LIBREAS.Library Ideas

Eine Ansichtskarte aus Woodstock, NY.

Posted in LIBREAS.Feuilleton, Sonstiges by Ben on 16. Juli 2017

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

Die Kleinstadt Woodstock, NY muss seit nun mehr fast 48 Jahren damit auseinander setzen, dass sie primär mit einem epochemachenden Musikereignis synonym gesetzt wird, das gar nicht in ihrem Stadtgebiet statt fand. In diesem Schatten schwebt zugleich ein anderes Fest, dass sich in wenigen Tagen zum 86sten Mal jährt: Die Woodstock Library Fair, deren Zweck es traditionell nicht zuletzt ist, Fundraising für die Woodstock Public Library zu betreiben und dieses Jahr das Motto „Woodstock – Citizens of the World“ trägt. Der Rahmen konnte und könnte für so eine Veranstaltung nicht besser sein. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts, besser gesagt, seit der aus Yorkshire stammende Textitelerbe Ralph Radcliffe Whitehead mit seiner Jane Byrd McCall die Künstlerkolonie Byrdcliffe begründeten, entwickelte sich die kleine Gemeinde zum Schnittpunkt äußerst weltläufigen Kunst- und Kulturschaffens, auch wenn Byrdcliffe selbst nur etwa 30 Jahre blühte. Als Echoraum (und touristische Attraktion) wirkt die Kolonie aber bis heute. Und in diesem hört man jedes Jahr im fortgeschrittenen Juli die Rummelplatzmusik des Bibliotheksstadtfestes an der Library Lane.

Wie es dort Mitte des 20. Jahrhunderts zuging, zeigt eine Ansichtskarte, die es gerade noch rechtzeitig vor dem 22. Juli in unsere Sammlung von Bibliotheksansichtskarten schaffte. Der Blick in diese offenbart zugleich, dass die Sammlungsnische des Bibliotheksfests aktuell exklusiv von diesem einem Exemplar besetzt wird. Grund genug, zukünftig aktiver Ausschau nach derartigen Zeitdokumenten zu halten.

Ansichtskarte Woodstock Library Fair

Ansichtskarte Woodstock Library Fair

Die Ansichtskarte wurde bei Dexter, West Nyack, NY gedruckt. Der Verlag war Bob Wyer Photocards, Delhi, NY, der nicht zuletzt für seine Ansichtskarten zu Bildungseinrichtungen bei Sammlerinnen und Sammlern bekannt und beliebt ist. Die Geschichte des Fotografen – auch der gezeigten Szenerie – Robert Selden Wyer ist dabei selbst sehr spannend. Ursprünglich Journalist u.a. für den Oneonta Daily Star wurde er von der Zeitung 1936 in gewisser Weise als Pilot für den Test erster Schritte in Richtung Fotojournalismus beauftragt. Dadurch lernte er fotografieren und wechselte in den 1940ern ganz auf dieses Feld, bald auch mit eigenem Studio. In den 1940ern Jahren erkannte sein Frau Wilhelmina, dass es lohnend sein könnte, ins Ansichtskartengeschäft einzusteigen. Was es dann auch war. Die Delaware County Historical Association berichtet, dass Bob Wyer Photocards um die 20% des Marktes für College Postcards abdeckte. Und überliefert weiterhin, dass Bob Wyer selbst schätzte, dass um die 56 Millionen seiner Ansichtskarten verschickt wurden. Im Vergleich zu den wirklich großen Herstellern bleibt das freilich überschaubar und deshalb sind sie auf dem Sammlermarkt auch nicht gerade in penetranter Häufigkeit zu finden. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass Ansichtskarten an sich am Ende doch zu den Ephemera zu zählen sind und entsprechend schnell verloren gingen. Dies ist im Fall Bob Wyer auch deshalb sehr bedauerlich, weil viele der Karten trotz ihrer Rolle als Medium kurzer persönlicher Nachrichten doch durchaus mit Aufnahmen geschmückt sind, die von einem guten Auge für Komposition und den richtigen Augenblick zeugen. Gerade weil das Medium verlangt, Szenerien möglichst generisch zu fassen, lassen sich Bildwinkel und vor allem der Platzierung von Menschen im gezeigten Raum leicht Besonderheiten einschreiben. Für viele Karten Bob Wyers scheinen gewisse typische Merkmale identifizierbar, deren Erläuterung allerdings an anderer Stelle erfolgen muss.

Die Aufnahme der Woodstock Library Fair fällt in seinem Gesamtwerk nämlich ein wenig heraus und steht vielmehr in der Bildtradition der Lokalberichterstattung, wie man sie heute auch noch in der Lokalpresse findet. Es ist ein klassisches Wimmelbild, nah am Schnappschuss, wenn auch mit guter Linienführung und hinsichtlich der schwierigen Beleuchtung dadurch gerettet, dass der schattige rechte Bildrand zwei strahlende Sonnenschirme aufweist. Das Medium Buch spielt keinerlei Rolle, umso mehr das Medium der Geselligkeit, unterstrichen durch die Ballons und dadurch, dass die Festwiese wirklich gut gefüllt ist. Die Wolkenkratzerattrappe signalisiert das amerikanische Nationalgefühl, das Eckchen Haus als Gegenpol und vor allem der Bewuchs weisen die Situation allerdings als durch und durch kleinstädtisch, eventuell eher sogar ländlich aus. Ein clichéhaft – im besten Sinne – amerikanisches Sommerfest für Jung und Alt und damit ist auch die Essenz dessen erfasst, was die Woodstock Library Fair sein möchte, wie man auch dem aktuellen Programm entnehmen kann.

Die umseitig angebrachte Nachricht auf der von Woodstock nach Bradford, New Hampshire verschickten Karte passt prima in dieses Stimmungsbild: „We are having such a nice visit with our friends over here.“ Das Datum des Poststempels – der 14. August 1961 – macht es allerdings sehr unwahrscheinlich, dass die Library Fair Anlass des Besuchs war. Sondern um eine gänzlich davon unabhängige Erholungsreise, bei der auch ein Pferd eine Rolle spielte, die sich leider 56 Jahre nachdem die Ansicht verschickt, nicht mehr spezifizieren lässt. Dass Bibliothek und Bibliotheksfest darin involviert waren, ist unwahrscheinlich, weshalb an dieser Stelle ein Hinweis auf die Woodstock Library TV Show #47 angebrachter ist, die ein interessantes Beispiel für Öffentlichkeitsarbeit mittels Social Media darstellt und in der unter anderem das ausdrücklich politische Motto der diesjährigen Festivität erläutert wird.

(Berlin, 16.07.2017)

Ein Seminarskript, ehrlich gesagt

Posted in LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 11. Juli 2017

Zu: Reckling-Freitag, Kathrin / Bibliothekspädagogische Arbeit: Grundlagen für Mitarbeiterinnen in (Schul-)Bibliotheken. Schwalbach/Ts. : debus Pädagogik, 2017

von Karsten Schuldt

 

Das zu besprechende Buch ist kurz, deshalb kann auch die Besprechung kurz sein. Um gleich eine Kritik vorwegzugreifen: Der Titel ist viel zu gross für das, was im Buch eigentlich getan wird. Was der Titel verspricht, ist eine Darstellung von Grundlagen zur „Bibliothskspädagogischen Arbeit“; was das Buch liefert. sind die kommentierten Skripte einer Lehrveranstaltung zum Thema, welche von der Autorin an der HAW Hamburg gegeben wird. Dabei ist auch der für das Thema gewählte Begriff ein wenig zu gross.

Worum es geht, ist, einen Überblick zu geben über die Themen, die für eine bibliothekarische Veranstaltung, welche im weiteren Sinne dem Bildungsbereich zuzuordnen ist, zu beachten sind. Dabei wird die Autorin an einigen, praktischen Punkten, sehr kleinteilig – zum Beispiel bei der konkreten Zeitplanung einer Veranstaltungen – und an anderen Punkten recht oberflächlich – ob es zum Beispiel überhaupt eine spezifische Pädagogik für Bibliotheken gibt, das wird einfach vorausgesetzt. Dass das Buch ein Unterrichtsskript ist, zeigt sich auch an den jedem Kapitel vorangestellten Lernzielen (meist zwei Anstriche), den häufig eingesetzten Graphiken, die einen schon erläuterten Sachverhalt nocheinmal darstellen und den häufigen Praxisaufgaben, bei denen das gerade Erläuterte angewandt werden soll. Gerade diese Aufgaben machen das Buch sehr Hands-on. Es ist nicht einfach durchzulesen, sondern – so zumindest die offensichtliche Vorstellung hinter dieser Struktur – Schritt für Schritt mit einzelnen Übungen durchzugehen. Und sicherlich sind die Aufgaben und der Aufbau des Buches so, dass sie Lernende bei ihrem Lernen unterstützen – schliesslich ist es als Skript schon mehrfach in der konkreten Lehre genutzt worden.1

Das Buch streift Themen vor allem: Aufbau des Bildungssystems, Lerntheorien (sehr kurz), Themen, die in Bibliotheken als Thema von Bildungsveranstaltungen sinnvoll sein können, Aufbau von Lehrveranstaltungen, Durchführungen von Veranstaltungen. Der wichtige Punkt ist hier, dass diese Themen gestreift werden. Mehr nicht. Man hat nach dem Lesen des Buches einen Überblick darüber, was man noch lernen müsste. Viel mehr lässt sich in den, ja immer nur einige Monaten kurzen, Seminaren wohl auch nicht erreichen. In einem Buch würde es sich aber erreichen lassen, da hätte man mehr Platz. Gleichzeitig ist der Vorteil von Seminaren, dass diese immer aus dem Gezeigten, hier dem Skript, und dem persönlich durch die Dozierende Vermittelten bestehen. Im Buch fällt die Vermittlung fort, die oft das Gezeigte erst sinnfähig macht. Es wäre eigentlich zu hoffen gewesen, dass dies durch mehr und konkreteren Text ausgeglichen würde, so dass das Buch tatsächlich als Handreichung und eben nicht nur als Anregung, weiterzulernen (was selbstverständlich auch seine Berechtigung hat), zu nutzen gewesen wäre.

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Wie gesagt, vermittelt der Titel, dass das Buch etwas anderes wäre, als es tatsächlich ist. Es sind keine Grundlagen, die vermittelt werden, sondern es ist mehrere Schritte darunter anzusiedeln, als ein Aufzeigen von zu behandelnden Themen. Vor allem ist es aber nicht, wie im Titel behauptet, für Schulbibliotheken sinnvoll. Die Veranstaltungen, die hier geschildert werden, sind solche, die ausserhalb des Schulalltags in Öffentlichen Bibliotheken durchgeführt werden können, auch in Zusammenarbeit mit der Schule (dazu gibt es einige Aussagen im Buch). Schulbibliotheken, zumindest der grösste Teil, haben aber gar nicht die Aufgabe, selber Bildungsaktivitäten zu entfalten; sondern vor allem, den Schulalltag zu unterstützen. (Die Autorin, welche früher in der Büchereizentrale Schleswig-Holstein arbeitete, weiss das bestimmt selber. Nur wenn man die wenigen Schulbibliotheken, die sich als „kleine Öffentliche Bibliotheken“ verstehen, als Normalfall behauptet, ergäbe der Titel einen Sinn. Zu vermuten ist, dass der Verlag – welcher von den wenigen Monographien zu Schulbibliotheken, die aktuell auf dem Buchmarkt greifbar sind, immerhin zwei publiziert hat und damit die meisten2 – zumindest diesen Zusatz angebracht hat.) Das ist ärgerlich, weil es viel zu wenig Literatur zu Schulbibliotheken in deutscher Sprache gibt und dieses Buch eher „so tut“ als gehörte es dazu, auch wenn es Abschnitte enthält, die Schulbibliotheken thematisieren.

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Auffällig ist zudem, dass das Buch sehr, viel zu sehr positiv geschrieben ist. Dabei ist pädagogische Praxis – egal in welchem Feld – einerseits voll von Scheitern, auf das vorbereitet werden sollte: Eigensinnige Lernende, unerwartete Lerneffekte, wo das, was man vermitteln will, bei den Lernenden ungewollte Effekte hat, Verweigerung, die zu Lernprozessen oft dazu gehört. Das ist normal, bei allen Bildungsaktivitäten, aber in diesem Buch wird der Eindruck vermittelt, das bei richtiger Planung schon alles gut laufen wird. Das scheint gefährlich. Andererseits ist das Feld „Bildung“ – egal ob Didaktik oder Bildungspolitik – voller Behauptungen und Floskeln, die oft Profanes überdecken. Es wäre sinnvoll, dies mit einem kritischeren Blick anzugehen, zum Beispiel die Aussagen des Nationalen Bildungsberichtes nicht einfach für bare Münze nehmen, wie es im Buch gemacht wird, sondern auch als politisches Dokument zu lesen. (Das wäre Kritik im Sinne von Textkritik.) Gut möglich, dass die im eigentlichen Seminar passiert, im Buch fehlt es.

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Grundsätzlich fehlt dem Buch, auch wenn Lerntheorien kurz besprochen werden, Theorie. Vieles wird einfach behauptet, kaum erklärt, schon gar nicht in Modellen, die man überprüfen beziehungsweise weiterentwickeln könnte und die Sachverhalte erklärten (zum Beispiel nicht nur aufzählen, was es für Formen des Lernens gibt, sondern zeigen, was diese für Effekte im Lernprozess der Lernenden haben). Es ist, wie schon gesagt, sehr Hands-On. (Wilfried Sühl-Strohmenger und Ulrike Hanke haben das in ihrem Buch „Bibliotheksdidaktik: Grundlagen zur Förderung der Informationskompetenz“ expliziter versucht, Olaf Eigenbrodt arbeitet offenbar – wenn man den Verlagsankündigungen und seinen Vorträgen trauen darf – an einem Buch zu Lerntheorien, dass vielleicht diese Lücke besser schliessen wird.)

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Aus Öffentlichen Bibliotheken tönt regelmässig der Wunsch, Handreichungen zu erhalten, wie bestimmte Dinge zu tun sind. Die zu leifern sei die Aufgabe von Expertinnen und Experten, Fachhochschulen. Das Buch reagiert gut auf diesen unmöglichen Wunsch (da diese Handreichungen niemals so genutzt zu werden scheinen, wohl weil die realen Aufgaben immer komplexer sind, als das sie in solchen Handreichungen abgedeckt werden könnten und weil sie immer nur einen Teil der Arbeit abnehmen und die Umsetzung doch Aufgabe der jeweiligen Bibliothek bleibt) indem es eine Übersicht an Themen liefert, die zu bearbeiten, vor allem selber zu lernen wären. Nicht weniger.

 

 

Fussnoten:

Disclaimer: Der Rezensent unterrichtete bis vor Kurzem einen ähnlichen Kurs (an der Fachhochschule Potsdam), deshalb scheint ihm die objektive Bewertung der Inhalte schwierig. Grundsätzlich, wenn auch mit anderen Schwerpunkten und etwas kritischer, wurde in seinem Kurs Ähnliches angesprochen. Die Parallelen sind allerdings erstaunlich. (Zudem wird einen seiner Arbeiten ausführlich zitiert, was es noch schwieriger macht, das Buch wirklich objektiv zu bewerten.) Deshalb hier die eher rein positivistische Darstellung.

Disclaimer: Eines davon vom Rezensenten mitgeschrieben, insoweit ist es auch nicht möglich, eine objektive Bewertung des Verlages vorzunehmen.

Das IB-Weblog und warum wir es vermissen.

Posted in LIBREAS aktuell by Ben on 5. Juli 2017

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

Update: Eine Nachfrage im Institut ergab, dass das Weblog nicht mehr gepflegt wird, offenbar auch offline bleibt, die Daten aber noch auf einem Server aufliegen, der momentan gewartet wird. Sie können also prinzipiell noch gerettet werden.

I

In den frühen 2000 Jahren und Richtung des 200. Jubiläums der Hochschule, entschied das Präsidium der Humboldt-Universität zu Berlin, wie häufig getrieben von externen Sparvorgaben, dass einige Wissenschaftsbereiche im beeindruckend breiten Fächerspektrum des Hauses verzichtbar sind. Die Landwirtschaftlich-Gärtnerische Fakultät sollte es komplett treffen. In der Philosophischen Fakultät sollte die Bibliothekswissenschaft ihre Professuren, ihr schönes Gebäude in der Dorotheenstraße und ihre Existenz als akademische Disziplin aufgeben. Darüber hinaus sollte hier und da eine Professur wegfallen. Die Auflösung der Bibliothekswissenschaft konnte bekanntlich verhindert werden, aber es war ein, wie man so schön sagt und wie es hier buchstäblich passt, close call.

Zur Rettung trugen ein Protest der nationalen und internationalen Bibliothekswelt bei sowie ein außerordentliches Engagement der Studierenden und der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Instituts, das vielleicht zum ersten Mal nach seiner Zusammenlegung mit seinem Westberliner Gegenstück in den 1990er Jahren zu einer Art gemeinsamer Identität fand. Parallel dazu bildete sich eine sonst eher seltene und nach Bologna auch gar nicht mehr so leicht mögliche studentische Mitwirkungsstruktur heraus, die kurioserweise auch die Studienordnung der neuen Studiengänge maßgeblich mitprägte, in deren engen Rastern Fachschaftsarbeit dieser Intensität keinen Platz mehr finden sollte.

Ziel und auch externe Vorgabe war, das nun nicht geschlossene Institut nachhaltig zukunftsfähig zu machen. Man berief die ausgewiesenen Digitalexperten Michael Seadle und Peter Schirmbacher als Professoren, schob damit den Institutsdirektor Walther Umstätter ein bisschen zu Seite, was ebenfalls eine gewisse Ironie enthält, da dieser schon denkbar früh am Institut für eine stärkere digitale Orientierung eintrat. Mit den neuen Professoren wurde dies nun eingelöst, wenn auch sicher weniger informationstheoretisch orientiert, als er es sich erhoffte. Mit der Emeritierung von Engelbert Plassmann verschwand ein Drittel der Aufmerksamkeit der Berliner Bibliothekswissenschaft am öffentlichen Bibliothekswesen und traditionellen Bibliotheksthemen, mit Frank Heidtmann und einer Reihe von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus dem Mittelbau ein zweites und schließlich nahm Konrad Umlauf mit seiner ausgelaufenen kw-Professur den Rest mit den Ruhestand. Seitdem geht es am IBI im weitesten Sinne nahezu ausschließlich um digitale Themen, was durchaus in die Zeit passt und sich nicht zuletzt deshalb erklärt, weil das IBI mittlerweile auch sehr viel Wert darauf legt, dass seine Absolventinnen und Absolventen für die im Zuge der Digitalisierung entstehenden Beschäftigungsbereiche auch zureichend qualifiziert sind. 

II

Ein großer Teil dieser Entwicklungen wurden in einem Forum dokumentiert, das Ergebnis eines arbeitsreichen Wochenendes im Sommer 2003 in Prora / Rügen war. Während nebenan am Strand knapp hinter der Ruine der U-Boot-Anlegestelle eine damals noch angesagte Rave-Party improvisiert wurde, saß ein kleines Grüppchen von Studierenden im Gruppenraum der Jugendherberge und überlegte, was sie für ihr Institut tun können. Dass etwas zu tun sei, war ihnen sehr bewusst, denn eine Eckprofessur war seit Jahren nicht besetzt, Schließungsideen machten auch vor dem Beschluss im Herbst 2003 die Runde und regelmäßig kamen Gastprofessoren, die sich immer viel Hoffnung auf Weiterbeschäftigung machten und dann doch wieder nach relativ kurzer Zeit gehen mussten. Kontinuität auch im Forschungs- und Lehrprofil ließ sich so natürlich schwer absichern. Zugleich war der Wunsch mehr Stabilität (auch: Planungssicherheit) bei vielen Studierenden ausgeprägt und so fuhr die kleine Fachschaftsgruppe an die Ostsee. 

Mit im Zug nach Norden war Jakob Voß, nicht nur Bibliothekswissenschaftler sondern auch Informatiker, wenigstens zu diesem Zeitpunkt XML-Enthusiast und begeisterter Anhänger des gerade aufkommenden Web 2.0. (Er brachte die Idee der Folksonomien und das nun endgültig erledigte del.icio.us ans Institut.) Das netbib-Weblog erlebte zu diesem Zeitpunkt gerade einen ersten Höhenflug, die Blogkultur als Idee drang langsam auch in die Leitmedien, oft noch als Kuriosum belächelt und von Größen der Werbewirtschaft abqualifiziert. Blogs waren neu, digitale Avantgarde und wurden in Keynotes als Musterbeispiel des Demokratisierungspotentials des Internets verhandelt. Das Institut bekam nun auch eines, inhaltlich eröffnet am 18.08.2003 von Boris Jacob mit einem kleinen und freundlichen Seitenhieb auf das Weblog der Darmstädter InformationswissenschaftDas IB-Weblog war anfangs weniger als Diskursmedium, sondern als Mittel zur Verbesserung der Nachrichtenflüsse des Instituts angedacht. Der in Prora entstandene Bericht (hier noch als PDF verfügbar) fasste es folgendermaßen:

Weblog

Weblogs sind eine Form elektronischer Newsletter, die zum Beispiel in der amerikanischen Bibliotheksszene ein etabliertes Mittel zur Informationsverbreitung sind. Ein Weblog zeichnet sich ähnlich wie ein Webforum durch eine einfache Bedienung aus. Registrierte Benutzer können in einem Weblog Nachrichten verfassen, die danach chronologisch geordnet auf einer Webseite sichtbar sind. Die Nachrichten können auch einzelnen Kategorien zugeteilt werden. Die Nachrichten einzelner Kategorien können gezielt angezeigt und das Nachrichten-Archiv durchsucht werden. Im Gegensatz zu einem Forum oder einer Mailingliste dient ein Weblog nicht primär der Kommunikation, sondern der Verbreitung von kurzen Nachrichten, die meist nur wenige Zeilen umfassen und oft über Hyperlinks auf weitere Quellen verweisen. Für das IB soll ein zentrales Weblog mit den oben genannten Kategorien eingerichtet werden, in dem ausgewählte Personen Nachrichten verfassen können. Alle relevanten Informationen, die bisher teilweise nur als Aushang verfügbar waren, sollen über das Weblog zugänglich sein. Aus diesem können einige Nachrichten für einen Aushang ausgedruckt werden, so dass kein doppelter Aufwand entsteht.

Betreut von Boris Jacob und mir, administriert von Jacob Voß ging das Weblog erstaunlich schnell und ohne große Gegenrede online. Man fremdelte zwar mit dem neuen Medium hier und da, hatte aber am Institut insgesamt bemerkenswert großes Vertrauen in die kleine Gruppe, die zum neuen Semester deutlich wuchs, freute sich wohl auch, dass die Fachschaft derart Initiative zeigt und ihr Institut nach der Sommerpause mit einem üppigen Maßnahmenkatalog zur Verbesserung der Lehr- und Forschungsaktivitäten überrascht. Den Schwung wollte man dann auch niemand bremsen und kurz darauf sollte er noch notwendiger werden. Zu Beginn des Wintersemesters 2003/2004 zeigte sich nämlich, wie wichtig und sinnvoll gerade das Weblog als Medium zur Selbstorganisation nach innen und für die Informationsvermittlung nach Außen war. Man hatte damit, ohne es zu ahnen, ein wichtiges Werkzeug, um einer Online-Öffentlichkeit (und sich selbst) tagesaktuell zu zeigen, dass das Institut keinesfalls gewillt war, sich kampflos auflösen zu lassen.

IB-Weblog - Schnappschuss aus dem Dezember 2003

Der Fall des IB-Weblogs unterstreicht zugleich die Bedeutung des Internet-Archives, das Anfangs monatlich und später auch häufiger spiegelte, was sich im Weblog sammelte. Stichproben und auch die aktuelle bibliothekswissenschaftliche Forschung zeigen allerdings, dass die Sammlung keinesfalls vollständig ist. Dennoch ist es natürlich die beste existierende Grundlage einer kommenden Web-Archäologie.

III

Angesichts dieser Vorgeschichte überrascht es wenig, dass das IB-Weblog wenigstens für die unmittelbar Beteiligten eine doch erhebliche Bedeutung besitzt, auch wenn diese für das Institut in seinem Alltag später naturgemäß abflachte. Für einen Großteil der 2000er Jahre war es eine Art Chronik der Geschehnisse zunächst um das Institut und seine Entwicklung und zunehmend auch für das Eindringen digitaler Trends in das Bibliothekswesen allgemein. Da das Internet Archive Ausschnitte speicherte, kann man sich davon auch jetzt noch ein Bild machen. In seinen besten Zeiten bildeten sich zu einzelnen Postings längere Diskussionsketten um die Auflösung der Zweigbibliothek Bibliothekswissenschaft, die Rolle der Zukunftsforschung für das Fach oder – auch das – die Deutung von Open Access durch Roland Reuß. Die heute fast vergessenen, damals aber dank Lambert Heller und Patrick Danowski im deutschen Bibliothekswesen sehr intensiv geführten Debatten um die Möglichkeit einer Bibliothek 2.0 fanden ebenfalls erheblichen Niederschlag. Auch Diskussionen wie die um das Thema Studiengebühren wurden aufgegriffen. Insgesamt bestand der größte Teil der etlichen 1000 Nachrichten vor allem aus Verweisen auf externe Quellen. Über den Zeitverlauf gesammelt und zumindest grob kategorisiert bilden diese jedoch ein hoch interessantes und einzigartiges Zeugnis zur Entwicklung von Bibliothekswesen und Digitalität mit seinen Debatten für einen großen Teil der 2000er Jahren. Es war, wie ich in einem Tweet notierte, tatsächlich ein Archiv der Diskursgeschichte.

Irgendwann in den letzten Tagen verschwand das Weblog plötzlich. Im Cache von Bing findet man noch diese Zeilen:

In Kürze wird der IBI-Weblog abgeschalten. Die Nutzung des Weblogs ist zu gering als das ein weiterer Betrieb gerechtfertig ist. Mit freundlichen Grüßen

Welche Prozesse und Entscheidungen im Institut dazu führten, ist leider nicht bekannt und ebenso wenig, ob die Daten vielleicht doch offline gesichert wurden. Erstaunlich ist weniger, dass das Weblog nicht mehr gepflegt wird. Die Idee der Blogs hat ihre dynamische Hochphase an vielen Stellen hinter sich. Weblogs sind mittlerweile ein normaler Teil der digitalen Medienvielfalt, was gerade für Institutionen eine gewisse redaktionelle Professionalisierung erfordert. Das muss man sich leisten können und wollen. Dass das Institut das aktuelle Aufwand-Nutzen-Verhältnis als nicht überzeugend einschätzt, mag man ihm nicht verdenken. 

Problematisch ist jedoch, dass das Weblog einfach so aus dem Netz verschwand. Und zwar nicht nur, weil es einzelnen Akteuren mit persönlichen Bindung besonders am Herzen liegt, sondern weil es sich um das Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft handelt. Es verfolgt mittlerweile eine nahezu rein digitale Agenda und akkumuliert erhebliche Expertise zu diesen Feldern. Das Dilemma verschwindender Internetquellen vor dem Hintergrund zukünftiger Forschung diskutiert man an ihm aber schon seit den 1990ern Jahren. Die digitale Langzeitarchivierung ist heute ein erklärter Schwerpunkt der Einrichtung. Die Sicherung, Aufbereitung und digitale Archivierung der strukturierten Inhalte aus 14 Jahren IB-Weblog hätte sich also mit vergleichsweise geringem Aufwand vielleicht sogar in einer Seminararbeit umsetzen lassen können. Und wenn nicht sofort, so hätte man das Blog als aktives Angebot schließen und für einen geeigneten Zeitpunkt online lassen können. Falls es gute Gründe für das Institut dagegen gegeben hätte, hätte auch der LIBREAS-Verein liebend gern das Blog auf seine Seite gezogen. Ein Stück weit müssen wir uns von LIBREAS, wie wir jetzt sehen, selbst vorwerfen, nicht darüber nachgedacht zu haben. (Bei der Gelegenheit sei übrigens angemerkt, dass wir die Bereitschaft für eine mögliche Spiegelung und Langzeitsicherung der Inhalte von IUWIS den aktuellen Betreibern bereits signalisiert haben.) Allerdings sind die Drähte zwischen IBI und LIBREAS nach wie vor sehr kurz. Als Frage bleibt also, warum das Weblog so aus der deutschen Biblioblogosphäre verschwinden musste. Die Begründung aus dem Suchmaschinen-Cache kann aus bibliothekswissenschaftlicher Sicht nicht überzeugen. Das Fach hat die Verpflichtung quellen- und datenorientiert in größeren Zeiträumen zu denken. Insofern ist es außerordentlich schade, wenn ein digitales Zeitdokument dieser Art so sang- und klanglos ausgesondert wird. Es erinnert zugleich daran, wie volatil Netzinhalte auch 2017 noch sind und welch dringender Bedarf auch für die Bibliothekswissenschaft besteht, sich darüber zu verständigen, wie man den Lebenszyklus von dynamischen Plattformen wie Weblogs auch zu seinem Ende hin so systematisiert, dass diese Inhalte als Kulturzeugen nachhaltig bewahrt werden können. 

(Berlin, 05.07.2017)

Eine kurze Geschichte zu einem bibliothekarischen Phantomschmerz

Posted in LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 3. Juli 2017

Zu: Helga Schwarz (2017). Das Deutsche Bibliotheksinstitut: Im Spannungsfeld zwischen Auftrag und politischem Interesse. Berlin: Simon verlag für Bibliothekswissen, 2017 [2018]

von Karsten Schuldt

Die Autorin des Buches, welches hier besprochen werden soll, hat aktuell relativ viele Auftritte in der Presse, da sie ihre Promotion – die in dem Buch vorgelegt wird – mit 81 Jahren abgeschlossen hat (zum Beispiel hier, hier, hier). Das ist auch beachtlich und eine symphatische Human Interest Story. Vor allem zeigt ihre Lebensgeschichte (erst Bibliothekarin, dann Programmiererin für Bibliotheken, Firmeninhaberin für Bibliothekssoftware und jetzt Doktorin der Bibliothekswissenschaft) ein ungebrochenes Interesse am Bibliothekswesen, dass zu bewundern ist.

In dieser Besprechung soll es allerdings nicht um diese Leistung, sondern vorrangig um ihr Buch gehen, dass als Übersicht eine Forschungslücke schliesst, die das Bibliothekswesen, wenn es an der eigenen Entwicklung wirklich interessiert wäre, schon längst hätte schliessen müssen (und können), aber gleichzeitig auch einige Kritik verdient.

 

I.

Ihr Buch umfasst die gesamte Geschichte des Deutschen Bibliotheksinstituts (dbi), einer Einrichtung, die denen, die noch nicht so lange im Bibliothekswesen sind, gerne einmal als der Glanz alter Zeiten vorgehalten wird. Früher hätte es das Institut gegeben, dann (2000) war es weg und seitdem scheint es irgendwie nicht mehr so gut zu sein im Bibliothekswesen. (Der Rezensent gehört zu denen, die nach 2000 im Bibliothekswesen ankamen und damit das dbi auch nicht mehr live erlebt, sondern nur davon gehört haben. Vielleicht hat das seine Meinung vom Buch auch geprägt.)

Dabei war die Geschichte es dbi erstaunlich kurz. Offiziell gegründet – selbstverständlich mit Vorlauf und Vorläufereinrichtungen – 1978, 2000 geschlossen und bis 2003 abgewickelt, existierte es gerade einmal 25 Jahre (drei davon in Auflösung) und hatte zum Beispiel auch nur einen Direktor und eine Direktorin. So viel Zeit hatte es also gar nicht, um Einfluss zu entwickeln.

Gegründet wurde es mit den folgenden Vorgaben:

„Das Institut erforscht, entwickelt und vermittelt bibliothekarische Methoden und Techniken mit dem Ziel der Analyse, Entwicklung, Normierung und Einführung bibliothekarischer Systeme und Verfahren.“ §2 des Gesetz über das Deutsche Bibliotheksinstitut vom 22. Mai 1978

Zeitlebens scheint es aber auch andere Ziele und Begehrlichkeiten von Bibliotheken und bibliothekarischen Verbänden gegeben zu haben. Das Buch deutet diese an, aber – dies eine Kritik, die weiter unten nochmal ausgeführt wird – es wird nicht richtig klar, welche Ziele das genau waren. Während seiner Existenz übernahm es Arbeiten an Systematiken, unterhielt Kommission (die später in den dbv übergingen, wo sie auch „herkamen“, und die Grundlage dessen heutiger Kommissionen / Fachkommission darstellten), gab Publikationen heraus (zum Beispiel die Zeitschrift schulbibliothek aktuell oder die Reihe dbi-materialien, welche aber nach Angabe des Buches oft Studien anderen Einrichtungen und nicht des dbi publizierte) und betrieb Datenbanken, zum Beispiel die Zeitschriftendatenbank und bauten (das wird mehrfach betont) subito auf (jetzt bekanntlich von einem Verein getragen). Auch nach dem Lesen des Buches wird aber über solche Aufzählungen hinaus nicht so genau klar, was das Institut tatsächlich tat oder hätte tun sollen. Gleichzeitig war es gross, zu einem bestimmten Zeitpunkt hatte es über 100 Angestellte.

Nach dem Aufbau war es in den 1980er Jahren aktiv, dann geriet es in den Strudel der Veränderungen in der Wissenschafts- und Kulturpolitik nach der Wende in der DDR und der Vereinigung von BRD und DDR. Ende der 1990er wurde es dann abgewickelt.

Diese Geschichte ist das Thema des Buches. Die Autorin orientiert sich dabei auf die institutionelle Sicht. Es geht in ihrer Geschichte um Gesetze, politische Entscheidungen, Verordnungen, Evaluationsverfahren, Lobbyversuche. Dabei hat sie – wie es bei einer Promotion dieser Art zu erwarten ist – intensiv in Archiven gearbeitet und Interviews mit Beteiligten geführt. Was man aber nicht erwarten darf – obwohl es sich anböte – sind Angaben über die inhaltliche Arbeit des Instituts und seiner Wirkung (oder auch Nicht-Wirkung) auf Bibliotheken. Das wird alles nur angerissen und in Stichworten abgehandelt.1

 

II.

Leider hat die Autorin – entgegen ihrer Aussage im Vorwort, als Unbeteiligte einen objektiven Blick auf diese Geschichte zu haben – doch die Tendenz, ohne weitere Quellen (die vielleicht in der eingereichten Fassung der Promotion vorhanden waren und erst für den Verlagsdruck entfernt wurden) eigene Meinungen zu vertreten, teilweise sogar dem dbi, dem ehemaligen Direktor, ungenannten Angestellten des dbi oder auch den Bibliotheken und bibliothekarischen Verbänden, Vorwürfe zu machen. Dies wird insbesondere in den Fazits der einzelnen Kapitel – die ansonsten sehr hilfreich sind – deutlich.

Hinzu kommt die Tendenz, die Quellen nicht quellenkritisch zu verwenden, sondern – wenn es in die Argumentation passt – für die Wahrheit zu nehmen, teilweise auch „aufzuleveln“. So wird der Bericht von einer Konferenz, den Claudia Lux lieferte, zu einer „Studie“ erklärt, welche Claudia Lux durchgeführt hätte. Als ausländische Stimmen zur Schliessung wird mit Jean-Marie Reding gleich mehrfach ein Kollege aus Luxemburg zitiert, welcher bis heute sehr engagiert dem luxemburgischen Bibliotheksverband vorsteht, auf jeder bibliothekarischen Konferenz in Deutschland und der Schweiz vertreten ist und immer eine dezidierte Meinung hat – und mit diesem Wissen und dieser Aktivität gerade nicht irgendeine „ausländische bibliothekarische“ Stimme ist. Schwarz tut aber so, als wäre seine Meinung repräsentativ für die Reaktionen aus dem Ausland.

Sie hat eine Meinung zum dbi und versucht diese zu untermauern. Für eine Promotion oder einen objektive Geschichte ist das nicht angebracht und auch tatsächlich der grösste Kritikpunkt, der in dieser Rezension anzubringen ist. Es ist bleibt eine subjektive Darstellung, wenn sie auch ausführlich (auf institutioneller Ebene) ist und auf reichem Quellenmaterial, dass durch die Publikation ja in den Diskurs eingeführt wird und jetzt von anderen genutzt werden kann, basiert.

 

III.

Die Autorin setzt auch dazu an, zu erklären, wieso das dbi wieder geschlossen wurde. Es wird dazu wohl immer mehrere Deutung geben, aber laut dem Buch scheint es ein Zusammenspiel aus Animositäten innerhalb des dbi, einen schwachen Chef – wobei nicht ganz klar wird, ob die Autorin dies auch der Person selber vorwirft oder nur der Konstruktion des dbi, bei dem der Leiter keine richtige Weisungsbefugnis aber gleichzeitig mit dem Kuratorium eine übergeordnete Aufsichtsinstitution hatte – und einer Änderung der Wissenschaftspolitik, die von den Bibliotheken und bibliothekarischen Verbänden übersehen worden sei, gegeben zu haben. Das wird aber nicht nachgewiesen.

Vielmehr hat die Autorin gerade im zweiten Teil des Buches, der dem Ende des dbi gewidmet ist, die Tendenz, die Geschichte als Politikroman zu schreiben, wo einzelne Beamtinnen und Beamte der Verwaltungen, einzelne Politikerinnen und Politiker sowie Bundesländer Interessen hätten (die nicht so richtig erklärt, sondern als gegeben vorausgesetzt werden), welche dann gegeneinander intrigieren und dabei das dbi schliessen. Einen solchen Roman könnte man auch für den Anfang schreiben, aber das unterbleibt. Vielmehr hat die Autorin die Angewohnheit, im zweiten Teil ständig und ohne grösseren Kontext die Beteiligten an allen möglichen Kommissionen und Verwaltungen aufzuzählen, mit Namen und Funktion, während die Beteiligten im dbi bis auf den Direktorin und die spätere Direktorin fast immer ungenannt bleiben. (Genannt werden noch die Angestellten der Bibliothekarischen Arbeitsstelle, die aber gar nicht zum dbi gehörte, obwohl sie im Buch viel Platz eingeräumt bekommt.) Selbst dann, wenn einzelnen Personen im dbi Vorwürfe gemacht werden, bleiben sie ungenannt. Es scheint, als wäre die Politik Schuld und müsste deshalb benannt werden.

Dabei ist die Situation aus Sicht des Rezensenten recht einfach, wenn sie auch für das Personal des dbi damals persönlich destruktiv war: Das dbi wurde in der Gründungswelle von Bildungs- und Kultureinrichtungen in den 1970er Jahren gegründet und zwar in Berlin, weil Berlin – so das Buch – versuchte, sich als Zentrum des bibliothekarischen Einrichtungen zu etablieren.2 In einem politischen Akt wurde die Finanzierung für das Institut – wie für viele andere Einrichtungen dieser Gründungswelle – durch einen Eintrag auf der „Blauen Liste“ – die Einrichtungen umfasste, welche von Bund und Ländern gemeinsam gefördert wurden – gesichert. 1989 änderte sich diese Lage, einmal durch die Wende und ein anderer Mal durch die Änderung der Wissenschafts- und Kulturpolitik, die sich nun verstärkt am neoliberalen Denken orientierten. Berlin fokussierte sich darauf, Hauptstadt zu werden, die Förderung wurde von Infrastruktur auf Projektförderung umgestellt, mit der Abwicklung von Einrichtungen der DDR bildete sich eine Kultur der Abwicklungen aus, die auch auf Einrichtungen ausserhalb der DDR ausgriff.

Inhaltlicher Grund für die Schliessung des dbi war eine Evaluation durch den Wissenschaftsrat, der die Blaue Liste – jetzt die Leibniz-Gemeinschaft – zu einer Liste von Forschungseinrichtungen umbauen wollte. Die Evaluation stellte, neben anderem Lob und anderen Schwächen, fest, dass das dbi keine Forschungseinrichtung sei und empfahl die Schliessung. Die deutschen Bibliotheken scheinen dies – so zumindest die Reaktionen, von denen die Autorin berichtet – nicht so verstanden zu haben, sondern als Angriff auf die bibliothekarische Arbeit. Schwarz betont, dass sich vor allem Öffentliche Bibliotheken diese Vorstellung zu eigen gemacht hätten, während sie grossen Wissenschaftlichen Bibliotheken vorwirft, auch darauf geschaut zu haben, Projekte des dbi übernehmen zu können. Das könnte aber auch nur heissen, dass Wissenschaftliche Bibliotheken schon früher die Kultur der Projektförderung kennengelernt hatten und deshalb sahen, dass das dbi nicht weiterzuführen wäre.

Was in dieser Geschichte fehlt, scheinen zwei Dinge zu sein: Zum einen scheint es, als wäre das dbi immer nur das Ergebnis einer politischen Entscheidung gewesen, und zwar nicht vom Bund, sondern einem Bundesland, dass eine Nische zu besetzen suchte. Wenn das stimmt, wäre es nur logisch, dass – als diese Nische unnötig wurde, weil Berlin Hauptstadt war – das dbi nicht weiter gefördert wurde. Zum anderen scheint die Schliessung des dbi gerade nicht spezifisch gegen Bibliotheken gerichtet gewesen zu sein, sondern liest sich auch im Nachhinein so, als wäre sie ein später Teil der ganzen Abwicklung von Einrichtungen in den fünf neuen Bundesländern und Berlin gewesen, die in den Mitte bis Ende der 90er Jahre die Berliner Politik bestimmten, nur dass es beim dbi auch Auswirkungen auf Bibliotheken im restlichen Deutschland hatte. Aber abgewickelt wurde damals ständig irgendetwas. Man hätte diesen Kontext darstellen können, dann wäre auch diskutierbar geworden, ob und wie hier das dbi herausstach oder gerade nicht herausstach.

Dies wurde von den bibliothekarischen Verbänden und Bibliotheken, die sich äusserten, nicht so gesehen. Diese schrieben gegen die Abwicklung an und behaupteten eine besondere Wichtigkeit des dbi; eine Position, die Schwarz übernimmt, auch wenn sie den Verbänden vorwirft, damals die geänderte Zeit nicht gesehen zu haben. Aber so, wie sie es darstellt, scheinen die Veränderungen generell gegen das dbi gerichtet gewesen zu sein. Es wird im Buch ständig eine Klage wiederholt – dass eine frühere Evaluation die Fokussierung auf Öffentliche Bibliotheken gefordert hätte und dann später genau dieser Fokus negativ gewertet wurde – die wohl in den späten 1990er im Bibliothekswesen regelmässig wiederholt wurde, und angedeutet, dass diese spezifisch unfair gewesen wäre. Im grösseren Kontext scheint dies aber nur die gängige Variante der damaligen Schliessungspraxen von Einrichtungen gewesen zu sein.3

Der Rezensent würde die Situation eher dahin gehend interpretieren, dass das dbi von Anfang an schwach angebunden und mit einem unmöglichen Auftrag versehen war – oder anders: dass das Ende eigentlich schon bei der Gründung angelegt war.

 

IV.

Es wäre zu erwarten, dass eine Arbeit, wie sie die Autorin vorlegte, mit ihren rund 400 Seiten plus Anhängen, auch vermittelt, was das dbi eigentlich genau getan hat und wozu es – so die Behauptung aus der Bibliotheksszene am Ende des dbi – unverzichtbar gewesen sei. Das wird aber überhaupt nicht klar. Schwarz nennt zwar eine Anzahl an Arbeitsgebieten, aber das verbleibt auf einer ganz oberflächlichen Ebene.

Ein Beispiel: Die Autorin sieht die Arbeit im Anschluss an die Wende als den eigentlich Höhepunkt des dbi an, welches zahllosen Bibliotheken in der DDR, dann in den fünf neuen Bundesländern, Beratungen geboten hätte, damit diese ihre neuen Herausforderungen meistern könnten. Aber wie sah das den genau aus? Schwarz erwähnt Weiterbildungsveranstaltungen und persönliche Beratung. Nur: Welche Weiterbildung? Wie? Was waren die Themen? Was waren die Effekte? Wie sinnvoll war das wirklich? (Insbesondere während der Streichungswellen der frühen 90er Jahre.) Und was heisst persönliche Beratung? Ist da jemand durch die Lande gefahren und hat in den Bibliotheken Händchen gehalten? Software erklärt? Den Buchhandel? Gab es einen Telefon-Hotline? Darüber schweigt sich Schwarz aus, obwohl sie diese Beratung mehrfach betont. Und so steht es praktisch mit der gesamten Arbeit des dbi. Was haben all die Angestellten dort getan?Was wurde mit dem Rechner gemacht? Was war die Aufgabe der Datenbanken? (Schwarz nennt zum Beispiel regelmässig die Zeitschriftendatenbank, die Bibliothekarinnen und Bibliothekaren bekannt ist, aber anderen potentiellen Leserinnen und Lesern ihres Buches unbekannt sein dürfte.) Das ist auch nach dem Buch überhaupt nicht klar (und somit kann man auch mit dem zeitlichen Abstand zur Schliessung nichts mehr aus dieser Arbeit lernen). Es bleibt bei oberflächlichen Andeutungen.

Das gilt aber auch dann, wenn das dbi kritisiert wird (oder Kritiken zitiert werden). Gerade der Begriff „innovativ“ – im Sinne von „das dbi war nicht innovativ genug“ – wird im Buch oft angeführt, ohne das ersichtlich wird, was heissen soll. Teilweise scheint es – weil die Autorin mehrfach betont, dass das dbi gerade in den letzten Jahren seines Bestehens veraltete Hardware genutzt hätte und nicht sofort im Internet aktiv war – als hätte es mehr Software und Hardware haben und einsetzen sollen (und wohl auch Bibliotheken anbieten). Aber ist das schon „innovativ“? Ist das nicht gerade eine so verkürzte Vorstellung, dass es schon wieder zum Sujet wird? Teilweise scheint die Autorin vorauszusetzen, als wüssten alle Lesenden, was eigentlich die Aufgaben des dbi gewesen wären; aber das stimmt ja (wie schon mehrfach gesagt) nicht.

Grundsätzlich ist es berechtigt, eine Untersuchung, wie sie Schwarz unternommen hat, auf die institutionellen Vorgänge zu fokussieren. Es hätte aber dargestellt werden müssen, dass dies der Fokus; die Kritik ist hier hauptsächlich, dass genau dies unterblieb und mit dem Buch der Eindruck vermittelt, als würde eine Gesamtgeschichte des dbi versucht.

Ein Ergebnis diese oberflächlichen Darstellung ist allerdings, auch weil wir in einer Zeit leben, in der das dbi schon seit bald 15 Jahren nicht mehr existiert und das deutsche Bibliothekswesen trotzdem nicht zusammengebrochen ist (ganz abgesehen davon, dass andere Bibliothekswesen nie ein solches Institut hatten), als wären die ganzen Unterstützungsaussagen, die am Ende aus dem Bibliothekswesen für das dbi abgegeben wurden, nur das gewesen – Unterstützung in letzter Minute, ohne wirklichen Realitätsgehalt. Es wäre vielleicht nicht die Aufgabe der Autorin, aber von anderen gewesen, wirklich zu begründen, wozu das dbi nötig gewesen war (und vielleicht wieder wäre) – und nicht zu versuchen, nur die richtigen Floskeln anzubringen.

 

V.

Das Buch schliesst, wie schon gesagt (und wie die Autorin auch in ihren Gesprächen mit der Presse immer wieder betont), eine Lücke. Das dbi war einen Einrichtung des Bibliothekswesens, die zumindest im Nachhinein als wichtig verstanden wurde. Es ist richtig, dass diese Geschichte jetzt zumindest grundsätzlich dargestellt ist und die grundsätzlichen Quellenbestände für eine weitere Geschichtsschreibung aufgearbeitet und benannt wurden. Dass sich das Buch durch seinen Fokus auf die institutionelle Geschichte stellenweise eher träge liest, ist ihm nicht vorzuwerfen. Die Aufgabe einen Promotion ist es nicht zu unterhalten, sondern eine wissenschaftlich solide Arbeit vorzulegen.

Kritisch anzumerken bleibt die Tendenz der Autorin, ständig eigene Einschätzungen anzubringen, insbesondere, wenn diese auf Quellen aufzubauen scheinen, die nicht genannt sind. Wer hofft, durch die Aufarbeitung dieser Geschichte Argumente für ein neues dbi zu finden, wird aber enttäuscht sein. Es nicht nur nicht klar, welche Arbeit das dbi geleistet hat oder heute leisten könnte. Es wird auch klar, dass schon die Einrichtung und dann auch die Abwicklung eigentlich nichts mit den Interessen von Bibliotheken und bibliothekarischen Verbänden zu tun hatten, sondern mit politischen Entscheidung in spezifischen politischen Situationen. Mit der Verstärkung des Föderalismus in Deutschland, spätestens mit der Föderalismusreform 2006, und der Etablierung eines neoliberalen Verständnisses von Wissenschafts- und Kulturförderung, ist es unwahrscheinlich geworden, dass eine solche politische Situation in näherer Zukunft wieder eintreten wird. Und selbst dann sollte die Geschichte des dbi – aber auch anderer Projekte – eher eine Warnung davor sein, für den Aufbau bibliothekarischer Infrastrukturen auf solche politischen Möglichkeiten zu setzen – diese Situationen sind irgendwann vorbei und damit auch die Unterstützung für solche Infrastrukturen. (Bei Bauten ist das anders, die sind dann faktisch da, auch wenn die politische Situation sich ändert.)

Zu bemerken ist, dass nicht nur die Geschichte des dbi weiterhin viele blinden Flecken hat, sondern das andere Einrichtungen, die das Bibliothekswesen prägen, ähnliche institutionelle Geschichten verdienen würden, weil so klar würde, wie sie überhaupt in ihre jetzige Position geraten sind. Zu denken wäre an die grossen Firmen im Bibliotheksbereich (zum Beispiel die ekz), die bibliothekarischen Verbände, die wenigen Verlage, in denen bibliothekarische und bibliothekswissenschafliche Literatur erscheint und vor allem die schon länger laufenden Zeitschriften des Bibliothekswesens. Helga Schwarz hat anhand des dbi gezeigt, dass solche Geschichten möglich sind.

 

Fussnoten

1 Und genau hier scheint es einen Unterschied zwischen denen zu geben, die das dbi in den 1980ern noch in voller Arbeit erlebt haben und denen, die erst später dazu kamen. Vielleicht musste man Bibliothekarinnen und Bibliothekaren in den 1980er Jahren – zumindest in der BRD und West-Berlin – nicht erklären, was das dbi macht. Vielleicht hatten alle eine Meinung dazu. Heute wäre gerade das interessant.

2 In der Argumentation des Buches ist diese Behauptung auch eine Schwachstelle, da nicht gezeigt wird, wie Berlin dieser Ziel sonst noch verfolgt hat. Das Institut für Bibliothekswissenschaft an der Freien Universität wird gar nicht erwähnt, auch andere Einrichtungen nicht. So scheint es, als wäre dieses „Interesse“ Berlins mit der Gründung des dbi schon wieder erloschen zu sein.

Eventuell ist das auch die persönliche Geschichte des Rezensenten, der in der gleichen Zeit, als das dbi geschlossen wurde, in der Berliner Kinder- und Jugendpolitik erlebt hat, wie Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe nur deshalb geschlossen wurde, weil von einem Jahr zum anderen 50% der Fördersumme gestrichen wurden, ohne weitere Begründung. Und das einige Jahre lang, zumeist mit viel kürzerer Frist zwischen Mitteilung der Streichung und der tatsächlichen Schliessung (zumeist, ohne das das Personal, wie es beim dbi passierte, in den Stellenüberhang des Landes Berlin übernommen wurde). Mit diesem Hintergrund scheint die Schliessung des dbi, die sich immerhin fünf Jahre hinzog, bei aller persönlichen Tragik für die Betroffenen, dann wieder wie ein Luxus.

Eine Fleissarbeit zur Geschichte der Öffentlichen Bibliotheken in Québec

Posted in LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 27. Juni 2017

von Karsten Schuldt

Zu: Séguin, François: D’obscurantisme et de lumières. La bibliothèque publique au Québec des origines au 21e siècle. (Histoire et politique. Cahiers du Québec) Montréal: Edition Hurtubise, 2016

Das hier besprochene Buch sieht nach einem arbeitsreichen Kraftakt aus: Auf etwas weniger als 600 Seiten (plus Anhänge) wird die Geschichte der Öffentlichen Bibliotheken in Québec, Kanada, dargestellt. Diese Geschichte, beginnend im frühen 17. Jahrhundert, geht eigentlich nur bis in die 1990er und nicht, wie im Titel angekündigt ins 21. Jahrhundert. Aber auch das alleine war gewiss eine immense Fleissarbeit, die in den zahllosen Zitaten und Angaben aus den entlegensten Quellen, die im Buch angeführt sind, sichtbar wird. Dennoch ist am Buch einiges an grundsätzlicher Kritik zu leisten. Am Ende ist es Bibliotheksgeschichte, wie sie besser nicht mehr sein sollte.

Eine impressive Sammlung

Zuvor zu den positiven Seiten. Das Buch ist umfangreich, ohne jede Frage. Es geht grundsätzlich chronologisch vor und bindet die Geschichte der Öffentlichen Bibliothek eng an die Geschichte der Kolonie und späteren Provinz Québec (anfänglich Nouvelle-France), auch wenn diese allgemeinere Geschichte nur dann angesprochen wird, wenn es unbedingt notwendig scheint. Ansonsten wird sie vorausgesetzt.

Das Buch schreibt die Geschichte anhand unterschiedlicher Bibliothekstypen, beginnend mit frühen Privatbibliotheken, Subskriptions-Bibliotheken (bibliothèques publiques de souscription) und kommerziellen Leihbibliotheken, Lesesälen etc. (bibliothèques commerciales de prêt, cabines de lecture) über Bibliotheken von Ausbildungseinrichtungen (mit und ohne politischen Anspruch), Public libraries nach US-amerikanischem Vorbild (erst als private Gründungen, dann die Übernahme durch Gemeinden) und aktuellere Entwicklungen hin zu Öffentlichen Bibliotheken als allgemein zugängliche, öffentliche getragene Einrichtungen. Die Masse des versammelten Materials und auch der Publikationsort in den „Cahiers du Quèbec“ vermitteln den Eindruck, dass hier die definitive Sammlung und Interpretation dieser Geschichte vorgelegt würde.

Dass ist alles beeindruckend, insbesondere in seinem Detailreichtum und der tiefen Gliederung. Der Autor – in der Bibliothekswissenschaft in Forschung, Lehre und Praxis in Québec tätig – kennt seine Materie. In dem gesamten Material finden sich, selbstverständlich, zahllose Bonmots und interessanten Anmerkungen.

Nicht zuletzt – das als persönliche Nebenbemerkung –, ist das Buch als kanadisches in einem erfreulich eingängigem Französisch geschrieben, weniger umwunden und poetisierend, als es in den Texten aus Frankreich oft der Fall ist.

Kritik: Eine teleologische Geschichtsschreibung der White Settler Society

Geschichtsschreibung ist immer auch die Anordnung von Ereignissen, Daten etc. und die Auswahl davon, was dargestellt und aufgezeigt beziehungsweise gerade nicht dargestellt werden soll. Gute Geschichtsschreibung zählt dabei nicht nur Ereignisse auf, sondern bietet Struktur und zeigt gleichzeitig, wie und wo sich Geschichte auch anders hätte entwickeln können. Die Offenheit der Geschichte bleibt in ihr bestehen; es wird auch vermittelt, dass Menschen in der Lage sind, Geschichte zu bestimmen und zu machen.

Das Buch, noch mit dem Versprechen einer umfassenden Geschichte, vor dem Mitnehmen.

Eine „vorherbestimmte“ Entwicklung

Schlechte Geschichtsschreibung tut dies nicht, sie kann an vielen Punkten scheitern. Séguin scheitert daran, die Geschichte der Bibliothek in Québec als immer offene Entwicklung zu zeigen. Vielmehr geht er offensichtlich davon, dass die Öffentliche Bibliothek als allgemein zugängliche, von den Gemeinden getragene Einrichtung in der Ausprägung, wie sie heute in Québec zu finden sind, quasi das Ziel aller Entwicklung im Bibliotheksbereich sei, seit Anbeginn seiner Geschichte. Dieses Ziel sei quasi schon immer (seit dem 17. Jahrhundert) im Kern angelegt gewesen und hätte sich mit der Zeit einfach immer mehr konkretisiert. Alle vorhergehenden Formen von Bibliotheken, alle Diskussionen, alle Projekte, seien nur Vorformen, die sich quasi immer mehr zur heutigen Bibliothek entwickeln mussten, also zum Beispiel immer offener wurden. So ist das Buch strukturiert, so sind die Beispiele ausgesucht und dargestellt, so sind sie angeordnet. Es ist, um das Fremdwort zu benutzten, eine teleologische, also auf ein Ziel hin ausgerichtete, Geschichte.

Das ist, kurz gesagt, keine gute Geschichtsschreibung. Sie negiert den Gehalt älterer Diskussionen und Entwicklungen. Sie tut so, als hätte die Protagonistinnen und Protagonisten eigentlich – unbewusst – gar keine andere Wahl gehabt, als auf dieses eine Ziel (die heutige Öffentliche Bibliothek) hinzuarbeiten. So, als wenn Menschen eben doch keine richtigen Entscheidungen treffen, sondern nur dem Weltgeist folgen könnten. Deshalb übergeht das Buch auch sehr viele Fragen.

Ein Beispiel nur: Die kommerziellen Leihbibliotheken (also Unternehmen, bei denen man für eine Gebühr pro Jahr, Monat oder Ausleihe Bücher ausleihen konnte, und die – als Unternehmen – selbstverständlich auch kommerzielle Interessen verfolgten), die es sehr früh gab, die aber auch wieder eingingen, waren viel offener als spätere Bibliotheken: Wer zahlte konnte ausleihen. Punkt. Sicherlich konnte nicht jede und jeder zahlen, aber wie Alberto Martino (1990) für den deutschsprachigen Raum zeigte, waren sie für die Verbreitung des Lesens als normale Aktivität durchschnittlicher Menschen extrem wichtig. Warum also wird diese Bibliotheksform zwar erwähnt, aber im Gegensatz zu späteren Bibliotheksformen, die ihre Leserinnen und Leser mehr reglementierten und Bildungsabsichten hatten, nur als ganz frühe Vorgänger geltend gemacht? Sie existierten lange, haben also gewiss Wirkungen gehabt und präsentieren auch eine andere Möglichkeit an Entwicklung, die dass Bibliothekswesen hätte nehmen können. Aber sie passen nicht in die grosse Erzählung (die Öffentliche Bibliothek muss sich dieser Erzählung nach zur Bildungseinrichtung entwickeln), die Séguin angelegt hat.

Eine Geschichte der „grossen Männer“

Eine solche Erzählung macht es aber schwierig, die Gründe für bestimmte Entscheidungen nachzuvollziehen, die Menschen vorbrachten. Menschen tauchen bei Séguin auch – ganz in Form einer Geschichtsschreibung, von der man eigentlich dachte, sie sei untergegangen – nur als „grosse Männer“ auf, die aus der Masse herausragen und „Geschichte machen“, während andere nur folgen. Aus deren Briefen und Artikeln wird dann auch ausgiebig zitiert, aber nur aus diesen. Der Autor stellt die Entwicklung der Bibliotheken in Québec fast nur als Ideen da, die diese „grossen Männer“ hatten. Seine Geschichte ist erstaunlich kontextlos. Die Entwicklungen der Bibliotheken werden nur dann in den Kontext der Geschichte Québecs eingeordnet, wenn es unumgänglich ist. Sie waren Teil der Auseinandersetzungen um die französische und englische Sprache, zu Beginn auch zwischen Kolonialmacht und die Neu-Kolonisierten (die französisch-sprachigen) sowie der damit „verbundenen“ Kulturen, insbesondere den Ultramontanismus (die Frage, ob und wie sehr katholisch Gläubige „Papsttreu“ seien und / oder sein dürften) und den Autonomie-Bestrebungen Mitte und Ende des 20. Jahrhunderts. Das wird erwähnt. Anderes wird nur vorausgesetzt. Zudem wird die Entwicklung der Bibliotheken in Québec nicht in den Kontext der bibliothekarischen Entwicklungen anderswo gesetzt, so dass es am Ende aussieht, als hätte sie sich (fast) frei von anderen Einflüssen verändert. Nur dann, wenn es nicht zu vermeiden ist (vor allem, wenn die „grossen Männer“ in ihren Texten sich explizit auf andere Beispiele – vor allem die Public Library in den USA Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts – bezogen), werden auch diese kurz erwähnt.

White Settler Society

Neben dieser, eigentlich für heutige Geschichtsschreibungen unglaublichen, Einengung fällt auch auf, dass es eigentlich nur die Geschichte der – wie ich es als kritischen Begriff aus Literatur zu Two Spirits und First Nations kenne (u.a. Driskill et al. 2011) – „White Settler Society“ erzählt wird. Séguin schildert, wenn auch wie gesagt nur kurz, Auseinandersetzungen zwischen unterschiedlichen Gruppen, die irgendwie mit Bibliotheken zu tun haben. Aber das immer mit dem Verständnis, dass es eigentlich nur zwei Gruppen gibt – mit den Sprachen französisch und englisch –, dass es halt am Anfang schon eine Kolonie gibt und die Frage nur ist, wem die „gehört“ und wie sie Provinz wird. Würde man nur Séguin lesen, man wüsste nicht, dass es in Québec First Nations gibt – die nicht nur „vorher da waren“, sondern weiterhin da sind und die zum Beispiel lange Zeit vom kanadischen Staat „integriert“ werden sollten, was hiess quasi als Gruppen verschwinden sollten, was wiederum mittels Bildung versucht wurde (Stichwort: Canadian Indian residential school system), wo zu vermuten wäre, dass Bibliotheken eine Rolle spielten – und das es andere Gruppen gibt – im Einwanderungsland Kanada, auch wenn es zeitweise nur für die Zuwanderung aus bestimmten Staaten, offen war –, die sich nicht in die Binarität französisch/englisch oder katholisch/evangelisch einteilen lassen. All das scheint für den Autor und seine Bibliotheksgeschichte nicht relevant zu sein, nicht mal – ausser ich habe es überlesen – als Anmerkung, dass es dazu nichts zu sagen gäbe. (Was so nicht sein wird.) Es ist ein unsinnig enger Blick, welcher – mal von anderen Fragen abgesehen – der Geschichte nicht gerecht werden kann. Für eine 2016 erschienenes Buch ist das ganz erstaunlich.

Ein (unbesprochenes) Detail, dass man im Buch findet, sind immer wieder Angaben zu Öffnungszeiten von Bibliotheken im 19. Jahrhundert, oft acht, neun Stunden pro Tag, fünf bis sieben Tage die Woche. Das scheint sich nicht als Tradition durchgesetzt zu haben: Hier die Öffnungszeiten der Bibliothek in Saint Édouard de Fabre, Québec (Sommer 2016). Aber auch das diskutiert Sèguin nicht, er nennt einfach nur die Öffnungszeiten älterer Bibliotheken, wenn er sie irgendwie findet.

Zuviel und zu wenig

Trotz dieser Kritik hat das Buch fast 600 Seiten, insoweit wäre es vielleicht möglich zu argumentieren, dass es nicht noch länger hätte werden sollen. Aber leider sind diese 600 Seiten durch zahllose Details erreicht worden, die wenig für das konkrete Thema liefern. Teilweise scheint es, als hätte der Autor – der offenbar auf eine über längere Zeit angesammelte, grosse Materialbasis zurückgreift – einfach alles, was er irgendwo zum Thema gefunden hat, darstellen wollen. Das macht das Buch über Längen recht langweilig, wenn zum Beispiel die Kataloge früher Bibliotheken ausgezählt und die unterschiedlichen Bestandsgruppen verglichen werden. Details, die zum einer Aussage hingeführt hätten werden müssen (Was sagt uns diese Verteilung?), aber so nur Seiten füllen. Ganz besonders auffällig ist das bei der idée fixe des Autors, ohne jeder weitere Einordnung Geldsummen zu nennen. Aber was nützt es zu wissen, dass die Mitgliedschaft in der und der Subskriptions-Bibliothek so und so viele Schilling oder Dollar gekostet hat, wenn man nicht weiss, wie das Preisniveau sonst war und mit welcher Summe das heute zu vergleichen wäre?

All diese Details machen das Buch dick und nötigen auch einen grossen Respekt vor der Arbeit, die im Buch steckt, ab. Am Ende kann so eine Sammlung aber nur Ausgangspunkt für detaillierte Studien sein, die das nötige Mehr (die Offenheit der Geschichte darstellen; zeigen, wie und wo sie sich hätte anders entwickeln können; die Geschichte nicht als reine Geschichte der White Settler Society schreiben, sondern als Geschichte diverser Gruppen, die mehr oder weniger Macht hatten; als Geschichte der vielen Menschen und nicht der paar „grossen Männer“ und so weiter) beitragen müssten.

Literatur

Driskill, Qwo-Li; Finley, Chris; Gilley, Brian Joseph; Morgensen, Scott Lauria (edit). (2011). Queer Indigenous Studies: Critical Interventions in Theory, Politics, and Literature. Tucson: The University of Arizona Press, 2011

Martino, Alberto (1990). Die deutsche Leihbibliothek: Geschichte einer literarischen Institution (1756-1914). (Beiträge zum Buch- und Bibliothekswesen; 29). Wiesbaden: Harrassowitz Verlag, 1990

Séguin, François: D’obscurantisme et de lumières. La bibliothèque publique au Québec des origines au 21e siècle. (Histoire et politique. Cahiers du Québec) Montréal: Edition Hurtubise, 2016

Die Klassifikation ist ein Machtverhältnis

Posted in LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 19. Juni 2017

Zu: Adler, Melissa (2017). Cruising the Library: Perversities in the Organization of Knowledge. New York: Fordham University Press, 2017

von Karsten Schuldt

 

Although we might imagine the library as a kind of Utopia – an island, in a sense, that houses a great bounty of literature and knowledge to which access is granted to all members of society, the idea of a library as a perfect plan crumbles when we understand how access by subject is organized. (Adler 2017:XII)

 

I

Cruising the Library ist eine buchlange Reflexion über die Macht, die durch bibliothekarische Klassifikationen ausgeübt wird, diskutiert anhand des Beispiels der Library of Congress (LoC). Melissa Adler – selber Assistant Professor für Library and Information Science – nutzt dazu, wenig überraschend, feministische, post-strukturalistische und anti-rassistische Theorie, insbesondere Eve Kosofsky Sedgwick, Michel Foucault und Roderick A. Ferguson. All diese theoretischen Ansätze thematisieren in der einen oder anderen Weise die Gewalt und Einschränkungen, die Wissenssysteme produzieren, und versuchen gleichzeitig zu verstehen, wie man diesen entkommen oder gerade doch nicht entkommen kann.

Die Klassifikation der LoC wird von Adler als ein solches Wissenssystem par excellence verstanden, dass gleichzeitig durch die Aufstellung von Bücher die eigene Struktur sichtbar macht. Ein Beispiel, gleich vom Beginn des Buches, ist die Beobachtung, dass Medien zu Bi- und Homosexualität (HQ74-74.2, HQ75-76.8) neben solchen zu „Sexual Deviations“ (HQ71-72) – was heute vor allem Verbrechen wie Vergewaltigung oder Kindesmissbrauch heisst, aber früher auch verpönte Sexualpraktiken wie Cunnilingus und Fellation beinhaltete – aufgestellt werden, obwohl dies inhaltlich nichts miteinander zu tun; aber im Denken früherer Zeiten schon. Und dies, da diese Klassifikation in zahllosen Bibliotheken als Aufstellungssystematik genutzt wird, auch tatsächlich so in räumlich in Regalen von Bibliothek umgesetzt wird. Hat das Auswirkungen, zum Beispiel darauf, wie Bi- und Homosexualität wahrgenommen wird oder welche Verbindungen gedanklich hergestellt werden? Adler bejaht dies. Neben diesen Verbindungen, die die Klassifikation impliziert, grenze die Klassifikation andere Themen und Diskussionen ab, stellt also andere Verbindungen gerade nicht her.

 

II

Ein Argument Adlers ist, dass die Klassifikation und gleichzeitig die USA als Staat entstanden, als im 19. Jahrhundert ein sehr spezifisches Wissenssystem vorherrschte, in welchem davon ausgegangen wurde, dass Wissen einmal und dann richtig zu erfassen und zu ordnen sei; dass also auch eine Systematik in der Lage sei, dass gesamte Wissen der Welt abzubilden. Dieses Denken war beherrscht vom Wunsch nach klaren Abgrenzungen, hierarchischen Ordnungen und gleichzeitig getragen von der Überzeugung, dass das Wissen nur so und nicht anders zu ordnen sei. Zu leisten war deshalb die Arbeit, die richtigen Abgrenzungen zu definieren. Nicht zufällig wurde in dieser Zeit auch neues Wissen – im Sinne von Wissen, dass Handlungen anleitete – produziert über die Geschlechtsidentitäten und Geschlechterverhältnisse (mit klarer Dichotomie), Sexualität (mit Abgrenzung von „richtigem“ und „falschem“ Sex, was – wie Foucault bemerkte – zu einem ständigen Diskurs über all die „Perversitäten“ führte, die eigentlich ausgegrenzt werden sollten) und dem modernen Rassismus (der die Einteilung von Menschen als wissenschaftlich und selbsterklärend verstand). Oder anders: Eine Zeit, die in ihre System Ordnung einschrieben, die gar nicht vorsahen, dass andere Ordnungen möglich seien. Die Klassifikation der LoC gilt Adler als – an sich sichtbare, historisch nachvollziehbare – Ordnung, die grundsätzlich weiter so funktioniert, auch wenn sie sich mit der Zeit verändert hat. (Dies auch im Gegensatz zu den geheim gehaltenen Wissensordnungen von Suchmaschinen oder Firmen, die mit Big Data arbeiten.)

Sie zeigt die Absurditäten, die eine solche Ordnung hervorbringt, mehrfach auf, zum Beispiel indem sie darstellt, wie weit das Werk von Sedgwick in der LoC verteilt wurde, obwohl Sedgwick gerade über die Verbindung vorgeblich unverbundener Themen schrieb. An anderen Beispielen zeigt sie auch die Gewalt auf, die durch Klassifikation stattfindet, beispielsweise wenn Bücher, die sich explizit gegen die Verwendung bestimmter Begriffe (oder Denkmuster) wenden, in der Klassifikation fast folgerichtig gemassregelt und genau unter diesen Begriffen eingeordnet werden. Nicht zuletzt zeigt sie, das „Normalität“ weiterhin in den LoC-Klassifikation eingeschrieben ist, wenn es in weiten Strecken nur für „abweichende Gruppen“ gesonderte Stellen in der Klassifikation gibt, aber nicht für den „Normalfall“ (was zumeist heisst Weiss und / oder heterosexuell und / oder cis).

Das besprochene Buch in einem Sehnsuchtsort, dessen Existenz und Funktionieren auch nur auf der Basis von sozialen Ordnungen und absurden Begierden zu erklären ist: Einem Wiener Caféhaus.

 

III

Die Autorin untersucht und beschreibt diese Ordnungen und die Machtbeziehungen, die sich durch diese ausdrücken, immer wieder mit Verweisen auf die oben genannten Theorien. Gleichzeitig schlägt sie andere Formen des Navigierens durch die Klassifikation und Sammlung der LoC vor, die sie – im Anschluss an Sedgwick – als „perverse reading“ beschreibt: ein suchendes, Ordnungen missachtendes und gleichzeitig immer wieder neue Ordnungen – indem Sammlungen und Verbindungen, und wenn gedanklich, hergestellt werden – generierendes Suchen und Sich-treiben-lassen. Die Verweise auf Sexualität (perverse reading, Treiben-lassen als dem Folgen von Begierden und unbewussten Wünschen, der Titel des Buches „“Crusing in the Library“, der auf das Crusing als Teil der schwulen Kultur verweist und so weiter) sind nicht zufällig. Vielmehr ist es der Anschluss an Foucault, der – wie oben gesagt – festhielt, dass das ständige Abgrenzen der „richtigen Sexualität“ gerade im 19. Jahrhundert, in dem angeblich so wenig über Sexualität gesprochen worden sei, gerade doch ein ständiges Reden über diese hervorbrachte. So, wie sich im 19. Jahrhundert ständig Gedanken über alle möglichen Formen von „Perversität“ gemacht wurde und sie überall gesehen wurden, ermöglicht nach Adler gerade das Suchen nach „Perversitäten“ im Bestand das Aufzeigen der Grenzen von Klassifikationen:

Perhaps unsurprisingly, where we locate ‚perverse‘ subject, we find that that the classification fails to capture them., The concept of perversion pushes these systems to their limits, dismantling and opening them up to more just ways of organizing and finding knowledge in the library. By problematizing the systems and exposing their failings, the hope is that we find possibilities for creating new ways of facilitating queer and perverse readings. (Adler 2017:3)

Und das tut sie, in gewisser Weise, das gesamte Buch über (beschränkt auf die gedruckten Bestände). Sie postuliert, dass es notwendig sei, sich der Suchrichtung durch das System auf eine/n „User“ – der oder die dazu erzogen würde, genau das zu wollen, was das System bietet – zu verweigern, um zu einer besseren Klassifikation zu gelangen; besser nicht im Sinne von genauer, sondern von offener und verantwortungsvoller gegenüber der Realitäten.

In einem gesonderten Kapitel zeigt Adler anhand der Geschichte der „Delta-Collection“, die irgendwann zwischen 1880 und 1920 angelegt und bis 1964 geführt wurde und all die Werke verschliessen, quasi unsichtbar machen sollte, die als pervers galten, dass die Bibliothek eben nicht, wie sie gerne behauptet, eine „neutrale Einrichtung“ ist. Sie war eine Einrichtung, die einerseits eine aufklärerische Funktion haben wollte, doch gerade beim Thema Sexualität (aber nicht nur, ein weiteres Kapitel beschreibt den inhärenten Rassismus der Klassifikation) versuchte, aktiv Medien zu verstecken. Das erinnert, wieder nicht zufällig, an Freud aber auch an die Analyse der Aufklärung und ihrer Mythen durch Adorno und Horkheimer.

Und trotz all dieser Kritik hat Adler ein positives Verhältnis zur Bibliothek, ein Erstaunen vor all der Arbeit, die in das Ordnen des Wissens gesteckt wurde und vor der Widerstandsfähigkeit der Klassifikation. Sie nennt es – zum Grundton des Buches passend – ein sadomasochistisches Verhältnis, führt am Schluss Kafkas Erzählung „In der Strafkolonie“ ein, um dieses zu beschreiben.

 

IV

Das Thema des Buches ist nicht neu, viele Beobachtungen scheinen schon anderswo beschreiben worden zu sein. Allerdings nicht unbedingt in Buchlänge. Positiv ist der Versuch, die Wirkung der Klassifikation und der Arbeit mit ihr nicht einfach zu skandalisieren oder in Ehrfurcht vor ihr zu erstarren, sondern sie mit Hilfe verschiedener theoretischer Zugänge zu beschreiben. Teilweise kehrt die Autorin auf die immer wieder gleichen Feststellungen zurück, aber es ist immer wieder nachvollziehbar, wieso. Der Zugang über „Perversitäten“ scheint vielleicht gewollt, ist es aber nicht, wenn man der Grundthese folgt, dass die LoC und ihre Ordnung eng mit der Staatswerdung der USA und der Moderne mit ihren spezifischen Geschlechterverhältnissen, Angst vor falscher Sexualität und modernem Rassismus verbunden sind. Unter dieser Vorannahme ist die Nutzung der oben genannten theoretischen Zugänge nur sinnvoll und von diesen ausgehend die Beschäftigung mit den in der Moderne wuchernden Diskursen über Grenzen und „perversen Überschreitungen“.

Das Buch ist auch ein Versuch, klarzustellen, wieso die Tätigkeit der Katalogisierung – also die konkrete Arbeit der Bibliothek – nicht als neutral oder wertfrei verstanden werden kann, sondern nur als eine von moralischem und politischem Gewicht. Es ist ein Machtverhältnis, bei denen die Bibliothek einen erstaunlich starken Einfluss darauf hat, was wie wahrgenommen und in ein Verhältnis gesetzt wird. (Ein Einfluss, dem man nur entkommen kann, wenn man sich explizit den Regeln der Klassifikation zu entziehen versucht.)

Zu erwarten wären aber zwei Themen, die nicht angegangen werden. Zum einen wäre zu diskutieren, ob nicht RDA mit seinen Beziehungen und der grösseren Verantwortung der Katalogisierenden das Potential hätte, zumindest einige der Probleme, die Adler aufzeigt, anzugehen. Zum anderen wäre es sinnvoll gewesen, nach anderen Formen der Klassifikation zu fragen, die möglich wären, um – wie die LoC-Klassifikation – Wissen zu ordnen und damit auch zugänglich zu machen, aber gleichzeitig nicht die starren – oder zumindest nicht diese – Abgrenzungen voraussetzte. Zu denken wäre an die Brian Deer Classification, aber auch an utopische Entwürfe.

 

V

Letztlich aber ist das Buch, in Zeiten, in welchen die bibliothekarische Literatur so oft ohne jede Form wissenschaftlicher Theoriebildung aber auch oft ohne Leidenschaft und Trieb auszukommen scheint, ein Lichtblick. Es ist ein Buch zum Mitdenken. Nötig ist der Wunsch, verstehen zu wollen, wie Wissensordnung funktioniert, ohne gleich nach einer praktischen Anwendung zu fragen. Es ist – hier ist beim Thema des Buches zu bleiben – zuvörderst eine Arbeit, die mit einem perversen – diesmal: nicht sofort produktiven – Verlangen gelesen werden muss. So, wie Sexualität, die nicht gleich oder nur auf Fortpflanzung zielt, sondern auf Begierde und unbewusste Wünsche. Pleasure reading für Theorie- und Bibliotheksinteressierte.

CfP LIBREAS. Library Ideas #32 Wirkt Open Access? Oder: Wo ist die Utopie geblieben?

Posted in LIBREAS Call for Papers by Karsten Schuldt on 14. Juni 2017

Little proof exists to warrant an overturn of the current publishing system—a system that has been refined over many decades and works to the mutual benefit of various stakeholders.

Brian D. Crawford, 2003

 

An old tradition and a new technology have converged to make possible an unprecedented public good.

Jean-Claude Guédon, 2017

 

Wir, die Unterzeichner, fühlen uns verpflichtet, die Herausforderungen des Internets als dem zunehmend an Bedeutung gewinnenden Medium der Wissensverbreitung aufzugreifen. Die damit verbundenen Entwicklungen werden zwangsläufig zu erheblichen Veränderungen im Wesen des wissenschaftlichen Publizierens führen und einen Wandel der bestehenden Systeme wissenschaftlicher Qualitätssicherung einleiten.

Berliner Erklärung, 2003

 

 

Oktober 2003: Die „Berlin Declaration on Open Access to Knowledge in the Sciences and Humanities” wird veröffentlicht und sukzessive von Forschungseinrichtungen, Institutionen der Forschungsförderung und Bibliotheken unterzeichnet. Es scheint ein Wind der Veränderung zu wehen: Open Access gilt als Lösung der Zeitschriftenkrise, als zeitgemäße Reaktion auf die technischen Entwicklungen in der Wissenschaftskommunikation, als Möglichkeit, wissenschaftliches Wissen mehr und besser und für alle zu teilen, und auch als Möglichkeit, Wissenschaft zu verbessern, etwa indem sich wissenschaftliche Ergebnisse zeit- und ortsunabhängig replizieren und idealerweise nachnutzen lassen. Eine Utopie, gewiss, aber eine, die zum Greifen nahe scheint: Freies Wissen für alle, das wissenschaftliche Publikationswesen wieder näher an der Wissenschaft und das wissenschaftliche Kommunizieren wieder stärker von der Wissenschaft und ihren Bedürfnissen selbst geprägt und nicht von externen Stakeholdern mit Renditeüberlegungen.

 

Mai 2017: Es scheint einen gewissen Katzenjammer zu geben. Auf der einen Seite hat sich ein Konzept von Open Access durchgesetzt, sind Open Access-Büros geschaffen und -Beauftragte bestimmt worden und Infrastrukturen wie Open-Access-Journale und Repositorien entwickelt worden. Aber gleichzeitig scheint der Schwung der Utopie in Ängste vor der Usurpation durch die großen Wissenschaftsverlage umgeschlagen zu sein. Vorherrschend ist eine reine Institutionalisierung ohne wissenschaftsverändernde oder gar gesellschaftsverändernde Konsequenzen und vor allem eine Bevorzugung schon etablierter Strukturen. (Cambridge Economic Policy Associates 2017) Die Punkrockphase des aufregenden und befreienden Do-It-Yourself scheint vorbei, die Phase des Pop ist da. Die Stakeholder mit ihren Profitinteressen sind es ebenfalls. Und dank “Goldwashing” und so günstigen wie öffentlichkeitswirksamen APC-Waivern für bestimmte Ländern haben sie sogar informationsethische Grundideen der Bewegung eingekauft.

Ulrich Herb (2017) stellt in seinem Rückblick auf 15 Jahre Open Access fest, dass die Wissenschaftsverlage, die zu Beginn der Debatten in den Utopien gar nicht mehr vorkamen, heute aus Open Access ein einträgliches Geschäftsmodell geformt haben, das anfänglich über Kampagnen gegen Open Access und später über Open-Access-Gebühren, Aufschläge für Freie Lizenzen für Artikel und Verhandlungen auf Konsortialebene funktioniert. Ironischerweise scheinen gerade die Nutznießer der Zeitschriftenkrise auch die Gewinner der Gegenbewegung zu sein. Forschungsfördereinrichtungen und Hochschulen finanzieren heute Open-Access-Gebühren oder richten Förderlinien ein, die die Umwandlung vorhandener Zeitschriften wissenschaftlicher Verlage in Open-Access-Zeitschriften finanzieren. Konsortialverhandlungen, auch im Bezug auf Open Access, werden heute mit harten Bandagen ausgetragen, und zwar auf der Ebene der nationalen Wissenschaftsstrukturen.

 

Für Bibliotheken verändert sich die Situation dahingehend, dass sie neben oft zunehmend reduzierten Beständen Publikationsfonds verwalten. Sie stehen nach der Etablierung vernetzter, digitaler Medienformen seit den frühen 1990er Jahren daher ein zweites Mal vor einer Legitimationskrise. Argumentierte man damals, dass Online-Strukturen des Publizierens und Kommunizierens und damit eine “Verflüssigung” des Bestands in eine Bildschirmwelt außerhalb der Lesesäle und Magazine Bibliotheken als Versorgungsorte überflüssig machen würden, so nähert sich nun eine Herausforderung über eine organisatorische Frage: An welcher Stelle im Prozess der wissenschaftlichen Kommunikation sollen und dürfen sie aktiv werden? Genauer gesagt: Wie viel Bibliothek wird für das Open-Access-Publizieren überhaupt benötigt?

 

Für Bibliotheken und Verlage gibt es eine Art unwillkommenes Dejavu, nachdem Modi für die digitale Simulation analoger Abhängigkeitsketten halbwegs etabliert werden konnten. Folglich wird hauptsächlich mit urheberrechtlichen und lizenzrechtlichen Barrieren versucht, der Auflösung der Prinzipien der Analogkultur durch digitale Medialitäten entgegen zu wirken. Der Dynamik und Unabgrenztbarkeit digitaler Kommunikationsstrukturen versuchen sie etwas Handfestes entgegen zu halten, getrieben von der Angst, Wissenschaft könnte früher oder später doch an ihnen vorbei kommunizieren.

 

So entdecken beide zum Beispiel den Wert von digitalem Erfolgsmonitoring für die Wissenschaft, dessen Verfahren in der Regel kaum transparenter als der Impact Factor sind. Wo die digitale Barriere den Zugang zum Medium nur mühsam erhält, entwickelt man Mehrwertdienste und neue Barrieren. Sind das Rückzugsgefechte? Oder Neuinterpretationen der eigenen Rolle?

 

Die kommende Ausgabe von LIBREAS möchte die Gemengelage hinter dieser Zuspitzung betrachten. Selbstverständlich lässt sich heute fragen: Werden Bibliotheken (und die klassischen Verlage) zur Organisation einer (utopischen) wissenschaftlichen Publikations- und mehr noch Kommunikationskultur, die rein digital und komplett Open Access ist, überhaupt noch benötigt? Zugleich kann man gegenfragen: Wenn nicht sie, wer dann? Welche institutionellen Alternativen gibt es für die Organisation der wissenschaftlichen Kommunikation?

 

Über all dem schwebt seit Anbeginn die Frage der Finanzierung. Die Intransparenz der Publikationskosten steht auf der einen Seite, der Overhead des Betriebs von Bibliothekssystemen auf der anderen. Beides steht unter Legitimationsdruck, wobei der Open-Access-Diskurs interessanterweise vor allem die Verlage in den Blick nimmt. Oder ist es doch alles anders? Wir suchen für die Ausgabe #32 Beiträge, die gern auch sehr offen und schonungslos die Wechselbeziehung zwischen den drei Komponenten – Open Access, Bibliotheken und Verlage – in den Blick nehmen, hinterfragen, dekonstruieren, vermessen und analysieren.

 

Eine wichtige Rolle in der Ausgabe sollen auch Beiträge aus der Praxis spielen. Welche Fragestellungen und Ansätze gibt es an Bibliotheken, Open Access empirisch zu begleiten? Auf welche Werkzeuge und Datenquellen wird für das “Open Access Monitoring “ etwa im Rahmen der jährlichen Berichtspflichten für das DFG-Programm “Open Access Publizieren” zurückgegriffen? Ob und inwieweit werden die Ergebnisse diskutiert und geteilt? Welche alternativen Zugangsmöglichkeiten zu Open-Access-Literatur gibt es? LIBREAS. Library Ideas ruft für die empirischen Beiträge insbesondere zur Publikation dynamischer Formate wie R Markdown auf, so dass sich Analysen technisch nachvollziehen lassen. Mittels GitHub, über das LIBREAS. Library Ideas quelloffen gehostet wird, ist auch die gemeinsame Veröffentlichung von dynamischen Abbildungen, Daten oder Skripten möglich. Denn selbstverständlich folgen wir als erste originäre bibliothekswissenschaftliche Open-Access-Zeitschrift im deutschsprachigen Raum nach wie vor der Utopie der frühen 2000er Jahre, die wir zwar nun kritischer sehen, aber nach wie vor ernst nehmen. Dass sie in der Open-Source-Welt und nicht bei Bibliotheken und im wissenschaftlichen Publizieren ihre eigentliche Entfaltung fand und immer noch findet, zählt eben auch dazu.

 

Deadline ist der 22. Oktober 2017

 

Eure / Ihre Redaktion LIBREAS.Library Ideas

(Berlin, Chur, Dresden, Göttingen, München)

Literatur

Cambridge Economic Policy Associates (2017). Financial Flows in Swiss Publishing. Final Report.

 

Crawford, Brian D (2003). Open-Access publishing: where is the value? In: The Lancet, Volume 362, Issue 9395, 8 November 2003, Pages 1578–1580. DOI: 10.1016/S0140-6736(03)14749-6.

 

Guédon, Jean-Claude (2017). Open Access: Toward the Internet of the Mind.
http://www.budapestopenaccessinitiative.org/open-access-toward-the-internet-of-the-mind.

 

Herb, Ulrich (2017). Open Access zwischen Revolution und Goldesel: Eine Bilanz fünfzehn Jahre nach der Erklärung der Budapester Open Access Initiative. In: Information. Wissenschaft & Praxis 68 (1) 2017:1-10. https://hcommons.org/deposits/item/hc:11549/

 

Edit:

Im Literaturverzeichnis einen Link zu einer OA-Version des Artikels von Ulrich Herb eingefügt. (21.07.2017, KS)

Dienste für die dissertationsbegleitende Publikation von Forschungsdaten. Eine Vortragsnachlese.

Posted in LIBREAS.Dokumente by Ben on 7. Juni 2017

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

In dervergangenen Woche fand bekanntlich in Frankfurt am Main der Bibliothekartag 2017 statt, eine seltsam buchfreie und ausgiebig betwitterte Veranstaltung, die wie immer ein ganz guten Rundumblick über den Diskursstand des deutschen Bibliothekswesens lieferte. Das Gesetz zur Angleichung des Urheberrechts an die aktuellen Erfordernisse der Wissensgesellschaft (UrhWissG) und die dagegen anlaufende Initiative der deutschen Presse waren naturgemäß ein Thema auch der Pausengespräche. Digitalisierung, die ja im Prinzip alles mögliche, u.a. Social Media, umfassen kann, ein anderes und begleitet die Veranstaltung nun schon fast zwei Jahrzehnte. Innovation wurde ein weiteres Mal verkündet und eingefordert. Informationsethik wurde kritisiert. Und es wurde, vielleicht am interessantesten, festgestellt, dass es im deutschen Bibliothekswesen oft offenbar schwer fällt,sowohl qualifizierte als auch motivierte Persönlichkeiten für Leitungsstellen zu finden.

Selbstverständlich bleibt Eindruck auch von der Themensetzung nur fragmentarisch, da LIBREAS-Vertreter_innen zwar hier und da durch das Kongresszentrum der Frankfurter Messe wanderten, in der Regel aber mit ihren hauptberuflichen Schwerpunkten und Aufgaben ausreichend beladen und entsprechend zielstrebig. Und mancher kam nur für einen Vortrag und also nur einen halben Tag nach Frankfurt, winkte hier und da jemandem zu, besuchte ein Panel zu Altmetrics, das zu großen Teil Richtung Firmenpräsentation driftete und die Einsicht aufdrängte, dass das Rad der Webanalyse mit Big-Data-Methoden gerade neu erfunden wird.

Nicht neu erfunden, mittlerweile sehr nachdrücklich behandelt wird dagegen das Themenfeld der Forschungsdaten. In dieses fügt sich nun auch der Vortrag ein, zu dessen Nachbereitung nachfolgend einige Kernpunkte fixiert werden. Gegenstand der kurzen Präsentation waren Erkenntnisse aus dem eDissPlus-Projekt. Da sich zudem direkt im Anschluss zur Präsentation, wenn auch zu einem anderen Aspekt des Projektes, in der Twittersphäre Missverständnisse offenbarten, die auch mit den Besonderheiten der Konferenzatmosphäre zusammenhängen können, ist das nur zusätzlich Anlass zur Wiederholung und Erläuterung des Präsentierten. Dies geschieht ausdrücklich mit dem Wunsch, eine Diskussionsvorlage zu bieten. Im vorliegenden Rahmen muss die Darstellung allerdings auf den Präsentationsteil der Humboldt-Universität beschränkt bleiben und dort auf die Befragungen mit Promovierenden und Post-Docs zu Einstellungs- und Erfahrungsmustern hinsichtlich einer denkbaren Publikation von Forschungsdaten.

(more…)

Alles im kleinen Kreis halten lässt unnötige Bibliothekspläne entstehen und scheitern

Posted in LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 30. Mai 2017

von Karsten Schuldt

Zu: Scott Sherman (2015). Patience and Fortitude: Power, real estate, and the fight to save a public library. – Brooklyn ; London: Melville House, 2015

Im Jahr 2007 entwarfen die Trustees der New York Public Library (NYPL) – also das Board, welches über die Entwicklung des Öffentlichen Bibliothekssystems in New York bestimmt – einen Plan zum Umbau der Hauptfiliale in der 42nd Street (die aus Ghostbusters mit den zwei Löwen am Eingang), der einerseits viel von dem enthielt, was heute immer noch im Bibliothekswesen als modern und notwendig für neue Bibliotheken angeführt wird, andererseits aber auch zum neoliberalen Zeitgeist mit seinen „Leuchtturm“-Projekten, Vernachlässigung der sozialen und infrastrukturellen Fragen sowie dem Anspruch, als „Elite“ autoritär über die Interessen von Menschen bestimmen und gleichzeitig Steuergelder in persönliche Grossprojekte gesteckt sehen zu wollen, passte. 2014, nach der Wahl von Bill de Blasio als Bürgermeister der Stadt, musste der Plan aufgegeben werden. Die Proteste gegen ihn waren zu stark und einigermassen erfolgreich.

Die Geschichte ist es wert, erzählt zu werden, weil sie zeigt, wie sehr man an den Interessen der eigentlichen Nutzerinnen und Nutzer vorbei handeln kann, wenn man die Entwicklung von Bibliotheken plant und anstatt auf deren Interessen zu reagieren, sich einfachen, gerade aktuellen Denkmustern unterwirft und – fast schon folgerichtig – auf Transparenz verzichtet.

Journalismus

Scott Sherman, der Autor vom Patience and Fortitude, begleitete die Entwicklung als Journalist – in gewisser Weise stiess er die Proteste auch erst mit einem Artikel an – und erzählt sie hier noch einmal in der längeren Form einer Monographie (und mehreren Artikeln, u.a in der Public Library Quarterly (Sherman 2017)).

Die Kritik an diesem Buch vorneweg: Es ist ein journalistisch angelegtes Buch und das ist auch zu merken. Es hält sich nicht mit Diskussionen auf, die in bibliothekarischen Kreisen geführt werden (die scheinen aber durch), es arbeitet mit eindrücklichen Bildern und dem Beschreiben von Atmosphären. Am Ende weiss man zum Beispiel, wie die wichtigsten Personen, die als Trustees, Bibliotheksdirektoren oder Protestierende an der Geschichte beteiligt waren, aussahen, was zum Verständnis überhaupt nicht notwendig ist. Zudem ist das Buch eine Geschichte, die einige klare Aussagen transportieren will. Auf diese Aussagen hin sind die einzelnen Teile ausgerichtet (zum Beispiel erfahren wir zuerst von Besuchen in heruntergekommen Branches, wo Räume unrenoviert leerstehen, dann direkt von den Einschätzungen anonym bleibender Bibliothekarinnen und Bibliothekare, dass die Trustees die Branches ignorieren und sich eigentlich nur um die 42nd Street kümmern – was eindrucksvoll, aber auch eindeutig so konstruiert ist), nicht auf die Diskussion von Argumenten oder gar den Test von Thesen.

Im Buch erfahren wir die Geschichte aus einem Blickwinkel (was auch damit zu tun hat, dass – was jedesmal explizit erwähnt wird – die ganzen Trustees, Bibliotheksdirektoren oder andere Beteiligte sich weigerten, für das Buch interviewt zu werden), auch wenn sich um Ausgewogenheit bemüht wird. Am Ende ist man sehr klar gegen die Trustees eingestellt; aber man stellt sich schon die Frage, ob dies nicht auch mit dem Aufbau des Buches zu tun hat.

Durch die eingängige Sprache und gut Struktur scheint sich die Geschichte auch einfach in einer Richtung zu entwickeln. Alternativen oder andere potentielle Entwicklungen werden nicht diskutiert, was die Lernmöglichkeiten die das Buch bieten würde, doch einschränkt.

Das Scheitern eines grossen Planes an Protesten und Realitäten – Was ist passiert?

Die NYPL hat eine Struktur, die sich so in Deutschland und Österreich wohl nicht mehr (in der Schweiz aber schon, selbstverständlich in kleinerem Rahmen) findet: Es ist keine öffentliche Einrichtung, sondern eine Non-Profit-Organisation, teils privat, teils öffentlich, geleitet von einem Board of Trustees, die zum Beispiel die Direktion bestellt und kontrolliert sowie die strategische Ausrichtung der Bibliotheken vorgibt. Diese Organisation betreibt die Hauptbibliothek in der 42nd Street, die ihr vollständig gehört. Zudem gehört ihr das Land bestimmter Filialen, das ihr über die Jahrhunderte geschenkt wurde. Der Grossteil der Branches in Manhattan, Bronx und Staten Island gehört allerdings der Stadt, die NYPL betreibt diese in deren Auftrag. (Brooklyn und Queens haben eigene Bibliothekssysteme.) Die Stadt gibt dafür Zuschüsse, die den Grossteil des laufenden Budgets ausmachen. Diese Struktur hat wohl einiges zu den Problemen mit dem Plan beigetragen.

Das Board ist vor allem mit superreichen Personen aus Manhattan besetzt, die sich auch philanthropisch engagieren wollen. Das hat lange gute Auswirkungen gehabt, zum Beispiel wurde die Bibliothek in der 42nd Street erst von solchen Trustees gegründet und finanziert. Gleichzeitig ist das Board nur sich selbst gegenüber Rechenschaftspflichtig. Es tagt öffentlich; aber nicht, wenn es schwierige Entscheidungen zu treffen hat. Zur Zeit dieser Geschichte bestand es grösstenteils aus Immobilienunternehmerinnen und -unternehmern.

Eine kurze Geschichte der 42nd Street Branch

Die Geschichte der Bibliothek in der 42nd Street Branch ist ebenfalls relevant: Sie wurde Anfang des 20. Jahrhunderts (eröffnet 1911) als öffentliche Forschungsbibliothek gegründet, nach den damals aktuellsten Bibliothekstechniken und -vorstellungen. Ziel war es, allen Menschen Zugang zu möglichst allem Wissen zu ermöglichen, dass dann in den Lesesälen vor Ort genutzt werden konnte. Dazu wurde als Herzstück der Bibliothek ein System von Stacks gebaut, die so organisiert sind, dass Bücher nicht nur aufbewahrt, sondern möglichst schnell zu den Lesepulten transportiert werden können. Sie sind konstruiert als Teil einer grossen „Buchbring-Maschine“ , nehmen den grössten Teil des Platzes im Gebäude ein und stützten gleichzeitig den Hauptlesesaal. (Dies wurde damals auch als Innovation gefeiert, siehe: https://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=pst.000063000047;view=1up;seq=527 und https://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=pst.000063000047;view=1up;seq=537.)

Seit ihrer Eröffnung wurde die Bibliothek, die mit grossen Ansprüchen agierte und zahllose Sonderbestände aufbaute, von zahllosen berühmten Forschenden, Schriftstellerinnen und Schriftstellern, Künstlerinnen und Künstlern, politischen Radikalen genutzt. Sherman lässt sie en gros durch seine Seiten laufen: Salman Rushdie, Lou Reed, Al Sharpton, die Black Panther, Gloria Steinem, Susan Sarandon, Frank McCourt, Betty Friedan, Mario Vargas Llosa. Er berichtet auch von ehemaligen Schuhputzern, die sich in der 42nd Street das erste Mal in einer Bildungseinrichtung willkommen fanden (nachdem sie ihren Schuhputzkasten wie jedes andere Gepäckstück abgeben konnten). Der Punkt dieser Aufzählung ist zu zeigen, dass die Bibliothek als Forschungsbibliothek für die Massen funktioniert, als Ort mit Lesesälen und einem Fokus auf den Bestand.

Daneben gab und gibt es eine Reihe von Branches über das gesamte Stadtgebiet verteilt, die andere Aufgaben übernehmen.

Der Central Library Plan

2007 nun entwickelte der damalige Direktor Paul LeClerc zusammen mit den Trustees – aber nicht den Bibliothekarinnen und Bibliothekaren der NYPL – einen Central Library Plan. Dieser strategische Plan sah unter anderem vor:

  • Die Stacks aus der 42nd Street zu entfernen und den Platz umbauen zu einer „modernen Bibliothek“, also mit vielen flexibel zu nutzenden Flächen, einem Fokus auf digitale Nutzung etc. Die Bestände sollten in eine Magazin in New Jersey verbracht werden und innerhalb eines Tages in die Bibliothek geliefert werden. Die gesamte 42nd Street würde renoviert werden (wobei sie vor einigen Jahren schon aussen renoviert worden war und einzelne Lesesäle auch erst kurz vorher; hier ging es um den ganzen Rest) und gleichzeitig würde an sie angebaut werden. Das Ganze sollte von einem der Star-Architekten, die in der Zeit vor der Finanzkrise von 2008 grosses Ansehen genossen, umgesetzt werden. Im Laufe des Projektes fiel die Wahl auf Norman Foster (der Architekt der Kuppel auf dem Reichstagsgebäude in Berlin und diesem Tannenzapfen-Turm in London).
  • Die Branches, deren Land der NYPL gehörten – und die, dass ist ein kritischer Punkt des Planes, zu „Prime Real Estate“ geworden waren – würden zum Teil verkauft. Teilweise würden an ihrer Stelle neue Branches geschaffen (die Idee war bei einer Branch sie zu schliessen, dann dort ein Luxushotel hinzubauen, dass unten wieder eine Branch drin hätte).
  • Die Stadt sollte 300 Millionen Dollar an Steuergeldern zahlen. (Dabei war die Stadt nicht an der Planung beteiligt.)

Der Plan hatte die typischen Merkmale neoliberaler Projekte, mit einem lokalen Gestus: Es wurde ein Grossprojekt geplant, das sichtbar sein sollte, während die Branches – die ja am meisten für die Bevölkerung Angebote erbringen – ein Nebenprojekt waren und zu grossen Teilen nicht beachtet wurden. Die Trustees hatten den Plan – teilweise unter expliziter Geheimhaltung – ohne Input der Öffentlichkeit oder des Bibliothekspersonals beschlossen. Er wurde als Fortschritt verstanden, während die jetzige Situation als veraltet beschrieben wurde; auch wenn nicht nachgewiesen wurde, ob es wirklich einen Bedarf an diesen Veränderungen gab.

Bibliothekarisch wurde hier die Idee der durch-digialisierten, medienarmen und konktaktstarken Bibliothek als Fortschritt und die Idee der Forschungsbibliothek als veraltet dargestellt. Mit einem solchen Diskurs lässt sich leicht jede Kritik als rückständig bezeichnen.

Ebenso zum Denken der Zeit passte, dass der Plan einfach davon ausging, dass die Öffentlichkeit – also die Stadt – den Grossteil der Kosten tragen würde, obwohl diese noch nicht einmal gefragt worden war. Die Trustees – Teil der superreichen Oberschicht Manhattans – gingen einfach davon aus, dass dies passieren würde, weil sie es beschlossen hatten. Sie hatten dabei nicht nur ihre eigenen Erfahrungen im Immobiliengeschäft, auf die sie mit dieser Einschätzung aufbauen konnten, sondern mit Michael Bloomberg auch einen Bürgermeister, der solches Denken und solche Projekte unterstützte.

Vom Scheitern

Wie schon gesagt, ging dieser Plan nicht auf. Ein Grund dafür war die Finanzkrise von 2008, die nicht nur die Preise für Immobilien fallen liess, sondern es sogar schwer für die NYPL machte, ihre Grundstücke zu verkaufen.

Wichtiger waren aber Proteste, die sich mit der Zeit entfalteten. Das dauerte seine Zeit. Die Bibliothek veröffentlichte zwar den Central Library Plan, aber die Bibliothekarinnen und Bibliothekare durften nicht einfach über ihn reden. Er war „Chefsache“. Die Presse und die Öffentlichkeit benötigten einige Zeit, um zu verstehen, was die Konsequenzen des Planes waren. Sherman selber erfuhr dies in einem Gespräch mit dem neuen Direktor der NYPL (LeClerc war, auch so ein Zeichen der Zeit, in einen anderen Job gewechselt, nachdem er den Plan entworfen und erste Finanzierungen gesichert hatte). Es folgten einige Artikel in Zeitschriften, die sich wie das How-is-How des linken und links-liberalen New York lesen: The Nation (von Sherman selber), N+1 (der wohl längste, Petersen 2012), The Paris Review, Insider Higher Ed, Vanity Fair, The New Yorker.

Die Kritiken kamen aus unterschiedlichen Richtungen:

  • Es gab offenbar eine starke Architekturkritik, die einerseits Architektur in New York unter dem Blickwinkel des Urbanen (also der Frage, wie und ob Architektur zum urbanen Leben beiträgt) betrachtet und den Umbau als antiurban und geschichtslos verstand. (Viel scheint über die Stacks selber diskutiert worden zu sein. Für die NYPL ein Hindernis für den Ausbau der Räume, für die Kritik ein Meisterwerk der Bibliothekstechnik, dass weiterhin seine Aufgabe erfüllt und erhalten werden muss.) Zugleich wurde der Entwurf, den Norman Foster dann vorlegte, zum Teil als einfallslos und nicht einer Bibliothek entsprechend beschrieben.
  • Es gab eine Kritik an den Vorstellungen der Bibliothek von ihrer eigenen Aufgabe. Die Bibliothek trat mit wenigen Argumenten an, sondern stellte es vielmehr so da, als wäre ein Umbau einfach nötig; erst mit der Zeit kamen weitere Argumente. Aber die Kritik stellte zum Beispiel fest, dass der Plan, einmal umgesetzt, die 42nd Street ihrer Funktion als Forschungsbibliothek entledigen würde. Es wäre für Forschende nicht mehr möglich, spontan vorbeizukommen und die Bestände zu nutzen. Niemand glaubte, dass die Bibliothek wirklich innerhalb 24 Stunden Bücher würde aus New Jersey transportieren können. Zudem wurde der Fokus auf digitale Medien kritisiert. Die Bibliothek hatte die Hoffnung, durch E-Medien und Digitalisierung (über Google Books) die Bestände elektronisch zugänglich zu machen. Einerseits wurde gefragt, ob das jemals wirklich so eintreten würde (Sherman kann darauf verweisen, dass Google Books diesen Zugang heute nicht bietet), anderseits auch kritisiert, dass dies überhaupt nicht dem Arbeitsprozess in der Geisteswissenschaft entspricht. (Sherman führt Forschende an, die gerne umgeben von aufgeschlagenen Büchern arbeiten. Für ihn ist klar, dass das auch in Zukunft so sein wird.) Nicht zuletzt wurde kritisiert, dass das, was sich die Bibliothek als „modern“ vorstellt nicht viel mehr wäre als ein grosser Coffeshop mit WLAN (von denen es schon genügend in Manhattan gäbe).
  • Sherman macht aber noch einen weiteren Kritikstrang auf: Ein Problem bestand für ihn darin, dass die Trustees eine Gruppe von Individuen bildeten, die eine eigene, Immobilien-getriebene Sicht auf die Welt hätten und sich das Recht herausnähmen, mit dieser Sicht (er nennt sie „Wall Street Logic“), über Einrichtungen des öffentlichen Lebens zu bestimmen. Dies führe zu einer Intransparenz, weil eine kleine Gruppe, die sich selber zur Elite ernennt, Entscheidungen trifft, die andere Menschen massiv beeinflusst (hier: die alte Bibliothek schliesst). Das die Meinung der Bibliothekarinnen und Bibliothekare, aber auch der Nutzerinnen und Nutzer nicht zählt, ist für ihn nur ein Zeichen dafür, dass die Gruppe sich selber in ihrem Denken abschliesst. Zu seinem Argument zählt auch, dass der Plan sich auf die 42nd Street konzentrierte und nicht auf die Branches. Er erzählt zum Beispiel von Besuchen in alten Carnegie-Libraries, wo es seit Jahrzehnten leerstehende Wohnungen im Obergeschoss gäbe, in denen einst die Hausmeister wohnten. Diese Wohnungen seien in vielen Branches nie umgebaut worden, obwohl sie sich als Flächen für die jeweilige Bibliothek anbieten – weil dafür niemals Geld da sei. Hingegen sei die 42nd Street Branch mehrfach renoviert worden. Dies gilt für ihn Ausdruck einer Logik, die auf „Leuchtttürme“ setzt statt auf eine Strategie für das gesamte New Yorker Bibliothekswesen.

Als der Plan endgültig scheitert bestehen zwei Gruppen, die gegen den Umbau der Bibliothek in der vorgesehenen Form engagieren: Erst entstand das Committee to Save the New York Public Library, dass aus einem Protestbrief und einer Veranstaltung, bei dem ein Architekt die Pläne der NYPL kritisierte, hervorging. Später, als jüngerer und radikalerer Zusammenschluss, die Library Lovers League.

Die Proteste irritieren die Trustees zuerst, die sich offenbar nicht vorstellen können, dass es Widerspruch zu ihrer Strategie geben könnte. Nach einer Weile öffnen sie eine „listening period“, aber ändern an ihrem Plan nichts. Sie äussern sich auch nicht nach aussen. Was den Plan am Ende stoppt, ist die Öffentlichkeit, die zum Beispiel über Proteste vor der Bibliothek, Social Media Auftritte, aber auch zwei Klagen gegen den Umbau erreicht wird, die Finanzkrise von 2008 und am Ende die Wahl von Bill de Blasio, dessen links-liberale Regierung nicht unbedingt der „Wall Street Logik“ folgt, sondern zum Beispiel dafür sorgt, dass die 150 Millionen, die die vorherige Stadtregierung am Ende für das Projekt am Ende bereitgestellt hatte (während gleichzeitig der laufende Etat gekürzt wurde, was auch zum neoliberalen Denken passt), nicht für den Umbau der 42nd Street, sondern für die Renovierung von anderen Branches verwendet wird. (Wobei Sherman auch klar macht, dass der Bibliotheksdirektor, der den Plan umsetzten soll, Tony Marx, selber ein erklärter Linksliberaler ist, es also gar nicht um eine Auseinandersetzung zwischen verschiedenen politischen Richtungen geht.)

Oder anders: Auch, wenn sie sich wehren und versuchen, ihren Plan weiter durchzuziehen, zerbricht die Strategie der Trustees, indem sie in Kontakt mit der Öffentlichkeit – und nicht nur den Spitzen der Regierung – gebracht wird.

Die Situation heute ist nicht ausgeglichen. Weiter engagiert sich das Committee to Save the New York Public Library, die Bestände aus den Stacks, die im Laufe des Projektes heimlich ausgelagert wurden, scheinen immer noch nicht wieder in der Bibliothek zu sein (was heisst, dass da eine Buchbring-Maschine ohne Bücher steht, mitten in Manhattan). Gleichzeitig haben sich die Umbaupläne zerschlagen. (Norman Foster hat aber für sein Modell schon neun Millionen Dollar erhalten, dass sind so die Summen, über die man in diesen gesellschaftlichen Sphären entscheidet.) Viele Vorhersagen, auf die der Central Library Plan aufbaute, haben sich als falsch herausgestellt: Die Entwicklung bei der Digitalisierung ist nicht so erfolgt, wie gedacht, der Immobilienmarkt brach zusammen, die Stadt ist mehr an einer Förderung in der Fläche anstatt an „Leuchtturmprojekten“ interessiert; die Öffentlichkeit vertraut den Trustees und der Bibliotheksleitung nicht unbedingt einfach so, sondern möchte mitreden.

Berlin, Toronto

Man könnte die Geschichte als New York-spezifisch lesen, aber es gibt mindestens zwei andere Geschichten, die sich als ähnlich aufdrängen. Zum einen der gegenüber der Öffentlichkeit schwerhörige (tone-deaf) Versuch der Zentralen Landesbibliothek Berlin (ZLB) vor einigen Jahren gerade auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof – also im Rahmen einer Auseinandersetzung zwischen Civic Society und Berliner Senat – ein neues Gebäude zu bauen, zum anderen die Auseinandersetzung um die Entwicklung des Bibliothekswesens in Toronto in den späten 1970ern, die John Marschall (1984) zusammenfassend dargestellt hat.

Die ZLB möchte seit langem ein neues Gebäude bauen, in den 1980ern noch am jetzigen Standort, nach der Wende als gemeinsames Projekte der dann zusammengeführten Häuser in Ost und West. Dieses neue Gebäude gibt es bis heute nicht, der letzte Versuch aber wurde vor einigen Jahren unternommen, als der Senat vorschlug, auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof eine „Randbebauung“ zuzulassen. Um dieses Vorhaben kam zu einer Volksabstimmung, die recht eindeutig zu einer Ablehnung des Vorhabens führte. (https://de.wikipedia.org/wiki/Volksentscheid_zum_Tempelhofer_Feld_in_Berlin) Die ZLB hatte sich in diesen Plan einbinden lassen. Zwischen den neuen Wohnungen sollte eine neue Bibliothek gebaut werden, welche sehr stark an die damals aktuell im Bibliothekswesen immer wieder herumgezeigte Openbaare Bibliotheek Amsterdam und das Dokk1 in Aarhus erinnerte (http://www.berliner-zeitung.de/berlin/neues-zlb-gebaeude-auf-tempelhofer-feld-betonband-oder-glasfassade-1368738).

Die Struktur dieses Projektes ist einfach zu ähnlich zu dem Projekt in New York, als das sie nicht auffallen könnte:

  • Der Plan, eine neue Bibliothek zu bauen, wurde in einem kleinen Kreis getroffen, der es kaum für nötig hält, überhaupt zu begründen, wieso die neue Bibliothek benötigt wird. Es wird einfach vorausgesetzt, dass es eine moderne Bibliothek geben müsste (während die beiden heute bestehenden Häuser der ZLB auch ständig überfüllt sind, also auch nicht nicht funktionieren können). Die Gruppe ist offenbar der Meinung zu wissen, was gut für die Nutzerinnen und Nutzer sei. Zudem liess sich die Bibliothek in einen Plan des Senats einbinden, der immens unpopulär – weil als typisches Gross- und Gentrifizierungsprojekt angesehen – war.
  • Offenbar überrascht davon, dass es Widerspruch gab, versuchte die Stiftung ZLB in den letzten Wochen vor der Volksabstimmung mit neuen Argumenten aufgewartet, es wurden sogar Werbepostkarten gedruckt und Videos gedreht. Auf einmal wurde betont, dass die Berlinerinnen und Berliner eine moderne Bibliothek verdienen würde. Das überzeugte nicht. (Die Stiftung hätte auch früher auf die Strasse gehen und den Leuten zuhören können und hätte gemerkt, dass das ganze Projekt des Senats extrem unbeliebt war und die Bibliothek immer wieder in Kneipengesprächen als Teil des Planes angeführt wurde.) Das ist mit der Situation in New York zu vergleichen. Erst wurde der Plan gemacht und begonnen, ihn umzusetzen. Es schien dafür nicht viele Argumente zu brauchen. „Modern“ schien auszureichen. Erst, als Proteste auftauchten, wurde argumentiert, die Bibliothek müsse „demokratisiert“ und neu belebt werden (was der Bibliothek den Vorwurf einbrachte, Demokratie und Populismus zu verwechseln; Sherman 2015:64).1 Das überzeugte so wenig, wie die Argumentation der ZLB, dass man mit einem Haus (statt aktuell zwei) weniger durch Berlin fahren müsste, um ein Buch zu holen.2
  • Beide Bibliotheken schafften es, dass trotz des sonst so guten Rufes von Bibliotheken in der Öffentlichkeit, gegen die Projekte gestimmt beziehungsweise protestiert wurde. Das hatte beide Male wohl auch damit zu tun, dass sie als Elitenprojekte angesehen werden, während die Branches oder Filialen – die die Bevölkerung mehr nutzt – oft um Etat oder auch nur den eigenen Erhalt zu kämpfen haben. (Die ZLB kann darauf verweisen, das die Filialen jeweils den Bezirken unterstehen und sie damit nichts zu tun hat. Das interessiert die Bevölkerung aber bestimmt wenig.)
  • Grundsätzlich schienen beide Projekte davon getragen zu sein, dass kleine Gruppen der Meinung waren, die Bibliotheken verändern zu müssen, ohne zu fragen, ob sie damit nicht das Grundprinzip der Forschungsbibliothek (der sowohl die ZLB als auch die 42nd Street Branch zumindest bei ihrer Gründung folgten) aufgeben. Die Gruppen verhandelten jeweils mit den oberen Spitzen der Politik, nicht mit der Öffentlichkeit. Sie folgten beide Logiken, die auf eine Richtung setzten und alle Alternativen als „unmodern“ abqualifizieren.

Ein Unterschied scheint zu sein, dass aktuell die NYPL mehr versucht, auf die Forderungen der Öffentlichkeit zu reagieren, während die ZLB in gewisser Weise – so zumindest der Eindruck von aussen – ihr Projekt einfach weiter fortzusetzen scheint.

Aber: Das scheint ein Zeichen der Zeit zu sein. Während Sherman auf die „Wall Street Logic“ verweist, die in New York sichtbar wurde, gilt das für Berlin nur zum Teil. Es geht nicht per se um Immobilien, aber die grundsätzliche Ausrichtung ist ähnlich, der neoliberale Zeitgeist grundiert auch das Projekt in Berlin.

In Toronto gab es eine fast gleiche Situation aber schon in den späten 1970er Jahren. Auch dort ist das Bibliothekswesen als Non-Profit Organisation organisiert, inklusive eines Board of Trustees, die sich aus den oberen (reichen und weissen) Schichten der Stadt rekrutierte. Ebenso entwickelte das Board den Plan, eine neue, moderne und grosse Bibliothek in der Stadtmitte zu bauen und dafür andere Branches zu schliessen. Ebenfalls mit der Idee, dass dies der Weg wäre, wie Bibliotheken „heute“ sein müssten und mit der Vorstellung, das eine möglichst zentrale Bibliothek möglichst sichtbar als Leuchtturm des Bibliothekswesens der Stadt wirken würde.

Marshall (1984) schildert, wie sich – in einer Phase des allgemeinen Aufbruchs in der Stadt, die eine Reformfraktion, welche die Entwicklung der Stadt an den Interessen der Bürgerinnen und Bürger orientieren wollte, an die Macht brachte – auch gegen diesen Plan Proteste entwickelten. Es wurde gefordert, statt zentraler Projekte die Branches zu fördern, zu renovieren und auszubauen. Auch Marshall berichtet, wie das Board of Trustees vollkommen davon überrascht wurde, das jemand anderer Meinung als sie selber darüber war, wie die notwendige Entwicklung des Bibliothekswesens sein müsste.

Letztlich setzte sich in Toronto die Reformfraktion durch, heute gibt es immer noch rund 100 Branches, renoviert und in ihr Umfeld integriert (aber auch die damals geplante zentrale „Reference Library“ in der Mitte der Stadt). Aber auch das nur, weil der Plan gestoppt wurde.

Was ist es mit diesen Zentralen Bibliotheken und Bibliotheksplänen?

Das Beispiel aus Berlin zeigt, dass das Vorgehen in New York nicht einmalig war oder aus der Situation vor Ort alleine zu erklären ist. Das Beispiel aus Toronto zeigt auch, dass es nicht dem Zeitgeist des frühen 21. Jahrhunderts allein zuzuschreiben ist. Insoweit drängt sich die Vermutung auf, dass grundsätzlich ein strukturelles Problem entsteht: Offenbar gehen Bibliothekspläne, gerade solche, die zentrale Bibliotheken planen und dafür die Filialen ignorieren, immer wieder an den Interessen einer grossen Zahl von Nutzenden vorbei. Gleichzeitig scheint sich immer wieder eine kleine Gruppe zu etablieren, die der Meinung zu sein scheint, zu wissen, wie die Bibliotheken sich als „moderne Bibliotheken“ entwickeln müssten. (Zu fragen wäre, wie viele bibliothekarisch ausgebildete Personen eigentlich in diesen Gruppen aktiv sind. In New York und Toronto waren es praktisch keine, aus der ZLB hört man hingegen unter der Hand – was selbstverständlich nicht sehr verlässlich ist – schon, dass es Kolleginnen und Kollegen gäbe, die sich aktiv beteiligen.)

Dabei darf man nicht vergessen: New York (trotz Donald Trump), Berlin, Toronto sind grosse linke/links-liberale Bubbles, in denen Widerspruch und zivilgesellschaftliches Engagement, dass sich nicht mit Klagen alleine beschäftigt, normal sind. Es wäre schon spannend, ähnliche Projekte mal in anderen Städten anzuschauen. Kann man da einfacher solche Um- und Neubauten durchsetzen? Gibt es da andere Proteste? (Oder sind da die Pläne andere? Spontan fallen mir die Pestalozzi Bibliotheken in Zürich ein, die für und mit ihren ganzen Filialen planen und versuchen, diese gemeinsam zu entwickeln, nicht nur die Hauptfiliale Altstadt. Allerdings ist auch Zürich ein links-liberale Bubble, in Bezug auf ihr Umfeld. Sherman erwähnt als gutes Beispiel auch Seattle, dass – darauf hat Olaf Eigenbrodt anderswo schon einmal hingewiesen – gerade nicht nur diese zentrale Bibliothek von – ganz im Star-Architektendenken – Koolhas baute, sondern gleichzeitig das Filialsystem entwickelte.)

Es scheint eine Tendenz im Bibliothekswesen zu geben, zumindest manchmal, autoritär zu entscheiden, wie die Bibliotheken sich entwickeln sollen und dann meistens auf zentrale Bibliotheken zu setzen. Das scheint etwas absurd, wenn Bibliotheken eigentlich sehr nah an den Interessen ihrer Nutzerinnen und Nutzern sein könnten. Shermans Buch bietet einen Überblick zu einem Beispiel, wo so ein Vorgehen grandios scheiterte. Es ist eingängig und gerade dann, wenn man erst einmal darüber lesen will, was andere falsch gemacht haben (bevor man an eine Situation nachdenkt, die einem oder einer näher ist), ist es zu empfehlen.

Marshall (1984) diskutiert auch, dass es nicht damit zu schaffen sei, Nutzende dann, wenn schon praktisch alles entschieden ist, einzubinden, also zum Beispiel zu entscheiden, dass es eine zentrale Bibliothek geben wird, aber dann „pseudo-partizipativ“ über die Farbe der Räume oder die Möblierung entscheiden zu lassen (was gerade wieder ein Trend zu sein scheint), sondern das Partizipation wirklich heisst, dass die Nutzenden die Macht haben müssen, Entscheidungen zu treffen (wie in Toronto die Entscheidung, die Branches in den Mittelpunkt zu stellen). Auch darüber gälte es nachzudenken. (Obwohl dieses Buch von Marshall hier nicht weiter besprochen werden soll, ist es für das Thema Partizipation und Bibliotheksentwicklung mehr zu empfehlen als das von Sherman, auch da es eher auf bibliothekarische Diskussionen eingeht.)

Literatur

Marshall, John (1984). Citizen participation in library decision-making: the Toronto experience. (Dalhousie University, School of Library Service, 1). Metuchen, N.J. : Scarecrow Press, 1984

Petersen, Charles (2012). Lions in Winter. In: N+1, 9 (2012) 14, https://nplusonemag.com/issue-14/essays/lions-in-winter/

Sherman, Scott (2017). The Battle of 42nd Street. In: Public Library Quarterly 36 (2017) 1: 10-25

Sherman, Scott (2015). Patience and Fortitude: Power, real estate, and the fight to save a public library. – Brooklyn ; London: Melville House, 2015

Fussnoten

1 „This was a strange argument. The building was already utterly democratic and filled with a remarkable variety of individuals. (…) Months later, when the plan met public resistance, that argument became rasion d’être for the Foster renovation: the building was underutilized and had to be made accessible to the broad public, including immigrants and young people. When this reasoning became hard to sustain, NYPL officials came up with two other reasons to justify the urgency of the renovation: first, the stacks had an antiquated climate-control system, and the books, for their own protection, needed to go to a modern facility in Princeton; second, the CLP would improve the NYPL’s finances by generating ‚up to $15 million a year‘, money that would be used to hire additional librarians, archivists, and curators, whose ranks had been thinned by austerity measures.” (Sherman 2015:64)

2 Es ist nicht so, dass es einfach wäre, die Postkarten und Videos von damals zu finden. Bestimmt gab es noch mehr Argumente, aber diese schien mir das absurdeste, weil es so falsch war. Es wird nicht viele Menschen geben, die aus beiden Häusern – die nach unterschiedlichen Fachbereichen organisiert sind – Medien benötigen und die Menschen werden garantiert ein so breites Interesse haben, dass sie auch andere Bibliotheken in Berlin nutzen, z.B. die auch verteilten Universitätsbibliotheken. Da scheint die halbe Stunde zwischen den beiden Häusern der ZLB recht vernachlässigbar. Es schien, als sei auf einmal jedes Argument recht, um das Projekt zu stützen.

LIBREAS.Library Ideas LIBREAS.Dokumentation. Heute: Thesen des Rat für Informationsinfrastrukturen (RfII) zu den Voraussetzungen einer Nationalen Forschungsdateninfrastruktur (NFDI)

Posted in LIBREAS.Dokumente by Ben on 27. April 2017

von Ben Kaden (@bkaden)

Spricht man über die Möglichkeit und Notwendigkeit einer systematischen Organisation von digitalen Forschungsdaten (Forschungsdatenmanagement) sowie ihrem übergreifenden Nachweis und idealerweise auch ihre Verfügbarmachung per Publikation, sind vor allem drei Gruppen von Stakeholdern zu berücksichtigen. Die erste fasst in etwas die Forschungspolitik-, administration und -förderung. Die zweite besteht aus der Forschungsinfrastruktur, also Bibliotheken, Rechenzentren, Netzwerkanbietern etc. Beide Gruppen haben sich, verkürzt formuliert, weitgehend darauf verständigt, dass das Ziel einer offenen Wissenschaft (Open Science und Open Scholarship) erstrebenswert ist und man daraufhin arbeiten sollten, sie als Normalmodus zu etablieren. Und dazu zählt auch die möglichst weitreichende (=offene) Verfügbarkeit der Daten, die bei der Forschung entstehen. Die Hauptgründe dafür sind die Forschungstransparenz und die Nachnutzung.

Dass die Hauptakteure, nämlich die dritte Gruppe in Gestalt der Forschenden, die diese Daten produzieren, potentiell rezipieren, vielleicht bewerten und möglicherweise nachnutzen, noch nicht flächendeckend in diese Richtung streben, erweist sich bei diesem Streben als Herausforderung. Oder auch: Hürde. Theoretisch sind sie sogar oft mit im Boot. Praktisch jedoch scheuen sie jedoch einerseits den zusätzlichen Aufwand, wenn es an den tatsächlichen Schritt hin zu Forschungsdatenpublikationen geht. Oder sie finden, wie gleich noch einmal angedeutet wird sogar nachvollziehbar, Gründe, warum es in ihrem konkreten Fall jeweils nicht möglich ist, diesem Ziel zu folgen. (more…)