LIBREAS.Library Ideas

Wissenschaftskommunikation auf Gut Siggen. Und zehn Thesen als Ergebnis

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS on tour by Ben on 24. Oktober 2016

Ein Kurzbericht von Ben Kaden (@bkaden).

Gut Siggen / digitale Wissenschaft

Zwölf Ansichten (zu Digitalisierung und Wissenschaft): Ein Teil der Diskursgruppe auf Gut Siggen.

Den Berliner erinnert Ostholstein ohne große Umschweife irgendwie an Ostbrandenburg, allerdings immer mit einem erheblichen Unterschied im Detail. Der Bahnhof in Oldenburg wirkt wie so viele Provinzbahnhöfe mehr aufgelassen als betrieben. Aber auf seinem einzigen Gleis hält zweimal pro Stunde ein ICE (einmal nach Hamburg, einmal nach Kopenhagen). Beide Ecken Deutschlands enden im Osten an einem Wasser, das mit O beginnt: Oder und Ostsee. Beide Regionen setzen, wo es eben geht, auf Tourismus, aber die eine, sofern die Infrastruktur der Maßstab ist, mit deutlichem größeren Zustrom als die andere, was der Oktober mit seinem Nieselregen aber gründlich überdeckt.  Und sowohl dort wie auch dort ist es für alle ohne eigenes Fahrzeug gar nicht so leicht von A nach B zu gelangen. In Ostholstein zum Beispiel von Oldenburg nach Siggen / Heringsdorf.

Der öffentliche Nahverkehr besteht aus einem Kleintransporter namens Rufbus, den man freilich sehr frühzeitig rufen muss. Ansonsten steht man an einem grauen Montagabend auf einem Parkplatz und bemüht sich vergeblich am Telefon, denn der Anruf erfolgt außerhalb der Geschäftszeiten und da kann der Fahrer auch nichts machen. Beruhigt sind die, die dieses Telefonat nicht als Protagonisten sondern als Zeugen erleben, im besagten weißen Transporter sitzend und über schmale Straßen durchs Wagerland zum Gut der Wahl schwankend. Also wir. Bei der Gelegenheit erzählt der Fahrer von einem Herzenswunsch, der die Ostbrandenburger und die Ostholsteiner Abgeschiedenheit, nun ja, verbindet: Der Anschluss an ein schnelles Internet. Oder überhaupt ein Anschluss. Kathrin Passig, so wird später berichtet, sei hier erstmalig seit fast Jahrzehnten für zwei zusammenhängende Tage offline gewesen. Und wenngleich die meisten der diesmal in Siggen Anwesenden nicht ganz so radikaldigital orientiert sind, ging es ihnen genaugenommen ähnlich. Digitalität ist in unseren Feldern – Wissenschaft, Bibliotheken, Publikationsmärkte – das Adernetz, durch das die Kommunikationen rasant fließen. Auf den Feldern von Siggen aber immer noch eher Ausnahme als Regel.

Das allerdings ist gut so. Denn wo die Stille und bei Bedarf Ostseewellenrauschen ist, findet sich vielleicht auch ein neuer Weg, über das „Konzepte des wissenschaftlichen Publizieren im digitalen Zeitalter“ zu reflektieren. Zumal die schmale Leitung, die das Gut mit der digitalen Sphäre verbindet, immer noch stabil genug steht, um das entsprechende Twitter-Hashtag (#Siggen) über zwei Tage in den Twitter-Deutschland-Trends zu verankern (Dokumentation zu #Siggen). Das allerdings sagt auch viel über die Twitter-Nutzung in Deutschland aus. Für die Klausur zum digitalen Publizieren in der Wissenschaft erweist sich die Einbindung von Twitter in den Vor-Ort-Diskurs zugleich als digitale Wissenschaftspraxis und Outreach-Medium, mit dem es bald u.a. die Sorge zu zerstreuen gilt, hier entstände eine Art Bilderberg-Club für die Wissenschaftskommunikation. [Update 26.10.2016: Der hier verlinkte Ulrich Herb distanziert sich ausdrücklich von der Verknüpfung mit der Zuspitzung Bilderberg und weist ausdrücklich darauf hin, dass diese Zuspitzung ihre Ersturheberschaft in diesem Tweet von Eric Steinhauer hat.]

Diese Gefahr bestand freilich nie, auch wenn das Gut Siggen in seiner Geschichte schon manchen aus heutiger Sicht fragwürdigen Besuch beherbergte. Mittlerweile ist das von der Alfred Toepfer Stiftung betriebene Gut ein ganz normales Anwesen mit üppiger Hausbibliothek, Cembalo im Kaminzimmer und gutsgeschossenem Hirschbraten auf der Abendtafel, für dessen Nutzung sich jeder bewerben kann. Die Motivation hinter dem „Think Tank“ war keinesfalls, wie mehrfach versichert wurde, das Erzeugen von Exklusivität. Sondern der Wunsch, in größtmöglicher Konzentration neue Gesichtspunkte in einer Debatte freizulegen, in der eigentlich schon alles gesagt wurde, nur vielleicht noch nicht von jedem.

Wer einschlägige Konferenzdiskussionen kennt, weiß, dass in den fünf Minuten Fragezeit im Anschluss an dreißig Minuten Powerpointillismus meist die gleichen Akteure ihre bekannten Standpunkte in den Raum werfen und man sobald es wirklich spannend werden könnte, zur Postersession und dem Standgespräch in kleiner Gruppe weitergereicht wird. Selbiges ist oft inspirierend, bleibt aber meistens ohne weitere Aufzeichnung und wird daher spätestens mit dem Poster zusammengerollt und weggestellt.

Das Oktobertreffen zu Siggen folgte daher einem Modus, der das beste beider Welten kombiniert: kurze Impulsreferate in einem eher intimen Zirkel werden verbunden mit kaum begrenzter Diskussionszeit und dem Ziel, die in der Zwischenwelt aus Vortrag und Gespräch zum Thema entstehenden Ideen zu bündeln und zu veröffentlichen.

Das Siggener Themenspektrum war zu diesem Zweck breit aber erwartungsgemäß nicht allumfassend gestaltet: Es reichte von der Frage nach der Autorschaft im Digitalen speziell unter dem Einfluss genuin digitaler Publikationsformen (Wissenschaftsblogs, Soziale Netzwerke, Webannotation; Anne Baillot, Michael Kaiser, Alexander Nebrig), zu denen auch Forschungsdaten und Enhanced Publications (Ben Kaden) gehören über die Wissenschaftssprache und ihre Lektorierbarkeit (Friederike Moldenhauer) sowie Fragen der Qualitätssicherung und Reputationsmessung (insbesondere transparenten (Peer-)Review-Ansätzen; Thomas Ernst, Mareike König) im Digitalen bis hin, natürlich, zu Publikations- und Verlagsmodellen (Constanze Baum, Alexander Grossmann, Ekkehard Knörrer, Klaus Mickus, Volker Oppmann, Christina Riesenweber) und schließlich dem Urheberrecht (Eric Steinhauer).

Die konkreten Diskussionen zeigten nicht selten, dass bereits dieser geclusterte Ansatz möglicherweise zu weitläufig gewählt war, denn an vielen Stellen mussten Detailfragen doch aus dem Seminarzentrum heraus- und per Zwiegespräch auf den Weg zum Strand mitgenommen werden. Atmosphärisch ist das allerdings ungemein schöner als der Fachaustausch am Poster…

Im Ergebnis steht mit den Thesen naturgemäß wieder ein Kompromiss, der das wissenschaftliche Publikationssystem nicht aus der Bahn werfen wird, aber zehn komprimierte und Twitter-taugliche Thesen vorlegt, die nun offen diskutiert werden können und sollen. Zu diesem Zweck und in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift Merkur werden sie an verschiedenen Stellen, unter anderem an dieser Stelle im LIBREAS-Blog publiziert.

 


#Siggenthesen

Siggener Thesen zum wissenschaftlichen Publizieren im digitalen Zeitalter

Das digitale Publizieren ermöglicht bessere Arbeits- und Erkenntnisprozesse in der Wissenschaft. Diese Potenziale werden aus strukturellen Gründen gegenwärtig noch viel zu sehr blockiert. Wir möchten, dass sich das ändert, und stellen deswegen die folgenden Thesen zur Diskussion:

1

Digitales Publizieren braucht verlässliche Strukturen statt befristeter Projekte. #Siggenthesen #1

Innovationen im Bereich digitaler Publikationsformate in der Wissenschaft, die in Pilot- und Inselprojekten entwickelt werden, bedürfen einer gesicherten Überführung in dauerhaft angelegte, institutionen- und disziplinenübergreifende Infrastrukturen, um im Sinne der Wissenschaftsgemeinschaft nachhaltige und wettbewerbsfähige Angebote liefern zu können. Wir rufen sowohl Fördereinrichtungen und politische Instanzen als auch Verlage und Bibliotheken auf, sich dieser Verantwortung zu stellen und entsprechende Förder- und Integrationskonzepte im bestehenden Wissenschaftsbetrieb konkret und umgehend umzusetzen. Eine systemische Veränderung hin zum digitalen Publizieren kann nur durch ein verlässliches Angebot exzellenter Dienstleistungen erreicht werden.

2

Die traditionellen Großverlage behindern strukturell unsere offene Wissenschaftskommunikation. #Siggenthesen #2

Wissenschaftliche Publikationen sind Teil eines ökonomischen Wertschöpfungsprozesses, den vor allem große Verlage zur Kapitalsteigerung nutzen. Wir sehen allerdings, dass eine digitale Publikationskultur jenseits einer reinen Orientierung an Gewinnspannen aufgebaut werden kann, denn der Wissenschaftsbetrieb schafft selbst durch offene Lizenzierungen Räume für eine freie Zirkulation von Forschungsergebnissen. Die Zuschreibung von Reputation über Publikationsorte und Verlagsnamen, die Einschränkung von Sichtbarkeit durch Adressierung von kleinsten Expertenkreisen und das Beharren auf gewinnorientierten Verwertungsmechanismen, in denen wissenschaftliche Kommunikation sowie wissenschaftlicher Fortschritt zur Ware wird, stehen zur Disposition. Sie müssen, wenn sie den Zielen einer freien und offenen Wissenschaftskultur im Wege stehen, neu ausgehandelt werden – auch wenn dafür ökonomische oder statusbezogene Risiken für die beteiligten Akteure entstehen.

3

Wir publizieren Open Access, um zu kommunizieren. Langzeitverfügbarkeit ist ein nachrangiges (weitgehend gelöstes) Problem. #Siggenthesen #3

Ein oft geäußerter Einwand gegen Open Access ist die angebliche Flüchtigkeit des digitalen Mediums im Vergleich zu gedruckten Büchern. Dabei wird übersehen, dass auch für Druckschriften das Problem der Langzeitverfügbarkeit virulent ist. Diese Frage darf daher nicht überbetont werden. Vielmehr weisen wir auf die Vorteile digitaler Inhalte als Kommunikationsmittel hin: Digitale Veröffentlichungen, die anerkannte und standardisierte Formate nutzen, haben ebenso eine Überlebenschance wie eine beispielsweise nur noch von wenigen Bibliotheken abonnierte Subskriptionszeitschrift; die Sichtbarkeitschancen sind im digitalen Format indes ungleich höher. Außerdem sind die Methoden der digitalen Archivierung wie Emulation, Remediation und Format-Migration bereits weit entwickelt – und werden kontinuierlich eingesetzt und weiterentwickelt, da ein immer größerer Teil der Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung primär oder sogar ausschließlich digital vorliegt. Schließlich erleichtern digitale Netze erheblich die Archivierung digitaler Medien durch redundantes Speichern an mehreren physischen Lokationen.

4

Der Streit um Open Access ist kein Streit um technische Formate, sondern um Status und verschwindende Disziplinengrenzen. #Siggenthesen #4

Die öffentliche Diskussion um Open Access braucht eine neue Zielgerichtetheit, die Vor- und Nachteile transparent darstellt und statt polemischer Maschinenstürmerei kompetente Akzente setzt. Zeitschriftenkrise, Zukunft der Monographie, unklar werdende Fächergrenzen, bessere Wissenschaftskommunikation etc. dürfen nicht weiter in einen Topf geworfen werden, auch wenn der digitale Medienwandel diese unterschiedlichen Felder affiziert. Wir rufen alle Beteiligten – Befürworter wie Gegner des Open Access – auf, bewusster und sachgerechter zu reflektieren und zu diskutieren. Eine sinnvolle und gestaltende Veränderung gelingt nur, wenn wir anerkennen, dass digitales Publizieren bestehende Hierarchien hinterfragt und eine Umverteilung von symbolischem und ökonomischem Kapital mit sich bringen wird.

5

Webmedien wie Blogs, Wikis und andere soziale Medien sind zentral für einen offenen und freien Wissenschaftsdiskurs. #Siggenthesen #5

Digitale Publikationsmöglichkeiten bieten durch ihre bequeme und leicht erlernbare Handhabbarkeit sowie ihren unmittelbar vernetzenden Charakter die Möglichkeit, den Austausch von Informationen im Wissenschaftsdiskurs deutlich zu dynamisieren. So eignen sich beispielsweise Blogs für eine formal strengere Anbindung an bereits bestehende Genres des Wissenschaftsbetriebs, und ergänzen diese zugleich, indem sie (neuen) kleinen Formen, kommentierenden Texten und Konversationen einen Raum bieten. Der unaufwendige Betrieb dieser Medien macht sie zu weniger hierarchiebelasteten Kommunikationsformaten, wobei gleichzeitig auch redaktionelle Schranken zur Qualitätsoptimierung eingezogen werden können. Die prinzipielle Offenheit der Technik schafft einen kommunikativen Freiraum, der sich als Schreibschule im Prozess des wissenschaftlichen Arbeitens anbietet und die bestehende Wissenschaftskommunikation um neue Dimensionen erweitert.

6

Transparente Daten und ihre Bewertung ermöglichen andere und neue Formen der Qualitätsmessung in der Wissenschaft. #Siggenthesen #6

Bei der Auswahl von Artikeln für Fachzeitschriften oder bei der Bewertung von Publikationsleistungen beispielsweise in Berufungsverfahren werden meist unterkomplexe Formen der Qualitätsmessung eingesetzt bzw. einfachen Metriken und Kennzahlen zu viel Gewicht beigemessen (wie etwa dem Journal Impact Factor). Auf digitalen Plattformen stehen vielfältige Daten transparent zur Verfügung, die die Qualitäten von Artikeln besser quantifizierbar machen: etwa Aufruf- und Downloadzahlen, Lesedauer, Zahl der Reviews und Kommentare, Bewertungen in Reviews und Kommentaren, Zitationen in wissenschaftlicher Literatur und in Sozialen Medien. Wir schlagen vor, dass solche Nutzungsdaten ebenso öffentlich zugänglich gemacht und genutzt werden können wie die zugrundeliegenden Inhalte. Diese Daten können in spezifischen Bewertungsverfahren zielgerichtet kombiniert und müssen um qualitative Elemente ergänzt werden, um die aus den bisherigen quantitativen Messverfahren bekannte Manipulationsanfälligkeit weitestgehend auszuschließen.

7

In digitalen Publikationen und ihren Versionen können Autorschafts- und Beiträgerrollen genauer differenziert werden. #Siggenthesen #7

In gedruckten wissenschaftlichen Veröffentlichungen wurden verschiedene Autorschafts- und Beiträgerrollen nur ungenau bestimmt: Die Naturwissenschaften kennen die hierarchische Reihung der beteiligten Autorinnen und Autoren, die Geisteswissenschaften trennen im Regelfall zwischen der einen Autorperson und verschiedenen Beitragenden, die in der Danksagung genannt werden. Digitale Publikationen ermöglichen die abschnitts- und versionsgenaue Attribuierung von (Haupt-/Co-) Autorschaften sowie von Beiträgerrollen. Auf diese Weise kann wissenschaftliche Reputation zielgenauer und auf Basis einer Attribuierung auch kleinerer Beiträge, wie zum Beispiel von Kommentaren, transparenter ausgewiesen werden.

8

Entscheidungen über die digitale Agenda und ihre Infrastrukturen in der Wissenschaft setzen digitale Expertise voraus. #Siggenthesen #8

In vielen Gremien, die wichtige wissenschaftspolitische Infrastrukturentscheidungen treffen, sitzen unserer Einschätzung nach Akteure, die keine ausreichende medienpraktische und -theoretische Expertise zu Fragen des digitalen Publizierens besitzen. Hochschulen brauchen daher den Mut, Entscheidungen über ihre zukünftigen Infrastrukturen in die Hände digitalaffiner und entsprechend ausgebildeter Personen zu legen. Den digitalen Stillstand in vielen Bereichen unseres Hochschulsystems können und wollen wir uns nicht mehr leisten.

9

Der Erwerb und Einsatz digitaler Kompetenzen ist für die Ausbildung, Lehre und Forschung fundamental. #Siggenthesen #9

Um die Potenziale der digitalen Medien für Arbeits- und Erkenntnisprozesse in der Wissenschaft voll ausschöpfen zu können, ist es wichtig, digitale Kompetenzen auszubilden. Dazu gehören einerseits technische (Code lesen, Programmieren, Algorithmen verstehen) und handwerkliche Aspekte (kollaboratives und vernetztes Arbeiten, Social Reading, Multimedialität), die andererseits aber auch einschlägige analytische und soziale Fertigkeiten (Diskussionskompetenz, Medienkritik, kreatives Denken) grundlegend fördern. Der aktuelle Zustand in der Vermittlung digitaler Grundkenntnisse ist unserer Einschätzung nach an Schulen und Hochschulen – gerade auch im internationalen Vergleich – vollkommen unzureichend. Um das umgehend zu ändern, braucht es eine verbindliche und verpflichtende Ausbildung in allen Bereichen der Wissenschaft und über alle Ausbildungsstufen hinweg – hier müssen gerade auch die Lehrenden lernen.

10

Medienkonvergenzprognosen sind immer unsinnig. #Siggenthesen #10

Jede Disziplin hat einzelne zentrale Zeitschriften, die voraussichtlich auch demnächst noch nicht im Open Access veröffentlicht werden. Das ist aber kein Argument gegen den aktuell beobachtbaren Wandel – es werden auch noch Musikkassetten und Schallplattenspieler verkauft. Die Zukunft wird durch die Beteiligten gestaltet, somit beeinflussen wir die Gültigkeit unserer eigenen Prognosen. Da der Gestaltungsprozess grundsätzlich in einem Interessenwiderspruch stattfindet und der Diskurs dazu über weite Strecken von durchsetzungsgetriebener Rhetorik geprägt wird, ist es erforderlich, die eigenen Ziele und Interessen eindeutig und verständlich benennen zu können.

 

Sie können die #Siggenthesen auf dem Blog von Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken unterzeichnen und kommentieren.

Diese Thesen stehen unter der Lizenz CC BY 4.0. Sie entstanden im Rahmen des Programms „Eine Woche Zeit“ zum Thema „Konzepte wissenschaftlichen Publizierens im digitalen Zeitalter“. Die Veranstaltung fand vom 10.-16. Oktober 2016 im Seminarzentrum Gut Siggen statt, wurde organisiert von Klaus Mickus, Dr. Constanze Baum und Dr. Thomas Ernst in Kooperation mit der Alfred Toepfer Stiftung und dem Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken. An der Veranstaltung haben Vertreterinnen und Vertreter der folgenden Bereiche teilgenommen: Forschung, Lehre, Bibliotheken und wissenschaftliche Infrastrukturen, Wissenschaftsverlage, Lektorat, Übersetzung, Verlagsberatung, Wissenschaftsblogs, Online-Publikationsplattformen und Online-Zeitschriften.

 

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren u.a.:

  • Dr. Anne Baillot (Centre Marc Bloch, Berlin)
  • Dr. Constanze Baum (Forschungsverbund Marbach Weimar Wolfenbüttel; Redakteurin der Zeitschrift für digitale Geisteswissenschaften)
  • Dr. Thomas Ernst (Universität Duisburg-Essen, Literatur- und Medienwissenschaft)
  • Mirus Fitzner (Universität der Künste Berlin, Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikationswissenschaft)
  • Prof. Dr. Alexander Grossmann (HWTK Leipzig, Professor für Verlagsmanagement und Projektmanagement in Medienunternehmen)
  • Lambert Heller (Leiter des Open Science Lab der Technischen Informationsbibliothek Hannover)
  • Ben Kaden, M.A. (HU Berlin, DFG-Projekt Future Publications in den Humanities)
  • Dr. Michael Kaiser (Leitung von perspectivia.net, dem Publikationsportal der Max Weber Stiftung – Deutsche Geisteswissenschaftliche Institute im Ausland, Bonn; Lehrbeauftragter für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität zu Köln)
  • Dr. Ekkehard Knörer (Redakteur der Zeitschrift Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken)
  • Dr. Mareike König (Abteilungsleiterin 19. Jahrhundert, Digital Humanities und Bibliotheksleiterin am Deutschen Historischen Institut Paris, Redaktionsleiterin de.hypotheses.org)
  • Klaus Mickus (Berlin/Berkeley, juris GmbH)
  • Friederike Moldenhauer (Dipl. Soz., Lektorin und Übersetzerin, Hamburg)
  • Volker Oppmann (Geschäftsführer und Cultural Entrepreneur von log.os, Berlin)
  • Christina Riesenweber, M.A. (Freie Universität Berlin, Center für Digitale Systeme)
  • Prof. Dr. Eric Steinhauer (Bibliothekar an der FernUniversität in Hagen; Honorarprofessor am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der HU Berlin)

 

 

Berlin, 24.10.2016

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Die Bibliothek auf dem Weg in das zweite orale Zeitalter. Analysen und Vorhersagen Marshall McLuhans zur Funktion der Bibliothek aus den späten 1970ern, mit klaren „klingt genau wie heute“-Effekten

Posted in LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 12. Oktober 2016

Von Karsten Schuldt

Zu: Robert K. Logan ; Marshall McLuhan: The Future of the Library, From Electronic Media to Digital Media (Understanding Media Ecology ; 3). New York ; Bern ; Frankfurt ; Berlin ;Brussels ; Vienna ; Oxford ; Warsaw: Peter Lang, [1979] 2016

 

Marshall McLuhan, kanadischer Medientheoretiker, hat von den späten 1960er bis zu den späten 1970ern die Diskussionen, Interpretationen und vor allem Vorhersagen über die künftigen Medien, Mediennutzungen und deren Auswirkungen auf die westlichen Gesellschaften (auch wenn er immer wieder den Anspruch formulierte, die Medien und Gesellschaften der ganzen Welt zu analysieren), geprägt. Er stellte Thesen über die kommenden elektronischen Medien auf, bekannt sind insbesondere seine Schlagworte vom „global Village“, der Wiederkehr alter Medien in jedem neuen Medium und „The medium is the message“. Es erstaunt immer wieder, dass er und seine Arbeiten in den deutschsprachigen Bibliotheks- und Informationswissenschaft eingeführt werden müssen; sie sollten eigentlich zum Kanon gehören. Tun sie aber leider nicht.

Entstehung des Buches

1979 erlag McLuhan einem Schlaganfall, konnte ab dann nicht mehr arbeiten und starb 1980. Eines der Projekte, am dem er zu diesem Zeitpunkt mit Robert K. Logan, mit dem er auch schon andere Arbeiten publiziert hatte, tätig war, war ausgerechnet ein Buch über die Zukunft der Bibliotheken. Das unfertige Manuskript wurde im National Archive of Canada eingelagert und lag dort, bis – wohl über eine Bemerkung Logans in dem zum hundertsten Geburtstag geschriebenen „McLuhan Misunderstood“ [Logan, Robert K.: McLuhan Misunderstood. Setting the record straight. Toronto: Key Publishing House, 2013:40] – ein neues Interesse an diesem entstand. Logan ergänzte das Buch um zweieinhalb Kapitel plus zahlreichen Anmerkungen und publizierte es anschliessend.1 Die Ergänzungen sollen das Buch in die heutige Zeit fortschreiben, sind aber in vielem unnötig, oberflächlich und der schwächste Teil des Buches. Das Manuskript selber ist ein bedenkenswerter Versuch, die Aufgabe von Bibliotheken zu bestimmen und gleichzeitig ein Zeitdokument, dass zeigt, dass viele vorgeblich neue Diskussionen seit Jahrzehnten diesen Status „neu“ haben. In vielem unterscheiden sich die Argumente im Buch nicht von denen, die heute vorgebracht werden. Über die Sinnhaftigkeit und Nachvollziehbarkeit der vorhergesagten Zukunft lässt sich auch heute noch gut diskutieren.

Zu bemerken ist, dass das Buch unfertig ist; die Ergänzungen von Logan runden es nicht ab. Es ist im Zustand eines frühen Manuskriptes verblieben. So finden sich mehrere Argumente und Erzählungen mehrfach an verschiedenen Stellen wieder, Zitate sind überlang und ungekürzt, die Struktur des Textes ist zwar nachvollziehbar, aber an einigen Stellen weiter mehr ausgearbeitet, als an anderen. Dies ist nach der Entstehungsgeschichte verständlich, bedeutet aber auch teilweise eine gewisse Zumutung beim Lesen.

Die Bibliothek in Veränderung

In view of the changed environment in which the library now functions, it is necessary to rethink and redefine the notion of the library. The future of the library, while constrained to a certain extent by its technology and social context, will be determined by what librarians wish it to become. (Logan & McLuhan 2016:IX)

Das Buch wurde unter der Annahme geschrieben, dass die technologischen Medien aktuell – also in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre – die Gesellschaft und die Bibliotheken (oder eher das Umfeld der Bibliotheken, siehe weiter unten) verändern würden. Die aktuellen technologischen Kommunikationsmittel waren damals bis zu den Mainframe-Computern fortgeschritten. Logan trennt im Buch diese Medien in „Electric Media“ und „Digital Media“, wobei erste die sind, die McLuhan noch persönlich erleben konnte, die letzteren die, welche nach seinem Tod aufkamen. Die Trennung ist also historisch oder vom Status der Medien her nicht sinnvoll, sondern rein dem Zufall von McLuhan Schlaganfall zuzuordnen. Dennoch sind die Voraussagen und Aussagen in vielen Teilen austauschbar mit Voraussagen, die sich heute in der bibliothekarischen Literatur über die Effekte elektronischer Medien – die heute vor allem mit dem Internet und E-Medien verbunden werden – finden:

We live in the era of information explosion. We are flooded by a plethora of data, yet seem unable to use our knowledge and understanding to come to terms with the difficulties facing us. This, we believe, can to a great extent be attributed to the effects of our communication systems2 and to the way they bias our thought process. (Logan & McLuhan 2016:155)

Solche auch heute zu hörenden Sätze finden sich durch das ganze Buch hindurch. Veränderungen durch neue Medien, „glut of information“ (ein Begriff, der sowohl als Fülle/Überfluss von Informationen als auch als „Informationsflut“ übersetzt werden kann – wobei sich heute im Deutschen die negativ klingende Variante etabliert hat; warum eigentlich?), die Neubestimmung der Aufgabe der Bibliothek als notwendiges Thema der Bibliotheken – all das findet sich bei Logan und McLuhan. Aber man darf sich davon auch nicht irritieren lassen, ansonsten ist es einfach, die Unterschiede zwischen den Diskursen zu übersehen. Während die heutige Diskussion recht einfach von einer Notwendigkeit zur Veränderung auszugehen scheint und die Veränderungen zum Teil unkritisch begrüsst, versuchen Logan und McLuhan die tatsächlichen Auswirkungen des von ihnen untersuchten und erahnten Medienwandels zu bestimmen, gehen dabei – was analytisch und nicht moralisch gemeint ist – von einer „Dehumanisierung“ durch den Überfluss an Informationen aus und schreiben gleichzeitig den Bibliothekarinnen und Bibliothekaren zu, die Zukunft der Bibliothek gestalten zu können und nicht nur den Entwicklungen „zu folgen“.

Was ist die Bibliothek?

Wie erwähnt, ist das Buch unfertig. Deshalb gibt es in ihm auch nicht einen Definitionsversuch von „der Bibliothek“, sondern mehrere Anläufe. Die Bibliothek wird als „physical extension of man’s memory, a tool, a medium, and a technology that can be studied like all the other extensions of man’s body and psyche“ (Logan & McLuhan 2016:1) beschrieben, sie wird als funktionell seit Jahrtausenden (nicht seit dem Buchdruck oder der Massenproduktion von Büchern, sondern bei den Sumern in Mesopotamien verorten Logan und McLuhan den Beginn der Bibliothek) nicht verändert beschrieben, sie wird über ihre Nutzung bestimmt („The content of a library, paradoxically, is not its books but its users […].“, Logan & McLuhan 2016:13), gleichzeitig über ihre Funktion als Kulturinstitution („[…] we shall define the library as that device that stores and makes available for easy access the lore and culture of a society.“, Logan & McLuhan 2016:31), als Einrichtung, die über die Effekte aller Medien aufklären muss (Logan & McLuhan 2016:71-101) und den „readern“ beibringen muss, die neuen Medien „zu lesen“. Diese Ansätze widersprechen sich nicht per se, aber zeigen die unterschiedlichen Zugänge.

Grundsätzlich sehen Logan & McLuhan die Bibliothek als Einrichtung, die Zugang zu Medien schafft und zwar schon sehr lange. Das Buch ist dabei ein Zwischenprodukt, das aber auch nicht unbedingt aussterben wird. (Dies versichern sie am Anfang mehrfach, als Reaktion auf Kritik in bibliothekarischen Diskussionen zu ihren früheren Arbeiten.) Sie sind nicht wirklich an der Geschichte der Bibliothek interessiert, sondern an der der Medien. Dies verleiht dem Buch, wenn es mit einem bibliothekarischen Hintergrund gelesen wird, teilweise den Anschein grosser Spekulationen über Bibliotheken. Gleichzeitig funktionieren die Aussagen innerhalb einer relativ konsistenten Argumentationskette, die gewiss stärker ausformuliert worden wäre, wäre das Buch fertig geschrieben worden.3

Laws of Media

Das Hauptargument im Buch entsteht aber weniger aus der Definition der Bibliothek, sondern aus der Analyse der Funktion von Medien, die auf Bibliotheken angewandt wird. Diese Analyse war Teil des Gesamtwerkes von McLuhan. Er formulierte „Laws of Media“ (die vielleicht heute nicht als „Laws“ im Sinne von Naturgesetzen verstanden würden, aber in den 1970ern in Nachfolge der Kybernetik eher schon), welche im Buch auch noch einmal referiert und anhand von verschiedenen Medien durchgespielt werden. Diese Laws besagen, das ein neues Medium immer (1) eine Situation / Nutzungsweise verbessert, (2) dadurch eine andere Aktivität „veraltet“ (obsolescent), wobei „veralten“ nicht heisst, überflüssig machen, sondern an einen anderen Ort verweisen, zum Beispiel als „altbekannt“, (3) diese Situation (neue Aktivität und „Veraltung“ einer anderen) ruft eine Aktivität „zurück“, die durch ein früheres neues Medium beendet beziehungsweise verdrängt wurde und (4) wenn an den Rand seiner Möglichkeiten entwickelt, dreht sich der Effekt dieses neuen Mediums um und hat einen gegenteiligen Effekt dem, den es zuerst hatte.

Logan und McLuhan spielen (auch) in diesem Buch diese „Laws“ an mehreren Medien durch. Die Presse zum Beispiel (1) macht den Tag (today) stark/zur wichtigen Sache, (2) „veraltet“ das Gestern, (3) holt die Berichterstattung (das und das ist passiert) in einen neuen Status und (4) verwandelt sich später in „soft news“.

Ist das verständlich? Nein? Nun, ein Problem ist, dass die „Laws“ nicht weiter erläutert, sondern in in dieser Art, wie hier dargestellt, einfach als gegeben eingeführt werden. Es hilft, die anderen Werke McLuhans zu kennen; aber ansonsten gibt es keine weiteren Erklärungen. Dies hat gewiss auch mit dem unvollendeten Status des Buches zu tun. Ein weiteres Problem ist, dass die „Laws“ in der Darstellung, wie sie im Buch angewandt werden, nämlich als Listen mit je vier Punkten, eher retrospektiv funktionieren. Mehr oder weniger kann man die Entwicklungsrichtungen nachvollziehen (also von der Innovation der Presse bis zum Umbrechen in „soft news“), aber Logan und McLuhan postulieren, dass die Laws auch genutzt werden können, um quasi den letzten, vierten Punkt vorherzusagen, wenn wir uns in der Entwicklung eines Mediums erst beim ersten oder zweiten Punkt befinden. Und das ist schwierig. Zwar behauptet Logan in seinen Ergänzungen immer wieder, McLuhan hätte mit seinen Vorhersagen richtig gelegen, aber das ist Interpretationssache.

Dehumanizing through the glut of information

So oder so stellen die „Laws of Media“ die Grundlage für die weiteren Ausführungen von Logan und McLuhan über die Zukunft der Bibliothek dar. Wie diese Zukunft aussehen wird, sagen sie nicht genau, sondern erwähnen mehrere Möglichkeiten. Eine Grundlage ist aber, dass sie mit den Laws of Media die Entwicklung der Gesellschaft im Zeitalter der elektronischen Medien vorhersagen. Die Kommunikationsfunktion der Medien würde wieder zunehmen (als Punkt 3), gleichzeitig würde die Verbreitung und das Wachstum von Informationen umschlagen in einen Überfluss an Informationen (4), der zu einer Dehumanisierung durch Informationen führen wird. Die Informationen würden nicht mehr zur Kommunikation benutzt werden können, weil es zu viele, zu schnell abrufbar, nicht mehr wirklich an Personen oder Situationen zu bindende etc. wären.

Daraus schliessen, in mehreren Anläufen, Logan und McLuhan,

  1. dass die Bibliothek ihre Funktion als Ort, an dem Zugang zu Informationen hergestellt wird, um als Werkzeug (Tool) der Menschen zu dienen, weiter funktionieren wird, indem sie Informationen wieder „humanisiert“, das heisst auf ein erträgliches und verarbeitbares Niveau einschränkt. Mehrfach wird angedeutet, dass die Funktion der Bibliotheken in Zukunft nicht darin bestehen würde, möglichst viele Informationen anzubieten, sondern nur eine ausgewählte, kleine Anzahl (McLuhan erinnert an eine Bibliothek von wenigen tausend, ausgewählten Titeln, die er während seines Studiums genutzt hätte) an Medien.
  2. dass die Bibliothek der Ort sein würde, an denen die reader lernen würden, die neuen Medien zu lesen, also nicht einfach, sie zweckbestimmt zu benutzen, sondern zu verstehen und aus ihnen Gewinn zu ziehen.
  3. dass die Bibliothek als Ort für seine Leserinnen und Leser funktionieren wird, die sie als Werkzeug nutzen werden.

Für Logan und McLuhan ist ausgemacht, dass sich die westlichen Gesellschaften in den späten 1970er Jahren einem zweiten „oralen Zeitalter“, in welchem die konkrete, persönliche Kommunikation wieder ein höhere Bedeutung spielen würde – nachdem das „wissenschaftliche“ Zeitalter das erste orale Zeitalter nach der Neuzeit abgelöst hatte – entgegengehen würde. Diese neue Oralität würde durch die elektrischen Medien hervorgebracht (Punkt 3). In diesem Umfeld würden die Bibliotheken eine neue Ausprägung erfahren, eben die, Informationen zu „humanisieren“.

Was anders ist: Zukunft, gestaltbar

Was auffällt, neben dem teilweise nicht ganz zusammengebrachten Argumenten, ist, dass Logan und McLuhan sowohl den Bibliotheken als auch den Menschen mehr Agency zuweisen, als dies heute der Fall zu sein scheint. In gut aufklärerischer Tradition gehen sie davon aus, dass, wenn die Funktionen und „Laws“ der neuen Medien bekannt sind, diese auch gesteuert werden können. Es sind keine einfach ablaufenden Prozesse, auf die nur noch reagiert werden kann, sondern klare Entscheidungen: Die der Bibliotheken, was sie machen und wie sie sich gestalten wollen und die der reader, wie sie mit den zukünftigen Medien umgehen werden. Logan und McLuhan schrieben vor dem Siegeszug des Neoliberalismus, der bekanntlich auch das Bild des „Es gibt keine Alternative“ und des „Marktgesetze, auf die nur reagiert werden kann“, etabliert hat. Dies merkt man dem Buch an; es hat weit mehr Vertrauen in das Denken und Handeln der Menschen und ihrer Fähigkeit, die Zukunft zu gestalten – auch auf Bibliotheken bezogen. Selbst wenn vielleicht sonst nichts stimmt im Buch, ist es doch von Wert, einen solchen Diskurs einmal wieder zu lesen, um zu bemerken, was in der Zwischenzeit verloren gegangen ist: Nämlich die Überzeugung, dass es – bei allen „Laws of Media“ – die Menschen (und Institutionen) selber sind, die die Zukunft machen.

In order to design the library of the future we must have a clear notion of our goals as well as a realistic appraisal of the social, informational, and technological environments in which the library will operate. (Logan & McLuhan 2016:180)

Gleichzeitig führt das Buch dazu, über die oft gehörten und hingenommen Argumente für die Veränderungen in Bibliotheken nachzudenken, die sonst so folgerichtig klingen. Sie sind in vielen Teilen offenbar nicht so neu, wie getan wird. Die „Innovation“ oder „Disruption“ kam nicht mit dem Internet und den E-Books, sondern wurde zumindest schon in den 1970ern vorhergesagt. Der Überfluss an Informationen war schon vorher da. Das die Kommunikation sich verändert, also das die neuen Medien die Kommunikation wieder auf eine persönliche Ebene heben, ebenso. Und die Vorstellung, dass die Bibliothek „humanisiert“, also sozial wirkt, auch. Wie kann das sein? Sind die Veränderungen gar nicht so neu?

Logan versucht, wie schon erwähnt, dass Manuskript fortzuschreiben und führt die Analyse mit den „Laws of Media“ noch einmal an der Bibliothek im „digitalen Zeitalter“ (bei ihm alles nach McLuhan) durch, kommt aber eigentlich nur dazu zu behaupten, dass McLuhan recht hatte und sich dies durch das Internet und das Web 2.0 zeigt, sowie nach eigenen Recherchen die gleichen „innovativen“ Bibliotheken, die auch in der Bibliotheksliteratur hin- und hergereicht werden, als mögliche Zukunft anzuführen. Diesen Teilen fehlt all der zukunftsweisende Blick des originalen Manuskripts.

Fazit

Wie gesagt, ist es immer wieder erstaunlich, dass McLuhan in der bibliothekswissenschaftlichen Literatur quasi nicht vorkommt. Dabei lässt sich alleine an seinen steilen Thesen viel besser und intellektuell anregender diskutieren, als an ganzen Jahresbänden bibliothekarischer Zeitschriften. (Die dafür andere Vorzüge haben.) Mit der verspäteten Publikation seiner Vorstellungen über die Zukunft der Bibliotheken hat er einen Text hinterlassen, der an gewissen Stellen fragwürdig ist, gerade dann, wenn er vorgeblich feste Aussagen machen will (z.B. zur Funktion des Hirns oder nicht-westlichen Gesellschaften und deren Kommunikationsgewohnheiten), der aber gleichzeitig anregt, über die tatsächliche Wirkung von Medien nachzudenken und die Aufgaben der Bibliotheken noch einmal neu zu diskutieren. Wie bei vielen anderen Texten McLuhans gilt auch bei diesem: Vieles stimmt bestimmt nicht, aber es regt an. Das ist schon viel wert heutzutage.

 

Fussnoten

1 Er änderte dabei offenbar auch den Untertitel, der – laut ihm selber in „McLuhan Misunderstood“ – im Originalmanuskript An Old Figure in a New Ground lautete.

2 „Communication systems“ ist hier nicht gleichbedeutend mit elektronischen Medien, sondern bezieht sich (auch) auf die gesellschaftlichen Kommunikationssysteme. Eine Quelle, die bei McLuhan immer wieder auftaucht, sind die Arbeit von Harold Innis dazu, wie die Fischereiwirtschaft und die Flüsse die Kommunikationswege (und damit die Entwicklung und Geschichte) Kanadas entwickelten.

3 Eine Kritik an McLuhan war, dass sein Denken „sprunghaft“ gewesen wäre. Ohne darauf eingehen zu wollen, ob dies allgemein stimmt, scheint dem Text tatsächlich eine gewisse Sprunghaftigkeit innezuwohnen.