LIBREAS.Library Ideas

Der Fall Julien Reitzenstein vs. H-Soz-Kult und die Frage nach der Kritikfähigkeit in der Wissenschaft

Posted in LIBREAS.Debatte by Ben on 24. Februar 2017

Eine Anmerkung von Ben Kaden (@bkaden)

In dieser Woche kam eine, glücklicherweise, erstaunliche und aus Sicht der Herausgeberschaft einer Zeitschrift, die auch Rezensionen veröffentlicht äußerst unersprießliche Angelegenheit ans Licht. Auf der zentralen deutschsprachigen Webplattform für die Geschichtswissenschaften, H-Soz-Kult, war 2016 eine Besprechung des Historikers Sören Flachowsky erschienen, der sich mit der Arbeit mit dem Titel Himmlers Forscher : Wehrwissenschaft und Medizinverbrechen im „Ahnenerbe“ der SS (Paderborn: Schönigh, 2014) des Historikers Julien Reitzenstein auseinandersetzte. Julien Reitzenstein fand am Besprechungstext offenbar einiges unzulänglich. Diese Mängel schienen ihm gravierend genug, um die Ebene des fachlichen Disputs sofort zu verlassen und sowohl den Rezensenten wie auch die Herausgeber von H-Soz-Kult mit einer vom Landgericht Hamburg angesegneten Unterlassungserklärung zu konfrontieren.

Michael Wildt und Rüdiger Hohls haben den Vorgang mit sichtbaren Bemühen um Transparenz auf der Seite beschrieben und betonen, was eigentlich jedem Leser und jeder Leserin der problemlos über die amerikanische Mutterseite noch verfügbare Orginalrezension klar sein dürfte: (more…)

Nochmal zur Evidence Based Library and Information Practice. Ein neuer Startpunkt, um Forschung im bibliothekarischen Alltag zu verankern?

Posted in LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 23. Februar 2017

Zu: Koufogiannakis, Denise ; Brettle, Alison (edit.) (2016). Being evidence based in library and information practice. London: Facet Publishing, 2016

von Karsten Schuldt

Die Evidence Based Library and Information Practice ist ein Fakt. Nur nicht hier.

Das wird vielleicht einige Personen in den deutschsprachigen Bibliothekswesen überraschen, aber: Evidence Based Library and Information Practice (EBLIP) ist ein dynamisches, einflussreiches Feld, dass beständig wächst und das seit 1997 – also seit jetzt 20 Jahren. Um die einst im kleinen Rahmen propagierte Praxis ist nicht nur eine Zeitschrift (https://ejournals.library.ualberta.ca/index.php/EBLIP), sondern auch ein Community gewachsen. Und damit ist auch das Bibliothekswesen besser geworden. Das hier zu besprechende Buch, Being evidence based in library and information practice, ist nur der nächste Schritt zu diesem Wachstum.

Was an diesen Aussagen vielleicht irritierend ist, ist, dass das im deutschsprachigen Bibliothekswesen nie auch nur ansatzweise angekommen ist. Von Zeit zu Zeit hört man den Begriff: Evidence Based Librarianship. Bei uns in der LIBREAS-Redaktion tauchte er in den letzten Jahren immer wieder einmal als mögliches Thema für einen Schwerpunkt auf. Auch bei Gesprächen auf Konferenzen fällt er manchmal, besonders bei Kolleginnen und Kollegen aus Medizinbibliotheken. Mein Kollege Mumenthaler hat den Begriff mehrfach ausgesprochen, als er einmal ein Forschungsvorhaben vorschlug (auch wenn es dann in seinem Text zum Vorhaben nicht auftaucht,1 https://ruedimumenthaler.ch/2016/02/15/bibliotheken-und-digitaler-wandel-einige-fakten/). Aber mit Inhalt gefüllt wird der Begriff eigentlich nie. Das sich in der englischsprachigen Bibliothekswelt, und hier vor allem nicht vorrangig der USA oder Grossbritanniens, sondern Kanadas, der Begriff tatsächlich mit einer kleinen Bewegung verbindet, scheint nicht bekannt.2

Die Gründe dafür sind nicht ganz klar. An sich möchte die EBLIP ein Problem lösen, dass sich selbstverständlich auch in den deutschsprachigen Bibliothekswesen findet, nämlich, dass eine ganze Zahl von Entscheidungen in Bibliotheken und Diskussionen über Entwicklungen im Bibliothekswesen nicht auf überprüfbaren Fakten (Evidenzen) basiert und auch nicht objektivierbar sind (d.h. so dargestellt, dass die Argumentationen, die zu einer Entscheidung oder Aussage führen, für andere nachvollziehbar wären), sondern halt oft immer neu auf Basis lokaler Wahrnehmungen getroffen zu werden scheinen – oder aber gar aus gar nicht richtig nachvollziehbaren Gründen. Vielleicht gibt es tatsächlich eine Abneigung gegen „Theorie“ in Bibliotheken; vielleicht wird EBLIP nicht wahrgenommen, weil die deutschsprachigen Bibliotheken gerne in die USA, nach Grossbritannien und Skandinavien schauen und Dinge erst wahrzunehmen scheinen, wenn sie sich dort etabliert haben – und nicht nach Kanada (oder Australien oder Neuseeland oder Frankreich etc.3). Aber egal wieso, EBLIP entwickelte sich anderswo; jetzt scheint es sogar, folgt man dem besprochenen Buch, soweit zu sein, diese Praxis wieder einmal zu überdenken. Es wäre also auch ein guter Zeitpunkt, in diese Entwicklung einzusteigen.

Modelle der EBLIP

Denise Koufogiannakis und Alison Brettle (Koufogiannakis & Brettle 2016), die das zu besprechende Buch herausgeben und in ihm auch die programmatischen Texte geschrieben haben, schreiben ein Modell fort, dass grundsätzlich ersten Handbuch zu EBLIP von Andrew Booth und Anne Brice (Booth & Brice 2004) formuliert wurde.

Booth und Brice führten 2004 die EBLIP noch aus zwei Quellen her: einerseits aus der evidence basd medicine, die als Praxis einfordert, dass bei medizinischen Entscheidungen jeweils die besten verfügbaren wissenschaftlichen Ergebnisse genutzt würden; anderseits aus einer Kultur des Accountability und ständiger Begründung mit Evidenzen – also mehr oder minder fakten-basierten Argumenten –, wie sie unter den Blair-Regierungen („New Labour“) in Grossbritannien – wo Booth und Brice damals tätig waren – zum Geschäft aller öffentlichen Einrichtungen gehörte. Dieses Modell basierte sehr dezidiert auf wissenschaftlichen Wissen und setzte sich aus den folgenden Schritten zusammen:

  1. „Define the problem

  2. Find evidence

  3. Appraise evidence

  4. Apply results of appraisal

  5. Evaluate change

  6. Redefine problem“ (Booth & Brice 2014:61)

Es ging ihnen darum, dass gerade wissenschaftliche Quelle genutzt werden, um Fragen zu klären, die im bibliothekarischen Alltag aufkommen.

Das Modell wurde aufgegriffen, wie gesagt vor allem in Kanada, wo 2006 – gehostet an der University of Alberta – die namensgebende Zeitschrift gegründet wurde. Insbesondere in dieser wurde nicht nur Quellen beurteilt und Projekte beschrieben, die mit diesem Modell durchgeführt wurden, sondern auch Projekte, welche das Modell grundsätzlich erweiterten. Offenbar gibt es genügend Kolleginnen und Kollegen in Bibliotheken, die dem Prinzip des EBLIP folgend arbeiten und publizieren wollen. Denise Koufogiannakis und Alson Brettle sind beide seit der Gründung Teil des Editorial Teams der Zeitschrift und sitzen damit – abgesehen von eigenen Publikationen zum Thema, die beide vorgelegt haben – quasi an der Quelle der Entwicklungen im Bereich.

Die Überarbeitung des Modells basiert auf diesen Erfahrungen (wobei sie aus dem Buch von Booth und Brice ein noch früheres Modell zitieren, dass diese schon erweiterten). Das neue, erweiterte Modell verstehen sie als Kreis mit den folgenden fünf jeweils aufeinander bezogenen Schritten:

  1. Articulate (Come to an understanding of the problem and articulate it.)

  2. Assemble (Assemble evidence from multiple sources that are the most appropriate to the question/problem at hand.)

  3. Assess (Place the evidence against all components of the wider overarching problem. Assess the evidence for its quantity and quality.)

  4. Agree (Determine the best way forward and, if working with a group, try to achieve consensus based on the evidence and organizational goals.)

  5. Adapt (Revisit goals and needs. Reflect on the success of the implementation.)” (Koufogiannakis & Brettle 2016:15)

Die beiden Modelle unterscheiden sich unter anderem in folgenden Punkten:

  1. IM erste Modell ist zwar auch die Arbeit in Gruppen möglich, aber, so die Kritik bei Koufogiannakis & Brettle (2016), letztlich darauf angelegt, dass eine Person ein Projekt durchführt und auch die jeweiligen Entscheidungen trifft. Das neue Modell soll sich eher für die Arbeit in kleinen Gruppen eignen (z.B. durch den Schritt „Agree“, der in einer Gruppe sinnvoller ist, weil hier ein informierter Konsens gebildet wird, als bei Projekten von Einzelpersonen).

  2. Das erste Modell legte grossen Wert auf wissenschaftliche Quellen. Eigentlich wurde nur diese als Evidenz akzeptiert; andere Quellen waren höchstens als Anregung für die Formulierung von Fragen zugelassen. (So zumindest die Interpretation von Koufogiannakis & Brettle (2016), der betreffende Artikel von Alison Winning „Identifying sources of evidence“ in Booth & Brice (2004:71-88) kann in diese Richtung interpretiert werden, lässt aber doch Platz für andere Quellen.) Das neue Modell legt Wert auf eine Mischung von Quellen, die ihre jeweils eigenen Wert haben: Wissenschaftliche Quellen, local evidence und professional knowlegde (Koufogiannakis & Brettle 2016:14). Für eine Entscheidung (siehe nächstes Punkt) in einer Bibliothek müssen alle Arten von Quellen herangezogen werden.

  3. Während Booth & Brice (2004) EBLIP noch aus den Anforderungen der Blair-Regierung (Accountability) und dem Fakt, dass sich Ähnliches in der Medizin durchzusetzen schien, begründeten, begründen es Koufogiannakis & Brettle (2016) nun als einen „structured approach to decision making“ (Koufogiannakis & Brettle 2016:7), also als Hilfsmittel für die Entwicklung von Bibliotheken. Dabei wollen sie EBLIP als einen ständig neu wiederholten Prozess verstehen, nicht als rein projekt-bezogenes Mittel. In der Vorstellung der beiden Autorinnen ist EBLIP ein Mittel, mit dem Bibliotheken ständig ihre Entwicklungen und Entscheidungen kritisch hinterfragen können.

  4. Koufogiannakis & Brettle (2016) verstehen EBLIP auch als eine Aufforderung an Bibliotheken, diese als Betriebskultur zuzulassen (d.h. von Seiten der Leitung, die Zeit dafür einzuräumen und solche Quasi-Forschungstätigkeiten ihres Personals zu fördern) sowie zu leben (also auf Seiten der Bibliothekarinnen und Bibliothekare, tatsächlich Probleme und Fragen zu definieren, Forschung zumindest auf der Ebene der Quellenanalyse durchzuführen und diese in die lokale Praxis zu übersetzen). Obwohl sie selber (nicht alleine) die Zeitschrift am Modell wissenschaftlicher Zeitschriften ausgerichtet haben und eine einzelne Bibliotheken übergreifende Community organisieren, verstehen sie EBLIP offenbar vorrangig als Mittel, die Entscheidungen in einzelnen Bibliotheken besser und fundierter zu machen – und damit auch besser.

Aber: Wozu?

Koufogiannakis & Brettle (2016) erheben den Anspruch, mit ihrem Buch quasi das Handbuch vorgelegt zu haben, welche des Handbuch von Booth & Brice (2004) ersetzt. Ob das gelungen ist, ist wohl nur im Rahmen von Bibliotheken zu bestimmen, die ihre Praxis an EBLIP orientieren – also keinen Bibliotheken im deutschsprachigen Raum. Es gibt aber eine grosse Anzahl an Gemeinsamkeiten. Beide Bücher unterteilen sich in einen Teil, der das jeweilige Modell und die Arbeitsschritte in diesem dezidiert darstellt und einen Bereich, der EBLIP anhand von einzelnen Studien in der Praxis zeigt. Das frühere Buch hat einen Teil zur Geschichte und Begründung der EBLIP. Das jüngere Buch handelte diese Themen im Vorwort ab. Ansonsten scheint vieles tatsächlich einfach ein Update zu sein, mit einer genaueren Struktur und einem grösseren Selbstbewusstsein, das EBLIP eine etablierte Praxis ist. Gleichwohl wird bei Koufogiannakis & Brettle (2016) nicht so sehr auf die noch bei Booth & Brice (2004) im Zentrum stehende Wahl und Wertung von Quellen für Evidenzen eingegangen. Das ist ein Defizit des neuen Buches. Es scheint, als wäre es sinnvoll, falls man EBLIP im lokalen Bibliotheksrahmen umsetzen möchte, in beiden Büchern die jeweiligen methodischen Kapitel wahrzunehmen und zu nutzen.

Ein Schwachpunkt beider Bücher ist, dass sie vor allem über ihre Beispiele überzeugen wollen: In beiden finden sich Darstellungen von Bibliothek, die mittels EBLIP zu Lösungen für alle möglichen Probleme gefunden haben. Bei Koufogiannakis & Brettle (2016) sind sie besser strukturiert, da die betreffenden Kapitel – die nach Bibliothekstypen gegliedert sind – jeweils einen Überblick zu verschiedenen Studien liefern können, die es heute einfach mehr gibt, als vor 13 Jahren. Aber was die Beispiele zeigen ist eigentlich nur, dass EBLIP angewandt werden kann, um Entscheidungen im Rahmen der Bibliotheksentwicklung zu treffen; nicht, dass es besser ist, sie mit EBLIP zu treffen als mit anderen Methoden. Das ist nur soweit überzeugend, dass man es ausprobieren könnte; aber nicht, dass man es unbedingt müsste.

Ansonsten ist die Beschreibung der einzelnen Schritte des Modells – in beiden Büchern – jeweils sehr kleinteilig, aber nie wirklich erstaunlich. Eigentlich werden nur Schritte einer einfachen Forschungsplanung für Praxisprojekte gezeigt, die so wohl wöchentlich in Fachhochschulen und Universitäten der ganzen Welt für Bibliotheken erstellt werden. Nur, dass sie einmal so beschrieben werden, dass sie direkt von Bibliotheken, d.h. Bibliothekarinnen und Bibliothekaren, geplant und durchgeführt werden können. Das ist ein Vorteil von EBLIP: Zu klären, dass Forschung oder Wissenschaft keine Magie ist, sondern einfach auch selber vor Ort durchgeführt werden kann, vor allem, wenn man durch selbst gestellte Fragen motiviert wird.

Grenzen

Um das (neugefasste) Konzept von EBLIP zu verstehen, reicht eigentlich das Lesen des ersten Textes („A new framework for EBLIP“) von Koufogiannakis & Brettle (2016:11-18). Alle anderen Texte sind erklärendes Beiwerk. Gleichzeitig ist dieses Buch auch von einer etwas sehr starken Überzeugung getragen, dass EBLIP eine immer einsetzbare Lösung für Probleme und neue Fragen bei der Bibliotheksentwicklung bieten und gute Ergebnisse – d.h. Vorarbeiten für gute Entscheidungen – liefern würde. Vielleicht ist das die Erfahrung der Autorinnen, aber es vermittelt zum Teil den Eindruck, den vehemente Vertreterinnen und Vertreter anderer Methoden auch erzeugen: Das ungute Gefühl, dass der Anspruch nicht gehalten werden kann, die Methode doch nur manchmal etwas taugt und vor allem nicht darüber gesprochen wird, was für negative Effekte die Methode haben könnte.

Was die Wirkung des Buches im deutschsprachigen Raum weiter einschränken könnte, ist der Fokus auf Kanada, die USA und Grossbritannien (nur eine Autorin des Buches kommt mit Schweden aus einem anderen Land) und damit auch den dortigen Kulturen in den Bibliotheken – insbesondere deren professionellen Debatten, die nicht die gleichen sind, wie im DACH-Raum – sowie gesellschaftlichen Fragen, welche den Blick der jeweiligen Texte prägen.

Eine auffällige Leerstelle von EBLIP – in allen bislang vorliegenden Büchern und Texten – ist die Stimme der Nutzerinnen und Nutzer. EBLIP gibt die Agency, die ansonsten oft bei Forschenden an Fachhochschule und Universitäten liegt, in die Hand von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren; diese üben in den aktuellen Konzepten dann aber die gleiche Macht darüber, was und wie gefragt oder untersucht wird, aus, wie es sonst in Forschungsprojekt die Forschenden tun. Angesichts dessen, dass in vielen EBLIP-Projekten Nutzerinnen und Nutzer untersucht, befragt etc. werden, wäre zu erwarten, dass auch diesen Agency zugestanden wird. Eventuell ist eine solche Partizipation von Nutzenden der nächste Schritt in der Entwicklung von EBLIP.

Wer nur einmal einen Blick darauf wegen will, wie EBLIP funktionieren kann, benötigt nicht dieses Buch, sondern kann stattdessen ein paar Nummern der mehrfach genannten Zeitschrift lesen (https://ejournals.library.ualberta.ca/index.php/EBLIP). Diese zeigt eher die tatsächlichen Potentiale, vermittelt aber nicht das angesprochene Modell.

Ansonsten scheint EBLIP, besonders der Fakt, das diese Community schon über einen so langen Zeitraum existiert, ein Ansporn darzustellen, es auch einmal im lokalen Rahmen in deutschsprachigen Bibliotheken zu versuchen.

Literatur

Booth, Andrew ; Brice, Anne (edit.) (2004). Evidence-based practice for information professionals: a handbook. – London: Facet Publishing, 2004

Koufogiannakis, Denise ; Brettle, Alison (edit.) (2016). Being evidence based in library and information practice. – London: Facet Publishing, 2016

Schuldt, Karsten (2013). Bibliotheken erforschen ihren Alltag. Ein Plädoyer. – Berlin: Simon Verlag für Bibliothekswissen, 2013

Stock, Wolfgang G. (2009). Evidenzbasierte Bibliotheks- und Informationspraxis. EBLIP5, Stockholm, 2009. – In: Bibliotheksdienst 43 (2009) 8-9, 902-908

Fussnoten

1 Was sich aber beim ihm findet, ist eine Begründung, die sich so auch in den englisch-sprachigen Texten zur Evidence Based Library Practice finden könnte: „Die aktuelle Debatte zeigt, dass wir als Bibliothekscommunity und als Bibliothekswissenschaft schlecht aufgestellt sind. Wir haben Mühe, gegen offensichtlich falsche Äusserungen und plumpe Vorurteile zum aktuellen Stand des digitalen Wandels in Bibliotheken fundiert und sachlich zu argumentieren. Meine Aussagen sind bestimmt näher an der Wirklichkeit (finde ich…), aber eine wissenschaftlich überzeugende Argumentation sieht doch anders aus. Eigentlich müsste ich doch Fakten abrufen können, Studien zitieren können, die unmissverständlich solch absurde Behauptungen widerlegen würden. Aber ich kann nur einige Beispiele zitieren, die ein deutlich anderes Bild zeichnen. Die belegen, dass sich die Bibliothekslandschaft in Bewegung befindet, die zeigen, dass die Community die Probleme erkannt und die Herausforderungen angenommen haben.“ (https://ruedimumenthaler.ch/2016/02/15/bibliotheken-und-digitaler-wandel-einige-fakten/)

2 Bestimmt übersehe ich einzelne Nachweise in Fussnoten etc., aber richtig ist mir der Begriff nur einmal, bei einem Konferenzbericht von Wolfgang G. Stock (2009) aufgefallen. Und dann in meinem eigenen Buch zum thema Forschung in Öffentlichen Bibliotheken (Schuldt 2013).

3 Auch wenn ich dieses Argument schon mehrfach gebracht habe, gerne nochmal: Die Makerspaces waren in der australischen und kanadischen bibliothekarischen Literatur schon etabliertes Thema, bevor sie in den USA stark diskutiert wurden – aber erst dann, als sie auch in der US-amerikanischer Literatur auftuachten, wurden sie in der deutschsprachigen Literatur thematisiert. EBLIP wäre also kein Einzelfall.

Analogkultur / Digitalkultur. Über @handmedium und „real things and why they matter.“

Posted in LIBREAS.Feuilleton, Uncategorized by Ben on 6. Februar 2017

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

I

Derzeit sammelt sich Samstag für Samstag auf dem immergrauen Vorplatz der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt am Main eine Schar Demonstranten, die sich für einen Erhalt der Möglichkeit eines Zugangs zum gedruckten Medium im Lesesaal der Bibliothek einsetzen. Ein Transparent komprimiert das Anliegen in eine Frage: Bibliothek ohne Bücher? Es ist eine kleine, aber sehr engagierte Gruppe, die der Stroemfeld-Lektor Alexander Losse per Megaphon zu aktivieren versucht und einen kleinen Niederschlag findet sich regelmäßig vor allem in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die in diesem Fall als Lokalblatt gelten kann. Aber auch in der wochentäglichen Abwesenheit bleibt die unter dem Kürzel @handmedium auf Twitter ihre Aktionen begleitenden, dokumentierenden und mit befreundeten Accounts retweetenden selbsternannte Mahnwache präsent. Außerdem sucht man das 140-Zeichen-Gespräch mit Twitternden, die man sich als passende Gegenüber für den Austausch von Positionen heraussucht.

"Digital vor gedruckt" - Aushang in der DNB

„Digital vor gedruckt“ – der in diesem Fall farblich gut auf die Oberbekleidung der Besucher abgestimmte Aushang erläutert eigentlich sehr nachvollziehbar und in leichter Sprache, warum die Bibliothek lieber den Griff zur E-Book-Fassung sähe. Und zugleich regt sie die Nutzerinnen und  Nutzer zum Nachdenken über ihr Nutzungshandeln an. Denn nun müssen sie sich bei jedem Verlangen überlegen, wie sich der Zweck ihrer gewünschten Lektüre zur Medialität des Objektes verhält.

Spricht man Mitarbeiter des Hauses auf die Mahnwache und ihre Ziele an, gibt es die Bandbreite des Lächelns von verzweifelt über mitleidig bis sogar nachsichtig zu sehen. Es ist schon ein Politikum, hört man. Und, vertraulicher, dass es durchaus Verbindungen aus dem Haus über die Frankfurter Allgemeine zur „Reuß’schen Gruppe“ gäbe, die in dem Vorplatzprotest etwas zu kanalisieren versuche. Was das genau ist, erfährt man nicht und möchte es eigentlich auch gar nicht wissen. Das Öl soll besser nicht weiter ins Feuer tröpfeln und die FAZ hat doch noch einen gewissen Einfluss auf die öffentliche Meinung der Stadt am Main. (more…)

Die Bibliothek in der Literatur. Heute: In Hanns Cibulkas Swantow.

Posted in Die Bibliothek in der Literatur, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 29. Januar 2017

Ein Sonntagstext von Ben Kaden (@bkaden)

I

Im März 1989 schrieb jemand mit dem schönen nordischen Namen Olaf mutmaßlich im Uckermärkischen Templin – es findet sich die Abkürzung Tpl neben dem Datum – die erste Zeile eines der bekanntesten Lieder der DDR-Popmusik in einem schmalen Band aus der Kleinen Edition des Mitteldeutschen Verlags. „Einmal wissen dieses bleibt für immer“, popularisiert durch „Am Fenster“ der Band City, formuliert von Hildegard Maria Rauchfuß, erstveröffentlicht 1970 in dem heute schwer vergriffenen Band „Versuch es mit der kleinen Liebe“. Die Lyrikerin war bekannt für singbare und Singeklub taugliche Texte und durfte einmal gemeinsam im Auftrag des Rat des Bezirkes Leipzig mit dem Komponisten Peter Herrmann eine Kantate zu Ehren Karl Liebknechts erarbeiten. So war kurz vor ihrem Band eine Schallplatte der heute trotz Stiftung weitgehend versunkenen Schlagercombo Fred Frohberg und das Ensemble 67 mit einigen Vertonungen ihrer Texte durch die Presswerke von Amiga gegangen. „Versuch es mit der kleinen Liebe“ war beim Henschelverlag in der Kabarettabteilung untergekommen und wurde von Erika Baarmann illustriert. Im Jahr nach Erscheinen intonierte der Pionierchor Böhlen bei den 13. Arbeiterfestspielen zur Freude der Berichterstatterin des Neuen Deutschland „ein Loblied gleichsam auf die arbeitenden Menschen unserer Republik und das kostbare, verpflichtende Vertrauen der Kinder zu ihnen.“ (vgl. Pehlivanian, 1971) Die Amiga-Single von „Am Fenster“ erschien 1977, ergänzt um das zutiefst nostalgische Lied „Mein alter Freund“ und ebenso die westdeutsche Pressung bei Telefunken. Die Produktion von City war, wie auch bei ein paar anderen Gruppen, die bei der gefeierten Vorstellung von „Am Fenster“ auf der „Rhythmus 77“ im Berliner Palast der Republik aufspielten (und auch solchen die fernblieben – die Puhdys tourten gerade durch Bulgarien, dem Heimatland von City-Mitglied und Am-Fenster-Arrangeur Georgi Gogow.) buchstäblich ein Exportschlager auch ins nichtsozialistische Ausland. In Griechenland beispielsweise erreichte die Schallplatte den Status einer goldenen. Das lag nicht unbedingt nur am Text, sondern mutmaßlich weitaus mehr an der überaus stimmigen Komposition, die sich unmittelbar einprägt und zwar so, dass sie sofort erklingt, wenn man die Worte liest, hier handschriftlich in ein Exemplar der vierten Auflage von Hanns Cibulkas Swantow eingewidmet, direkt unter die Mottos, die Cibulka von Goethe und Hugo von Hofmannsthal für sein Buch wählte, was Hildegard Maria Rauchfuß sicher gefreut hätte.

Hanns Cibulka - Swantow - aufgeschlagen, mit Widmung

Einmal wissen – dieses ist für immer!? Nun ja. Für den Aufenthalt des Buches im Regal der beschenkten Person galt dies offenbar nicht. Aber vielleicht wird das Bild ja alsbald vom Crawler des Internet-Archives eingesammelt. Und dann ist zumindest die Erinnerung an die Verknüpfung von Olaf und Swantow für eine kleine digitale Ewigkeit archiviert. Für immer ist das auch nicht. Aber immerhin.

(more…)

CfP #31: Emotionen & Emotional Labor

Posted in LIBREAS Call for Papers by Karsten Schuldt on 6. Dezember 2016

Bibliotheken managen nicht nur den Bestand, sondern sie sind auch Ort, an dem Menschen miteinander kommunizieren.

Die Fachliteratur thematisiert dies eher eng, vor allem als Informationsbedarfsgespräch, bei dem vorausgesetzt wird, dass die Nutzerinnen und Nutzer auch alle mit einem klar erfragbaren Interesse in die Bibliothek kommen. Aber ist dies die einzige Situationen, in denen Personal und Bibliotheksnutzern miteinander kommunzieren? Was wird im Rahmen solcher Gespräche mitgeteilt, mit welchen Gefühlen gehen beide Seiten in solche Situationen hinein, mit welchen gehen sie hinaus? Und was ist mit den anderen „Kontaktsituationen“, zum Beispiel bei Veranstaltungen? All diese Kontakte bedeuten auch, dass Menschen mit ihren Identitäten, Vorstellungen, Vorarbeiten, Ängsten, Hoffnungen und teilweise eher unkonkreten Bedürfnissen aufeinander treffen.
Lisa Sloniowski (2016) bemerkt, dass diese „emotional labor“ in Bibliotheken ständig stattfindet, aber kaum thematisiert oder gesondert bemerkt, entlohnt oder gesteuert würde. Vielmehr würden stärker klar messbare oder sichtbarere Aspekte zur Bewertung von guter oder schlechter Arbeit genutzt. Ein Beispiel sind technische Projekte. Sie weist zudem darauf hin, dass zumindest in ihrem Umfeld – der Bibliothek der York University, Toronto – die „emotional labor“ vor allem von Frauen geleistet wird. Hat diese Arbeit also, so fragt sie weiter, einen ähnlichen Status, wie die „unsichtbare Hausarbeit“, welche die zweite Frauenbewegung in den 1960ern und 1970ern erst sichtbar machen musste? Tragen Frauen in Bibliothek genauso mit unbezahlter Arbeit zum Funktionieren der Institution bei, wenn sie die Arbeit mit den Nutzenden verrichten, wie Frauen unbezahlt im Haushalt das Funktionieren der „kleinbürgerlichen Kleinfamilie“ garantierten? Sloniowski tendiert zu dieser Deutung und leitet daraus unter anderem die Forderung ab, die Situation feministisch zu interpretieren und gegen den von ihr postulierten neoliberalen Alltag der (kanadischen) Universität zu wenden.

Daneben ist zu bemerken, dass der Umgang mit „schwierigen Nutzenden“ zwar vor allem als Sicherheitsproblem thematisiert wird (Eichhorn 2015), aber viel öfter und viel eher eine persönliche Komponente enthält. Zumeist werden Probleme mit diesen Personen ohne Sicherheitsdienst oder Vorschriften gelöst. Aber wie genau? Zumal zum Beispiel Bodaghi, Cheong & Zainab (2015) zeigen, dass – zumindest in dem von ihnen untersuchten Bibliotheken in Malaysia – ein gewisser Mangel von Empathie auf Seiten des Bibliothekspersonals aus Nutzenden mit Sehbeeinträchtigungen erst „schwierige Nutzende“ machte. Wie gesagt: In der Bibliothek treffen Menschen auf vielen Seiten mit ihren eigenen Identitäten, Möglichkeiten und Vorstellungen aufeinander.

Bibliotheken sind zudem Einrichtungen, in denen sich Personal begegnet, zusammenarbeitet oder zumindest mit einander auskommen muss. Daher kann und muss man aus einer, wenn man so will, emotionstheoretischen Perspektive fragen: Was passiert in den Bibliotheken im Hintergrund? Wie funktionieren Bibliotheken auf der persönlichen, zwischenmenschlichen Ebene? Wie geht das Personal an der Theke mit dem Personal in der Katalogisierung um? Wie die Fachreferentin mit dem Medienbearbeiter? Wie mit den befristet eingestellten Projektleiterinnen und Projektleitern? Wie mit der Praktikantin, dem Praktikanten? (Larrivee 2015)

Zudem, der Kontakt zwischen Personal und Chefin oder Chef: In einer Bibliothek erwarten man eigentlich kein hartes Aufeinandertreffen. Es ist keine Firma, die sich mit ihrer Arbeit gegen Konkurrenten behaupten muss. Doch Machtbeziehungen existieren unweigerlich da, wo Hierarchien sind. Bibliotheken sind nach wie vor sehr oft eher nach traditionellen Mustern der Verwaltungsorganisation und damit hoch hierarchisch organisiert. Wie wirkt sich das auf der Ebene zwischen Menschen aus? Steuern Chefinnen und Chefs in Bibliotheken ihre Mitarbeitenden mit Emotionen? Lassen diese es sich gefallen?

Ein Thema aus dem englischsprachigen Bibliothekswesen ist das der „Mikroagression“ innerhalb des Personals, also der (zumeist ungewollten, aber strukturell auf Machtbeziehungen aufbauenden) Provokationen und Beleidigungen aufgrund unreflektierter Urteile über Menschen oder Vorannahmen, beispielsweise das Bestreiten von vorhanden Machtbeziehungen oder unnötig niedrige Anforderungen, die Mitarbeitenden vermitteln, dass ihnen weniger zugetraut wird. (Alabi 2015) Ist dies in Bibliotheken in den deutschsprachigen Ländern auch ein Thema?

Hin und wieder thematisiert werden die Ängste vor der Benutzung von Bibliotheken, die (potentielle) Nutzende davon abhalten, Bibliotheken überhaupt oder in Teilen so zu nutzen, wie es ihnen eigentlich möglich wäre. Dass solche Ängste bestehen, ist bekannt; dass sie die Nutzung von Bibliotheken einschränken, ist klar ersichtlich. (Jan, Anwar & Warraich 2016; Gremmels 2015) Doch: Wie verbreitet sind sie in deutschsprachigen Ländern? Wie prägen sie sich aus? Vor allem: Ängste sind persönlich – auch wenn sie gesellschaftlich vermittelt werden. Beschäftigen sich Bibliotheken mit solchen Ängsten? Gehen sie dagegen vor, dass sie bei (potentiellen) Nutzenden entstehen? Helfen sie, diese abzubauen? Wie? Wer macht diese emotionale, persönliche Arbeit?

In der Forschung weniger thematisiert, weil nicht den Problemfall oder das Pathologische ansprechend, können auch positive Emotionen der Bibliothek gegenüber oder in der Bibliothek auftreten. Die Architektur bereitet womöglich ästhetisches Wohlgefallen, der Büchergeruch lässt die schöne Kindheit wiederaufleben, in der Bibliothekslounge verfällt man endlich in die lang ersehnte tiefe Entspannung, für gemeinsames Arbeiten oder auch Flirten bietet die Bibliothek das perfekte Setting. Das emotionale Spektrum ist breit und kann individuell sehr stark variieren: Für die eine/den einen ist die Bibliothek der schönste Platz zum Aufhalten und Arbeiten, der/die andere empfindet die Bibliothek als elitären Ort, dessen neobarocke Eingangspforte sie oder er nie passieren würde.

Aufruf für Beiträge

Die LIBREAS. Library Ideas möchte die Ausgabe #31 zu diesem Themenbereich “Emotionen und Emotional Labor” gestalten und ruft zu Beiträgen auf, die sich mit den gerade genannten oder andere, passenden Fragen aufgreifen. Grundsätzlich bieten sich dazu persönliche Berichte und Reflexionen genauso an, wie Beschreibungen von institutionellen Strategien zum Umgang mit der emotionalen Komponenten bibliothekarischer Arbeit oder übergreifende Texte. Die Form der Beiträge ist offen, beispielsweise wären neben Essays und Artikeln auch mehr künstlerische Beiträge wie Lyrik oder Bilder denkbar. Erfahrungsberichte sind ebenfalls sehr willkommen und können auf Wunsch auch anonym (oder unter Pseudonym) veröffentlicht werden.

Für Rückfragen oder die Diskussion von Ideen für Beiträge steht die Redaktion gerne zur Verfügung. Kontakt und Einreichungen gerne per Mail. Deadline ist der 30.04.2017.

Eure/Ihre Redaktion LIBREAS. Library Ideas

(Berlin, Chur, Dresden, Hannover, München)

Literatur

Alabi, Jaena: Racial Microaggressions in Academic Libraries: Results of a Survey of Minority and Non-minority Librarians. In: The Journal of Academic Librarianship 41 (2015) 1: 47-53 (http://aurora.auburn.edu/handle/11200/48541)

Eichhorn, Martin: Konflikt- und Gefahrensituationen in Bibliotheken: ein Leitfaden für die Praxis. (3. Auflage) Berlin: De Gruyter Saur, 2015

Gremmels, Gillian S.: Constance Mellon’s „Library Anxiety”: An Appreciation and a Critique. In: College & Research Libraries 76 (2015) 3: 268-275

Jan, Sajjad Ullah ; Anwar, Mumtaz Ali ; Warraich, Nosheen Fatima: Library Anxiety and Emotion Perception Among the Undergraduate Social Sciences Students: A Relationship Study. In: Behavioral & Social Sciences Librarian 35 (2016) 2: 52-63

Larrivee, Anne: Exploring the Stressors of New Librarians. In: Public Service Quarterly 10 (2014) 1: 1-10

Matteson, Miriam L. ; Chittock, Sharon ; Mease, David: In Their Own Words: Stories of Emotional Labor from the Library Workforce. In: Library Quarterly 85 (2015) 1: 85-105

Sloniowski, Lisa: Affective Labor, Resistance, and the Academic Librarian. In: Library Trends (Issue: Reconfiguring Race, Gender, and Sexuality) 64 (2016) 4: 645-666

 

— Edit 06.12.2016 —

Deadline ist in 2017, nicht wie anfänglich angegeben, in 2016. Selbstverständlich.

— Edit 07.12.2016 —

Einige Tipp- und Korrekturfehler behoben.

Die Bibliothek in der Literatur. Heute: In Jonathan Franzens „Purity“.

Posted in Die Bibliothek in der Literatur, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 4. Dezember 2016

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)
(Achtung: enthält Spoiler.)

zu: Jonathan Franzen (2015): Purity: a novel. [First Picador International Mass Market Edition: August 2016] New York: Picador.

„Franzen reveals moments of absolute genius.“ notierte das Library Journal 2015 über Purity. Wir haben mit der Lektüre ein wenig gebraucht, räumen das Buch jetzt aber endlich vom Nachttisch und schließen uns nur bedingt der amerikanischen Begutachtungskultur des unbegrenzten Superlativs an. Bevor wir die Zuschreibung „Genie“ verwenden, muss nämlich doch noch einiges mehr an Finesse durchblitzen als es bei diesem zugegeben gut lesbaren und in jedem Fall vom Autor schwer erarbeiteten Zusammenbiegen von Archetypen der Gegenwart und ihrem Kampf darum, gute Menschen zu sein, geschieht. Man spürt eben doch zu oft die nicht-genialische Mühe, genug glaubwürdiges Plotgewebe über die nicht übermäßig originelle Grundkonstellation der Figuren zu werfen. Dass die als bitterarm eingeführte Hauptfigur – Achtung Spoiler – am Ende das zeitgenössische Geldwertäquivalent zu einem Königreich von einem Anwalt namens Navarre – Ach Pamplona! – de facto überreicht bekommt und einen Traumprinz mit einem zitronenliebenden Hund namens Choco dazu, ist beispielsweise doch mindestens ein Grad zu kitschig.

Auch die andere Hauptfigur, ein charismatischer Internetleaker mit ostdeutscher Dissidenzvergangenheit, dessen Widerborstigkeit gegenüber dem DDR naturgemäß persönliche Gründe hat und zwar in Rebellion gegen die tief in den Nomenklatura verankerten Eltern (hier geht jemand etwas sehr offensichtlich in ein anderes Blau), lässt die Fäden, an denen der Franzen’sche Bilderreigen aufgehängt wird, etwas sehr scheinen. Aber in jedem Fall und wie auch erwartet sind viele Aspekte und Settings mit größtmöglicher Präzision recherchiert. Damit hat er vielen deutschen Massennarrativen über das Ende der DDR wie zum Beispiel der unsäglichen Stasi-Seifenoper Weissensee einiges voraus.

Für die Reihe „Die Bibliothek in der Literatur“ lässt sich aus Purity allerdings nur wenig fischen. Es gibt eine Stelle, in der Andreas Wolf, der ehemalige Posterboy der Berliner Bürgerrechtsbewegung und mittlerweile aufstrebende Nachwuchsleaker („he’d been in the headlines for breaking the news of German computer sales to Saddam Hussein“), kurz nach 9/11 einen fragwürdigen Kontaktmann treffen möchte. Als einzigen sicheren Ort fällt ihm eine Bibliothek ein. Nämlich die des Amerika-Hauses am Bahnhof Zoologischer Garten. Allerdings weniger aus bibliothekarischen Gründen:

„Andreas agreed to meet the caller at the Amerika Haus library, where security was heavy.“ (S.610)

Was ihn erwartete, war allerdings eher harmlos: „There was a briefcase in front of him on the library table.“

Der mysteriöse Anrufer stellte sich als Andreas‘ biologischer Vater heraus, einst Kommilitone und Liebhaber seiner mit einer Parteigröße verheirateten Mutter, der folgerichtig im Stasi-Gefängnis und in der Alkoholabhängigkeit enden musste und auch nach der Wende ein Leben näher an der Armut als nach seinen Fähigkeiten zu führen gezwungen ist. Er hat einen zweiten Sohn, der schwerbehindert ist. Da seine Frau unlängst starb, muss dieser nun in einer Pflegeeinrichtung betreut werden. Die Rente reicht nicht und um Geld zu bekommen, möchte er nun ein Erinnerungsbuch mit dem sehr un-DDR-igen Titel „The Crime of Love“ veröffentlichen, erhält aber nur Absagen. Andreas soll ihm jetzt mit seinem Einfluss helfen. Dieser tut dies widerwillig, gibt ihm vorher aber noch eine Schaufel Demütigung mit:

„It was hearbreaking to see old Ossis trying to ape the thinking of Wessis, trying to master the lingo of capitalist self-promotion. „I met my son a second time, at the Amerika Haus library,“ Andreas said. „This meeting itself could be the coda to your book.“ (S.613)

Als Coca-Koda dieses Handlungsfadens steht das Buch freilich zwölf Wochen auf der SPIEGEL-Bestsellerliste und damit ist der echte Vater aus Purity denn auch verschwunden.

Es gibt nur noch ein zweites Auftauchen einer Bibliothek in Purity. Zwei weitere Hauptfiguren, die sich, Spoiler!, als die Eltern des Mädchens namens Purity herausstellen, haben sich gerade in State College, Pennsylvania kennen und lieben gelernt. Sie, Anabel, die Milliardärstochter und Veganerin macht Kunst und sucht die maximale moralische Reinheit. Er, Tom, gibt ein Campusblatt heraus, spielt Bro und versucht mehr oder weniger in seiner Maskulintätsblase damit zurecht zu kommen, dass er noch jungfräulich ist. Sie, schwer von ihrer Familie geschädigt, hat dagegen wilde Zeiten hinter sich, kann jedoch mittlerweile nur noch zum Höhepunkt gelangen, wenn gerade Vollmond herrscht. Er, dessen herzensguter Vater die bettelarme Mutter einst aus der Vormauer-DDR und einem Missbrauchsumfeld in die USA gerettet hat, kann eigentlich immer und weiß nicht so recht, wie ihm geschieht. Naturgemäß finden sich die beiden Außenseiter nach einem spielerischen Auf-und-ab.

Cover Jonathan Franzen Purity

Über der Cloud: die reine Leere? Für den Autor von Freedom soll diese Freiheit nun nicht nur nicht grenzenlos sein. Sondern sie wird eher ersetzt durch ein äußerst komplexes Netzwerk von Schuld, Moral, ein bisschen Sühne und vor allem der Grenze zwischen Wissen (Einsicht) und Nicht-Wissen (Unsicherheit). Wobei die Bibliothek, sofern sie sich nicht in Richtung der Snowden-Commons entwickelt, kaum noch das Medium ist, in dem diese Fragen verhandelt werden. Sondern bestenfalls Ort der verzweifelten Übergabe von Papier.

Die Bibliothek findet nun an der Stelle eine Erwähnung, an der der von Anabel abgrundtief gehasste Milliardärsvater die Bühne betritt:

„She went to the Free Library every weekday afternoon, because we’d decided it was healthy to be apart for some hours and she didn’t want to wait for me at home like a housewife.“ (S.495)

An einem dieser freien Bibliotheksnachmittage ruft Vater David an, gelangt ungeplant an Tom und erfährt, dass seine Tochter einen Freund hat, was ihn auch, grober Idealtyp volle Kraft voraus, deshalb erfreut, weil er nun die helfende Hand eines Mannes an seinen derangierten Nachwuchs gelegt sieht:

„Are you black?“ he said. „Handicapped? Criminal? Drug addict?“ „Ah, no.“ „Interesting. I’ll tell you another secret: I like you already.“ (ebd.)

So grob also sind die Pinsel, die Franzen für seine Figuren nutzt, was sich jedoch nach der Fernbeobachtung der USA im ernüchternden Wahljahr 2016 als bedauerlich glaubwürdig erweist. Sympathiepunkte sammeln in dieser Welt nur sehr wenige.

Es fällt generell auf, wie wenig die Bibliothek im Buch auffällt, zumal weite Strecken in einem akademischen Milieu spielen. Aber die Zeit und die auch die Medienkultur eilt offenbar Richtung online, was an einer Stelle sehr schön deutlich wird. Pip alias Purity trifft einen alternden, missmutigen und nach einem Motorradunfall gelähmten Spitzenschriftsteller in dessen Haus und dieser eröffnet das Gespräch mit einem Fragedreiklang:

„Are you a reader, Pip? Do you read books? Is the sight of so many books in a room at all frightening to you?“ (S.263)

Pip darauf eher höflich-schmallippig „I like books.“ Und sie bestätigt dem traurigen Grantler auf dessen Offensive hin, dass sie auch „Eating Animals“ gelesen hat, worauf dieser noch einmal kurz in den Raum stöhnt „So many Jonathans. A plague of literary Johnathans.“ (S.264)

Das zeigt zwei Dinge. Nämlich einerseits, welch ein ausgeglichen-sanfter Selbstironiker Franzen ist. Und zweitens, dass diese alten Dialoge der jungen hübschen Frauen mit alten Kulturpatriarchen auch lange nach Ibsen noch gepflegt werden (vgl. u.a. diesen Tweet), junge Frauen jedoch mittlerweile selbstbewusster sein dürfen. Oder besser: aufmüpfiger in situ.

Denn die Pip-Linie des Buches sind ja gerade ihre Selbstzweifel und die damit verbundenen rites de passage. Die Figur ist hochintelligent und tief verunsichert. Und sie ist durch und durch digitalkompetent, denn sie wurde im bolivianischen Shangri-La der Digitalaufklärung, also im Dschungel-Camp des mittlerweile von Regierungen aus aller Welt gesuchten Star-Leakers Andreas Wolf, zur Spitzen-Internet-Rechercheurin ausgebildet. Nach einem eigentlich vielversprechenden Einstieg in den Non-Profit-Journalismus, der aus dramaturgischen Gründen inszeniert und beendet wurde, landet sie nach der große Schleife der Identitätssuche hinter dem Tresen eines Cafés und in der Westküstenwohngemeinschaft, an der das Buch begann und ist damit gar nicht mal unzufrieden. Es gibt, wie oben angedeutet, natürlich noch einen Twist Richtung Wohlstands- und also Erlösungsversprechen, der hier aber nicht mehr referiert werden soll.

Aus einer medientheoretischen Sicht stellt man, so vielleicht ein Fazit, am Beispiel von Purity beruhigt fest, dass auch die Gegenwartsliteratur engagiert Fragen nach dem Verhältnis von Leak, Leak-Vermittlung und Leak-Folgenabschätzung erörtert. Die moralischen Herausforderungen der Gegenwart sind eben zu großen Teilen digital geprägt und es ist ein gutes Zeichen, wenn sie mittlerweile ausführlich auch in der traditionellen erzählenden Literatur verhandelt werden. Das führt vermutlich unvermeidlich zu feuilletonistischen Einsichten wie:

„The aim of the Internet and its associated technologies was to „liberate“ humanity from the tasks – making things, learning things, remembering things – that had previously given meaning to life and thus had constituted life. Now it seemed as if the only task that meant anything was search-engine optimization.“ (S. 631)

Wer solche, nun ja, Küchentischmedienphilosophie in Kauf zu nehmen bereit ist, wird mit Purity vor allem aus literarischer Sicht sicher besser bedient, als mit dem schrecklichen „I hate the Internet“ des Jarett Kobek. Und wenn man wie wir Literatur auch als Zeitspeicher begreift, dann darf man Purity als unbedingt für den Langzeitkanon geeignet einordnen. Es ist sicher in keiner Hinsicht Avantgarde. Aber es ist ein wuchtiges und grundsolides Epochengemälde, in dem, wie wir lesen konnten, Buch und mehr noch Bibliothek nur noch ein stilles Echo am Rande sein dürfen.

(Berlin, 04.12.2016)

Open Access ist „ein Geschenk an Google und Konsorten“. Meint Uwe Jochum heute in der FAZ.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Debatte by Ben on 23. November 2016

Eine Anmerkung von Ben Kaden (@bkaden)

zu

Uwe Jochum:Digitale Wissenschaftskontrolle. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.11.2016, S. N4
Peter Geimer: Jede Ähnlichkeit wäre rein zufällig. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.11.2016, S. 9

Sowohl Feuilleton wie auch der Wissenschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung unterstreichen mit der aktuellen Themenwahl erneut, wie nachdrücklich sich das Blatt als Meinungsmedium für Debatten zur digitalen Wissenschaft und zum digitalen Publizieren in der Wissenschaft versteht. Das ist an sich eine gute Sache, weil es prinzipiell die Vielfalt der Stimmen und Positionen in diesen Diskursen erhöht und damit Material zur Auseinandersetzung und zum Hinterfragen eventueller und vermeintlicher Selbstverständlichkeiten führt. Ein wenig bedauerlich ist es freilich, dass gerade der Wissenschaftsteil zu diesem Thema mit einer Auswahl handverlesener Autoren (wo sind eigentlich die Frauen, die zu diesem Thema schreiben?) aufwartet, die man nun schon als Veteranen der Debatte bezeichnen muss, was, wie bei Veteranen nicht unüblich, zu gewissen Redundanzen in der Argumentation führt. Das macht es am Ende auch ermüdend, Gegenargumente zusammenzustellen und wenn man dem bewundernswert engagiert gegen die Windmühle des Open-Access-Zwangs antwitternden Stroemfeld-Verlag die Hand reichen möchte – der dieser leider zu oft mit Beißreflex und also bunt gewürfelten Unterstellungen begegnet – dann sicher in der Feststellung, dass es oft beim Austausch von Textbausteinen bleibt.

Aber vielleicht ist das eindimensionale Format des Zeitungsartikels, der in keine Synopse führt, sondern die Leserinnen und Leser der FAZ seit Jahren im Kreis um dieses eigentümliche Phänomen des Open Access herum, auch nicht das Idealmedium solcher Debatten. Andererseits kommt man so per Pressedokumentation sicher eher auf ministeriale Schreibtische und ein bisschen mutet es so an, als wären diese Ablagen der Hauptgrund, warum Roland Reuss und nun auch wieder einmal Uwe Jochum so viel Platz in diesem Forum erhalten.

Man muss Uwe Jochum in jedem Fall schon einmal zugestehen, dass er deutlich präziser und sicher auch klüger schreibt, als der berühmte Philologe aus Heidelberg. Sein aktueller Text kommt nun unter einer Überschrift „Digitale Wissenschaftskontrolle“ auf den Bildschirm und impliziert viel Gefahr für Wissenschaft. Das Mittel ist das Digitale. Nachzuweisen gilt nun noch im Text, wer sich dessen bedient. Man kann es gleich weg-spoilern: Uwe Jochum vermutet wie viele der wenigen Streiter gegen Open Access eine Art Verschwörung von „George Soros und seine[n] Open-Access-Freunden“, die mit einer Verkündungsschrift – nämlich der Budapester Erklärung – auszogen, die Reichweite des Urheberrechts zu minimieren und zwar bis auf „das Recht auf einen bibliografischen Nachweis“.

Auf die Frage nach der Motivation hat Uwe Jochum eine eindeutige Antwort:

„Jedem Internetnutzer sollte inzwischen klar sein: Es sind diese Personen- und Verkehrsdaten, mit denen im Netz das Geld verdient wird, nicht der „Content“. Klar sollte auch sein, dass mit den Gewinnen eine Politik finanziert wird, die auf einen Ausbau der nichtstaatlichen Kontrollzone zielt, in der die Daten und das Geld nur so fließen können.“

George Soros ist bekanntlich Investor und spielt daher, so Jochum, ein bisschen Philanthropie einzig und allein deshalb vor, um mit den Daten aus der Wissenschaft am Ende noch reicher zu werden als er schon ist. Wir werden also alle manipuliert und es gibt nur wenige, wie Uwe Jochum, die dieses perfide Spiel durchschauen und warnen:

„Am Ende hat der Staat seine Wissenschaft verschenkt, aber es ist in Wahrheit kein Geschenk an seine Bürger, sondern ein Geschenk an Google und Konsorten.“

Gemeinhin sollte man bei Formulierungen wie „und Konsorten“ immer vorsichtig sein, weil sie als Sammelklasse alles aufnehmen, was man in sie hinein imaginieren möchte. Warum die FAZ-Redaktion, die in jedem Jugend-Schreibt-Programm armen Lehrerinnen und Lehrern aufdrückt, dass größte Präzision bis auf die Mantelfarbe des Melkers, den ein Zwölftklässer beschreiben soll, die Essenz von Qualitätsjournalismus sei, solche Dinge durchgehen lässt, bleibt ihr Geheimnis und zwar eines, über das man angesichts der vielen Lapsus, die man im Blatt regelmäßig entdecken muss, immer wieder staunt. Aber das ist eine andere Baustelle und wäre eigentlich auch lässlich, wenn das Blatt nicht immer eine so furchtbare Arroganz zum Kern seiner Selbstvermarktung wählte.

Das zentrale Missverständnis des Missverständnisses, welches Uwe Jochum bei Open Access sieht, beruht darauf, dass er wie auch Roland Reuss hinter dem mittlerweile sehr diversifizierten Publikationsmodell eine einheitliche Ideologie vermutet, der man mit dem unnachgiebigen Einsatz für Werkherrschaft, Autorenrechte und das gedruckte Buch entgegentreten muss. Denn wahlweise führt sie eine Neo-DDR (Reuss’sche Position) oder in die totale Google-Facebook-Amazon-Apokalypse (Jochum) und in jedem Fall zur totalen Kontrolle, wobei die den totalen Staat dienenden Monopolisten „unbehelligt vom Staat und ohne demokratische Legitimation, aber unter dem Zuckerguss der Bequemlichkeit Kontrollsysteme als gesellschaftlich-technischen Normalzustand […] installieren.“ Der Staat will also alles kontrollieren – außer das Silicon Valley? Aber das soll er kontrollieren und sonst möglichst niemanden?

Diese eigenwillig postmodernen Anti-Open-Access-Argumentationen inszenieren einen aus Sicht vieler eher unnötigen Kulturkampf und stoßen, jedenfalls bei den unideologischen Nutzerinnen und Nutzern der unterschiedlichen Open-Access-Verfahren, deshalb so oft auf Verwunderung, weil diese Frequenz eigentlich schon lange zugunsten eines pragmatischeren und kritischeren Verständnisses zu den Möglichkeiten und Grenzen von Open Access abgestellt wurde. Die Idee des Open Access hat in der Tat emanzipatorische Ursprünge und zielte gegen Monopole (Stichwort: Zeitschriftenkrise). Ihr Scheitern an vielen Stellen ist etwas, was man aufarbeiten muss. Gerade deshalb ist es traurig, dass die FAZ wertvollen Debattenplatz zum Thema an eine Aufregung verschenkt, die etwa zehn Jahre zu spät kommt.

Es hat sicher auch etwas mit der Trägheit des wissenschaftlichen Schreibens selbst zu tun, dass in Programmschriften regelmäßig die Genealogie der Budapester und Berliner Erklärungen bemüht wird. Aber an sich ist heute jedem bewusst, dass Open Access in bestimmten Bereichen gut funktioniert und in anderen weniger gut. Ob man, wie die Universität Konstanz, die Nutzung des Zweitveröffentlichungsrechts mit einem dienstwerkartigen Verständnis von Wissenschaft durchsetzen möchte, ist berechtigt Gegenstand einer aktuellen Auseinandersetzung.

Bedauerlich an der zähen Debatte um Open Access ist, dass sie mit ihrem eigenartigen Fackelzug zum Strohmann eine andere und viel spannendere Entwicklung überdeckt, nämlich wie der Einfluss digitaler Medialität sowie entsprechender Werkzeuge und Kanäle das Spannungsverhältnis von Little Science und Big Science mittlerweile auf die lange davon weitgehend verschont gebliebenen Geisteswissenschaften projiziert. Es gab besonders in der Frühphase dessen, was man Digital Humanities nennt, durchaus sehr von Tech-Ideen motivierte Vorstellungen, geisteswissenschaftliche Arbeit könnte nun endlich auch zur Großforschung werden. (Die aktuelle, von wissenschafts- und kulturhistorischen Erkenntnissen völlig unbelastete, Panik/Begeisterung vor/für Künstliche/r Intelligenz wärmt das an einigen Rändern wieder auf.)

Hier würde sich unter anderem zugleich auch die Frage der Verwertbarkeit bzw. Verwertbarmachung geisteswissenschaftlichen Wissens und von Methodologien stellen und wenn Webannotation eines der großen kommenden Themen ist, dann sieht man auch, wohin man leuchten könnte. Andererseits warten die Unternehmen, die sich auf diesem Feld bewegen sicher nicht auf die digitaltechnische Aushöhlung philologischer Institute. Da ist es einfacher und schneller, ein paar Absolventinnen oder Absolventen entsprechender Studiengänge anzuwerben, für die der Universitätsbertrieb ohnehin nur noch selten attraktive akademische Karrierepfade vorhält. Die Infrastruktur wird dann bei Bedarf selbst entwickelt. Es ist also sehr unwahrscheinlich, dass irgendein Start-Up geduldig genug ist, um ein mit DFG-Geldern entwickeltes Tool abzuwarten und zu kannibalisieren. Und ein Staatsapparat, der aktuelle DH-Tools zur Massenüberwachung und „Industriespionage“ (vgl. Jochum) einsetzt, wäre fast bemitleidenswert harmlos.

Deutlicher wird, wie sich unterschiedliche Domänen – hier Geisteswissenschaft, dort Digital Humanities und irgendwo auch die Netzwirtschaft – herausbilden, die sich auf dieselben Objekte beziehen – so wie es nun mal parallel kritische Editionen, Taschenbuchausgaben und ein Kindle-E-Pub derselben Texte gibt. Nur weil etwas die gleiche Bezugsgröße hat, heißt es noch lange nicht, dass es eine Konkurrenz darstellt. Wenn etwas in der Debatte fehlt, dann ist es, diese Differenz herauszuarbeiten.

Ein selbstreflexiver(er) Umgang mit der Wechselwirkung zwischen Wissenschaft und den Einflüssen digitaler Praxen und Technologien führte im Idealfall zu einer schärferen Abgrenzung der Erkenntnis- bzw. Handlungsbereiche und würde allzukurzen und alarmistischen Einschätzungen wie der Peter Geimers im heutigen Feuilleton-Aufmacher – „Londons Tate Gallery arbeitet mit Technik-Schnickschnack an der Selbstaufgabe wissenschaftlicher Kritik.“ – entgegen wirken. Seine These ist, dass die Kunstgeschichte ihren kritischen Kern aufgibt, wenn jemand mit Mustererkennungssoftware experimentiert:

„Man müsste dieser Selbstaufgabe geisteswissenschaftlicher Kritik keine größere Beachtung schenken, wenn sie nicht einem aktuellen Trend zur Enthistorisierung und Essentialisierung der Kunstgeschichte entsprechen würde.“

Der Kunsthistoriker schüttelt damit zwangsläufig heftig das Bad mit dem Kind und verliert sich, in der Sache ganz nachvollziehbar übrigens, in einer Polemisierung, die aber ebenfalls sichtlich von einer wahrgenommenen Bedrohung getragen wird:

„Solche Skepsis an der geisteswissenschaftlichen Mimikry der Laborwissenschaften hat nichts mit Technikfeindlichkeit, mangelnder Neugierde oder dem Festhalten an etablierten Positionen zu tun. Wenn man die Studien aber nicht nach an ihrer szientistischen Rhetorik, sondern an ihren Resultaten misst, zeigt sich in der Regel, dass hier entweder mit hohem finanziellen und apparativen Aufwand experimentell ermittelt wurde, was man auch vorher schon wusste (etwa dass Experten Gemälde anders betrachten als Laien), oder aber Aussagen formuliert werden, deren wissenschaftliche Subtilität bezweifelt werden kann (etwa dass Männer in Ausstellungen Unterhaltung suchen, Frauen gerne die Begleittexte lesen und ansonsten emotional angesprochen werden möchten).“

Allein, dass er die Banalität der in der Tate gezogenen Schlüsse so entblößen kann, widerlegt ihn jedoch und demonstriert, dass die geisteswissenschaftliche Kritik nach wie vor existiert. Was außerordentlich zu begrüßen ist. Der Vorteil grundständigen wissenschaftlichen Wissens liegt darin, dass man damit um die Grenzen des Erkennbaren weiß und sich eben nicht euphorisiert in den nächsten Trend wirft, um alles bisherige aufzugeben. Man ist sehr fokussiert und oft auch aus Erfahrung bescheiden in seinen Erkenntniszielen (einige Alpha-Forscher ausgenommen), im besten Fall zugleich offen genug, um die Elemente aus nun aktuell der digitalen Wissenschaft anzunehmen, die Aspekte der eigenen Arbeit erleichtern.

Es gilt also gerade diese Kritik zu pflegen, die es ermöglicht, zu durchschauen und durchschaubar zu machen, wenn eine an ein Forschungsprogramm herangetragene vermeintliche Revolution gegen die eigenen Interessen läuft. Daher ist es vollkommen zulässig, wenn Roland Reuss, Uwe Jochum oder auch andere für ihre Sache streiten. Unzulässig wird ihr Streit, jedenfalls unter Bedingungen der Diskursethik, allerdings dann, wenn sie selbst kompromisslos und völlig überzogen mit Unterstellungen, vagen Behauptungen, falschen Tatsachen (Uwe Jochum behauptet ein „staatliches Publikationsmonopol“ und ignoriert das erstaunlich nicht-staatlich monopolisierte Gold-OA), mit Beleidigungen und der berühmten Opferkarte durch die Feuilletons marschieren und alles attackieren, was auch nur minimal von ihren Vorstellungen abweicht. Das bringt am Ende nur Unordnung und sonst nichts in die Debatte. Wo ein Zwang zu Open Access angedacht wird, muss man darauf hinweisen. Wissenschaftler, die gern Open Access publizieren, als „naive oder böswillige“ (regelmäßiger O-Ton Stroemfeld-Verlags-Twitter) Büttel einer höheren Macht (aktuelle Label, austauschbar: DFG, BMBF, BMJ, Google) zu attackieren, kehrt sich freilich in gesunden Debatten sofort gegen den Angreifer.

Um es noch einmal zu betonen: Die Geisteswissenschaften sind nachweislich und vermutlich auch nachhaltig dort von Monografien dominiert, wo eine akademische Karriere angestrebt werden und zwar mit allen wissenschaftssoziologischen Vor- und Nachteilen. Eine Open-Access-Publikation oder auch jede Form des nur digitalen Publizierens gilt in den meisten Bereichen eher als karriereschädlich. Kein Open-Access-Repositorium wird dies ändern und Bibliotheken werden damit vermutlich sogar gern leben, da Bücher wunderbar unkompliziert durch den Geschäftsgang zu schleusen ist. Dies bezüglich können Verlage und Werkschöpfer ruhig schlafen. Das Zweitveröffentlichungsrecht (Open Access als grüner Weg) berührt diesen Bereich überhaupt nicht. Eine szientifizierte Wissenschaftsmessung für Geisteswissenschaften ist erwiesenermaßen untauglich, zumal sie schon für andere Disziplinen nur sehr eingeschränkt passen. Entsprechenden Tendenzen sollte man auf jedem Fall entgegenwirken. Es gibt genügend stechende Argumente und wissenschaftliche Nachweise, so dass man das stumpfe Schwert der Polemik dafür gar nicht bemühen muss. Ein konstruktiver Diskurs – und es ist schlimm, dies betonen zu müssen – funktioniert nur mit einer grundlegenden wechselseitigen Anerkennung und einer Rückbindung an das Nachvollziehbare. Die Strategie von Roland Reuss und nun auch Uwe Jochum ist leider hauptsächlich die der Skandalisierung, die, wie oben bereits angedeutet, über die Köpfe ihrer Peers hinweg zielt und offensichtlich – Stichwort, leider, #fakenews – eine allgemeine Stimmung zu forcieren versucht, welche auf wissenschafts- und urheberrechtspolitische Entscheidungen einwirken soll. Ob diese Rechnung aufgeht, wird man sehen. Unergründbar bleibt nach wie vor, woher die erstaunliche Affinität von hochgebildeten und -reflektierten Akteuren für Untergangsszenarien und die Lust an der Rolle als einsamer Kämpfer für das Gute und (Selbst)Gerechte kommt. Ich hoffe sehr, dass wir eines Tages das Vergnügen haben werden, dazu eine ganz nüchterne und gründliche Diskursanalyse lesen können. Bis dahin bleibt uns immerhin die FAZ am Mittwoch.

(Berlin, 23.11.2016)

Die Entdeckung des „Faselns“. Der Stroemfeld-Verlag sieht sich über dem Diskurs.

Posted in LIBREAS.Debatte by Ben on 7. November 2016

Ein Stimmungsbild von Ben Kaden (@bkaden)

Mitunter nimmt Diskurs auf Twitter wundersame Wendungen. Nachdem es vor zwei Wochen im Anschluss an die #Siggenthesen viel zu diskutieren und klarzustellen gab angesichts des Vorwurfs, diese würden einzig altbekannte und selbstverständliche Banalitäten zu Open Access und der Entwicklung des digitalen Publizierens neu aufgegossen anbieten (vgl. auch hier), donnerte am Freitag eher unerwartet der Twitter-Account des Stroemfeld-Verlages sowie dessen Lektors Alexander Losse hochengagiert und mit aller verfügbaren Überheblichkeit los, um augenscheinlich noch vor dem Wochenende ein wenig Dampf abzulassen. Das wäre nicht weiter problematisch, wenngleich in dieser Form und diesem Rahmen unangemessen, gäbe es im Gepäck der Sticheleien des Verlags-Twitterers vom Dienst, wenigstens einen Aspekt, der über Frust und Trollerei hinauswiese.

Hinausgewiesen soll freilich offenbar jeder werden, der im digitalen Publizieren und der Idee des Open Access nicht gleich und vollumfänglich den Tod des Buches sieht. Das ausdrücklich betonte Interesse an der Meinung des Anderen wird nicht nur nicht ernstgenommen. Vielmehr versucht man sich daran, es lächerlich zu machen. Das kann man machen. Aber es strahlt nicht gerade sonderlich weit.

Zugleich bleibt noch immer völlig unersichtlich, warum ausgerechnet der Stroemfeld Verlag in seiner Existenz bedroht sei, wenn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Disziplinen, die völlig jenseits seines Schwerpunkts publizieren, gern die digitale Open-Access-Variante wählen wollen und zugleich sinnvollerweise aus der Wissenschaft heraus für diese Publikationsform Strukturen geschaffen werden.

Ebenfalls unverständlich bleibt mir, warum der einflussreiche Verlag, dessen Zentralautor ja bekanntlich beliebig viel Platz zur Verkündung seiner Sicht der Dinge von der FAZ eingeräumt bekommt, ausgerechnet auf denjenigen losprügelt, der sich regelmäßig daran versucht, etwas aus dem rhetorischen Überschwang über eine drohende „DDR 5.0“ herauszuziehen, was sich für eine Diskussion eignet. Dass die Texte des Roland Reuss in meinem Umfeld nur Kopfschütteln ernten, liegt nicht unbedingt daran, dass hier jede/r Open Access für das allein glückselig machende Mittel der wissenschaftlichen Kommunikation hält. Sondern daran, dass er wie jemand wirkt, der zutiefst getrieben ist, etwas von der Kanzel zu predigen, jedoch immer wieder nur in die Bütt steigt. Nur eine Drehung weiter, so scheint es oft, und er ist an dieser Stelle. Wir wissen nicht, was ihn treibt, sehen aber, das Kleinkunstrhetorik niemandem etwas nützt. Das ist meines Erachtens das einzige reale Problem in dieser Angelegenheit. Umso bedauerlicher ist es, wenn der Stroemfeld-Twitter nun mitjonglieren möchte. Das Kafka-Zitat wird zum Diabolo. So schön, so billig.

Im übrigen vertrete ich in der eigentlichen Sache seit je wie jede/r, der/die über Open Access reflektiert hat, die Auffassung, dass das Verfahren nicht für alle Fachgemeinschaften gleichermaßen das Mittel der Wahl sein kann und daher pauschale und disziplinäre Besonderheiten ignorierende Verordnungen nicht das Mittel der Wahl sein können.

Ich finde es obendrein sogar sehr schön, dass es auch Kleinverlage wie Stroemfeld gibt und habe die Regale daheim eher zu voll mit dem, was manchmal etwas großspurig als „das gute Buch“ bezeichnet wird. Ob dieses geschätzt wird oder nicht, hat reichlich wenig mit Digitalisierung und Open Access zu tun. Peter Kurzeck verkauft sich sicher exzellent (jedenfalls in meiner Peer Group) und völlig unbeeindruckt von Repositorien und digitalen Semesterapparaten. Die Zeitschrift Text. Kritische Beiträge wird nach wie vor Dutzenden Bibliotheken subskribiert und ist aller Erwartung nach Lichtjahre davon entfernt, zum e-Journal zu werden. Ob Stroemfeld überlebt oder nicht, zeigt sich, so jedenfalls mein Verständnis, eher auf dem Buchmarkt und in betriebswirtschaftlicher Kompetenz und nicht mittelbar an einem Projekt zu den Möglichkeiten digitalen Publizierens für die Geisteswissenschaften. Dies er- und bekannte übrigens auch etwas öffentlich, was eigentlich die Aufrichtigkeit des Dialogangebotes alle, die die Entwicklung mit Sorge betrachtet, unterstreicht:

Entscheidend ist eine bewusste, idealerweise systematisierte und übergreifend diskursive Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten, Grenzen und Folgen digitaler Publikationsmöglichkeiten in Rückbindung an konkret feststellbare Bedarfe der Publizierenden.

Warum wir so etwas nicht nur allgemein sondern auch der DFG gegenüber vorheucheln sollten, bleibt ein Rätsel der Fantasie der Stroemfelder Sicht.

Mir bleibt auch nach langer Beschäftigung mit dem digitalen Publizieren in der Wissenschaft, nur festzustellen, dass in den Geisteswissenschaften beide Welten heute völlig gleichberechtigt nebeneinander stehen, etwas, das ich sehr begrüße. Und sicher ist, dass wirklich niemand dem Stroemfeld Verlag den Untergang wünscht.

Möglicherweise bin ich daher besonders motiviert, erfahren zu wollen, wieso der Kummerbund des Frankfurter Verlagshauses offenbar so sehr drückt, dass es mich ohne Rücksprache öffentlich bloßzustellen und meine Position als nicht diskursfähig abzuwerten versucht. Es wird mir zunächst ohne Not ein Interessenkonflikt angedichtet, dann Böswilligkeit unterstellt und schließlich vorsätzliche Lüge und Heuchelei vorgeworfen.

Irgendwann nimmt man so etwas vielleicht sogar persönlich und staunt zugleich, wie amateurhaft hier ein angesehner Verlag ein öffentliches Medium benutzt und sich zugleich noch ein paar Namen herausschleudert, die einzig Distinktion in einer Weise aufbauen kann, wie man es eigentlich nur aus vergangenen Tagen vom Kleinbürgerbücherbord kennt. Für den öffentlichen Auftritt eines Verlags wie Stroemfeld ist das aus meinem Verständnis heraus schon geradezu tragisch und auch der Rest des Kommunikationsmanagements in diesem Fall überraschend plump.

Da den zugleich Trolligkeiten des Twitter-Verantwortlichen satt und zugleich gewillt, zu keiner weiteren Eskalation beizutragen, entschloss ich mich am Freitagabend per E-Mail höflich darauf hinzuweisen, dass mir das Ganze etwas unwürdig erscheint. Darüber hat man in der Holzhausenstraße offenbar herzlich gelacht. Und  es folgendermaßen kommentiert:

Twitterkommunikation des Stroemfeld Verlags

Die Botschaft der Twitterkommunikation des Stroemfeld Verlags: Du lügst. Deine Stimme zählt nicht. So reden im Normalfall Leute, die ganz viel von dem durchschauen, worüber man nicht reden darf.

Wer „faseln“ sagt, meint leider „Halt das Maul!“

Meinen Brief an den Verlag veröffentliche ich der Vollständigkeit halber nachstehend mit einigermaßen Fassungslosigkeit darüber, mit welcher Arroganz ein durchaus angesehener Verlag seinen offensichtlichen Hass auf eine Welt, die ganz und gar nichts mit seiner zu tun hat, durch Twitter hinaus ventiliert. Das nun wirklich wiederholte Angebots eines Dialogs, dessen Zweck andere Verleger problemlos verstehen, wird von wem auch immer mit Zugangsrechten zum @stroemfeld-Twitter mit einer trüben Selbstüberhöhung abgekanzelt, die, so muss man es leider sagen, unter allem Niveau ist.  So streut man Gift in die Debatte und disqualifiziert sich im Prinzip selbst. Aber den Köder schlucke ich natürlich nicht. Ich werde auch weiter selbst in den dadaistischsten Verlautbarungen aus Heidelberg und Frankfurt kein zynisches Kalkül sondern höchstens in der Argumentation sehen und höchst wohlwollend schauen, ob sich etwas zur Sache entdecken lässt.

Dennoch bleibt unverständlich, warum sich der Verlag derart grotesk entblösst. Die Siggenthese #4

Der Streit um Open Access ist kein Streit um technische Formate, sondern um Status und verschwindende Disziplinengrenzen. #Siggenthesen #4

könnte einen Erklärung andeuten. Aber genauer wird man die Ängste der Stroemfelds und vielleicht noch einiger anderer erst verstehen, wenn sich deren Vertreter dazu herablassen, etwas Substantielles zur Debatte beizutragen. Der Kommentarbereich dieses Weblogs steht dafür gern zur Verfügung.

Dokumentation der E-Mail an KD Wolff und Rudi Deuble vom 04. November 2016

Sehr geehrter Herr Wolff, sehr geehrter Herr Deuble,

ich schreibe Ihnen kurz, weil ich Ihre Arbeit seit langem mit großem Respekt und hin und wieder auch per Erwerb des einen oder anderen Titels aus Ihrem Programm verfolge. Gerade deshalb ist es mir wichtig, Sie darauf hinzuweisen, dass es auf Außenstehende nicht sonderlich souverän wirkt, wenn der offizielle Twitter-Account des Verlages und der private Account Ihres Lektors gleichermaßen öffentlich über eine Privatperson, also mich, verbreiten, dass sie ein Lügner und ein Heuchler sei, vgl. https://twitter.com/Stroemfeld/status/794482789747949569

Twitter ist ein offenes und informelleres Medium und eine seiner großen Stärken liegt in der schnellen und ungezwungenen Möglichkeit zur Diskussion. Ich nehme das gern an. Die Grenze verläuft wenigstens aus meiner Sicht dort, wo es beleidigend wird und eine versuchte Rufschädigung naheliegt. Das Problem ist, dass Sie, in dem diese Aussagen über den Verlagsnamen getätigt werden, vor allem auch Ihre Marke einer Beschädigung aussetzen. Ihr Verlag begibt sich mit der pauschalen Unterstellung, jemand der seine Meinung erläutert, die hier und da von Ihrer Position abweichen mag, würde lügen, in ein Umfeld, in dem Sie sich ganz bestimmt nicht wiederfinden wollen. Das kann also nicht in Ihrem Interesse sein und in meinem ist es auch nicht.

Ich versichere Ihnen, dass mein Interesse an einem Dialog über mögliche Auswirkungen des Einflusses digitaler Technologien auf die Wissenschaft und das wissenschaftliche Publizieren für das Verlagswesen in Deutschland aufrichtig ist. Mein an verschiedenen Stellen geäußertes Gesprächsangebot gilt nach wie vor. Sie müssen es nicht annehmen. Ich möchte Sie aber in jedem Fall bitten, von weiteren abqualifizierenden Bemerkungen zu meiner Person in Zusammenhang mit meinen Positionen in diesem Diskurs abzusehen. Vielleicht mögen Sie das auch an Herrn Losse ausrichten.

Mit herzlichen Grüßen aus Berlin,

Ben Kaden

(Berlin, 07.11.2016)

So etwas wie eine Nummer eines besseren Design-Magazins, über Bibliotheken

Posted in LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 3. November 2016

von Karsten Schuldt

Zu: Maria Inês Cruz ; Lozana Rossenova (edit.) / Bookspace. Collected Essays on Libraries. London: Inland Editions, 2015

Dieses Buch ist das Ergebnis einer Kickstarter-Kampagne und offenbar des Interesses der beiden Herausgeberinnen an Bibliotheken im Allgemeinen. Dabei sind die beiden eher in Design und der Architektur verankert, als im Bibliothekswesen. Das sieht man dem Buch auch an, es ist extra ‒ sehr zurückhaltend ‒ von einem Buchdesigner (Øystein Arbo) gestaltet. Es wirkt eher wie ein Heft eines Literatur- oder Designmagazins denn wie ein Buch. Es ist auch erst das aktuell zweite Buch des Verlages. Insoweit scheint hier viel Interesse und Engagement drin zu stecken. (Und schon deshalb sollte das Buch unterstützt werden.) Ich selber habe es auch nicht in einer Bibliothek oder einer wissenschaftlichen Buchhandlung gefunden, sondern in einem auf kleine Verlage und Design spezialisierten Laden in Bern.

 

Gleichwohl: Es geht ganz explizit um Bibliotheken. Die Motivation dazu ist nicht ganz klar. Im Vorwort schreiben die beiden Herausgeberinnen davon, dass Bibliotheken sich einerseits entwickeln und positiv angesehen werden, andererseits ihr Etat ständig zusammengestrichen wird und sie deshalb in die News kommen. Das scheint ein sehr britischer Blick zu sein. Aus diesen Äusserungen folgt offenbar ein Interesse an Bibliotheken als Symbol, Architektur, aber auch als Raum, an ihrer Vergangenheit und Zukunft ‒ und das nicht nur in Grossbritannien, sondern auch in Kairo, New York und im restlichen Europa. Dabei ist das Buch sehr dünn (140 Seiten, fast A5). Deshalb ist einen solche Bandbreite an Themen nur sehr oberflächlich zu behandeln.

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Dies geschieht in relativ kurzen Beiträgen, die sich inhaltlich und formal sehr unterscheiden: Eine Photostrecke, ein Interview, zwei Beiträge zur Bibliotheksarchitektur (einer historisch angelegt, einer konkret auf ein Gebäude bezoge), zwei Texte, die tatsächlich als eher mäandernde Essays beschrieben werden können. Das alles, wie gesagt, schön gestaltet. Aber es hinterlässt eher den Eindruck ‒ wie im Titel dieses Beitrags schon gesagt ‒ eines Design-und-Architektur-Magazins (eines mit sozialem Gewissen und gesellschaftlichen Anspruch, aber trotzdem dem Fokus auf Design und Architektur), dass eine Schwerpunktnummer zu Bibliotheken macht, als den einer Monographie. Der Grossteil der Autorinnen und Autoren sind auch in Design und Architektur tätig, ein Interview wurde mit einem Verantwortlichen für Londoner Bibliotheken geführt, ein Bericht über Bibliotheken in Kairo von einer freelance cultural writer. Die ganzen Themen und Herangehensweisen sind sehr bunt und stehen unvermittelt nebeneinander.

David Pearson beschreibt als Bibliotheksverantwortlicher z.B. seinen Sicht auf die Entwicklungen im britischen Bibliothekswesen (die jetzt nicht so spannend neu sind: Mehr community, mehr social space, weniger Bücher, aber immer noch Bücher); Julius Motel liefert eine Bilderstrecke aus der Hauptfiliale der New York Public Library, Heba El-Sherif stellt den Stillstand in Kairos Bibliotheken, der nach den turbulent Zeiten nach der 25. Januar Revolution kam, dar, João Torres präsentiert die Architektur der neuen Zentralbibliothek in Lissabon. Interessant sind vor allem zwei Texte: Der von Jorge Reis, welcher die These aufstellt, dass die heutigen Bibliotheken als Bauten weiterhin Ideen aus der Romantik folgen (nämlich dem Ziel eines Exils/Raumes ausserhalb der Welt, der Betonung von Licht, insbesondere natürlichen Lichts, und dessen Führung sowie der Vorstellung vom endlosen Wissen, dass nie gesamthaft erfasst werden könnte). Und der kurze Verriss aktueller Hochschulbibliotheken von Tom Vandepuute, welcher sie als “neoliberale Bibliotheken” beschreibt, die einerseits von einem unnötigen Drängen nach Produktivität und Effektivität (deshalb gibt es seiner Meinung nach die Bibliothekscafés, obwohl früher Bibliotheken und Cafés zwei unterschiedliche Räume des Lernens gewesen wären ‒ aber halt Bibliotheken so keine Mieteinnahmen reingebracht hätten), bei gleichzeitig verstärkten Machtbeziehungen (z.B. wieder mehr sichtbare Regeln, an bestimmten Orten ruhig sein zu müssen). Dieser Text mäandert, wie schon gesagt; beschreibt dann noch die Tendenz von heutigen Nutzerinnen und Nutzern, sich innerhalb der Bibliothek in quasi-private Sphären (Kopfhörer) abzugrenzen, kommt aber nicht genau zu einem Punkt.

 

Das Buch hinterlässt einen leichten, verspielten Eindruck. Ob es wirklich einen längeren Einfluss haben kann, ist nicht so richtig klar. Aber, wie halt Design-Magazin mit sozialerem Anspruch: es eignet sich sehr gut als Lesestoff für einen freien Nachmittag.

Wissenschaftskommunikation auf Gut Siggen. Und zehn Thesen als Ergebnis

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS on tour by Ben on 24. Oktober 2016

Ein Kurzbericht von Ben Kaden (@bkaden).

Gut Siggen / digitale Wissenschaft

Zwölf Ansichten (zu Digitalisierung und Wissenschaft): Ein Teil der Diskursgruppe auf Gut Siggen.

Den Berliner erinnert Ostholstein ohne große Umschweife irgendwie an Ostbrandenburg, allerdings immer mit einem erheblichen Unterschied im Detail. Der Bahnhof in Oldenburg wirkt wie so viele Provinzbahnhöfe mehr aufgelassen als betrieben. Aber auf seinem einzigen Gleis hält zweimal pro Stunde ein ICE (einmal nach Hamburg, einmal nach Kopenhagen). Beide Ecken Deutschlands enden im Osten an einem Wasser, das mit O beginnt: Oder und Ostsee. Beide Regionen setzen, wo es eben geht, auf Tourismus, aber die eine, sofern die Infrastruktur der Maßstab ist, mit deutlichem größeren Zustrom als die andere, was der Oktober mit seinem Nieselregen aber gründlich überdeckt.  Und sowohl dort wie auch dort ist es für alle ohne eigenes Fahrzeug gar nicht so leicht von A nach B zu gelangen. In Ostholstein zum Beispiel von Oldenburg nach Siggen / Heringsdorf.

Der öffentliche Nahverkehr besteht aus einem Kleintransporter namens Rufbus, den man freilich sehr frühzeitig rufen muss. Ansonsten steht man an einem grauen Montagabend auf einem Parkplatz und bemüht sich vergeblich am Telefon, denn der Anruf erfolgt außerhalb der Geschäftszeiten und da kann der Fahrer auch nichts machen. Beruhigt sind die, die dieses Telefonat nicht als Protagonisten sondern als Zeugen erleben, im besagten weißen Transporter sitzend und über schmale Straßen durchs Wagerland zum Gut der Wahl schwankend. Also wir. Bei der Gelegenheit erzählt der Fahrer von einem Herzenswunsch, der die Ostbrandenburger und die Ostholsteiner Abgeschiedenheit, nun ja, verbindet: Der Anschluss an ein schnelles Internet. Oder überhaupt ein Anschluss. Kathrin Passig, so wird später berichtet, sei hier erstmalig seit fast Jahrzehnten für zwei zusammenhängende Tage offline gewesen. Und wenngleich die meisten der diesmal in Siggen Anwesenden nicht ganz so radikaldigital orientiert sind, ging es ihnen genaugenommen ähnlich. Digitalität ist in unseren Feldern – Wissenschaft, Bibliotheken, Publikationsmärkte – das Adernetz, durch das die Kommunikationen rasant fließen. Auf den Feldern von Siggen aber immer noch eher Ausnahme als Regel.

Das allerdings ist gut so. Denn wo die Stille und bei Bedarf Ostseewellenrauschen ist, findet sich vielleicht auch ein neuer Weg, über das „Konzepte des wissenschaftlichen Publizieren im digitalen Zeitalter“ zu reflektieren. Zumal die schmale Leitung, die das Gut mit der digitalen Sphäre verbindet, immer noch stabil genug steht, um das entsprechende Twitter-Hashtag (#Siggen) über zwei Tage in den Twitter-Deutschland-Trends zu verankern (Dokumentation zu #Siggen). Das allerdings sagt auch viel über die Twitter-Nutzung in Deutschland aus. Für die Klausur zum digitalen Publizieren in der Wissenschaft erweist sich die Einbindung von Twitter in den Vor-Ort-Diskurs zugleich als digitale Wissenschaftspraxis und Outreach-Medium, mit dem es bald u.a. die Sorge zu zerstreuen gilt, hier entstände eine Art Bilderberg-Club für die Wissenschaftskommunikation. [Update 26.10.2016: Der hier verlinkte Ulrich Herb distanziert sich ausdrücklich von der Verknüpfung mit der Zuspitzung Bilderberg und weist ausdrücklich darauf hin, dass diese Zuspitzung ihre Ersturheberschaft in diesem Tweet von Eric Steinhauer hat.]

Diese Gefahr bestand freilich nie, auch wenn das Gut Siggen in seiner Geschichte schon manchen aus heutiger Sicht fragwürdigen Besuch beherbergte. Mittlerweile ist das von der Alfred Toepfer Stiftung betriebene Gut ein ganz normales Anwesen mit üppiger Hausbibliothek, Cembalo im Kaminzimmer und gutsgeschossenem Hirschbraten auf der Abendtafel, für dessen Nutzung sich jeder bewerben kann. Die Motivation hinter dem „Think Tank“ war keinesfalls, wie mehrfach versichert wurde, das Erzeugen von Exklusivität. Sondern der Wunsch, in größtmöglicher Konzentration neue Gesichtspunkte in einer Debatte freizulegen, in der eigentlich schon alles gesagt wurde, nur vielleicht noch nicht von jedem.

Wer einschlägige Konferenzdiskussionen kennt, weiß, dass in den fünf Minuten Fragezeit im Anschluss an dreißig Minuten Powerpointillismus meist die gleichen Akteure ihre bekannten Standpunkte in den Raum werfen und man sobald es wirklich spannend werden könnte, zur Postersession und dem Standgespräch in kleiner Gruppe weitergereicht wird. Selbiges ist oft inspirierend, bleibt aber meistens ohne weitere Aufzeichnung und wird daher spätestens mit dem Poster zusammengerollt und weggestellt.

Das Oktobertreffen zu Siggen folgte daher einem Modus, der das beste beider Welten kombiniert: kurze Impulsreferate in einem eher intimen Zirkel werden verbunden mit kaum begrenzter Diskussionszeit und dem Ziel, die in der Zwischenwelt aus Vortrag und Gespräch zum Thema entstehenden Ideen zu bündeln und zu veröffentlichen.

Das Siggener Themenspektrum war zu diesem Zweck breit aber erwartungsgemäß nicht allumfassend gestaltet: Es reichte von der Frage nach der Autorschaft im Digitalen speziell unter dem Einfluss genuin digitaler Publikationsformen (Wissenschaftsblogs, Soziale Netzwerke, Webannotation; Anne Baillot, Michael Kaiser, Alexander Nebrig), zu denen auch Forschungsdaten und Enhanced Publications (Ben Kaden) gehören über die Wissenschaftssprache und ihre Lektorierbarkeit (Friederike Moldenhauer) sowie Fragen der Qualitätssicherung und Reputationsmessung (insbesondere transparenten (Peer-)Review-Ansätzen; Thomas Ernst, Mareike König) im Digitalen bis hin, natürlich, zu Publikations- und Verlagsmodellen (Constanze Baum, Alexander Grossmann, Ekkehard Knörrer, Klaus Mickus, Volker Oppmann, Christina Riesenweber) und schließlich dem Urheberrecht (Eric Steinhauer).

Die konkreten Diskussionen zeigten nicht selten, dass bereits dieser geclusterte Ansatz möglicherweise zu weitläufig gewählt war, denn an vielen Stellen mussten Detailfragen doch aus dem Seminarzentrum heraus- und per Zwiegespräch auf den Weg zum Strand mitgenommen werden. Atmosphärisch ist das allerdings ungemein schöner als der Fachaustausch am Poster…

Im Ergebnis steht mit den Thesen naturgemäß wieder ein Kompromiss, der das wissenschaftliche Publikationssystem nicht aus der Bahn werfen wird, aber zehn komprimierte und Twitter-taugliche Thesen vorlegt, die nun offen diskutiert werden können und sollen. Zu diesem Zweck und in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift Merkur werden sie an verschiedenen Stellen, unter anderem an dieser Stelle im LIBREAS-Blog publiziert.

 


#Siggenthesen

Siggener Thesen zum wissenschaftlichen Publizieren im digitalen Zeitalter

Das digitale Publizieren ermöglicht bessere Arbeits- und Erkenntnisprozesse in der Wissenschaft. Diese Potenziale werden aus strukturellen Gründen gegenwärtig noch viel zu sehr blockiert. Wir möchten, dass sich das ändert, und stellen deswegen die folgenden Thesen zur Diskussion:

1

Digitales Publizieren braucht verlässliche Strukturen statt befristeter Projekte. #Siggenthesen #1

Innovationen im Bereich digitaler Publikationsformate in der Wissenschaft, die in Pilot- und Inselprojekten entwickelt werden, bedürfen einer gesicherten Überführung in dauerhaft angelegte, institutionen- und disziplinenübergreifende Infrastrukturen, um im Sinne der Wissenschaftsgemeinschaft nachhaltige und wettbewerbsfähige Angebote liefern zu können. Wir rufen sowohl Fördereinrichtungen und politische Instanzen als auch Verlage und Bibliotheken auf, sich dieser Verantwortung zu stellen und entsprechende Förder- und Integrationskonzepte im bestehenden Wissenschaftsbetrieb konkret und umgehend umzusetzen. Eine systemische Veränderung hin zum digitalen Publizieren kann nur durch ein verlässliches Angebot exzellenter Dienstleistungen erreicht werden.

2

Die traditionellen Großverlage behindern strukturell unsere offene Wissenschaftskommunikation. #Siggenthesen #2

Wissenschaftliche Publikationen sind Teil eines ökonomischen Wertschöpfungsprozesses, den vor allem große Verlage zur Kapitalsteigerung nutzen. Wir sehen allerdings, dass eine digitale Publikationskultur jenseits einer reinen Orientierung an Gewinnspannen aufgebaut werden kann, denn der Wissenschaftsbetrieb schafft selbst durch offene Lizenzierungen Räume für eine freie Zirkulation von Forschungsergebnissen. Die Zuschreibung von Reputation über Publikationsorte und Verlagsnamen, die Einschränkung von Sichtbarkeit durch Adressierung von kleinsten Expertenkreisen und das Beharren auf gewinnorientierten Verwertungsmechanismen, in denen wissenschaftliche Kommunikation sowie wissenschaftlicher Fortschritt zur Ware wird, stehen zur Disposition. Sie müssen, wenn sie den Zielen einer freien und offenen Wissenschaftskultur im Wege stehen, neu ausgehandelt werden – auch wenn dafür ökonomische oder statusbezogene Risiken für die beteiligten Akteure entstehen.

3

Wir publizieren Open Access, um zu kommunizieren. Langzeitverfügbarkeit ist ein nachrangiges (weitgehend gelöstes) Problem. #Siggenthesen #3

Ein oft geäußerter Einwand gegen Open Access ist die angebliche Flüchtigkeit des digitalen Mediums im Vergleich zu gedruckten Büchern. Dabei wird übersehen, dass auch für Druckschriften das Problem der Langzeitverfügbarkeit virulent ist. Diese Frage darf daher nicht überbetont werden. Vielmehr weisen wir auf die Vorteile digitaler Inhalte als Kommunikationsmittel hin: Digitale Veröffentlichungen, die anerkannte und standardisierte Formate nutzen, haben ebenso eine Überlebenschance wie eine beispielsweise nur noch von wenigen Bibliotheken abonnierte Subskriptionszeitschrift; die Sichtbarkeitschancen sind im digitalen Format indes ungleich höher. Außerdem sind die Methoden der digitalen Archivierung wie Emulation, Remediation und Format-Migration bereits weit entwickelt – und werden kontinuierlich eingesetzt und weiterentwickelt, da ein immer größerer Teil der Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung primär oder sogar ausschließlich digital vorliegt. Schließlich erleichtern digitale Netze erheblich die Archivierung digitaler Medien durch redundantes Speichern an mehreren physischen Lokationen.

4

Der Streit um Open Access ist kein Streit um technische Formate, sondern um Status und verschwindende Disziplinengrenzen. #Siggenthesen #4

Die öffentliche Diskussion um Open Access braucht eine neue Zielgerichtetheit, die Vor- und Nachteile transparent darstellt und statt polemischer Maschinenstürmerei kompetente Akzente setzt. Zeitschriftenkrise, Zukunft der Monographie, unklar werdende Fächergrenzen, bessere Wissenschaftskommunikation etc. dürfen nicht weiter in einen Topf geworfen werden, auch wenn der digitale Medienwandel diese unterschiedlichen Felder affiziert. Wir rufen alle Beteiligten – Befürworter wie Gegner des Open Access – auf, bewusster und sachgerechter zu reflektieren und zu diskutieren. Eine sinnvolle und gestaltende Veränderung gelingt nur, wenn wir anerkennen, dass digitales Publizieren bestehende Hierarchien hinterfragt und eine Umverteilung von symbolischem und ökonomischem Kapital mit sich bringen wird.

5

Webmedien wie Blogs, Wikis und andere soziale Medien sind zentral für einen offenen und freien Wissenschaftsdiskurs. #Siggenthesen #5

Digitale Publikationsmöglichkeiten bieten durch ihre bequeme und leicht erlernbare Handhabbarkeit sowie ihren unmittelbar vernetzenden Charakter die Möglichkeit, den Austausch von Informationen im Wissenschaftsdiskurs deutlich zu dynamisieren. So eignen sich beispielsweise Blogs für eine formal strengere Anbindung an bereits bestehende Genres des Wissenschaftsbetriebs, und ergänzen diese zugleich, indem sie (neuen) kleinen Formen, kommentierenden Texten und Konversationen einen Raum bieten. Der unaufwendige Betrieb dieser Medien macht sie zu weniger hierarchiebelasteten Kommunikationsformaten, wobei gleichzeitig auch redaktionelle Schranken zur Qualitätsoptimierung eingezogen werden können. Die prinzipielle Offenheit der Technik schafft einen kommunikativen Freiraum, der sich als Schreibschule im Prozess des wissenschaftlichen Arbeitens anbietet und die bestehende Wissenschaftskommunikation um neue Dimensionen erweitert.

6

Transparente Daten und ihre Bewertung ermöglichen andere und neue Formen der Qualitätsmessung in der Wissenschaft. #Siggenthesen #6

Bei der Auswahl von Artikeln für Fachzeitschriften oder bei der Bewertung von Publikationsleistungen beispielsweise in Berufungsverfahren werden meist unterkomplexe Formen der Qualitätsmessung eingesetzt bzw. einfachen Metriken und Kennzahlen zu viel Gewicht beigemessen (wie etwa dem Journal Impact Factor). Auf digitalen Plattformen stehen vielfältige Daten transparent zur Verfügung, die die Qualitäten von Artikeln besser quantifizierbar machen: etwa Aufruf- und Downloadzahlen, Lesedauer, Zahl der Reviews und Kommentare, Bewertungen in Reviews und Kommentaren, Zitationen in wissenschaftlicher Literatur und in Sozialen Medien. Wir schlagen vor, dass solche Nutzungsdaten ebenso öffentlich zugänglich gemacht und genutzt werden können wie die zugrundeliegenden Inhalte. Diese Daten können in spezifischen Bewertungsverfahren zielgerichtet kombiniert und müssen um qualitative Elemente ergänzt werden, um die aus den bisherigen quantitativen Messverfahren bekannte Manipulationsanfälligkeit weitestgehend auszuschließen.

7

In digitalen Publikationen und ihren Versionen können Autorschafts- und Beiträgerrollen genauer differenziert werden. #Siggenthesen #7

In gedruckten wissenschaftlichen Veröffentlichungen wurden verschiedene Autorschafts- und Beiträgerrollen nur ungenau bestimmt: Die Naturwissenschaften kennen die hierarchische Reihung der beteiligten Autorinnen und Autoren, die Geisteswissenschaften trennen im Regelfall zwischen der einen Autorperson und verschiedenen Beitragenden, die in der Danksagung genannt werden. Digitale Publikationen ermöglichen die abschnitts- und versionsgenaue Attribuierung von (Haupt-/Co-) Autorschaften sowie von Beiträgerrollen. Auf diese Weise kann wissenschaftliche Reputation zielgenauer und auf Basis einer Attribuierung auch kleinerer Beiträge, wie zum Beispiel von Kommentaren, transparenter ausgewiesen werden.

8

Entscheidungen über die digitale Agenda und ihre Infrastrukturen in der Wissenschaft setzen digitale Expertise voraus. #Siggenthesen #8

In vielen Gremien, die wichtige wissenschaftspolitische Infrastrukturentscheidungen treffen, sitzen unserer Einschätzung nach Akteure, die keine ausreichende medienpraktische und -theoretische Expertise zu Fragen des digitalen Publizierens besitzen. Hochschulen brauchen daher den Mut, Entscheidungen über ihre zukünftigen Infrastrukturen in die Hände digitalaffiner und entsprechend ausgebildeter Personen zu legen. Den digitalen Stillstand in vielen Bereichen unseres Hochschulsystems können und wollen wir uns nicht mehr leisten.

9

Der Erwerb und Einsatz digitaler Kompetenzen ist für die Ausbildung, Lehre und Forschung fundamental. #Siggenthesen #9

Um die Potenziale der digitalen Medien für Arbeits- und Erkenntnisprozesse in der Wissenschaft voll ausschöpfen zu können, ist es wichtig, digitale Kompetenzen auszubilden. Dazu gehören einerseits technische (Code lesen, Programmieren, Algorithmen verstehen) und handwerkliche Aspekte (kollaboratives und vernetztes Arbeiten, Social Reading, Multimedialität), die andererseits aber auch einschlägige analytische und soziale Fertigkeiten (Diskussionskompetenz, Medienkritik, kreatives Denken) grundlegend fördern. Der aktuelle Zustand in der Vermittlung digitaler Grundkenntnisse ist unserer Einschätzung nach an Schulen und Hochschulen – gerade auch im internationalen Vergleich – vollkommen unzureichend. Um das umgehend zu ändern, braucht es eine verbindliche und verpflichtende Ausbildung in allen Bereichen der Wissenschaft und über alle Ausbildungsstufen hinweg – hier müssen gerade auch die Lehrenden lernen.

10

Medienkonvergenzprognosen sind immer unsinnig. #Siggenthesen #10

Jede Disziplin hat einzelne zentrale Zeitschriften, die voraussichtlich auch demnächst noch nicht im Open Access veröffentlicht werden. Das ist aber kein Argument gegen den aktuell beobachtbaren Wandel – es werden auch noch Musikkassetten und Schallplattenspieler verkauft. Die Zukunft wird durch die Beteiligten gestaltet, somit beeinflussen wir die Gültigkeit unserer eigenen Prognosen. Da der Gestaltungsprozess grundsätzlich in einem Interessenwiderspruch stattfindet und der Diskurs dazu über weite Strecken von durchsetzungsgetriebener Rhetorik geprägt wird, ist es erforderlich, die eigenen Ziele und Interessen eindeutig und verständlich benennen zu können.

 

Sie können die #Siggenthesen auf dem Blog von Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken unterzeichnen und kommentieren.

Diese Thesen stehen unter der Lizenz CC BY 4.0. Sie entstanden im Rahmen des Programms „Eine Woche Zeit“ zum Thema „Konzepte wissenschaftlichen Publizierens im digitalen Zeitalter“. Die Veranstaltung fand vom 10.-16. Oktober 2016 im Seminarzentrum Gut Siggen statt, wurde organisiert von Klaus Mickus, Dr. Constanze Baum und Dr. Thomas Ernst in Kooperation mit der Alfred Toepfer Stiftung und dem Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken. An der Veranstaltung haben Vertreterinnen und Vertreter der folgenden Bereiche teilgenommen: Forschung, Lehre, Bibliotheken und wissenschaftliche Infrastrukturen, Wissenschaftsverlage, Lektorat, Übersetzung, Verlagsberatung, Wissenschaftsblogs, Online-Publikationsplattformen und Online-Zeitschriften.

 

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren u.a.:

  • Dr. Anne Baillot (Centre Marc Bloch, Berlin)
  • Dr. Constanze Baum (Forschungsverbund Marbach Weimar Wolfenbüttel; Redakteurin der Zeitschrift für digitale Geisteswissenschaften)
  • Dr. Thomas Ernst (Universität Duisburg-Essen, Literatur- und Medienwissenschaft)
  • Mirus Fitzner (Universität der Künste Berlin, Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikationswissenschaft)
  • Prof. Dr. Alexander Grossmann (HWTK Leipzig, Professor für Verlagsmanagement und Projektmanagement in Medienunternehmen)
  • Lambert Heller (Leiter des Open Science Lab der Technischen Informationsbibliothek Hannover)
  • Ben Kaden, M.A. (HU Berlin, DFG-Projekt Future Publications in den Humanities)
  • Dr. Michael Kaiser (Leitung von perspectivia.net, dem Publikationsportal der Max Weber Stiftung – Deutsche Geisteswissenschaftliche Institute im Ausland, Bonn; Lehrbeauftragter für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität zu Köln)
  • Dr. Ekkehard Knörer (Redakteur der Zeitschrift Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken)
  • Dr. Mareike König (Abteilungsleiterin 19. Jahrhundert, Digital Humanities und Bibliotheksleiterin am Deutschen Historischen Institut Paris, Redaktionsleiterin de.hypotheses.org)
  • Klaus Mickus (Berlin/Berkeley, juris GmbH)
  • Friederike Moldenhauer (Dipl. Soz., Lektorin und Übersetzerin, Hamburg)
  • Volker Oppmann (Geschäftsführer und Cultural Entrepreneur von log.os, Berlin)
  • Christina Riesenweber, M.A. (Freie Universität Berlin, Center für Digitale Systeme)
  • Prof. Dr. Eric Steinhauer (Bibliothekar an der FernUniversität in Hagen; Honorarprofessor am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der HU Berlin)

 

 

Berlin, 24.10.2016