LIBREAS.Library Ideas

Makerspace: Was passiert in ihnen? Was könnte in ihnen passieren? Zwei Studien

Posted in LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 4. April 2019

Karsten Schuldt

Zu: Angela Calabresse Barton ; Edna Tan: „STEM-Rich Maker Learning: Designing for Equity with Youth of Color”. New York: Teachers College Press, 2018

Sarah R. Davies: „Hackerspaces: Making the Maker Movement”. Cambridge; Malden: Polity Press, 2017

 

 

Makerspaces – obwohl Bibliotheken jetzt schon seit einigen Jahren mit ihnen experimentieren, sie einrichten und auch wieder schliessen, sie in Veranstaltungen ausprobieren, institutionalisieren und eigentlich schon viele Erfahrungen vorliegen, scheinen sie für Bibliotheken doch immer noch viele, viele Versprechen mitzubringen. Immer wieder und wieder machen sich (Öffentliche) Bibliotheken Gedanken, ob sie mit Makerspaces innovativer, zukunftsgewandter, besser, neuer sein können. Diese Versprechen scheinen selten überprüft zu werden und auch eher aus Vorstellungen über Makerspaces und was in diesen passiert gespeist zu werden, als aus der Realität in wirklich existierenden Makerspaces.

In den letzten beiden Jahren sind in Buchform zwei tiefergehende Studien publiziert worden, welche sich aber gerade dieser Frage widmen: Was passiert in Makerspaces tatsächlich? Die eine als eher ethnolographische Studie über normale Maker- und Hackerspaces in den USA, die andere als Action Research über einen spezifischen Makerspace für Jugendliche in einem Community Center in einer sozial benachteiligten Gemeinschaft, ebenso in den USA. Beide liefern einen Einblick, der unter anderem viele Hoffnungen, die sich Bibliotheken auf Makerspaces und ihre Wirkungen machen, bezweifeln lässt – was aber gleichzeitig, wenn sie genutzt werden, auch heissen kann, dass die Makerspaces, die Bibliotheken bauen, realistischer geplant und betrieben werden könnten, wenn man beim Planen und Hoffen auf die Erkenntnisse aus diesen Studien zurückgreifen würde. Beide sollen hier kurz vorgestellt werden.

Der Hackerspace als Raum eines spezifischen Menschenschlages

In einer der beiden Studien, „Hackerspaces: Making the Maker Movement”, untersuchte Sarah R. Davies (zusammen mit Dave Conz) ein Dutzend Makerspaces in den USA, allerdings schon 2012. Die Auswertung dauerte länger, vielleicht hat sich jetzt einiges verändert.1 Trotzdem ist es eine tiefergehende Untersuchung. Die besuchten Einrichtungen wurden genauer untersucht, die erhobenen Daten genauer ausgewertet, als in einfachen Berichten. Der Blickwinkel dieser Auswertung war ein ethnographischer, also einer, der danach fragte, wie die Makerspaces als Gemeinschaft und als sozialer Raum funktionieren. Davies und Conz beschränkten sich dabei nicht auf eine kleine geographische und inhaltliche Auswahl, sondern versuchten, möglichst viel abzudecken, auch möglichst viele unterschiedliche Daten zu erheben. Einzige Einschränkung ist, dass sie Makerspaces untersuchten, die für sich alleine existierten. Zwar wird erwähnt, dass Schulen und Bibliotheken auch Makerspaces aufbauen würden, aber die mit einzubeziehen wäre zu viel gewesen.

Hackerspaces, so wird am Anfang betont, sind motivierend, wenn man sie das erste Mal betritt. Sie vermitteln den Eindruck von emsiger Tätigkeit und Offenheit. Aber, so lässt sich schnell sehen, so einfach ist es dann doch nicht. Was die Makerspaces in der Studie eint, ist, dass sie sich zwar alle grundsätzlich als offen verstehen, als leicht zugänglich und auch einem Diskurs von Innovation, Bildung und Demokratisierung folgen, es bei näherem Hinsehen doch nicht sind. Davies verweist mehrfach auf den Widerspruch zwischen dem Diskurs – der auch nicht unbedingt von den Makerspaces selber produziert wird, aber den sie bedienen – und der Realität.

Die Personen, welche die Makerspaces wirklich nutzen, sind viel eher an individuellen Projekten und Erfahrungen interessiert. Sie wollen für sich lernen, etwas ausprobieren und so weiter. Diese Interessen treiben ihre eigene Beteiligung an den jeweiligen Makerspaces, nicht oder nur sehr im Hintergrund übergreifendere Interessen. Solche eigenen Interessen sind dann auch die soziale Eintrittskarte in die Communities der Makerspaces: Nur, wer eigene Projekte hat, wird als wirklich interessiert angesehen. Nur dann wird einem oder einer auch wirklich geholfen. Der freie Wissensaustausch, welche im Diskurs um Makerspaces als deren Eigenheit prominent betont wird, ist so nicht zu finden: Wissen wird geteilt, aber nur im Rahmen von Projekten, nur als Hilfe zur Selbsthilfe bei diesen Projekten.

Einige Makerspace sind sehr private Unternehmungen – in privaten Garagen, im privaten Freundeskreis -, andere sind grösser, organisiert als Vereine oder ähnlicher Strukturen. Im Rahmen dieser Voraussetzungen sind sie immer auf der Suche, ihre Mitgliedschaft zu erweitern. Wieder: Grundsätzlich betonen alle ihre Offenheit, aber die Realität ist etwas anders. Es gibt keine direkte Ausgrenzung, aber Voraussetzungen: Nur, wer selber Projekte mitbringt, an denen er oder sie arbeiten will, wird sozial akzeptiert. Durch die Makerspaces hindurch fand Davies Abgrenzungen zu Menschen, „die es nicht verstehen”, die vorgeblich „in der Konsumgesellschaft leben und damit glücklich sind”. Das ist selbstverständlich eine subjektive Einschätzung, welche aber Strukturen reproduziert: Wer kommt denn auf die Idee, Projekte zu machen? Wer lernt solch eine Vorgehen zu die eigene Identität zu inkorporieren? Wer kann sich Projekte vorstellen, die auch noch mit Technik umzusetzen sind? Eher die, die bestimmte Voraussetzungen im Leben hatten und haben. Die Makerspaces, welche Davies untersucht, sind – wohl wegen diesen Strukturen – geprägt von mittelalten, situierten, oft weisse Männern. Nicht vollständig, es gibt auch immer wieder einige andere Personen. Aber wenige. Nur die Makerspaces, die sich explizit darum bemühen, schaffen es, Frauen oder Personen mit einem anderen sozialen Profil anzusprechen. Ansonsten reproduzieren sie, ungewollt und trotz anderem Diskurs, gesellschaftliche Ausgrenzungen.

Auffällig ist auch, dass die Communities, welche sich um Makerspaces bilden, nicht einfach wachsen. Es ist immer eine Aufgabe in den Makerspaces selber, die Communities zu erhalten. Irgendwer muss immer diese Arbeit leisten. Dabei wird, so wieder Davies, in den Makerspaces in einer Art kommuniziert – sowohl inhaltlich als auch technisch – wie sie in anderen nternetbasierten Subkulturen auch vorkommt: Es geht immer darum, „Drama” zu vermeiden, Regeln auszuhandeln und Konflikte zu überwinden. Keine dieser Makerspace-Communities funktioniert von alleine.

Ein Community-basierte Makerspace muss offenbar anders funktionieren

Einer der Makerspaces, die es schaffen, andere Personen anzusprechen, wird in der Studie von Calabrese Barton und Tan, „TEM-Rich Maker Learning: Designing for Equity with Youth of Color”, vorgestellt. Dieser ist in einem ungenannten Community-Center in einem ärmeren Stadtteil in den USA untergebracht und wird von diesem Center auch finanziert und getragen. Die beiden Forschenden arbeiteten in einem Action Research Project zwei Jahre in diesem Makerspace mit jüngeren Jugendlichen, welche das Center nutzten.2 Das Vorgehen von Action Research – mit den Personen, über die geforscht wird, für diese sinnvolle Aktivitäten planen, durchführen, dann diese reflektieren und iterativ Theorie bilden, um wieder Aktivitäten zu planen und so weiter – führte zu einem etwas schwerfälligem Text, der immer wieder in kleinen Schritten reflektiert und immer wieder die gleichen Beispiele heranzieht, um Aussagen zu demonstrieren. Lässt man sich davon aber nicht abschrecken, so erhält man eine Einblick darin, das Makerspaces auch anders sein könnten, als die bei Davies beschriebenen – aber nur, wenn man dies explizit einfordert und die Arbeit dafür leistet.

Calabrese Barton und Tan stellen – unabhängig von Davies, eher durch die Lektüre von Literatur zu Makerspaces, insbesondere die omnipräsente Zeitschrift „Make:” – den gleichen Widerspruch zwischen den im Diskurs behaupteten Potentialen von Makerspaces und der Realität in diesen fest. Gleich zu Beginn ihres Buches betonen sie, dass die Projekte, welche in der Literatur immer und immer wieder präsentiert werden, vor allem individualistische Experimente darstellen, die vielleicht aus Interesse am Ausprobieren durchgeführt werden, die aber keine Probleme lösen. Wer wird damit angesprochen? Nicht die Jugendlichen aus der Gegend mit sozialen Problemen, mit denen Calabrese Barton und Tan arbeiteten und die im Alltag vor allem mit realen Problemen fertig werden müssen, andere Ästhetiken und Regeln entwickeln, als die in „Make:” präsentierten – also nicht solchen aus dem abgesicherten Mittelstand.

Aber: Es ist sehr wohl möglich, diesen Jugendlichen mit einem Makerspace Möglichkeiten zu eröffnen – mit einer anderen Form von Makerspaces und Arbeit im Makerspace. Wie sieht diese aus? Zuerst müssen die Jugendlichen ernst genommen werden und sich willkommen fühlen. Die beiden Autorinnen besuchten mit den Jugendlichen ihrer Studie eine ganze Anzahl von existierenden Makerspaces – und obwohl sie dort gut aufgenommen und informiert wurden, obwohl sie die ganzen Maschinen und Techniken positiv wahrnahmen, waren sie anschliessend der Meinung, dass sie dort eigentlich nicht wirklich willkommen wären. Diese Makerspaces wären nichts für sie: Zu wenig Kinder- und Jugendfreundlich, zu viele Verbote und Regeln, zu wenig andere Möglichkeiten als nur an Projekten zu arbeiten.

Zudem müssen die Makerspaces die Jugendlichen tatsächlich empowern, also Dinge umsetzen lassen, die für sie Sinn haben und ihnen zeigen, dass sie Macht haben. Die Jugendlichen entwarfen auf der Basis ihrer Besuche einen Makerspaces „für uns” – mit Orten „zum Denken” (Couch, Trampolin), viel bunter als die zuvor besuchten Makerspaces, nur mit Technik, die auch wirklich alle bedienen dürfen, räumlich direkt neben anderen Angeboten des Community-Centers (und damit nicht auf das rein Abarbeiten von Projekte bezogen). Anschliessend überzeugten sie das Board des Community-Centers, diesen Makerspace tatsächlich einzurichten.

Anschliessend müssen im Makerspace klare Strukturen vorhanden sein (regelmässige Sitzungen), aber so flexibel, dass sie in das eher krisenhafte Leben der Jugendlichen passen (umgesetzt als ständige Möglichkeit, zwischendurch to drop-out und dann nach Wochen, Monaten wiederzukommen und weiter zu machen).

Weiterhin müssen die Projekte Sinn für die Jugendlichen machen. Sinn machen sie, wenn sie in der Realität verankert sind. Im Projekt wurde das umgesetzt, indem die Jugendlichen selber ihre Umgebung erkundeten, Interviews führten, Probleme identifizierten, welche tatsächlich vorliegen. Und dann daran gingen, diese mit ihren Projekten zu lösen, immer im Hinblick darauf, dass sie auch wirkliche Veränderung ermöglichen würden. Nicht, dass man etwas basteln und werkeln würde war wichtig, sondern dass damit eine Lösung geschaffen würde (ein Fussball, der leuchtet, weil Fussballplätze in der Umgebung unbeleuchtet sind; eine „Anti-Bullying”-Jacke mit Alarmknopf; eine Handyhülle mit Solarzellen zum Aufladen von Smartphones auch ohne Stromrechnung). Alle das muss angeregt und unterstützt werden.

Zusammen war es zumindest in den zwei untersuchten Jahren möglich, einen Makerspace für Jugendliche zu betreiben, die nicht zum normalen Klientel von Makerspaces gehören – aber nur, indem überhaupt einmal als Problem benannt wird, dass die angebliche Offenheit von Makerspaces sich in der Realität nicht findet und das die notwendige Arbeit geleistet wurde, die Jugendlichen aktiv zu integrieren.

Hoffnungen von Bibliotheken auf die Wirkung von Makerspaces: Revisited

Was heisst das nun bezogen auf Öffentliche Bibliotheken (im DACH-Raum)?

  • Die Gesellschaft, die Machtstrukturen der Gesellschaft, all die Aus-und Einschlüsse, sind vorhanden und lassen sich nicht einfach abstellen, wenn man einen Makerspace einrichtet. Insbesondere, wenn man den Makerspace „einfach laufen lässt”, läuft man sehr schnell Gefahr, diese Strukturen wieder zu reproduzieren, gar zu verstärken. Der Makerspace produziert da keine neue Offenheit.

  • Die Community, von der sich oft versprochen wird, dass sie sich um Makerspaces bildet: Das ist zweifelhaft, wieder vor allem dann, wenn man den Makerspace „laufen lässt”. Es ist immer Arbeit, Community herzustellen und zu erhalten, auch Arbeit, die immer wieder scheitert. (Das könnte man auch so aus der Ethnologie lernen, aber das ist hier einmal nicht Thema.) Sie entsteht nicht nebenher und wenn doch eine entsteht, aber man nicht aufpasst, entsteht eine, die auch sehr ausgrenzt.

  • Ein Makerspace, der vor allem auf Technik und Ausprobieren dieser Technik setzt, scheint auch eher zu individualistischen Projekten und zur individualistischen Nutzung des Angebots zu führen. Die Frage für Bibliotheken ist: Ist das so gewollt? (Alle anderen Schlagwörter aus den Diskursen um Makerspaces wie Innovation oder mehr Bildung oder neue Bildung oder Unterstützung der lokalen Ökonomie – all das findet sich in der Realität von Makerspaces offenbar nicht wirklich.)

  • Technik alleine, egal wie hip, reicht nicht aus, um erfolgreich einen Makerspace zu betreiben.

  • Zusammengefasst läuft man mit Makerspaces, vor allem solchen ohne zusätzliches Personal, immer Gefahr, noch einen weiteren „Mittelstands-Raum” zu bauen. Das ist nicht Öffnung der Bibliothek „zur Stadtgesellschaft” oder so, von der Bibliotheken aktuell reden.

  • Andere Makerspaces oder Angebote im Bereich Makerspace sind aber offenbar möglich: Nur ohne Personal dafür, dass darauf achtet, dass der Makerspace halt nicht zum „normalen” wird, ist eher zweifelhaft, ob sie etwas anderes sein können, als ein Raum, indem die gesellschaftlichen Strukturen reproduziert werden.

 

Fussnoten

1 Was sich verändert hat, ist, dass die Firma „TechShop”, welche das Makersapce-Modell kommerziell umsetzen wollte (also Räume gründete, die wie Co-Working-Spaces tage-, wochen- oder monatsweise gemietet werden konnten) und in Hochzeiten zehn US-Filialen und vier internationale Filialen betrieb – und von der sich andere Makerspaces, die Davies untersuchte, immer und immer wieder abgrenzten – 2014 Konkurs anmeldete.

2 Wenn sie den konnten. Ein Fakt, der die Armut der Jugendlichen demonstriert, ist, dass eine Anzahl von Ihnen nicht kontinuierlich an den Sessions im Makerspace teilnehmen konnte, weil sie sich die Busfahrt nicht leisten konnten.

Ist community-led and need-based librarianship die bibliothekarische Antwort auf die soziale Frage?

Posted in LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 23. März 2014

Karsten Schuldt

Zu: Pateman, John ; Williment, Ken / Developing Community-Led Public Libraries : Evidence from the UK and Canada. Farnham ; Burlington, VT : Ashgate, 2013

John Pateman und Williment Ken setzen in Developing Community-Led Public Libraries dazu an, Öffentlichen Bibliotheken eine Arbeitsweise vorzuschlagen, die dazu führen soll, dass Bibliotheken vor allem die Bedürfnisse von sozial Ausgegrenzten bedienen. Beide gehen davon aus, dass dies notwendig wäre und stützen sich dabei auf die Ergebnisse aus zwei grösseren Projekten; einmal der Arbeitsgruppe, die in den frühen 2000er Jahren im Auftrag der damaligen Labour-Regierung in Grossbritannien Fragen der sozialen Exklusion und Inklusion im Bezug auf Öffentliche Bibliotheken untersuchte (und dabei den damals recht weit beachteten Bericht „Open to All?“ veröffentlichte) und das andere Mal auf das „Working Together Project“, welches in Kanada Möglichkeiten der sozialen Inklusion durch Bibliotheken erprobte. Beide Autoren waren in diesen Projekten aktiv involviert, Pateman in „Open to All?“ und Williment im „Working Together Project“; Pateman hat zudem in den Jahren zuvor und danach oft zu diesen Fragen publiziert und ist heute aktiv in „The Network“, einem losen Zusammenschluss von Personen, die sich mit Fragestellungen der sozialen Exklusion und Bibliotheken, Archiven und Museen beschäftigen (www.seapn.org.uk). Das Buch baut auf diesen Erfahrungen auf.

In einem ersten Schritt kritisieren die Autoren die zumeist unternommenen Versuche von Bibliotheken, auf soziale Fragen zu reagieren. Zwei Punkte heben sie dabei besonders hervor.

Erstens seien die meisten Angebote, auch die zahlreichen Outreach-Programme, auf der Vorstellung universell gültiger Informationsbedürfnisse aufgebaut: Alle Menschen würden praktisch die gleichen Informationen in ähnlichen Varianten bedürfen. Deshalb würden Bibliotheken vor allem darüber nachdenken, wie sie Zugang zu Informationen schaffen können und anschliessend diesen Zugang in einem „Take it or Leave it“-Ansatz bereithalten. Würden sozial Ausgeschlossene diese Angebote nicht annehmen, so die Kehrseite dieser Programme, gelte dies dann eher als deren eigene Entscheidung, aber nicht als Problem der Bibliothek. Pateman und Williment betonen hingegen, dass Menschen je nach ihrem sozialen Status sehr unterschiedliche Informationsbedürfnisse hätten und Bibliotheken auch auf sehr unterschiedliche Weisen für diese Menschen relevant werden müssten. Ein reines Angebot würde oft dazu führen, dass gerade diejenigen Personen, welche den das Angebot entwerfenden Bibliothekarinnen und Bibliothekaren ähnlich sind, dieses nutzten, da es passgenau mit ihren Interessen und Verständnis der Bibliothek wäre. Oder anders, immer noch im Duktus des Buches: mittelständische Bibliotheken würden Angebote für den Mittelstand entwerfen, gleichzeitig aber der Meinung sein, Personen aus anderen Sozialschichten hätten damit die gleichen Zugangsmöglichkeiten.

Zweitens kritisieren Pateman und Williment, dass die meisten bibliothekarischen Aktivitäten von den Bibliotheken für andere Personen entworfen werden, nicht mit anderen Personen. Dies würde dazu führen, dass sich Bibliotheken Informationsbedürfnisse anderer Menschen vorstellen würden, auf die dann mit bibliothekarische Angeboten reagiert würde; anstatt Angebote zu schaffen, welche auf die tatsächlichen Interessen und Bedürfnisse zum Beispiel der Community um die Bibliotheken herum eingehen würden.

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Lösungsansatz

Als Antwort auf diese Kritiken entwerfen die Autoren eine need-based und community-led Bibliotheksarbeit. (Wobei Pateman die Vorstellung eines needs-based library service schon früher dargelegt hat, beispielsweise in Pateman, John (2003) / Developing a needs-based library service. Leicester : National Institute of Adult Education.) Beide halten sehr viel von diesem Ansatz, welcher grundsätzlich die beständige Einbeziehung der Community, für welche die Bibliothek zuständig ist, in die Planung und Evaluation der Bibliothek bedeutet. Für sie ist klar, dass ein solcher Ansatz die Bibliothek grundsätzlich verändert.

„Once needs have been identified and prioritized they can be met by using a community development approach. This is very different from an outreach approach which simply takes library services (which have been designed, planned, delivered and evaluated by library staff) out of the library and into community settings. A community development approach is based on creating meaningful and sustained relationships with local communities, while acknowledging that the community is the expert on its members‘ own needs. Library staff become listeners rather than tellers, and staff and community co-produce library services. Community-led work ist not prescriptive, which is a mayor strength, as it is highly adaptable and applicable to all contexts and communities which librarians are working in, or could working in.” [Pateman & Williment 2012: 2]

Beide Autoren sind erkennbar sozialdemokratisch geprägt. Durchgängig wird sich positiv auf sozialdemokratisch Werte und die Labour-Regierungen in Grossbritannien bezogen, gleichzeitig von den konservativen beziehungsweise konservativ-liberalen Regierungen, die bei der Publikation des Buches in Grossbritannien und Kanada an der Macht waren, gewarnt. Zudem scheint in früheren Werken Patemans eine mindestens oberflächliche Marx-Lektüre durch. In Übereinstimmung damit sehen Pateman und Williment die community-led Bibliotheksarbeit als politische Bibliotheksarbeit an.

„A needs-based and communitiy-led approach enables library services to be targeted at the underserved and the library becomes an agent of social change and social justice.” [Pateman & Williment 2012: 2]

Ein community-led Bibliotheksansatz sieht mehrere Schritte vor:

  1. Consulation (mit der Community, für welche die Bibliothek tätig sein soll)
  2. Needs based assement and research (einer auf den Interessen der Mitglieder der Community basierenden Recherche über die tatsächlichen Lebensverhältnisse und damit auch Informationsinteressen dieser Community)
  3. Library image and identity (hier vor allem die Frage, wie die Bibliothek tatsächlich von denen wahrgenommen wird, die sie unterstützen soll, wobei Pateman & Williment vor allem unterschiedliche Formen von sozialen Barrieren ansprechen)
  4. outreach, community development and partnerships (die Entwicklung und Pflege derselben)
  5. ICT [Information and Computer Technology] and social exclusion (hier vor allem die Frage, wie Bibliotheken zum Teil selber technische Barrieren mit aufbauen)
  6. Materials Provision (die Auswahl des Bestandes, wobei die Autoren weiterhin eine „viktorianische“ Vorstellung von der sozialen Kontrolle der „deserving poor“ durch eine professionelle Elite als Grundlage der heutigen durchgeführten Bestandsauswahl beschreiben, einer Vorstellung, die es zu überwinden gälte)
  7. Staffing, recruitment, training and education (die Frage, welches Personal in den Bibliotheken vorhanden ist und welches Personal eigentlich benötigt wird, um community-led zu arbeiten)
  8. Mainstreaming and resourcing for social exclusion (hiermit ist gemeint, dass die Arbeit gegen soziale Exklsion in der Bibliothek als normaler Teil der Bibliotheksarbeit etabliert werden soll, nicht als Projekt am Rande)
  9. Standards and monitoring of services (hier ist die Ausrichtung von Evaluationen der Bibliotheksarbeit auf die Interessen und Bedürfnisse der Community gemeint)

Die Artikel des Buches folgen dieser Liste. Ausser dem einführenden und zwei abschliessenden Kapitel sind alle anderen neun Kapitel ähnlich aufgebaut. Sie beginnen mit einer kurzen Erläuterung des jeweiligen Punktes, führend dann Erfahrungen aus Grossbritannien an, welche den Punkt unterstützen sollen, anschliessend solche aus dem kanadischen Programm, um dann jeweils mit einer kurzen Liste von Handlungsempfehlungen für Bibliotheken zu diesem Punkt abzuschliessen. Insoweit ist ein Grossteil des Buches zusammengesetzt aus Berichten, Zitaten und Erfahrungsberichten aus anderen Texten. Stellenweise liesst sich dies wie ein aus mehreren Quellen zusammenkopierter und mit kurzen Überleitungen zusammengehaltener Text.

New Labour revisited

Zudem sind die angeführten Beispiele und Erfahrungen (die als „Evidence“ verstanden werden) nicht immer überzeugend. Zumindest nicht als reine Fakten. Vielmehr sind sie Teil einer politischen Begründung von Bibliotheksarbeit. Es sind oft Herleitungen. Zum Beispiel nutzen wenige kanadischen Ureinwohnerinnen und Ureinwohner die Bibliotheken oder auch weniger Menschen mit bestimmten Migrationshintergründen, als nach ihrer Anzahl in den beiden Ländern zu erwarten wäre; deshalb ist offenbar die Bibliotheksarbeit, die geleistet wird falsch. So ungefähr funktionieren die meisten Herleitungen. Das kann überzeugen oder auch nicht, aber es sind keine Fakten, wie sie gerne im betriebswirtschaftlich orientierten Reden von „Evidence“, „Evaluation“ und so weiter angedacht werden.

Dieses Problem ist im Buch selber angelegt: Die gesamte Rhetorik ist geprägt von betriebswirtschaftlichen Vokabeln, gleichzeitig wollen Pateman und Williment vor allem darstellen, dass die Realität komplexer, verwirrender, schwieriger (messy) ist, als in dieser Rhetorik angelegt. Nur wer diese Realität wahrnimmt, könne auch direkt mit der Communities zusammenarbeiten. Aber solche Komplexität ist nicht vorgesehen in einer Rhetorik, die klare Anweisungen und einfache, übertragbare Konzepte erfordert. Dies erinnert alles stark an die Rhetorik der Sozialdemokratie in den frühen Jahren des 20. Jahrhundert. Deshalb ist das Buch als ganzes auch nicht überzeugend, beziehungsweise ist es nur dann überzeugend, wenn man der gleichen politischen Meinung ist wie die beiden Autoren – die damit gar nicht hinter dem Berg halten. Aber alles, jedes Projekt, jeder Hinweis, wird von den Autoren irgendwie in die aktuelle Rhetorik integriert, ohne dass das unbedingt notwendig wäre. Dies geht soweit, dass behauptet wird, dass eigentlich alles, was community-led librarianship ausmacht, schon in aktuellen Konzepten von Bibliotheken vorliegen würde. Zum Beispiel wird die Funktionen einer oder eines community development librarians beschrieben (einer Person, die in die community geht, dort rumhängt, Kontakte aufbaut, nicht mit den Eliten, sondern den Personen vor Ort), nur um zu behaupten, dass dies wenig mehr als eine spezifische Form des liason librarians wäre. Gleichzeitig aber betonen Pateman und Williment beständig, dass sich praktisch alles ändern muss, die Leitung der Bibliotheken in die Hand der Communities gelegt werden und diese bei ihrer Entwicklung begleitet werden müssten. Ein Widerspruch, der aber auch dazu beträgt, dass sich das Ganze oft wirklich wie ein Dokument der Sozialdemokratie unter Tony Blair oder Gerhard Schröder liesst, nur bezogen auf Öffentliche Bibliotheken – und im Jahr 2012.

Dabei sind die einzelnen Punkte, die im Buch angesprochen werden, nicht einmal uninteressant, ebenso ist die Kritik, die immer wieder an der heutigen Bibliothekspraxis geäussert wird, nicht vollständig ohne Belang. Immer wieder finden sich spannende Ergebnisse oder auch Anregungen. Der Grossteil dieser interessanten Teile ist allerdings aus anderen Texten der beiden Autoren zusammengetragen. Beispielsweise findet sich eine Tabelle, die mögliche Formen des Engagements mit der Community um eine Bibliothek systematisiert (von Passiv über Reactive, Partizipative und Empowerment zu Leadership [durch die Community]) (S. 24) oder eine Tabelle, welche die unterschiedlichen Informationsverhalten von sozial inkludierten Personen (selbstständig, aktiv) und sozial exkludierten Personen (getrieben, im eigene sozialen Netzwerk, ohne Vertrauen in offizielle Institutionen) gegenüberstellt (S. 51). Für solche Stelle lohnt sich das Lesen des Buches.

Fazit: Auf zur Diskussion

Ein anderer Grund das Buch trotz seiner Schwächen zu lesen ist sehr einfach, dass sich sonst kaum jemand wirklich mit der Fragestellung beschäftigt, wie Bibliotheken mit sozialer Exklusion umgehen beziehungsweise gegen sie vorgehen sollen. Sicherlich; das was Pateman und Williment vorschlagen, ist wenig mehr, als zu akzeptieren, dass Bibliotheken bislang zu dieser Exklusion mit beitragen, dass sie sich verändern müssen und anfangen müssen, sich so umzugestalten, dass sie für die sozial Ausgegrenzten relevant werden. Und zwar mit den Ausgegrenzten, nicht für sie. Well, maybe so. Aber dies alleine ist noch lange nicht der grosse Wurf, den die Autoren im Vorwort ankündigen, es ist eher eine politische Position in einem Bibliothekswesen, dass oft unpolitisch sein will und gerne das, was es schon macht, weitermachen möchte. Anders gesagt ist dieses Buch eine Erinnerung daran, dass das gesamte Thema Armut, soziale Exklusion und Bibliotheken wenig bearbeitet ist (obwohl die Armut nicht verschwunden ist) und dass es nötig sein kann, klare Positionen zu beziehen. Trotz der Hinweise für eine community-led Bibliotheksarbeit, die in jedem Kapitel enthalten sind, ist das Buch eher eine sinnvolle Aufforderung zu Diskussion, die angenommen werden sollte und hat wohl weniger direkten Bezug auf die Praxis.