LIBREAS.Library Ideas

Eine Ansichtskarte aus Woodstock, NY.

Posted in LIBREAS.Feuilleton, Sonstiges by Ben on 16. Juli 2017

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

Die Kleinstadt Woodstock, NY muss seit nun mehr fast 48 Jahren damit auseinander setzen, dass sie primär mit einem epochemachenden Musikereignis synonym gesetzt wird, das gar nicht in ihrem Stadtgebiet statt fand. In diesem Schatten schwebt zugleich ein anderes Fest, dass sich in wenigen Tagen zum 86sten Mal jährt: Die Woodstock Library Fair, deren Zweck es traditionell nicht zuletzt ist, Fundraising für die Woodstock Public Library zu betreiben und dieses Jahr das Motto „Woodstock – Citizens of the World“ trägt. Der Rahmen konnte und könnte für so eine Veranstaltung nicht besser sein. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts, besser gesagt, seit der aus Yorkshire stammende Textitelerbe Ralph Radcliffe Whitehead mit seiner Jane Byrd McCall die Künstlerkolonie Byrdcliffe begründeten, entwickelte sich die kleine Gemeinde zum Schnittpunkt äußerst weltläufigen Kunst- und Kulturschaffens, auch wenn Byrdcliffe selbst nur etwa 30 Jahre blühte. Als Echoraum (und touristische Attraktion) wirkt die Kolonie aber bis heute. Und in diesem hört man jedes Jahr im fortgeschrittenen Juli die Rummelplatzmusik des Bibliotheksstadtfestes an der Library Lane.

Wie es dort Mitte des 20. Jahrhunderts zuging, zeigt eine Ansichtskarte, die es gerade noch rechtzeitig vor dem 22. Juli in unsere Sammlung von Bibliotheksansichtskarten schaffte. Der Blick in diese offenbart zugleich, dass die Sammlungsnische des Bibliotheksfests aktuell exklusiv von diesem einem Exemplar besetzt wird. Grund genug, zukünftig aktiver Ausschau nach derartigen Zeitdokumenten zu halten.

Ansichtskarte Woodstock Library Fair

Ansichtskarte Woodstock Library Fair

Die Ansichtskarte wurde bei Dexter, West Nyack, NY gedruckt. Der Verlag war Bob Wyer Photocards, Delhi, NY, der nicht zuletzt für seine Ansichtskarten zu Bildungseinrichtungen bei Sammlerinnen und Sammlern bekannt und beliebt ist. Die Geschichte des Fotografen – auch der gezeigten Szenerie – Robert Selden Wyer ist dabei selbst sehr spannend. Ursprünglich Journalist u.a. für den Oneonta Daily Star wurde er von der Zeitung 1936 in gewisser Weise als Pilot für den Test erster Schritte in Richtung Fotojournalismus beauftragt. Dadurch lernte er fotografieren und wechselte in den 1940ern ganz auf dieses Feld, bald auch mit eigenem Studio. In den 1940ern Jahren erkannte sein Frau Wilhelmina, dass es lohnend sein könnte, ins Ansichtskartengeschäft einzusteigen. Was es dann auch war. Die Delaware County Historical Association berichtet, dass Bob Wyer Photocards um die 20% des Marktes für College Postcards abdeckte. Und überliefert weiterhin, dass Bob Wyer selbst schätzte, dass um die 56 Millionen seiner Ansichtskarten verschickt wurden. Im Vergleich zu den wirklich großen Herstellern bleibt das freilich überschaubar und deshalb sind sie auf dem Sammlermarkt auch nicht gerade in penetranter Häufigkeit zu finden. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass Ansichtskarten an sich am Ende doch zu den Ephemera zu zählen sind und entsprechend schnell verloren gingen. Dies ist im Fall Bob Wyer auch deshalb sehr bedauerlich, weil viele der Karten trotz ihrer Rolle als Medium kurzer persönlicher Nachrichten doch durchaus mit Aufnahmen geschmückt sind, die von einem guten Auge für Komposition und den richtigen Augenblick zeugen. Gerade weil das Medium verlangt, Szenerien möglichst generisch zu fassen, lassen sich Bildwinkel und vor allem der Platzierung von Menschen im gezeigten Raum leicht Besonderheiten einschreiben. Für viele Karten Bob Wyers scheinen gewisse typische Merkmale identifizierbar, deren Erläuterung allerdings an anderer Stelle erfolgen muss.

Die Aufnahme der Woodstock Library Fair fällt in seinem Gesamtwerk nämlich ein wenig heraus und steht vielmehr in der Bildtradition der Lokalberichterstattung, wie man sie heute auch noch in der Lokalpresse findet. Es ist ein klassisches Wimmelbild, nah am Schnappschuss, wenn auch mit guter Linienführung und hinsichtlich der schwierigen Beleuchtung dadurch gerettet, dass der schattige rechte Bildrand zwei strahlende Sonnenschirme aufweist. Das Medium Buch spielt keinerlei Rolle, umso mehr das Medium der Geselligkeit, unterstrichen durch die Ballons und dadurch, dass die Festwiese wirklich gut gefüllt ist. Die Wolkenkratzerattrappe signalisiert das amerikanische Nationalgefühl, das Eckchen Haus als Gegenpol und vor allem der Bewuchs weisen die Situation allerdings als durch und durch kleinstädtisch, eventuell eher sogar ländlich aus. Ein clichéhaft – im besten Sinne – amerikanisches Sommerfest für Jung und Alt und damit ist auch die Essenz dessen erfasst, was die Woodstock Library Fair sein möchte, wie man auch dem aktuellen Programm entnehmen kann.

Die umseitig angebrachte Nachricht auf der von Woodstock nach Bradford, New Hampshire verschickten Karte passt prima in dieses Stimmungsbild: „We are having such a nice visit with our friends over here.“ Das Datum des Poststempels – der 14. August 1961 – macht es allerdings sehr unwahrscheinlich, dass die Library Fair Anlass des Besuchs war. Sondern um eine gänzlich davon unabhängige Erholungsreise, bei der auch ein Pferd eine Rolle spielte, die sich leider 56 Jahre nachdem die Ansicht verschickt, nicht mehr spezifizieren lässt. Dass Bibliothek und Bibliotheksfest darin involviert waren, ist unwahrscheinlich, weshalb an dieser Stelle ein Hinweis auf die Woodstock Library TV Show #47 angebrachter ist, die ein interessantes Beispiel für Öffentlichkeitsarbeit mittels Social Media darstellt und in der unter anderem das ausdrücklich politische Motto der diesjährigen Festivität erläutert wird.

(Berlin, 16.07.2017)

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Die Bibliothek in der Literatur. Heute: In den Kindheitserinnerungen von Ljudmila Petruschewskaja.

Posted in Die Bibliothek in der Literatur, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 5. März 2017

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

Dass erfolgreiche Schriftstellerinnen und Schriftsteller in Kindheitsbegegungen mit Buch und Bibliothek die Keimzelle ihrer späteren Berufung sehen, ist erfahrungsgemäß eher Regel als Ausnahme. Auch die 1938 geborene russische Autorin Ljudmila Petruschewskaja weicht davon in keiner Weise ab, wie ihre unlängst unter dem Titel The Girl from the Metropol Hotel übersetzten und publizierten Erinnerungen (New York: Penguin, 2017) unterstreichen. Erstaunlich und bestürzend sind jedoch die Umstände. Als Kind so genannter Volksfeinde – ein Ausdruck, der als „Enemies of the People“ derzeit durch Donald Trump wieder gruseligerweise popularisiert wird  – war ihre Kindheit ein Leben, oft mehr Überlebensversuch, am absoluten Nullpunkt der sowjetischen Gesellschaft. Das in den Schilderungen spürbare Ausmaß an Armut und Ausgeschlossensein kann man eigentlich nur erschüttert zur Kenntnis nehmen. Ein Nachvollzug scheitert aus der heutigen Sicht, denn so vieles scheint nach den Maßstäben des Jetzt und Hier schlicht (und glücklicherweise) unvorstellbar. Die Familie, also ihre Mutter, ihre Tante, ihre Großmutter, sie selbst, galten jedem als Feind

„to our neighbors, to the police, to the janitors, to the passers-by, to every resident of our courtyard of any age. We were not allowed to use the shared bathroom, to wash our clothes, and we didn’t have soap anyway. At the age of 9 I was unfamiliar with shoes, with handkerchiefs, with combs; I did not know what school or discipline was.“ (S.67f.)

Zahlreiche Familienmitglieder verschwanden im Mahlwerk der stalinistischen Verfolgung oder in Massengräbern des deutschen Vormarsches: „Her end was terrible: she, her mother, and her little son were buried alive, along with other Ukrainian Jews, by the advancing Nazis.“ (S.7)

Mit dem Bombenkrieg 1941 wurde die nun kleine Familie von Moskau nach Kuibyschew (seit 1991 wieder Samara) evakuiert und blieb dort vorerst hängen. Ljudmila Petruschewskajas Mutter hatte das Moskauer Literaturinstitut jung und schwanger verlassen, also ihr Studium unterbrochen. Durch eine Verkettung glücklicher Umstände erhielt sie sechs Jahre später eine Zulassung, steckte aber in Kuibyschew fest. Reisen waren nicht ohne Weiteres möglich. Rein zufällig bot sich jedoch, so Ljudmila Petruschewskaja, auf dem Heimweg vom Markt die Möglichkeit in der Lokomotive eines Zuges nach Moskau mitzureisen. Zum Zimmer und zu ihrer Familie konnte sie vor der Abfahrt nicht mehr und verschwand so im Sommerkleid und mit einer Flasche Speiseöl für vier Jahre aus dem Leben ihrer Tochter und aus dem Kosmos des Elends von Kuibyschew in ein Moskauer Studium, in dem Armut und Hunger treue Alltagsbegleiter blieben.

In Kuibyschew gab es weder Schuhe noch ausreichend Lebensmittel insbesondere für die Volksfeinde. Mangels Schuhwerk schwand insbesondere im Winter die Möglichkeit zum Schulbesuch und Ljudmila erinnert sich, wie sie sehnsüchtig durchs Fenster einem Mädchen nachblickte, das durch den Schnee zur Schule stapfte. Spielzeug war ein unerreichbarer Traum und oft war es bereits ein Wunder, wenn das Mädchen nicht Opfer der Alltagsgewalt ihrer Zeit wurde. Wenige Stunde mit einer streunenden Katze, die das Mädchen zu Silvester in der Kammer erlebte, prägten sich als kaum fassbares Glück ein. Manches in den Geschichten haben tatsächlich einen Hauch des Märchenhaften. Eine plötzliche Wendung zur Rettung tritt freilich nirgends in Prinzengestalt durch die Tür. Ljudmila Petruschewskaja rettete sich selbst durch einen zähen Kampf unter den Bedingungen der jeweiligen Gegenwart und die sollten noch lange Zeit hart bleiben.

Ansichtskarte: Kinderbibliothek und Internat in Zhigulyovsk

Eine Ansichtskarte aus Schiguljowsk. / Es ist gar nicht mal so weit – schon gar nicht für russische Verhältnisse, von Samara / ehemals Kuibyschew nach Schiguljowsk. Allerdings existierte Schiguljowsk in den 1940er Jahren noch gar nicht in der Stadtform, die es heute hat, sondern wurde erst nach dem Ausbau der Ölindustrie entwickelt. Das verringert die Zahl der Gründe, in den 1940er Jahren an diesen Ort zu fahren zusätzlich und auch so lässt sich keine direkte Verbindung der Stadt mit Ljudmila Petruschewskaja ermitteln. Selbst in der auf der Ansichtskarte aus dem Jahr 1979 gezeigten Kinderbibliothek war sie bestenfalls in einer Zeitschrift präsent, wozu man freilich die Bestandsinformationen aus dieser Zeit benötigte und das wäre jetzt etwas zu viel der Recherche. Ljudmila Petruschewskaja hatte zu diesem Zeitpunkt gerade den Juri-Norstein-Trickfilm Die Geschichte der Geschichten (Сказка сказок) geschrieben, den man sich nach der Lektüre ihres Erinnerungsbuches durchaus noch einmal anschauen könnte. Ihr Durchbruch als Autorin stand noch bevor. Neben dem nicht ganz von der vor ihm liegenden Kinderzeitschrift (oder dem Fotografen) begeisterten Mädchen in der Bibliothek zeigt die Ansichtskarte die Kinderpoliklinik in der Friedensstraße (улица Мира) von Shiguljowsk, die sich, wie Google Streetview vermittelt, seit dem Zeitpunkt der Aufnahme kaum verändert hat.

Eine Besonderheit der Konstellation in der Biografie der Autorin, die sich möglicherweise als Rettungsmittel erwies, lag in der Tatsache, dass Ljudmila Petruschewskaja aus einer Ahnenreihe der damals so genannten Intelligenz stammte. Ihre Großväter waren Akademiker, ihre Großmutter wurde von Wladimir Majakowski umschwärmt. Das Mädchen Ljudmila kannte zwar kaum Klassenzimmer von innen, konnte aber früh gut und schnell lesen. Die immerhin 5000 Bände umfassende Bibliothek ihres Großvaters mütterlicherseits, dem aus Gnade und Akademie gefallenen Sprachwissenschaftler Nikolai Yakovlev, blieb ihr allerdings verschlossen:

„In the entire library I could read only one book: The Description of the of the Land of Kamchatka by Stephan Krasheninnikov. It had the sour smell of old paper. The other 4,997 volumes were in foreign languages: for example, the complete works of Goethe illustrated with Gustave Doré’s nightmarish figures with horns.“ (S.78)

Eines der Bücher, eine besondere Ausgabe des Eugen Onegin, verschwand eines Tages heimlich zu einem Buchhändler, u.a. um Ljudmila von einer Nasennebenhöhlenentzündung zu befreien. Zwar war ihre Mutter fast naturgemäß und in jedem Fall als Studentin eine begeisterte Leserin:

„she consumed mountains of books (she was majoring in literary studies) and took literature so seriously that simple reading for pleasure she considered a sacrilege.“ (S.5 f)

Wer allerdings so viel aufgeben musste, um überhaupt zu überleben, hängt am Ende vielleicht auch nicht so sehr an einer einzelnen Ausgabe, auch wenn diese einst General Alexei Petrowitsch Jermolow gehörte. Oder doch? Später, in den 1950ern, als sich die Situation halbwegs stabilisiert hatte und das Mädchen Ljudmila in der Oberschule eine weitere Prägung in Richtung Literatur durch den von ihm vergötterten und von Ljudmila Petruschewskaja in einem Kapitel des Buches zutiefst gewürdigten Lehrer Aleksandr A. Plastinin („Sanych“) erhielt, setzte bei ihrer Mutter ein deutliches Kompensationshandeln ein:

„Mama kept buying books maniacally – her entire family library had perished during the arrests – and I kept reading it.“ (S.128f.)

Und gleich darauf folgt die Würdigung der öffentlichen Bibliothek nicht nur als Lese- sondern auch als Zufluchtsort. Und als einer der Bildung obendrein:

„After school I always went to the library instead of home, where nothing good awaited me. The librarians took advantage of my addiction, and for every two books I requested, they forced me to read at least one on the school curriculum.“ (S.129)

Auf diese Weise hatte die Schülerin auch Maxim Gorkis Die Mutter gelesen, auf unorthodoxe Weise interpretiert und das Eis zu dem für sie sehr wichtigen Lehrer gebrochen. Auch hier: Die Verkettung von Umständen, ein prinzipielles Lebensthema der Schriftstellerin und natürlich waren es auch Zufälle, die sie zum Journalismus und damit weiter in Richtung dessen transportierten, was sie heute ist. Aber da sich die Bibliothek mit einer einzigen weiteren Erwähnung aus der Universitätszeit bereits wieder aus dem Erinnerungsbuch verabschiedet hat, soll dazu hier nichts weiter verraten werden. Denn zweifellos ist The Girl form the Metropol Hotel eine eindeutige Lektüreempfehlung wert. Die Kindheit der Ljudmila Petruschewskaja ist – in der Schilderung – schrecklich und märchenhaft zugleich (inklusive böser Stiefmutter), wobei das Schreckliche sich auf die unausweichlich furchtbaren und unmenschlichen Folgen aller Versuche einer totalitären Ordnung der Gesellschaft bezieht und das Märchenhafte auf diese sonderbare Kraft der Kindheit, die es offenbar schaffen kann, noch dem größten Elend Momente des Zaubers abzugewinnen.

(Berlin, 04.03.2017)

Die Bibliothek in der Literatur. Heute: In Hanns Cibulkas Swantow.

Posted in Die Bibliothek in der Literatur, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 29. Januar 2017

Ein Sonntagstext von Ben Kaden (@bkaden)

I

Im März 1989 schrieb jemand mit dem schönen nordischen Namen Olaf mutmaßlich im Uckermärkischen Templin – es findet sich die Abkürzung Tpl neben dem Datum – die erste Zeile eines der bekanntesten Lieder der DDR-Popmusik in einem schmalen Band aus der Kleinen Edition des Mitteldeutschen Verlags. „Einmal wissen dieses bleibt für immer“, popularisiert durch „Am Fenster“ der Band City, formuliert von Hildegard Maria Rauchfuß, erstveröffentlicht 1970 in dem heute schwer vergriffenen Band „Versuch es mit der kleinen Liebe“. Die Lyrikerin war bekannt für singbare und Singeklub taugliche Texte und durfte einmal gemeinsam im Auftrag des Rat des Bezirkes Leipzig mit dem Komponisten Peter Herrmann eine Kantate zu Ehren Karl Liebknechts erarbeiten. So war kurz vor ihrem Band eine Schallplatte der heute trotz Stiftung weitgehend versunkenen Schlagercombo Fred Frohberg und das Ensemble 67 mit einigen Vertonungen ihrer Texte durch die Presswerke von Amiga gegangen. „Versuch es mit der kleinen Liebe“ war beim Henschelverlag in der Kabarettabteilung untergekommen und wurde von Erika Baarmann illustriert. Im Jahr nach Erscheinen intonierte der Pionierchor Böhlen bei den 13. Arbeiterfestspielen zur Freude der Berichterstatterin des Neuen Deutschland „ein Loblied gleichsam auf die arbeitenden Menschen unserer Republik und das kostbare, verpflichtende Vertrauen der Kinder zu ihnen.“ (vgl. Pehlivanian, 1971) Die Amiga-Single von „Am Fenster“ erschien 1977, ergänzt um das zutiefst nostalgische Lied „Mein alter Freund“ und ebenso die westdeutsche Pressung bei Telefunken. Die Produktion von City war, wie auch bei ein paar anderen Gruppen, die bei der gefeierten Vorstellung von „Am Fenster“ auf der „Rhythmus 77“ im Berliner Palast der Republik aufspielten (und auch solchen die fernblieben – die Puhdys tourten gerade durch Bulgarien, dem Heimatland von City-Mitglied und Am-Fenster-Arrangeur Georgi Gogow.) buchstäblich ein Exportschlager auch ins nichtsozialistische Ausland. In Griechenland beispielsweise erreichte die Schallplatte den Status einer goldenen. Das lag nicht unbedingt nur am Text, sondern mutmaßlich weitaus mehr an der überaus stimmigen Komposition, die sich unmittelbar einprägt und zwar so, dass sie sofort erklingt, wenn man die Worte liest, hier handschriftlich in ein Exemplar der vierten Auflage von Hanns Cibulkas Swantow eingewidmet, direkt unter die Mottos, die Cibulka von Goethe und Hugo von Hofmannsthal für sein Buch wählte, was Hildegard Maria Rauchfuß sicher gefreut hätte.

Hanns Cibulka - Swantow - aufgeschlagen, mit Widmung

Einmal wissen – dieses ist für immer!? Nun ja. Für den Aufenthalt des Buches im Regal der beschenkten Person galt dies offenbar nicht. Aber vielleicht wird das Bild ja alsbald vom Crawler des Internet-Archives eingesammelt. Und dann ist zumindest die Erinnerung an die Verknüpfung von Olaf und Swantow für eine kleine digitale Ewigkeit archiviert. Für immer ist das auch nicht. Aber immerhin.

(more…)

Die Bibliothek in der Literatur. Heute: In Jonathan Franzens „Purity“.

Posted in Die Bibliothek in der Literatur, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 4. Dezember 2016

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)
(Achtung: enthält Spoiler.)

zu: Jonathan Franzen (2015): Purity: a novel. [First Picador International Mass Market Edition: August 2016] New York: Picador.

„Franzen reveals moments of absolute genius.“ notierte das Library Journal 2015 über Purity. Wir haben mit der Lektüre ein wenig gebraucht, räumen das Buch jetzt aber endlich vom Nachttisch und schließen uns nur bedingt der amerikanischen Begutachtungskultur des unbegrenzten Superlativs an. Bevor wir die Zuschreibung „Genie“ verwenden, muss nämlich doch noch einiges mehr an Finesse durchblitzen als es bei diesem zugegeben gut lesbaren und in jedem Fall vom Autor schwer erarbeiteten Zusammenbiegen von Archetypen der Gegenwart und ihrem Kampf darum, gute Menschen zu sein, geschieht. Man spürt eben doch zu oft die nicht-genialische Mühe, genug glaubwürdiges Plotgewebe über die nicht übermäßig originelle Grundkonstellation der Figuren zu werfen. Dass die als bitterarm eingeführte Hauptfigur – Achtung Spoiler – am Ende das zeitgenössische Geldwertäquivalent zu einem Königreich von einem Anwalt namens Navarre – Ach Pamplona! – de facto überreicht bekommt und einen Traumprinz mit einem zitronenliebenden Hund namens Choco dazu, ist beispielsweise doch mindestens ein Grad zu kitschig.

Auch die andere Hauptfigur, ein charismatischer Internetleaker mit ostdeutscher Dissidenzvergangenheit, dessen Widerborstigkeit gegenüber dem DDR naturgemäß persönliche Gründe hat und zwar in Rebellion gegen die tief in den Nomenklatura verankerten Eltern (hier geht jemand etwas sehr offensichtlich in ein anderes Blau), lässt die Fäden, an denen der Franzen’sche Bilderreigen aufgehängt wird, etwas sehr scheinen. Aber in jedem Fall und wie auch erwartet sind viele Aspekte und Settings mit größtmöglicher Präzision recherchiert. Damit hat er vielen deutschen Massennarrativen über das Ende der DDR wie zum Beispiel der unsäglichen Stasi-Seifenoper Weissensee einiges voraus.

Für die Reihe „Die Bibliothek in der Literatur“ lässt sich aus Purity allerdings nur wenig fischen. Es gibt eine Stelle, in der Andreas Wolf, der ehemalige Posterboy der Berliner Bürgerrechtsbewegung und mittlerweile aufstrebende Nachwuchsleaker („he’d been in the headlines for breaking the news of German computer sales to Saddam Hussein“), kurz nach 9/11 einen fragwürdigen Kontaktmann treffen möchte. Als einzigen sicheren Ort fällt ihm eine Bibliothek ein. Nämlich die des Amerika-Hauses am Bahnhof Zoologischer Garten. Allerdings weniger aus bibliothekarischen Gründen:

„Andreas agreed to meet the caller at the Amerika Haus library, where security was heavy.“ (S.610)

Was ihn erwartete, war allerdings eher harmlos: „There was a briefcase in front of him on the library table.“

Der mysteriöse Anrufer stellte sich als Andreas‘ biologischer Vater heraus, einst Kommilitone und Liebhaber seiner mit einer Parteigröße verheirateten Mutter, der folgerichtig im Stasi-Gefängnis und in der Alkoholabhängigkeit enden musste und auch nach der Wende ein Leben näher an der Armut als nach seinen Fähigkeiten zu führen gezwungen ist. Er hat einen zweiten Sohn, der schwerbehindert ist. Da seine Frau unlängst starb, muss dieser nun in einer Pflegeeinrichtung betreut werden. Die Rente reicht nicht und um Geld zu bekommen, möchte er nun ein Erinnerungsbuch mit dem sehr un-DDR-igen Titel „The Crime of Love“ veröffentlichen, erhält aber nur Absagen. Andreas soll ihm jetzt mit seinem Einfluss helfen. Dieser tut dies widerwillig, gibt ihm vorher aber noch eine Schaufel Demütigung mit:

„It was hearbreaking to see old Ossis trying to ape the thinking of Wessis, trying to master the lingo of capitalist self-promotion. „I met my son a second time, at the Amerika Haus library,“ Andreas said. „This meeting itself could be the coda to your book.“ (S.613)

Als Coca-Koda dieses Handlungsfadens steht das Buch freilich zwölf Wochen auf der SPIEGEL-Bestsellerliste und damit ist der echte Vater aus Purity denn auch verschwunden.

Es gibt nur noch ein zweites Auftauchen einer Bibliothek in Purity. Zwei weitere Hauptfiguren, die sich, Spoiler!, als die Eltern des Mädchens namens Purity herausstellen, haben sich gerade in State College, Pennsylvania kennen und lieben gelernt. Sie, Anabel, die Milliardärstochter und Veganerin macht Kunst und sucht die maximale moralische Reinheit. Er, Tom, gibt ein Campusblatt heraus, spielt Bro und versucht mehr oder weniger in seiner Maskulintätsblase damit zurecht zu kommen, dass er noch jungfräulich ist. Sie, schwer von ihrer Familie geschädigt, hat dagegen wilde Zeiten hinter sich, kann jedoch mittlerweile nur noch zum Höhepunkt gelangen, wenn gerade Vollmond herrscht. Er, dessen herzensguter Vater die bettelarme Mutter einst aus der Vormauer-DDR und einem Missbrauchsumfeld in die USA gerettet hat, kann eigentlich immer und weiß nicht so recht, wie ihm geschieht. Naturgemäß finden sich die beiden Außenseiter nach einem spielerischen Auf-und-ab.

Cover Jonathan Franzen Purity

Über der Cloud: die reine Leere? Für den Autor von Freedom soll diese Freiheit nun nicht nur nicht grenzenlos sein. Sondern sie wird eher ersetzt durch ein äußerst komplexes Netzwerk von Schuld, Moral, ein bisschen Sühne und vor allem der Grenze zwischen Wissen (Einsicht) und Nicht-Wissen (Unsicherheit). Wobei die Bibliothek, sofern sie sich nicht in Richtung der Snowden-Commons entwickelt, kaum noch das Medium ist, in dem diese Fragen verhandelt werden. Sondern bestenfalls Ort der verzweifelten Übergabe von Papier.

Die Bibliothek findet nun an der Stelle eine Erwähnung, an der der von Anabel abgrundtief gehasste Milliardärsvater die Bühne betritt:

„She went to the Free Library every weekday afternoon, because we’d decided it was healthy to be apart for some hours and she didn’t want to wait for me at home like a housewife.“ (S.495)

An einem dieser freien Bibliotheksnachmittage ruft Vater David an, gelangt ungeplant an Tom und erfährt, dass seine Tochter einen Freund hat, was ihn auch, grober Idealtyp volle Kraft voraus, deshalb erfreut, weil er nun die helfende Hand eines Mannes an seinen derangierten Nachwuchs gelegt sieht:

„Are you black?“ he said. „Handicapped? Criminal? Drug addict?“ „Ah, no.“ „Interesting. I’ll tell you another secret: I like you already.“ (ebd.)

So grob also sind die Pinsel, die Franzen für seine Figuren nutzt, was sich jedoch nach der Fernbeobachtung der USA im ernüchternden Wahljahr 2016 als bedauerlich glaubwürdig erweist. Sympathiepunkte sammeln in dieser Welt nur sehr wenige.

Es fällt generell auf, wie wenig die Bibliothek im Buch auffällt, zumal weite Strecken in einem akademischen Milieu spielen. Aber die Zeit und die auch die Medienkultur eilt offenbar Richtung online, was an einer Stelle sehr schön deutlich wird. Pip alias Purity trifft einen alternden, missmutigen und nach einem Motorradunfall gelähmten Spitzenschriftsteller in dessen Haus und dieser eröffnet das Gespräch mit einem Fragedreiklang:

„Are you a reader, Pip? Do you read books? Is the sight of so many books in a room at all frightening to you?“ (S.263)

Pip darauf eher höflich-schmallippig „I like books.“ Und sie bestätigt dem traurigen Grantler auf dessen Offensive hin, dass sie auch „Eating Animals“ gelesen hat, worauf dieser noch einmal kurz in den Raum stöhnt „So many Jonathans. A plague of literary Johnathans.“ (S.264)

Das zeigt zwei Dinge. Nämlich einerseits, welch ein ausgeglichen-sanfter Selbstironiker Franzen ist. Und zweitens, dass diese alten Dialoge der jungen hübschen Frauen mit alten Kulturpatriarchen auch lange nach Ibsen noch gepflegt werden (vgl. u.a. diesen Tweet), junge Frauen jedoch mittlerweile selbstbewusster sein dürfen. Oder besser: aufmüpfiger in situ.

Denn die Pip-Linie des Buches sind ja gerade ihre Selbstzweifel und die damit verbundenen rites de passage. Die Figur ist hochintelligent und tief verunsichert. Und sie ist durch und durch digitalkompetent, denn sie wurde im bolivianischen Shangri-La der Digitalaufklärung, also im Dschungel-Camp des mittlerweile von Regierungen aus aller Welt gesuchten Star-Leakers Andreas Wolf, zur Spitzen-Internet-Rechercheurin ausgebildet. Nach einem eigentlich vielversprechenden Einstieg in den Non-Profit-Journalismus, der aus dramaturgischen Gründen inszeniert und beendet wurde, landet sie nach der große Schleife der Identitätssuche hinter dem Tresen eines Cafés und in der Westküstenwohngemeinschaft, an der das Buch begann und ist damit gar nicht mal unzufrieden. Es gibt, wie oben angedeutet, natürlich noch einen Twist Richtung Wohlstands- und also Erlösungsversprechen, der hier aber nicht mehr referiert werden soll.

Aus einer medientheoretischen Sicht stellt man, so vielleicht ein Fazit, am Beispiel von Purity beruhigt fest, dass auch die Gegenwartsliteratur engagiert Fragen nach dem Verhältnis von Leak, Leak-Vermittlung und Leak-Folgenabschätzung erörtert. Die moralischen Herausforderungen der Gegenwart sind eben zu großen Teilen digital geprägt und es ist ein gutes Zeichen, wenn sie mittlerweile ausführlich auch in der traditionellen erzählenden Literatur verhandelt werden. Das führt vermutlich unvermeidlich zu feuilletonistischen Einsichten wie:

„The aim of the Internet and its associated technologies was to „liberate“ humanity from the tasks – making things, learning things, remembering things – that had previously given meaning to life and thus had constituted life. Now it seemed as if the only task that meant anything was search-engine optimization.“ (S. 631)

Wer solche, nun ja, Küchentischmedienphilosophie in Kauf zu nehmen bereit ist, wird mit Purity vor allem aus literarischer Sicht sicher besser bedient, als mit dem schrecklichen „I hate the Internet“ des Jarett Kobek. Und wenn man wie wir Literatur auch als Zeitspeicher begreift, dann darf man Purity als unbedingt für den Langzeitkanon geeignet einordnen. Es ist sicher in keiner Hinsicht Avantgarde. Aber es ist ein wuchtiges und grundsolides Epochengemälde, in dem, wie wir lesen konnten, Buch und mehr noch Bibliothek nur noch ein stilles Echo am Rande sein dürfen.

(Berlin, 04.12.2016)

Steven Universe besucht die Bibliothek.

Posted in Die Bibliothek in Film und Fernsehen, LIBREAS.Feuilleton by libreas on 24. August 2016

Eine Notiz von Juliane Waack (@Jules_McCloud)

„Steven Universe“ reiht sich seit 2013 in das eindrucksvolle Line-up an Zeichentrickserien ein, die klar an Kinder gerichtet sind, aber ebenso viele Erwachsene zu ihren Fans zählen. Das von Rebecca Sugar (die auch am ebenso umwerfenden „Adventure Time“ arbeitete) kreierte Showkonzept beschreibt die Abenteuer der übernatürlichen „Crystal Gems“, einem taffen Frauentrio, das zusammen mit dem Sohn ihrer ehemaligen Anführerin die Erde vor anderen, feindlich gesinnten Gems schützen. Steven Universe ist dabei nicht nur der titelgebende Held der Serie, sondern auch eine Mischung aus Gem und Mensch und vereint neben beeindruckenden Superkräften auch viel Empathie, Freude und Liebe zu Fast Food.

 

 

Nun mag man ganz erwachsen mit den Augen rollen und sich fragen, was eine derartige Kinderei auf dem LIBREAS-Blog zu tun hat, doch eine der überaus universellen Botschaften, die in der mittlerweile 4. Staffel über die Bildschirme flittern, ist die Neugier oder auch der Wissensdurst. Steven will die feindlichen Gems nicht bekämpfen, sondern kennenlernen und immer wieder geht es darum, dass das Wissen um andere Menschen, Kräfte und Weltsichten auch dazu führen kann, dass man Konflikte völlig gewaltfrei lösen kann.

 

 

Daher ist es ein kleines Wunder und vielleicht sogar ein Skandal, dass Steven erst in Episode 107 („Buddy’s Book“) zum ersten Mal die Bibliothek seiner Heimatstadt Beach City betritt.

Seine Freundin Connie bemerkt entsprechend: „Ich kann nicht glauben, dass Du zum ersten Mal ein Bibliothek besuchst. (…) Bibliotheken sind voll von Deiner liebsten Sache.“

Die Bibliothek besticht derweil durch den generischen Charme amerikanischer Kleinstadtbibliotheken, inklusive der brillentragenden, lesenden Bibliothekarin, die Stevens euphorischen Ausruf „Bücher!!!“ entsprechend klischeehaft mit einem „Psst!“ quittiert. Na gut, dass die verkniffene Bibliothekarin in einer ansonsten erfreulich klischeefreien und geradezu feministischen Cartoonserie auftaucht, darüber schauen wir einfach mal hinweg, wir wissen es ja besser.

(Berlin, 24.08.2016)

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Die Bibliothek in der Literatur: Heute in der Graphic Novel Madgermanes von Birgit Weyhe.

Posted in Die Bibliothek in der Literatur by Ben on 5. Juni 2016

Eine Notiz zu: Birgit Weyhe: Madgermanes. Berlin: avant-verlag, 2016 (Informationen zur Publikation beim Verlag)

von Ben Kaden (@bkaden)

Das die in diesem Blog (und im LIBREAS.Tumblr) gepflegte Rubrik „Die Bibliothek in der Literatur“ ihre Beispiele naturgemäß nur willkürlich zusammenwürfelt werden und zwar nach den Kriterien a) des zufälligen Kontaktes und b) der Muße, etwas aus diesem zu machen, sollte nicht entschuldigen, wie sehr eine äußerst zeitgemäße und oft beeindruckende Form der Narrativdarstellung bisher in einem blinden Fleck blieb: die Graphic Novel. Welch ein Verlust an kultureller Breite das ist, zeigt sich am Beispiel der außerordentlich sensiblen Arbeit namens Madgermanes der Illustratorin Birgit Weyhe. Woraus speist sich Erinnerung? ist die erste Zeile auf dem dritten Bild und der Erinnerungsraum, der ergründet wird, ist der von drei ehemaligen mosambikanischen Vertragsarbeiten an ihre Zeit in den 1980er Jahren und der Wendezeit in der DDR.

Das Thema an sich – mehr dazu in der Wikipedia – ist hochspannend und angesichts aktueller Vorfälle in Clausnitz, Arnsdorf, Bautzen und anderswo sehr aufschlussreich. Fremdenfeindlichkeit ist ein Muster, das trotz aller offiziellen Betonungen internationaler Solidarität und Weltniveau-Huberei als weit verbreitetes Element einer im Grunde vor allem kleinbürgerlichen und bedrückend engen DDR-Gesellschaft zu bewerten ist, aber auch, wie sich im Band später zeigt, in der alten Bundesrepublik weiterlebte, wenn auch in sublimierterer Form. In der allgemeinen Entsolidarisierung der unmittelbaren Nachwendezeit brach dieser bittere Kern besonders in Ostdeutschland nahezu ungebremst hervor (vgl. u.a. S.138ff), und erlebt heute in bestimmten Ecken der Republik (und viel zu vielen Leserkommentaren im Internet) eine piefig-aggressive Renaissance, die zeigt, dass man einerseits die Jahre von Hoyerwerda und Lichtenhagen nicht gründlich oder geschickt genug aufgearbeitet hat und andererseits, bestimmte Archaismen und digitale Vollversorgung ganz unerfreuliche Synergien entfalten können.

Birgit Weyhe schildert das Kapitel der ostdeutschen Gastarbeiteranwerbung und unrühmlichen -abwicklung anhand der Rückschau der drei (fiktiven, aber mehr oder weniger idealtypischen) Protagonisten, José António Mugande, Basilio Fernando Matola und Anabella Mbanze Rai, für die der Schritt in der DDR zum schicksalhaften Knotenpunkt wurde. Mit dem Versprechen, zur zukünftigen Elite eines kommenden sozialistischen Mosambiks ausgebildet zu werden, warb man mehr als 15.000 Mosambikanerinnen und Mosambikaner an, die meist nur den grassierenden Arbeitskräftemangel in der DDR zu kompensieren hatten. Nach Ende des Programms, das für die meisten die Rückkehr nach Mosambik bedeutete, fanden sich viele der Arbeiten, unter anderem auch José und Basilio, um einen Großteil des ihnen zustehenden Lohnes betrogen als Fremde in ihrem Herkunftsland wieder, teils beschimpft als Drückeberger (vor dem Bürgerkrieg, S.89) und oft als, da aus Europa kommend, reiche „Cousins“ mit einem ungeheuren sozialen Druck konfrontiert (S.88f, S.151f). Madgermanes schildert all das äußerst eindrücklich und erhielt völlig nachvollziehbar 2015 den Comicbuchpreis der Berthold-Leibinger-Stiftung.

Aus Sicht der Rubrik „Bibliothek in der Literatur“ ist nun die Rolle der öffentlichen Bibliotheken (Berlins) relevant, die für den introvertierteren und dadurch nicht nur von der deutschen Alltagskultur sondern auch von seinen Peers aus Mosambik mehr oder weniger isolierten José zum eigentlichen Integrationsschlüssel wird. Die Aussage „Damals hatte ich oft Heimweh.“ (S. 65) führt zu „Das änderte sich, als ich die öffentlichen Bibliotheken kennenlernte.“

Madgermans

Die Entdeckung der Bibliothek – Madgermanes, S. 66

Sehr schön und nebenbei auch Zeichen einer sorgfältigen Recherche ist der Bezug auf für die Zeit typischen Publikationen, die den Einstieg in das Lernen der deutschen Sprache bildeten: die Kinderzeitschrift Frösi, die Abrafaxe als Kerncomichelden jeder DDR-Kindheit nach 1976 (Mosaik), Longseller des Kinderbuchverlags Berlin. Nicht minder schön ist die, ebenfalls zeitauthentische, Darstellung der Bibliothekarin Frau Krause, die überhaupt nicht geeky sein muss, um dem Nutzer genau das zu vermitteln, was ihm in seiner Situation hilft, was ihn also zur Volkshochschule und damit irgendwo doch in die Richtung einer Ausbildung zur möglichen Elite eines künftigen Mosambiks bringt. Es sollte freilich alles anders kommen. Sein Heimatland blieb José wie offenbar vielen seiner Schicksalsgenossen nach der Rückkehr seltsam unvertraut. Von einer Mitgestaltung konnte keine Rede sein. Und schließlich: „Mir fehlten Kino, Fernsehen und die Bibliotheken.“ (S.90).

Auch Anabella fühlte sich in ihrem Alltag als Hilfsarbeiterin bei den VEB Gummiwerken in der Alltagswelt ihrer Kolleginnen zwischen Datsche, Petra Zieger, Polizeiruf 110 und Fußball-Oberliga „wie von einem anderen Stern.“ (S.186) Ernüchtert angesichts der Erkenntnis, dass ihr mosambikanischer Schulabschluss nicht für die versprochene Ausbildung sondern nur für das Fließband der Wärmeflaschenproduktion ausreicht und zugleich unterfordert und verunsichert angesichts einer fehlenden Perspektive nach einer Rückkehr nach Mosambik suchte sie eine Lösung. Ihr damaliger Freund José wusste, was zu tun ist: „Lass uns zu Frau Krause gehen, die kennt sich aus.“ (S. 187) Das tat die freundliche Bibliothekarin mit der gemusterten Bluse tatsächlich und lenkte sie auf den zweiten Bildungsweg aus dem Abitur, Medizinstudium und schließlich Ärztin mit deutscher Staatsbürgerschaft wurden. Anabella brachte es damit formal sehr weit, aber der Weg war sehr steinig, verlustreich und am Ende, also in der Gegenwart, bleibt die Fremdheit, das Dazwischen zwischen den Kulturen auch für diese Biografie bestimmend. Und überhaupt und insgesamt ist Madgermanes eine sehr berührende Variation über das Thema Fremdheit, Ablehnung und Suche und darüber, wie die Bedingungen die Chancen des Menschen und seiner Entfaltung prägen. „Die DDR hat mir nichts gebracht, außer der Sehnsucht nach einem besseren Leben.“ stellt Basilio in der Rückschau fest. Aber zugleich: „Und trotzdem war es die beste Zeit meines Lebens.“ (S.158f.)

Das Kapitel der Madgermanes ist wahrlich kein glückliches der jüngeren deutschen Geschichte und dazu auch in der Aufarbeitung noch ein furchtbar vernachlässigtes. Die Bibliothek (und die Bibliothekarin) immerhin zeigte(n) sich, wenn auch eher ungeplant, als Ort der Chance und der Integration, was den Sinn der aktuellen Bewegung der Asylotheken umso stärker unterstreicht und ebenso deutlich macht, wo die gesellschaftspolitischen Potentiale dieser Institution liegen. Es ist mir aktuell nicht möglich nachzusehen, wie eine eventuelle Anschaffungsempfehlung des Lektoratsdienst der ekz für diesen Band lautet. Persönlich halte ich jedoch eine möglichst weite Verbreitung in den öffentlichen Bibliotheken für sehr geboten.

(Berlin, 05.06.2016)

Kindheitswelten: Peanuts, Bibliotheken und Bürokratie

Posted in Die Bibliothek in der Literatur, LIBREAS.Feuilleton by libreas on 11. Januar 2016

von Juliane Waack (@Jules_McCloud)

Nach einem willkommenen Weihnachtsgeschenk in Form eines Bandes zur Geschichte der Charles-Schulz-Comics (Chip Kidd et al. (2015): Only what’s necessary: Charles M. Schulz and the art of Peanuts. New York: Abrams Comic Arts)  und einer daraufhin ausgiebigen Reise in die zahlreichen Lebenswelten des Cartoon-Strips stolperte ich alsbald über die nicht unerhebliche Zahl an Peanuts-Cartoons, in denen die Bibliothek und ihre Nutzung eine tragende Rolle spielen, sei es nun das Lesen von Büchern, das Konzept der Bibliothek oder der heißgeliebte Bibliotheksausweis, die Peanuts – wie wohl jedes andere prädigitale Kind – gingen zur „Bibo“.

Lesekultur der Peanuts (aus: Only what's necessary)

Leider enthält das wunderbare Comic-Geschichtsbuch „Only what’s necessary“ keinen der Bibliotheks-Strips der Peanuts. Die Handlung des Lesens ist jedoch allgegenwärtig, so auch in diesen beiden Reihen aus der Peanuts-Frühzeit des Jahres 1950. (aus dem zitierten Band)

Und auch im für Schulz sicherlich konkurrierenden, für Fans jedoch eher korrelierenden Calvin-and-Hobbes-Universum von Bill Watterson muss man nicht lange suchen, um die Vor- und Nachteile der Bibliothek als eine Lebenswelt des Kindes zu finden. Interessanterweise hebt sich in beiden Comicstrips ein ganz besonderes Thema hervor: die Idee der freien Nutzung der Bücher, die Mahngebühren und die Angst vor den mahnenden Bibliothekar/innen. Während Linus sich wundert, was die Bibliothek mit dem kostenlosen Verleihen der Bücher wohl im Schilde führt, schreibt ein verzweifelter Charlie Brown der Bibliothekarin, dass sie doch nicht seine Eltern einsperren möge, nachdem er ein Buch verloren hat. Auch Calvin erwartet die größte Folter und bemerkt – nachdem seine Mutter (im Gegensatz zu den Peanuts immer präsent) ihn über die tragbaren Mahngebühren aufgeklärt hat – trocken: „Nachdem mich die Bibliothekar/innen so angeschaut haben, habe ich irgendwie mit Schlimmerem gerechnet.“

Zugegeben, sowohl Calvin and Hobbes als auch die Peanuts erleben mehr als nur die Mahngebühren in ihrem Alltag mit der Bibliothek, doch wenn ich mich selbst an meine Kindheit erinnere, fällt mir ebenso die heißglühende Beklemmung ein, sich der verzögerten Buchrückgabe stellen zu müssen. Vielleicht ist es gar nicht so weit hergeholt, die Bibliothek als ersten (kindlichen) Ort zu wähnen, in dem ein Kind mit den Strukturen der Bürokratie – vom Ausweis bis zum Bußgeld – in Kontakt kommt. Während versäumte Fristen zuhause eher Standpauken oder genervte Eltern zur Folge haben, gibt es in der externen Lebenswelt einen ganzen Apparat (oftmals in Form von scheinbar Furcht einflößenden Respektpersonen ergo Bibliothekar/innen), der das Versäumnis ahndet und strikte Regeln zur Tilgung der „Schuld“ aufstellt, der man sich eher selten entziehen kann. Selbst in der Schule erscheint das Vergessen der Hausaufgaben oder der verpatzte Test etwas zu sein, das letzten Endes im Elternhaus „vor Gericht“ kommt. Nur die Bibliothek entzieht sich der rein familiären Schuld-und-Sühnefrage und stellt selbst für die minderjährigen Nutzer konkrete Regeln auf, die streng zu befolgen sind.

Warum sich der Gang in die Bibliothek dennoch lohnt, wird sowohl bei den Peanuts als auch Calvin and Hobbes klar: eine Unabhängigkeit des Wissens sowie durch das Wissen. Sally ist ganz überwältigt, dass es diesen Ort gibt, an dem man ihr – einem kleinen Mädchen – einfach so ein Buch über Sam Snead (ein Golf-Star der 1940er Jahre) aushändigt, während Calvin in einer Strip-Reihe versucht, „verbotene“ Lektüre über die Bibliothek zu beziehen (über hausgemachte Bomben, Schimpfwörter und Graffiti). So kann die Bibliothek mit einigem Biegen und Brechen sehr wohl als Raum und Metapher des Erwachsenwerdens gesehen werden: mit den gewonnenen Freiheiten gehen auch neue Verantwortungen einher und die Unabhängigkeit bedeutet auch immer ein Stück Unsicherheit, wenn es um die Konsequenzen des eigenen Handelns geht.

Die Bibliothek in der Literatur. Heute: Der postsozialistische Tanz um die Kraft des Buches bei Mikhail Elizarov.

Posted in Die Bibliothek in der Literatur, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 16. Juni 2015

Eine Notiz zu

Mikhail Elizarov: The Librarian. London: Pushkin Press, 2015. (Informationen zum Titel beim Verlag)

von Ben Kaden (@bkaden)

Spuren der Institution Bibliothek in der Literatur sind bekanntlich ein beliebtes Nebenthema wenigstens von Teilen der LIBREAS-Redaktion. Dass wir dann auch mit Freuden die dieses Frühjahr publizierte Übersetzung (durch Andrew Bromfield) von Mikhail Elizarovs nicht unumstrittenen aber umso populäreren Romans The Librarian [Библиотекарь. Москва : Ad Marginem, 2007] einem Close Reading unterziehen, versteht sich von selbst. Allzu bibliothekarisch ist das von erheblicher und sonderbar archaischer Brutalität und nicht wenig Wahnwitz geprägte Geschehen um den „Bibliothekar“ Aleksei nicht. Umso konsequenter geht es jedoch in diesem so und so fantastischen Roman um Bücher und die in diesen wie auch immer codierte Macht. (more…)

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Die Bibliothek in der Literatur. Reed Gračevs Disput über das Glück.

Posted in Die Bibliothek in der Literatur, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 29. Oktober 2014

von Ben Kaden (@bkaden)

I

Es gibt auf dem deutschen Buchmarkt (und vermutlich muss man sagen: in der deutschen Buchkultur) vermutlich nichts, was die russische Literatur so wunderbar entfaltete wie die Zusammenarbeit der Friedenauer Presse mit dem Übersetzer Peter Urban. Hätte es sie nicht gegeben, fehlten uns nicht nur fantastische Ausgaben im Regal. Wir wüssten vermutlich auch sehr wenig über Daniil Charms und so gut wie nichts über Leonid Dobyčin (vgl. auch hier) und schon gar nichts über Reed Gračev (Рид Грачев). Dessen Texte in der jüngst erschienenen Zusammenstellung zu einem Band mit dem denkbar schlichten Titel „Tomaten“ wird das letzte Produkt dieser wunderbaren Kooperation sein, denn Peter Urban starb im Dezember 2013.

Die Übersetzungen zu Gračev, der auch in Russland gerade erst ein wenig wieder entdeckt wird, erarbeitete Peter Urban bereits schwer erkrankt, wie die Herausgeberin des Bändchens, Brigitte van Kann, in ihrem Nachwork ausführt, das zugleich mutmaßlich der erste deutschsprachige Text über Gračev und dessen Biographie sein dürfte. Das schmale und wie bei der Friedenauer Presse üblich haptisch hochwertig broschierte Bändchen enthält nun mit der Erzählung „Disput über das Glück“ einen der wunderbarsten Texte mit Bibliotheksbezug, die uns dieser Literaturherbst hinblättert.

Reid Gracev - Tomaten. Erschienen 2014 in der Friedenauer Presse

Das Glück ist tomatenrot, ein wenig angestoßen und eventuell auch etwas traurig. So jedenfalls könnte man einen Beitrag zu einem entsprechenden Disput als These formulieren und zwar exakt deshalb, weil sich Glück hier auf das Empfinden bezieht, das einen umfängt, wenn man die wunderbare und hier sichtbar durch entsprechenden Gebrauch gezeichnete Ausgabe der Tomaten hinter sich (=gelesen) und vor sich (=nach dem Lesen) liegen hat.

Wie auch in den anderen Erzählungen geschieht in der 1961 (im Original: Диспут о счастье) erstpublizierten mehr Betrachtung als Kurzgeschichte auf den ersten Blick gar nicht so viel: einer Bibliothek vermutlich im Puschkin-Lyzeum von Zarskoje Selo (im daneben liegenden Katharinenpark beschäftigt sich der Wind mit dem Bewegen der Bäume, über dem Schulgebäude beschäftigt sich ein Flugzeug mit dem Steigflug) treffen ein Dutzend Senioren und eine unbestimmte, kleine Zahl Soldaten aufeinander, um sich zu erläutern, was das ist, dieses Glück. Die Gastgeberin ist die Bibliothekarin und ihr gegenüber tritt eine weitere Frau als Gegenfigur auf, die „in einer strengen Jacke“ und mit „ernstem Blick“ zunächst die Rolle einer Beobachterin übernimmt und zugleich bei der Bibliothekarin ein Kreisen eines eigenen Glückskonzeptes anregt. Zwei vereinzelte Personen stehen zwei Gruppen – den Alten und den Jungen – gegenüber, begleiten deren Glücksvorstellungen ohne jedoch selbst in den Disput einzugreifen und ohne sich diesen Glücksentwürfen anzuschließen.

Das Glück der Bibliothekarin ist nichts, auf das man zustrebt. Es ist vielmehr – die „bleiche Sonne vor dem Fenster“, das „Rauschen der Bäume im Park“, die „Soldaten mit ihren rosigen Gesichtern und den Schiffchen auf den Knien“ – ein ganz tiefes bescheidenes Daseinsglück, eine Einsicht die sie durchaus gern mit den Anwesenden und der Fremden in der Ecke teilen würde. Sie meint jedoch „es sei besser nichts zu sagen, denn man könnte sie missverstehen, und die unbekannte Frau hätte womöglich ihre eigenen Vorstellungen vom Glück und ihr könnte missfallen, was die Bibliothekarin dachte.“

Die Anwesenheit des undurchschaubaren Beobachters verhindert die Aussage: Wo man missverstanden oder Missfallen erregen kann, da sollte man also schweigen. Oder, wie zu Flucht oder Tarnung, darüber hinweg sprechen, „[u]nd die Bibliothekarin sagte die üblichen Worte, die Bibliothekare zu sagen haben, wenn sie Dispute über das Glück eröffnen.“

Wobei dies erstaunlicherweise in der Gegenwart so selten vorkommt, dass man als am „üblichen“ ein Sekunde länger als eben üblich hängen bleibt und zu meinen versteht, wohin Reed Gračev seine Bibliothekarin und damit uns lenkt. Hilfreicher ist es womöglich sogar noch, wenn man weiß, dass Dispute über das Glück in der Lyrik des eben in Zarksoje Selo geborenen Sohn Anna Achmatova vorkommen. Lew Nikolajewitsch Gumiljows Leben war in Stalins Sowjetunion zwar typisch aber völlig fernab von dem, was man landläufig als glücklich bezeichnen würde: früher Verlust des Vaters durch politische Gewalt, mehrfacher Ausschluss vom Studium, Verbannung nach Norilsk, Weltkriegsteilnehmer, denkbar hohe Hürden für die wissenschaftliche Arbeit, zeitweise Zuflucht im Bibliothekarsberuf, wieder Lagerhaft, wobei er dort immerhin das Glück hatte, wenigstens zeitweise in die vergleichsweise erträgliche Rolle des Bibliothekars der Lagerbibliothek zu gelangen. Insofern war, wie für viele Intellektuelle und intellektuelle Dissidenten seiner Zeit die Bibliothek ein zentraler Ort und bereits in seiner Kindheit häufiger Gast in der Stadtbibliothek seiner Kindheitsstadt Beschezk. Das Gedicht „Disput über das Glück“ ist, soweit ich sehen kann, nicht exakt datiert, entstand aber vor 1940, denn da hatte es seine Kommilitonin an der Leningrader Universität, Tatiana Stanyukovich, schon im Notizbuch. Gumilev vereinigt in seinem Disput-Gedicht acht Glückskonzepte, die Dschinghis-Kahn bei einigen seines Heeresführer abfragt und zusammenfasst. Am Anfang steht dort ein Falke und am Ende ein Dolch und zwischendurch liest man von Pferden und Mädchen, also all dem, was bedeutsam war, für die Männer der Inneren Mongolei. Glück ist überall Entwurf. Die Realität ist Verlust und Bedrohung und eventuell: Hoffnung.

II

Was war nun Glück für den jungen Reed Vite, dessen ungewöhnlicher wirklicher Vorname – er bekam noch einen Iosifovič dazu – unschwer erkennbar einen Faden zu dem Journalisten und Kommunisten John Reed zieht, dem 1919 in den USA die Anklage wegen Hochverrats drohte, vor der er nach Moskau flüchtete und es ist einer dieser eigenwilligen Züge der Weltgeschichte, dass sie ihre Motive immer wieder wiederholt, wenngleich Edwards Snowden nun wirklich kein Kommunist ist. Reed starb jung (mit 33) an Typhus im Land seiner Ideale und bevor er die Garstigkeiten Stalins (der immerhin Reeds Beschreibung der Oktoberrevolution Ten Days That Shook the World verbieten ließ, weil er seine eigene Rolle darin zu wenig gewürdigt sah und Trotzkis zu sehr) erleben konnte und wurde in einem Ehrengrab an der Kremlmauer beigesetzt. Gračev wurde deutlich älter und starb nach herben Erfahrungen des Breschnew-, Spät- und Postsozialismus‘. Jemand hat seinen Grabstein fotografiert und ins Internet gestellt.

Reed Vite verlor beide Eltern bei der Blockade Leningrads und durchlief eine Kindheit in Waisenhäusern und in der, mehr oder weniger, Obhut von Verwandten. Die Elternlosigkeit und die Sehnsucht nach seinen Wurzeln werden später Zentralmotive seiner Geschichten. Er galt als äußerst talentiert, versuchte sich an einer Übersetzung von Camus Der Fremde und übertrug Saint-Exupery ins Russische bevor er ab 1959 nach Abschluss seines Journalismusstudiums bis in die späten 1960er Jahre eine konzentrierte und innerhalb der Leningrader Literaturlandschaft sehr nachhaltig wirkende, unumstritten großartige Prosa schrieb. In Erinnerung an seine Mutter, die Journalistin Mauli Arsenjevna Vite, die ihre Artikel mit dem Nachnamen ihres Vaters unterzeichnete, nannte er sich Gračev. Irgendwann in den frühen 1960ern entstand ein Foto, dass ihn mit Andrej Bitov, Aleksandr Kushner und Jakov Gordin zeigt – die frühe nachstalinistische Sowjetunion in Leningrad schien nicht der schlechteste Startpunkt für einen jungen Schriftsteller gewesen zu sein, was auch Brigitte van Kann in ihrem Nachwort zu Tomaten betont. Für das Publizieren wäre Moskau besser gewesen. Leningrad hatte dafür die Gorozhane (Die Urbanisten), das Café Saigon am Newski Prospekt, eine wildere Samisdat-Kultur und eine Institution namens LITO, eine offizielle aber vergleichsweise wenig reglementierte lokalen Schriftstellervereinigung, in der sich Gračev engagierte und die zunächst als Sprungbrett zu funktionieren schien. Er galt bald weithin als einer der literarischen Hoffnungsträger seiner Generation. An dieser Stelle hatte er zugleich, was vermutlich niemand ahnte, den Höhepunkt seiner Schriftstellerlaufbahn bereits erreicht.

Dass seine Wirkung weitgehend auf seinen engeren Kreis, oft dem um Lidiya Ginzburg , der sich in Gračevs Wohnung in der Scheljabow Straße traf, begrenzt blieb, lag nicht an die Qualität der Texte – wie die nun auch auf Deutsch vorliegende Sammlung eindrücklich unterstreicht. Sondern daran, dass er kaum gedruckt wurde. Ein Manuskript lag seit 1962 beim Verlag, ein Vertrag war unterschrieben und er hoffte darauf, publiziert zu werden. Aber in der zweiten Hälfte der 1960er bricht die Perspektive allmählich. Krankheit und Armut sind die beiden Koordinaten, in denen er sich gefangen sieht. Die Publikationsmöglichkeiten schwinden in der sich wieder straffenden Kulturpolitik der Sowjetunion weiter. Er verbringt Zeiten in psychiatrischen Kliniken. Dass ihm Joseph Brodsky 1967 bescheinigte, der beste russischsprachige Schriftsteller dieser Zeit zu sein, half nicht. Im selben Jahr erscheint ein massiv zusammengekürztes Prosabändchen, was Gračev, wie Bitov und Gordin in der Rückschau berichteten, keinesfalls als Glück, sondern als reine Demütigung empfand. Gde tvoi dom? – Wo bist Du zu Hause? war der Titel, es gab ein graues Holzschnittcover und eine Auflage von immerhin 30.000. Die Geschichte vom Disput über das Glück ist darin nicht enthalten, wohl aber das auch in Tomaten übersetzte Meisterstück der Suche nach Heimat oder Ankunft „Der Zahn tut weh“. In den 1990ern wird er erstmals umfassend gedruckt, aber es kommt zu spät. Ausgerechnet 1994, in dem Jahr, in dem sein Werk erscheint, verliert er seine Wohnung und ist zeitweilig obdachlos. Er wird entführt und verliert ein Bein. Am 01. November 2004 stirbt er in St. Petersburg. Die wenigen Fakten, die sich über sein Leben zusammentragen lassen, verweisen nirgends auf Glück. Aber vielleicht liegt es doch irgendwo verborgen und möglicherweise zeigt sich in der Bibliothekarin aus Zarskoje Selo, immerhin erschaffen von Gračev, doch eine Ahnung davon.

III

Der Disput in der Bibliothek am Katharinenpark ist genau genommen keiner, denn die RentnerInnen erkennen trotz aller unterschiedlichen Annäherungen an das Thema, „das sie alle glücklich waren oder glücklich gewesen waren, und als sie das erfuhren, bekamen die alten Frauen und Männer einen rosigen Hauch im Gesicht und sahen von fern den Jungen ähnlich.“ Am Anfang steht in der Retrospektive aufs Glück die Arbeit, dann folgt die Freundlichkeit (eines Mediziners) und schließlich die Distanz zu den Spießbürgern, was sicher alles bedeutsam war in der Sowjetunion von 1960. Das Glück ist, alles in allem, allen dasselbe.

Die Soldaten tragen zur Diskussion nichts bei, halten geduldig äußerlich die Fassung und streben innerlich zum Kino, also, wenn man so will und wenn es gut läuft, zur Perfomativität des Glücks. Wobei es gar keine Alternative zu geben scheint: „Vor allem lächelten sie. Und wer nicht lächelte – lachte. Und wer nicht lachte – sang.“ Das Glück ist, alles in allem, allen dasselbe.

Die Frau (die Fremde) in der Ecke bleibt undurchschaubar, fast bedrohlich. Ihre Jacke ist erst „streng“, dann „seriös“, dann „düster“, dann „schwarz“ und schließlich „unansehnlich“. Sie durchläuft eine kleine Karriere vom Ernsten zum Schäbigen und zwar in den Augen der irritierten und nach außen hin ebenfalls ganz teilnahmslos wirkenden Bibliothekarin, die erst zum Fenster in die „rote“, also sinkende, nicht mehr „bleiche“, also etwa zwei Stunden früher hoch stehende, Sonne sah und dann – Klammer zu – „die üblichen Worte [sagte], die Bibliothekare sagen, wenn sie Dispute über das Glück beenden.“ Wie bewusst die Formulierung „den Disput beenden“, also mit einem Machtwort schließen, gewählt ist, mag man vermutlich erst in Rückgriff auf das Original entscheiden. Die Frau mit der Jacke hört sich an, was über das Glück gesagt wird, macht sich Notizen, schaut streng auf die, die reden und verschwindet, ohne etwas jenseits der Strenge über sich und ihre Interessen erkennbar werden zu lassen. Auf einmal ist sie aus dem Blick. Die Besucher des Disputs verabschieden sich und auch die Bibliothekarin ist frei. Alle gehen ihrer Wege, auf die Straße.

Die Besucher erfreuen sich nun und dort am sichtbaren Gegenwartsglück der „fortschrittlichen Sowjetjugend“, das sie jeweils aus ihrer Perspektive und für sich immer richtig ausdeuteten. Die jungen Menschen selbst „waren einfach jung, waren einfach schön und waren trunken vor Glück. Sie gingen einfach ins Kino.“

Auch die Bibliothekarin sieht all dies und das Glück der Jugend, diesem Idealalter des Sozialismus und würde sich, wenn sie könnte, womöglich sogar einreihen, ins Kino gehen und lächeln. Es geht nicht.

„Aber sie war nicht mehr jung und wusste was Glück ist. Deshalb beschloss sie, es niemandem zu sagen.“

Ihr Glück ist so sinnlich wie vergänglich. Was die Bibliothekarin eingangs über das Glück denkt, wiederholt sich. Es sind die rauschenden Bäume, die sinkende Sonne, es ist auch, vielleicht, das ungefilterte, auch unwissende Glück der Anderen (das Lächeln, das Lachen, das Singen) und das steigende Flugzeug. Es steigt über die gesamte Geschichte. Am Ende dreht es sich weiter durch den Himmel „zu einer rostbraunen Wolke“ hinauf. Das ist eigentlich alles.

(19.10.2014)

Quellen

Reed Gračev (2014) Tomaten. Acht Erzählungen. Aus dem Russ. übers. von Peter Urban. Hrsg. und mit einem Nachw. von Brigitte van Kann. Berlin: Friedenauer Presse (Seite zum Buch beim Verlag)

Рид Грачев [Reed Gračev] (1967) Где твой дом : Рассказы. Москва Ленинград : Сов. писатель, 1967

Carol Ueland (1999) Unknown Figure in a Wintry Landscape: Reid Grachev and Leningrad Literature of the Sixties. The Slavic and East European Journal. Vol. 43, No. 2, S. 361.-369. DOI: 10.2307/309550

Über die Diskursfigur des Niedergangs.

Posted in Die Bibliothek in der Literatur, LIBREAS.Debatte by Ben on 9. Januar 2014

Eine Kritik zu Colin Robinson: The Loneliness of the Long-Distance Reader. In: New York Times, January 5, 2014,  SR6. online

von Ben Kaden / @bkaden

I

In der ersten Wochenendausgabe der New York Times des Jahres 2014 veröffentlichte der Verleger Colin Robinson (OR Books) einen Artikel über Stand und Perspektiven der Lesekultur. Dies betrifft selbstverständlich zunächst die Lesekultur der USA, die sich zum Teil doch deutlich von der in Europa bzw. Deutschland unterscheidet. Bestimmte Trends schlagen allerdings auch hier durch. Der „staccato communication of the Internet“ kann man sich jedenfalls auch hier kaum entziehen. Kurz zusammengefasst lautet seine Einschätzung, dass sich auf dem Literaturmarkt eine Art Matthäus-Effekt abzeichnet („Rich get richer.“), dass es für die Leser zuviel Auswahl (und damit Rauschen) und zu wenige Filter gibt (Ein Indikator: „The New York Times Book Review is now just a third of the length it was in its 1970s heyday.“) und dass daher zwischen Nische und Blockbuster wenig überleben kann:

„In this bifurcation, the mid-list, publishing’s experimental laboratory, is being abandoned.“

Ob das stimmt, wird er am besten wissen, entscheidet er doch als Verleger bei jedem Titel, auf welches Pferd er setzt bzw. welches Buch er macht. Mir geht es hier nur um einen kleinen Aspekt seiner Überlegungen. In einer Passage beschreibt Colin Robinson, wie er die Lage der Bibliotheken in den USA:

image

Seiner Ansicht nach entspricht die Rolle der Bibliotheken ähnlich der der Literaturkritik, Lesern eine Orientierung in der Vielfalt der verfügbaren Publikationen zu geben. So wie unabhängige Buchhandlungen verschwinden und die New York Review of Books zwei Drittel ihres Umfangs verliert, trägt entsprechend auch der Niedergang des Bibliothekswesens dazu bei, dass, wenn man so will, Ranganathans Formel „every book his/her reader“ nicht mehr greift.

II

Die verlinkten Quellen sind (1.) der State of America’s Libraries Report 2012 der ALA und (2.) die im Weblog der Oxford University Press präsentierten Ergebnisse des Zensus Librarians in the U.S. from 1880-2009 von Sydney Beveridge, Susan Weber und Andrew A. Beveridge (2011). Die Metapher vom Bibliothekar als Tankwart des Geistes stammt aus Richard Powers Wissenschaftsromanze Gold Bug Variations aus dem Jahr 1991.

Der Abschnitt lautet:

„I used to break up the routine of human contact. Librarian is a service occupation, gas station attendant of the mind. In earlier age, I might have made things. Now I only make things available. Another blit of the bulge of the late-capitalist job curve. […] By the millenium half of all service professionals will specialize in processing data. My Question Board then, is both living fossil and meta-mammal.“ (S.35, zitiert nach der Ausgabe von HarperCollins aus dem Jahr 1992)

Abgesehen davon, dass der Bibliothekarsberuf daher nicht unbedingt eine besonders anerkennende Zuschreibung erfährt, wird die – in ihrer Prognose erstaunlich zutreffende – Ansicht dort natürlich von der Protagonistin, der Auskunftsbibliothekarin Jan O’Deigh, getroffen, und zwar aus Gründen, die dem Plot dienen sollen. Sie muss daher nicht notwendig Richard Powers‘ Verständnis der Profession repräsentieren. Was als Nebentatsache sehr erstaunt, ist, dass Richard Powers diesen Zeilen in exakt dem Zeitraum verfasste, zu dem die Zahl der BibliotekarInnen in den USA ihr Allzeithoch erreichte.

Bekanntermaßen ist Richard Powers, wenn es um Fakten geht, äußerst genau:

„The day is easily recreated. Everything about September, 23, 1983, is on microfiche or magnetic disc. Only ask one of the quarter million librarians in the country – 85 % women – for help in retrieving it.“ (S.161)

Diese Werte decken sich weitgehend mit denen des oben erwähnten Zensus (vgl. diese Grafik).Dennoch gibt es auch hier naturgemäß eine Differenz zwischen statistischen Werten und einer subjektiven Einschätzung einer Romanfigur.

Man darf folglich durchaus fragen, ob es zulässig ist, die Position einer Romanfigur als Basis für eine allgemeine Aussage über die Wirklichkeit zu benutzen. Es bleibt der Verdacht, Colin Robinson hätte einen guten Gewährsmann (den Erfolgsschriftsteller) und ein griffiges Detail vor allem gebraucht, um seiner These zusätzlich rhetorische Rotation zu verleihen. Das Schöne an der Metapher eines Tankwarts des Geistes bleibt, dass sie so stimmig scheint. Denn auch an den Zapfsäulen wie bei der Informationssuche bedienen wie heute selbst den Einfüllstutzen bzw. Suchmasken. Wobei die Treibstoffwelt den Vorteil hat, uns nur sehr wenige Wahlmöglichkeiten aufzubürden. Andererseits ist der menschliche Geist auch nicht auf die Funktionalität eines Verbrennungsmotors reduzierbar…

Wenn Colin Robinson also in der New York Times zwei hemdsärmlig verknüpfte Statistiken nicht gerade zielgenau verlinkt und dazu die sachlich bestenfalls begrenzt überzeugende Selbsteinschätzung einer Romanfigur als Maßstab zum Beleg seiner These nimmt, dann entstehen fast unvermeidlich Zweifel an der argumentativen Belastbarkeit des Gesamttextes.

III

Es ist selbstverständlich nicht zu leugnen, dass Bibliotheken bei Einsparkämpfen besonders weiche Ziele sind. Häufig genug wird zudem verkündet, sie seien durch die Informationstechnologie zu Auslaufmodellen geworden (vgl. dazu auch hier) und das Berufsbild „Bibliothekar“ führe in eine Sackgasse.

Es verblüfft jedoch einigermaßen, wenn Diskursakteure wie Colin Robertson, dem offensichtlich an einer vitalen Lese- und damit mutmaßlich auch starken Bibliothekskultur gelegen ist, derart kleinmütig und vielleicht sogar ungeschickt in bestimmte Stimmungen einschwingen, denen man auch anders und selbstbewusster entgegen schreiben könnte.

Schon ein zweiter, nämlich qualitativer Blick sowohl auf die Bibliotheks- wie auch auf die Literaturlandschaft zeigen, dass allzu allgemeine Schlüsse gern ins Leere laufen. Bestimmte Transformationseffekte (Digitalisierung, Vernetzung) betreffen zwar nahezu alle Bibliotheken. Aber die Wirkungen wie auch der Umgang mit diesen Veränderungen  sind so vielfältig wie die Handlungsrahmen der jeweiligen Bibliotheken und zugleich, nach welchen Maßstäben auch immer gemessen, unterschiedlich erfolgreich.

Das Problem der Kommunikation über die Gegenwart und Zukunft des Bibliothekswesens liegt meist gar nicht so sehr in dem, was tatsächlich geschieht, sondern in der Tendenz schematischen Denken und Schließen sowie im oberflächlichen, unkritischen, daher bisweilen falschen Übernehmen von Allgemeinplätzen und weitläufig auslegbaren Statistiken. Das Problem, dass sich für die Bibliotheken praktisch daraus ergibt, ist, dass in einer diskursökonomisch stratifizierten Kommunikationswelt Entscheidungsträger prominent platzierte und einfache Stellungnahmen bisweilen lieber zur Meinungsbildung heranziehen, als sich der Mühe einer zusätzlichen Differenzierung auszusetzen. Wenn Kathrin Passig in der ZEIT verkündet, dass die Zeit der Bibliotheken vorbei ist, ist der Einschlag in der Öffentlichkeit riesig. Und wenn man Pech hat, dann entwickeln sich haltlose Zuschreibungen wie „Papiermuseum“ memetische Qualitäten.

Die Stakkato-Kommunikation, die auch die großen Qualitätsmedien sehr intensiv füttern, verlangt wahrscheinlich zwangsläufig nach simplifizierten und drastischen Aussagen. (Weshalb Colin Robinsons Titel The Loneliness of the Long-Distance Reader gar nicht verkehrt ist. Solche Leser finden im Twitterversum eher nicht, was sie suchen. Aber wenn sie dort suchen, suchen sie eben auch an der falschen Stelle. Und wenn man sie im Gegenzug selbst doch sucht, ist auch das aller Wahrscheinlichkeit vergeblich.)

Tatsächlich arbeiteten, laut dem zitierten Zensus, 2009 in den USA nur „noch“ 212.742 BibliothekarInnen, verglichen mit 307.273 am Vorabend des Internets, nämlich 1990. Damit bewegt man sich in etwa auf dem Stand von 1970. Spannend wäre es, zu untersuchen, inwieweit die rasante Steigerung in den Jahren 1970 bis 1990 mit dem Ausbau des Fachinformationswesens und der zunehmenden ökonomischen Bedeutung der Ressource Information  in Beziehung gesetzt werden kann und ob folglich die betroffenen Stellen überhaupt mit der von Colin Robinson diskutierten Frage der Lektürevermittlung durch (öffentliche Bibliotheken) in Zusammenhang stehen. Immerhin bemerken die AutorInnen des Zensus-Berichts:

„Thus a large fraction of the decline in the number of librarians has come from their decline in the non-public sectors.“

was ebenfalls die Deutung zulässt, dass vor allem viele Institutionen und Unternehmen ihre Reference Services drastisch abgebaut haben.

Und schließlich ist eine Branche mit 200.000 Beschäftigten auch nicht gerade klein.

Was den ähnlich oft analog verkündeten Niedergang des Buches betrifft, entdeckt man übrigens, dies nebenbei, aktuell in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung eine ganz beruhigende Aussage des neuen Hanser-Verlegers Jo Lendle:

„Und Bücher sind mächtig wie eh und je. Die großen Diskussionen gehen fast immer von Büchern aus, da können die Talkshows reden, so viel sie wollen. Und bei allem Jammern: Der Buchmarkt macht in Deutschland so viel Umsatz wie Kino, Musik und Computerspiele zusammen, fast zehn Milliarden Euro im Jahr.“

Dem kann man vielleicht entgegenhalten, dass sich die Situation, besonders in des Buchmarkts, in den USA nicht mit der in Deutschland vergleichen lässt. Aber offenbar setzte der arg von der Konkurrenz bedrängte stationäre Buchhandel in den USA (ohne die Ketten Barnes & Nobles und Books-A-Million) 2012 immerhin auch noch 5,76 Milliarden Dollar um (Quelle). Für eine Branche, die vermeintlich schon in den Abgrund stürzt, scheint das gar nicht so schlecht.

Eigentlich hätte Colin Robinson schließlich am Ende der Präsentation des Zensus eine für die Bibliotheksprofession in den USA  fast zuversichtliche Aussage auffallen müssen. Die Autoren schließen nämlich mit dem Satz:

„That decline seems to have slowed substantially since 2000, as librarians adjust to and find new roles in the internet age and the extensive increase in information that it has brought about.“

Nun könnte man aus den neuen Rollen tatsächlich folgern, dass sich BibliothekarInnen in ihrer Berufspraxis kaum mehr als Lektüreratgeber für eine Zielgruppe verstehen, die ihr Leseentscheidungen mehr an Goodreads-Rezensionen ausrichtet. Allerdings waren Bibliotheken, was Richard Powers Reference Librarian ja deutlich zeigt, bereits schon länger weitaus mehr als Navigatoren durch die Listen mit literarischen Neuerscheinungen. Und doch zeigt sich selbst dieser Zweig bibliothekarischer Angebote recht lebendig. So konnte sich Douglas Rushkoff, Autor des OR Books-Titels Program or Be Programmed: Ten Commands for a Digital Age, nur im hervorragenden BOOKFORUM präsentieren (und sein Buch auch sonst weithin von der Literaturkritik besprochen) sondern erhielt immerhin erst gestern die Gelegenheit, seinen neuen Titel vorzustellen – in der Mid-Manhattan Zweigstelle der New York Public Library.

09.01.2014