LIBREAS.Library Ideas

CfP #31: Emotionen & Emotional Labor

Posted in LIBREAS Call for Papers by Karsten Schuldt on 6. Dezember 2016

Bibliotheken managen nicht nur den Bestand, sondern sie sind auch Ort, an dem Menschen miteinander kommunizieren.

Die Fachliteratur thematisiert dies eher eng, vor allem als Informationsbedarfsgespräch, bei dem vorausgesetzt wird, dass die Nutzerinnen und Nutzer auch alle mit einem klar erfragbaren Interesse in die Bibliothek kommen. Aber ist dies die einzige Situationen, in denen Personal und Bibliotheksnutzern miteinander kommunzieren? Was wird im Rahmen solcher Gespräche mitgeteilt, mit welchen Gefühlen gehen beide Seiten in solche Situationen hinein, mit welchen gehen sie hinaus? Und was ist mit den anderen „Kontaktsituationen“, zum Beispiel bei Veranstaltungen? All diese Kontakte bedeuten auch, dass Menschen mit ihren Identitäten, Vorstellungen, Vorarbeiten, Ängsten, Hoffnungen und teilweise eher unkonkreten Bedürfnissen aufeinander treffen.
Lisa Sloniowski (2016) bemerkt, dass diese „emotional labor“ in Bibliotheken ständig stattfindet, aber kaum thematisiert oder gesondert bemerkt, entlohnt oder gesteuert würde. Vielmehr würden stärker klar messbare oder sichtbarere Aspekte zur Bewertung von guter oder schlechter Arbeit genutzt. Ein Beispiel sind technische Projekte. Sie weist zudem darauf hin, dass zumindest in ihrem Umfeld – der Bibliothek der York University, Toronto – die „emotional labor“ vor allem von Frauen geleistet wird. Hat diese Arbeit also, so fragt sie weiter, einen ähnlichen Status, wie die „unsichtbare Hausarbeit“, welche die zweite Frauenbewegung in den 1960ern und 1970ern erst sichtbar machen musste? Tragen Frauen in Bibliothek genauso mit unbezahlter Arbeit zum Funktionieren der Institution bei, wenn sie die Arbeit mit den Nutzenden verrichten, wie Frauen unbezahlt im Haushalt das Funktionieren der „kleinbürgerlichen Kleinfamilie“ garantierten? Sloniowski tendiert zu dieser Deutung und leitet daraus unter anderem die Forderung ab, die Situation feministisch zu interpretieren und gegen den von ihr postulierten neoliberalen Alltag der (kanadischen) Universität zu wenden.

Daneben ist zu bemerken, dass der Umgang mit „schwierigen Nutzenden“ zwar vor allem als Sicherheitsproblem thematisiert wird (Eichhorn 2015), aber viel öfter und viel eher eine persönliche Komponente enthält. Zumeist werden Probleme mit diesen Personen ohne Sicherheitsdienst oder Vorschriften gelöst. Aber wie genau? Zumal zum Beispiel Bodaghi, Cheong & Zainab (2015) zeigen, dass – zumindest in dem von ihnen untersuchten Bibliotheken in Malaysia – ein gewisser Mangel von Empathie auf Seiten des Bibliothekspersonals aus Nutzenden mit Sehbeeinträchtigungen erst „schwierige Nutzende“ machte. Wie gesagt: In der Bibliothek treffen Menschen auf vielen Seiten mit ihren eigenen Identitäten, Möglichkeiten und Vorstellungen aufeinander.

Bibliotheken sind zudem Einrichtungen, in denen sich Personal begegnet, zusammenarbeitet oder zumindest mit einander auskommen muss. Daher kann und muss man aus einer, wenn man so will, emotionstheoretischen Perspektive fragen: Was passiert in den Bibliotheken im Hintergrund? Wie funktionieren Bibliotheken auf der persönlichen, zwischenmenschlichen Ebene? Wie geht das Personal an der Theke mit dem Personal in der Katalogisierung um? Wie die Fachreferentin mit dem Medienbearbeiter? Wie mit den befristet eingestellten Projektleiterinnen und Projektleitern? Wie mit der Praktikantin, dem Praktikanten? (Larrivee 2015)

Zudem, der Kontakt zwischen Personal und Chefin oder Chef: In einer Bibliothek erwarten man eigentlich kein hartes Aufeinandertreffen. Es ist keine Firma, die sich mit ihrer Arbeit gegen Konkurrenten behaupten muss. Doch Machtbeziehungen existieren unweigerlich da, wo Hierarchien sind. Bibliotheken sind nach wie vor sehr oft eher nach traditionellen Mustern der Verwaltungsorganisation und damit hoch hierarchisch organisiert. Wie wirkt sich das auf der Ebene zwischen Menschen aus? Steuern Chefinnen und Chefs in Bibliotheken ihre Mitarbeitenden mit Emotionen? Lassen diese es sich gefallen?

Ein Thema aus dem englischsprachigen Bibliothekswesen ist das der „Mikroagression“ innerhalb des Personals, also der (zumeist ungewollten, aber strukturell auf Machtbeziehungen aufbauenden) Provokationen und Beleidigungen aufgrund unreflektierter Urteile über Menschen oder Vorannahmen, beispielsweise das Bestreiten von vorhanden Machtbeziehungen oder unnötig niedrige Anforderungen, die Mitarbeitenden vermitteln, dass ihnen weniger zugetraut wird. (Alabi 2015) Ist dies in Bibliotheken in den deutschsprachigen Ländern auch ein Thema?

Hin und wieder thematisiert werden die Ängste vor der Benutzung von Bibliotheken, die (potentielle) Nutzende davon abhalten, Bibliotheken überhaupt oder in Teilen so zu nutzen, wie es ihnen eigentlich möglich wäre. Dass solche Ängste bestehen, ist bekannt; dass sie die Nutzung von Bibliotheken einschränken, ist klar ersichtlich. (Jan, Anwar & Warraich 2016; Gremmels 2015) Doch: Wie verbreitet sind sie in deutschsprachigen Ländern? Wie prägen sie sich aus? Vor allem: Ängste sind persönlich – auch wenn sie gesellschaftlich vermittelt werden. Beschäftigen sich Bibliotheken mit solchen Ängsten? Gehen sie dagegen vor, dass sie bei (potentiellen) Nutzenden entstehen? Helfen sie, diese abzubauen? Wie? Wer macht diese emotionale, persönliche Arbeit?

In der Forschung weniger thematisiert, weil nicht den Problemfall oder das Pathologische ansprechend, können auch positive Emotionen der Bibliothek gegenüber oder in der Bibliothek auftreten. Die Architektur bereitet womöglich ästhetisches Wohlgefallen, der Büchergeruch lässt die schöne Kindheit wiederaufleben, in der Bibliothekslounge verfällt man endlich in die lang ersehnte tiefe Entspannung, für gemeinsames Arbeiten oder auch Flirten bietet die Bibliothek das perfekte Setting. Das emotionale Spektrum ist breit und kann individuell sehr stark variieren: Für die eine/den einen ist die Bibliothek der schönste Platz zum Aufhalten und Arbeiten, der/die andere empfindet die Bibliothek als elitären Ort, dessen neobarocke Eingangspforte sie oder er nie passieren würde.

Aufruf für Beiträge

Die LIBREAS. Library Ideas möchte die Ausgabe #31 zu diesem Themenbereich “Emotionen und Emotional Labor” gestalten und ruft zu Beiträgen auf, die sich mit den gerade genannten oder andere, passenden Fragen aufgreifen. Grundsätzlich bieten sich dazu persönliche Berichte und Reflexionen genauso an, wie Beschreibungen von institutionellen Strategien zum Umgang mit der emotionalen Komponenten bibliothekarischer Arbeit oder übergreifende Texte. Die Form der Beiträge ist offen, beispielsweise wären neben Essays und Artikeln auch mehr künstlerische Beiträge wie Lyrik oder Bilder denkbar. Erfahrungsberichte sind ebenfalls sehr willkommen und können auf Wunsch auch anonym (oder unter Pseudonym) veröffentlicht werden.

Für Rückfragen oder die Diskussion von Ideen für Beiträge steht die Redaktion gerne zur Verfügung. Kontakt und Einreichungen gerne per Mail. Deadline ist der 30.04.2017.

Eure/Ihre Redaktion LIBREAS. Library Ideas

(Berlin, Chur, Dresden, Hannover, München)

Literatur

Alabi, Jaena: Racial Microaggressions in Academic Libraries: Results of a Survey of Minority and Non-minority Librarians. In: The Journal of Academic Librarianship 41 (2015) 1: 47-53 (http://aurora.auburn.edu/handle/11200/48541)

Eichhorn, Martin: Konflikt- und Gefahrensituationen in Bibliotheken: ein Leitfaden für die Praxis. (3. Auflage) Berlin: De Gruyter Saur, 2015

Gremmels, Gillian S.: Constance Mellon’s „Library Anxiety”: An Appreciation and a Critique. In: College & Research Libraries 76 (2015) 3: 268-275

Jan, Sajjad Ullah ; Anwar, Mumtaz Ali ; Warraich, Nosheen Fatima: Library Anxiety and Emotion Perception Among the Undergraduate Social Sciences Students: A Relationship Study. In: Behavioral & Social Sciences Librarian 35 (2016) 2: 52-63

Larrivee, Anne: Exploring the Stressors of New Librarians. In: Public Service Quarterly 10 (2014) 1: 1-10

Matteson, Miriam L. ; Chittock, Sharon ; Mease, David: In Their Own Words: Stories of Emotional Labor from the Library Workforce. In: Library Quarterly 85 (2015) 1: 85-105

Sloniowski, Lisa: Affective Labor, Resistance, and the Academic Librarian. In: Library Trends (Issue: Reconfiguring Race, Gender, and Sexuality) 64 (2016) 4: 645-666

 

— Edit 06.12.2016 —

Deadline ist in 2017, nicht wie anfänglich angegeben, in 2016. Selbstverständlich.

— Edit 07.12.2016 —

Einige Tipp- und Korrekturfehler behoben.

Advertisements

It’s the frei<tag> 2012-Countdown (14): Wie leben wir heute?

Posted in LIBREAS Veranstaltungen, LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Verein by Karsten Schuldt on 2. August 2012

Karsten Schuldt

Wie leben wir eigentlich heute? Die Frage ist immer berechtigt, aber da wir hier gerade einen Countdown haben, der auf einen Countdown rekurriert welcher vor einem Jahr gezählt wurde, drängt es sich etwas auf: Was ist eigentlich passiert in diesem Jahr? Hat sich etwas verändert? Was hat sich verändert? Stehen wir anderswo? Denn wenn dem nicht so wäre, bräuchten wir dann noch eine weitere Unkonferenz? Wäre dann nicht alles schon gesagt?

Hier haben wir schon die These: Es hat sich etwas verändert, wenn auch eher graduell. Wissenschaft und Bibliothekswesen bewegen sich ja eher langsam. Aber: Linked Open Library Data scheint heute ein weiter verbreitetes Thema zu sein, als 2011. Man muss es nicht mehr erklären. (Oder?) Das als Beispiel. Open Access und Probleme um das Urheberrecht waren schon im letzten Jahr Thema, aber ist es 2012 nicht weiter fortgeschritten? ACTA ist tot, dass war letztes Jahr vielleicht zu hoffen, aber noch lange nicht durch. Als im letzten Jahr die IWP zu De Gruyter Saur Verlag wechselte passierte ausser einigen Vorwürfen in Blogs und Mailinglisten praktisch nichts; als 2012 die Bibliotheksdienst den gleichen Schritt ankündigte, begann innerhalb von Tagen (oder waren es nur Stunden) Diskussionen darum, dass wir eine weitere Open Access Zeitschrift brauchen. (Ob wir sie 2013 dann online sehen, ist eine andere Frage.) Aber das geht mit Entwicklungen in anderen Forschungsrichtungen einher, wo Open Access immer weniger ein Randthema ist. Nicht zu vergessen, dass nicht mehr nur die Piraten, Anonymous und das dazugehörige Umfeld darüber redet, dass wir das Urheberrecht unbedingt verändern müssen, sondern das dies praktisch zum politischen Allgemeinsatz geworden ist.

Was noch? 2011 schien es so, als würde RDA weiter auf die lange Bank geschoben, jetzt scheint es vor der Tür zu stehen. Vielleicht ist das nur eine stille Hoffnung, aber scheint es nicht so, dass damit wieder mal Katalogtheorie betrieben würde? 2011 war Forschungsdatenmanagement noch neu und spannend, heute ist das Thema fast schon wieder durch. Wer hat denn noch nicht etwas dazu gesagt? Und die Sozialen Netzwerke verändern sich. Erinnert sich noch jemand daran, wie omnipräsent Facebook letztes Jahr war? Facebook, die Firma, wo alle darauf warten, dass sie zusammenbricht. (Meine Wette: So August 2013.)

Der Zürichsee. Vor einem Jahr war der auch schon da, wo er jetzt ist, aber wer hätte gedacht, dass eine Karte für die frei<tag> je an ihm vorbeifahren wird? Die Welt und die Leben sind anders geworden, wenn auch leicht. Wie gesagt: Der See war schon da, vieles andere auf dem Bild auch, aber die Potentialität nicht. So sind die Dinge offenbar.

Und es ist nicht zu bestreiten: Auch wir werden älter. Folgende Mail kam letztens bei mir von meiner alten Kollegin an und hat den Text hier motiviert:

Hier läuft alles eigentlich wie immer – nur, dass es jetzt gemeinsam mit der [XYZ] ein paar Gastprofessuren geben wird, die hier Seminare zu verschiedenen Themen geben werden. Am Großantrag wird demnächst in veränderter Runde vermutlich weiter gearbeitet, nachdem es erstmal eine längere Pause gab. Die größte Veränderung hier ist vielleicht eine personelle. Ich werde zu Ende Juli gehen und habe heute gerade meine Nachfolgerin eingearbeitet … In der Hoffnung, dass ich dann die Probezeit ebenso erfolgreich überstehe, wie du 😉

Die Mail deutet an, was bei so vielen Kolleginnen und Kollegen zu beobachten ist: Vieles scheint sich nur langsam zu bewegen oder gar nicht zu verändern („Am Großantrag wird demnächst in veränderter Runde vermutlich weiter gearbeitet, […]“), aber doch ändern sich Dinge („ein paar Gastprofessuren geben wird […]“) und vor allem persönlich geht es immer weiter. Als wir beide (und andere) im Sommer 2011 zusammen in unseren alten Stellen arbeiteten, machte wir immer wieder Witze, dass wir alle nicht mehr da sein werden, wenn die Dinge sich ändern … jetzt sind wir wirklich nicht mehr da. Einige von uns haben schon die Probezeit auf den nächsten Stellen bestanden, andere werden das in ein paar Monaten getan haben.

Ist das gut, ist das schlecht? Macht es zumindest zwischendurch nachdenklich? Mir scheint, solches kurzes Innehalten ist immer wieder mal eine Erinnerung daran, dass sich unsere Umgebung trotz allem sichtbaren Stillstand weiter bewegt. Die Langsamkeit der Veränderungen und Kommunikation, die wir immer wieder einmal bemängeln, sie ist kein Hindernis für die Entwicklung (Fortschritt wollte ich schon schreiben, aber das ist umstritten). Das heisst auch, dass die ganze Kommunikation, die wir so auf Konferenzen, in Zeitschriften und Blogs betreiben, gar nicht so unsinnig ist, wie sie uns manchmal vorkommt. Was nicht heisst, dass alles dufte wird, aber am Ende des Tages haben wir trotz aller Wiederholungen doch auch im Bibliothekswesen einen fortschreitenden Aufbau von Wissen. Immerhin.

Die Zwiegesprächsregulationsmaschine. Boris Groys über Google.

Posted in LIBREAS.Referate by Ben on 27. Februar 2012

Anmerkungen zu: Boris Groys (2012) Google: Worte jenseits der Grammatik.  dOCUMENTA (13): 100 Notizen – 100 Gedanken Nr. 046. Ostfildern : Hatje Cantz. (Weitere Informationen zum Titel beim Verlag)

von Ben Kaden

„Die Sprache ist ja weder blosses Werkzeug zur präzise-korrekten Verständigung, noch lässt sie sich in Schablonen von Norm und Ethos pressen. Sie lebt, assimiliert fortlaufend neue Erfahrungen und Realitäten und ist darüber hinaus auch ein hoch emotionales Medium.“

So schreibt der Bankier, Pferdezüchter und Stiftungsrat Hans-Dieter Vontobel im Vorwort zu Broschüre „Sprachen der Jungen“ von Angelika Overrath (Zürich: Vontobel-Stiftung, 2011, mehr dazu bei der NZZ) und benennt damit genau das Verständnis, was wir gemeinhin von der dynamische Grundsubstanz unserer Kommunikationen haben sollten. Für die Alltagssprache von Angesicht zu Angesicht wird sich dies auch kaum ändern und wenn junge Menschen (in diesem Fall etwa um die 14 Jahre) in der S-Bahn einander zurufen: „Das ist doch voll ehec, Alter!“ dann beweisen sie durch die Übernahme durchaus Anschlusspunkte und Rekontextualisierungskompetenz zu übergreifenden gesellschaftlichen Diskursen. Anders stellt sich die Situation dagegen für die digital vermittelte Kommunikation dar. Boris Groys beschäftigt ich in einem kleinen als Positionierung zur Documenta 13 publizierten Aufsatz mit den Auswirkungen einer wenn man so will Googlefizierung der Kommunikation. Als Ausgangspunkt formuliert er die Prämisse, dass unser Leben ein beständiges Zwiegespräch mit der Welt und daher, wenn man so will, in jedem Moment kommunikativ sei. Für das Verhältnis zwischen Individuum und Welt drängen sich damit zwei Fragen auf:

  1. Wie stellen wir bestimmte Fragen an die Welt?
  2. Wie bestimmen wir, welche der Antworten, die uns die Welt gibt, als relevant erscheinen?

Die Diskussionen die sich bei einer allgemeinen Betrachtung aus dieser Annäherung ergäben, führten unweigerlich in die Elementardebatten der Kulturgeschichte. Mit dem Internet, dass uns als Kommunikationsraum ein zugleich ungreifbares (da virtuelles), aber doch in der Struktur erkennbares (dank der programmierten Basis) Modell von Welt bietet, können wir diese Dialogizität konkretisieren und konkret untersuchen. Man kann natürlich darüber streiten, ob die Aussage:

„Heute führen wir unser Zwiegespräch mit der Welt in erster Linie über das Internet.“

nicht auch vom Lebensstil abhängig ist und es nach wie vor Menschen gibt, die das Internet als Beigabe ihrer Kommunikationswelt benützen oder sogar überhaupt nicht.  Aber nicht erst seit Kathrin Passig (vgl. dazu u.a. diesen Kommentar) ist die Praxis, eigene Erfahrungen mit diesem Medienfeld zur Allgemeinverbindlichkeit hochzurechnen ein Kernbaustein der digitalen Diskurse zum Medienwandel. Die damit verbundene verkündete markerschütternde Dringlichkeit, sein Leben entsprechend zu ändern, wäre selbst hervorragender Gegenstand einer Reflexion über die Prozesse der Normkonstruktion in der digitalen Gesellschaft. Boris Groys stellt jedoch einen anderen Aspekt in den Mittelpunkt seines Aufsatzes. Er fragt nach den „spezifischen Regeln und Formate[n]“ die den Strukturrahmen des Zwiegesprächs bestimmen. Google, als zentrale Anfrageinstanz, erhält dabei einen besonderen Status: (more…)

Gründung von „LIBREAS. Verein zur Förderung der bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Kommunikation“.

Posted in Hinweise, LIBREAS aktuell, LIBREAS.Verein by libreas on 14. Juni 2011

Wir freuen uns, heute mitteilen zu können, dass mit einer Sitzung am Montag, dem 13. Juni 2011, ein Verein mit dem Namen LIBREAS. Verein zur Förderung der bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Kommunikation (i.G.) (Kurzname: LIBREAS. Verein) begründet wurde. Der Verein strebt die Gemeinnützigkeit an und wird die notwendigen Schritte dazu in der nächsten Zeit absolvieren.

Das Ziel des Vereins ergibt sich zu einem großen Teil aus dem Namen. Eine der ersten Aufgaben des Vereins ist es, das Erscheinen des bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Open-Access-Journals LIBREAS. Library Ideas inklusive der dazugehörigen Unterprojekte wie dem LIBREAS-Podcast sowie dem LIBREAS-Blog zu unterstützen und auf eine infrastrukturelle und rechtliche Basis zu stellen.

Des Weiteren soll der Verein eine Unterstützungsstruktur für weitere Formen der Kommunikation innerhalb der Bibliotheks- und Informationswissenschaft sowie zwischen dieser Wissenschaft und der Praxis in Bibliotheken, Archiven, Informations- und Dokumentationseinrichtungen und schließlich interdisziplinär mit angrenzenden Fachgebieten und natürlich einer interessierten Öffentlichkeit bieten.

Die bibliothekswissenschaftliche Unkonferenz frei<tag>, welche von der Redaktion LIBREAS und dem Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin veranstaltet wurde, kann dabei als eine der möglichen Formen dieser Unterstützungsleistung angesehen werden.

Der Verein soll nicht mit der Redaktion der Zeitschrift LIBREAS. Library Ideas identisch sein. Er wird weiterhin kooperativ, inhaltlich jedoch unabhängig vom Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin, anderen Bildungs- und Forschungseinrichtungen sowie Fachverbänden beziehungsweise institutionellen Mitgliedern agieren. Gleichzeitig sieht er sich nicht in Konkurrenz zu anderen Vereinen und Initiativen, sondern als eine sinnvolle Ergänzung bisheriger Strukturen und strebt die kollegiale Zusammenarbeit mit anderen Vereinen und Einrichtungen an. Sitz des Vereins ist Berlin, allerdings sind selbstverständlich weder die Mitgliedschaft noch das Wirkungsfeld des Vereins darauf beschränkt.

Die Mitgliedschaft im Verein wird sowohl interessierten natürlichen als auch juristischen Personen offenstehen. Neben den in allen wichtigen Fragen stimmberechtigten ordentlichen Mitgliedern wird eine Fördermitgliedschaft möglich sein.

Der Verein orientiert sich dahingehend an der Berliner Erklärung über offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen, dass seine Aktivitäten so frei zugänglich und nutzbar wie möglich gestaltet sein werden.

Wir hoffen, dass der Verein breite Aufnahme im Feld der Bibliotheks- und Informationswissenschaft, den Bibliotheken, Archiven, Informations- und Dokumentationseinrichtungen, den Fachverbänden sowie bei Einrichtungen angrenzender Gebiete finden wird. Wir hoffen weiterhin, dass er zu einer Profilierung des disziplinären Feldes aktiv beitragen wird. Weitere Informationen zum LIBREAS. Verein werden in Kürze folgen. Unter der Mailadresse verein@libreas.eu ist er für Anregungen, Ideen, Nachfragen und Wünsche ab sofort zu erreichen.

Zum ersten Vorstand wurden gewählt: Matti Stöhr (Vorsitzender), Manuela Schulz (2. Vorsitzende), Maxi Kindling (Schatzmeisterin), Dr. Karsten Schuldt (Schriftführer), Ben Kaden (Referent für LIBREAS. Library Ideas).

Das Gründungsteam von LIBREAS.Verein.

Berlin, 13.06.2011

Die Verwechslung: Soziale Software und Massenmedien.

Posted in LIBREAS.Referate by libreas on 17. März 2009

Anmerkungen und Anschlussgedanken zu Graff, Bernd (16.März 2009): Gezwitscher im Netz. Der Fall Winnenden und der Irrtum schneller Meldungen. In: Süddeutsche Zeitung, Ausgabe 62, 16.März 2009, S. 9.

von Ben Kaden

PDF dieses Beitrags

Die Debatte zur Kommunikationskultur erfährt momentan die mediale Beschleunigung, die die Beschleunigungskritiker voraussagen. Dabei mutet es an, also würden gerade diese Voraussagen wie ein Tritt auf das Gaspedal wirken. Gestern meldete sich in der Süddeutschen Zeitung Bernd Graff, mittlerweile wohl pensionierter Kulturredakteur bei der Süddeutschen Zeitung, zu Wort. Er bekam in der Vergangenheit schon manches Mal ordentlich Feuer für seine Internetskepsis, was die Vermutung man hätte es mit einem gebrannten Kind zu tun, nahe legt:

„Es ist eine lange Schmierschrift ohne ein einziges Argument, angefüllt mit Denkansätzen, die die intellektuelle Tiefe von Kevin Kuranyi haben. Wenn überhaupt.“ – so Handelsblatt-Blogger Thomas Knüwer im Jahr 2007 (link)

Der aktuelle Artikel enttäuscht glücklicherweise diese Erwartung, denn er ist fast zurückhaltend sachlich orientiert. Vielleicht liegt dies am ernsten Anlass: Den Amoklauf in Winnenden und die Verwendung des Microblogging-Dienstes Twitter nimmt Graff als Ausgangspunkt für seine Betrachtung. Allerdings ist dieser eher austauschbar, genauso wie das etwas eigenwillige Beispiel der ratlosen DDR-Bürger, die im Supermarkt des Jahres 1989 an „37 verschiedenen Toilettenreinigern“ verzweifeln. (more…)