LIBREAS.Library Ideas

5 Fragen zur Nachhaltigkeit von Forschungsinfrastrukturen

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS Call for Papers by Ben on 10. Juli 2019

Die Ausgabe #36 LIBREAS. Library Ideas wird den Schwerpunkt „Nachhaltigkeit von Forschungsinfrastruktur” haben. Für diese Ausgabe suchen wir Beiträge, die ergründen, wie Infrastrukturen für die Forschung so geschaffen, unterhalten und weiterentwickelt werden können, dass sie auch wirklich nachhalten – sie also über einen längeren Zeitraum, unter sich ändernden Bedingungen, Zuständigkeiten oder für sie verantwortliche Personen, für Forschung beziehungsweise von Forscher*innen nutzbar sind.

Wie üblich suchen wir sowohl Berichte aus der Praxis als auch theoretische Auseinandersetzungen verschiedener Form (Essays, Arbeitsberichte, Abschlussarbeiten usw.). Einen Überblick zu geplanten Ausgabe gibt der Call for Papers im LIBREAS-Blog.

Symbolbild Infrastruktur (Straßenszene Burgstraße, Berlin-Mitte, 2019)

Symbolbild Infrastruktur:  Leitungen, Wasserversorgung, das Berliner Straßenpflaster und weitere übliche Zubehörelemente der mobilen und dauerhaften städtischen Raumorganisation – ein Straßenbild in der Burgstraße, Berlin-Mitte, 2019 (Foto: Ben Kaden / Flickr, CC BY 2.0)


Ergänzend möchten wir wieder fünf Fragen stellen und damit kurze Einblicke zusammentragen. (ähnlich zur Rubrik in der Ausgabe #33 Ortstermin). Dafür wünschen wir uns von möglichst vielen Betreiber*innen, Entwickler*innen und Mitarbeiter*innen von Forschungsinfrastrukturen Antworten auf die folgenden fünf Fragen. 

  • An welcher Einrichtung sind Sie tätig und welche Art von Forschungsinfrastruktur wird an ihr betrieben bzw. genutzt? (Mehrfachnennungen möglich)
  • Wie ist das Finanzierungsmodell für diese Forschungsinfrastruktur(en) gestaltet?
  • Welche Rolle spielt Kollaboration mit anderen Einrichtungen für Betrieb und Weiterentwicklung der Forschungsinfrastruktur(en)?
  • Welche Rolle spielen freie Lizenzen und andere Kriterien offener Wissenschaft in diesem Zusammenhang?
  • Ist die Forschungsinfrastruktur aus Ihrer Sicht nachhaltig? Warum (nicht)? Falls nicht: Was fehlt, um den nachhaltigen Betrieb abzusichern?

Bildmaterial ist ebenfalls willkommen; es sollte sich allerdings um eigene oder frei lizenzierte Bilder handeln, die eine Nachnutzung bei LIBREAS nach der bei uns üblichen Standardlizenz auch ermöglichen. 

Wir freuen uns über Antworten an redaktion@libreas.eu bis zum 15.10.2019. Die Beiträge werden gesammelt in der Ausgabe 36 erscheinen und damit – so die Hoffnung – einen Überblick über eine Vielfalt von Projekten und Initiativen sowie Herausforderungen und Lösungen aus der Praxis geben.

(red)

CfP LIBREAS. Library Ideas #36: Nachhaltigkeit von Forschungsinfrastruktur

Posted in LIBREAS Call for Papers by libreas on 23. April 2019

Der Term Nachhaltigkeit wird vor allem mit Umwelt, Ökologie, Klimaschutz oder wirtschaftlichen Aspekten in Verbindung gebracht. Zu Recht, liegt doch ein Ursprung des Begriffes im Landbau: Böden sollen möglichst so bewirtschaftet werden, dass der Ertrag auf Dauer stabil bleibt. Mittlerweile hat seine Verwendung längst das eine Feld verlassen und zahlreiche andere erobert. Der Begriff ist inzwischen Trend, man könnte sagen, er habe sich zum Buzzword gewandelt. Er durchlief eine Art konzeptionelle Ausweitung auf einen ökonomischen Grundanspruch, der sich auf jede Struktur beziehen lässt: Diese soll so gestaltet werden, dass sie auf Dauer stabil funktioniert. Wie beim Boden geht es dabei nicht nur um die Struktur selbst, sondern auch um die Rahmenbedingungen, die diese Dauerhaftigkeit sichern.

Auch Forschungsinfrastrukturen sind solche Strukturen und stehen vor der Frage: Sind sie auch nachhaltig? Um das abzusichern, brauche es einen dauerhaften Zufluss an Ressourcen – Betriebsmittel, Personal und Personalmittel, Kompetenz – und eine dauerhafte Nachfrage. Denn erst die Nutzung einer Struktur legitimiert ihren Betrieb und macht den Ertrag bestimmbar. Was klar und berechenbar klingt, erweist sich oft als neblig und schwer zu bestimmen. Alle, die sich in dem Bereich bewegen, müssen es dennoch versuchen. Grund genug, das Thema für die LIBREAS Nummer 36 aufzugreifen. Die im November 2018 an der TU Berlin abgehaltene Konferenz “Bits und Bäume – Die Konferenz für Digitalisierung und Nachhaltigkeit”[1] liefert per Titel einen weiteren Beleg, dass Digitalisierung und Umweltaspekte zusammen gedacht werden können und sollten. Im Juni wird mit deRSE19 die erste “Konferenz für ForschungssoftwareentwicklerInnen in Deutschland” in Potsdam stattfinden[2]; auch hier wird die Frage der Nachhaltigkeit eine Rolle spielen[3].

Uns geht es bei der Annäherung an den Begriff darum zu ergründen, wie Infrastrukturen für die Forschung so erschaffen, unterhalten und weiterentwickelt werden, dass sie auch wirklich nachhalten – dass sie über einen längeren Zeitraum, auch unter sich ändernden Bedingungen, Zuständigkeiten oder für sie verantwortliche Personen, für Forschung beziehungsweise von Forscher*innen nutzbar sind. Dabei ist “Forschungsinfrastruktur” durchaus weit zu fassen:

  • Anwendungen für die Veröffentlichung beziehungsweise Präsentation von Forschungsergebnissen (Publikationsplattformen wie Repositorien, Zeitschriftenserver)
  • Portale/Services für die (kollaborative) Arbeit an Forschungsobjekten (Annotationsplattformen, Digitale Sammlungen)
  • Dienste zur Unterstützung von Kommunikation oder Prozessen in Forschungsprojekten, (Systeme zur Versionskontrolle, Chat, Cloud-Speicherdienste, Videokonferenzsysteme, Ticketsysteme)
  • Software, die im Rahmen von Projekten entwickelt wird, um Forschungsfragen nachzugehen
  • Wissenschaftliche Bibliotheken und ihre Dienstleistungen an sich
  • Organisations- und Betreuungsstrukturen sowie Strukturen, Workflows, Kompetenzen und Personen zur Weiterentwicklung des vorangehend Benannten

Bei der Beantragung von Drittmitteln muss in der Regel angegeben werden, was mit den Daten im Anschluss passiert. Bei Infrastrukturprojekten wird ein Konzept zur Verstetigung erwartet. Öffentliche Einrichtungen sind aufgefordert Nachhaltigkeitskonzepte vorzulegen. Mitnichten entstehen alle Neuentwicklungen im Projektkontext – manches beginnt auf Initiative einer einzelnen Person[4] oder Einrichtung und wird dann, hoffentlich, in eine nachhaltig betreibbare Struktur überführt.

Um einen Service oder eine Infrastruktur nachhaltig zu betreiben, sind verschiedene Aspekte in den Blick zu nehmen:

Finanzierung: Was kostet es, eine Forschungsinfrastruktur zu entwickeln und nachhaltig zu betreiben? Wie stellt man Kostentransparenz her? Wo findet man Orientierungswerte? Was sind geeignete Geschäftsmodelle, insbesondere bei Community-getriebenen Diensten? Wie kann die Entwicklung vom Projektstadium hin zu einem nachhaltigen Betrieb gelingen, insbesondere bei drittmittelgestützten Projekten? Welche Bedeutung haben Förderstrukturen, die vor allem auf Initialförderung für innovative Ansätze setzen, für die Verstetigung von Projekten, für die Personalentwicklung und für die Gestaltung von Abläufen und Aufgaben in einzelnen Einrichtungen (Stichwort “Projektitis”)? Gefordert wird all dies von verschiedenen Forschungsförderern seit Jahren, in den Projektanträgen ist es Usus geworden, ein Arbeitspaket für diese Frage einzurichten: Aber wie sieht die Realität aus? Was wird tatsächlich nachhaltig finanziert und wie?

Kollaboration: Kann man auch als einzelne Institution nachhaltige Infrastrukturen schaffen? Was motiviert gegebenenfalls zu Zusammenarbeit? Wann passt welches Kollaborationsmodell am besten und wann sollten man vielleicht auch eine Einzellösung suchen?  Wie sieht erfolgreiches Community beziehungsweise Entity Building aus? Welche Bedeutung spielen Netzwerke wie etwa das ORCID DE Konsortium, das DSpace-Konsortium Deutschland, OJS-de.net, deRSE & Co? Welche Bedeutung hat Kollaboration für die Reputationsbildung von Einzelpersonen und Institutionen?

Lizenzierung: Welche Bedeutung haben (freie) Lizenzen für die Entwicklung und den Betrieb nachhaltiger Infrastrukturen? Was sind geeignete Lizenzierungsmodelle und welche Vor- und Nachteile haben sie? Welche Rolle spielt die Offenheit von Daten (etwa bibliografische Daten oder Zitationsdaten) für den Aufbau und Betrieb von Forschungsinfrastrukturen?

Institutionalisierung: Nicht nur, aber gerade Wissenschaftliche Bibliotheken scheinen sich als Einrichtungen zu begreifen, welche die Nachhaltigkeit von Forschungsinfrastrukturen garantieren können. Insbesondere beim Forschungsdatenmanagement sind sie in den letzten Jahren proaktiv aufgetreten. Aber ist das erfolgreich? Wie und wann? Wie verändert es die Bibliotheken und ihre Arbeit? Wie stehen sie zu anderen Formen von Institutionalisierung, beispielsweise Konsortien, Stiftungen oder Firmen? Und muss man eigentlich Projekte, die man einmal begonnen hat, dauerhaft fortführen? Woran macht man es fest, ob ein Service eingestellt werden kann oder sollte?

Die Sammlung der Fragen ist weder erschöpfend noch soll sie begrenzen. Wir wissen um die unzähligen Facetten und die Komplexität von Infrastrukturentwicklung, -betrieb und -vermittlung und auch, dass man sie weder in einem geschlossenen Modell noch in einem Fragekatalog fassen kann. Die Stichpunkte dienen einzig zur Anregung. Wie immer freuen wir uns über Blickwinkel aller Art auf das Thema, was ausdrücklich bei diesem Thema, das gemeinhin immer Lösungen einfordert, auch Problematisierungen einschließt. Es dürfte kaum einen Bereich geben, in dem sich das “Scheitern” derart ballt, wie den der Nachhaltigkeit. Zugleich spricht man – aus verständlichen Gründen – sehr wenig darüber. Umso willkommener wären auch Beiträge, die sich dem “Scheitern an der Nachhaltigkeit” nähern.

Wir rufen also wie immer dazu auf, Beiträge zu diesem Themenkomplex einzureichen, wobei sowohl Berichte aus der Praxis als auch theoretische Auseinandersetzungen in jedem Format (Essays, Arbeitsberichte, Abschlussarbeiten et cetera) willkommen sind. Da auch der Aufruf für Einreichungen für die Open-Access-Tage 2019 das Themenfeld Nachhaltigkeit aufgreift[5], möchten wir  insbesondere Vortragende der OA-Tage 2019 dazu motivieren, entsprechende Beiträge zu verschriftlichen und für die Ausgabe zur Verfügung zu stellen. Bieten können wir vor allem eine nachhaltige Publikation und Archivierung auf dem edoc-Server der Humboldt-Universität zu Berlin und Aufmerksamkeit auch über die OA-Tage hinaus.

Vorschläge können gerne vorab mit der Redaktion besprochen werden; Beitragsvorschläge und Beiträge bitte an redaktion@libreas.eu. Einreichungsschluss ist der 15.10.2019.

Eure / Ihre Redaktion LIBREAS. Library Ideas

(Berlin, Chur, Dresden, Hannover, München)


[1] “Bits und Bäume – Die Konferenz für Digitalisierung und Nachhaltigkeit” vgl. https://bits-und-baeume.org/

[2] deRSE19, 4.–6. Juni,  siehe https://www.de-rse.org/de/conf2019/.

[3] Vgl. etwa die Einreichung von Löffler, Frank, Hammitzsch, Martin, Schieferdecker, Ina, Nüst, Daniel, & Druskat, Stephan. (2019, March 29). RSE4NFDI – Safeguarding software sustainability in the NFDI. Zenodo. http://doi.org/10.5281/zenodo.2630451.

[4] Ein Beispiel hierfür ist der Workflow für den Satz der Artikel der LIBREAS. Library Ideas: Wir nutzen pandoc, eine Entwicklung eines Philosophieprofessors der UC Berkley (siehe https://pandoc.org).

[5] Der “Call for Proposals” fragt zum Beispiel “Wie schaffen wir interoperable, vernetzte, widerstandsfähige Dienste? Wie gewährleisten wir Kontrolle durch akademische Einrichtungen? Wie machen wir Kosten transparent und wie sichern wir die dauerhafte Finanzierung?” Frist für die Einreichung ist der 2. Mai 2019, vgl. https://open-access.net/community/open-access-tage/open-access-tage-2019/call-for-proposals-open-access-tage-2019/.

Makerspace: Was passiert in ihnen? Was könnte in ihnen passieren? Zwei Studien

Posted in LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 4. April 2019

Karsten Schuldt

Zu: Angela Calabresse Barton ; Edna Tan: „STEM-Rich Maker Learning: Designing for Equity with Youth of Color”. New York: Teachers College Press, 2018

Sarah R. Davies: „Hackerspaces: Making the Maker Movement”. Cambridge; Malden: Polity Press, 2017

 

 

Makerspaces – obwohl Bibliotheken jetzt schon seit einigen Jahren mit ihnen experimentieren, sie einrichten und auch wieder schliessen, sie in Veranstaltungen ausprobieren, institutionalisieren und eigentlich schon viele Erfahrungen vorliegen, scheinen sie für Bibliotheken doch immer noch viele, viele Versprechen mitzubringen. Immer wieder und wieder machen sich (Öffentliche) Bibliotheken Gedanken, ob sie mit Makerspaces innovativer, zukunftsgewandter, besser, neuer sein können. Diese Versprechen scheinen selten überprüft zu werden und auch eher aus Vorstellungen über Makerspaces und was in diesen passiert gespeist zu werden, als aus der Realität in wirklich existierenden Makerspaces.

In den letzten beiden Jahren sind in Buchform zwei tiefergehende Studien publiziert worden, welche sich aber gerade dieser Frage widmen: Was passiert in Makerspaces tatsächlich? Die eine als eher ethnolographische Studie über normale Maker- und Hackerspaces in den USA, die andere als Action Research über einen spezifischen Makerspace für Jugendliche in einem Community Center in einer sozial benachteiligten Gemeinschaft, ebenso in den USA. Beide liefern einen Einblick, der unter anderem viele Hoffnungen, die sich Bibliotheken auf Makerspaces und ihre Wirkungen machen, bezweifeln lässt – was aber gleichzeitig, wenn sie genutzt werden, auch heissen kann, dass die Makerspaces, die Bibliotheken bauen, realistischer geplant und betrieben werden könnten, wenn man beim Planen und Hoffen auf die Erkenntnisse aus diesen Studien zurückgreifen würde. Beide sollen hier kurz vorgestellt werden.

Der Hackerspace als Raum eines spezifischen Menschenschlages

In einer der beiden Studien, „Hackerspaces: Making the Maker Movement”, untersuchte Sarah R. Davies (zusammen mit Dave Conz) ein Dutzend Makerspaces in den USA, allerdings schon 2012. Die Auswertung dauerte länger, vielleicht hat sich jetzt einiges verändert.1 Trotzdem ist es eine tiefergehende Untersuchung. Die besuchten Einrichtungen wurden genauer untersucht, die erhobenen Daten genauer ausgewertet, als in einfachen Berichten. Der Blickwinkel dieser Auswertung war ein ethnographischer, also einer, der danach fragte, wie die Makerspaces als Gemeinschaft und als sozialer Raum funktionieren. Davies und Conz beschränkten sich dabei nicht auf eine kleine geographische und inhaltliche Auswahl, sondern versuchten, möglichst viel abzudecken, auch möglichst viele unterschiedliche Daten zu erheben. Einzige Einschränkung ist, dass sie Makerspaces untersuchten, die für sich alleine existierten. Zwar wird erwähnt, dass Schulen und Bibliotheken auch Makerspaces aufbauen würden, aber die mit einzubeziehen wäre zu viel gewesen.

Hackerspaces, so wird am Anfang betont, sind motivierend, wenn man sie das erste Mal betritt. Sie vermitteln den Eindruck von emsiger Tätigkeit und Offenheit. Aber, so lässt sich schnell sehen, so einfach ist es dann doch nicht. Was die Makerspaces in der Studie eint, ist, dass sie sich zwar alle grundsätzlich als offen verstehen, als leicht zugänglich und auch einem Diskurs von Innovation, Bildung und Demokratisierung folgen, es bei näherem Hinsehen doch nicht sind. Davies verweist mehrfach auf den Widerspruch zwischen dem Diskurs – der auch nicht unbedingt von den Makerspaces selber produziert wird, aber den sie bedienen – und der Realität.

Die Personen, welche die Makerspaces wirklich nutzen, sind viel eher an individuellen Projekten und Erfahrungen interessiert. Sie wollen für sich lernen, etwas ausprobieren und so weiter. Diese Interessen treiben ihre eigene Beteiligung an den jeweiligen Makerspaces, nicht oder nur sehr im Hintergrund übergreifendere Interessen. Solche eigenen Interessen sind dann auch die soziale Eintrittskarte in die Communities der Makerspaces: Nur, wer eigene Projekte hat, wird als wirklich interessiert angesehen. Nur dann wird einem oder einer auch wirklich geholfen. Der freie Wissensaustausch, welche im Diskurs um Makerspaces als deren Eigenheit prominent betont wird, ist so nicht zu finden: Wissen wird geteilt, aber nur im Rahmen von Projekten, nur als Hilfe zur Selbsthilfe bei diesen Projekten.

Einige Makerspace sind sehr private Unternehmungen – in privaten Garagen, im privaten Freundeskreis -, andere sind grösser, organisiert als Vereine oder ähnlicher Strukturen. Im Rahmen dieser Voraussetzungen sind sie immer auf der Suche, ihre Mitgliedschaft zu erweitern. Wieder: Grundsätzlich betonen alle ihre Offenheit, aber die Realität ist etwas anders. Es gibt keine direkte Ausgrenzung, aber Voraussetzungen: Nur, wer selber Projekte mitbringt, an denen er oder sie arbeiten will, wird sozial akzeptiert. Durch die Makerspaces hindurch fand Davies Abgrenzungen zu Menschen, „die es nicht verstehen”, die vorgeblich „in der Konsumgesellschaft leben und damit glücklich sind”. Das ist selbstverständlich eine subjektive Einschätzung, welche aber Strukturen reproduziert: Wer kommt denn auf die Idee, Projekte zu machen? Wer lernt solch eine Vorgehen zu die eigene Identität zu inkorporieren? Wer kann sich Projekte vorstellen, die auch noch mit Technik umzusetzen sind? Eher die, die bestimmte Voraussetzungen im Leben hatten und haben. Die Makerspaces, welche Davies untersucht, sind – wohl wegen diesen Strukturen – geprägt von mittelalten, situierten, oft weisse Männern. Nicht vollständig, es gibt auch immer wieder einige andere Personen. Aber wenige. Nur die Makerspaces, die sich explizit darum bemühen, schaffen es, Frauen oder Personen mit einem anderen sozialen Profil anzusprechen. Ansonsten reproduzieren sie, ungewollt und trotz anderem Diskurs, gesellschaftliche Ausgrenzungen.

Auffällig ist auch, dass die Communities, welche sich um Makerspaces bilden, nicht einfach wachsen. Es ist immer eine Aufgabe in den Makerspaces selber, die Communities zu erhalten. Irgendwer muss immer diese Arbeit leisten. Dabei wird, so wieder Davies, in den Makerspaces in einer Art kommuniziert – sowohl inhaltlich als auch technisch – wie sie in anderen nternetbasierten Subkulturen auch vorkommt: Es geht immer darum, „Drama” zu vermeiden, Regeln auszuhandeln und Konflikte zu überwinden. Keine dieser Makerspace-Communities funktioniert von alleine.

Ein Community-basierte Makerspace muss offenbar anders funktionieren

Einer der Makerspaces, die es schaffen, andere Personen anzusprechen, wird in der Studie von Calabrese Barton und Tan, „TEM-Rich Maker Learning: Designing for Equity with Youth of Color”, vorgestellt. Dieser ist in einem ungenannten Community-Center in einem ärmeren Stadtteil in den USA untergebracht und wird von diesem Center auch finanziert und getragen. Die beiden Forschenden arbeiteten in einem Action Research Project zwei Jahre in diesem Makerspace mit jüngeren Jugendlichen, welche das Center nutzten.2 Das Vorgehen von Action Research – mit den Personen, über die geforscht wird, für diese sinnvolle Aktivitäten planen, durchführen, dann diese reflektieren und iterativ Theorie bilden, um wieder Aktivitäten zu planen und so weiter – führte zu einem etwas schwerfälligem Text, der immer wieder in kleinen Schritten reflektiert und immer wieder die gleichen Beispiele heranzieht, um Aussagen zu demonstrieren. Lässt man sich davon aber nicht abschrecken, so erhält man eine Einblick darin, das Makerspaces auch anders sein könnten, als die bei Davies beschriebenen – aber nur, wenn man dies explizit einfordert und die Arbeit dafür leistet.

Calabrese Barton und Tan stellen – unabhängig von Davies, eher durch die Lektüre von Literatur zu Makerspaces, insbesondere die omnipräsente Zeitschrift „Make:” – den gleichen Widerspruch zwischen den im Diskurs behaupteten Potentialen von Makerspaces und der Realität in diesen fest. Gleich zu Beginn ihres Buches betonen sie, dass die Projekte, welche in der Literatur immer und immer wieder präsentiert werden, vor allem individualistische Experimente darstellen, die vielleicht aus Interesse am Ausprobieren durchgeführt werden, die aber keine Probleme lösen. Wer wird damit angesprochen? Nicht die Jugendlichen aus der Gegend mit sozialen Problemen, mit denen Calabrese Barton und Tan arbeiteten und die im Alltag vor allem mit realen Problemen fertig werden müssen, andere Ästhetiken und Regeln entwickeln, als die in „Make:” präsentierten – also nicht solchen aus dem abgesicherten Mittelstand.

Aber: Es ist sehr wohl möglich, diesen Jugendlichen mit einem Makerspace Möglichkeiten zu eröffnen – mit einer anderen Form von Makerspaces und Arbeit im Makerspace. Wie sieht diese aus? Zuerst müssen die Jugendlichen ernst genommen werden und sich willkommen fühlen. Die beiden Autorinnen besuchten mit den Jugendlichen ihrer Studie eine ganze Anzahl von existierenden Makerspaces – und obwohl sie dort gut aufgenommen und informiert wurden, obwohl sie die ganzen Maschinen und Techniken positiv wahrnahmen, waren sie anschliessend der Meinung, dass sie dort eigentlich nicht wirklich willkommen wären. Diese Makerspaces wären nichts für sie: Zu wenig Kinder- und Jugendfreundlich, zu viele Verbote und Regeln, zu wenig andere Möglichkeiten als nur an Projekten zu arbeiten.

Zudem müssen die Makerspaces die Jugendlichen tatsächlich empowern, also Dinge umsetzen lassen, die für sie Sinn haben und ihnen zeigen, dass sie Macht haben. Die Jugendlichen entwarfen auf der Basis ihrer Besuche einen Makerspaces „für uns” – mit Orten „zum Denken” (Couch, Trampolin), viel bunter als die zuvor besuchten Makerspaces, nur mit Technik, die auch wirklich alle bedienen dürfen, räumlich direkt neben anderen Angeboten des Community-Centers (und damit nicht auf das rein Abarbeiten von Projekte bezogen). Anschliessend überzeugten sie das Board des Community-Centers, diesen Makerspace tatsächlich einzurichten.

Anschliessend müssen im Makerspace klare Strukturen vorhanden sein (regelmässige Sitzungen), aber so flexibel, dass sie in das eher krisenhafte Leben der Jugendlichen passen (umgesetzt als ständige Möglichkeit, zwischendurch to drop-out und dann nach Wochen, Monaten wiederzukommen und weiter zu machen).

Weiterhin müssen die Projekte Sinn für die Jugendlichen machen. Sinn machen sie, wenn sie in der Realität verankert sind. Im Projekt wurde das umgesetzt, indem die Jugendlichen selber ihre Umgebung erkundeten, Interviews führten, Probleme identifizierten, welche tatsächlich vorliegen. Und dann daran gingen, diese mit ihren Projekten zu lösen, immer im Hinblick darauf, dass sie auch wirkliche Veränderung ermöglichen würden. Nicht, dass man etwas basteln und werkeln würde war wichtig, sondern dass damit eine Lösung geschaffen würde (ein Fussball, der leuchtet, weil Fussballplätze in der Umgebung unbeleuchtet sind; eine „Anti-Bullying”-Jacke mit Alarmknopf; eine Handyhülle mit Solarzellen zum Aufladen von Smartphones auch ohne Stromrechnung). Alle das muss angeregt und unterstützt werden.

Zusammen war es zumindest in den zwei untersuchten Jahren möglich, einen Makerspace für Jugendliche zu betreiben, die nicht zum normalen Klientel von Makerspaces gehören – aber nur, indem überhaupt einmal als Problem benannt wird, dass die angebliche Offenheit von Makerspaces sich in der Realität nicht findet und das die notwendige Arbeit geleistet wurde, die Jugendlichen aktiv zu integrieren.

Hoffnungen von Bibliotheken auf die Wirkung von Makerspaces: Revisited

Was heisst das nun bezogen auf Öffentliche Bibliotheken (im DACH-Raum)?

  • Die Gesellschaft, die Machtstrukturen der Gesellschaft, all die Aus-und Einschlüsse, sind vorhanden und lassen sich nicht einfach abstellen, wenn man einen Makerspace einrichtet. Insbesondere, wenn man den Makerspace „einfach laufen lässt”, läuft man sehr schnell Gefahr, diese Strukturen wieder zu reproduzieren, gar zu verstärken. Der Makerspace produziert da keine neue Offenheit.

  • Die Community, von der sich oft versprochen wird, dass sie sich um Makerspaces bildet: Das ist zweifelhaft, wieder vor allem dann, wenn man den Makerspace „laufen lässt”. Es ist immer Arbeit, Community herzustellen und zu erhalten, auch Arbeit, die immer wieder scheitert. (Das könnte man auch so aus der Ethnologie lernen, aber das ist hier einmal nicht Thema.) Sie entsteht nicht nebenher und wenn doch eine entsteht, aber man nicht aufpasst, entsteht eine, die auch sehr ausgrenzt.

  • Ein Makerspace, der vor allem auf Technik und Ausprobieren dieser Technik setzt, scheint auch eher zu individualistischen Projekten und zur individualistischen Nutzung des Angebots zu führen. Die Frage für Bibliotheken ist: Ist das so gewollt? (Alle anderen Schlagwörter aus den Diskursen um Makerspaces wie Innovation oder mehr Bildung oder neue Bildung oder Unterstützung der lokalen Ökonomie – all das findet sich in der Realität von Makerspaces offenbar nicht wirklich.)

  • Technik alleine, egal wie hip, reicht nicht aus, um erfolgreich einen Makerspace zu betreiben.

  • Zusammengefasst läuft man mit Makerspaces, vor allem solchen ohne zusätzliches Personal, immer Gefahr, noch einen weiteren „Mittelstands-Raum” zu bauen. Das ist nicht Öffnung der Bibliothek „zur Stadtgesellschaft” oder so, von der Bibliotheken aktuell reden.

  • Andere Makerspaces oder Angebote im Bereich Makerspace sind aber offenbar möglich: Nur ohne Personal dafür, dass darauf achtet, dass der Makerspace halt nicht zum „normalen” wird, ist eher zweifelhaft, ob sie etwas anderes sein können, als ein Raum, indem die gesellschaftlichen Strukturen reproduziert werden.

 

Fussnoten

1 Was sich verändert hat, ist, dass die Firma „TechShop”, welche das Makersapce-Modell kommerziell umsetzen wollte (also Räume gründete, die wie Co-Working-Spaces tage-, wochen- oder monatsweise gemietet werden konnten) und in Hochzeiten zehn US-Filialen und vier internationale Filialen betrieb – und von der sich andere Makerspaces, die Davies untersuchte, immer und immer wieder abgrenzten – 2014 Konkurs anmeldete.

2 Wenn sie den konnten. Ein Fakt, der die Armut der Jugendlichen demonstriert, ist, dass eine Anzahl von Ihnen nicht kontinuierlich an den Sessions im Makerspace teilnehmen konnte, weil sie sich die Busfahrt nicht leisten konnten.

Ein Beitrag zur Bibliotherapie

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 15. März 2019

Zu: Laura Freeman (2018). The Reading Cure: How Books Restored My Appetite. London: Weidenfeld & Nicolson, 2018

 

Von: Karsten Schuldt

Lesen hilft.

Bibliotherapie ist eine Sammelbegriff für verschiedene Formen der Selbsttherapie und der angeleiteten Therapie, bei der Bücher – vor allem literarische Texte und Selbsthilfebücher – genutzt werden. Sie ist erstaunlich erfolgreich. Insbesondere für solche Formen, in denen sie therapeutisch begleitet wird, liegen zahlreiche positive Forschungsergebnisse über ihre Wirksamkeit vor. (Wohl weit mehr als für andere Themen, die aktuell im Bibliothekswesen umgesetzt werden.) Sarah McNicol und Liz Brewster (McNicol & Bewster 2018) legten letztes Jahr ein Überblickswerk für die Bibliothekspraxis vor, in dem auf die Geschichte von Bibliotherapie eingegangen und Anwendungsmöglichkeit präsentiert, aber vor allem darauf eingegangen wurde, was Bibliothek tun können, um Bibliotherapie – vor allem die durch Nutzerinnen und Nutzern „selbstgesteuerte” – zu unterstützen. Gerade in englisch-sprachen Staaten (GB, Neuseeland, Australien) existieren auch lokale und nationale Unterstützungsstrukturen, um über Bibliotheken, Menschen, die davon profitieren können, Bibliotherapie zu ermöglichen.

Das Bibliotherapie funktioniert und oft auch andere Therapien, Heilungsprozesse und Krisenverarbeitungen unterstützt, ist gut dokumentiert. Nicht bei allen, aber bei vielen Menschen. Was fehlt – so wird bei McNicol und Brewster klargestellt – ist eine Theorie, die erklärt, warum sie das tut.

 

Lesen hilft.

Laura Freeman, Journalistin in London, erzählt in ihrem Buch The Reading Cure, wie sie durch das Lesen von Romanen, Kriegsberichten, Lyrik und anschliessend Kochbüchern nach und nach die Anorexie, welche sie in ihrer Jugend entwickelte, überwand und wieder zu einem positiveren Verhältnis zu sich selbst und zum Essen fand. Nicht so, dass sie sich als „geheilt” verstehen würde, aber doch so, dass sie heute eine weit bessere Lebensqualität hat.

Das Buch ist ein reflektierter, gut lesbarer First-Hand-Bericht dazu, wie selbstgesteuerte Bibliotherapie funktionieren kann, mit individuellen Spezifika, aber doch so, dass die Chancen des „Heiles durch Lesen” offensichtlich werden. Es fällt leicht, gerade wenn man selber an Literatur und Sprache interessiert ist, die Autorin sympathisch zu finden und ihrer Geschichte zu folgen, was vielleicht ein Manko ist, wollte man das Buch als Werbung für Bibliotherapie einsetzen – zu leicht wäre es zu unterstellen, dass die Autorin zu sehr eine reine Idealfigur für Literaturbegeisterte ist. Aber für den Fall, dass man daran interessiert ist, einen ersten Einblick in die Möglichkeiten von selbstgesteuerter Bibliotherapie zu erhalten, ist es ein empfehlenswerter Einstieg.

 

Lesen hilft.

Die Geschichte Freemans beginnt in ihrer Jugend, in der sie mit 14 Jahren Anorexie entwickelt. Für den Prozess gibt es äussere Umstände (die Kultur in der Schule, in der sie geht und die mit sehr viel Druck einhergeht), aber die alleine erklären nie, warum jemand diese Krankheit entwickelt und jemand anders nicht. Vielmehr versucht die Autorin mit diesem Buch, auch nach aussen klar zu machen, wie sie sich innerlich fühlte. Sie benutzt das Bild einer Bibliothek – eher die eines englischen Herrenhauses – in ihrem Inneren, welche zerschmettert wurde: Die Bücher auf dem Boden, die Glasscheiben zertrümmert, die Stühle und Tische umgeschmissen. Das Buch ist eine Geschichte davon, wie sie diese Bibliothek wieder aufrichtet.

Man erlebt zuerst mit, wie die Anorexie immer schlimmer wird, wie die Autorin also ein Bild von sich als falsch, schuldig, ständig Fehlentscheidungen treffend entwickelt, die sich zudem ständig Strafen auferlegt (sie entwickelt einen Drang zu Laufen, über Stunden, durch jedes Wetter, obwohl ihr Körper selbstverständlich mehr und mehr geschwächt ist). Das Essen fällt dabei Schritt für Schritt fort: Sie entwickelt Abneigungen gegen einzelne Bestandteile, gegen ganzen Gruppen von Essen, gegen das Essen allgemein. Aber, darauf legt sie Wert, das sind Symptome ihres eigenen Innenlebens. Sie muss durch mütterliche und ärztliche Intervention gerettet werden: Über Monate daheim bleiben, dann einen Status der „funktionalen Anorexie” entwickelnd (also selber soviel zu Essen, dass sie überlebt).

Während sie sich in den ersten Jahren ihrer Krankheit zum Jahreswechsel selber Ziele setzte, die mit weniger Essen zu tun hatten – zum Beispiel noch mehr Dinge nicht zu essen oder mit noch mehr Selbststrafen zu reagieren – wurde ihr das bei den mütterlichen und ärtzlichen Interventionen verboten. 2012 setzte sie sich deshalb ein anderes Ziel: Das gesamte Werk Charles Dickens zu lesen. Es war das Jahr des 200. Geburtstages des Autors. Über das Jahr las sie alle seine Veröffentlichungen, systematisch in Reihenfolge ihrer Publikation. Einzig die Weihnachtsgeschichte verschob sie bis zu diesem Feiertag. Dies ist folgerichtig: Menschen mit Anorexie scheinen solches systematische, geradezu kompromisslose Vorgehen auszubilden – zumindest bei Freeman traf das zu. Das schlägt sich nicht nur in ihrem Umgang mit Essen (gar kein Zucker, gar kein Ei und so weiter) und ihrem eigenen Körper (einen Happen zuviel sind so und so viel Stunden zu Laufen) nieder, sondern auch im restlichen Leben: Systematisches Vorgehen. Das hilft auch, die Autorin studiert zum Beispiel erfolgreich im Laufe der von ihr berichteten Jahre, wird ebenso erfolgreich Journalistin, am Ende Freelancerin.

Die Bücher Charles Dickens sind offenbar angefüllt mit Essen. Szenen über Szenen von Essen. Frühstück, Mittag, Abendessen, Snacks zwischendurch, im Gasthaus, im Pub, daheim. Das ist nicht unbedingt das, wofür Dickens bekannt ist, aber das ist, was Freeman einen Zugang zu Essen verschaffte. Bei Dickens traf sie auf einen für sie neuen Gedanken: Das Essen etwas Positives sein kann, nicht nur etwas, auf das man achten und wofür man sich bestrafen muss. Man darf sich nicht vorstellen, dass das alleine schon dazu führte, dass sie wieder zu essen begann. Aber am Ende des Jahres, zu Weihnachten, im Kontext ihrer Familie und vor dem Hintergrund, dass auch in der Weihnachtsgeschichte von Dickens gegessen wird, traute sie sich das erste Mal seit Jahren einen kleine Löffel des Weihnachtspuddings zu essen. Danach musste sie wieder Stunden Laufen gehen. Aber es war ein Anfang.

2013 dann wendete sie sich – vor dem Hintergrund, dass ein Jahr später die hundertjährige Wiederkehr des Beginns des ersten Weltkriegs nahte – Berichten und Literatur von britischen Soldaten aus diesem Krieg zu. Auch hier, ungewollt und unerwartet, traf sie, eingebettet in einen grösseren Kontext, auf ein sehr positives Bild von Essen. In den Schützengräben wurde durch Essen ein Stück Normalität gefunden. Bei Aufenthalten hinter der Front oder auf Heimaturlaub wurde das Essen immer und immer wieder zum Thema, immer wieder auch positiv. Solche Schilderungen brachten sie immer mehr dazu, sich langsam dem Essen anzunähern. Es ist ein langsamer Prozess und es ist gibt auch keine direkte Übersetzung: Die Autorin bereite sich nicht bestimmte Gerichte zu, nur weil sie von diesen las. Sie näherte sich dem Essen an, räumte die Bibliothek im Kopf auf. Aber dann traute sie sich doch etwas mehr zu. Immer wieder einmal.

Das geht über weite Strecken des Buches weiter. Die Autorin beobachtete sich selber und ging dann dazu über, auch beim Lesen und dann bei der Annäherung ans Essen systematischer vorzugehen. Es gibt Rückschläge, dies ist kein Bildungs- oder Entwicklungsroman. Gerade in den letzten Monaten, in welchen sie fest angestellt in einer Redaktion arbeitet, und in der Foodtrends, die Verzicht auf bestimmte Nahrungsmittel und eine strikte Kontrolle des eigenen Essens propagieren, es bis in die Feuilletons schaffen, entwickelte sie wieder neue Abneigungen. Stress und die allgemeine Propagierung von Verzicht hatten eine direkte, negative Auswirkung auf ihr Leben und Wohlbefinden. Am Ende schilderte sie auch, dass sie von all den Nahrungsmitteln, Schokolade weiterhin aus ihrem Leben ausgeschlossen hat: In ihrem Kopf hat sich an Schokolade das Bild festgeheftet, welches sie früher mit noch weit mehr anderen Nahrungsmitteln verbunden hatte: Das des bevorstehenden Chaos. Ein Stück Schokolade würde praktisch den Damm öffnen, welcher das Chaos zurückhält, dass sie versucht von sich abzuhalten. Das ist selbstverständlich nicht rational, aber zeigt auch, wie die Krankheit weiter wirkt.

 

Menschlicher Kontakt hilft.

Freeman schildert ihr langsames wieder-zum-Essen-finden Schritt für Schritt: Immer ausgehend von Lektüre traut sie sich dann irgendwann wieder an eine Form von Nahrungsmitteln heran. Aber nicht alleine. Es sind immer Situationen in Begleitung von anderen – einem Freund, ihrer Familie, Kolleginnen und Kollegen – und eher spontane Entscheidungen, etwas zu versuchen. Erst langes Überlegen, Abwägen, sich Vorstellen, wie es sein könnte – aber dann spontanes Handeln, mit dem Barrieren überwunden werden. Sie betont das auch: Die Lektüre alleine bereitet vor, aber die positive Atmosphäre mit anderen war es dann, was sie neue Schritte übernehmen liess.

Dabei zieht sich durch das Buch auch eine Reflexion der Autorin darüber, wie viele Probleme sie mit ihrem Verhalten gerade ihrer Mutter – die über Jahre ihre Tochter unterstützte, Wutausbrüche über sich ergehen liess und so weiter – und anderen bereitet hat. Im Nachhinein wird ihr das klar, während der heftigen Phasen ihrer Krankheit war es das selbstverständlich nicht.

Insoweit war zumindest für Freeman nicht nur das Lesen, sondern auch ein Unterstützungsnetzwerk wichtig, um dann am Ende selber die „Bibliothek in ihrem Kopf” aufzuräumen.

 

Bibliotherapie hilft.

Das Buch ist kein Buch über Bibliotheken. Sie kommen aber selbstverständlich immer und immer wieder vor. Irgendwo muss der ganze Lektürestoff ja herkommen: Dafür benutzt die Autorin Bibliotheken und Buchhandel nebeneinander. Eine Unterteilung macht sie dabei nicht. Es ist aber selbstverständlich ein Buch – deswegen wird es hier so ausführlich geschildert – welches zeigt, dass es sich lohnen würde, wenn Bibliotheken den eigenen Bestand und die eigene Bestandsarbeit nicht als reinen Hintergrund für neue und andere Angebote ansehen würden, sondern auch fragten, was eigentlich dieser Bestand für Wirkungen hat. Freeman zeigt, dass das Lesen nicht einfach eine Sache ist, die einfach „noch gemacht wird”, aber eigentlich im Digitalen und Innovativen aufgehen würde, sondern das Lesen für Menschen weiterhin eine wichtige Funktion in Bezug auf ihre geistige Gesundheit und ihr Wohlbefinden haben kann. Nicht für alle, nicht alleine; aber wenn, dann doch im relevanten Mass.

 

Selbstverständlich ist die Autorin dabei prädestiniert: Schon vor ihrer Krankheit lesebegeistert, während ihrer Krankheit darauf fixiert, zu lesen – das alles hat wohl dazu beigetragen, dass sie gerade über Lektüre wieder zum Essen fand. Das gilt selbstverständlich nicht für alle Menschen.

Damit zusammen hängt, dass sie von Sprache begeistert ist. Unerwartete, unbekannte Worte findet sie interessant. Sie erwähnt, dass sie solche gesondert vermerkt, wenn sie auf sie stösst, dann weiter über sie recherchiert und später versucht, sie in Texte „einzuschmuggeln”. So wurde sie auch auf die Ess-Szenen bei Dickens aufmerksam: Weil er viele, viele unbekannte, neugebildete Worte benutzte. Man merkt das aber auch positiv an ihrem eigenen Buch: Es ist ein flüssiges Englisch, wie man das von einer Journalistin wohl erwarten darf, aber gespickt von seltsamen, interessanten Worten, die das Lesen auch sprachlich zum Vergnügen machen.

 

 

Literatur und Links

Sarah McNicol ; Liz Bewster (edit.). Bibliotherapy. London: Facet Publishing, 2018

Books on Prescription AUS – https://booksonprescription.com.au

Books on Prescription NZ – https://booksonprescription.co.nz

Reading Well GB – https://reading-well.org.uk

Das Thema Interkulturalität auf dem Bibliothekskongress 2019

Posted in LIBREAS Veranstaltungen by Ben on 14. März 2019

Eine Übersicht von Leslie Kuo (@leslie_kuo)

[Anmerkung: Der Beitrag erschien zuerst auf lesliekuo.com.]

Symbolbild Hund und Publikation "The IFLA / UNESCO Multicultural Manifesto"

Bibliothekshunde sind noch ein anderes und durchaus beispielsweise in der Leseförderung äußerst ernsthaftes und sinnvolles Thema. Hier verwenden wir Pepper, wie das schöne Tier heißt, allerdings vor allem als Blickfang um auf das wichtige Themenfeld der interkulturellen Bibliotheksarbeit hinzuweisen, das Leslie Kuo in Berlin und kommende Woche auch in Leipzig sehr sichtbar auf die Agenda setzt. (Fotografie: Leslie Kuo)

Migration prägt zunehmend unsere Gesellschaft und somit die öffentliche Bibliotheken. Gut, dass auf dem Bibliothekskongress nächste Woche wird die interkulturelle Öffnung thematisiert wird. Sowohl von mir und meinen Kolleginnen aus anderen Bibliotheken im Programm 360° der Kulturstiftung des Bundes als auch von der dbv Kommission Interkulturelle Bibliotheksarbeit.

Sie sind herzlich eingeladen, an folgende Sitzungen zu Migration und interkulturelle Öffnung teilzunehmen:

Montag, 18. März 2019

  • 09:00 – 11:30, Vortragsraum 11
    Perspektiven der interkulturellen Öffnung: 360° Fonds für Kulturen der neuen Stadtgesellschaft (Ko-präsentiert von mir)
  • 13:00 – 13:30, Podium der Verbände
    Warum wir mehr BibliotheksmitarbeiterInnen mit Migrationshintergrund brauchen: Barrieren, Brücken und andere gelebte Erfahrungen (Vortrag von mir)
  • 16:00 – 18:00, Saal 1
    Interkulturelle Bibliotheksarbeit mit Partnern und System

Mittwoch, 20. März 2019

  • 14:00 – 15:30, Vortragsraum 11
    Bunt alleine reicht nicht! Interkulturelle Vielfalt mit Erfolg ins Team bringen

Hier alle Details zu den Veranstaltungen: (more…)

LIBREAS auf dem Bibliothekskongress 2019

Posted in Hinweise, LIBREAS aktuell, LIBREAS on tour by Karsten Schuldt on 25. Februar 2019

Wenn sich große Teile der Bibliotheksszene im März in Leipzig auf dem Bibliothekskongress treffen werden, wird auch die LIBREAS-Redaktion (zumindest ein Teil) dort weilen. Sie treffen uns / ihr trefft uns in folgenden Veranstaltungen.

Gerne laden wir vor allem zum gemeinsamen Treffen respektive Chillen mit der Redaktion am Montag-Abend ein.

Montag, 18.03.2019

  • Karsten Schuldt: Warum funktioniert mein partizipatives Projekt nicht richtig? Kritik und Fallstricke (11:00-11:30, Saal 3)
  • Treffen / Chillen mit der Redaktion im “Volkshaus Leipzig” (19:00- open end, Karl-Liebknecht-Straße 30-32, zwischen Tram-Station “Hohe Straße” und “Südplatz”, http://www.volkshaus-leipzig.de/)

Dienstag, 19.03.2019

  • Karsten Schuldt, Alexandra Jobmann, Peter Jobmann, Maik Stahr: Die Bibliothek als gesellschaftliche Institution – #critlib (Teil 2) (09:00-11:00, Beratungsraum 3)

Mittwoch, 20.03.2019

  • Linda Freyberg, Sabine Wolf: Smart Libraries – Mit Beispielen, Modellen und Methoden zur Bibliothek der Zukunft. Hands-On Lab analog (09:00-11:00, Beratungsraum 2)
  • Najko Jahn, Uwe Müller: DINI Metadata Crunch: Praktische Schritte zur Nachnutzung von Metadaten aus DINI-zertifizierten Repositorien (16:00 – 17:30, Seminarraum 13)

Die Erklärung von Stavanger mit einem Schwenk zum Open Access. Serviert in der FAZ.

Posted in LIBREAS.Debatte by Ben on 13. Februar 2019

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

Screenshot FAZ 13.02.2019

Screenshot FAZ 13.02.2019 / Screen oder Zeitung? In den pressevertriebsstrukturschwachen Regionen auch Berlins ist das keine Frage. Allein deshalb sollte die FAZ die Digitalisierung umarmen und in der Vertriebspraxis tut sie das auch. Thomas Thiel hat dennoch seine Zweifel und sieht sie nach Stavanger bestätigt.

Die Frage „Buch oder Bildschirm?“, also auf welcher Medienoberfläche sich besser lesen lässt, treibt die Welt faszinierenderweise auch 2019 um – zum Beispiel im „Forschung und Lehre“-Teil der FAZ vom 13.02.2019. Der Anlass für Thomas Thiel (hier als tth) besteht in der so genannten Stavanger-Erklärung („E-READ“, weiter Informationen) zur Lesekompetenz. Deren Haupteinsicht lautet in etwa, dass das Lektüreziel die Wahl des Lektüremediums bestimmt und Gedrucktes besser für ein Tiefenverständnis funktioniert. Der FAZ-Redakteur versucht nun zu beleuchten, was die nicht gerade überraschende, nun aber empirisch nochmals verifizierte Erkenntnis, dass Papier nach wie vor Relevanz und Wert in der Rezeptionskultur besitzt und vermutlich behalten wird, für die Digitalisierungsstrategien in der Wissenschaft bedeutet. Dass die Textpraxis der wissenschaftlichen Kommunikation kein Gegenstand der Stavanger-Perspektive selbst war, spielt dabei offenbar keine Rolle. Für die Lehre sind die Einsichten fraglos hochrelevant und Erfahrungen aus der Lehrpraxis zeigen, dass die Frage wie viel und wie komplex Text für Studierende sein sollte, jede Semesterplanung maßgeblich prägt. Neu ist diese Frage freilich ebenfalls nicht. (more…)

Lob der Bibliothek oder Propaganda für die ALA?

Posted in LIBREAS.Feuilleton, Uncategorized by Karsten Schuldt on 6. Februar 2019

Karsten Schuldt

Zu: Susan Orlean. „The Library Book”. New York et al.: Simon & Schuster, 2018

 

 

Was soll man zu diesem Buch sagen?

In „The Library Book” erzählt Susan Orlean – eine Journalistin, keine Bibliothekarin – vier Geschichten:

  1. Die Geschichte vom Brand in der Zentralbibliothek der Los Angeles Public Library 1986 und von dem jungen Mann, der verdächtigt wurde, dieses Feuer gelegt zu haben.

  2. Die Geschichte der gleichen Bibliothek von der Gründung bis heute.

  3. Eine Reportage darüber, was heute alles in dieser Bibliothek passiert.

  4. Und zuletzt ihre persönliche Geschichte wie sie in jungen Jahren mit ihrer Mutter ständig die Bibliothek, in deren Nähe sie aufwuchs, besuchte.

Das alles ist lose miteinander verbunden und abwechselnd in kurzen Kapiteln erzählt. Zum Schluss des Buches ist die Geschichte der jungen Mannes – Harry Peak – zu Ende erzählt (er stirbt in Florida an AIDS ohne für den Brand verurteilt zu sein), gleichzeitig wird Zweifel daran geäussert, ob der Brand überhaupt absichtlich gelegt wurde; zugleich ist die Geschichte der Bibliothek – inklusive des Wiederaufbaus nach dem Brand – in der Jetztzeit angekommen, sind verschiedene Aufgaben, Bereiche und Personal der Bibliothek vorgestellt worden und hat die Autorin gelernt, dass die Bibliothek sie immer noch an die Zeiten Ihrer Kindheit und Jugend erinnert, auch wenn heute vieles anders ist als damals. Das Buch ist auch sichtbar mit Bedacht ausgestattet worden: Das Papier und der Umschlag sehen leicht verbraucht aus, statt Kapitelüberschriften finden sich je vier bibliographische Angaben (Titel, Jahr, Autor/in, DDC-Nummer) mit Bezug zum Thema des jeweiligen Kapitels. Die letzte Umschlagseite bildet eine (gezeichnete) Buchkarte ab. Was kann man daran nicht mögen?

 

Eines: Das Buch liesst sich über weite Strecken – fast immer, wenn es sich nicht mit Harry Peak und seiner Geschichte befasst – wie Propaganda der ALA (oder eines anderen Bibliotheksverbandes). All die Schlagworte und Themen, mit denen Bibliotheksverbände heute versuchen, Bibliotheken zu präsentieren, kommen vor – nur vielleicht gekonnter dargestellt,als das Bibliotheksverbände im Allgemeinen tun: Bibliotheken als soziale Orte, als offene Orte für alle, als Orte für verschiedene Veranstaltungen für verschiedene Nutzerinnen und Nutzer, als Ort für Kinder und Jugendliche, als Ort für persönliche Recherchen, für das Lesen, für Bildung, als einer der Orte, der Menschen ohne festen Wohnsitz Hoffnung gibt. Mehrere Bibliothekarinnen und Bibliothekare werden als interessante und engagierte Personen vorgestellt. Das eine Bibliothek viele, viele unterschiedliche Medien hat – elektronische, gedruckt und überraschendere Sammlungen. All das. Plus die erwähnte positive Geschichte der Autorin selber (die immerhin erfolgreiche Autorin wurde) und die nicht unspannende Geschichte des Brandes selber – die sich dann in Teilen auch wieder wie gute Propaganda über die soziale Bedeutung der Bibliothek liest, wenn sich sowohl zum Ausräumen der Bibliothek nach dem Brand als zum Einräumen vor der Wiedereröffnung hunderte Freiwillige einfinden und wenn lokal ansässige Firmen mit Infrastruktur, Personal und Geld einspringen, um die Bibliothek zu retten.

Zwischendurch werden auch einige eher nicht so positive Geschichten erzählt – wie Anfang des 20. Jahrhunderts die Chefbibliothekarin vom Library Board zum Rücktritt gezwungen wurde, nur damit sie von einen Chefbibliothekar (der eher Abenteurer denn Bibliothekar war) ersetzt werden konnte, was lange (und berechtigte) Proteste der damaligen Frauenbewegung nach sich zog, und wie der zur Bibliothek gehörige Park für einen Parkplatz abgerissen wurde. Aber mehr auch nicht.

The Library Book

The Library Book als Bibliotheksbuch

 

Dieses Buch erzählt also vor allem das, was Bibliotheken heute wohl gerne über sich hören. Vielleicht, weil die Autorin überzeugt wurde. Sie erscheint die ganze Zeit wahrhaft überzeugt von dem, was sie darstellt. Es gibt aber eine Stelle, die etwas Zweifel streut: In einem Kapitel bespricht die Autorin andere Bibliotheken, die über die Jahrhunderte verbrannt wurden. Das ist selbstverständlich mit einem breiten Pinsel gezeichnet, da der Platz kurz ist. Trotzdem kommen – zu Recht – auch die Bücherverbrennungen zu Beginn des nationalsozialistischen Deutschlands – beziehungsweise die Aktion „Wider den undeutschen Geist” – vor, allerdings in einer historisch ungewohnten Weise: Die Autorin besteht darauf, die ganzen Vorgänge mehrfach explizit als „Feuersprüche” (in Deutsch) zu bezeichnen, obwohl diese „Feuersprüche” nur ein Teil der Inszenierung waren. Das ist recht ungewöhnlich. Zudem schreibt sie die Bücherverbrennungen einzig den Nazis direkt zu, obgleich heutige Darstellungen immer wieder darauf hinweisen, dass die Studentenschaften die Aktion organisierten und die NSDAP erst darauf einstieg. Das sind Kleinigkeiten und auch keine, welche die historische Wahrheit verfälschen würden. Aber es hinterlässt den Eindruck, als hätte die Autorin an dieser Stelle ungenau, oberflächlich recherchiert. Vielleicht nur bei diesem einen Punkt (der vielleicht auch nur im deutschen Sprachraum wirklich auffällt), aber solche Ungenauigkeiten verleiten schon zu der Frage, wie tief die anderen Kapitel eigentlich recherchiert wurden – und nicht eher das wiedergegeben, was die Bibliothekarinnen und Bibliothekare vermitteln wollten.

 

Aber auch wenn man annimmt, dass das Buch genau das darstellt, was der Autorin aufgefallen ist, als sie über die Los Angeles Public Library nachdachte und diese besucht, ist das Buch ein Realitätscheck für den bibliothekarischen Diskurs: Wenn das wirklich ist, wie die Öffentlichkeit von Bibliotheken wahrnimmt und wie sie Bibliotheken sieht, ist überhaupt nicht mehr klar, wieso es im bibliothekarischen Diskurs diese ganzen Ängste vor dem Ende oder der Stagnation der Bibliotheken gibt. Wenn die Öffentlichkeit die Bibliotheken als so spannend und wichtig wahrnimmt, wie Susan Orlean, gibt es keinen Grund, sich Sorgen zu machen, ob man irrelevant wird oder in der Öffentlichkeit als veraltet oder langweilig angesehen. Wenn es keine „accidental propaganda” ist, dann ist es ein Hinweis darauf, dass die ständigen Krisendiskurse, welche bibliothekarische Diskurse oft prägen, wenig Grundlage in den realen Problemen haben. (Die Frage wäre dann eher, warum Bibliotheken auf dieses guten Bild, dass Orlean von ihnen zeichnet, nicht wirklich aufbauen.)

 

Trotzdem ist das Buch gut, flüssig und vergnüglich zu lesen. Als jemand, die oder der sich mit Bibliotheken auskennt, wird nicht so viel spezifisch Neues zu lesen sein, ausser der Geschichte des Brandes selber. Aber es ist ein unterhaltsamer Einblick in diese spezifische Public Library.

 

[Eine Vorstellung des Buches durch die Autorin selber im Buchladen „Politics and Prose” (Washington, D.C.) findet sich im Youtube-Kanal des Ladens: https://www.youtube.com/watch?v=CY3Wxafosbw]

Stipendium des LIBREAS-Vereins, Ausschreibung 2019

Posted in LIBREAS.Verein by libreas on 4. Februar 2019

Ziel des LIBREAS-Vereins ist die Förderung der bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Kommunikation. Um dies zu erreichen, schreiben wir auch 2019 ein Stipendium aus. Angesprochen fühlen sollten sich alle Auszubildenden und Studierenden in bibliothekarischen Fachgebieten sowie Kolleg*innen in Bibliotheken und bibliothekarischen Infrastruktureinrichtungen im gesamten DACH-Raum.

Die Höhe des Stipendiums beträgt 400 Euro, welche für den Besuch (Fahrt, Unterkunft, Konferenzgebühr etc.) einer der drei folgenden Konferenzen eingesetzt werden sollen:

Das Stipendium soll vor allem Personen zugute kommen, die sich die Besuche dieser Konferenzen nicht auf anderem Wege finanzieren können.

Wir erbitten eine formlose Bewerbung, die folgende Punkte klären sollte:

  • Welche der drei Konferenzen besucht werden soll
  • Interesse der Bewerber*in an der Konferenz und den Themen der Konferenz
  • Kurze Vorstellung der Bewerber*in

Weitere Themen und Punkte können gerne ergänzt werden. Für Fragen stehen wir gerne zur Verfügung. Wir wollen auch diejenigen Auszubildenden, Studierenden und Kolleg*innen ermutigen, die bislang keine solche Konferenz besucht haben oder nicht publiziert haben, sich zu bewerben. Das Stipendium darf gerne ein Startpunkt für solche professionelle Arbeit sein.

Die oder der Stipendiat*in soll im Anschluss an die besuchte Konferenz einen Beitrag für die LIBREAS. Library Ideas verfassen. Form, Inhalt, Länge des Beitrags stehen frei (z.B. Konferenzbericht, Auseinandersetzung mit einem Thema, das auf der Konferenz besprochen wurde). Die Redaktion der LIBREAS steht gerne bereit, die Arbeit an diesem Beitrag mit Rat und Motivation zu unterstützen.

Die Bewerbung sollte bis zum 31. März 2019 per Mail an den Vereinsvorstand geschickt werden (mail@libreas-verein.eu).

 

Vorstand des LIBREAS-Vereins, 04.02.2019

 

PS.: Das Stipendium wird hauptsächlich aus den regelmäßigen Beiträgen der Mitglieder des LIBREAS. Vereins getragen. (http://www.libreas-verein.eu/mitgliedschaftsantrag/) In der LIBREAS #34 erschien der Konferenzbericht zu den Open-Access-Tagen 2018 der ersten Stipendiatin Sophie Schneider.

Die Idee LIBREAS und das Institut für Bibliothekswissenschaft.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 6. Dezember 2018

Manuskriptfassung des Grußworts von Ben Kaden auf der Festveranstaltung 90 Jahre Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft am 02. November 2018 im Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum der Humboldt-Universität zu Berlin.

Ben Kaden bei seinem Grußwort auf der Veranstaltung 90 Jahre Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft, 02. November 2018

Ben Kaden beim Grußwort am 02. November 2018 (Foto: Maxi Kindling)

 

I

Die Berliner Bibliothekswissenschaft mit ihrem Institut wird, grob gerechnet und Pausen ausgeblendet, 90 Jahre alt. Einschränkungen sind bei der Zuschreibung zweifach notwendig: Erstens weil es natürlich bibliothekswissenschaftliches Denken in Berlin auch außerhalb des Instituts gab und gibt. Und zweitens, weil das Institut an sich kein Kontinuum ist. Vielmehr besitzt es eine wechselvolle Geschichte, deren Aufarbeitung bzw. Aufzeichnung jetzt zum Jubiläum nur ein Kratzen an der Oberfläche darstellte. Klar, man schürfte hier und da und da und hier auch mal tiefer. Aber eigentlich sieht man jetzt erst wirklich, was da an Geschichte und Geschichten hervorblitzt und Stoff für mindestens vier, fünf Promotionsvorhaben angedeutet. Oder Großaufsätze, z. B. für LIBREAS.

LIBREAS, diese hier 2004/2005 begründete elektronische Open-Access-Zeitschrift für Bibliothekswissenschaft bzw. bald namentlich erweitert wie das Institut in Zeitschrift für Bibliotheks- und Informationswissenschaft, begleitete etwa 13 dieser 90 Jahre, Das Institut war demnach um die 77, als wir mit LIBREAS begannen, eher noch sogar 76 oder 75. Ich überlege, nach wie vor ergebnisoffen, an welchem Schlüsseldatum oder -ereignis man die Idee zu LIBREAS. Library Ideas festhaken könnte.

Fester gehakt ist die Natur von LIBREAS als eindeutig typische Berliner Schöpfung. Das Projekt dieser Zeitschrift ist Ergebnis dieser berühmt-berüchtigten Mischung aus Gestaltungswillen, Dreistigkeit, Naivität und viel Improvisation, die so typisch war für das, was in gar nicht so entfernter Nachbarschaft von diesem Ort [dem Grimmzentrum, für das zeitgleich zur Gründung von LIBREAS die ersten Spatenstiche gesetzt wurden] den Mythos des Aufbruchsberlins begründete, ein Mythos, von dem die Stadt noch heute zehrt. Ich erinnere mich gut, wie wir nach offiziellen oder inoffiziellen Institutsfeiern gern noch in kleiner Gruppe in der Böse-Buben-Bar, im Aufsturz oder, auch das gab es noch, im Tacheles vorbeischauten und irgendwann von der ersten (oder zweiten) Straßenbahn des Tages im matten Morgenlicht nachhause geschunkelt wurden. Das Magisterstudium ließ auch Raum für längere Nächte. (more…)