LIBREAS.Library Ideas

Über Philatelie, Bibliophilatelie und eine Briefmarke aus Kansai.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 1. Oktober 2017

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

„I got rid of my stamp collection the other day.“ So begann der Journalist Eugene L. Meyer unlängst ein Opinion-Piece in der New York Times (Stamped Out. NYTimes.com, Sept. 29,2017). Bemerkenswert daran ist bereits, dass das Thema Philatelie überhaupt noch in die Diskurssphäre einer Tageszeitung gelangt. Andererseits stellte ebenfalls die New York Times unlängst in ihrer Rubrik „Stamp Notes“, die sie offenbar im Schnitt einmal pro Jahrzehnt bestückt, eine wunderbar zeitgemäße Neuausgabe vor, die sogar in den erweiterten Horizont der Bibliophilatelie passt, da sie ein Kinderbuch würdigt: The Snowy Day von Ezra Jack Keats (siehe Maria Russo: ‘The Snowy Day’ Captured in New Stamp Series. NYTimes.com, Sept. 22, 2017). Maria Russos kleine Kolumne über Peter im Schnee adressiert natürlich auch und zwar nicht ohne Melancholie einen Erinnerungsraum – The Snowy Day erschien 1962. Zugleich zeigt sie jedoch, wie wichtig und sinnvoll Erinnerungskulturen sind und welche eigenwillige und positive Rolle Postwertzeichen dabei spielen können:

„More than half a century later, that world hasn’t arrived — not even in children’s books, where brown children are still far underrepresented, relative to their percentage of the population. Peter is still, in a sense, a figure out of a dream. But those stamps will remind us that the dream still stands strong.“

Eugene L. Meyers Text ist dagegen eine eher typische Abhandlung, die man in ähnlicher Form leider schon Dutzende Male lesen konnte und zwar auch ziemlich identisch zum behaupteten Niedergang der Kultur des gedruckten Buches. Das Sammeln von Briefmarken ist, so das Bild, eine vergehende Leidenschaft, ähnlich vielleicht wie Modelleisenbahnen, der eine davonalterende Generation noch ein wenig nachhängt. Aber an sich ist es schon so gut wie ausgestorben, weshalb seine eigene Sammlung nun nichts mehr wert ist, wie ihm Händler versichern. Die Briefmarkensammlung ist aus dieser Warte eine unglückliche Fehlinvestition, die man längst hätte abstoßen sollen. „[T]here was a time when people cared about stamps“ hebt der Schwanengesang an und führt zum Briefmarkenkundler Franklin D. Roosevelt zurück und zu einer Zeit, in der es an jeder Schule eine Arbeitgemeinschaft der jungen Philatelisten gab. Heute wird „Junge Philatelie“, wie Meyer von der Fachhändlerin Judy Johnson erfährt, in einer anderen Altersspanne verortet: „“Trying to bring in the younger 30-to-50-year-old crowd is really difficult,” she said.“ Ähnlich dem Antiquariatsmarkt scheint auch der Briefmarkenhandel ein sterbendes Gewerbe zu sein. Der Blick daheim auf drei Regalmeter geerbte Alben, deren Wert sich auf ein persönliche Zuschreibung eingedampft ist, betätigt dies.

Stamped Out offenbart aber zugleich, wo das Problem liegt und zwar in der selben Form, die einem auch auf Sammlerbörsen unmittelbar ins Auge springt: Die Welt der Philatelie schafft es kaum, das Medium der Briefmarke und die Aktivität eines vertiefenden Umgangs mit ihr neu zu interpretieren. Die Frage, was Philatelie im 21. Jahrhundert sein kann, wird von der Empirie in der Regel beantwortet als: Ein Echo des 20. Jahrhunderts mit den Protagonisten, die damals schon dabei waren.

Abgesehen von einer schmalen Hochpreiselite ist das Sammeln von Briefmarken in der Tat eine sehr unwirtschaftliche Betätigung. Andererseits sind die Einstiegskosten so gering, dass es auch nicht viel kostet, Für den Preis eine semi-professionellen digitalen Kamera oder auch eines aktuellen iPhones kann man sich mit philatelistischen Material für eine Dekade ausstatten. Bleibt die Frage, was man damit will.

Möglicherweise kann man mit der Bibliothekswissenschaft kann eine Antwort finden. Briefmarken sind hochdichte Informationsträger und Zeugnisse. Genauso wie andere Publikationen lassen sie sich sie sammeln, erschließen und verfügbar machen. Die Ebene des Sammelns ist die traditionell ausgeprägteste. Mit Album, Vordruckblättern und Michel-Katalog saßen jahrzehntelang die Sammler und in geringerem Maße Sammlerinnen an Sonntagnachmittagen in ihrer Wochenendstille und versuchten alle Marken, die in einem bestimmten Land oder zu einem bestimmten Motiv erschienen sind, zusammenzutragen, einzusortieren und somit für sich zu bewahren. Es ging um Vollständigkeit und eine der schönsten Seiten diese Tätigkeit war mutmaßlich ihre inhaltliche Leere, die so regenerativ wirkte wie anderen ein stundenlanges Warten an einem Waldsee auf einen anbeißenden Fisch.

Die zweite Dimension, also die Erschließung, verweist auf eine inhaltliche Auseinandersetzung mit einzelnen Objekten und zwar über die bloße Registratur nach Katalognummer hinaus. Man achtete darauf, wer eine Marke entworfen hat, welche Ereignisse sich mit einer Ausgabe verbanden und betrat damit einen deutenden Raum, wenngleich nicht zwingend einen interpretativen und kommunikativen. Die Briefmarke wurde immerhin zum Zeichen, dass auf etwas außerhalb ihrer bloßen Objekthaftigkeit verweist und dass sich zu lesen lohnt. Sie spiegelte Welt und erwies sich als Zugangsmedium zu dieser, das umso mehr an Aussagekraft gewinnt, je mehr man sich der Bedingungen ihrer Produktion und Zweckzuschreibung befasst.

Diese Funktion erfüllt sie nach wie vor, auch wenn die traditionelle Form der Ausstellung von Briefmarken in entsprechend komponierten Schautafeln auf Briefmarkenausstellungen, also in etwa einer Darstellungsform, die man in der Wissenschaft von konferenzbegleitenden Postersessions kennt, ihre Anziehungskraft weitgehend verlor. Diese Tafelkunde markiert einen Übergang zur dritten Interaktionsform mit dem Medium Briefmarken: dem Verfügbarmachen, das heute leichter mit digitalen Mitteln bewerkstelligt werden kann. Das Briefmarkensammeln als solitäres Hobby mag seine kontemplativen Reize haben, die allerdings, wie Stamped Out treffend herausstellt, nur noch in der Nische Lieberhaberinnen und Lieberhaber findet. Es wird aber wie alle Kulturartefakte nur überleben können, wenn eine Aktualisierung gelingt. Dafür braucht es Sichtbarkeit und Kommunikation.

Eine andere und aus meiner Sicht fruchtbarere Herangehensweise wäre folglich, Formen von Diskursen, vielleicht eine Art Social Reading von Briefmarken zu entwickeln, in denen diese mit ihrer Spezifität sowohl medial wie auch inhaltlich einer Rolle spielen können. Naheliegend sind hier design-theoretische und kulturwissenschaftliche Annäherungen. Twitter-Timelines wie Kitteclub zeigen, wie erfrischend, gegenwärtig und anziehend Briefmarken potentiell dargestellt werden können. Ein Diskurs ist das eher noch nicht. Aber Sichtbarkeit wird erreicht. Und er Aspekt der Freude an der Beschäftigung wird sehr unterstrichen.

Ein Problem der, wenn man so will, Diskursivierung der Philatelie könnte in der Abgeschlossenheit der bisherigen Kommunikationen zum Gegenstand liegen. Die Kanäle sind entweder die verkehrten oder sehr exklusiv. Sehr aussagekräftig ist zum Beispiel, dass viele der wenigen Aufsätze zur Philatelie, die sich im Web of Knowledge finden lassen, mit der Darstellung beispielsweise großer Mediziner auf Briefmarken befassen und irgendwo unter Vermischtes in den Zeitschriften der entsprechenden Wissenschaftsgebiete erschienen sind. Die Zitationshäufigkeiten für solche Nebenaufsätze liegen erwartungsgemäß oft bei Null.

Einschlägige philatelistische Fachpublikationen sind entsprechend oft zwar sorgfältig und quasi-wissenschaftlich aufgearbeitet – zumindest im monografischen Bereich – werden aber kaum aus dieser Warte gesehen. Zudem ist die Philatelie meist bestenfalls eine Feierabendwissenschaft, weshalb sie zwar als Disziplin gedacht aber nicht praktiziert werden kann. Es fehlt jegliche akademische Rahmung. Die wenigen philatelistischen Spezialbibliotheken kämpfen regelmäßig um ihren Erhalt.

Die Publikumszeitschriften dagegen versammeln recht breite, im besten Fall populärwissenschaftlich aufbereitete Artikel und Berichte, die sich als Nebenbeilektüre für die Sammler_innengemeinschaft eignen, meist jedoch so gut wie keinen Appeal für Außenstehende besitzen. Diese eigenartige Exklusivität, die man auch sehr auf den Briefmarkenmessen atmen kann, ist aus meiner Sicht einer der großen Gründe, warum die philatelistische Welt so sonderbar überholt wirkt, massenmedial oft in einer Linie mit dem Klischee der Bibliotheken mit ihren Attributen staubig und funktional obsolet.

Wie bei Bibliotheken stellt sich auch für die Philatelie die Herausforderung, sichtbar zu vermitteln, dass das historisch gewachsene und sich verhärtete Abziehbild eines bestimmten Typus nicht zwingend der Realität entsprechen muss. Gerade der Schwung, der mit der Visualisierung von Kommunikation und zum Beispiel der Erblühen der Bildtheorie, spürbar ist, lässt sich sehr gut auf das Medium der Briefmarken anwenden. Alles was man tun muss, ist Briefmarken als Text bzw. als semiotische Objekte zu begreifen.

Ihre Narrativität ist naturgemäß sehr begrenzt. Sie sind Funktionstexte, bei denen ein Aussagegehalt in einer formal hochbegrenzten im Detail aber erstaunlich variablen Form eigentlich sehr erstaunlich an eine andere Objektfunktion – der Freimachung einer Postsendung – gebunden werden. Sie sind Träger sowohl von Metadaten (einerseits des Funktionswerts als Postwertzeichen, andererseits einer geographischen und unmittelbar bzw. mittelbar zeitlichen Einordnung) sowie einer inhaltlichen Bedeutungsebene, nämlich dem Motiv. Hinter diesem steht meist ein Ausgabeanlass, mindestens jedoch die Feststellung, dass die zuständigen Stellen dieses konkrete Thema zu einem bestimmten Zeitpunkt für einen repräsentierenden Kommunikationsakt ausgewählt haben. Der Kern dieses Aktes ist auf der elementarsten Ebene: Das konkret Gezeigte ist adäquat und typisch genug, um als Repräsentation einer bestimmten Vorstellung in die Welt geschickt zu werden. Selbstverständlich spielen auch Aspekte der Verkaufbarkeit eine Rolle, was zu einem Mangel an negativ besetzten Motiven führt. Und wenn, dann mitunter nicht sehr klug. Für die in dieser Hinsicht sehr interessante Ausgabe zur Topographie des Terrors wurde zum Beispiel unglücklicherweise der Postkartenwert von 45 Cent gewählt, was sie für den Hausgebrauch (=Urlaubspost) im Jahr 2017 fast disqualifiziert. Ein Bestseller wurde die Marke naturgemäß nicht.

Die enge Bindung des Motivs an ein konkretes Land – bzw. im Bereich der modernen Privatpost oft an eine bestimmte Region – rückt das Phänomen der Briefmarkengestaltung also in den Kontext einer, wenn auch sehr niedrigschwelligen, Geschichts- und Identitätspolitik. Wenn sich so etwas wie Leitkultur an einer Stelle abbildet, dann hier. So widmen sich die aktuellen Briefmarkenausgaben der Deutschen Post zwei idyllischen Landschaftsdarstellungen (Badische Weinstraße und Markgräflerland), einem sehr einschneiden Ereignis aus der deutschen Fernsehgeschichte (Das Millionenspiel), der Tradition der deutschen Antikenforschung (300. Geburtstag Johann Joachim Winckelmann) sowie einer Würdigung der gesellschaftlichen Wirkung der katholischen Kirche (50 Jahre Justitia et Pax). An alle diese Ausgaben kann man die Fragen stellen, wofür genau die Motive stehen, warum sie 2017 als relevant erachtet werden und wie sie grafisch umgesetzt sind. Sie spiegeln, wenn auch in einem Zerrspiegel, die Gegenwart mit ihren Werten und ästhetischen Vorlieben. Richtet man die Fragen an ältere Ausgaben, erzählen diese folglich viel über eine Vergangenheit. Je mehr Hintergrundwissen man erwirbt, je besser man sie zu lesen lernt, desto komplexer werden diese Geschichten.

Briefmarke Japan General Library, Kansai University.

Briefmarke Japan General Library, Kansai University.

Selbstverständlich kann man in der gleichen Weise eine Briefmarke befragen, die unlängst in meine Sammlung zur Bibliophilatelie fand. Leider – Stichwort Hintergrundwissen – erweist sich ihre Geschichte, die allein auf der Dechiffrierung des vorliegenden Objekts beruht, als eher flach.

Die aus Japan stammende Ausgabe zeigt die Hauptbibliothek der Universität von Kansai (関西大学総合図書館) und zwar getreu lokaler ästhetischer Präferenzen zur Zeit der Baumblüte. Das Idealbild wird durch den makellos blauen Himmel verstärkt. Ein kleine Gruppe Menschen ist mit etwas Abstand zum Eingang konzentriert als wartete sie auf eine Führung durch die Bibliothek oder über das Gelände. Die Szenerie ist idyllisch, keinesfalls dramatisch und harmoniert recht gut mit der sachlichen Architektur des Hauses. Das spektakulär auskragende Vordach über dem Haupteingang der Bibliothek erkennt man aus dieser Perspektive und Auflösung nicht und erahnt es nur, wenn man von seiner Existenz weiß.

Die Gestaltung der Marke und vor allem die Druckqualität lassen zugleich sofort erkennen, dass es sich bei dem Exemplar nicht um eine offizielle Ausgabe der japanischen Post sondern um eine selbst gestaltete Marke handelt, wie sie auch die Deutsche Post mit ihrem Dienst der „Briefmarke Individuell“ ermöglicht. Traditionelle Sammler verabscheuen solche Angebote meist zutiefst, da sie der auch von Eugene L. Meyer beklagten Briefmarkenflut („It is all just too much, even for the die-hards.“) noch einen völlig unüberschaubaren Ozean an individualisierten Postwertzeichen hinzufügt. Dieser als zusätzliche Einnahmequelle der Postdienstleister in vielen Ländern eingeführte Dienst sorgt jedoch für eine interessante und bisweilen sehr unterschätzte Wendung der philatelistischen Kultur, da er die Briefmarkengestaltung im Prinzip demokratisiert. Diese Marken verhalten sich zu den offiziellen Ausgaben in etwa wie Zines zu Verlagspublikationen. Und wie die Zines bleiben sie außerhalb jeder systematisierten Verzeichnis- und Archivierungskultur. Was das Phänomen eher noch spannender werden lässt.

Jeder kann nun, womöglich auch aber erfahrungsgemäß nicht zwingend motiviert durch ein Mimikry der traditionellen Exzeptionalisierung des Gezeigten durch das Zeigen, ein Motiv seiner Wahl zu einem zugelassen Postwertzeichen werden lassen. Aufgegriffen wird dies u.a. auch in der politischen Kunst. Im vorliegenden Fall der Kansai-Ausgabe wählte man den 1985 eröffnete Neubau der Universitätsbibliothek als Motiv. Verwendung fand vermutlich eine in ähnlicher Form bereits publizierte Fotografie, also denkbar eine offizielle Aufnahme aus dem Archiv der Hochschule. Daher ist davon auszugehen, dass die Einrichtung auch Auftraggeberin dieser Ausgabe war. Über den Ausgabeanlass und Verwendungszusammenhang der Marke ist leider nichts bekannt. Bemerkenswert ist jedoch, dass mit diesem Neubau auch in gewisser Weise die Hinwendung zur Digitalisierung an der Bibliothek eingeleitet wurde, ein Trend, der Phänomene wie individualisierte Briefmarken überhaupt erst technisch realisierbar macht. So schließt sich zumindest über Umwege ein Kreis. Zugleich ergänzt diese individualisierte Bibliotheksbriefmarke eine etwas vernachlässigte Nische in meiner Sammlung zur Bibliophilatelie.

Berlin, 01.10.2017

(Ich danke Takao Kobayashi für Informationen zur Kansai-Ausgabe.)

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Pour une historie alternative de l’autoroute de l’information. Ein System, das vor dem Internet wie das Internet war, aber anders und französisch. (Ce n’est pas rien.)

Posted in LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 19. September 2017

Zu: Julien Mailland ; Kevin Driscoll (2017). Minitel: Welcome to the Internet (Platform Studies). Cambridge ; London: The MIT Press, 2017

Karsten Schuldt

 

Minitel (Médium interactif par numérisation d’information téléphonique) war ein in den 1980ern und 1990ern in Frankreich etablierter interaktiver Dienst, vergleichbar (aber weit massiver verbreitet) mit dem BTX in Deutschland. Auf der Basis von Videotext-Standards, Millionen kostenfrei abgegebener Terminals und einer Struktur, die Interaktionen – vor allem die Auswahl von Optionen und Chats, aber auch Spiele oder Zugriff auf Datenbanken – ermöglichte, versuchte der französische Staat einen eigene Computerindustrie zu fördern, die eine führende Rolle in der Welt einnehmen sollte (was nicht geklappt hat) und machte Frankreich in einer Zeit vor dem Internet zum “vernetztesten” Land der Welt. Und zwar nicht nur in Hochschulen und Industrie, sondern auch im privaten Bereich.

Minitel als Gegenbeispiel zum Internet

Es gibt offenbar eine Tendenz in der Geschichtsschreibung zum Internet, Minitel als gescheitertes Experiment abzutun, welches gerade darunter gelitten hätte, dass es massiv staatlich reguliert war. Minitel wird – so zumindest die Aussage der Autoren des zu besprechenden Buches – vor allem als Beispiel dafür angeführt, dass staatliche Intervention Innovationen unmöglich machen würden und dieses dem (vorgeblichen) Vorgehen in den USA, auf Innovationen von Seiten der Wirtschaft zu setzen, welches viel erfolgreicher wäre, gegenübergestellt.

Mailland und Driscoll – die zusammen auch das Minitel Research Lab an der Indiana University in Bloomington betreiben – unternehmen in ihrem Buch zwei Dinge: Einerseits erzählen sie die Geschichte von Mintel (das in den späten 1970ern geplant, bis 1984 auch in die letzten Ecken Frankreichs ausgerollt war und erst 2012 abgeschaltet wurde), andererseits widersprechen sie den offenbar gängigen Erzählungen über das Entstehen und Funktionieren des Internets. Abgesehen davon, dass auch das Milieu des Silicon valley erst durch staatliche (und militärische) Förderung entstehen konnte, sei das Projekt Minitel gerade doch erfolgreich gewesen, da es zwar die Infrastruktur staatlich organisierte, aber die Nutzung in private Hände gab und das Entstehen von kommerziellen Angeboten explizit beförderte (zum Beispiel mit der Publikation von Forschung zur Mensch-Maschine-Interaktion oder Usability). Der zweite Punkt wird immer wieder sehr auf die US-amerikanischen Diskussionen bezogen, was als Schwäche des Buches zu benennen ist. Dennoch sind die Anmerkungen der Autoren zu alternativen Geschichten und Interpretationen immer wieder auch anregend.

Plug n Play

Die Geschichte von Minitel wird in diesem Buch mehrfach erzählt. Als technische Plattform geht es um Standards, Entscheidungen über Hardware etc. Minitel kam in die französischen Haushalte als (kostenfrei geliefertes) Gerät, welches man Plug-n-Play zwischen Telefon und Telefonbuchse schaltete und dann praktisch sofort nutzen konnte. Diese Geräte waren wenig mehr als Terminals (mit monochromen Bildschirmen und Tastatur), die Infrastruktur im Hintergrund – von der französischen Post betrieben – war umfangreicher. Die Post kontrollierte die Technik und auch den Zugang für Anbieter von Diensten im Minitel-Netz (dem Télétel), gleichzeitig bot sie eine einfache Form der Abrechnung: Bezahlte wurde pro Minute, die jemand das Netz nutzte, wobei es unterschiedliche Tarife für unterschiedliche Dienste gab. Die Kosten standen auf den Telefonrechnungen, die Post leitete den Grossteil des Geldes an die Anbieter weiter und behielt einen Teil. Damit gab es schon von Beginn an eine verlässliche Bezahlstruktur; etwas, so Mailand und Driscoll, dass im Internet immer noch Kopfzerbrechen bereitet.

Un réseau électronique et français

Gleichzeitig wird Minitel als Geschäftsfeld beschrieben. Abgesehen von den Hoffnung der französischen Regierung, eine Computerindustrie zu schaffen, gab es auch die Hoffnung, dass Minitel einen einfachen Zugang zu einen neuen Markt bieten würde. Und dies, so wieder die Autoren, gelang Minitel sehr gut. In seiner Höchstzeit seien mehrere 10.000 Dienste aktiv gewesen, die sich über einen guten Zeitraum finanziell trugen. Gleichzeitig war in diesen Markt die Struktur der französischen Kultur eingeschrieben: Zentralisierung, Copinage, Kontrolle bei staatlichen Einrichtungen (z.B. für einen Zeit die Notwendigkeit, eine Bestätigung des inspecteur général eines Departements zu erhalten, dass ein neu zu gründender Dienst zugelassen sei, um die Server dieses Dienstes an das Télétel anschliessen zu können), Aktivitäten an den Rändern. Dies stellen Mailand und Driscoll dar, vertreten aber auch die Meinung, dass dies nicht per se schlechter wäre, als im heutigen Internet. Sie argumentieren, dass Minitel als Plattform in diesem Zusammenhang eher mit Facebook, Apple oder Youtube zu vergleichen sei. Hier gäbe es zum Beispiel auch Entscheidungen darüber, welche Inhalte gezeigt oder gelöscht werden. Aber anders als bei Minitel, wo diese Entscheidungen von staatlichen Akteuren getroffen wurden, die wiederum unter Beobachtung der Öffentlichkeit stehen und zur Not vor Gericht belangt werden können, sei dies bei heutigen Plattformen, die als Firmen organisiert sind, nicht möglich. Die Autoren insistieren darauf, dass es offenbar unterschiedliche Formen von „Freiheit“ (im Sinne von Freier Rede) und „Zensur“ gibt, die in ihrer Komplexität wahrgenommen werden müssen. Sie sagen es nicht offen, aber es ist offensichtlich, dass sie öffentliche belangbare Institutionen als Gatekeeper bevorzugen.

Obwohl auch die Presse (nach anfänglichen Kampagnen gegen den Minitel) oder Banken (auch wegen der relativ sicheren Zahlungsweisen, die der Minitel zuliess) und viele weitere Firmen Services über Minitel anboten, waren es – wohl wenig überraschend – gerade erotische Dienste, vor allem Chats (messageries rose), die kommerziell erfolgreich waren. Die Autoren gehen in einem ganzen Kapitel auf diese Dienste ein, die über ihre massive Plakatwerbung auch dazu beigetragen hätten, dass sich die Minitel in der französischen Öffentlichkeit etabliert hätte (in einem anderen Kapitel beschreiben sie zum Beispiel Popsongs, Bücher und Filme, die den Minitel als Teil des französischen Alltags in den späten 80ern und frühen 90ern darstellen). Allerdings verwenden sie auch einen Grossteil dieses Kapitels darauf, die Unterschiede zwischen der französischen Gesellschaft (in der Erotik, wenn auch vor allem heteronormative, normaler Bestandteil sei, der – trotz einiger konservativer Stimmen – keine moral panics hervorrufen würde) und der US-amerikanischen Gesellschaft (wo Erotik zwar vom Prinzip der Meinungsfreiheit geschützt, aber viel mehr verpönt sei und halt Gegenstand von moral panics wäre) zu diskutieren. Für die Leserinnen und Leser ausserhalb der USA (vor allem im deutschsprachigen Raum, der sich zwar etwas, aber nicht so sehr von Frankreich unterscheidet) sind diese Abschnitte wenig interessant. Hier merkt man den Fokus des Buches sehr.

Die gleichen Dienste, vorher, französisch, alternativ

Der Minitel war offenbar tatsächlich für 10-15 Jahre so in das französische Leben integriert (und hatte auch noch 2012, als das Netz abgeschaltet wurde, rege Nutzerinnen und Nutzer), dass er einen Einfluss hatte, dem wir heute dem Internet zuschreiben würden. Auch hierzu existiert ein Kapitel, welches anhand von Beispielen aufzeigt, welche vorgeblich für das Internet erfundenen Dienste schon ein Vorbild im Minitel-Netz hatten.

Das Buch ist erfreulich lebendig und kurzweilig geschrieben, dafür, dass es ein ganz technisches Buch hätte werden können.1 Es lebt vom Enthusiasmus der Autoren für ihr Thema und für ihre These, dass eine ganze Reihe der Annahmen darüber, was für das Entstehen von digitalen Diensten gut und richtig wäre, nicht so eindeutig sind, wie sie scheinen, wenn sie nur mit dem Beispiel Internet / Silicon Valley begründet werden. Sie argumentieren nicht unbedingt dafür, den französischen Zentralismus überall einzuführen, aber ihre Sympathien liegen schon bei Ansätzen, die auch Alternativen zur jetzigen Governance des Internet andenken. Zugleich erzählen sie die Geschichte eines doch, im Rahmen, erstaunlich erfolgreichen technischen Systems, dass immerhin für über 30 Jahre – eine Unzeit in Internetjahren – gut funktionierte.2

 

Fussnoten

1 Auch das in der gleichen Reihe Platform Studies erschienene The Future Was Here: The Commodore Amiga von Jimmy Maher (2012) schaffte dies für die Geschichte des Amiga. Wenn das auch für andere Titel der Reihe gilt, ist das nur als Qualität hervorzuheben.

Es gab übrigens sogar Pläne, mit dem Minitel die Grundlage für ein französisch-deutsches Netz neben dem amerikanischen Internet aufzubauen. Deshalb konnte der Minitel nämlich nicht nur é, è, á, à, â oder ç, sondern auch ä, ö, ü, ß ohne Umwege darstellen. Aber die Deutsch Post setzte auf BTX, Österreich auf MUPID. Das hat offenbar nicht sein sollen, aber es zeigt, was eine Alternative gewesen wäre.

LIBREAS.Sommertext: Eine Postkarte aus Päwesin.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 30. Juli 2017

von Ben Kaden (@bkaden)

Der späte Juli ist Urlaubshochzeit, was man im ewigen Tourismus-Festival von Berlin-Mitte gar nicht so spürt, andernorts aber schon, zum Beispiel in Regionalexpresszügen Richtung Ostsee, die sehr bunte Mischungen an Menschen auf engem Raum konzentrieren. Man spürt sie aber auch an Orten wie der Bäckerei Backwahn, die leider wirklich so heißt und im an einem Sträng oder Streng genannten Kanal zwischen Beetzsee und Riewendsee gelegenen Päwesin die Kreuzung zwischen Brandenburger Straße und Dorfstraße bewacht. Zu befürchten ist freilich nicht, dass der launige Hang zum mehr oder weniger originellen Wortspiel, wie er für Frisörgeschäfte üblich wurde, nun auch das Bäckereihandwerk erreicht und man sich auf Bezeichnungen wie Back-Kuss, Laib-Back oder Back in the Days einstellen muss. Der Frisör in Päwesin heißt ja auch ganz traditionell Hairstyle & Wellness. Ihn unterscheidet von anderen Einrichtungen seiner Art neben seinem funktionalen Namen lediglich, dass hinter ihm die buddhistische Klosterschule Ganden Tashi Choeling steht. Und diese betreibt eben auch das kleine Bäckereicafé Backwahn und stellt sich damit nebenbei irgendwie auch aktiv der Schrumpfung der kleinen Gemeinde entgegen. Das milde Wortspiel des Brot- und Kuchenhandels ist zugleich deshalb halbwegs authentisch, weil die Quantität des Angebotenen die Erwartungen an eine kleine Landbäckerei tatsächlich ohne Probleme sprengt. Beeindruckend.

Von Bhagvan-hafter Erhabenheit gibt es dagegen an diesem Montag im Juli eher keine Spur, auch wenn die Nonnen bzw. in diesem Fall wohl Bhikkhuni hinter der üppigen Auslage den Schwäbischen Käsekuchen zumindest mit ernsthaft-konzentrierten Gesichtern und viel Sorgfalt, fast bedächtig einwickeln, während sich Menschen zu einer Schlange formieren, die durchaus an den Bockwurstverkauf diverser Campingplatzurlaube in der DDR gemahnt. Man sieht viel gebräuntes Bein, das in abgelaufenen Sandalen endet, ein paar sonnengerötete Nasen, weitgeschnittene Kleider und Kurzarmhemden sowie den Brauch, Brieftasche und Porte­mon­naie bereits in der Hand zu halten, wenn man sich einreiht, auch wenn die eigentliche Transaktion noch 10 bis 15 Minuten entfernt ist. Beliebt ist der Laden also, was nicht verwundert. Das liegt nicht nur an den Backwaren des Backwahn, die auch in ihrer Qualität erwartungsgemäß jenseits von allem liegen, was jemals auf Campingplätzen von Kagel oder Baabe zu bekommen war. Sondern auch daran, dass es der einzige Laden weit und breit ist und obendrein eine Sehenswürdigkeit, denn wo wird einem schon mal der Kaffee von Schülerinnen einer Klosterschule aufgebrüht.

Und so kommt man nur zu gern aus der Sommerfrische von Bollmannsruh oder dem Landgut in Groß Behnitz oder gar per Minibus aus Brandenburg an der Havel rüber nach Päwesin und hofft auf einen der wenigen Sitzplätze auf der überdachten Terrasse. Heute leider vergeblich, aber nebenan, fast am Fuße der sehr hübschen kleinen Kirche des Ortes gibt es an der Wendeschleife für den Havelbus die Möglichkeit, entweder im Gras oder auf der Bank der Haltestelle zu sitzen, was gemütlicher ist, als es zunächst klingt, glücklicherweise, denn der nächste Bus fährt erst in einer Stunde.

Tauschbibliothek in Päwesin

In schönem Juli-Himmelblau: Der Montag der offenen Tür in der Tauschbibliothek von Päwesin.

Für Kaffee und Kuchen to go braucht man natürlich nicht ganz so lange und da kommt mehr als gelegen, dass fast direkt an der Haltestelle, also in denkbar bester Position etwas gibt, was man auch aus dem Prenzlauer Berg kennt, das hier jedoch weitaus größer skaliert in den Nachmittag leuchtet: Eine öffentliche Tauschbibliothek, untergebracht in einem Bauwagen. Wenn man nichts zum tauschen dabei hat, kann man sie immerhin als Präsenzbibliothek nutzen und sie ist gar nicht mal schlecht sortiert. Jedenfalls wenn man bereit ist, über seinen Schatten in den des Wagens zu springen und sich auf etwas ältere Ausgaben einzulassen. Das Sortiment ist eine Kombination aus Literatur der DDR der 1980er und Literatur des wiedervereinigten Deutschlands der 1990er Jahre, wobei die 1980er erstaunlicherweise wenigstens gefühlt doch mehr Substanz mitbringen. Zur Urlaubszeit in Ostdeutschland passt es ohnehin besser, wenn das erste aus dem Regal gezupfte Buch ansetzt mit:

„Und weil er so müde ist, daß die Beine ihn nicht mehr tragen wollen, findet er sich an dieser schaumigen Ecke des Spielzeugmeeres, Ostsee geheißen, wieder…“

Der Beetzsee ist freilich keine Ostsee sondern ein ernsthaft schöner See, ein Libellenparadies sowieso, ein paar schöne Falter mischen sich auch noch hinein, die Luft schmeckt nach Sommer in der nahen Ferne, die Sonne heizt gut durch und die Schwalben schwingen über die stillen Feldwege, die gleich hinter dem Ort beginnen, als wäre es ein DEFA-Kinderfilm und sofort biegt die Katze Erinnerung um die Ecke und mit ihr eine Reise nach Sundevit und Sieben Sommersprossen. Den Feldweg bzw. in diesem Fall die grob gepflasterte Fischerstraße kommt allerdings keine Ferienlagerwandergruppe herunter sondern ein Trio auch aus der Ferne eindeutig als solche erkennbare Berliner Backpacker, vielleicht Anfang 20, wie man sie früher in Friedrichshain verortet hätte und heute vielleicht an den noch unpolierten Ecken von Weißensee, wobei man hier im ländlichen Straßensand besser versteht, warum sie so begeistert barfuß laufen. Vielleicht irrt man sich aber auch hinsichtlich der Verortung, allerdings schwitzen sie auch aus der Nähe betrachtet Großstadt aus jeder Pore und fahren später mit dem Bus in Richtung Anschlussbahnhof zur Hauptstadt. Zudem ist so ein Bruch des Stimmungsbildes ist auch wichtig, denn so gern man DEFA-Kinderfilmsommer als Nostalgieelement in derartige Atmosphären einstreut, so wenig möchte man sie nochmal erleben. Auch das Tauschbibliotheksbuch – Omar Saasvedra Santis‘ Erfolgbuch Blonder Tango – bricht passenderweise gleich mit der Erwartung, denn nach der Nennung der Ostsee schwimmt die Jahreszeit aus dem Juli davon und „Rogelio Astudillo steckt seine Zunge heraus, um auf ihr die Eisnadeln aufzuspießen, die vom Wasser herüberspringen.“ Und auch das: Ein Eis gibt es in Päwesin jedoch nur am Wochenende. Montags ist die Bauernstube, einziger erkennbarer Speiseeisverkauf des Ortes, im Gegensatz zur Tauschbibliothek, geschlossen.

(Berlin, 30.07.2017)

Eine Ansichtskarte aus Woodstock, NY.

Posted in LIBREAS.Feuilleton, Sonstiges by Ben on 16. Juli 2017

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

Die Kleinstadt Woodstock, NY muss seit nun mehr fast 48 Jahren damit auseinander setzen, dass sie primär mit einem epochemachenden Musikereignis synonym gesetzt wird, das gar nicht in ihrem Stadtgebiet statt fand. In diesem Schatten schwebt zugleich ein anderes Fest, dass sich in wenigen Tagen zum 86sten Mal jährt: Die Woodstock Library Fair, deren Zweck es traditionell nicht zuletzt ist, Fundraising für die Woodstock Public Library zu betreiben und dieses Jahr das Motto „Woodstock – Citizens of the World“ trägt. Der Rahmen konnte und könnte für so eine Veranstaltung nicht besser sein. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts, besser gesagt, seit der aus Yorkshire stammende Textitelerbe Ralph Radcliffe Whitehead mit seiner Jane Byrd McCall die Künstlerkolonie Byrdcliffe begründeten, entwickelte sich die kleine Gemeinde zum Schnittpunkt äußerst weltläufigen Kunst- und Kulturschaffens, auch wenn Byrdcliffe selbst nur etwa 30 Jahre blühte. Als Echoraum (und touristische Attraktion) wirkt die Kolonie aber bis heute. Und in diesem hört man jedes Jahr im fortgeschrittenen Juli die Rummelplatzmusik des Bibliotheksstadtfestes an der Library Lane.

Wie es dort Mitte des 20. Jahrhunderts zuging, zeigt eine Ansichtskarte, die es gerade noch rechtzeitig vor dem 22. Juli in unsere Sammlung von Bibliotheksansichtskarten schaffte. Der Blick in diese offenbart zugleich, dass die Sammlungsnische des Bibliotheksfests aktuell exklusiv von diesem einem Exemplar besetzt wird. Grund genug, zukünftig aktiver Ausschau nach derartigen Zeitdokumenten zu halten.

Ansichtskarte Woodstock Library Fair

Ansichtskarte Woodstock Library Fair

Die Ansichtskarte wurde bei Dexter, West Nyack, NY gedruckt. Der Verlag war Bob Wyer Photocards, Delhi, NY, der nicht zuletzt für seine Ansichtskarten zu Bildungseinrichtungen bei Sammlerinnen und Sammlern bekannt und beliebt ist. Die Geschichte des Fotografen – auch der gezeigten Szenerie – Robert Selden Wyer ist dabei selbst sehr spannend. Ursprünglich Journalist u.a. für den Oneonta Daily Star wurde er von der Zeitung 1936 in gewisser Weise als Pilot für den Test erster Schritte in Richtung Fotojournalismus beauftragt. Dadurch lernte er fotografieren und wechselte in den 1940ern ganz auf dieses Feld, bald auch mit eigenem Studio. In den 1940ern Jahren erkannte sein Frau Wilhelmina, dass es lohnend sein könnte, ins Ansichtskartengeschäft einzusteigen. Was es dann auch war. Die Delaware County Historical Association berichtet, dass Bob Wyer Photocards um die 20% des Marktes für College Postcards abdeckte. Und überliefert weiterhin, dass Bob Wyer selbst schätzte, dass um die 56 Millionen seiner Ansichtskarten verschickt wurden. Im Vergleich zu den wirklich großen Herstellern bleibt das freilich überschaubar und deshalb sind sie auf dem Sammlermarkt auch nicht gerade in penetranter Häufigkeit zu finden. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass Ansichtskarten an sich am Ende doch zu den Ephemera zu zählen sind und entsprechend schnell verloren gingen. Dies ist im Fall Bob Wyer auch deshalb sehr bedauerlich, weil viele der Karten trotz ihrer Rolle als Medium kurzer persönlicher Nachrichten doch durchaus mit Aufnahmen geschmückt sind, die von einem guten Auge für Komposition und den richtigen Augenblick zeugen. Gerade weil das Medium verlangt, Szenerien möglichst generisch zu fassen, lassen sich Bildwinkel und vor allem der Platzierung von Menschen im gezeigten Raum leicht Besonderheiten einschreiben. Für viele Karten Bob Wyers scheinen gewisse typische Merkmale identifizierbar, deren Erläuterung allerdings an anderer Stelle erfolgen muss.

Die Aufnahme der Woodstock Library Fair fällt in seinem Gesamtwerk nämlich ein wenig heraus und steht vielmehr in der Bildtradition der Lokalberichterstattung, wie man sie heute auch noch in der Lokalpresse findet. Es ist ein klassisches Wimmelbild, nah am Schnappschuss, wenn auch mit guter Linienführung und hinsichtlich der schwierigen Beleuchtung dadurch gerettet, dass der schattige rechte Bildrand zwei strahlende Sonnenschirme aufweist. Das Medium Buch spielt keinerlei Rolle, umso mehr das Medium der Geselligkeit, unterstrichen durch die Ballons und dadurch, dass die Festwiese wirklich gut gefüllt ist. Die Wolkenkratzerattrappe signalisiert das amerikanische Nationalgefühl, das Eckchen Haus als Gegenpol und vor allem der Bewuchs weisen die Situation allerdings als durch und durch kleinstädtisch, eventuell eher sogar ländlich aus. Ein clichéhaft – im besten Sinne – amerikanisches Sommerfest für Jung und Alt und damit ist auch die Essenz dessen erfasst, was die Woodstock Library Fair sein möchte, wie man auch dem aktuellen Programm entnehmen kann.

Die umseitig angebrachte Nachricht auf der von Woodstock nach Bradford, New Hampshire verschickten Karte passt prima in dieses Stimmungsbild: „We are having such a nice visit with our friends over here.“ Das Datum des Poststempels – der 14. August 1961 – macht es allerdings sehr unwahrscheinlich, dass die Library Fair Anlass des Besuchs war. Sondern um eine gänzlich davon unabhängige Erholungsreise, bei der auch ein Pferd eine Rolle spielte, die sich leider 56 Jahre nachdem die Ansicht verschickt, nicht mehr spezifizieren lässt. Dass Bibliothek und Bibliotheksfest darin involviert waren, ist unwahrscheinlich, weshalb an dieser Stelle ein Hinweis auf die Woodstock Library TV Show #47 angebrachter ist, die ein interessantes Beispiel für Öffentlichkeitsarbeit mittels Social Media darstellt und in der unter anderem das ausdrücklich politische Motto der diesjährigen Festivität erläutert wird.

(Berlin, 16.07.2017)

Ein Seminarskript, ehrlich gesagt

Posted in LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 11. Juli 2017

Zu: Reckling-Freitag, Kathrin / Bibliothekspädagogische Arbeit: Grundlagen für Mitarbeiterinnen in (Schul-)Bibliotheken. Schwalbach/Ts. : debus Pädagogik, 2017

von Karsten Schuldt

 

Das zu besprechende Buch ist kurz, deshalb kann auch die Besprechung kurz sein. Um gleich eine Kritik vorwegzugreifen: Der Titel ist viel zu gross für das, was im Buch eigentlich getan wird. Was der Titel verspricht, ist eine Darstellung von Grundlagen zur „Bibliothskspädagogischen Arbeit“; was das Buch liefert. sind die kommentierten Skripte einer Lehrveranstaltung zum Thema, welche von der Autorin an der HAW Hamburg gegeben wird. Dabei ist auch der für das Thema gewählte Begriff ein wenig zu gross.

Worum es geht, ist, einen Überblick zu geben über die Themen, die für eine bibliothekarische Veranstaltung, welche im weiteren Sinne dem Bildungsbereich zuzuordnen ist, zu beachten sind. Dabei wird die Autorin an einigen, praktischen Punkten, sehr kleinteilig – zum Beispiel bei der konkreten Zeitplanung einer Veranstaltungen – und an anderen Punkten recht oberflächlich – ob es zum Beispiel überhaupt eine spezifische Pädagogik für Bibliotheken gibt, das wird einfach vorausgesetzt. Dass das Buch ein Unterrichtsskript ist, zeigt sich auch an den jedem Kapitel vorangestellten Lernzielen (meist zwei Anstriche), den häufig eingesetzten Graphiken, die einen schon erläuterten Sachverhalt nocheinmal darstellen und den häufigen Praxisaufgaben, bei denen das gerade Erläuterte angewandt werden soll. Gerade diese Aufgaben machen das Buch sehr Hands-on. Es ist nicht einfach durchzulesen, sondern – so zumindest die offensichtliche Vorstellung hinter dieser Struktur – Schritt für Schritt mit einzelnen Übungen durchzugehen. Und sicherlich sind die Aufgaben und der Aufbau des Buches so, dass sie Lernende bei ihrem Lernen unterstützen – schliesslich ist es als Skript schon mehrfach in der konkreten Lehre genutzt worden.1

Das Buch streift Themen vor allem: Aufbau des Bildungssystems, Lerntheorien (sehr kurz), Themen, die in Bibliotheken als Thema von Bildungsveranstaltungen sinnvoll sein können, Aufbau von Lehrveranstaltungen, Durchführungen von Veranstaltungen. Der wichtige Punkt ist hier, dass diese Themen gestreift werden. Mehr nicht. Man hat nach dem Lesen des Buches einen Überblick darüber, was man noch lernen müsste. Viel mehr lässt sich in den, ja immer nur einige Monaten kurzen, Seminaren wohl auch nicht erreichen. In einem Buch würde es sich aber erreichen lassen, da hätte man mehr Platz. Gleichzeitig ist der Vorteil von Seminaren, dass diese immer aus dem Gezeigten, hier dem Skript, und dem persönlich durch die Dozierende Vermittelten bestehen. Im Buch fällt die Vermittlung fort, die oft das Gezeigte erst sinnfähig macht. Es wäre eigentlich zu hoffen gewesen, dass dies durch mehr und konkreteren Text ausgeglichen würde, so dass das Buch tatsächlich als Handreichung und eben nicht nur als Anregung, weiterzulernen (was selbstverständlich auch seine Berechtigung hat), zu nutzen gewesen wäre.

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Wie gesagt, vermittelt der Titel, dass das Buch etwas anderes wäre, als es tatsächlich ist. Es sind keine Grundlagen, die vermittelt werden, sondern es ist mehrere Schritte darunter anzusiedeln, als ein Aufzeigen von zu behandelnden Themen. Vor allem ist es aber nicht, wie im Titel behauptet, für Schulbibliotheken sinnvoll. Die Veranstaltungen, die hier geschildert werden, sind solche, die ausserhalb des Schulalltags in Öffentlichen Bibliotheken durchgeführt werden können, auch in Zusammenarbeit mit der Schule (dazu gibt es einige Aussagen im Buch). Schulbibliotheken, zumindest der grösste Teil, haben aber gar nicht die Aufgabe, selber Bildungsaktivitäten zu entfalten; sondern vor allem, den Schulalltag zu unterstützen. (Die Autorin, welche früher in der Büchereizentrale Schleswig-Holstein arbeitete, weiss das bestimmt selber. Nur wenn man die wenigen Schulbibliotheken, die sich als „kleine Öffentliche Bibliotheken“ verstehen, als Normalfall behauptet, ergäbe der Titel einen Sinn. Zu vermuten ist, dass der Verlag – welcher von den wenigen Monographien zu Schulbibliotheken, die aktuell auf dem Buchmarkt greifbar sind, immerhin zwei publiziert hat und damit die meisten2 – zumindest diesen Zusatz angebracht hat.) Das ist ärgerlich, weil es viel zu wenig Literatur zu Schulbibliotheken in deutscher Sprache gibt und dieses Buch eher „so tut“ als gehörte es dazu, auch wenn es Abschnitte enthält, die Schulbibliotheken thematisieren.

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Auffällig ist zudem, dass das Buch sehr, viel zu sehr positiv geschrieben ist. Dabei ist pädagogische Praxis – egal in welchem Feld – einerseits voll von Scheitern, auf das vorbereitet werden sollte: Eigensinnige Lernende, unerwartete Lerneffekte, wo das, was man vermitteln will, bei den Lernenden ungewollte Effekte hat, Verweigerung, die zu Lernprozessen oft dazu gehört. Das ist normal, bei allen Bildungsaktivitäten, aber in diesem Buch wird der Eindruck vermittelt, das bei richtiger Planung schon alles gut laufen wird. Das scheint gefährlich. Andererseits ist das Feld „Bildung“ – egal ob Didaktik oder Bildungspolitik – voller Behauptungen und Floskeln, die oft Profanes überdecken. Es wäre sinnvoll, dies mit einem kritischeren Blick anzugehen, zum Beispiel die Aussagen des Nationalen Bildungsberichtes nicht einfach für bare Münze nehmen, wie es im Buch gemacht wird, sondern auch als politisches Dokument zu lesen. (Das wäre Kritik im Sinne von Textkritik.) Gut möglich, dass die im eigentlichen Seminar passiert, im Buch fehlt es.

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Grundsätzlich fehlt dem Buch, auch wenn Lerntheorien kurz besprochen werden, Theorie. Vieles wird einfach behauptet, kaum erklärt, schon gar nicht in Modellen, die man überprüfen beziehungsweise weiterentwickeln könnte und die Sachverhalte erklärten (zum Beispiel nicht nur aufzählen, was es für Formen des Lernens gibt, sondern zeigen, was diese für Effekte im Lernprozess der Lernenden haben). Es ist, wie schon gesagt, sehr Hands-On. (Wilfried Sühl-Strohmenger und Ulrike Hanke haben das in ihrem Buch „Bibliotheksdidaktik: Grundlagen zur Förderung der Informationskompetenz“ expliziter versucht, Olaf Eigenbrodt arbeitet offenbar – wenn man den Verlagsankündigungen und seinen Vorträgen trauen darf – an einem Buch zu Lerntheorien, dass vielleicht diese Lücke besser schliessen wird.)

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Aus Öffentlichen Bibliotheken tönt regelmässig der Wunsch, Handreichungen zu erhalten, wie bestimmte Dinge zu tun sind. Die zu leifern sei die Aufgabe von Expertinnen und Experten, Fachhochschulen. Das Buch reagiert gut auf diesen unmöglichen Wunsch (da diese Handreichungen niemals so genutzt zu werden scheinen, wohl weil die realen Aufgaben immer komplexer sind, als das sie in solchen Handreichungen abgedeckt werden könnten und weil sie immer nur einen Teil der Arbeit abnehmen und die Umsetzung doch Aufgabe der jeweiligen Bibliothek bleibt) indem es eine Übersicht an Themen liefert, die zu bearbeiten, vor allem selber zu lernen wären. Nicht weniger.

 

 

Fussnoten:

Disclaimer: Der Rezensent unterrichtete bis vor Kurzem einen ähnlichen Kurs (an der Fachhochschule Potsdam), deshalb scheint ihm die objektive Bewertung der Inhalte schwierig. Grundsätzlich, wenn auch mit anderen Schwerpunkten und etwas kritischer, wurde in seinem Kurs Ähnliches angesprochen. Die Parallelen sind allerdings erstaunlich. (Zudem wird einen seiner Arbeiten ausführlich zitiert, was es noch schwieriger macht, das Buch wirklich objektiv zu bewerten.) Deshalb hier die eher rein positivistische Darstellung.

Disclaimer: Eines davon vom Rezensenten mitgeschrieben, insoweit ist es auch nicht möglich, eine objektive Bewertung des Verlages vorzunehmen.

Eine kurze Geschichte zu einem bibliothekarischen Phantomschmerz

Posted in LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 3. Juli 2017

Zu: Helga Schwarz (2017). Das Deutsche Bibliotheksinstitut: Im Spannungsfeld zwischen Auftrag und politischem Interesse. Berlin: Simon verlag für Bibliothekswissen, 2017 [2018]

von Karsten Schuldt

Die Autorin des Buches, welches hier besprochen werden soll, hat aktuell relativ viele Auftritte in der Presse, da sie ihre Promotion – die in dem Buch vorgelegt wird – mit 81 Jahren abgeschlossen hat (zum Beispiel hier, hier, hier). Das ist auch beachtlich und eine symphatische Human Interest Story. Vor allem zeigt ihre Lebensgeschichte (erst Bibliothekarin, dann Programmiererin für Bibliotheken, Firmeninhaberin für Bibliothekssoftware und jetzt Doktorin der Bibliothekswissenschaft) ein ungebrochenes Interesse am Bibliothekswesen, dass zu bewundern ist.

In dieser Besprechung soll es allerdings nicht um diese Leistung, sondern vorrangig um ihr Buch gehen, dass als Übersicht eine Forschungslücke schliesst, die das Bibliothekswesen, wenn es an der eigenen Entwicklung wirklich interessiert wäre, schon längst hätte schliessen müssen (und können), aber gleichzeitig auch einige Kritik verdient.

 

I.

Ihr Buch umfasst die gesamte Geschichte des Deutschen Bibliotheksinstituts (dbi), einer Einrichtung, die denen, die noch nicht so lange im Bibliothekswesen sind, gerne einmal als der Glanz alter Zeiten vorgehalten wird. Früher hätte es das Institut gegeben, dann (2000) war es weg und seitdem scheint es irgendwie nicht mehr so gut zu sein im Bibliothekswesen. (Der Rezensent gehört zu denen, die nach 2000 im Bibliothekswesen ankamen und damit das dbi auch nicht mehr live erlebt, sondern nur davon gehört haben. Vielleicht hat das seine Meinung vom Buch auch geprägt.)

Dabei war die Geschichte es dbi erstaunlich kurz. Offiziell gegründet – selbstverständlich mit Vorlauf und Vorläufereinrichtungen – 1978, 2000 geschlossen und bis 2003 abgewickelt, existierte es gerade einmal 25 Jahre (drei davon in Auflösung) und hatte zum Beispiel auch nur einen Direktor und eine Direktorin. So viel Zeit hatte es also gar nicht, um Einfluss zu entwickeln.

Gegründet wurde es mit den folgenden Vorgaben:

„Das Institut erforscht, entwickelt und vermittelt bibliothekarische Methoden und Techniken mit dem Ziel der Analyse, Entwicklung, Normierung und Einführung bibliothekarischer Systeme und Verfahren.“ §2 des Gesetz über das Deutsche Bibliotheksinstitut vom 22. Mai 1978

Zeitlebens scheint es aber auch andere Ziele und Begehrlichkeiten von Bibliotheken und bibliothekarischen Verbänden gegeben zu haben. Das Buch deutet diese an, aber – dies eine Kritik, die weiter unten nochmal ausgeführt wird – es wird nicht richtig klar, welche Ziele das genau waren. Während seiner Existenz übernahm es Arbeiten an Systematiken, unterhielt Kommission (die später in den dbv übergingen, wo sie auch „herkamen“, und die Grundlage dessen heutiger Kommissionen / Fachkommission darstellten), gab Publikationen heraus (zum Beispiel die Zeitschrift schulbibliothek aktuell oder die Reihe dbi-materialien, welche aber nach Angabe des Buches oft Studien anderen Einrichtungen und nicht des dbi publizierte) und betrieb Datenbanken, zum Beispiel die Zeitschriftendatenbank und bauten (das wird mehrfach betont) subito auf (jetzt bekanntlich von einem Verein getragen). Auch nach dem Lesen des Buches wird aber über solche Aufzählungen hinaus nicht so genau klar, was das Institut tatsächlich tat oder hätte tun sollen. Gleichzeitig war es gross, zu einem bestimmten Zeitpunkt hatte es über 100 Angestellte.

Nach dem Aufbau war es in den 1980er Jahren aktiv, dann geriet es in den Strudel der Veränderungen in der Wissenschafts- und Kulturpolitik nach der Wende in der DDR und der Vereinigung von BRD und DDR. Ende der 1990er wurde es dann abgewickelt.

Diese Geschichte ist das Thema des Buches. Die Autorin orientiert sich dabei auf die institutionelle Sicht. Es geht in ihrer Geschichte um Gesetze, politische Entscheidungen, Verordnungen, Evaluationsverfahren, Lobbyversuche. Dabei hat sie – wie es bei einer Promotion dieser Art zu erwarten ist – intensiv in Archiven gearbeitet und Interviews mit Beteiligten geführt. Was man aber nicht erwarten darf – obwohl es sich anböte – sind Angaben über die inhaltliche Arbeit des Instituts und seiner Wirkung (oder auch Nicht-Wirkung) auf Bibliotheken. Das wird alles nur angerissen und in Stichworten abgehandelt.1

 

II.

Leider hat die Autorin – entgegen ihrer Aussage im Vorwort, als Unbeteiligte einen objektiven Blick auf diese Geschichte zu haben – doch die Tendenz, ohne weitere Quellen (die vielleicht in der eingereichten Fassung der Promotion vorhanden waren und erst für den Verlagsdruck entfernt wurden) eigene Meinungen zu vertreten, teilweise sogar dem dbi, dem ehemaligen Direktor, ungenannten Angestellten des dbi oder auch den Bibliotheken und bibliothekarischen Verbänden, Vorwürfe zu machen. Dies wird insbesondere in den Fazits der einzelnen Kapitel – die ansonsten sehr hilfreich sind – deutlich.

Hinzu kommt die Tendenz, die Quellen nicht quellenkritisch zu verwenden, sondern – wenn es in die Argumentation passt – für die Wahrheit zu nehmen, teilweise auch „aufzuleveln“. So wird der Bericht von einer Konferenz, den Claudia Lux lieferte, zu einer „Studie“ erklärt, welche Claudia Lux durchgeführt hätte. Als ausländische Stimmen zur Schliessung wird mit Jean-Marie Reding gleich mehrfach ein Kollege aus Luxemburg zitiert, welcher bis heute sehr engagiert dem luxemburgischen Bibliotheksverband vorsteht, auf jeder bibliothekarischen Konferenz in Deutschland und der Schweiz vertreten ist und immer eine dezidierte Meinung hat – und mit diesem Wissen und dieser Aktivität gerade nicht irgendeine „ausländische bibliothekarische“ Stimme ist. Schwarz tut aber so, als wäre seine Meinung repräsentativ für die Reaktionen aus dem Ausland.

Sie hat eine Meinung zum dbi und versucht diese zu untermauern. Für eine Promotion oder einen objektive Geschichte ist das nicht angebracht und auch tatsächlich der grösste Kritikpunkt, der in dieser Rezension anzubringen ist. Es ist bleibt eine subjektive Darstellung, wenn sie auch ausführlich (auf institutioneller Ebene) ist und auf reichem Quellenmaterial, dass durch die Publikation ja in den Diskurs eingeführt wird und jetzt von anderen genutzt werden kann, basiert.

 

III.

Die Autorin setzt auch dazu an, zu erklären, wieso das dbi wieder geschlossen wurde. Es wird dazu wohl immer mehrere Deutung geben, aber laut dem Buch scheint es ein Zusammenspiel aus Animositäten innerhalb des dbi, einen schwachen Chef – wobei nicht ganz klar wird, ob die Autorin dies auch der Person selber vorwirft oder nur der Konstruktion des dbi, bei dem der Leiter keine richtige Weisungsbefugnis aber gleichzeitig mit dem Kuratorium eine übergeordnete Aufsichtsinstitution hatte – und einer Änderung der Wissenschaftspolitik, die von den Bibliotheken und bibliothekarischen Verbänden übersehen worden sei, gegeben zu haben. Das wird aber nicht nachgewiesen.

Vielmehr hat die Autorin gerade im zweiten Teil des Buches, der dem Ende des dbi gewidmet ist, die Tendenz, die Geschichte als Politikroman zu schreiben, wo einzelne Beamtinnen und Beamte der Verwaltungen, einzelne Politikerinnen und Politiker sowie Bundesländer Interessen hätten (die nicht so richtig erklärt, sondern als gegeben vorausgesetzt werden), welche dann gegeneinander intrigieren und dabei das dbi schliessen. Einen solchen Roman könnte man auch für den Anfang schreiben, aber das unterbleibt. Vielmehr hat die Autorin die Angewohnheit, im zweiten Teil ständig und ohne grösseren Kontext die Beteiligten an allen möglichen Kommissionen und Verwaltungen aufzuzählen, mit Namen und Funktion, während die Beteiligten im dbi bis auf den Direktorin und die spätere Direktorin fast immer ungenannt bleiben. (Genannt werden noch die Angestellten der Bibliothekarischen Arbeitsstelle, die aber gar nicht zum dbi gehörte, obwohl sie im Buch viel Platz eingeräumt bekommt.) Selbst dann, wenn einzelnen Personen im dbi Vorwürfe gemacht werden, bleiben sie ungenannt. Es scheint, als wäre die Politik Schuld und müsste deshalb benannt werden.

Dabei ist die Situation aus Sicht des Rezensenten recht einfach, wenn sie auch für das Personal des dbi damals persönlich destruktiv war: Das dbi wurde in der Gründungswelle von Bildungs- und Kultureinrichtungen in den 1970er Jahren gegründet und zwar in Berlin, weil Berlin – so das Buch – versuchte, sich als Zentrum des bibliothekarischen Einrichtungen zu etablieren.2 In einem politischen Akt wurde die Finanzierung für das Institut – wie für viele andere Einrichtungen dieser Gründungswelle – durch einen Eintrag auf der „Blauen Liste“ – die Einrichtungen umfasste, welche von Bund und Ländern gemeinsam gefördert wurden – gesichert. 1989 änderte sich diese Lage, einmal durch die Wende und ein anderer Mal durch die Änderung der Wissenschafts- und Kulturpolitik, die sich nun verstärkt am neoliberalen Denken orientierten. Berlin fokussierte sich darauf, Hauptstadt zu werden, die Förderung wurde von Infrastruktur auf Projektförderung umgestellt, mit der Abwicklung von Einrichtungen der DDR bildete sich eine Kultur der Abwicklungen aus, die auch auf Einrichtungen ausserhalb der DDR ausgriff.

Inhaltlicher Grund für die Schliessung des dbi war eine Evaluation durch den Wissenschaftsrat, der die Blaue Liste – jetzt die Leibniz-Gemeinschaft – zu einer Liste von Forschungseinrichtungen umbauen wollte. Die Evaluation stellte, neben anderem Lob und anderen Schwächen, fest, dass das dbi keine Forschungseinrichtung sei und empfahl die Schliessung. Die deutschen Bibliotheken scheinen dies – so zumindest die Reaktionen, von denen die Autorin berichtet – nicht so verstanden zu haben, sondern als Angriff auf die bibliothekarische Arbeit. Schwarz betont, dass sich vor allem Öffentliche Bibliotheken diese Vorstellung zu eigen gemacht hätten, während sie grossen Wissenschaftlichen Bibliotheken vorwirft, auch darauf geschaut zu haben, Projekte des dbi übernehmen zu können. Das könnte aber auch nur heissen, dass Wissenschaftliche Bibliotheken schon früher die Kultur der Projektförderung kennengelernt hatten und deshalb sahen, dass das dbi nicht weiterzuführen wäre.

Was in dieser Geschichte fehlt, scheinen zwei Dinge zu sein: Zum einen scheint es, als wäre das dbi immer nur das Ergebnis einer politischen Entscheidung gewesen, und zwar nicht vom Bund, sondern einem Bundesland, dass eine Nische zu besetzen suchte. Wenn das stimmt, wäre es nur logisch, dass – als diese Nische unnötig wurde, weil Berlin Hauptstadt war – das dbi nicht weiter gefördert wurde. Zum anderen scheint die Schliessung des dbi gerade nicht spezifisch gegen Bibliotheken gerichtet gewesen zu sein, sondern liest sich auch im Nachhinein so, als wäre sie ein später Teil der ganzen Abwicklung von Einrichtungen in den fünf neuen Bundesländern und Berlin gewesen, die in den Mitte bis Ende der 90er Jahre die Berliner Politik bestimmten, nur dass es beim dbi auch Auswirkungen auf Bibliotheken im restlichen Deutschland hatte. Aber abgewickelt wurde damals ständig irgendetwas. Man hätte diesen Kontext darstellen können, dann wäre auch diskutierbar geworden, ob und wie hier das dbi herausstach oder gerade nicht herausstach.

Dies wurde von den bibliothekarischen Verbänden und Bibliotheken, die sich äusserten, nicht so gesehen. Diese schrieben gegen die Abwicklung an und behaupteten eine besondere Wichtigkeit des dbi; eine Position, die Schwarz übernimmt, auch wenn sie den Verbänden vorwirft, damals die geänderte Zeit nicht gesehen zu haben. Aber so, wie sie es darstellt, scheinen die Veränderungen generell gegen das dbi gerichtet gewesen zu sein. Es wird im Buch ständig eine Klage wiederholt – dass eine frühere Evaluation die Fokussierung auf Öffentliche Bibliotheken gefordert hätte und dann später genau dieser Fokus negativ gewertet wurde – die wohl in den späten 1990er im Bibliothekswesen regelmässig wiederholt wurde, und angedeutet, dass diese spezifisch unfair gewesen wäre. Im grösseren Kontext scheint dies aber nur die gängige Variante der damaligen Schliessungspraxen von Einrichtungen gewesen zu sein.3

Der Rezensent würde die Situation eher dahin gehend interpretieren, dass das dbi von Anfang an schwach angebunden und mit einem unmöglichen Auftrag versehen war – oder anders: dass das Ende eigentlich schon bei der Gründung angelegt war.

 

IV.

Es wäre zu erwarten, dass eine Arbeit, wie sie die Autorin vorlegte, mit ihren rund 400 Seiten plus Anhängen, auch vermittelt, was das dbi eigentlich genau getan hat und wozu es – so die Behauptung aus der Bibliotheksszene am Ende des dbi – unverzichtbar gewesen sei. Das wird aber überhaupt nicht klar. Schwarz nennt zwar eine Anzahl an Arbeitsgebieten, aber das verbleibt auf einer ganz oberflächlichen Ebene.

Ein Beispiel: Die Autorin sieht die Arbeit im Anschluss an die Wende als den eigentlich Höhepunkt des dbi an, welches zahllosen Bibliotheken in der DDR, dann in den fünf neuen Bundesländern, Beratungen geboten hätte, damit diese ihre neuen Herausforderungen meistern könnten. Aber wie sah das den genau aus? Schwarz erwähnt Weiterbildungsveranstaltungen und persönliche Beratung. Nur: Welche Weiterbildung? Wie? Was waren die Themen? Was waren die Effekte? Wie sinnvoll war das wirklich? (Insbesondere während der Streichungswellen der frühen 90er Jahre.) Und was heisst persönliche Beratung? Ist da jemand durch die Lande gefahren und hat in den Bibliotheken Händchen gehalten? Software erklärt? Den Buchhandel? Gab es einen Telefon-Hotline? Darüber schweigt sich Schwarz aus, obwohl sie diese Beratung mehrfach betont. Und so steht es praktisch mit der gesamten Arbeit des dbi. Was haben all die Angestellten dort getan?Was wurde mit dem Rechner gemacht? Was war die Aufgabe der Datenbanken? (Schwarz nennt zum Beispiel regelmässig die Zeitschriftendatenbank, die Bibliothekarinnen und Bibliothekaren bekannt ist, aber anderen potentiellen Leserinnen und Lesern ihres Buches unbekannt sein dürfte.) Das ist auch nach dem Buch überhaupt nicht klar (und somit kann man auch mit dem zeitlichen Abstand zur Schliessung nichts mehr aus dieser Arbeit lernen). Es bleibt bei oberflächlichen Andeutungen.

Das gilt aber auch dann, wenn das dbi kritisiert wird (oder Kritiken zitiert werden). Gerade der Begriff „innovativ“ – im Sinne von „das dbi war nicht innovativ genug“ – wird im Buch oft angeführt, ohne das ersichtlich wird, was heissen soll. Teilweise scheint es – weil die Autorin mehrfach betont, dass das dbi gerade in den letzten Jahren seines Bestehens veraltete Hardware genutzt hätte und nicht sofort im Internet aktiv war – als hätte es mehr Software und Hardware haben und einsetzen sollen (und wohl auch Bibliotheken anbieten). Aber ist das schon „innovativ“? Ist das nicht gerade eine so verkürzte Vorstellung, dass es schon wieder zum Sujet wird? Teilweise scheint die Autorin vorauszusetzen, als wüssten alle Lesenden, was eigentlich die Aufgaben des dbi gewesen wären; aber das stimmt ja (wie schon mehrfach gesagt) nicht.

Grundsätzlich ist es berechtigt, eine Untersuchung, wie sie Schwarz unternommen hat, auf die institutionellen Vorgänge zu fokussieren. Es hätte aber dargestellt werden müssen, dass dies der Fokus; die Kritik ist hier hauptsächlich, dass genau dies unterblieb und mit dem Buch der Eindruck vermittelt, als würde eine Gesamtgeschichte des dbi versucht.

Ein Ergebnis diese oberflächlichen Darstellung ist allerdings, auch weil wir in einer Zeit leben, in der das dbi schon seit bald 15 Jahren nicht mehr existiert und das deutsche Bibliothekswesen trotzdem nicht zusammengebrochen ist (ganz abgesehen davon, dass andere Bibliothekswesen nie ein solches Institut hatten), als wären die ganzen Unterstützungsaussagen, die am Ende aus dem Bibliothekswesen für das dbi abgegeben wurden, nur das gewesen – Unterstützung in letzter Minute, ohne wirklichen Realitätsgehalt. Es wäre vielleicht nicht die Aufgabe der Autorin, aber von anderen gewesen, wirklich zu begründen, wozu das dbi nötig gewesen war (und vielleicht wieder wäre) – und nicht zu versuchen, nur die richtigen Floskeln anzubringen.

 

V.

Das Buch schliesst, wie schon gesagt (und wie die Autorin auch in ihren Gesprächen mit der Presse immer wieder betont), eine Lücke. Das dbi war einen Einrichtung des Bibliothekswesens, die zumindest im Nachhinein als wichtig verstanden wurde. Es ist richtig, dass diese Geschichte jetzt zumindest grundsätzlich dargestellt ist und die grundsätzlichen Quellenbestände für eine weitere Geschichtsschreibung aufgearbeitet und benannt wurden. Dass sich das Buch durch seinen Fokus auf die institutionelle Geschichte stellenweise eher träge liest, ist ihm nicht vorzuwerfen. Die Aufgabe einen Promotion ist es nicht zu unterhalten, sondern eine wissenschaftlich solide Arbeit vorzulegen.

Kritisch anzumerken bleibt die Tendenz der Autorin, ständig eigene Einschätzungen anzubringen, insbesondere, wenn diese auf Quellen aufzubauen scheinen, die nicht genannt sind. Wer hofft, durch die Aufarbeitung dieser Geschichte Argumente für ein neues dbi zu finden, wird aber enttäuscht sein. Es nicht nur nicht klar, welche Arbeit das dbi geleistet hat oder heute leisten könnte. Es wird auch klar, dass schon die Einrichtung und dann auch die Abwicklung eigentlich nichts mit den Interessen von Bibliotheken und bibliothekarischen Verbänden zu tun hatten, sondern mit politischen Entscheidung in spezifischen politischen Situationen. Mit der Verstärkung des Föderalismus in Deutschland, spätestens mit der Föderalismusreform 2006, und der Etablierung eines neoliberalen Verständnisses von Wissenschafts- und Kulturförderung, ist es unwahrscheinlich geworden, dass eine solche politische Situation in näherer Zukunft wieder eintreten wird. Und selbst dann sollte die Geschichte des dbi – aber auch anderer Projekte – eher eine Warnung davor sein, für den Aufbau bibliothekarischer Infrastrukturen auf solche politischen Möglichkeiten zu setzen – diese Situationen sind irgendwann vorbei und damit auch die Unterstützung für solche Infrastrukturen. (Bei Bauten ist das anders, die sind dann faktisch da, auch wenn die politische Situation sich ändert.)

Zu bemerken ist, dass nicht nur die Geschichte des dbi weiterhin viele blinden Flecken hat, sondern das andere Einrichtungen, die das Bibliothekswesen prägen, ähnliche institutionelle Geschichten verdienen würden, weil so klar würde, wie sie überhaupt in ihre jetzige Position geraten sind. Zu denken wäre an die grossen Firmen im Bibliotheksbereich (zum Beispiel die ekz), die bibliothekarischen Verbände, die wenigen Verlage, in denen bibliothekarische und bibliothekswissenschafliche Literatur erscheint und vor allem die schon länger laufenden Zeitschriften des Bibliothekswesens. Helga Schwarz hat anhand des dbi gezeigt, dass solche Geschichten möglich sind.

 

Fussnoten

1 Und genau hier scheint es einen Unterschied zwischen denen zu geben, die das dbi in den 1980ern noch in voller Arbeit erlebt haben und denen, die erst später dazu kamen. Vielleicht musste man Bibliothekarinnen und Bibliothekaren in den 1980er Jahren – zumindest in der BRD und West-Berlin – nicht erklären, was das dbi macht. Vielleicht hatten alle eine Meinung dazu. Heute wäre gerade das interessant.

2 In der Argumentation des Buches ist diese Behauptung auch eine Schwachstelle, da nicht gezeigt wird, wie Berlin dieser Ziel sonst noch verfolgt hat. Das Institut für Bibliothekswissenschaft an der Freien Universität wird gar nicht erwähnt, auch andere Einrichtungen nicht. So scheint es, als wäre dieses „Interesse“ Berlins mit der Gründung des dbi schon wieder erloschen zu sein.

Eventuell ist das auch die persönliche Geschichte des Rezensenten, der in der gleichen Zeit, als das dbi geschlossen wurde, in der Berliner Kinder- und Jugendpolitik erlebt hat, wie Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe nur deshalb geschlossen wurde, weil von einem Jahr zum anderen 50% der Fördersumme gestrichen wurden, ohne weitere Begründung. Und das einige Jahre lang, zumeist mit viel kürzerer Frist zwischen Mitteilung der Streichung und der tatsächlichen Schliessung (zumeist, ohne das das Personal, wie es beim dbi passierte, in den Stellenüberhang des Landes Berlin übernommen wurde). Mit diesem Hintergrund scheint die Schliessung des dbi, die sich immerhin fünf Jahre hinzog, bei aller persönlichen Tragik für die Betroffenen, dann wieder wie ein Luxus.

Eine Fleissarbeit zur Geschichte der Öffentlichen Bibliotheken in Québec

Posted in LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 27. Juni 2017

von Karsten Schuldt

Zu: Séguin, François: D’obscurantisme et de lumières. La bibliothèque publique au Québec des origines au 21e siècle. (Histoire et politique. Cahiers du Québec) Montréal: Edition Hurtubise, 2016

Das hier besprochene Buch sieht nach einem arbeitsreichen Kraftakt aus: Auf etwas weniger als 600 Seiten (plus Anhänge) wird die Geschichte der Öffentlichen Bibliotheken in Québec, Kanada, dargestellt. Diese Geschichte, beginnend im frühen 17. Jahrhundert, geht eigentlich nur bis in die 1990er und nicht, wie im Titel angekündigt ins 21. Jahrhundert. Aber auch das alleine war gewiss eine immense Fleissarbeit, die in den zahllosen Zitaten und Angaben aus den entlegensten Quellen, die im Buch angeführt sind, sichtbar wird. Dennoch ist am Buch einiges an grundsätzlicher Kritik zu leisten. Am Ende ist es Bibliotheksgeschichte, wie sie besser nicht mehr sein sollte.

Eine impressive Sammlung

Zuvor zu den positiven Seiten. Das Buch ist umfangreich, ohne jede Frage. Es geht grundsätzlich chronologisch vor und bindet die Geschichte der Öffentlichen Bibliothek eng an die Geschichte der Kolonie und späteren Provinz Québec (anfänglich Nouvelle-France), auch wenn diese allgemeinere Geschichte nur dann angesprochen wird, wenn es unbedingt notwendig scheint. Ansonsten wird sie vorausgesetzt.

Das Buch schreibt die Geschichte anhand unterschiedlicher Bibliothekstypen, beginnend mit frühen Privatbibliotheken, Subskriptions-Bibliotheken (bibliothèques publiques de souscription) und kommerziellen Leihbibliotheken, Lesesälen etc. (bibliothèques commerciales de prêt, cabines de lecture) über Bibliotheken von Ausbildungseinrichtungen (mit und ohne politischen Anspruch), Public libraries nach US-amerikanischem Vorbild (erst als private Gründungen, dann die Übernahme durch Gemeinden) und aktuellere Entwicklungen hin zu Öffentlichen Bibliotheken als allgemein zugängliche, öffentliche getragene Einrichtungen. Die Masse des versammelten Materials und auch der Publikationsort in den „Cahiers du Quèbec“ vermitteln den Eindruck, dass hier die definitive Sammlung und Interpretation dieser Geschichte vorgelegt würde.

Dass ist alles beeindruckend, insbesondere in seinem Detailreichtum und der tiefen Gliederung. Der Autor – in der Bibliothekswissenschaft in Forschung, Lehre und Praxis in Québec tätig – kennt seine Materie. In dem gesamten Material finden sich, selbstverständlich, zahllose Bonmots und interessanten Anmerkungen.

Nicht zuletzt – das als persönliche Nebenbemerkung –, ist das Buch als kanadisches in einem erfreulich eingängigem Französisch geschrieben, weniger umwunden und poetisierend, als es in den Texten aus Frankreich oft der Fall ist.

Kritik: Eine teleologische Geschichtsschreibung der White Settler Society

Geschichtsschreibung ist immer auch die Anordnung von Ereignissen, Daten etc. und die Auswahl davon, was dargestellt und aufgezeigt beziehungsweise gerade nicht dargestellt werden soll. Gute Geschichtsschreibung zählt dabei nicht nur Ereignisse auf, sondern bietet Struktur und zeigt gleichzeitig, wie und wo sich Geschichte auch anders hätte entwickeln können. Die Offenheit der Geschichte bleibt in ihr bestehen; es wird auch vermittelt, dass Menschen in der Lage sind, Geschichte zu bestimmen und zu machen.

Das Buch, noch mit dem Versprechen einer umfassenden Geschichte, vor dem Mitnehmen.

Eine „vorherbestimmte“ Entwicklung

Schlechte Geschichtsschreibung tut dies nicht, sie kann an vielen Punkten scheitern. Séguin scheitert daran, die Geschichte der Bibliothek in Québec als immer offene Entwicklung zu zeigen. Vielmehr geht er offensichtlich davon, dass die Öffentliche Bibliothek als allgemein zugängliche, von den Gemeinden getragene Einrichtung in der Ausprägung, wie sie heute in Québec zu finden sind, quasi das Ziel aller Entwicklung im Bibliotheksbereich sei, seit Anbeginn seiner Geschichte. Dieses Ziel sei quasi schon immer (seit dem 17. Jahrhundert) im Kern angelegt gewesen und hätte sich mit der Zeit einfach immer mehr konkretisiert. Alle vorhergehenden Formen von Bibliotheken, alle Diskussionen, alle Projekte, seien nur Vorformen, die sich quasi immer mehr zur heutigen Bibliothek entwickeln mussten, also zum Beispiel immer offener wurden. So ist das Buch strukturiert, so sind die Beispiele ausgesucht und dargestellt, so sind sie angeordnet. Es ist, um das Fremdwort zu benutzten, eine teleologische, also auf ein Ziel hin ausgerichtete, Geschichte.

Das ist, kurz gesagt, keine gute Geschichtsschreibung. Sie negiert den Gehalt älterer Diskussionen und Entwicklungen. Sie tut so, als hätte die Protagonistinnen und Protagonisten eigentlich – unbewusst – gar keine andere Wahl gehabt, als auf dieses eine Ziel (die heutige Öffentliche Bibliothek) hinzuarbeiten. So, als wenn Menschen eben doch keine richtigen Entscheidungen treffen, sondern nur dem Weltgeist folgen könnten. Deshalb übergeht das Buch auch sehr viele Fragen.

Ein Beispiel nur: Die kommerziellen Leihbibliotheken (also Unternehmen, bei denen man für eine Gebühr pro Jahr, Monat oder Ausleihe Bücher ausleihen konnte, und die – als Unternehmen – selbstverständlich auch kommerzielle Interessen verfolgten), die es sehr früh gab, die aber auch wieder eingingen, waren viel offener als spätere Bibliotheken: Wer zahlte konnte ausleihen. Punkt. Sicherlich konnte nicht jede und jeder zahlen, aber wie Alberto Martino (1990) für den deutschsprachigen Raum zeigte, waren sie für die Verbreitung des Lesens als normale Aktivität durchschnittlicher Menschen extrem wichtig. Warum also wird diese Bibliotheksform zwar erwähnt, aber im Gegensatz zu späteren Bibliotheksformen, die ihre Leserinnen und Leser mehr reglementierten und Bildungsabsichten hatten, nur als ganz frühe Vorgänger geltend gemacht? Sie existierten lange, haben also gewiss Wirkungen gehabt und präsentieren auch eine andere Möglichkeit an Entwicklung, die dass Bibliothekswesen hätte nehmen können. Aber sie passen nicht in die grosse Erzählung (die Öffentliche Bibliothek muss sich dieser Erzählung nach zur Bildungseinrichtung entwickeln), die Séguin angelegt hat.

Eine Geschichte der „grossen Männer“

Eine solche Erzählung macht es aber schwierig, die Gründe für bestimmte Entscheidungen nachzuvollziehen, die Menschen vorbrachten. Menschen tauchen bei Séguin auch – ganz in Form einer Geschichtsschreibung, von der man eigentlich dachte, sie sei untergegangen – nur als „grosse Männer“ auf, die aus der Masse herausragen und „Geschichte machen“, während andere nur folgen. Aus deren Briefen und Artikeln wird dann auch ausgiebig zitiert, aber nur aus diesen. Der Autor stellt die Entwicklung der Bibliotheken in Québec fast nur als Ideen da, die diese „grossen Männer“ hatten. Seine Geschichte ist erstaunlich kontextlos. Die Entwicklungen der Bibliotheken werden nur dann in den Kontext der Geschichte Québecs eingeordnet, wenn es unumgänglich ist. Sie waren Teil der Auseinandersetzungen um die französische und englische Sprache, zu Beginn auch zwischen Kolonialmacht und die Neu-Kolonisierten (die französisch-sprachigen) sowie der damit „verbundenen“ Kulturen, insbesondere den Ultramontanismus (die Frage, ob und wie sehr katholisch Gläubige „Papsttreu“ seien und / oder sein dürften) und den Autonomie-Bestrebungen Mitte und Ende des 20. Jahrhunderts. Das wird erwähnt. Anderes wird nur vorausgesetzt. Zudem wird die Entwicklung der Bibliotheken in Québec nicht in den Kontext der bibliothekarischen Entwicklungen anderswo gesetzt, so dass es am Ende aussieht, als hätte sie sich (fast) frei von anderen Einflüssen verändert. Nur dann, wenn es nicht zu vermeiden ist (vor allem, wenn die „grossen Männer“ in ihren Texten sich explizit auf andere Beispiele – vor allem die Public Library in den USA Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts – bezogen), werden auch diese kurz erwähnt.

White Settler Society

Neben dieser, eigentlich für heutige Geschichtsschreibungen unglaublichen, Einengung fällt auch auf, dass es eigentlich nur die Geschichte der – wie ich es als kritischen Begriff aus Literatur zu Two Spirits und First Nations kenne (u.a. Driskill et al. 2011) – „White Settler Society“ erzählt wird. Séguin schildert, wenn auch wie gesagt nur kurz, Auseinandersetzungen zwischen unterschiedlichen Gruppen, die irgendwie mit Bibliotheken zu tun haben. Aber das immer mit dem Verständnis, dass es eigentlich nur zwei Gruppen gibt – mit den Sprachen französisch und englisch –, dass es halt am Anfang schon eine Kolonie gibt und die Frage nur ist, wem die „gehört“ und wie sie Provinz wird. Würde man nur Séguin lesen, man wüsste nicht, dass es in Québec First Nations gibt – die nicht nur „vorher da waren“, sondern weiterhin da sind und die zum Beispiel lange Zeit vom kanadischen Staat „integriert“ werden sollten, was hiess quasi als Gruppen verschwinden sollten, was wiederum mittels Bildung versucht wurde (Stichwort: Canadian Indian residential school system), wo zu vermuten wäre, dass Bibliotheken eine Rolle spielten – und das es andere Gruppen gibt – im Einwanderungsland Kanada, auch wenn es zeitweise nur für die Zuwanderung aus bestimmten Staaten, offen war –, die sich nicht in die Binarität französisch/englisch oder katholisch/evangelisch einteilen lassen. All das scheint für den Autor und seine Bibliotheksgeschichte nicht relevant zu sein, nicht mal – ausser ich habe es überlesen – als Anmerkung, dass es dazu nichts zu sagen gäbe. (Was so nicht sein wird.) Es ist ein unsinnig enger Blick, welcher – mal von anderen Fragen abgesehen – der Geschichte nicht gerecht werden kann. Für eine 2016 erschienenes Buch ist das ganz erstaunlich.

Ein (unbesprochenes) Detail, dass man im Buch findet, sind immer wieder Angaben zu Öffnungszeiten von Bibliotheken im 19. Jahrhundert, oft acht, neun Stunden pro Tag, fünf bis sieben Tage die Woche. Das scheint sich nicht als Tradition durchgesetzt zu haben: Hier die Öffnungszeiten der Bibliothek in Saint Édouard de Fabre, Québec (Sommer 2016). Aber auch das diskutiert Sèguin nicht, er nennt einfach nur die Öffnungszeiten älterer Bibliotheken, wenn er sie irgendwie findet.

Zuviel und zu wenig

Trotz dieser Kritik hat das Buch fast 600 Seiten, insoweit wäre es vielleicht möglich zu argumentieren, dass es nicht noch länger hätte werden sollen. Aber leider sind diese 600 Seiten durch zahllose Details erreicht worden, die wenig für das konkrete Thema liefern. Teilweise scheint es, als hätte der Autor – der offenbar auf eine über längere Zeit angesammelte, grosse Materialbasis zurückgreift – einfach alles, was er irgendwo zum Thema gefunden hat, darstellen wollen. Das macht das Buch über Längen recht langweilig, wenn zum Beispiel die Kataloge früher Bibliotheken ausgezählt und die unterschiedlichen Bestandsgruppen verglichen werden. Details, die zum einer Aussage hingeführt hätten werden müssen (Was sagt uns diese Verteilung?), aber so nur Seiten füllen. Ganz besonders auffällig ist das bei der idée fixe des Autors, ohne jeder weitere Einordnung Geldsummen zu nennen. Aber was nützt es zu wissen, dass die Mitgliedschaft in der und der Subskriptions-Bibliothek so und so viele Schilling oder Dollar gekostet hat, wenn man nicht weiss, wie das Preisniveau sonst war und mit welcher Summe das heute zu vergleichen wäre?

All diese Details machen das Buch dick und nötigen auch einen grossen Respekt vor der Arbeit, die im Buch steckt, ab. Am Ende kann so eine Sammlung aber nur Ausgangspunkt für detaillierte Studien sein, die das nötige Mehr (die Offenheit der Geschichte darstellen; zeigen, wie und wo sie sich hätte anders entwickeln können; die Geschichte nicht als reine Geschichte der White Settler Society schreiben, sondern als Geschichte diverser Gruppen, die mehr oder weniger Macht hatten; als Geschichte der vielen Menschen und nicht der paar „grossen Männer“ und so weiter) beitragen müssten.

Literatur

Driskill, Qwo-Li; Finley, Chris; Gilley, Brian Joseph; Morgensen, Scott Lauria (edit). (2011). Queer Indigenous Studies: Critical Interventions in Theory, Politics, and Literature. Tucson: The University of Arizona Press, 2011

Martino, Alberto (1990). Die deutsche Leihbibliothek: Geschichte einer literarischen Institution (1756-1914). (Beiträge zum Buch- und Bibliothekswesen; 29). Wiesbaden: Harrassowitz Verlag, 1990

Séguin, François: D’obscurantisme et de lumières. La bibliothèque publique au Québec des origines au 21e siècle. (Histoire et politique. Cahiers du Québec) Montréal: Edition Hurtubise, 2016

Alles im kleinen Kreis halten lässt unnötige Bibliothekspläne entstehen und scheitern

Posted in LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 30. Mai 2017

von Karsten Schuldt

Zu: Scott Sherman (2015). Patience and Fortitude: Power, real estate, and the fight to save a public library. – Brooklyn ; London: Melville House, 2015

Im Jahr 2007 entwarfen die Trustees der New York Public Library (NYPL) – also das Board, welches über die Entwicklung des Öffentlichen Bibliothekssystems in New York bestimmt – einen Plan zum Umbau der Hauptfiliale in der 42nd Street (die aus Ghostbusters mit den zwei Löwen am Eingang), der einerseits viel von dem enthielt, was heute immer noch im Bibliothekswesen als modern und notwendig für neue Bibliotheken angeführt wird, andererseits aber auch zum neoliberalen Zeitgeist mit seinen „Leuchtturm“-Projekten, Vernachlässigung der sozialen und infrastrukturellen Fragen sowie dem Anspruch, als „Elite“ autoritär über die Interessen von Menschen bestimmen und gleichzeitig Steuergelder in persönliche Grossprojekte gesteckt sehen zu wollen, passte. 2014, nach der Wahl von Bill de Blasio als Bürgermeister der Stadt, musste der Plan aufgegeben werden. Die Proteste gegen ihn waren zu stark und einigermassen erfolgreich.

Die Geschichte ist es wert, erzählt zu werden, weil sie zeigt, wie sehr man an den Interessen der eigentlichen Nutzerinnen und Nutzer vorbei handeln kann, wenn man die Entwicklung von Bibliotheken plant und anstatt auf deren Interessen zu reagieren, sich einfachen, gerade aktuellen Denkmustern unterwirft und – fast schon folgerichtig – auf Transparenz verzichtet.

Journalismus

Scott Sherman, der Autor vom Patience and Fortitude, begleitete die Entwicklung als Journalist – in gewisser Weise stiess er die Proteste auch erst mit einem Artikel an – und erzählt sie hier noch einmal in der längeren Form einer Monographie (und mehreren Artikeln, u.a in der Public Library Quarterly (Sherman 2017)).

Die Kritik an diesem Buch vorneweg: Es ist ein journalistisch angelegtes Buch und das ist auch zu merken. Es hält sich nicht mit Diskussionen auf, die in bibliothekarischen Kreisen geführt werden (die scheinen aber durch), es arbeitet mit eindrücklichen Bildern und dem Beschreiben von Atmosphären. Am Ende weiss man zum Beispiel, wie die wichtigsten Personen, die als Trustees, Bibliotheksdirektoren oder Protestierende an der Geschichte beteiligt waren, aussahen, was zum Verständnis überhaupt nicht notwendig ist. Zudem ist das Buch eine Geschichte, die einige klare Aussagen transportieren will. Auf diese Aussagen hin sind die einzelnen Teile ausgerichtet (zum Beispiel erfahren wir zuerst von Besuchen in heruntergekommen Branches, wo Räume unrenoviert leerstehen, dann direkt von den Einschätzungen anonym bleibender Bibliothekarinnen und Bibliothekare, dass die Trustees die Branches ignorieren und sich eigentlich nur um die 42nd Street kümmern – was eindrucksvoll, aber auch eindeutig so konstruiert ist), nicht auf die Diskussion von Argumenten oder gar den Test von Thesen.

Im Buch erfahren wir die Geschichte aus einem Blickwinkel (was auch damit zu tun hat, dass – was jedesmal explizit erwähnt wird – die ganzen Trustees, Bibliotheksdirektoren oder andere Beteiligte sich weigerten, für das Buch interviewt zu werden), auch wenn sich um Ausgewogenheit bemüht wird. Am Ende ist man sehr klar gegen die Trustees eingestellt; aber man stellt sich schon die Frage, ob dies nicht auch mit dem Aufbau des Buches zu tun hat.

Durch die eingängige Sprache und gut Struktur scheint sich die Geschichte auch einfach in einer Richtung zu entwickeln. Alternativen oder andere potentielle Entwicklungen werden nicht diskutiert, was die Lernmöglichkeiten die das Buch bieten würde, doch einschränkt.

Das Scheitern eines grossen Planes an Protesten und Realitäten – Was ist passiert?

Die NYPL hat eine Struktur, die sich so in Deutschland und Österreich wohl nicht mehr (in der Schweiz aber schon, selbstverständlich in kleinerem Rahmen) findet: Es ist keine öffentliche Einrichtung, sondern eine Non-Profit-Organisation, teils privat, teils öffentlich, geleitet von einem Board of Trustees, die zum Beispiel die Direktion bestellt und kontrolliert sowie die strategische Ausrichtung der Bibliotheken vorgibt. Diese Organisation betreibt die Hauptbibliothek in der 42nd Street, die ihr vollständig gehört. Zudem gehört ihr das Land bestimmter Filialen, das ihr über die Jahrhunderte geschenkt wurde. Der Grossteil der Branches in Manhattan, Bronx und Staten Island gehört allerdings der Stadt, die NYPL betreibt diese in deren Auftrag. (Brooklyn und Queens haben eigene Bibliothekssysteme.) Die Stadt gibt dafür Zuschüsse, die den Grossteil des laufenden Budgets ausmachen. Diese Struktur hat wohl einiges zu den Problemen mit dem Plan beigetragen.

Das Board ist vor allem mit superreichen Personen aus Manhattan besetzt, die sich auch philanthropisch engagieren wollen. Das hat lange gute Auswirkungen gehabt, zum Beispiel wurde die Bibliothek in der 42nd Street erst von solchen Trustees gegründet und finanziert. Gleichzeitig ist das Board nur sich selbst gegenüber Rechenschaftspflichtig. Es tagt öffentlich; aber nicht, wenn es schwierige Entscheidungen zu treffen hat. Zur Zeit dieser Geschichte bestand es grösstenteils aus Immobilienunternehmerinnen und -unternehmern.

Eine kurze Geschichte der 42nd Street Branch

Die Geschichte der Bibliothek in der 42nd Street Branch ist ebenfalls relevant: Sie wurde Anfang des 20. Jahrhunderts (eröffnet 1911) als öffentliche Forschungsbibliothek gegründet, nach den damals aktuellsten Bibliothekstechniken und -vorstellungen. Ziel war es, allen Menschen Zugang zu möglichst allem Wissen zu ermöglichen, dass dann in den Lesesälen vor Ort genutzt werden konnte. Dazu wurde als Herzstück der Bibliothek ein System von Stacks gebaut, die so organisiert sind, dass Bücher nicht nur aufbewahrt, sondern möglichst schnell zu den Lesepulten transportiert werden können. Sie sind konstruiert als Teil einer grossen „Buchbring-Maschine“ , nehmen den grössten Teil des Platzes im Gebäude ein und stützten gleichzeitig den Hauptlesesaal. (Dies wurde damals auch als Innovation gefeiert, siehe: https://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=pst.000063000047;view=1up;seq=527 und https://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=pst.000063000047;view=1up;seq=537.)

Seit ihrer Eröffnung wurde die Bibliothek, die mit grossen Ansprüchen agierte und zahllose Sonderbestände aufbaute, von zahllosen berühmten Forschenden, Schriftstellerinnen und Schriftstellern, Künstlerinnen und Künstlern, politischen Radikalen genutzt. Sherman lässt sie en gros durch seine Seiten laufen: Salman Rushdie, Lou Reed, Al Sharpton, die Black Panther, Gloria Steinem, Susan Sarandon, Frank McCourt, Betty Friedan, Mario Vargas Llosa. Er berichtet auch von ehemaligen Schuhputzern, die sich in der 42nd Street das erste Mal in einer Bildungseinrichtung willkommen fanden (nachdem sie ihren Schuhputzkasten wie jedes andere Gepäckstück abgeben konnten). Der Punkt dieser Aufzählung ist zu zeigen, dass die Bibliothek als Forschungsbibliothek für die Massen funktioniert, als Ort mit Lesesälen und einem Fokus auf den Bestand.

Daneben gab und gibt es eine Reihe von Branches über das gesamte Stadtgebiet verteilt, die andere Aufgaben übernehmen.

Der Central Library Plan

2007 nun entwickelte der damalige Direktor Paul LeClerc zusammen mit den Trustees – aber nicht den Bibliothekarinnen und Bibliothekaren der NYPL – einen Central Library Plan. Dieser strategische Plan sah unter anderem vor:

  • Die Stacks aus der 42nd Street zu entfernen und den Platz umbauen zu einer „modernen Bibliothek“, also mit vielen flexibel zu nutzenden Flächen, einem Fokus auf digitale Nutzung etc. Die Bestände sollten in eine Magazin in New Jersey verbracht werden und innerhalb eines Tages in die Bibliothek geliefert werden. Die gesamte 42nd Street würde renoviert werden (wobei sie vor einigen Jahren schon aussen renoviert worden war und einzelne Lesesäle auch erst kurz vorher; hier ging es um den ganzen Rest) und gleichzeitig würde an sie angebaut werden. Das Ganze sollte von einem der Star-Architekten, die in der Zeit vor der Finanzkrise von 2008 grosses Ansehen genossen, umgesetzt werden. Im Laufe des Projektes fiel die Wahl auf Norman Foster (der Architekt der Kuppel auf dem Reichstagsgebäude in Berlin und diesem Tannenzapfen-Turm in London).
  • Die Branches, deren Land der NYPL gehörten – und die, dass ist ein kritischer Punkt des Planes, zu „Prime Real Estate“ geworden waren – würden zum Teil verkauft. Teilweise würden an ihrer Stelle neue Branches geschaffen (die Idee war bei einer Branch sie zu schliessen, dann dort ein Luxushotel hinzubauen, dass unten wieder eine Branch drin hätte).
  • Die Stadt sollte 300 Millionen Dollar an Steuergeldern zahlen. (Dabei war die Stadt nicht an der Planung beteiligt.)

Der Plan hatte die typischen Merkmale neoliberaler Projekte, mit einem lokalen Gestus: Es wurde ein Grossprojekt geplant, das sichtbar sein sollte, während die Branches – die ja am meisten für die Bevölkerung Angebote erbringen – ein Nebenprojekt waren und zu grossen Teilen nicht beachtet wurden. Die Trustees hatten den Plan – teilweise unter expliziter Geheimhaltung – ohne Input der Öffentlichkeit oder des Bibliothekspersonals beschlossen. Er wurde als Fortschritt verstanden, während die jetzige Situation als veraltet beschrieben wurde; auch wenn nicht nachgewiesen wurde, ob es wirklich einen Bedarf an diesen Veränderungen gab.

Bibliothekarisch wurde hier die Idee der durch-digialisierten, medienarmen und konktaktstarken Bibliothek als Fortschritt und die Idee der Forschungsbibliothek als veraltet dargestellt. Mit einem solchen Diskurs lässt sich leicht jede Kritik als rückständig bezeichnen.

Ebenso zum Denken der Zeit passte, dass der Plan einfach davon ausging, dass die Öffentlichkeit – also die Stadt – den Grossteil der Kosten tragen würde, obwohl diese noch nicht einmal gefragt worden war. Die Trustees – Teil der superreichen Oberschicht Manhattans – gingen einfach davon aus, dass dies passieren würde, weil sie es beschlossen hatten. Sie hatten dabei nicht nur ihre eigenen Erfahrungen im Immobiliengeschäft, auf die sie mit dieser Einschätzung aufbauen konnten, sondern mit Michael Bloomberg auch einen Bürgermeister, der solches Denken und solche Projekte unterstützte.

Vom Scheitern

Wie schon gesagt, ging dieser Plan nicht auf. Ein Grund dafür war die Finanzkrise von 2008, die nicht nur die Preise für Immobilien fallen liess, sondern es sogar schwer für die NYPL machte, ihre Grundstücke zu verkaufen.

Wichtiger waren aber Proteste, die sich mit der Zeit entfalteten. Das dauerte seine Zeit. Die Bibliothek veröffentlichte zwar den Central Library Plan, aber die Bibliothekarinnen und Bibliothekare durften nicht einfach über ihn reden. Er war „Chefsache“. Die Presse und die Öffentlichkeit benötigten einige Zeit, um zu verstehen, was die Konsequenzen des Planes waren. Sherman selber erfuhr dies in einem Gespräch mit dem neuen Direktor der NYPL (LeClerc war, auch so ein Zeichen der Zeit, in einen anderen Job gewechselt, nachdem er den Plan entworfen und erste Finanzierungen gesichert hatte). Es folgten einige Artikel in Zeitschriften, die sich wie das How-is-How des linken und links-liberalen New York lesen: The Nation (von Sherman selber), N+1 (der wohl längste, Petersen 2012), The Paris Review, Insider Higher Ed, Vanity Fair, The New Yorker.

Die Kritiken kamen aus unterschiedlichen Richtungen:

  • Es gab offenbar eine starke Architekturkritik, die einerseits Architektur in New York unter dem Blickwinkel des Urbanen (also der Frage, wie und ob Architektur zum urbanen Leben beiträgt) betrachtet und den Umbau als antiurban und geschichtslos verstand. (Viel scheint über die Stacks selber diskutiert worden zu sein. Für die NYPL ein Hindernis für den Ausbau der Räume, für die Kritik ein Meisterwerk der Bibliothekstechnik, dass weiterhin seine Aufgabe erfüllt und erhalten werden muss.) Zugleich wurde der Entwurf, den Norman Foster dann vorlegte, zum Teil als einfallslos und nicht einer Bibliothek entsprechend beschrieben.
  • Es gab eine Kritik an den Vorstellungen der Bibliothek von ihrer eigenen Aufgabe. Die Bibliothek trat mit wenigen Argumenten an, sondern stellte es vielmehr so da, als wäre ein Umbau einfach nötig; erst mit der Zeit kamen weitere Argumente. Aber die Kritik stellte zum Beispiel fest, dass der Plan, einmal umgesetzt, die 42nd Street ihrer Funktion als Forschungsbibliothek entledigen würde. Es wäre für Forschende nicht mehr möglich, spontan vorbeizukommen und die Bestände zu nutzen. Niemand glaubte, dass die Bibliothek wirklich innerhalb 24 Stunden Bücher würde aus New Jersey transportieren können. Zudem wurde der Fokus auf digitale Medien kritisiert. Die Bibliothek hatte die Hoffnung, durch E-Medien und Digitalisierung (über Google Books) die Bestände elektronisch zugänglich zu machen. Einerseits wurde gefragt, ob das jemals wirklich so eintreten würde (Sherman kann darauf verweisen, dass Google Books diesen Zugang heute nicht bietet), anderseits auch kritisiert, dass dies überhaupt nicht dem Arbeitsprozess in der Geisteswissenschaft entspricht. (Sherman führt Forschende an, die gerne umgeben von aufgeschlagenen Büchern arbeiten. Für ihn ist klar, dass das auch in Zukunft so sein wird.) Nicht zuletzt wurde kritisiert, dass das, was sich die Bibliothek als „modern“ vorstellt nicht viel mehr wäre als ein grosser Coffeshop mit WLAN (von denen es schon genügend in Manhattan gäbe).
  • Sherman macht aber noch einen weiteren Kritikstrang auf: Ein Problem bestand für ihn darin, dass die Trustees eine Gruppe von Individuen bildeten, die eine eigene, Immobilien-getriebene Sicht auf die Welt hätten und sich das Recht herausnähmen, mit dieser Sicht (er nennt sie „Wall Street Logic“), über Einrichtungen des öffentlichen Lebens zu bestimmen. Dies führe zu einer Intransparenz, weil eine kleine Gruppe, die sich selber zur Elite ernennt, Entscheidungen trifft, die andere Menschen massiv beeinflusst (hier: die alte Bibliothek schliesst). Das die Meinung der Bibliothekarinnen und Bibliothekare, aber auch der Nutzerinnen und Nutzer nicht zählt, ist für ihn nur ein Zeichen dafür, dass die Gruppe sich selber in ihrem Denken abschliesst. Zu seinem Argument zählt auch, dass der Plan sich auf die 42nd Street konzentrierte und nicht auf die Branches. Er erzählt zum Beispiel von Besuchen in alten Carnegie-Libraries, wo es seit Jahrzehnten leerstehende Wohnungen im Obergeschoss gäbe, in denen einst die Hausmeister wohnten. Diese Wohnungen seien in vielen Branches nie umgebaut worden, obwohl sie sich als Flächen für die jeweilige Bibliothek anbieten – weil dafür niemals Geld da sei. Hingegen sei die 42nd Street Branch mehrfach renoviert worden. Dies gilt für ihn Ausdruck einer Logik, die auf „Leuchtttürme“ setzt statt auf eine Strategie für das gesamte New Yorker Bibliothekswesen.

Als der Plan endgültig scheitert bestehen zwei Gruppen, die gegen den Umbau der Bibliothek in der vorgesehenen Form engagieren: Erst entstand das Committee to Save the New York Public Library, dass aus einem Protestbrief und einer Veranstaltung, bei dem ein Architekt die Pläne der NYPL kritisierte, hervorging. Später, als jüngerer und radikalerer Zusammenschluss, die Library Lovers League.

Die Proteste irritieren die Trustees zuerst, die sich offenbar nicht vorstellen können, dass es Widerspruch zu ihrer Strategie geben könnte. Nach einer Weile öffnen sie eine „listening period“, aber ändern an ihrem Plan nichts. Sie äussern sich auch nicht nach aussen. Was den Plan am Ende stoppt, ist die Öffentlichkeit, die zum Beispiel über Proteste vor der Bibliothek, Social Media Auftritte, aber auch zwei Klagen gegen den Umbau erreicht wird, die Finanzkrise von 2008 und am Ende die Wahl von Bill de Blasio, dessen links-liberale Regierung nicht unbedingt der „Wall Street Logik“ folgt, sondern zum Beispiel dafür sorgt, dass die 150 Millionen, die die vorherige Stadtregierung am Ende für das Projekt am Ende bereitgestellt hatte (während gleichzeitig der laufende Etat gekürzt wurde, was auch zum neoliberalen Denken passt), nicht für den Umbau der 42nd Street, sondern für die Renovierung von anderen Branches verwendet wird. (Wobei Sherman auch klar macht, dass der Bibliotheksdirektor, der den Plan umsetzten soll, Tony Marx, selber ein erklärter Linksliberaler ist, es also gar nicht um eine Auseinandersetzung zwischen verschiedenen politischen Richtungen geht.)

Oder anders: Auch, wenn sie sich wehren und versuchen, ihren Plan weiter durchzuziehen, zerbricht die Strategie der Trustees, indem sie in Kontakt mit der Öffentlichkeit – und nicht nur den Spitzen der Regierung – gebracht wird.

Die Situation heute ist nicht ausgeglichen. Weiter engagiert sich das Committee to Save the New York Public Library, die Bestände aus den Stacks, die im Laufe des Projektes heimlich ausgelagert wurden, scheinen immer noch nicht wieder in der Bibliothek zu sein (was heisst, dass da eine Buchbring-Maschine ohne Bücher steht, mitten in Manhattan). Gleichzeitig haben sich die Umbaupläne zerschlagen. (Norman Foster hat aber für sein Modell schon neun Millionen Dollar erhalten, dass sind so die Summen, über die man in diesen gesellschaftlichen Sphären entscheidet.) Viele Vorhersagen, auf die der Central Library Plan aufbaute, haben sich als falsch herausgestellt: Die Entwicklung bei der Digitalisierung ist nicht so erfolgt, wie gedacht, der Immobilienmarkt brach zusammen, die Stadt ist mehr an einer Förderung in der Fläche anstatt an „Leuchtturmprojekten“ interessiert; die Öffentlichkeit vertraut den Trustees und der Bibliotheksleitung nicht unbedingt einfach so, sondern möchte mitreden.

Berlin, Toronto

Man könnte die Geschichte als New York-spezifisch lesen, aber es gibt mindestens zwei andere Geschichten, die sich als ähnlich aufdrängen. Zum einen der gegenüber der Öffentlichkeit schwerhörige (tone-deaf) Versuch der Zentralen Landesbibliothek Berlin (ZLB) vor einigen Jahren gerade auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof – also im Rahmen einer Auseinandersetzung zwischen Civic Society und Berliner Senat – ein neues Gebäude zu bauen, zum anderen die Auseinandersetzung um die Entwicklung des Bibliothekswesens in Toronto in den späten 1970ern, die John Marschall (1984) zusammenfassend dargestellt hat.

Die ZLB möchte seit langem ein neues Gebäude bauen, in den 1980ern noch am jetzigen Standort, nach der Wende als gemeinsames Projekte der dann zusammengeführten Häuser in Ost und West. Dieses neue Gebäude gibt es bis heute nicht, der letzte Versuch aber wurde vor einigen Jahren unternommen, als der Senat vorschlug, auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof eine „Randbebauung“ zuzulassen. Um dieses Vorhaben kam zu einer Volksabstimmung, die recht eindeutig zu einer Ablehnung des Vorhabens führte. (https://de.wikipedia.org/wiki/Volksentscheid_zum_Tempelhofer_Feld_in_Berlin) Die ZLB hatte sich in diesen Plan einbinden lassen. Zwischen den neuen Wohnungen sollte eine neue Bibliothek gebaut werden, welche sehr stark an die damals aktuell im Bibliothekswesen immer wieder herumgezeigte Openbaare Bibliotheek Amsterdam und das Dokk1 in Aarhus erinnerte (http://www.berliner-zeitung.de/berlin/neues-zlb-gebaeude-auf-tempelhofer-feld-betonband-oder-glasfassade-1368738).

Die Struktur dieses Projektes ist einfach zu ähnlich zu dem Projekt in New York, als das sie nicht auffallen könnte:

  • Der Plan, eine neue Bibliothek zu bauen, wurde in einem kleinen Kreis getroffen, der es kaum für nötig hält, überhaupt zu begründen, wieso die neue Bibliothek benötigt wird. Es wird einfach vorausgesetzt, dass es eine moderne Bibliothek geben müsste (während die beiden heute bestehenden Häuser der ZLB auch ständig überfüllt sind, also auch nicht nicht funktionieren können). Die Gruppe ist offenbar der Meinung zu wissen, was gut für die Nutzerinnen und Nutzer sei. Zudem liess sich die Bibliothek in einen Plan des Senats einbinden, der immens unpopulär – weil als typisches Gross- und Gentrifizierungsprojekt angesehen – war.
  • Offenbar überrascht davon, dass es Widerspruch gab, versuchte die Stiftung ZLB in den letzten Wochen vor der Volksabstimmung mit neuen Argumenten aufgewartet, es wurden sogar Werbepostkarten gedruckt und Videos gedreht. Auf einmal wurde betont, dass die Berlinerinnen und Berliner eine moderne Bibliothek verdienen würde. Das überzeugte nicht. (Die Stiftung hätte auch früher auf die Strasse gehen und den Leuten zuhören können und hätte gemerkt, dass das ganze Projekt des Senats extrem unbeliebt war und die Bibliothek immer wieder in Kneipengesprächen als Teil des Planes angeführt wurde.) Das ist mit der Situation in New York zu vergleichen. Erst wurde der Plan gemacht und begonnen, ihn umzusetzen. Es schien dafür nicht viele Argumente zu brauchen. „Modern“ schien auszureichen. Erst, als Proteste auftauchten, wurde argumentiert, die Bibliothek müsse „demokratisiert“ und neu belebt werden (was der Bibliothek den Vorwurf einbrachte, Demokratie und Populismus zu verwechseln; Sherman 2015:64).1 Das überzeugte so wenig, wie die Argumentation der ZLB, dass man mit einem Haus (statt aktuell zwei) weniger durch Berlin fahren müsste, um ein Buch zu holen.2
  • Beide Bibliotheken schafften es, dass trotz des sonst so guten Rufes von Bibliotheken in der Öffentlichkeit, gegen die Projekte gestimmt beziehungsweise protestiert wurde. Das hatte beide Male wohl auch damit zu tun, dass sie als Elitenprojekte angesehen werden, während die Branches oder Filialen – die die Bevölkerung mehr nutzt – oft um Etat oder auch nur den eigenen Erhalt zu kämpfen haben. (Die ZLB kann darauf verweisen, das die Filialen jeweils den Bezirken unterstehen und sie damit nichts zu tun hat. Das interessiert die Bevölkerung aber bestimmt wenig.)
  • Grundsätzlich schienen beide Projekte davon getragen zu sein, dass kleine Gruppen der Meinung waren, die Bibliotheken verändern zu müssen, ohne zu fragen, ob sie damit nicht das Grundprinzip der Forschungsbibliothek (der sowohl die ZLB als auch die 42nd Street Branch zumindest bei ihrer Gründung folgten) aufgeben. Die Gruppen verhandelten jeweils mit den oberen Spitzen der Politik, nicht mit der Öffentlichkeit. Sie folgten beide Logiken, die auf eine Richtung setzten und alle Alternativen als „unmodern“ abqualifizieren.

Ein Unterschied scheint zu sein, dass aktuell die NYPL mehr versucht, auf die Forderungen der Öffentlichkeit zu reagieren, während die ZLB in gewisser Weise – so zumindest der Eindruck von aussen – ihr Projekt einfach weiter fortzusetzen scheint.

Aber: Das scheint ein Zeichen der Zeit zu sein. Während Sherman auf die „Wall Street Logic“ verweist, die in New York sichtbar wurde, gilt das für Berlin nur zum Teil. Es geht nicht per se um Immobilien, aber die grundsätzliche Ausrichtung ist ähnlich, der neoliberale Zeitgeist grundiert auch das Projekt in Berlin.

In Toronto gab es eine fast gleiche Situation aber schon in den späten 1970er Jahren. Auch dort ist das Bibliothekswesen als Non-Profit Organisation organisiert, inklusive eines Board of Trustees, die sich aus den oberen (reichen und weissen) Schichten der Stadt rekrutierte. Ebenso entwickelte das Board den Plan, eine neue, moderne und grosse Bibliothek in der Stadtmitte zu bauen und dafür andere Branches zu schliessen. Ebenfalls mit der Idee, dass dies der Weg wäre, wie Bibliotheken „heute“ sein müssten und mit der Vorstellung, das eine möglichst zentrale Bibliothek möglichst sichtbar als Leuchtturm des Bibliothekswesens der Stadt wirken würde.

Marshall (1984) schildert, wie sich – in einer Phase des allgemeinen Aufbruchs in der Stadt, die eine Reformfraktion, welche die Entwicklung der Stadt an den Interessen der Bürgerinnen und Bürger orientieren wollte, an die Macht brachte – auch gegen diesen Plan Proteste entwickelten. Es wurde gefordert, statt zentraler Projekte die Branches zu fördern, zu renovieren und auszubauen. Auch Marshall berichtet, wie das Board of Trustees vollkommen davon überrascht wurde, das jemand anderer Meinung als sie selber darüber war, wie die notwendige Entwicklung des Bibliothekswesens sein müsste.

Letztlich setzte sich in Toronto die Reformfraktion durch, heute gibt es immer noch rund 100 Branches, renoviert und in ihr Umfeld integriert (aber auch die damals geplante zentrale „Reference Library“ in der Mitte der Stadt). Aber auch das nur, weil der Plan gestoppt wurde.

Was ist es mit diesen Zentralen Bibliotheken und Bibliotheksplänen?

Das Beispiel aus Berlin zeigt, dass das Vorgehen in New York nicht einmalig war oder aus der Situation vor Ort alleine zu erklären ist. Das Beispiel aus Toronto zeigt auch, dass es nicht dem Zeitgeist des frühen 21. Jahrhunderts allein zuzuschreiben ist. Insoweit drängt sich die Vermutung auf, dass grundsätzlich ein strukturelles Problem entsteht: Offenbar gehen Bibliothekspläne, gerade solche, die zentrale Bibliotheken planen und dafür die Filialen ignorieren, immer wieder an den Interessen einer grossen Zahl von Nutzenden vorbei. Gleichzeitig scheint sich immer wieder eine kleine Gruppe zu etablieren, die der Meinung zu sein scheint, zu wissen, wie die Bibliotheken sich als „moderne Bibliotheken“ entwickeln müssten. (Zu fragen wäre, wie viele bibliothekarisch ausgebildete Personen eigentlich in diesen Gruppen aktiv sind. In New York und Toronto waren es praktisch keine, aus der ZLB hört man hingegen unter der Hand – was selbstverständlich nicht sehr verlässlich ist – schon, dass es Kolleginnen und Kollegen gäbe, die sich aktiv beteiligen.)

Dabei darf man nicht vergessen: New York (trotz Donald Trump), Berlin, Toronto sind grosse linke/links-liberale Bubbles, in denen Widerspruch und zivilgesellschaftliches Engagement, dass sich nicht mit Klagen alleine beschäftigt, normal sind. Es wäre schon spannend, ähnliche Projekte mal in anderen Städten anzuschauen. Kann man da einfacher solche Um- und Neubauten durchsetzen? Gibt es da andere Proteste? (Oder sind da die Pläne andere? Spontan fallen mir die Pestalozzi Bibliotheken in Zürich ein, die für und mit ihren ganzen Filialen planen und versuchen, diese gemeinsam zu entwickeln, nicht nur die Hauptfiliale Altstadt. Allerdings ist auch Zürich ein links-liberale Bubble, in Bezug auf ihr Umfeld. Sherman erwähnt als gutes Beispiel auch Seattle, dass – darauf hat Olaf Eigenbrodt anderswo schon einmal hingewiesen – gerade nicht nur diese zentrale Bibliothek von – ganz im Star-Architektendenken – Koolhas baute, sondern gleichzeitig das Filialsystem entwickelte.)

Es scheint eine Tendenz im Bibliothekswesen zu geben, zumindest manchmal, autoritär zu entscheiden, wie die Bibliotheken sich entwickeln sollen und dann meistens auf zentrale Bibliotheken zu setzen. Das scheint etwas absurd, wenn Bibliotheken eigentlich sehr nah an den Interessen ihrer Nutzerinnen und Nutzern sein könnten. Shermans Buch bietet einen Überblick zu einem Beispiel, wo so ein Vorgehen grandios scheiterte. Es ist eingängig und gerade dann, wenn man erst einmal darüber lesen will, was andere falsch gemacht haben (bevor man an eine Situation nachdenkt, die einem oder einer näher ist), ist es zu empfehlen.

Marshall (1984) diskutiert auch, dass es nicht damit zu schaffen sei, Nutzende dann, wenn schon praktisch alles entschieden ist, einzubinden, also zum Beispiel zu entscheiden, dass es eine zentrale Bibliothek geben wird, aber dann „pseudo-partizipativ“ über die Farbe der Räume oder die Möblierung entscheiden zu lassen (was gerade wieder ein Trend zu sein scheint), sondern das Partizipation wirklich heisst, dass die Nutzenden die Macht haben müssen, Entscheidungen zu treffen (wie in Toronto die Entscheidung, die Branches in den Mittelpunkt zu stellen). Auch darüber gälte es nachzudenken. (Obwohl dieses Buch von Marshall hier nicht weiter besprochen werden soll, ist es für das Thema Partizipation und Bibliotheksentwicklung mehr zu empfehlen als das von Sherman, auch da es eher auf bibliothekarische Diskussionen eingeht.)

Literatur

Marshall, John (1984). Citizen participation in library decision-making: the Toronto experience. (Dalhousie University, School of Library Service, 1). Metuchen, N.J. : Scarecrow Press, 1984

Petersen, Charles (2012). Lions in Winter. In: N+1, 9 (2012) 14, https://nplusonemag.com/issue-14/essays/lions-in-winter/

Sherman, Scott (2017). The Battle of 42nd Street. In: Public Library Quarterly 36 (2017) 1: 10-25

Sherman, Scott (2015). Patience and Fortitude: Power, real estate, and the fight to save a public library. – Brooklyn ; London: Melville House, 2015

Fussnoten

1 „This was a strange argument. The building was already utterly democratic and filled with a remarkable variety of individuals. (…) Months later, when the plan met public resistance, that argument became rasion d’être for the Foster renovation: the building was underutilized and had to be made accessible to the broad public, including immigrants and young people. When this reasoning became hard to sustain, NYPL officials came up with two other reasons to justify the urgency of the renovation: first, the stacks had an antiquated climate-control system, and the books, for their own protection, needed to go to a modern facility in Princeton; second, the CLP would improve the NYPL’s finances by generating ‚up to $15 million a year‘, money that would be used to hire additional librarians, archivists, and curators, whose ranks had been thinned by austerity measures.” (Sherman 2015:64)

2 Es ist nicht so, dass es einfach wäre, die Postkarten und Videos von damals zu finden. Bestimmt gab es noch mehr Argumente, aber diese schien mir das absurdeste, weil es so falsch war. Es wird nicht viele Menschen geben, die aus beiden Häusern – die nach unterschiedlichen Fachbereichen organisiert sind – Medien benötigen und die Menschen werden garantiert ein so breites Interesse haben, dass sie auch andere Bibliotheken in Berlin nutzen, z.B. die auch verteilten Universitätsbibliotheken. Da scheint die halbe Stunde zwischen den beiden Häusern der ZLB recht vernachlässigbar. Es schien, als sei auf einmal jedes Argument recht, um das Projekt zu stützen.

Die Bibliothek in der Literatur. Heute: In den Kindheitserinnerungen von Ljudmila Petruschewskaja.

Posted in Die Bibliothek in der Literatur, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 5. März 2017

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

Dass erfolgreiche Schriftstellerinnen und Schriftsteller in Kindheitsbegegungen mit Buch und Bibliothek die Keimzelle ihrer späteren Berufung sehen, ist erfahrungsgemäß eher Regel als Ausnahme. Auch die 1938 geborene russische Autorin Ljudmila Petruschewskaja weicht davon in keiner Weise ab, wie ihre unlängst unter dem Titel The Girl from the Metropol Hotel übersetzten und publizierten Erinnerungen (New York: Penguin, 2017) unterstreichen. Erstaunlich und bestürzend sind jedoch die Umstände. Als Kind so genannter Volksfeinde – ein Ausdruck, der als „Enemies of the People“ derzeit durch Donald Trump wieder gruseligerweise popularisiert wird  – war ihre Kindheit ein Leben, oft mehr Überlebensversuch, am absoluten Nullpunkt der sowjetischen Gesellschaft. Das in den Schilderungen spürbare Ausmaß an Armut und Ausgeschlossensein kann man eigentlich nur erschüttert zur Kenntnis nehmen. Ein Nachvollzug scheitert aus der heutigen Sicht, denn so vieles scheint nach den Maßstäben des Jetzt und Hier schlicht (und glücklicherweise) unvorstellbar. Die Familie, also ihre Mutter, ihre Tante, ihre Großmutter, sie selbst, galten jedem als Feind

„to our neighbors, to the police, to the janitors, to the passers-by, to every resident of our courtyard of any age. We were not allowed to use the shared bathroom, to wash our clothes, and we didn’t have soap anyway. At the age of 9 I was unfamiliar with shoes, with handkerchiefs, with combs; I did not know what school or discipline was.“ (S.67f.)

Zahlreiche Familienmitglieder verschwanden im Mahlwerk der stalinistischen Verfolgung oder in Massengräbern des deutschen Vormarsches: „Her end was terrible: she, her mother, and her little son were buried alive, along with other Ukrainian Jews, by the advancing Nazis.“ (S.7)

Mit dem Bombenkrieg 1941 wurde die nun kleine Familie von Moskau nach Kuibyschew (seit 1991 wieder Samara) evakuiert und blieb dort vorerst hängen. Ljudmila Petruschewskajas Mutter hatte das Moskauer Literaturinstitut jung und schwanger verlassen, also ihr Studium unterbrochen. Durch eine Verkettung glücklicher Umstände erhielt sie sechs Jahre später eine Zulassung, steckte aber in Kuibyschew fest. Reisen waren nicht ohne Weiteres möglich. Rein zufällig bot sich jedoch, so Ljudmila Petruschewskaja, auf dem Heimweg vom Markt die Möglichkeit in der Lokomotive eines Zuges nach Moskau mitzureisen. Zum Zimmer und zu ihrer Familie konnte sie vor der Abfahrt nicht mehr und verschwand so im Sommerkleid und mit einer Flasche Speiseöl für vier Jahre aus dem Leben ihrer Tochter und aus dem Kosmos des Elends von Kuibyschew in ein Moskauer Studium, in dem Armut und Hunger treue Alltagsbegleiter blieben.

In Kuibyschew gab es weder Schuhe noch ausreichend Lebensmittel insbesondere für die Volksfeinde. Mangels Schuhwerk schwand insbesondere im Winter die Möglichkeit zum Schulbesuch und Ljudmila erinnert sich, wie sie sehnsüchtig durchs Fenster einem Mädchen nachblickte, das durch den Schnee zur Schule stapfte. Spielzeug war ein unerreichbarer Traum und oft war es bereits ein Wunder, wenn das Mädchen nicht Opfer der Alltagsgewalt ihrer Zeit wurde. Wenige Stunde mit einer streunenden Katze, die das Mädchen zu Silvester in der Kammer erlebte, prägten sich als kaum fassbares Glück ein. Manches in den Geschichten haben tatsächlich einen Hauch des Märchenhaften. Eine plötzliche Wendung zur Rettung tritt freilich nirgends in Prinzengestalt durch die Tür. Ljudmila Petruschewskaja rettete sich selbst durch einen zähen Kampf unter den Bedingungen der jeweiligen Gegenwart und die sollten noch lange Zeit hart bleiben.

Ansichtskarte: Kinderbibliothek und Internat in Zhigulyovsk

Eine Ansichtskarte aus Schiguljowsk. / Es ist gar nicht mal so weit – schon gar nicht für russische Verhältnisse, von Samara / ehemals Kuibyschew nach Schiguljowsk. Allerdings existierte Schiguljowsk in den 1940er Jahren noch gar nicht in der Stadtform, die es heute hat, sondern wurde erst nach dem Ausbau der Ölindustrie entwickelt. Das verringert die Zahl der Gründe, in den 1940er Jahren an diesen Ort zu fahren zusätzlich und auch so lässt sich keine direkte Verbindung der Stadt mit Ljudmila Petruschewskaja ermitteln. Selbst in der auf der Ansichtskarte aus dem Jahr 1979 gezeigten Kinderbibliothek war sie bestenfalls in einer Zeitschrift präsent, wozu man freilich die Bestandsinformationen aus dieser Zeit benötigte und das wäre jetzt etwas zu viel der Recherche. Ljudmila Petruschewskaja hatte zu diesem Zeitpunkt gerade den Juri-Norstein-Trickfilm Die Geschichte der Geschichten (Сказка сказок) geschrieben, den man sich nach der Lektüre ihres Erinnerungsbuches durchaus noch einmal anschauen könnte. Ihr Durchbruch als Autorin stand noch bevor. Neben dem nicht ganz von der vor ihm liegenden Kinderzeitschrift (oder dem Fotografen) begeisterten Mädchen in der Bibliothek zeigt die Ansichtskarte die Kinderpoliklinik in der Friedensstraße (улица Мира) von Shiguljowsk, die sich, wie Google Streetview vermittelt, seit dem Zeitpunkt der Aufnahme kaum verändert hat.

Eine Besonderheit der Konstellation in der Biografie der Autorin, die sich möglicherweise als Rettungsmittel erwies, lag in der Tatsache, dass Ljudmila Petruschewskaja aus einer Ahnenreihe der damals so genannten Intelligenz stammte. Ihre Großväter waren Akademiker, ihre Großmutter wurde von Wladimir Majakowski umschwärmt. Das Mädchen Ljudmila kannte zwar kaum Klassenzimmer von innen, konnte aber früh gut und schnell lesen. Die immerhin 5000 Bände umfassende Bibliothek ihres Großvaters mütterlicherseits, dem aus Gnade und Akademie gefallenen Sprachwissenschaftler Nikolai Yakovlev, blieb ihr allerdings verschlossen:

„In the entire library I could read only one book: The Description of the of the Land of Kamchatka by Stephan Krasheninnikov. It had the sour smell of old paper. The other 4,997 volumes were in foreign languages: for example, the complete works of Goethe illustrated with Gustave Doré’s nightmarish figures with horns.“ (S.78)

Eines der Bücher, eine besondere Ausgabe des Eugen Onegin, verschwand eines Tages heimlich zu einem Buchhändler, u.a. um Ljudmila von einer Nasennebenhöhlenentzündung zu befreien. Zwar war ihre Mutter fast naturgemäß und in jedem Fall als Studentin eine begeisterte Leserin:

„she consumed mountains of books (she was majoring in literary studies) and took literature so seriously that simple reading for pleasure she considered a sacrilege.“ (S.5 f)

Wer allerdings so viel aufgeben musste, um überhaupt zu überleben, hängt am Ende vielleicht auch nicht so sehr an einer einzelnen Ausgabe, auch wenn diese einst General Alexei Petrowitsch Jermolow gehörte. Oder doch? Später, in den 1950ern, als sich die Situation halbwegs stabilisiert hatte und das Mädchen Ljudmila in der Oberschule eine weitere Prägung in Richtung Literatur durch den von ihm vergötterten und von Ljudmila Petruschewskaja in einem Kapitel des Buches zutiefst gewürdigten Lehrer Aleksandr A. Plastinin („Sanych“) erhielt, setzte bei ihrer Mutter ein deutliches Kompensationshandeln ein:

„Mama kept buying books maniacally – her entire family library had perished during the arrests – and I kept reading it.“ (S.128f.)

Und gleich darauf folgt die Würdigung der öffentlichen Bibliothek nicht nur als Lese- sondern auch als Zufluchtsort. Und als einer der Bildung obendrein:

„After school I always went to the library instead of home, where nothing good awaited me. The librarians took advantage of my addiction, and for every two books I requested, they forced me to read at least one on the school curriculum.“ (S.129)

Auf diese Weise hatte die Schülerin auch Maxim Gorkis Die Mutter gelesen, auf unorthodoxe Weise interpretiert und das Eis zu dem für sie sehr wichtigen Lehrer gebrochen. Auch hier: Die Verkettung von Umständen, ein prinzipielles Lebensthema der Schriftstellerin und natürlich waren es auch Zufälle, die sie zum Journalismus und damit weiter in Richtung dessen transportierten, was sie heute ist. Aber da sich die Bibliothek mit einer einzigen weiteren Erwähnung aus der Universitätszeit bereits wieder aus dem Erinnerungsbuch verabschiedet hat, soll dazu hier nichts weiter verraten werden. Denn zweifellos ist The Girl form the Metropol Hotel eine eindeutige Lektüreempfehlung wert. Die Kindheit der Ljudmila Petruschewskaja ist – in der Schilderung – schrecklich und märchenhaft zugleich (inklusive böser Stiefmutter), wobei das Schreckliche sich auf die unausweichlich furchtbaren und unmenschlichen Folgen aller Versuche einer totalitären Ordnung der Gesellschaft bezieht und das Märchenhafte auf diese sonderbare Kraft der Kindheit, die es offenbar schaffen kann, noch dem größten Elend Momente des Zaubers abzugewinnen.

(Berlin, 04.03.2017)

Analogkultur / Digitalkultur. Über @handmedium und „real things and why they matter.“

Posted in LIBREAS.Feuilleton, Uncategorized by Ben on 6. Februar 2017

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

I

Derzeit sammelt sich Samstag für Samstag auf dem immergrauen Vorplatz der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt am Main eine Schar Demonstranten, die sich für einen Erhalt der Möglichkeit eines Zugangs zum gedruckten Medium im Lesesaal der Bibliothek einsetzen. Ein Transparent komprimiert das Anliegen in eine Frage: Bibliothek ohne Bücher? Es ist eine kleine, aber sehr engagierte Gruppe, die der Stroemfeld-Lektor Alexander Losse per Megaphon zu aktivieren versucht und einen kleinen Niederschlag findet sich regelmäßig vor allem in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die in diesem Fall als Lokalblatt gelten kann. Aber auch in der wochentäglichen Abwesenheit bleibt die unter dem Kürzel @handmedium auf Twitter ihre Aktionen begleitenden, dokumentierenden und mit befreundeten Accounts retweetenden selbsternannte Mahnwache präsent. Außerdem sucht man das 140-Zeichen-Gespräch mit Twitternden, die man sich als passende Gegenüber für den Austausch von Positionen heraussucht.

"Digital vor gedruckt" - Aushang in der DNB

„Digital vor gedruckt“ – der in diesem Fall farblich gut auf die Oberbekleidung der Besucher abgestimmte Aushang erläutert eigentlich sehr nachvollziehbar und in leichter Sprache, warum die Bibliothek lieber den Griff zur E-Book-Fassung sähe. Und zugleich regt sie die Nutzerinnen und  Nutzer zum Nachdenken über ihr Nutzungshandeln an. Denn nun müssen sie sich bei jedem Verlangen überlegen, wie sich der Zweck ihrer gewünschten Lektüre zur Medialität des Objektes verhält.

Spricht man Mitarbeiter des Hauses auf die Mahnwache und ihre Ziele an, gibt es die Bandbreite des Lächelns von verzweifelt über mitleidig bis sogar nachsichtig zu sehen. Es ist schon ein Politikum, hört man. Und, vertraulicher, dass es durchaus Verbindungen aus dem Haus über die Frankfurter Allgemeine zur „Reuß’schen Gruppe“ gäbe, die in dem Vorplatzprotest etwas zu kanalisieren versuche. Was das genau ist, erfährt man nicht und möchte es eigentlich auch gar nicht wissen. Das Öl soll besser nicht weiter ins Feuer tröpfeln und die FAZ hat doch noch einen gewissen Einfluss auf die öffentliche Meinung der Stadt am Main. (more…)