LIBREAS.Library Ideas

Ein Handbuch und sein Fach. Zu einer aktuellen Besprechung in der Zeitschrift BuB.

Posted in LIBREAS.Debatte, LIBREAS.Referate by libreas on 19. Juni 2014

Eine Anmerkung von Ben Kaden (@bkaden).

Das im vergangenen Herbst erschienene „Handbuch Methoden der Bibliotheks- und Informationswissenschaft“ (herausgegeben von Konrad Umlauf, Simone Fühles-Ubach und Michael Seadle) bereitet uns in der LIBREAS-Redaktion einen kleinen Kummer. Denn seitdem suchen wir jemanden, der den satten Band in Orange und Grün für LIBREAS bespricht. Warum es so schwierig ist, jemanden für diese Aufgabe zu gewinnen, ist ziemlich offensichtlich: Die größte Zahl derer, die es angemessen könnten, ist befangen oder beteiligt. So ist ein herausragender Nebeneffekt der Publikation, dass sie aufzeigt, wie klein die Community eigentlich ist. Und zugleich stehen natürlich auch Abhängigkeiten im Raum, denn in so einem übersichtlichen Gefüge von Akteuren möchte sich auch kein Nachwuchswissenschaftler mit einer eventuell sehr kritischen Besprechung ins Abseits schreiben.

Jan-Pieter Barbian, Kulturhistoriker und Direktor der Stadtbibliothek Duisburg, hat dieses Problem nicht. Weder im Fach der Bibliotheks- und Informationswissenschaft verankert noch mit der Notwendigkeit, eine Anschlussbeschäftigung zu finden, kann er den Band in der aktuellen Ausgabe der BuB (06/2014) ganz frei und offen rezensieren. Und wenigstens am Berliner Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft sorgt diese Rezension für das eine oder andere Flurgespräch, so dass es auch deshalb durchaus sinnvoll scheint, einen genaueren Blick darauf zu werden.

Seine Einschätzung nach einer, wie er betont, vollständigen Lektüre („was bei diesem Medium eigentlich weder intendiert noch zwingend erforderlich ist“) lautet in etwa: Wer darin sucht, findet schon etwas. Aber: „Wer viel Zeit für die Lektüre dieser seitenstarken Einführung in die große Welt der akademischen Theorien und Methodologien investiert hat, muss am Ende nach deren Wert für die wesentlich bescheidenere Praxis fragen.“ (S.488)

Die Einschätzung überrascht dahingehend ein wenig, steht doch im Handbuch gleich zum Beginn der Einleitung:

„Beim Stichwort Methoden denken Praktiker und Fachvertreter überwiegend an Methoden, die in der Praxis Probleme lösen oder bei der Aufgabenwahrnehmung zur Anwendung kommen […] Um solche Methoden geht es in diesem Handbuch nicht.“

Die Herausgeber betonen, im Gegensatz zur Lesart des Rezensenten in der BuB, gerade nicht die Anwendbarkeit der geschilderten Methoden in der Praxis. Dafür eine gesonderte Aufarbeitung anzubieten und den Wissenstransfer aus der Bibliothekswissenschaft in die Bibliothekspraxis zu fördern, wäre zweifellos eine noble Arbeit. Aber es ist keinesfalls die Aufgabe des Handbuchs, in dem die Herausgeber viel mehr herausstellen, dass die „Forschungsergebnisse mindestens teilweise letztlich auch wieder im Anwendungsfeld des Faches […] ausgewertet werden können.“ Hier wünschte man sich selbstverständlich eine klarere Formulierung wie: „Forschungsergebnisse des Faches wirken idealerweise auf die Ausgestaltung der Bibliotheks- und Informationspraxis zurück“ o.ä. Aber der Wunsch bleibt Wunsch und die Herausgeber werden schon wissen, warum sie drei an sich überflüssige Adverbien aneinanderreihen. Dennoch bleibt das Anliegen leicht fassbar.

Dagegen muss man vermuten, dass Jan-Pieter Barbian den besprochenen Titel aus irgendeinem Grund schlicht von der falschen Seite las. Denn das Handbuch ist erklärtermaßen der Versuch, einen Überblick über die Verfahren und Methodologiediskussionen zu geben, die für die Bibliotheks- und Informationswissenschaft (Betonung auf „Wissenschaft“) relevant sind. Hier wie Barbian die Despektierlichkeit beizulegen: „[…] letztlich bleibt dies alles [die Methoden] etwas für akademische Fetischisten“, zeugt zunächst von einer völlig verkehrten Erwartung. Das ist ein wenig, als würde ein Bergsteiger sich beklagen, dass ihm ein glaziologisches Standardwerke am Steilhang so wenig hilft.

Darüber hinaus eröffnet die in der Formulierung „akademische Fetischisten“ eingeschnürte Herablassung zusätzlich die Interpretationsoption, dass dem Rezensenten daran liegt, der Bibliotheks- und Informationswissenschaft als Wissenschaftsdisziplin eins mitzugeben, was sich dadurch verstärkt, dass er direkt im Anschluss lobend auf die in diesem Zusammenhang eher mit nachgeordneter Relevanz auftretende Buchwissenschaft verweist.

Man mag bedauern, dass buchwissenschaftliche Aspekte aus der Forschungsagenda der gegenwärtigen Bibliothekswissenschaft, jedenfalls hier in Berlin, fast völlig verschwunden sind. Aber dann kann man es auch so formulieren. Oder eben anerkennen, dass im 21. Jahrhundert Buch- und Bibliothekswissenschaft oft getrennte Wege gehen, wie auch in vielen Bereichen Buch und Bibliothek. Man mag auch diese Entwicklung als Verlust empfinden. Außerdem bleibt es eine Debatte, die zu weit über den besprochenen Band hinausführt, als dass sie nebensätzlich auftauchen muss.

Dass Barbian den leider weitgehend deskriptiven und nicht wirklich methodologisch ausgeführten Beitrag von Elmar Mittler zur Historischen Buchforschung (darin als Tiefpunkt eine Abarbeitung der Gender Studies in ihrem Bezug zur Bibliotheks- und Informationswissenschaft in vier Zeilen, drei Wörtern, vgl. S. 498) als besonders aufschlussreich heraushebt, ist tatsächlich besonders aufschlussreich – und zwar hinsichtlich des Blickwinkels, aus dem hier bewertet wird.

Die eigentlichen Probleme des Handbuchs blendet Barbian dagegen aus. Denn man darf durchaus sogar unabhängig vom eigentlichen Inhalt fragen, ob ein Handbuch, dem zudem zugeben wirklich etwas mehr innere Ordnung und Kontur nicht schlecht stehen würde, in dieser Form und zu diesem Preis für die Hauptzielgruppe, nämlich Studierende und Doktoranden der Bibliotheks- und Informationswissenschaft, überhaupt noch zeitgemäß ist. E-Book und Druckausgabe kosten jeweils 99,95 Euro und im Paket 149,95 Euro. Welcher Dozent möchte seinen Studierenden ernsthaft zuraten, sich dieses Buch für den Schreibtisch zu kaufen, zumal zu den meisten der beschriebenen Methoden recht gute Einführungen zu weitaus günstigeren Preisen oder sogar frei im Web verfügbar sind?

Handbuch Methoden der Bibliotheks- und Informationswissenschaft

Die Wikipedia informiert: „A reference work is a book or serial to which one can refer for confirmed facts.“ Damit hätte man bereits einen Ansatzhebel für die Einschätzung a) ob deGruyter den Titel in die richtige Reihe geschoben hat und b) ob das Handbuch bei dieser Zuordnung hält, was die Gattung verspricht.  Weitere Aspekte  dafür wären: „The information is intended to be found quickly when needed.“, „Reference works are usually referred to for particular pieces, rather than read from beginning to the end.“ und „The writing style used in these works is informative; the authors avoid use of the first person and emphasize facts.“ Wäre die Welt wikipedianisch, wäre eine Kritik auch anders und vielleicht einfacher möglich gewesen – dies sogar aus der bibliothekspraktischen Sicht, nämlich in Beantwortung der Frage ob sich die Anschaffung des Titels aus dieser Hinsicht lohnt. Die Nachfrage, auch das zählt ja, ist übrigens offenbar gegeben. Von den 10 Exemplaren im Berliner Grimm-Zentrum sind derzeit 8 entliehen und ein neuntes ist Teil des Präsenzbestandes.

Wer ein konkretes wissenschaftliches Projekt durchführen möchte, findet in der überwiegenden Zahl der Beiträge naturgemäß mehr einen Impuls als eine erschöpfende Abhandlung, wird also ohnehin nach weiterführenden Darstellungen suchen. Das eigentliche Desiderat, eine integrative und auch kritische Auseinandersetzung mit der Grundfrage, was eine typische bibliotheks- und informationswissenschaftliche Methodologie kennzeichnet, wird von dem vorliegenden Band dagegen nicht adressiert.

Man kann also Oliver Schoenbeck nicht wirklich widersprechen, wenn er in seiner Besprechung des Bandes für die Informationsmittel (IFB) notiert:

„Gerade angesichts der inhaltlich so verschiedenen Methoden hätte dem Band wohl auch eine stärkere Strukturierung gut getan.“

Aber auch bei ihm klingt ein Anspruch an, dass der Band unbedingt auch für die konkrete Praxis genutzt werden sollte:

„Hier hätte man sich ein weniger akademisches Methodenverständnis gewünscht.“

Dahinter steht möglicherweise in beiden Fällen das klassische Problem, dass die Bibliotheks- und Informationswissenschaft nach wie vor in der Bibliothekspraxis nicht als freie und unabhängige Wissenschaftsdisziplin anerkannt wird, sondern nur als eine Art Zulieferinstanz oder „Formen des Luxus“ (Barbian) Akzeptanz findet. Das darf die Praxis natürlich. Aber aus wissenschaftstheoretischer Sicht ist diese immer wieder aufglimmende Legitimationsforderung nicht haltbar. Eine Wissenschaftsgemeinschaft muss sich schon nach Art. 5 Abs. 3 GG nicht vor dem von ihr betrachteten Praxisfeld rechtfertigen. Kein Schriftsteller würde von der Literaturwissenschaft verlangen, dass ihre Erkenntnisse für seine Arbeit nützlich sind.

Zweifellos ist die ideale Welt eine, in der sich Bibliothekspraxis und Bibliothekswissenschaft permanent gegenseitig befruchten, denn die besondere Konstellation von Gegenstand und wissenschaftlichem Analyseapparat ermöglicht dies im Fall von Bibliothek und Bibliothekswissenschaft in spezifischer Weise. Genauso aber ist es der (universitären) Bibliothekswissenschaft als Wissenschaftsdisziplin gestattet, sich auch völlig unabhängig von den Mühen der Ebenen der Bibliothekspraxis bewegen. Sie ist kein Dienstleister für ein Bündel von Institutionen und eigentlich auch keine Ausbildungseinrichtung für Bibliothekare.

Die besondere Situation in Deutschland, in der auch das Berliner Institut seit langer Zeit feststeckt, macht dies in der Praxis weniger trennbar. De facto finden viele der Absolventen den Weg in die Bibliothekspraxis, was erfahrungsgemäß für alle Beteiligten nur gut ist. Es wäre gerade deshalb wünschenswert, wenn die Diskussion auf gegenseitigem Respekt und der Anerkennung der Eigenständigkeit der akademischen Disziplin Bibliotheks- und Informationswissenschaft, die sich Binnendiskurse zu ihrer Methodologie genauso leisten darf wie suboptimale Methodenhandbücher, beruhte und nicht auf dem Anlegen falscher Maßstäbe.

Dass das Handbuch ein schwieriger Fall ist, dass es mittlerweile gegenwärtige Formen gäbe, zum Beispiel eine dynamische Variante, in der man stillschweigend den Ratschlag aus dem Kapitel zur Usability-Forschung „Beschriften der Videokassette, ggf. neue einlegen“ (S.255) in „Eindeutige Benennung der Datei und Speicher-Backup“ verändern könnte, wissen Herausgeber und Autoren vermutlich selbst sehr gut.

Der Hauptkritikpunkt, neben dem Publikationsmodell an sich, bleibt sicher der, den Oliver Schoenbeck herausstellt:

„[…] Eine deutlichere Herleitung der einzelnen Beiträge aus dem inhaltlichen Anspruch und den Fragestellungen der Disziplin ist nicht immer gegeben. Man scheint den einzelnen Autoren überlassen zu haben, diese Herleitung – eine Chance, die mal wahrgenommen und mal vertan wurde.“

also der fehlende Überbau, der die Methodenbeschreibungen überhaupt zu einer Methodologie systematisiert. Um das Beste aus der Sache zu machen, wäre denkbar, dass die Herausgeber und die Autoren die Beiträge vielleicht realisiert in einem Projektseminar am IBI in ein Wiki einpflegen und so als aktualisierbare, dialogisch gerichtete und dynamische Basis für jede Methodenfrage einer aktiven und reifen Bibliotheks- und Informationswissenschaftscommunity etablieren. Als 100-Euro-Handbuch ganz alter Schule scheint die Arbeit bei aller Mühe tatsächlich vor allem aus der Zeit gefallen.

(Berlin, 19.06.2014)

 

. Jan-Pieter Barbian (2014) Begrenzter Mehrwert. Ein Handbuch für Theoretiker, die Erkenntnisse über die Praxis gewinnen wollen. In: BuB, 66 (2014), 06, S. 487f.

. Oliver Schoenbeck (2014) Schoenbeck, Oliver Rezension zu: Handbuch Methoden der Bibliotheks- und Informationswissenschaft: Bibliotheks-, Benutzerforschung, Informationsanalyse / hrsg. von Konrad Umlauf … Red.: Petra Hauke. – Berlin [u.a.] : De Gruyter Saur, 2013. – 560 S. : graph. Darst. ; 25 cm. – (Reference). – ISBN 978-3-11-025553-9. Informationsmittel IFB. ISSN 1619-3954. Verfügbar über: http://oops.uni-oldenburg.de/1755/

. Konrad Umlauf, Simone Fühles-Ubach, Michael Seadle (Hrsg.) (2014) : Handbuch Methoden der Bibliotheks- und Informationswissenschaft: Bibliotheks-, Benutzerforschung, Informationsanalyse. Berlin [u.a.] : De Gruyter Saur. Informationsseite zum Titel beim Verlag

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Slow Politics und Bibliotheken. Notizen zu einem (hoffentlich) entstehenden Dialog.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Debatte by Ben on 12. Juni 2014

von Ben Kaden (@bkaden)

I

Gestern hatte ich die nicht geringe Freude, am fortgeschrittenen Nachmittag mit den Kollegen von der Berliner Gazette und einigen weiteren Akteuren mehr oder weniger aus dem Bereich Open Knowledge/Digitale Avantgarde/Bibliothekswesen in der Bibliothek des Institute for Cultural Inquiry (ICI) zu einer Brainstorming-Sitzung zusammenzufinden. Das raumgebende Institut selbst trägt bereits, wenn auch in diesem Fall eher zufällig, im Namen, worum es geht: Die kritische Untersuchung der Kultur der Gegenwart, konkretisiert vor den Regalen und am Bezugspunkt Bibliothek.

Das offene Querdenken solcher Brainstorming-Sitzungen hat den Vorteil, eine Vielzahl von Themen und Perspektiven zusammenfließen zu lassen. Die Menge ist freilich zugleich, was herausfordert. Der nächste Schritt wird ein zielgerichtetes Eindeichen bis Kanalisieren der Vielfalt von Themen und Anregungen sein. Was man momentan bereits festhalten kann und sollte, ist überhaupt die Tatsache der möglichen Verknüpfung von „(slow) politics“ und Bibliotheken, also die Frage, wie politisch Bibliotheken als Institutionen sein können, sein sollten und sein wollen.

Das Konzept der „Slow Politics“ käme den prinzipiell auf Communities welcher Art auch immer bezogenen Bibliotheken entgegen. Jedenfalls sofern man es mit C. Christopher Smith als eine Politik versteht:

„that is concerned more with local than state and federal politics, and that prefers dialogue and co-operation to rigid partisanship.“ (Smith, 2012)

Das Prinzip eines langfristigen Dialogs mit einem konkretisierten Wirkungs- und Gestaltungsraum, in dem es mehr um Zusammenarbeit (Edward Said spricht auch von „coalition-building“, Said, S. 363) als um Durchsetzung und Konfrontation geht, dürfte dem Konzept und Selbstbild der Bibliothek jedenfalls nicht allzu fern liegen. Dies gilt auch, wenn sich im Zuge des Digitalisierungsdiskurses bisweilen technische Innovation vergleichsweise sehr intensiv in genau den Vordergrund schieben, in den eigentlich gesellschaftliche Fragestellungen gehörten.

Entsprechend scheint gerade der Dialog (oder womöglich eine Art Koalition) mit der Netzavantgarde auch dahingehend sinnvoll, dass man besser versteht, wie trivial die Fragen der Technologie im Vergleich mit den Fragen der Technologiefolgen für Öffentlichkeit, gesellschaftliche Konsenskonstruktion und auch Wissenspraxen sind und wie wichtig dabei ist, die Differenz zwischen einer öffentlichen Rolle des Bibliothekswesens und der wachsenden Abhängigkeit von und Integration in Markt-, Marken- und Marketingstrukturen immer wieder herauszustellen. Bibliotheksdienstleistungen sind eben mehr als Produkte, die es gegen oder mit Konkurrenzangeboten zu vermitteln oder zu verkaufen gilt. Oder können jedenfalls mehr sein.

II

Auch wenn das Planspiel, was wäre, wenn ein Edward Snowden mit seinen Leaks, von denen der CARTA-Mitherausgeber Wolfgang Michal gerade in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung meint, dass sie gar nichts enthüllen, zu einer Bibliothek gegangen wäre, etwas ins Leere lief: Die Frage, inwieweit Bibliotheken sich überhaupt in der Gemengelage von Interessen in der Welt nach Snowden, der immerhin öffentlichkeitswirksam sichtbar machte, wie bestimmte Errungenschaften des Rechts von staatlichen Seiten offenbar nach Gusto ausgehebelt werden, positionieren können, wird derzeit weder im (deutschen) Bibliothekswesen noch in der (deutschen) Bibliothekswissenschaft sichtbar aufgegriffen.

Die Aufregung, die es im Zuge des Patriot Act einmal gab, hat es zur NSA-Affäre nicht gegeben, was vielleicht auch daran liegt, dass sich Bibliotheken nicht betroffen sehen. Ein anderer Fall zeigt aber, dass sie es durchaus sein könnten. Dabei geht es nicht um nationale Sicherheitsinteressen sondern um die eines Wirtschaftszweigs. Wie würde sich eine Bibliothek positionieren, an der sich der Fall Aaron Swartz wiederholt?

In einem äußerst lesenswerten Artikel in The Baffler beschreibt John Summers nicht nur wie sich Cambridge, Mass. der Innovationsindustrie an den Hals wirft, wo es nur kann (wer das Echo zur Eröffnung des Factory-Campus‘ im hippen Herzen Berlins verfolgt (vgl. exemplarisch Zimmer-Amrhein), ahnt, dass in der deutschen Hauptstadt ganz ähnlich zugehen könnte), sondern auch, wie schwer (oder eben nicht) sich das MIT mit der Angelegenheit tat.

„Swartz’s alleged crime, which allegedly took place at MIT in 2010, was evading its network security for the purpose of downloading about 4.8 million journal articles from an academic database. Swartz, that is, had a distinctly Zuckerstanian flair for accessing unauthorized data sets. But unlike our hero Zuckerberg, he was not let off with an adminsitrative warning from confused but tolerant elders, and he did not start up a social networking company or see his hacking made into a celebrated movie.“ (Summers, S. 44)

Wo der Student Mark Zuckerberg mit Facemash das Recht am eigenen Bild (und vielleicht der eigenen Würde) von Studierenden für den Jux eines „hot or not“-Spiels verletzte, eine kleine Rüge kassierte und am Ende, nun Milliardär geworden, von seiner eigenen Universität mit einigermaßen bestürzender Servilität als Idol gefeiert wird, wurde Aaron Swartz mit seinem „We need to fight for Guerilla Open Access.“ von zwei MIT-Polizisten und einem Spezialermittler auf einem Parkplatz verhaftet und wegen Hausfriedensbruch und Diebstahl in Untersuchungshaft genommen, bevor er sich schließlich der maximalen Strafverfolgung mit einer aus europäischer Sicht grotesken Strafandrohung von 95 Jahren Gefängnis und drei Millionen Dollar Strafgeld ausgesetzt sah.

Wir haben spätestens seit Napster gelernt, dass eine Digitalkopie den Status eines Kapitalverbrechens bekommen kann. Aber dieser Fall, bei dem es nicht um Inhalte des popkulturellen Entertainments ging, sondern um Fachpublikationen, die ausschließlich an Bibliotheken verkauft werden und mutmaßlich selbst nach einer Deliberation auf einem Filesharing-Server brav weiter von Bibliotheken zu den entsprechenden Lizenzbedingungen erworben und vermittelt worden wären, zeigte in außerordentlicher drastischer Weise, wohin die Kämpfe um die Kontrolle über das so genannte geistige Eigentum führen können. Und wie sich diese verselbstständigen:

„Nachdem Swartz die Daten wieder an JSTOR ausgehändigt hatte, kündigten diese an, keine zivilrechtlichen Ansprüche gegen den Aktivisten zu stellen. Der Fall wurde von der Staatsanwaltschaft trotzdem weiter verfolgt.“ (Geiger, 2013)

III

Nachdem sich Aaron Swartz am 11. Januar 2013 das Leben nahm, geschah folgendes:

„And though the U.S. Attorney’s Office went off to assail other bogus threats to the sanctity of scientific data in behalf of the business class, MIT was forced by public opinion to investigate what, if any, responsibility it had for [Swartz’s] death.“ (Summers, S. 45)

Das Ergebnis dieser MIT-internen Untersuchung war, dass das MIT keine Schuld trifft und dass es sich mit seinem Ansatz, als neutrale Instanz in Fall Swartz (also weder Opfer noch Fürsprecher) korrekt verhalten hat. Allerdings listete der Bericht, so Summers, zugleich auf, wie das MIT die Strafverfolgungsbehörden in diesem Fall unterstützte und Beweismittel schon vor der Anforderung durch die Ermittler bereitwillig übermittelte. Wie das MIT einen ihrer potentiellen nächsten Zuckerbergs derart auslieferte, erstaunte nicht nur Summers, der schreibt:

„Swartz family repeatedly requested that MIT say something on his behalf during the long prosecution. But MIT refused even to announce it had adopted neutrality.“

Er liefert im Anschluss einen Erklärungsversuch für das Kopfeinziehen des MIT und der schließt den Kreis zu der aggressiven Innovations(wirtschafts)politik, die in Cambridge stattfindet, die den eigentlichen Gegenstand seines Textes darstellt:

„[I]t may help to remember, that Swartz’s two-year prosecution took place at at time when hundreds of millions of dollars were filtering into Innovation Economy institutions. His alleged downloading of academic articles may have seemed innocuous to outsiders, but the lords of these networks knew better. In a climate of imperial expansion, his infraction was too trivial to let go.[…]

[N]obody had more to lose over those few years than MIT, which proceeded to overtake Harvard as the number-one-ranked university in the world. That MIT climbed to the tippity top of the influential „QS World University Ranking“ from 2011 to 2014 is a testament to the strategic value of science and technology deployed in startup cities around the world, as well as the Institute’s ability to recruit major donors [….]

Taking a stand for Swartz would have dragged MIT down from its rising position in the Innovation Economy’s fable of a classless utopia. Advocating leniency for this particular rule-breaking entrepreneur would have mired the school in the murky world of conflicting interests. How much safer to do nothing.“ (Summers, 46)

Neutralität bedeutet hier also: auf keinen Fall anecken und investitionsfeindlich wirken. Fraglos erkennt man John Summers Verbitterung, die in der anschließenden Passage noch deutlicher wird:

„What does the Innovation Economy require of MIT? To be a global pacesetter in entrepreneurship? Check. A local real-estate kingpin? Check. An institution that’s prepared to discuss what philanthropy is really for, how cultural power masquerades as „economic development,“ or why Aaron Swartz was prosecuted? No, not really.“ (ebd.)

Ob die geschilderten Tendenzen tatsächlich so zutreffen und das MIT sich vor allem als Interessenmultiplikator einer bestimmten Gruppe von Stakeholdern bzw. einer spezifischen Ideologie (Summers schreibt von einem „innovator’s dogma“) ausrichtet, lässt sich von außen schwer einschätzen. Unbestritten ist jedoch die traditionelle Nähe des Instituts zum Pentagon und zur CIA, zu dem sich nun die Tech– und Intellectual-Property-Industrie gesellt:

„science is now migrating, like every other field of marketable intellectual endeavor, to the donor class. And to this shakeout MIT’s leadership brings a noticably fine track record of adaption, one that guarantees large parts of Cambridge will be the intellectual property of the 1 percent […]“ (ebd.)

Was daraus folgt, so John Summers und so leider auch beobachtbare Trends an anderer Stelle, ist eine Eindimensionalität, die innovierende und Produkt gerichtete Wissenschaft zum Leitmuster der Universitäten und letztlich auch der Kultur, wie sie die Kulturindustrie vermittelt, erhebt. Was dort zählt, ist ein verkaufbares Ergebnis:

„In the system of rewards and incentives surrounding the Innovation Economy, talent in the fine arts has no place, and criticism is a special order of dubious. It’s not creativity unless it employs cutting-edge technology, recruits a big donor, or rewards investors.“ (ebd. S. 48)

Heute ist so gut wie jedem einsichtig, wie die Digitalkultur ganz grundständig spätestens seit den frühen 2000er Jahren ein Investitions- und Umverteilungsmarktplatz wurde, bei dem die Kultur der Partizipation des einst von Tim O’Reilly verkündeten Web 2.0 am Ende nur eine Facette dieser Kulturindustrie bleibt, in der „Nutzer“ als „Prosumer“, mit spärlicher Aufmerksamkeit und ab und an kleinen sozialen Aufstiegsversprechen entlohnt, in Selbstausbeutung permanent Inhalte und Metadatenströme für Marktanalytik und Produktentwicklung bereitstellen und wie nebenbei Berufsfelder wie den klassischen Journalismus vielleicht nicht auslöschen aber doch irgendwie deprofessionalisieren.

Ganz in der Nähe zu den Diskussionen der Think Tanks um die Berliner Gazette, kommt John Summers am Ende seines Textes bei Bertrand Russel und dessen Konzept eines „vagabond’s wage“, also einer Art bedingungslosem Grundeinkommen an und der Notwendigkeit „to insist on our collective right to the city.“ (Summers, 49) Berlin und sein Tempelhofer Feld wären übrigens schöne Anschlusspunkte für diese Feststellung, die gesondert diskutiert werden können und sollten.

Für den Brückenschlag zur Frage, wie sich Bibliotheken vor dem Horizont der Totalkommerzialisierung von Erkenntnis- und Kulturproduktion verhalten sollen, wirkt nämlich zunächst eine andere Aussage interessanter, ein Ausstiegsszenario für den sehr ernüchternden, fast deprimierenden Aufsatz:

„Another countercultural bohemia could serve as the avant-garde of consumerism developing all the new forms of expression and pleasure to be simulated by the next generation of corporate technologists and monetized by the next generation of investors.“ (ebd.)

Wir können dem Wirken des Marktes offenbar nicht entgehen und was Summers für Cambridge beschreibt, ist mehr noch die Entwicklungsgeschichte um den Mythos Berlin. Im nachfolgenden Satz wird dies noch ein wenig deutlicher:

„But at the very least, a campaign would highlight the entrepreneur’s utter dependence on unpaid labor and public goods and give us time to come up with alternative forms of social change that do not continue to deplete the diversity of the human environment.“ (ebd.)

Ganz ungeachtet des Fatalismus, der auch in dieser Perspektive mitschwingt, scheint die Rolle einer engagierten Bibliothek in dieser Konstellation idealerweise die zu sein, die Erinnerung an und die Möglichkeit der Alternative offen zu halten und einen Raum für Diversität und Vielfalt zu bieten, für Kritik, das vermeintlich, weil wirtschaftlich nicht nutzbare, Nutzlose und auch das Nein. Denkbar ist zudem sogar, dass sich Bibliotheken im Zweifelsfall auf die Seiten der Aaron Swartzs schlagen, dass sie sich als Plattform und als Multiplikator für Widerstreit und womöglich sogar Widerstand und Subversion anbieten.

Ob die Institution Bibliothek derart wirken kann, sollte und möchte, ist völlig offen. Gerade deshalb wäre eine breitere Problematisierung der Frage ihrer Rolle als Ort für „(Slow) Politics“ in einer reifenden digital-vermittelten Gesellschaft notwendig. Gerade deshalb ist es sehr zu begrüßen, dass dieses Thema nach dem Komplizen-Workshop von Berliner Gazette (vgl. auch Haas, Rusch, 2014; Kaden, 2014) auf der Agenda bleibt. Noch begrüßenswerter wäre es freilich, wenn es die Konferenzräume und kleinen Bibliothekskreise Berlins verlassen würde. Nun ja, der Ausdruck slow politics enthält ja nicht zuletzt auch einen deutlichen Hinweis auf die zu erwartende Dauer solcher Prozesse.

(12.06.2014)

. Leonie Geiger (2013) Jenseits der Tastatur: Es knallt, wenn Digital Natives mit dem Rechtsstaat in Konflikt geraten. In: Berliner Gazette. 15.06.2013

. Corinna Haas, Beate Rusch (2014) Piraten und Kapitalisten denken eine globale digitale Bibliothek. Eindrücke von der „Complicity – Berliner Gazette Konferenz 2014. In: LIBREAS. Library Ideas, 24 (2014)

. Ben Kaden (2014) Eine kurze Nachlese zum KOMPLIZEN-Workshop der Berliner Gazette vom 06.04.2014. In: LIBREAS.Tumblr, 18.04.2014

. Wolfgang Michal (2014) Whistleblower Edward Snowden: Der hat doch gar nichts enthüllt. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung / faz.net, 10.06.2014

. Edward E. Said (Gauri Viswanathan, Hrsg.) (2002) Power, Politics, and Culture. Interviews with Edward W. Said. New York: Vintage

. C. Christopher Smith (2012) The Urgent Need for Slow Politics. In: Relevant Magazine / relevantmagazine.com, 13.11.2012,

. John Summers (2014) The People’s Republic of Zuckerstan. In: The Baffler, No. 24, S. 20-49.

. Florian Zimmer-Amrhein (2014) Startup-Campus: Berlin will Silicon City werden. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung / faz.net, 12.06.2014