumentiert, die Bibliothek müsse „demokratisiert“ und neu belebt werden (was der Bibliothek den Vorwurf einbrachte, Demokratie und Populismus zu verwechseln; Sherman 2015:64).1 Das überzeugte so wenig, wie die Argumentation der ZLB, dass man mit einem Haus (statt aktuell zwei) weniger durch Berlin fahren müsste, um ein Buch zu holen.2
  • Beide Bibliotheken schafften es, dass trotz des sonst so guten Rufes von Bibliotheken in der Öffentlichkeit, gegen die Projekte gestimmt beziehungsweise protestiert wurde. Das hatte beide Male wohl auch damit zu tun, dass sie als Elitenprojekte angesehen werden, während die Branches oder Filialen – die die Bevölkerung mehr nutzt – oft um Etat oder auch nur den eigenen Erhalt zu kämpfen haben. (Die ZLB kann darauf verweisen, das die Filialen jeweils den Bezirken unterstehen und sie damit nichts zu tun hat. Das interessiert die Bevölkerung aber bestimmt wenig.)
  • Grundsätzlich schienen beide Projekte davon getragen zu sein, dass kleine Gruppen der Meinung waren, die Bibliotheken verändern zu müssen, ohne zu fragen, ob sie damit nicht das Grundprinzip der Forschungsbibliothek (der sowohl die ZLB als auch die 42nd Street Branch zumindest bei ihrer Gründung folgten) aufgeben. Die Gruppen verhandelten jeweils mit den oberen Spitzen der Politik, nicht mit der Öffentlichkeit. Sie folgten beide Logiken, die auf eine Richtung setzten und alle Alternativen als „unmodern“ abqualifizieren.

Ein Unterschied scheint zu sein, dass aktuell die NYPL mehr versucht, auf die Forderungen der Öffentlichkeit zu reagieren, während die ZLB in gewisser Weise – so zumindest der Eindruck von aussen – ihr Projekt einfach weiter fortzusetzen scheint.

Aber: Das scheint ein Zeichen der Zeit zu sein. Während Sherman auf die „Wall Street Logic“ verweist, die in New York sichtbar wurde, gilt das für Berlin nur zum Teil. Es geht nicht per se um Immobilien, aber die grundsätzliche Ausrichtung ist ähnlich, der neoliberale Zeitgeist grundiert auch das Projekt in Berlin.

In Toronto gab es eine fast gleiche Situation aber schon in den späten 1970er Jahren. Auch dort ist das Bibliothekswesen als Non-Profit Organisation organisiert, inklusive eines Board of Trustees, die sich aus den oberen (reichen und weissen) Schichten der Stadt rekrutierte. Ebenso entwickelte das Board den Plan, eine neue, moderne und grosse Bibliothek in der Stadtmitte zu bauen und dafür andere Branches zu schliessen. Ebenfalls mit der Idee, dass dies der Weg wäre, wie Bibliotheken „heute“ sein müssten und mit der Vorstellung, das eine möglichst zentrale Bibliothek möglichst sichtbar als Leuchtturm des Bibliothekswesens der Stadt wirken würde.

Marshall (1984) schildert, wie sich – in einer Phase des allgemeinen Aufbruchs in der Stadt, die eine Reformfraktion, welche die Entwicklung der Stadt an den Interessen der Bürgerinnen und Bürger orientieren wollte, an die Macht brachte – auch gegen diesen Plan Proteste entwickelten. Es wurde gefordert, statt zentraler Projekte die Branches zu fördern, zu renovieren und auszubauen. Auch Marshall berichtet, wie das Board of Trustees vollkommen davon überrascht wurde, das jemand anderer Meinung als sie selber darüber war, wie die notwendige Entwicklung des Bibliothekswesens sein müsste.

Letztlich setzte sich in Toronto die Reformfraktion durch, heute gibt es immer noch rund 100 Branches, renoviert und in ihr Umfeld integriert (aber auch die damals geplante zentrale „Reference Library“ in der Mitte der Stadt). Aber auch das nur, weil der Plan gestoppt wurde.

Was ist es mit diesen Zentralen Bibliotheken und Bibliotheksplänen?

Das Beispiel aus Berlin zeigt, dass das Vorgehen in New York nicht einmalig war oder aus der Situation vor Ort alleine zu erklären ist. Das Beispiel aus Toronto zeigt auch, dass es nicht dem Zeitgeist des frühen 21. Jahrhunderts allein zuzuschreiben ist. Insoweit drängt sich die Vermutung auf, dass grundsätzlich ein strukturelles Problem entsteht: Offenbar gehen Bibliothekspläne, gerade solche, die zentrale Bibliotheken planen und dafür die Filialen ignorieren, immer wieder an den Interessen einer grossen Zahl von Nutzenden vorbei. Gleichzeitig scheint sich immer wieder eine kleine Gruppe zu etablieren, die der Meinung zu sein scheint, zu wissen, wie die Bibliotheken sich als „moderne Bibliotheken“ entwickeln müssten. (Zu fragen wäre, wie viele bibliothekarisch ausgebildete Personen eigentlich in diesen Gruppen aktiv sind. In New York und Toronto waren es praktisch keine, aus der ZLB hört man hingegen unter der Hand – was selbstverständlich nicht sehr verlässlich ist – schon, dass es Kolleginnen und Kollegen gäbe, die sich aktiv beteiligen.)

Dabei darf man nicht vergessen: New York (trotz Donald Trump), Berlin, Toronto sind grosse linke/links-liberale Bubbles, in denen Widerspruch und zivilgesellschaftliches Engagement, dass sich nicht mit Klagen alleine beschäftigt, normal sind. Es wäre schon spannend, ähnliche Projekte mal in anderen Städten anzuschauen. Kann man da einfacher solche Um- und Neubauten durchsetzen? Gibt es da andere Proteste? (Oder sind da die Pläne andere? Spontan fallen mir die Pestalozzi Bibliotheken in Zürich ein, die für und mit ihren ganzen Filialen planen und versuchen, diese gemeinsam zu entwickeln, nicht nur die Hauptfiliale Altstadt. Allerdings ist auch Zürich ein links-liberale Bubble, in Bezug auf ihr Umfeld. Sherman erwähnt als gutes Beispiel auch Seattle, dass – darauf hat Olaf Eigenbrodt anderswo schon einmal hingewiesen – gerade nicht nur diese zentrale Bibliothek von – ganz im Star-Architektendenken – Koolhas baute, sondern gleichzeitig das Filialsystem entwickelte.)

Es scheint eine Tendenz im Bibliothekswesen zu geben, zumindest manchmal, autoritär zu entscheiden, wie die Bibliotheken sich entwickeln sollen und dann meistens auf zentrale Bibliotheken zu setzen. Das scheint etwas absurd, wenn Bibliotheken eigentlich sehr nah an den Interessen ihrer Nutzerinnen und Nutzern sein könnten. Shermans Buch bietet einen Überblick zu einem Beispiel, wo so ein Vorgehen grandios scheiterte. Es ist eingängig und gerade dann, wenn man erst einmal darüber lesen will, was andere falsch gemacht haben (bevor man an eine Situation nachdenkt, die einem oder einer näher ist), ist es zu empfehlen.

Marshall (1984) diskutiert auch, dass es nicht damit zu schaffen sei, Nutzende dann, wenn schon praktisch alles entschieden ist, einzubinden, also zum Beispiel zu entscheiden, dass es eine zentrale Bibliothek geben wird, aber dann „pseudo-partizipativ“ über die Farbe der Räume oder die Möblierung entscheiden zu lassen (was gerade wieder ein Trend zu sein scheint), sondern das Partizipation wirklich heisst, dass die Nutzenden die Macht haben müssen, Entscheidungen zu treffen (wie in Toronto die Entscheidung, die Branches in den Mittelpunkt zu stellen). Auch darüber gälte es nachzudenken. (Obwohl dieses Buch von Marshall hier nicht weiter besprochen werden soll, ist es für das Thema Partizipation und Bibliotheksentwicklung mehr zu empfehlen als das von Sherman, auch da es eher auf bibliothekarische Diskussionen eingeht.)

Literatur

Marshall, John (1984). Citizen participation in library decision-making: the Toronto experience. (Dalhousie University, School of Library Service, 1). Metuchen, N.J. : Scarecrow Press, 1984

Petersen, Charles (2012). Lions in Winter. In: N+1, 9 (2012) 14, https://nplusonemag.com/issue-14/essays/lions-in-winter/

Sherman, Scott (2017). The Battle of 42nd Street. In: Public Library Quarterly 36 (2017) 1: 10-25

Sherman, Scott (2015). Patience and Fortitude: Power, real estate, and the fight to save a public library. – Brooklyn ; London: Melville House, 2015

Fussnoten

1 „This was a strange argument. The building was already utterly democratic and filled with a remarkable variety of individuals. (…) Months later, when the plan met public resistance, that argument became rasion d’être for the Foster renovation: the building was underutilized and had to be made accessible to the broad public, including immigrants and young people. When this reasoning became hard to sustain, NYPL officials came up with two other reasons to justify the urgency of the renovation: first, the stacks had an antiquated climate-control system, and the books, for their own protection, needed to go to a modern facility in Princeton; second, the CLP would improve the NYPL’s finances by generating ‚up to $15 million a year‘, money that would be used to hire additional librarians, archivists, and curators, whose ranks had been thinned by austerity measures.” (Sherman 2015:64)

2 Es ist nicht so, dass es einfach wäre, die Postkarten und Videos von damals zu finden. Bestimmt gab es noch mehr Argumente, aber diese schien mir das absurdeste, weil es so falsch war. Es wird nicht viele Menschen geben, die aus beiden Häusern – die nach unterschiedlichen Fachbereichen organisiert sind – Medien benötigen und die Menschen werden garantiert ein so breites Interesse haben, dass sie auch andere Bibliotheken in Berlin nutzen, z.B. die auch verteilten Universitätsbibliotheken. Da scheint die halbe Stunde zwischen den beiden Häusern der ZLB recht vernachlässigbar. Es schien, als sei auf einmal jedes Argument recht, um das Projekt zu stützen.

LIBREAS.Library Ideas LIBREAS.Dokumentation. Heute: Thesen des Rat für Informationsinfrastrukturen (RfII) zu den Voraussetzungen einer Nationalen Forschungsdateninfrastruktur (NFDI)

Posted in LIBREAS.Dokumente by Ben on 27. April 2017

von Ben Kaden (@bkaden)

Spricht man über die Möglichkeit und Notwendigkeit einer systematischen Organisation von digitalen Forschungsdaten (Forschungsdatenmanagement) sowie ihrem übergreifenden Nachweis und idealerweise auch ihre Verfügbarmachung per Publikation, sind vor allem drei Gruppen von Stakeholdern zu berücksichtigen. Die erste fasst in etwas die Forschungspolitik-, administration und -förderung. Die zweite besteht aus der Forschungsinfrastruktur, also Bibliotheken, Rechenzentren, Netzwerkanbietern etc. Beide Gruppen haben sich, verkürzt formuliert, weitgehend darauf verständigt, dass das Ziel einer offenen Wissenschaft (Open Science und Open Scholarship) erstrebenswert ist und man daraufhin arbeiten sollten, sie als Normalmodus zu etablieren. Und dazu zählt auch die möglichst weitreichende (=offene) Verfügbarkeit der Daten, die bei der Forschung entstehen. Die Hauptgründe dafür sind die Forschungstransparenz und die Nachnutzung.

Dass die Hauptakteure, nämlich die dritte Gruppe in Gestalt der Forschenden, die diese Daten produzieren, potentiell rezipieren, vielleicht bewerten und möglicherweise nachnutzen, noch nicht flächendeckend in diese Richtung streben, erweist sich bei diesem Streben als Herausforderung. Oder auch: Hürde. Theoretisch sind sie sogar oft mit im Boot. Praktisch jedoch scheuen sie jedoch einerseits den zusätzlichen Aufwand, wenn es an den tatsächlichen Schritt hin zu Forschungsdatenpublikationen geht. Oder sie finden, wie gleich noch einmal angedeutet wird sogar nachvollziehbar, Gründe, warum es in ihrem konkreten Fall jeweils nicht möglich ist, diesem Ziel zu folgen. (more…)

Warum die Publikation von Forschungsdaten nach wie vor ein begrenztes Phänomen bleibt.

Posted in LIBREAS.Referate by Ben on 5. April 2017

Eine Notiz im Anschluss an

Jens Klump: Data as Social Capital and the Gift Culture in Research. In: Data Science Journal. 16, p.14. DOI: http://doi.org/10.5334/dsj-2017-014

von Ben Kaden (@bkaden)

Wer sich mit dem Thema der Forschungsdatenpublikation befasst, kann die Lücke zwischen allgemeinen in Forschungsdaten-Policies verkündeten Anspruch an einen offenen Zugang zu diesen Daten und der Wissenschaftspraxis nicht übersehen: Trotz aller wohlbegründeten Argumente ist die Zahl der publizierten Datensätze sehr überschaubar. Andererseits ist das Konzept der Forschungsdatenpublikation nur dann wirklich nachhaltig und sinnvoll, wenn solche Veröffentlichungen nicht insular und aus dem Enthusiasmus einzelner Forschender heraus geschehen, sondern dort, wo sie sinnvoll sind, ein Eckstein wissenschaftlichen Austauschs bilden. Wissenschaft lebt von Systematizität. Wenn Forschungsdatensätze eher zufällig auf einem Repositorium landen, ist es sicher besser als keine Verfügbarkeit. Aber es ist eben nicht wissenschaftlich und ähnelt im Fall einer Nachnutzung eher dem glücklichen Zufallsfund im Archiv, während der Normalfall bleibt, dass man keine Daten für seine Forschungsfrage findet. Auch wenn es eigentlich welche gäbe.

Gemeinhin werden drei Gründe für Forschungsdatenpublikationen benannt: Forschungstransparenz, Nachnutzung und der Erwerb wissenschaftlicher Reputation. Abgesehen von ethisch besonders motivierten Publizierenden dürfte vor allem der Aspekt einer die Anrechenbarkeit von Forschungsdatenpublikationen als wissenschaftliches Kapital der Schlüssel zu einer weiteren Verbreitung sein. Insofern ist es unter anderem wichtig, Datenpublikationen so zitier- und verfügbar zu halten, wie es auch Aufsatzpublikationen sind. Die übergeordnete Sachlage ist aber selbstverständlich komplexer.

In einem aktuellen Aufsatz für das Data Science Journal geht nun Jens Klump der Frage nach, weshalb Data-Sharing-Policies bisher nur begrenztes Echo in den Fachkulturen und ihren Kommunikationspraxen finden. Er nähert sich der Frage wissenschaftssoziologisch und argumentiert nachvollziehbar, dass es nicht ausreicht, Forschungsdateninfrastrukturen aufzubauen. Vielmehr, so lässt sich ergänzen, sind diese eine Basisanforderung, um Data-Sharing-Praxen zu stimulieren. Entscheidend ist jedoch eigentlich, die Verfassung des sozialen Systems der Wissenschaft als eine „Reputation Economy“ zu verstehen und aus diesem Verständnis heraus passende Ansatzpunkte für Anreize zu setzen. Der einschlägigen Infrastrukturforschung bescheinigt Jens Klump dahingehend Defizite. Wenn also in der Reputationsökonomie der Wissenschaft die eigenen wissenschaftlichen Handlungsmöglichkeiten (z.B. über Fördermittel und Anstellungen) mittels kommunikationsbasierten Erwerb von Reputation und wissenschaftlichem Status gesichert und ausgebaut werden, dann sollte das Phänomen der Forschungsdatenpublikation folgerichtig in dieses System grundlegend integriert werden.

Interessant ist nun die durch den Übergang von einer vorwiegenden Individualwissenschaft zu einer Kollaborationswissenschaft (oft, aber nicht nur, in Gestalt von Großforschung) auftretende Verschiebung der Anforderungen. Im zweiten Fall bedarf es für eine Karriere mehr als Reputation – es gilt die Balance zwischen Reputationsgewinnen und Kollaborationsgewinnen zu finden. Man muss also in der kollaborativen Forschung nicht nur als Individuum wissenschaftlich hochklassig arbeiten, sondern zugleich an den richtigen Punkten ein geschickter Teamspieler sein.

Zwangsläufig betonen und belohnen, wie auch Jens Klump herausstellt, kollaborativ orientierte Fachkulturen das Teilen von Forschungsressourcen und also auch Forschungsdaten stärker als Kulturen, in denen der Schwerpunkt hauptsächlich auf  dem Reputationsgewinn des einzelnen Forschers liegt. Zieht man dies heran, erklärt sich auch das Spannungsverhältnis zwischen den sehr auf Kollaboration gerichteten Digital Humanities und den traditioneller ausgerichteten Geisteswissenschaften, bei denen sich Forschende häufig selbst als primär Werkschöpfende mit allen Ansprüchen an eine so genannte „Werkherrschaft“ sehen. Die aktuellen deutschen Urheberrechtsdebatten (Stichwort Publikationsfreiheit.de) könnten also maßgeblich von der Sorge um Reputationseinbußen getrieben werden. Zugleich stehen sie deutlich erkennbar den Ansprüchen kollaborationsorientierter Wissenschaft entgegen. Während die traditionellen Individualwissenschaften Erkenntnis primär zentriert auf den individuellen Forscher als Erkennenden (und idealweiser Ersterkennenden) gelesen und interpretiert haben, fokussieren, so eine natürlich etwas verkürzte Deutung, Kollaborationskulturen viel stärker den Forschungsgegenstand und das Erkenntnisziel als Fixpunkte. Sie behandeln die Forschenden zwar nicht als beliebig austauschbar, aber doch als stärker hinter die Forschungsziele zurücktretend. Ist das eigentliche Ziel nun idealerweise der Erkenntnisfortschritt selbst, so scheint es auch deutlich plausibler und vermittelbarer, dass zum Beispiel die Bereitstellung von Forschungsdaten für die Community im Sinne dieses Fortschritts stärker zu gewichten ist, als der individuelle Anspruch als Erheber dieser Daten auch eine umfassende Datenherrschaft ausüben zu können.

Individualwissenschaftliche Praxen knüpfen dagegen stärker die Originalität einer Erkenntnis an die konkrete forschende und erkennende Person als Urheber. Zu viel Transparenz oder gar die Bereitstellung der eigenen Datengrundlage (zum Beispiel in Form von Annotationen) für ähnlich motivierte Forschende (=Konkurrenten) wird zwangsläufig als erhebliche Preisgabe wissenschaftlichen Kapitals gesehen, aus dem das soziale Kapital gewonnen wird, mit man seine Karriere macht.

Einen Sonderfall stellt die Auftragsforschung dar, wenn sie das Ziel des Intellectual Property mit Teamforschung verbindet und zum Beispiel Patentierbarkeit des Erkenntnisproduktes anstrebt. Dann greifen ähnliche Zurückhaltungsmechanismen und eine Preisgabe u.a. der Datengrundlage oder auch der Verfahrensbeschreibung ist vor Sicherung des Patents und damit des rechtlich stabilisierten Verwertungsanspruchs unbedingt zu vermeiden.

Mit der Zunahme von Public-Private-Partnership-Projekten verkompliziert sich die Frage nach den Anreizen zum Teilen von Forschungsdaten demnach zusätzlich. Wissenschaft ist somit keinesfalls als isoliertes soziales System zu betrachten, auch wenn diese Sicht zunächst einmal hilft, um über die Idee einer idealtypischen Reputationsökonomie nach den passenden Interventionspunkten zugunsten einer stärkeren Öffnung wissenschaftlicher Arbeit zu suchen. Die Kommodifizierung der Erkenntnisproduktion verlagert den als für das wissenschaftliche Verhalten bestimmend definierten Peer Pressure in stärker rechtlich regulierte Bedingungen. Für denkbare Anreize zum Teilen von Forschungsdaten und -verfahren muss dies nicht schlecht sein, weil man auf rechtlichem Wege stärker auch verbindliche Mandatierungen anstreben kann – so wie die Nicht-Veröffentlichung bereits jetzt bei der Auftragsforschung klar mandatiert wird.

Abgesehen davon ist es zweifellos nach wie vor sinnvoll, auch die impliziten Normen des sozialen Systems Wissenschaft zu adressieren. „[P]ublishing data must add to reputation“ (vgl. Klump, S. 5) ist eine Basisformel für das Schaffen von Anreizen für die Forschungsdatenpublikation, die jede/r in diesem Bereich Aktive berücksichtigen sollte. Denn ohne die Aussicht auf einen potentiellen Reputationsgewinn wird es schwer, den erheblichen Mehraufwand einer soliden Datenpublikation zu vermitteln. Wissenschaftsethische Argumente werden selbstverständlich gern gehört und Ideen einer Open Scholarship stoßen selten auf Widerspruch. Ebenso selten haben sie freilich eine Wirkung, die über ein „Ja, man müsste..“ hinausreicht. Der aktuell wirksamste Weg zur Anregung von Datenpublikationen scheint die zunehmende Einforderung von Begleitdaten durch (High-Impact-)Journals, die einen gewissen Zwang mit einem Reputationsversprechen verknüpft. (vgl. zu solchen Supplementary Materials auch diesen Artikel im eDissPlus-Blog)

Dass Datenzitation (und Zitationsindices) und damit einhergehend Reputationsgewinne jedoch vergleichbar mit dem Publizieren von formalen Wissenschaftspublikationen wie Aufsätzen und auch Monografien größeren Einfluss haben werden, scheint trotz allem aktuell wenig wahrscheinlich. Während eine wissenschaftliche Erkenntnis selbst publiziert werden muss, um gelten zu können, ist dies für die ihr zugrundeliegenden Forschungsschritte nicht erforderlich. Für den Weg zur Erkenntnis reicht meist eine kurze Schilderung als Beleg des wissenschaftlichen Vorgehens. Eine weitere Anreicherung um zusätzliche Materialien wie umfassende Forschungsdaten scheint dagegen nicht zuletzt angesichts der schon lange beklagten Publikationsflut (und damit Rezeptionskrise) kaum als Default-Modus gewünscht. Zudem ist auch so nicht jeder Datensatz zur Nachnutzung geeignet oder zur Feststellung des Werts der daraus gewonnen Erkenntnis notwendig. Schließlich stehen sehr häufig auch einfach persönlichkeits- und datenschutzrechtliche Aspekte als unverrückbare Hürden vor einer möglichen Datenpublikation.

(Offenes) Data-Sharing dürfte daher auch langfristig nur in bestimmten Forschungsbereichen relevant werden. In diesen jedoch ist eine umfassende Abdeckung fraglos erstrebenswert. Und auch bereits für diese keineswegs eindeutig bestimmten und überschaubaren Felder haben Infrastrukturforschung und Policy-Entwicklung noch viel Arbeit vor sich. Daher könnte es sogar förderlich sein, das Ideal einer vollumfänglichen Open-Data-Kultur zugunsten einer differenzierteren Sichtweise zu relativieren um anhand schärfer bestimmter Zielgruppen und -szenarien die passenden Anreize definieren zu können.

(Berlin, 05. April 2017)

LIBREAS.Dokumentation. Heute: Die Analyse Eric Steinhauers zum Aufruf Publikationsfreiheit.de

Posted in LIBREAS.Debatte, LIBREAS.Dokumente by Ben on 12. März 2017

von Ben Kaden (@bkaden)

1.

LIBREAS versteht sich seit je nicht nur als elektronische Zeitschrift für Bibliothekswissenschaft bzw. Bibliotheks- und Informationswissenschaft, die im Sinne einer Fachzeitschrift mehr oder minder wissenschaftlich ermittelte Erkenntnisse formalisiert von Autor*innen zu Leser*innen transportiert. Sondern auch als Debattenmedium (siehe auch die entsprechende Kategorie dieses Weblogs). Das bietet sich einerseits bereits wissenschaftsstrukturell an, da die harte einschlägige Forschung oft nach wie vor in internationalen High-Impact-Journals bzw, zumindest in Web-of-Science registrierten Titeln wie dem De-Gruyter-Journal Bibliothek Forschung und Praxis publiziert werden. Das reicht für das Forschungsaufkommen wenigstens in der deutschsprachigen Bibliotheks- und Informationswissenschaft eigentlich vollkommen.

Nichtkommerzielle bzw. Grassroots-basierte Open-Access-Titel wie Informationspraxis, Perspektive Bibliothek oder 027.7 und schließlich auch LIBREAS funktionieren, wenn es ihnen gelingt, konzeptionell, inhaltlich oder in Hinblick Zielgruppe und Netzwerk Nischen zu besetzen. Angesichts des vergleichsweise Austrocknen inhaltlicher Diskussionen auf der Liste inetbib, kann man auch vermuten, dass der dort lange spürbare Bedarf nach informellerem Austausch über diese Medien und sicher auch durch die mittlerweile u.a. dank hypotheses.org strukturierteren deutschen wissenschaftlichen Blogkultur – als besonders relevant ist Klaus Grafs Archivalia zu erwähnen – von diesen digitalen Kommunikationsformen abgeschöpft wird. Zugleich haben sich Diskussionen zunehmend Richtung Twitter verlagert, da das Medium schneller und sichtbarer (und auch noch weniger reguliert) Meinungen und Hinweise kommunizierbar macht. Dass es zugleich auf Mittel der systematischen Wiederauffindbarkeit und damit die Idee des nutzbaren Archivs verzichtet, war lange für viele Vertreter*innen aus Bibliothekswesen und der Bibliothekswissenschaft eine Hürde. Mittlerweile scheint dieser Aspekt nicht mehr so sehr zu stören. Wir wollen dies zukünftig trotzdem stärker adressieren und werden ausgewählte Beiträge in einer gesonderten Kategorie u.a. anderem in diesem Blog dokumentieren. Den Auftakt macht heute die Debatte um die Petition zur Publikationsfreiheit (publikationsfreiheit.de). (more…)

Die Bibliothek in der Literatur. Heute: In den Kindheitserinnerungen von Ljudmila Petruschewskaja.

Posted in Die Bibliothek in der Literatur, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 5. März 2017

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

Dass erfolgreiche Schriftstellerinnen und Schriftsteller in Kindheitsbegegungen mit Buch und Bibliothek die Keimzelle ihrer späteren Berufung sehen, ist erfahrungsgemäß eher Regel als Ausnahme. Auch die 1938 geborene russische Autorin Ljudmila Petruschewskaja weicht davon in keiner Weise ab, wie ihre unlängst unter dem Titel The Girl from the Metropol Hotel übersetzten und publizierten Erinnerungen (New York: Penguin, 2017) unterstreichen. Erstaunlich und bestürzend sind jedoch die Umstände. Als Kind so genannter Volksfeinde – ein Ausdruck, der als „Enemies of the People“ derzeit durch Donald Trump wieder gruseligerweise popularisiert wird  – war ihre Kindheit ein Leben, oft mehr Überlebensversuch, am absoluten Nullpunkt der sowjetischen Gesellschaft. Das in den Schilderungen spürbare Ausmaß an Armut und Ausgeschlossensein kann man eigentlich nur erschüttert zur Kenntnis nehmen. Ein Nachvollzug scheitert aus der heutigen Sicht, denn so vieles scheint nach den Maßstäben des Jetzt und Hier schlicht (und glücklicherweise) unvorstellbar. Die Familie, also ihre Mutter, ihre Tante, ihre Großmutter, sie selbst, galten jedem als Feind

„to our neighbors, to the police, to the janitors, to the passers-by, to every resident of our courtyard of any age. We were not allowed to use the shared bathroom, to wash our clothes, and we didn’t have soap anyway. At the age of 9 I was unfamiliar with shoes, with handkerchiefs, with combs; I did not know what school or discipline was.“ (S.67f.)

Zahlreiche Familienmitglieder verschwanden im Mahlwerk der stalinistischen Verfolgung oder in Massengräbern des deutschen Vormarsches: „Her end was terrible: she, her mother, and her little son were buried alive, along with other Ukrainian Jews, by the advancing Nazis.“ (S.7)

Mit dem Bombenkrieg 1941 wurde die nun kleine Familie von Moskau nach Kuibyschew (seit 1991 wieder Samara) evakuiert und blieb dort vorerst hängen. Ljudmila Petruschewskajas Mutter hatte das Moskauer Literaturinstitut jung und schwanger verlassen, also ihr Studium unterbrochen. Durch eine Verkettung glücklicher Umstände erhielt sie sechs Jahre später eine Zulassung, steckte aber in Kuibyschew fest. Reisen waren nicht ohne Weiteres möglich. Rein zufällig bot sich jedoch, so Ljudmila Petruschewskaja, auf dem Heimweg vom Markt die Möglichkeit in der Lokomotive eines Zuges nach Moskau mitzureisen. Zum Zimmer und zu ihrer Familie konnte sie vor der Abfahrt nicht mehr und verschwand so im Sommerkleid und mit einer Flasche Speiseöl für vier Jahre aus dem Leben ihrer Tochter und aus dem Kosmos des Elends von Kuibyschew in ein Moskauer Studium, in dem Armut und Hunger treue Alltagsbegleiter blieben.

In Kuibyschew gab es weder Schuhe noch ausreichend Lebensmittel insbesondere für die Volksfeinde. Mangels Schuhwerk schwand insbesondere im Winter die Möglichkeit zum Schulbesuch und Ljudmila erinnert sich, wie sie sehnsüchtig durchs Fenster einem Mädchen nachblickte, das durch den Schnee zur Schule stapfte. Spielzeug war ein unerreichbarer Traum und oft war es bereits ein Wunder, wenn das Mädchen nicht Opfer der Alltagsgewalt ihrer Zeit wurde. Wenige Stunde mit einer streunenden Katze, die das Mädchen zu Silvester in der Kammer erlebte, prägten sich als kaum fassbares Glück ein. Manches in den Geschichten haben tatsächlich einen Hauch des Märchenhaften. Eine plötzliche Wendung zur Rettung tritt freilich nirgends in Prinzengestalt durch die Tür. Ljudmila Petruschewskaja rettete sich selbst durch einen zähen Kampf unter den Bedingungen der jeweiligen Gegenwart und die sollten noch lange Zeit hart bleiben.

Ansichtskarte: Kinderbibliothek und Internat in Zhigulyovsk

Eine Ansichtskarte aus Schiguljowsk. / Es ist gar nicht mal so weit – schon gar nicht für russische Verhältnisse, von Samara / ehemals Kuibyschew nach Schiguljowsk. Allerdings existierte Schiguljowsk in den 1940er Jahren noch gar nicht in der Stadtform, die es heute hat, sondern wurde erst nach dem Ausbau der Ölindustrie entwickelt. Das verringert die Zahl der Gründe, in den 1940er Jahren an diesen Ort zu fahren zusätzlich und auch so lässt sich keine direkte Verbindung der Stadt mit Ljudmila Petruschewskaja ermitteln. Selbst in der auf der Ansichtskarte aus dem Jahr 1979 gezeigten Kinderbibliothek war sie bestenfalls in einer Zeitschrift präsent, wozu man freilich die Bestandsinformationen aus dieser Zeit benötigte und das wäre jetzt etwas zu viel der Recherche. Ljudmila Petruschewskaja hatte zu diesem Zeitpunkt gerade den Juri-Norstein-Trickfilm Die Geschichte der Geschichten (Сказка сказок) geschrieben, den man sich nach der Lektüre ihres Erinnerungsbuches durchaus noch einmal anschauen könnte. Ihr Durchbruch als Autorin stand noch bevor. Neben dem nicht ganz von der vor ihm liegenden Kinderzeitschrift (oder dem Fotografen) begeisterten Mädchen in der Bibliothek zeigt die Ansichtskarte die Kinderpoliklinik in der Friedensstraße (улица Мира) von Shiguljowsk, die sich, wie Google Streetview vermittelt, seit dem Zeitpunkt der Aufnahme kaum verändert hat.

Eine Besonderheit der Konstellation in der Biografie der Autorin, die sich möglicherweise als Rettungsmittel erwies, lag in der Tatsache, dass Ljudmila Petruschewskaja aus einer Ahnenreihe der damals so genannten Intelligenz stammte. Ihre Großväter waren Akademiker, ihre Großmutter wurde von Wladimir Majakowski umschwärmt. Das Mädchen Ljudmila kannte zwar kaum Klassenzimmer von innen, konnte aber früh gut und schnell lesen. Die immerhin 5000 Bände umfassende Bibliothek ihres Großvaters mütterlicherseits, dem aus Gnade und Akademie gefallenen Sprachwissenschaftler Nikolai Yakovlev, blieb ihr allerdings verschlossen:

„In the entire library I could read only one book: The Description of the of the Land of Kamchatka by Stephan Krasheninnikov. It had the sour smell of old paper. The other 4,997 volumes were in foreign languages: for example, the complete works of Goethe illustrated with Gustave Doré’s nightmarish figures with horns.“ (S.78)

Eines der Bücher, eine besondere Ausgabe des Eugen Onegin, verschwand eines Tages heimlich zu einem Buchhändler, u.a. um Ljudmila von einer Nasennebenhöhlenentzündung zu befreien. Zwar war ihre Mutter fast naturgemäß und in jedem Fall als Studentin eine begeisterte Leserin:

„she consumed mountains of books (she was majoring in literary studies) and took literature so seriously that simple reading for pleasure she considered a sacrilege.“ (S.5 f)

Wer allerdings so viel aufgeben musste, um überhaupt zu überleben, hängt am Ende vielleicht auch nicht so sehr an einer einzelnen Ausgabe, auch wenn diese einst General Alexei Petrowitsch Jermolow gehörte. Oder doch? Später, in den 1950ern, als sich die Situation halbwegs stabilisiert hatte und das Mädchen Ljudmila in der Oberschule eine weitere Prägung in Richtung Literatur durch den von ihm vergötterten und von Ljudmila Petruschewskaja in einem Kapitel des Buches zutiefst gewürdigten Lehrer Aleksandr A. Plastinin („Sanych“) erhielt, setzte bei ihrer Mutter ein deutliches Kompensationshandeln ein:

„Mama kept buying books maniacally – her entire family library had perished during the arrests – and I kept reading it.“ (S.128f.)

Und gleich darauf folgt die Würdigung der öffentlichen Bibliothek nicht nur als Lese- sondern auch als Zufluchtsort. Und als einer der Bildung obendrein:

„After school I always went to the library instead of home, where nothing good awaited me. The librarians took advantage of my addiction, and for every two books I requested, they forced me to read at least one on the school curriculum.“ (S.129)

Auf diese Weise hatte die Schülerin auch Maxim Gorkis Die Mutter gelesen, auf unorthodoxe Weise interpretiert und das Eis zu dem für sie sehr wichtigen Lehrer gebrochen. Auch hier: Die Verkettung von Umständen, ein prinzipielles Lebensthema der Schriftstellerin und natürlich waren es auch Zufälle, die sie zum Journalismus und damit weiter in Richtung dessen transportierten, was sie heute ist. Aber da sich die Bibliothek mit einer einzigen weiteren Erwähnung aus der Universitätszeit bereits wieder aus dem Erinnerungsbuch verabschiedet hat, soll dazu hier nichts weiter verraten werden. Denn zweifellos ist The Girl form the Metropol Hotel eine eindeutige Lektüreempfehlung wert. Die Kindheit der Ljudmila Petruschewskaja ist – in der Schilderung – schrecklich und märchenhaft zugleich (inklusive böser Stiefmutter), wobei das Schreckliche sich auf die unausweichlich furchtbaren und unmenschlichen Folgen aller Versuche einer totalitären Ordnung der Gesellschaft bezieht und das Märchenhafte auf diese sonderbare Kraft der Kindheit, die es offenbar schaffen kann, noch dem größten Elend Momente des Zaubers abzugewinnen.

(Berlin, 04.03.2017)

Ergänzung zu: Der Fall Julien Reitzenstein vs. H-Soz-Kult und die Frage nach der Kritikfähigkeit in der Wissenschaft

Posted in LIBREAS.Debatte by Ben on 27. Februar 2017

von Ben Kaden (@bkaden)

Im Anschluss an den am Freitag veröffentlichten Beitrag Der Fall Julien Reitzenstein vs. H-Soz-Kult und die Frage nach der Kritikfähigkeit in der Wissenschaft korrespondierte ich ausführlich mit Julien Reitzenstein und erfuhr mehr zu den Hintergründen der Angelegenheit. Grundlegend lässt sich festhalten, dass die Sachlage differenzierter zu betrachten ist, als es zum Beispiel das Echo auf Twitter vermuten lässt. Ich halte es daher aus zwei Gründen, also einerseits der Fairness halber, die allen Positionen Raum zugestehen soll und andererseits, um die Debatte mit aus meiner Sicht notwendigen Zusatzinformationen zu bereichern,  für geboten, meinen Ursprungskommentar mit dem nachstehenden Text zu ergänzen.

I

Ein aktuelles Geschehen, zumal eines sich noch entwickelndes, zeitnah zu kommentieren, birgt immer seine Gefahren. Anders als in der Rückschau sieht man immer nur einen Ausschnitt. Verrückt man diesen nur ein wenig, ändert sich eventuell die Grundlage dessen, was es zu beurteilen gab und relativiert oder revidiert damit die Beurteilung selbst.  Andererseits möchte man gern zeitnah reagieren, gerade auch wenn man sein Medium als eines versteht, das Teil fortlaufender Diskurse ist. Im Fall des Falles Julien Reitzenstein vs. H-Soz-Kult gab es durchaus eine Hemmung, die offengestanden dadurch motiviert war, dass das Vorgehen in der verfügbaren Schilderung bei H-Soz-Kult und FAZ so eindeutig und eindeutig gefährlich schien, um von Anwaltspost ausgehen zu müssen, wenn ein Halbsatz verrutscht. Am Ende war diese Sorge zugleich Motivation, denn das Grundverständnis von LIBREAS ist seit je, dass es zum Diskurs gehört, furchtlos Position zu beziehen und in Kommentaren die persönliche Sicht auf einen Sachverhalt direkt zu formulieren. Dass das Vorgehen gegen einzelne Formulierungen in einer wissenschaftlichen Rezension per Unterlassungserklärung der Gegenstand der Anmerkung war, gibt der Sache einen Spin Richtung Metaebene. (more…)

Der Fall Julien Reitzenstein vs. H-Soz-Kult und die Frage nach der Kritikfähigkeit in der Wissenschaft

Posted in LIBREAS.Debatte by Ben on 24. Februar 2017

Eine Anmerkung von Ben Kaden (@bkaden)

Update 27.02.2017: Im Anschluss an die Veröffentlichung des nachstehenden Beitrags korrespondierte ich ausführlich mit Julien Reitzenstein und erfuhr mehr zu den Hintergründen der Angelegenheit. Grundlegend lässt sich festhalten, dass die Sachlage differenzierter zu betrachten ist, als es zum Beispiel das Echo auf Twitter vermuten lässt. Ich halte es daher aus zwei Gründen, also einerseits der Fairness halber, die allen Positionen Raum zugestehen soll und andererseits, um die Debatte mit aus meiner Sicht notwendigen Zusatzinformationen zu bereichern,  für geboten, meinen Ursprungskommentar mit weiteren Ausführungen zu ergänzen.

In dieser Woche kam eine, glücklicherweise, erstaunliche und aus Sicht der Herausgeberschaft einer Zeitschrift, die auch Rezensionen veröffentlicht äußerst unersprießliche Angelegenheit ans Licht. Auf der zentralen deutschsprachigen Webplattform für die Geschichtswissenschaften, H-Soz-Kult, war 2016 eine Besprechung des Historikers Sören Flachowsky erschienen, der sich mit der Arbeit mit dem Titel Himmlers Forscher : Wehrwissenschaft und Medizinverbrechen im „Ahnenerbe“ der SS (Paderborn: Schönigh, 2014) des Historikers Julien Reitzenstein auseinandersetzte. Julien Reitzenstein fand am Besprechungstext offenbar einiges unzulänglich. Diese Mängel schienen ihm gravierend genug, um die Ebene des fachlichen Disputs sofort zu verlassen und sowohl den Rezensenten wie auch die Herausgeber von H-Soz-Kult mit einer vom Landgericht Hamburg angesegneten Unterlassungserklärung zu konfrontieren.

Michael Wildt und Rüdiger Hohls haben den Vorgang mit sichtbaren Bemühen um Transparenz auf der Seite beschrieben und betonen, was eigentlich jedem Leser und jeder Leserin der problemlos über die amerikanische Mutterseite noch verfügbare Orginalrezension klar sein dürfte: (more…)