LIBREAS.Library Ideas

Die Idee LIBREAS und das Institut für Bibliothekswissenschaft.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 6. Dezember 2018

Manuskriptfassung des Grußworts von Ben Kaden auf der Festveranstaltung 90 Jahre Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft am 02. November 2018 im Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum der Humboldt-Universität zu Berlin.

Ben Kaden bei seinem Grußwort auf der Veranstaltung 90 Jahre Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft, 02. November 2018

Ben Kaden beim Grußwort am 02. November 2018 (Foto: Maxi Kindling)

 

I

Die Berliner Bibliothekswissenschaft mit ihrem Institut wird, grob gerechnet und Pausen ausgeblendet, 90 Jahre alt. Einschränkungen sind bei der Zuschreibung zweifach notwendig: Erstens weil es natürlich bibliothekswissenschaftliches Denken in Berlin auch außerhalb des Instituts gab und gibt. Und zweitens, weil das Institut an sich kein Kontinuum ist. Vielmehr besitzt es eine wechselvolle Geschichte, deren Aufarbeitung bzw. Aufzeichnung jetzt zum Jubiläum nur ein Kratzen an der Oberfläche darstellte. Klar, man schürfte hier und da und da und hier auch mal tiefer. Aber eigentlich sieht man jetzt erst wirklich, was da an Geschichte und Geschichten hervorblitzt und Stoff für mindestens vier, fünf Promotionsvorhaben angedeutet. Oder Großaufsätze, z. B. für LIBREAS.

LIBREAS, diese hier 2004/2005 begründete elektronische Open-Access-Zeitschrift für Bibliothekswissenschaft bzw. bald namentlich erweitert wie das Institut in Zeitschrift für Bibliotheks- und Informationswissenschaft, begleitete etwa 13 dieser 90 Jahre, Das Institut war demnach um die 77, als wir mit LIBREAS begannen, eher noch sogar 76 oder 75. Ich überlege, nach wie vor ergebnisoffen, an welchem Schlüsseldatum oder -ereignis man die Idee zu LIBREAS. Library Ideas festhaken könnte.

Fester gehakt ist die Natur von LIBREAS als eindeutig typische Berliner Schöpfung. Das Projekt dieser Zeitschrift ist Ergebnis dieser berühmt-berüchtigten Mischung aus Gestaltungswillen, Dreistigkeit, Naivität und viel Improvisation, die so typisch war für das, was in gar nicht so entfernter Nachbarschaft von diesem Ort [dem Grimmzentrum, für das zeitgleich zur Gründung von LIBREAS die ersten Spatenstiche gesetzt wurden] den Mythos des Aufbruchsberlins begründete, ein Mythos, von dem die Stadt noch heute zehrt. Ich erinnere mich gut, wie wir nach offiziellen oder inoffiziellen Institutsfeiern gern noch in kleiner Gruppe in der Böse-Buben-Bar, im Aufsturz oder, auch das gab es noch, im Tacheles vorbeischauten und irgendwann von der ersten (oder zweiten) Straßenbahn des Tages im matten Morgenlicht nachhause geschunkelt wurden. Das Magisterstudium ließ auch Raum für längere Nächte. (more…)

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Gastbeitrag: IBI 2003 and Beyond – Ein Blick hinter die Kulissen

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 5. Dezember 2018

 

90 Jahre IBI - Programmflyer

Natürlich und sofort auch ein Dokument der Institutsgeschichte: Der Programmflyer zur Veranstaltung am 02. November 2018

Die Festveranstaltung zum – je nach Perspektive mehr oder weniger – 90-jährigen Bestehen des Berliner Instituts für Bibliothekswissenschaft bzw. Bibliotheks- und Informationswissenschaft rückt nun selbst wieder zunehmend in die Vergangenheit. Ein Monat ist seitdem vergangenen und der Veranstaltungsraum im Grimmzentrum diente längst wieder anderen Themen wie Forschungsdaten auf dem edoc-Server oder auch die Frage nach dem Verhältnis zwischen Öffentlichen Bibliotheken und der Bibliotheks- und Informationswissenschaft als Forum. Die Fachwelt rotiert ebenso wie die Bibliothekswissenschaft weiter, was auch sehr gut und wichtig ist. Was man trotz dieser Dynamik in den Fragen und im Denken und auch dem institutionellen und personellen Gefüge um das Institut und das Fach nicht vergessen darf, sind die Spuren und Erkenntnisse, die sich aus der Betrachtung der Vergangenheit ergeben oder sich in der Gegenwart für eine kommende Betrachtung fassen und ablegen lassen. Die Festveranstaltung bot in der für solche Zusammentreffen typischen Rahmen einen Zugang, der im Nebeneffekt an vielen Stellen bestimmte, für die Geschichte des Fachs wichtige Fragmente und hier und da auch Zusammenhänge freilegte. Einiges davon findet sich in der aktuellen LIBREAS-Ausgabe. Anderes wird – hoffentlich – in kommenden Ausgaben erscheinen. Und manche Erinnerungen können auch sofort dokumentiert werden. So erreichte uns im Nachgang zum 02. November eine kleine Erinnerung, zugleich eine Art nachgereichtes Grußwort von Elmar Mittler an das für das IBI der heutigen Zeit so entscheidende Jahr 2003. Und das wollen wir natürlich auf jeden Fall an dieser Stelle in gewisser Weise auch als Supplement zur LIBREAS-Ausgabe „90 Jahre Bibliotheks*wissenschaft in Berlin“ hier nachreichen.

(Berlin, 05.12.2018)

 

Eine Erinnerung von Elmar Mittler

Zur 90-Jahrfeier des IBI kann man in jeder Weise herzlich gratulieren. Zeigte sie doch einmal mehr, dass die Konzeption des Neuanfangs mit dem Ziel der Internationalisierung des IBI aufgegangen ist. Ich bin den beiden ausländischen Mitgliedern der geleiteten Evaluierungskommission – John Feather und Hans Rosendaal – noch heute  sehr dankbar, dass sie nach einer langen Nacht der Diskussion 2003 bereit waren, nicht ihre Meinung zum damaligen Stand der Forschung und Lehre am IfB  im internationalen Vergleich in den Vordergrund zu stellen, sondern mit mir die Zukunftspotentiale des einzigen universitären bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Institutes in Deutschland zum Kern des Gutachtens zu machen. Die Kommission hat dafür die unverzügliche Neubesetzung der vakanten Professur mit einer Neuausrichtung des Faches empfohlen. Auf der Basis dieser Evaluation gelang es, die vorgesehene Schließung des Instituts zu verhindern.

Um aber die Gremien der Universität endgültig davon zu überzeugen, dass ein derartiges Institut in Deutschland das Profil der HU stärken und ihr international zusätzliches Renommee verschaffen kann, wurde gefordert, ein tragfähiges Konzept zu entwickeln. In Absprache mit dem Vizepräsidenten für Forschung Hans Jürgen Prömel, der sich im Verlaufe des Prozesses als überaus kompetenter Partner erwies, erfolgte dieses im Rahmen einer Findungskommission. Diese lud unter meiner Leitung 2004 eine Reihe international führender Forscher mit der Bitte nach Berlin ein, ihre Vorstellungen für eine Neukonzeption des Faches an der HU insbesondere auch unter dem Gesichtspunkt eines Alleinstellungsmerkmals darzulegen. Dabei bestätigte sich meine Konzeption der Internationalisierung zur Neukonzeption des Instituts für alle Beteiligten. Konrad Umlaufs Protokoll hielt es so fest: Es zeichnete sich ab, dass die geeignete Persönlichkeit aus dem englischsprachigen Ausland oder aus Skandinavien kommen könnte, wo die beiden Traditionsstränge Bibliothekswissenschaft und Informationswissenschaft anders als in Deutschland nie getrennt waren.

Das konkrete Ergebnis war die offizielle Ausschreibung einer Professur für die Digitale Bibliothek. Dieser Erfolg wäre nicht ohne die Bereitschaft des Dekans Oswald Schwemmer möglich gewesen, dem Institut die Chance zu geben, seine damalige Isolierung in der Fakultät zu überwinden; Professor Wolfgang Coy von der Informatik gab zusätzlich immer wieder hilfreichen Rat für die praktische Umsetzung. Zu den 18 Bewerbern zählte glücklicherweise auch Michael Seadle, der sich (in harmonischer Partnerschaft mit dem ebenfalls neu berufenen Professor für Informationsmanagement Peter Schirmbacher) als ideale Besetzung für den Neuanfang des Instituts erwies.

Michael Seadle brachte Internationalität in Forschung, Lehre und institutioneller Vernetzung, verankerte durch sein langjähriges Dekanat das Institut in der Fakultät und sicherte ihm durch seine aktive Mitarbeit in entscheidenden Gremien die Vernetzung in die Universität. Auch der Übergang in eine neue Generation ist inzwischen gelungen. Für mich war deshalb die 90-Jahrfeier ein glückliches Ereignis. Sie zeigte mir, dass eine meiner Zukunftsvorstellungen für das deutsche Bibliothekswesen Wirklichkeit geworden ist: wir haben ein international renommiertes universitäres Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft. Und ich darf ein bisschen stolz darauf sein, an seinem Fundament mitgewirkt zu haben. Meine Hoffnung und mein Wunsch für die Zukunft sind, dass es der jungen Mannschaft gelingt, das innovative Lehr- und Forschungspotential des IBI auch für die praktische Entwicklung des deutschen Bibliothekswesens und dessen internationale Vernetzung weiter fruchtbar zu machen – und dass sie weiter heil durch die an Untiefen reichen Gewässer komplexer institutioneller Organisationen gleitet.

Berlin – Ecke Queen Street. Eine Ansichtskarte.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 18. November 2018

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

Eine kleine überraschende Ergänzung unserer im LIBREAS.Tumblr – viel zu wenig – gepflegten Serie Berliner Bibliotheken fand sich unlängst in einem Ordner mit älteren Ansichtskarten und das ist naturgemäß zu schön, um nicht auch hier verzeichnet zu werden. Wie bei solchen Fundstücken üblich, sind die Wege, die sie über die Jahre – in diesem Fall immerhin schmale 111 davon – nahm, kaum rekonstruierbar. Ausgenommen von dieser Einsicht ist die erste Etappe, da es zum postalischen Gebrauch gehört, in solche Kommunikationsträger auch entsprechende Metadaten einzuschreiben – also Adresse, Datierung und Poststempel. Dadurch wird es uns möglich, sie auch heute noch eine Lektüre zu unterziehen, die freilich verwaschen bleiben muss. Denn zahlreiche Rahmenangaben für die Analysekette Wer-was-wann-wie-wo-warum? sind nicht ermittelbar und werden es mutmaßlich nie mehr sein.

Ansichtskarte - Berlin, Ontario, Public Library

King Edward schaut wie auf diese Bibliothek: Eine Ansichtskarte aus Berlin, Ontario.

Was wir unschwer sehen: Eine Madame Verret aus Quebec – und zwar Quebec City bzw. besser noch Ville de Québec entschied sich, diese Karte aus dem Sortiment des so jungen wie nach einem Brand mit Totalverlust im Jahr 1904 gebeutelten Druckhauses Warwick Brothers & Rutter, Ltd. aus Toronto zu nutzen, um einem Jules Bellard zu schreiben, in die Kleinstadt Argentan (Orne), das Textilhistoriker*innen möglicherweise wegen seiner Spitze bekannt ist, dem so genannten Dentelle-d’Argentan-Muster, kräftig, floral, robust, ein Favorit von Louis XV und danach bald weitgehend vergessen, außer in Argentan natürlich, wo heute im Museum ausführlich an diese ruhmreiche Facette der Stadtgeschichte erinnert wird.

Nach Argentan also reiste die Karte, in die Hausnummer 4 der rue [de la] Chaussee, in der sich heute ein Fachgeschäft für Mobiltelefonie befindet, nur indirekt ein Gruß und mit dem ausdrücklichen Zweck offenbar der Übermittlung der Postanschrift von Madame Verret an diesen Jules. Wer Madame Verret schreiben wollte, der schrieb an die 172 rue Richelieu in Quebec Can., vermutlich angesichts der Lage im Quartier Faubourg Saint-Jean bereits zu dieser Zeit keine schlechte Adresse und heute Standort eines wuchtigen Appartementhauses jüngeren Baujahrs und damit für die Rekonstruktion der sozio-postalischen Spuren eine Sackgasse namens Tandem – Condos sur Cor.

Der Bezug von Madame Verret zur Carnegie gestifteten öffentlichen Bibliothek in Berlin, Ontario bleibt dagegen wie heute die Rue Richelieu 172 weitgehend im Schatten und möglicherweise ist in diesem auch gar nicht übermäßig viel zu entdecken. Es könnte auch schlicht eine Motivwahl aus Zeitgeist gewesen sein. Die Bibliothek in Berlin war nämlich ein Schmuckstück ihrer Zeit, noch sehr jung – im Januar 1904 als eine von elf ihrer Art in der Region eröffnet – und besonders üppig mit Mitteln in Höhe von 24.500 $ durch eben die Carnegie Foundation gefördert.

Interessanterweise stellte man aber 1907 fest, dass der Bau für den Bibliotheksbetrieb wenig optimal war. Sie schien schnell zu klein für eine aufstrebende Kommune mit 10.000, bald 15.000 Einwohnern. Und war vor allem zu feucht, so dass der Keller nicht für Bibliothekszwecke nutzbar war. Es blieb offenbar aus gutem Grund der erste und der letzte Bibliotheksbau des in Mannheim, Warterloo County geborenen Architekten Charles Knechtel (1869-1951), der glücklicherweise den Abriss des Gebäudes im Jahr 1963 nicht mehr erleben musste, wohl aber die Schmach einer Art Rettungsumbaus. James Bertram, Privatsekretär von Andrew Carnegie, äußerte sich in einem Brief an den Ontario Inspector of Public Libraries, Walter R. Nursey, später, als Charles Knechtel längst mit der Planung von Schulen, Kirchen und Fabriken anderswo befasst war, mit einer bemerkenswert brutale Einschätzung zum Gebäude:

“[T]he Berlin bilding [sic] is one of the most short sighted planned bildings of which I have ever seen the plans. It is cut in small areas and the balcony feature could only have been introduced under the belief that money was no object as it is absolutely unnecessary and entails expenditure of money without any return whatever.” (zitiert nach Beckman, Landmead, Black, 1984, S. 52)

Nachvollziehbar frustriert mit den Vorgängen in Berlin blockte James Bertram eine ganze Weile resolut alle Anfragen des Berlin Library Boards nach weiteren Zuschüssen für eine Neugestaltung und Erweiterung des Gebäudes ab, bis er dann schließlich doch durch die regelmäßigen Anfragen von W.H. Breithaupt, Vorsitzender des Library Board Building Committee, erweicht genug war, um nochmals 12.900 $ bereitzustellen, möglicherweise besonders motiviert durch die Tatsache, dass auch die Stadt Berlin eine erhebliche Summe beisteuerte. Im Februar 1916 wurde, verzögert auch in diesem Berlin durch den Ersten Weltkrieg, die umgebaute und erheblich erweiterte Bibliothek, jetzt mit einer Kinderbibliothek und trockenem Keller, wieder eröffnet. Auch James Bertram zeigte sich nun zufrieden. Im gleichen Jahr, auch eine Folge des Ersten Weltkriegs, benannte man Berlin in Kitchener um, als Würdigung des gerade vor den Orkney Inseln mit 736 weiteren Menschen mit der HMS Hampshire nach deutschem Minenschlag ertrunkenen britischen Feldmarschalls Lord Horatio Kitchener, der unter anderem für die Strategie der “verbrannten Erde” und das Konzept der Konzentrationslager berühmt geworden war. Parallel wurde übrigens in Australien das Gebäckstück namens “Berliner”, das wir in Berlin Pfannkuchen nennen, in Kitchener Bun umgetauft und zum Beispiel auch die Siedlung Friedensthal, South Australia in Black Hill, alles kurios und zugleich eine Erinnerung daran, wie sehr zeitpolitische Symbolentscheidungen auch in der Vergangenheit häufig grotesk und furchtbar waren.

Die nun Kitchener Public Library erfüllte jedenfalls ihren Zweck bis in die 1960er Jahre. Mittlerweile war die Bevölkerung der Stadt auf über 70.000 angewachsen und entsprechend willkommen war der ganz in der Nähe von Kitcheners wichtigsten Architekten dieser Jahre, nämlich Carl Rieder, entworfene flache und sehr moderne Neubau der Main Library an der Queen Street, der im Mai 1962 eröffnet wurde. Für die Kunst am Bau beauftragte man den Maler Jack Bechtel mit einem Wandbild, das zu seiner vielleicht bekanntesten Arbeit werden sollte. Die fast vier mal zehn Meter große in erdigen Tönen gestaltete Darstellung für den Lesesaal zeigt, zum Lichte empor, das Streben des Menschen nach Wissen, heißt passend auch “Enlightenment” und entstand 1963 in der bereits eröffneten Bibliothek und zwar etappenweise in den Nachtstunden.

Den Knechtel-Bau, der wahrscheinlich nie so genannt wurde, ebnete man kurz darauf ein und irgendwann später erwuchs an seiner Stelle ein brutalistische Züge tragendes Gebäude namens The Commerce House Office Tower. Die Berliner Bibliothek blieb die einzige der elf Carnegie-Bibliotheken in der Region Waterloo, die abgerissen wurde. Allerdings verschwand im benachbarten Guelph 1964/65 ein auf den ersten Fassadenblick noch deutlich eindrucksvollerer Carnegie-Bibliotheksbau (von William Frye Colwill).

Mittlerweile verschob sich erwartungsgemäß der Blick auf das bibiotheksarchitektonische Erbe des Andrew Carnegie soweit, dass so gut wie verbliebenen Häuser im Focus des Denkmalschutzes stehen. Für Berlin-Kitchener kommt das zu spät. Aber da Madame Verret sich im September 1907 entschied, ihre Adresse auf eine Bibliotheksansichtskarte von Warwick Bros & Rutter zu schreiben, deren Programm allein die Public Library von Berlin mindestens vier Mal aufwies, und möglicherweise sogar unterfrankiert ins Vorkriegseuropa zu schicken (eine portohistorische Prüfung steht noch an) bleibt sie uns als Berlin Public Library zumindest per Bildzeugnis erhalten.

(Berlin, 18.11.2018)

Literatur

Beckman, Margaret; Landmead, Stephen; Black, John: The Best Gift: A Record of the Carnegie Libraries in Ontario. Toronto, London: Durndurn Press, 1984

Ein Plädoyer für mehr Gerechtigkeit durch öffentliche Informationsinfrastrukturen

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 11. Juni 2018

Zu: Safiya Umoja Noble (2018). Algorithms of Oppression. How Search Engines Reinforce Racism. – New York : New York University Press, 2018

Karsten Schuldt

 

Technologie ist nicht neutral. Ist das neu?

Technologie und Algorithmen sind nicht neutral und auch nicht einfach reine Widerspiegelungen gesellschaftlicher Verhältnisse. Was an Technologie entwickelt wird und was nicht; was als Problem definiert wird, welches Problem technisch – oder halt auf der Ebene von Software durch Algorithmen – zu lösen wäre und was nicht; was überhaupt als Problem wahrgenommen wird; auf welche Kritik von wem Rücksicht genommen wird und welche Kritik von wem ignoriert wird – all das ist gesellschaftlich. Und es wirkt dann, wenn es in Technologie umgesetzt ist, verstärkend auf die Gesellschaft zurück. Es entwickelt sich nicht in einem luftleeren Raum, in welchem nur Innovation und Genie zählen, sondern entlang von Machtstrukturen und gesellschaftlichen Diskursen. Ist das eine überraschende Aussage?

Das hier zu besprechende Buch von Safiya Umoja Noble thematisiert diesen Fakt in einer Weise, als sei er neu. Es gäbe in der Gesellschaft die Vorstellung, dass Technologie (in diesem Fall Suchmaschine-Technologie) neutral und fair wäre. Die Autorin berichtet, dass Ihre Studierenden (an der University of California) dies in ihrem Unterricht zum ersten und einzigen Mal in ihrem Studium hörten. Einen ähnlichen Eindruck vermittelt sie auch in ihren Vorträgen zum Thema (zum Beispiel auf der letzten re:publica 2018). Wenn dem so ist, ist es wohl wichtig, dass es diese Buch gibt. Es sind aber auch keine überraschenden Aussagen. Vielleicht sind dem Rezensenten einfach die beiden Wissenschaftsfelder, auf die sich die Autorin bezieht – Gender Studies und Library and Information Science – selber zu sehr bekannt, aber ihm schien, dass das Buch eher Bekanntes konkretisiert, als neues benennt.

Beispiele für Bias

Überzeugt dann aber diese Konkretisierung? Schon. Noble fokussiert auf Google beziehungsweise Alphabet, da dies einfach die grösste Firma im Bereich Suchtechnologien ist und die Ergebnisse dieser Technologie direkte Auswirkungen in der Gesellschaft haben. Sie zeigt, dass es offensichtliche Vorurteile gibt, die sich in den Suchergebnissen von Google widerspiegeln und damit auch in den Algorithmen der Maschine. Das prominent im Buch mehrfach thematisierte Beispiel ist eindrücklich: Die Autorin wollte 2011 mit ihren Nichten Quality-Time verbringen, suchte deshalb mit dem Schlagwort „black girls” nach Dingen, die diese interessieren könnten, fand aber fast nur Pornographie (und eine Pop-Band mit diesem Namen). Dies liess sich auf andere Gruppen und Themen ausweiten: „latina girls” lieferte ebenso vor allem Pornographie, aber nicht „asian girls” oder „white girls”; „three black teenagers” lieferte Polizeiphotos, „three white teenagers” Bilder von Gruppen von Jugendlichen, „unprofessional hairstyles for work” lieferte nur Bilder von Afroamerikanerinnen, „professional” nur von weissen Frauen. Es ist leicht ersichtlich, dass rassistische (und, in anderen Beispielen, sexistische) Denkstrukturen sich in diesen Ergebnissen spiegelten, nicht die Realität.

Noble problematisiert nun in ihrem Buch die Vorstellung, dies seien rein technische Probleme. Diese Position wird, wie sie zeigt, von Google beziehungsweise Alphabet eingenommen. Nicht einmal als Ausrede, sondern als Ideologie. Regelmässig verweist Google darauf, dass die Ergebnisse ihrer Maschine nicht einfach zu kontrollieren seien, sondern sich aus den Suchen in Google und den verwendeten Algorithmen ergeben würden. Gleichzeitig finden sich dann immer doch Lösungen, einige krude (so fand man nach einer gewissen Zeit unter „three white teenagers” dann auch Polizeiphotos), einige wirksamer (so findet sich heute unter „black girls” oder „latina girls” keine Pornographie mehr, ausser es wird explizit nach ihr gesucht). Für Noble ist aber klar, dass dies eine falsche Vorstellung davon ist, wie Technologie funktioniert. Welche Probleme schnell angegangen würden und welche nicht oder nur sehr langsam, hätte zum Beispiel auch mit der recht männlichen, weissen und asian-american Belegschaft von Google zu tun, auch mit der Vorstellung, dass diese Belegschaft sich meritokratisch gefunden hätte (also weil sie alle besser seien als andere). Gleichzeitig sei es aber auch ein Problem, dass die Öffentlichkeit Google mit einer fairen und interesselosen Infrastruktur gleichsetzen würde: Google sei eine Werbeplattform, die Suchen und Ergebnisse, die Technologie und Infrastruktur sei davon bestimmt. Die Öffentlichkeit – und dabei meint sie nicht nur einzelne Personen, sondern auch die Politik, Wissenschaft, Verwaltung – sähe in Google aber eine Infrastruktur, die grundsätzlich fair sei. (Dies sei nicht nur auf Google, sondern auch auf den ganzen Diskurs von Big Data zu beziehen.)

Suchergebnisse haben Konsequenzen

Weiterhin zeigt Noble, dass das alles nicht egal ist. Was gefunden wird, wenn gesucht wird, hat Einfluss auf die Wahrnehmung von Gruppen (oder auch, dass Menschen überhaupt als bestimmte Gruppen wahrgenommen werden), auf die Selbstwahrnehmung von Gruppen und von Individuen. Beispiel: Wenn „black girls” oder „latina girls” als Repräsentation ihrer selbst vor allem Pornographie finden, während andere Mädchen vor allem Angebote zur Freizeitgestaltung finden. Die Autorin zeigt dies auch noch am Beispiel von Dylann Roof, dem white nationalist welcher 2015 in Charleston neun Menschen (weil sie schwarz waren) erschoss und in seinem „Manifest” angab, dass sein Weg in die Radikalisierung mit einer Suche auf Google begann. Auch dessen Identität wurde dadurch geprägt, was zu finden war – white nationalist websites – und was nicht zu finden war – reale Informationen über Kriminalitätsraten oder Darstellungen, was an den Diskursen auf den white nationalist websites falsch war.

Das ist alles richtig. Es ist auch wichtig, dass es gesagt wird. Die Frage ist nur, ob es neu ist.

Für eine öffentliche Suchmaschineninfrastruktur

Neu ist aber wohl der Lösungsvorschlag von Noble. Sie zeigt, dass es zwar wichtig ist, solche Beispiele aufzunehmen und zu skandalisieren, dass es aber nicht darum geht, von Google zu fordern, dieses oder jenes abzustellen. Dies spielt in den Diskurs von Google selbst hinein, dass es sich nur um technische Probleme handeln würde. (Was nicht heisst, dass es falsch wäre, an den Ergebnissen etwas zu ändern.) Wichtig wäre, zu thematisieren, was hier passiert und warum. Nobel verweist darauf, dass es in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft eine Tradition der Kritik von Kategorisierungen und Systemen der Wissenschaftsorganisation gäbe, insbesondere der DDC. An diese könne und müsse angeschlossen werden, wenn es um Suchmaschinentechnologien geht. Allerdings: eine Voraussetzung dieser Kritik sei, dass transparent ist, welche Kategoriesysteme in Bibliotheken verwendet werden – in die DDC kann man hineinschauen, aber in die Algorithmen von Google nicht (weil es eine Werbeplattform ist).

Die Lösung liegt für Noble darin, zu verstehen, welche Effekte Google auf die Gesellschaft hat und aus dieser Erkenntnis nicht etwa zu folgern, dass die Suche im Internet das Problem wäre, sondern die Struktur und Ideologie von Google. (Und anderen Firmen, aber der Fokus liegt bei Google.) Nicht ein „besseres Google”, sondern eine öffentlich finanzierte und getragene Suchmaschineninfrastruktur wäre zu fordern. Angelehnt ist diese Vorstellung erkennbar an Bibliotheken. (Für Europa klingt diese Forderung nicht so weit hergeholt. Die Europeana könnte – bei entsprechender Finanzierung – diese Infrastruktur mit aufbauen.) Nur dann sei es möglich auch zu wissen, was wieso und wie gesucht und gefunden wird; welche Probleme als solche definiert würden und welche nicht. Dies wäre politisch, aber darum geht es Noble ja: Die Vorstellung, ein Suchalgorithmus können neutral und damit unpolitisch sein, ist falsch. Damit muss man umgehen. Dadurch, dass eine solche Infrastruktur öffentlich würde, würde sie zum Beispiel nicht mehr an Werbeeinnahmen gebunden und es gäbe auch keinen Grund, die Algorithmen nicht öffentlich zu machen.1 Eine grosse Forderung, aber damit, dass Noble sie auf den Tisch legt, wird sie auch diskutierbar.

Kritik

Wie schon angedeutet, ist der Rezensent zwar vom Thema des Buches überzeugt, nicht aber davon, dass es inhaltlich etwas neues bieten würde. Wirklich neu ist nur der zuletzt genannte Vorschlag einer öffentlichen Suchmaschineninfrastruktur.2 Dieser Eindruck zieht sich auch durch das Buch selber. Die Hauptargumente und -aussagen finden sich praktisch in der Einleitung, später werden sie immer wieder neu aufgegriffen. Es wird eher in Kaskaden diskutiert (also immer wieder das, was schon gesagt wurde, aufgegriffen, ergänzt und dann in der nächsten Runde wieder aufgegriffen und so weiter), als das es einen roten Faden gäbe. Es scheint, dass dies in einem Universitätsseminar angemessen sein kann („Lernen durch Wiederholung”), für ein Buch scheint es weniger praktisch.

Zudem hat die Autorin die irritierende Angewohnheit, quasi alle Personen, von denen Studien oder anderes zitiert wird, mit Namen und Funktion, beispielsweise dem Institut bei dem sie arbeiten, vorzustellen, so als würde dies den Argumenten mehr Autorität verleihen – was aber nicht der Effekt ist.

Fazit

Wie gesagt scheint vieles von dem, was die Autorin darlegt, schon bekannt. Vielleicht nur in den kleinen Kreises der kritischen Bibliotheks- und Informationswissenschaft (aber dieses Blog erreicht vielleicht vor allem diesen Kreis). Es untermauert mehrfach das Wissen, dass Technologie und Algorithmen nicht neutral sind und dass sie, wenn unkritisiert, in einer rassistischen Gesellschaft vor allem die rassistischen Strukturen reproduzieren. (Noble argumentiert und sucht im Kontext der US-amerikanischen Gesellschaft, aber es ist ein leichtes, dies auf die deutsche, schweizerische, österreichische, liechtensteinische Gesellschaft und die Diskursstrukturen und Vorurteile hier zu übertragen.) Sie tut dies in zitierbaren und klaren Aussagen. Es gibt also keinen Grund, von diesem Buch abzuraten; aber es scheint doch an vielen Stellen zu lang.

Grundsätzlich in den Diskurs als potentielle Lösung aufzunehmen ist der Vorschlag, Suchmaschineninfrastrukturen, nach dem Vorbild von Bibliotheken, als öffentliche Infrastruktur einzufordern.

Fussnoten

1 Julien Mailand und Kevin Driscoll machen in ihrem in diesem Blog auch schon besprochenen Buch zum Minitel-System im Frankreich der 1980er-Jahre [Julien Mailland ; Kevin Driscoll (2017). Minitel: Welcome to the Internet (Platform Studies). Cambridge ; London: The MIT Press, 2017] ein ähnliches Argument: Ein Vorteil des staatlich organisierten Systems – gegenüber heutigen Plattformen wie Facebook, die einfach so Entscheidungen über Inhalte, die sie anzeigen oder nicht anzeigen treffen dürfen – sei gewesen, dass alle Entscheidungen darüber, was im System zugelassen wurde und was nicht, potentiell der öffentlichen Kontrolle (ergo: Beschwerden, Klagen, Einsichtsnahmen in Unterlagen) unterlag.

2 Hier stellt sich wirklich die Frage, wann und warum Bibliotheken aufgehört haben, über eine solche nachzudenken. Als noch Yahoo mit seinen Kategorien und Linksammlungen die Suche im Internet bestimmte, gab es solche Diskussionen und mit der Deutschen Internetbibliothek auch eine Infrastruktur, die dies versuchte. Nachdem einfache Suchen” zum bestimmenden Modus der Suche wurde, scheinen Bibliotheken aufgegeben zu haben. Heute ist wohl noch nicht mal bekannt, wie die Suchergebnisse in den Bibliothekskatalogen zustande kommen; auch das ist intransparent von den Anbietern der Katalogsoftware organisiert.

Eine wichtige Geschichte zu jahrhunderte-alten Manuskripten in Afrika, leider nicht angemessen erzählt

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 4. April 2018

Karsten Schuldt

Zu: Joshua Hammer (2016). The Bad-Ass Librarians of Timbuktu: and their race to save the world’s most precious manuscripts. New York, London, Toronto, Syndey, New Delhi: Simon & Schuster 2016

 

Der Titel „The Bad-Ass Librarians of Timbuktu“ empfiehlt dieses Buch einer Besprechung hier im Blog. Es ist eher verwunderlich, dass es offenbar im deutsch-sprachigen Bibliothekswesen noch nicht thematisiert wurde. Die englisch-sprachigen Rezensionen, sowohl in Zeitschriften als auch in anderen Portalen (goodreads etc.) sind allerdings durchwachsen. Immer wieder wird in ihnen betont, dass das Buch von der eigentlichen Geschichte aus dem Titel abweicht in die Darstellung politischer und militärischer Vorgänge. Und leider: Sie haben ganz Recht.

 

Die Hauptgeschichte: Manuskripte aus Jahrhunderten, mehrfach gerettet

Die Hauptgeschichte alleine ist erstaunlich und verdient es, mehrfach erzählt zu werden. Kurz: Für Jahrhunderte war Timbuktu (heute in Mali) das Zentrum intellektueller und künstlerischen Produktion. Ein erster Höhepunkt waren das 15. und 16. Jahrhundert. Während dieser Zeiten wurden in Timbuktu zahllose Manuskripte hergestellt, sowohl durch Kopisten als auch direkt als Produkte der lebendigen intellektuellen Arbeit. Dabei wurden in der Stadt und den Reichen, denen sie zugehörte, vor allem liberale religiöse und gesellschaftliche Traditionen gepflegt, wenn auch immer wieder mit gegenteiligen politischen Bewegungen (Dschihadismus, Antisemitismus).

Dschihadistische Bewegungen und die französische Kolonialherrschaft beendeten die Geschichte des intellektueller Zentrums Timbuktu. Die Produktion der Manuskripte wurde praktisch eingestellt, aber sie selber verschwanden nicht einfach, sondern wurden bei Familien verwahrt, teilweise versteckt, teilweise aber auch als Unterrichtsmaterial für informelle Bildungsgänge genutzt, die über Jahrhunderte in Wohnhäusern angeboten wurden. Die Manuskripte blieben oft über Jahrhunderte im Familienbesitz. Und während die rassistische Geschichtsschreibung Europas des 19. Jahrhunderts ganz Afrika als einen geschichtslosen Ort darstellte, welcher erst durch die weitläufige Kolonisation aus einem „wilden Zustand“ in die Menschheitsgeschichte integriert würde, lagen in Timbuktu Beweise für das Gegenteil.

Erst nach der Unabhängigkeit Malis (1960) begann man langsam – im Institut des hautes études et de recherches islamiques Ahmed Baba, gegründet 1973 – diese Manuskripte wieder öffentlich zugänglich zu machen. Eigentlichen Aufschwung nahm dies erst ab 1984, als der eigentliche Held des Buches, Abdel Kader Haidara, begann, für dieses Zentrum zu arbeiten, in ganz Mail nach Manuskripten recherchierte und sie nach Timbuktu brachte. Nach einigen Jahren dieser Arbeit versuchte er für die Sammlung seiner eigenen Familie, die zu beaufsichtigen er von seinem Vater bestimmt wurde, eine eigene Bibliothek zu gründen. Dies gelang erst durch die Intervention von Henry Louis Gates, der in den Manuskripten ein Beispiel für afrikanische Geschichte sah, die bekannt werden müsste. Haidara begründete nicht nur seine eigene Bibliothek, sondern initiierte weitere, öffentlich zugängliche Bibliotheken, die von „grossen Familien“ in Timbuktu eingerichtet wurden, um ihre Sammlungen zu zeigen. 2012, zu seinem (bisherigen) Höhepunkt, umfasste dieses Netzwerk in Timbuktu 45 Bibliotheken mit 377.000 Manuskripten. Bis 2012 sicherten Haidara und andere Millionen Dollar von verschiedenen Stiftungen und Regierungen (mit den denkbaren Problemen, die auftreten, wenn Gelder aus Südafrika, dem Nahen Osten, Europa, den USA, aber auch Gaddafis Libyen fliessen), um die Bibliotheken aufzubauen, Manuskripte zu sammeln und zu beginnen, diese zu sichern, zu restaurieren und zu digitalisieren. Haidara und andere erlernten zum Beispiel extra das Restaurieren und Digitalisieren solcher Manuskripte. Das alleine wäre schon eine erstaunliche Geschichte, ist aber nur der erste Teil.

Der zweite Teil begann mit dem weitgehenden Zusammenbruch Malis, als 2012 Tuareg-Rebellen und islamistische Milizen (al-Qaida im Maghreb, Ansar Dine und Bewegung für Einheit und Dschihad in Westafrika) gemeinsam weite Teile der Landes unter ihre Kontrolle brachten, inklusive Timbuktus. Innerhalb dieser Koalition setzten sich die islamistischen Milizen durch und etablierten für einige Monate ein von ihnen kontrolliertes Gebiet. Erst ein von Frankreich geführter Militäreinsatz beendete diese Situation.

Die Manuskripte waren in dieser Zeit bedroht, da sie zum Beispiel mit ihren Auslegungen des Islam dem Verständnis der Islamisten widersprachen und gleichzeitig als Objekte galten, an deren Erhalt „der Westen“ ein grosses Interesse hätte – sonst wäre nicht so viel Geld geflossen – und die entweder zerstört werden könnten, um den Westen zu erzürnen oder aber als „Geiseln“ genutzt werden könnten. In einer grossen Aktion gelang es dem Netzwerk von Bibliotheken, wieder unter der Federführung von Haidara, die Manuskripte zuerst zu verstecken, anschliessend aus Timbuktu herauszuschmuggeln – dies, obwohl nur Nachts und dann, wegen Ausgangssperre auch nur zwei Stunden lang, gearbeitet wurde; vorbei an islamistischen Strassensperren, an Strassensperren des malischen Militärs und später auch des französischen – und nach Bamako (Malis Hauptstadt, gehalten vom malischen Militär) zu bringen. Und zwar alle, bis auf die, welche im oben genannten Zentrum ausgestellt oder zur Digitalisierung vorbereitet wurden, als der Aufstand begann. Diese wurden von al-Qaida im Maghreb, welche das Zentrum als Hauptquartier genutzt hatte, vor ihrem Rückzug allesamt verbrannt (nicht aber die viel grössere Anzahl Manuskripte, die im Keller lagerten). Dieser Teil der Geschichte ist noch erstaunlicher.

Heute hat das Zentrum und andere Bibliotheken wieder ihre Arbeit aufgenommen, aber es geht offenbar weiterhin um Wiederaufbau und Sicherung der Manuskripte.

 

Kritik: Eine journalistische Erzählung

Das Buch schildert all dies, aber der gewählte Stil ist wenig hilfreich. Der Autor ist Journalist und so liest sich das Buch: als möglichst spannend erzählte Reportage. Abgesehen davon, dass die Geschichte auch so spannend genug wäre, führt das zum Beispiel dazu, dass ständig Leute in direkter Rede zitiert werden, so als wäre der Autor bei Situationen dabei gewesen (bei denen er nicht dabei gewesen sein kann). Es gibt zahlreiche Schilderungen von Landschaft, Gebäuden, Kämpfen, die zur Geschichte selber wenig beitragen, aber Hintergrundrauschen liefern. Allerdings viel zu viel, dafür eigentlich immer zu wenig über die Manuskripte und die Arbeit der Librarians.

Das die Geschichte Kontext braucht, besonders wenn sie schon Buchlänge haben darf, ist verständlich. Aber der gelieferte Kontext ist viel zu umfangreich. Immer wieder verschwinden die Manuskripte und die Bibliotheken selber aus dem Text, kommen ganze Kapitel über nicht vor. Dafür hat der Autor eine irritierende Nähe zum US-amerikanischen und französischen Militär, berichtet deshalb quasi live von den Kämpfen, davon, wie die französische Armee ihre Soldatinnen und Soldaten verpflegt hat, wie sie den Einsatz in Mali geplant hat, wie bestimmte Kämpfe abliefen und so weiter. Wir erfahren, was der Militärbeauftragte der US-Army für das südliche Afrika und die neue US-Botschafterin voneinander dachten, als sie sich das erste Mal traffen. Wir erfahren auch vom Vorgehen der Islamisten, von ihren Taktiken, Gewalttaten, Strafen oder auch von den Absprachen zwischen ihnen und den Tuareg-Rebellen. Von all dem aber erfahren wir von all demviel zu viel, wenn es eigentlich um die Bad-Ass Librarians gehen soll. Teilweise scheint es, als hätte der Autor zwei Bücher schreiben wollen, aber am Ende nur eines produzieren dürfen.

Der Autor hat eine Meistererzählung vom Aufstieg Timbuktus als Beispiel eines liberalen Islam (wobei liberal selbstverständlich ein Anachronismus ist, Europa war damals erst dabei, die Neuzeit zu erfinden, der Liberalismus selber brauchte noch einige Jahrhunderte), Abstieg insbesondere durch den französischen Kolonialismus, dann Wiederaufstieg und die Hoffnung auf ein modernes, offenes Mali ab den 1990ern, dann neuer Zusammenbruch und jetzt Wiederaufbau. Die Manuskripte und Bibliotheken spielen in dieser Erzählung nur eine (allerdings wichtige) Rolle. Und das lenkt immer wieder ab.

Erstaunlich ist auch, dass dieses Buch, in dem es so viel um Manuskripte geht, vollkommen ohne Bild auskommt. Nur auf der hinteren inneren Umschlagseite findet sich das Bild eines Manuskripts. Das Buch macht leider den Eindruck, schnell und billig produziert worden zu sein (einige Rezensionen benennen weitere kleine Fehler, die die Mastererzählung nicht ändern, aber doch ärgerlich sind.) Es gibt, falls dies interessiert, mehrere Aufzeichnungen von Vorträgen des Autors, in denen er solche Bilder zeigt (zum Beispiel hier bei den US National Archives https://www.youtube.com/watch?v=E_DbmVMgfqM, ab Minute 11:42). Dafür ist das Buch aber auch sehr leicht zu lesen, hier merkt man den journalistischen Hintergrund des Autors.

 

Grundsätzlich ist die Geschichte der Bad-Ass Librarians aber spannender als das Buch selber.

Nicht wirklich helfen, aber emphatisch bleiben. Eine leider eingeschränkte Anleitung zum Umgang mit obdachlosen Menschen in Bibliotheken.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 27. März 2018

Karsten Schuldt

Zu: Dowd, Ryan J. (2018). The Librarian’s Guide to Homelessness: An Empathy-Driven Approach to Solving Problems, Preventing Conflict, and Serving Everyone. Chicago: ALA Editions, 2018

 

Leider nicht gut ist das hier kurz zu besprochende Buch. Leider, da es eigentlich eines inhaltlich guten Buches zum Thema bedürfte, eines umfangreichen und konkreten. Dieses ist es nicht, auch wenn es dies im Titel behauptet.

“The Librarian’s Guide to Homelessness” ist stattdessen ein verschriftliches Seminars zum Umgang mit Menschen, die von Obdachlosigkeit betroffen sind, mit dem Ziel, das diese respektvoll, aber doch bestimmt dazu gebracht werden, den Regeln der Bibliothek zu folgen. Der Autor hält nicht nur Seminare, die Bibliothekspersonal (und anderen) dies beibringen sollen, sondern leitet zugleich ein homeless shelter bei Chicago. Insoweit ist er qualifiziert. Aber es geht ihm eben nicht darum, dass gesamte Thema Obdachlosigkeit zu behandeln, sondern wirklich nur darum, wie sich Bibliothekarinnen und Bibliothekare so verhalten können, dass sie Menschen, die obdachlos sind, wertschätzen können, aber doch dazu anleiten, den restlichen Bibliotheksbetrieb ungestört zu lassen.

Dabei geht der Autor klar davon aus, dass alle Menschen Respekt verdienen und das die Situation von obdachlosen Menschen verstanden werden muss – also wie es sich lebt und anfühlt, mit welchen Diskriminierungen und Zurücksetzungen zu leben ist, wie sich dies auf die Perspektiven und die Lebensentwürfe der Menschen auswirkt – um emphatisch handeln zu können. Zugleich zielt er darauf ab, dass das Bibliothekspersonal ohne Befehle zu geben, Strafen zu verhängen oder “hartes Auftreten” auskommen kann. Das ist alles gut und hilfreich. Grundsätzlich gilt für ihn: Wer Menschen, die obdachlos sind, respektvoll behandelt wird auch von ihnen respektvoll behandelt – wie das bei Menschen an sich üblich ist, egal in welcher Situation. Da gibt es nicht so viele Unterschiede.

Der Grossteil des Buches versucht allerdings vor allem einzelne Tricks und Umgangsformen zu lehren: Wie man sprechen kann, wie man Humor einsetzt, das man sich nicht zu ernst nimmt, wie man im Gespräch stehen soll etc. pp. Hilft das weiter? Vielleicht der Bibliothek beziehungsweise dem Bibliothekspersonal, aber weniger den betroffenen Menschen. Sie werden, wenn die Tricks angewendet werden, besser behandelt und können ihr Recht, die Bibliothek zu nutzen, besser umsetzen. So weit, so gut.

 

Gleichzeitig ist das Buch, wie gesagt, offensichtlich aus Seminaren entwachsen. Die gleichen Versuche mit persönlichen Geschichten („my wife says…”), schlechten Witzen und Verweisen auf popkulturelle Produkte („like Batman…”) Menschen in Seminaren interessiert zu halten und zum Mitmachen zu motivieren, finden sich hier auch – nur das sie in einem Buch nicht angebracht scheinen. Es ist halt kein Seminar sondern ein Text, den alle Interessierten im eigenen Tempo durcharbeiten könnten. Zudem gibt es ständig zweifelhafte Verweise auf irgendwelche Studien, die aber nur herangezogen werden, wenn sie die Position des Autors untermauern. Das ist auch nicht überzeugend und für die meisten Aussagen auch vollkommen unnötig.

Nur im letzten Kapitel kommt der Autor überhaupt auf die Frage zu sprechen, wie Bibliotheken Menschen, die von Obdachlosigkeit betroffen sind, helfen könnten (Respektvoll sein; das tun, was Bibliotheken eh tun; bei Suche nach Arbeit und Obdach helfen), aber das auch eher oberflächlich.

Hinzu kommt selbstverständlich, dass sich das Buch auf US-amerikanische Verhältnisse bezieht: So warnt es vor “Punishment”-Strategien, bei denen Personal eingesetzt wird, um Obdachlose gesondert zu überwachen und, im Rahmen der Regeln, möglichst hart anzugehen, was im deutsch-sprachigen Raum nicht verbreitet zu sein scheint. Die meisten popkulturellen Referenzen scheinen auch sehr spezifisch US-amerikanisch zu sein. (Es könnte aber auch am Desinteresse des Rezensenten an Teilen der Popkultur liegen, zumindest waren ihm mehrfach eindeutig als Anspielungen gemeinte Aussagen unverständlich.)

 

Alles in allem: Ein Buch, das im Titel weit mehr und weit Konkretes verspricht, als es einlöst. Im Kern humanistisch und vielleicht für einzelne Bibliotheken interessant. Aber ansonsten wenig brauchbar.

Über Philatelie, Bibliophilatelie und eine Briefmarke aus Kansai.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 1. Oktober 2017

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

„I got rid of my stamp collection the other day.“ So begann der Journalist Eugene L. Meyer unlängst ein Opinion-Piece in der New York Times (Stamped Out. NYTimes.com, Sept. 29,2017). Bemerkenswert daran ist bereits, dass das Thema Philatelie überhaupt noch in die Diskurssphäre einer Tageszeitung gelangt. Andererseits stellte ebenfalls die New York Times unlängst in ihrer Rubrik „Stamp Notes“, die sie offenbar im Schnitt einmal pro Jahrzehnt bestückt, eine wunderbar zeitgemäße Neuausgabe vor, die sogar in den erweiterten Horizont der Bibliophilatelie passt, da sie ein Kinderbuch würdigt: The Snowy Day von Ezra Jack Keats (siehe Maria Russo: ‘The Snowy Day’ Captured in New Stamp Series. NYTimes.com, Sept. 22, 2017). Maria Russos kleine Kolumne über Peter im Schnee adressiert natürlich auch und zwar nicht ohne Melancholie einen Erinnerungsraum – The Snowy Day erschien 1962. Zugleich zeigt sie jedoch, wie wichtig und sinnvoll Erinnerungskulturen sind und welche eigenwillige und positive Rolle Postwertzeichen dabei spielen können:

„More than half a century later, that world hasn’t arrived — not even in children’s books, where brown children are still far underrepresented, relative to their percentage of the population. Peter is still, in a sense, a figure out of a dream. But those stamps will remind us that the dream still stands strong.“

Eugene L. Meyers Text ist dagegen eine eher typische Abhandlung, die man in ähnlicher Form leider schon Dutzende Male lesen konnte und zwar auch ziemlich identisch zum behaupteten Niedergang der Kultur des gedruckten Buches. Das Sammeln von Briefmarken ist, so das Bild, eine vergehende Leidenschaft, ähnlich vielleicht wie Modelleisenbahnen, der eine davonalterende Generation noch ein wenig nachhängt. Aber an sich ist es schon so gut wie ausgestorben, weshalb seine eigene Sammlung nun nichts mehr wert ist, wie ihm Händler versichern. Die Briefmarkensammlung ist aus dieser Warte eine unglückliche Fehlinvestition, die man längst hätte abstoßen sollen. „[T]here was a time when people cared about stamps“ hebt der Schwanengesang an und führt zum Briefmarkenkundler Franklin D. Roosevelt zurück und zu einer Zeit, in der es an jeder Schule eine Arbeitgemeinschaft der jungen Philatelisten gab. Heute wird „Junge Philatelie“, wie Meyer von der Fachhändlerin Judy Johnson erfährt, in einer anderen Altersspanne verortet: „“Trying to bring in the younger 30-to-50-year-old crowd is really difficult,” she said.“ Ähnlich dem Antiquariatsmarkt scheint auch der Briefmarkenhandel ein sterbendes Gewerbe zu sein. Der Blick daheim auf drei Regalmeter geerbte Alben, deren Wert sich auf ein persönliche Zuschreibung eingedampft ist, bestätigt dies.

Stamped Out offenbart aber zugleich, wo das Problem liegt und zwar in der selben Form, die einem auch auf Sammlerbörsen unmittelbar ins Auge springt: Die Welt der Philatelie schafft es kaum, das Medium der Briefmarke und die Aktivität eines vertiefenden Umgangs mit ihr neu zu interpretieren. Die Frage, was Philatelie im 21. Jahrhundert sein kann, wird von der Empirie in der Regel beantwortet als: Ein Echo des 20. Jahrhunderts mit den Protagonisten, die damals schon dabei waren.

Abgesehen von einer schmalen Hochpreiselite ist das Sammeln von Briefmarken in der Tat eine sehr unwirtschaftliche Betätigung. Andererseits sind die Einstiegskosten so gering, dass es auch nicht viel kostet, Für den Preis eine semi-professionellen digitalen Kamera oder auch eines aktuellen iPhones kann man sich mit philatelistischen Material für eine Dekade ausstatten. Bleibt die Frage, was man damit will.

Möglicherweise kann man mit der Bibliothekswissenschaft kann eine Antwort finden. Briefmarken sind hochdichte Informationsträger und Zeugnisse. Genauso wie andere Publikationen lassen sie sich sie sammeln, erschließen und verfügbar machen. Die Ebene des Sammelns ist die traditionell ausgeprägteste. Mit Album, Vordruckblättern und Michel-Katalog saßen jahrzehntelang die Sammler und in geringerem Maße Sammlerinnen an Sonntagnachmittagen in ihrer Wochenendstille und versuchten alle Marken, die in einem bestimmten Land oder zu einem bestimmten Motiv erschienen sind, zusammenzutragen, einzusortieren und somit für sich zu bewahren. Es ging um Vollständigkeit und eine der schönsten Seiten diese Tätigkeit war mutmaßlich ihre inhaltliche Leere, die so regenerativ wirkte wie anderen ein stundenlanges Warten an einem Waldsee auf einen anbeißenden Fisch.

Die zweite Dimension, also die Erschließung, verweist auf eine inhaltliche Auseinandersetzung mit einzelnen Objekten und zwar über die bloße Registratur nach Katalognummer hinaus. Man achtete darauf, wer eine Marke entworfen hat, welche Ereignisse sich mit einer Ausgabe verbanden und betrat damit einen deutenden Raum, wenngleich nicht zwingend einen interpretativen und kommunikativen. Die Briefmarke wurde immerhin zum Zeichen, dass auf etwas außerhalb ihrer bloßen Objekthaftigkeit verweist und dass sich zu lesen lohnt. Sie spiegelte Welt und erwies sich als Zugangsmedium zu dieser, das umso mehr an Aussagekraft gewinnt, je mehr man sich der Bedingungen ihrer Produktion und Zweckzuschreibung befasst.

Diese Funktion erfüllt sie nach wie vor, auch wenn die traditionelle Form der Ausstellung von Briefmarken in entsprechend komponierten Schautafeln auf Briefmarkenausstellungen, also in etwa einer Darstellungsform die man in der Wissenschaft von konferenzbegleitenden Postersessions kennt, ihre Anziehungskraft weitgehend verlor. Diese Tafelkunde markiert einen Übergang zur dritten Interaktionsform mit dem Medium Briefmarken: dem Verfügbarmachen, das heute leichter mit digitalen Mitteln bewerkstelligt werden kann. Das Briefmarkensammeln als solitäres Hobby mag seine kontemplativen Reize haben, die allerdings, wie Stamped Out treffend herausstellt, nur noch in der Nische Lieberhaberinnen und Lieberhaber findet. Es wird aber wie alle Kulturartefakte nur überleben können, wenn eine Aktualisierung gelingt. Dafür braucht es Sichtbarkeit und Kommunikation.

Eine andere und aus meiner Sicht fruchtbarere Herangehensweise wäre folglich, Formen von Diskursen, vielleicht eine Art Social Reading von Briefmarken zu entwickeln, in denen diese mit ihrer Spezifität sowohl medial wie auch inhaltlich einer Rolle spielen können. Naheliegend sind hier design-theoretische und kulturwissenschaftliche Annäherungen. Twitter-Timelines wie Kitteclub zeigen, wie erfrischend, gegenwärtig und anziehend Briefmarken potentiell dargestellt werden können. Ein Diskurs ist das eher noch nicht. Aber Sichtbarkeit wird erreicht. Und er Aspekt der Freude an der Beschäftigung wird sehr unterstrichen.

Ein Problem der, wenn man so will, Diskursivierung der Philatelie könnte in der Abgeschlossenheit der bisherigen Kommunikationen zum Gegenstand liegen. Die Kanäle sind entweder die verkehrten oder sehr exklusiv. Sehr aussagekräftig ist zum Beispiel, dass viele der wenigen Aufsätze zur Philatelie, die sich im Web of Knowledge finden lassen, mit der Darstellung beispielsweise großer Mediziner auf Briefmarken befassen und irgendwo unter Vermischtes in den Zeitschriften der entsprechenden Wissenschaftsgebiete erschienen sind. Die Zitationshäufigkeiten für solche Nebenaufsätze liegen erwartungsgemäß oft bei Null.

Einschlägige philatelistische Fachpublikationen sind entsprechend oft zwar sorgfältig und quasi-wissenschaftlich aufgearbeitet – zumindest im monografischen Bereich – werden aber kaum aus dieser Warte gesehen. Zudem ist die Philatelie meist bestenfalls eine Feierabendwissenschaft, weshalb sie zwar als Disziplin gedacht aber nicht praktiziert werden kann. Es fehlt jegliche akademische Rahmung. Die wenigen philatelistischen Spezialbibliotheken kämpfen regelmäßig um ihren Erhalt.

Die Publikumszeitschriften dagegen versammeln recht breite, im besten Fall populärwissenschaftlich aufbereitete Artikel und Berichte, die sich als Nebenbeilektüre für die Sammler_innengemeinschaft eignen, meist jedoch so gut wie keinen Appeal für Außenstehende besitzen. Diese eigenartige Exklusivität, die man auch sehr auf den Briefmarkenmessen atmen kann, ist aus meiner Sicht einer der großen Gründe, warum die philatelistische Welt so sonderbar überholt wirkt, massenmedial oft in einer Linie mit dem Klischee der Bibliotheken mit ihren Attributen staubig und funktional obsolet.

Wie bei Bibliotheken stellt sich auch für die Philatelie die Herausforderung, sichtbar zu vermitteln, dass das historisch gewachsene und sich verhärtete Abziehbild eines bestimmten Typus nicht zwingend der Realität entsprechen muss. Gerade der Schwung, der mit der Visualisierung von Kommunikation und zum Beispiel der Erblühen der Bildtheorie, spürbar ist, lässt sich sehr gut auf das Medium der Briefmarken anwenden. Alles was man tun muss, ist Briefmarken als Text bzw. als semiotische Objekte zu begreifen.

Ihre Narrativität ist naturgemäß sehr begrenzt. Sie sind Funktionstexte, bei denen ein Aussagegehalt in einer formal hochbegrenzten im Detail aber erstaunlich variablen Form eigentlich sehr erstaunlich an eine andere Objektfunktion – der Freimachung einer Postsendung – gebunden werden. Sie sind Träger sowohl von Metadaten (einerseits des Funktionswerts als Postwertzeichen, andererseits einer geographischen und unmittelbar bzw. mittelbar zeitlichen Einordnung) sowie einer inhaltlichen Bedeutungsebene, nämlich dem Motiv. Hinter diesem steht meist ein Ausgabeanlass, mindestens jedoch die Feststellung, dass die zuständigen Stellen dieses konkrete Thema zu einem bestimmten Zeitpunkt für einen repräsentierenden Kommunikationsakt ausgewählt haben. Der Kern dieses Aktes ist auf der elementarsten Ebene: Das konkret Gezeigte ist adäquat und typisch genug, um als Repräsentation einer bestimmten Vorstellung in die Welt geschickt zu werden. Selbstverständlich spielen auch Aspekte der Verkaufbarkeit eine Rolle, was zu einem Mangel an negativ besetzten Motiven führt. Und wenn, dann mitunter nicht sehr klug. Für die in dieser Hinsicht sehr interessante Ausgabe zur Topographie des Terrors wurde zum Beispiel unglücklicherweise der Postkartenwert von 45 Cent gewählt, was sie für den Hausgebrauch (=Urlaubspost) im Jahr 2017 fast disqualifiziert. Ein Bestseller wurde die Marke naturgemäß nicht.

Die enge Bindung des Motivs an ein konkretes Land – bzw. im Bereich der modernen Privatpost oft an eine bestimmte Region – rückt das Phänomen der Briefmarkengestaltung also in den Kontext einer, wenn auch sehr niedrigschwelligen, Geschichts- und Identitätspolitik. Wenn sich so etwas wie Leitkultur an einer Stelle abbildet, dann hier. So widmen sich die aktuellen Briefmarkenausgaben der Deutschen Post zwei idyllischen Landschaftsdarstellungen (Badische Weinstraße und Markgräflerland), einem sehr einschneiden Ereignis aus der deutschen Fernsehgeschichte (Das Millionenspiel), der Tradition der deutschen Antikenforschung (300. Geburtstag Johann Joachim Winckelmann) sowie einer Würdigung der gesellschaftlichen Wirkung der katholischen Kirche (50 Jahre Justitia et Pax). An alle diese Ausgaben kann man die Fragen stellen, wofür genau die Motive stehen, warum sie 2017 als relevant erachtet werden und wie sie grafisch umgesetzt sind. Sie spiegeln, wenn auch in einem Zerrspiegel, die Gegenwart mit ihren Werten und ästhetischen Vorlieben. Richtet man die Fragen an ältere Ausgaben, erzählen diese folglich viel über eine Vergangenheit. Je mehr Hintergrundwissen man erwirbt, je besser man sie zu lesen lernt, desto komplexer werden diese Geschichten.

Briefmarke Japan General Library, Kansai University.

Briefmarke Japan General Library, Kansai University.

Selbstverständlich kann man in der gleichen Weise eine Briefmarke befragen, die unlängst in meine Sammlung zur Bibliophilatelie fand. Leider – Stichwort Hintergrundwissen – erweist sich ihre Geschichte, die allein auf der Dechiffrierung des vorliegenden Objekts beruht, als eher flach.

Die aus Japan stammende Ausgabe zeigt die Hauptbibliothek der Universität von Kansai (関西大学総合図書館) und zwar getreu lokaler ästhetischer Präferenzen zur Zeit der Baumblüte. Das Idealbild wird durch den makellos blauen Himmel verstärkt. Ein kleine Gruppe Menschen ist mit etwas Abstand zum Eingang konzentriert als wartete sie auf eine Führung durch die Bibliothek oder über das Gelände. Die Szenerie ist idyllisch, keinesfalls dramatisch und harmoniert recht gut mit der sachlichen Architektur des Hauses. Das spektakulär auskragende Vordach über dem Haupteingang der Bibliothek erkennt man aus dieser Perspektive und Auflösung nicht und erahnt es nur, wenn man von seiner Existenz weiß.

Die Gestaltung der Marke und vor allem die Druckqualität lassen zugleich sofort erkennen, dass es sich bei dem Exemplar nicht um eine offizielle Ausgabe der japanischen Post sondern um eine selbst gestaltete Marke handelt, wie sie auch die Deutsche Post mit ihrem Dienst der „Briefmarke Individuell“ ermöglicht. Traditionelle Sammler verabscheuen solche Angebote meist zutiefst, da sie der auch von Eugene L. Meyer beklagten Briefmarkenflut („It is all just too much, even for the die-hards.“) noch einen völlig unüberschaubaren Ozean an individualisierten Postwertzeichen hinzufügt. Dieser als zusätzliche Einnahmequelle der Postdienstleister in vielen Ländern eingeführte Dienst sorgt jedoch für eine interessante und bisweilen sehr unterschätzte Wendung der philatelistischen Kultur, da er die Briefmarkengestaltung im Prinzip demokratisiert. Diese Marken verhalten sich zu den offiziellen Ausgaben in etwa wie Zines zu Verlagspublikationen. Und wie die Zines bleiben sie außerhalb jeder systematisierten Verzeichnis- und Archivierungskultur. Was das Phänomen eher noch spannender werden lässt.

Jeder kann nun, womöglich auch aber erfahrungsgemäß nicht zwingend motiviert durch ein Mimikry der traditionellen Exzeptionalisierung des Gezeigten durch das Zeigen, ein Motiv seiner Wahl zu einem zugelassen Postwertzeichen werden lassen. Aufgegriffen wird dies u.a. auch in der politischen Kunst. Im vorliegenden Fall der Kansai-Ausgabe wählte man den 1985 eröffnete Neubau der Universitätsbibliothek als Motiv. Verwendung fand vermutlich eine in ähnlicher Form bereits publizierte Fotografie, also denkbar eine offizielle Aufnahme aus dem Archiv der Hochschule. Daher ist davon auszugehen, dass die Einrichtung auch Auftraggeberin dieser Ausgabe war. Über den Ausgabeanlass und Verwendungszusammenhang der Marke ist leider nichts bekannt. Bemerkenswert ist jedoch, dass mit diesem Neubau auch in gewisser Weise die Hinwendung zur Digitalisierung an der Bibliothek eingeleitet wurde, ein Trend, der Phänomene wie individualisierte Briefmarken überhaupt erst technisch realisierbar macht. So schließt sich zumindest über Umwege ein Kreis. Zugleich ergänzt diese individualisierte Bibliotheksbriefmarke eine etwas vernachlässigte Nische in meiner Sammlung zur Bibliophilatelie.

Berlin, 01.10.2017

(Ich danke Takao Kobayashi für Informationen zur Kansai-Ausgabe.)

Pour une historie alternative de l’autoroute de l’information. Ein System, das vor dem Internet wie das Internet war, aber anders und französisch. (Ce n’est pas rien.)

Posted in LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 19. September 2017

Zu: Julien Mailland ; Kevin Driscoll (2017). Minitel: Welcome to the Internet (Platform Studies). Cambridge ; London: The MIT Press, 2017

Karsten Schuldt

 

Minitel (Médium interactif par numérisation d’information téléphonique) war ein in den 1980ern und 1990ern in Frankreich etablierter interaktiver Dienst, vergleichbar (aber weit massiver verbreitet) mit dem BTX in Deutschland. Auf der Basis von Videotext-Standards, Millionen kostenfrei abgegebener Terminals und einer Struktur, die Interaktionen – vor allem die Auswahl von Optionen und Chats, aber auch Spiele oder Zugriff auf Datenbanken – ermöglichte, versuchte der französische Staat einen eigene Computerindustrie zu fördern, die eine führende Rolle in der Welt einnehmen sollte (was nicht geklappt hat) und machte Frankreich in einer Zeit vor dem Internet zum “vernetztesten” Land der Welt. Und zwar nicht nur in Hochschulen und Industrie, sondern auch im privaten Bereich.

Minitel als Gegenbeispiel zum Internet

Es gibt offenbar eine Tendenz in der Geschichtsschreibung zum Internet, Minitel als gescheitertes Experiment abzutun, welches gerade darunter gelitten hätte, dass es massiv staatlich reguliert war. Minitel wird – so zumindest die Aussage der Autoren des zu besprechenden Buches – vor allem als Beispiel dafür angeführt, dass staatliche Intervention Innovationen unmöglich machen würden und dieses dem (vorgeblichen) Vorgehen in den USA, auf Innovationen von Seiten der Wirtschaft zu setzen, welches viel erfolgreicher wäre, gegenübergestellt.

Mailland und Driscoll – die zusammen auch das Minitel Research Lab an der Indiana University in Bloomington betreiben – unternehmen in ihrem Buch zwei Dinge: Einerseits erzählen sie die Geschichte von Mintel (das in den späten 1970ern geplant, bis 1984 auch in die letzten Ecken Frankreichs ausgerollt war und erst 2012 abgeschaltet wurde), andererseits widersprechen sie den offenbar gängigen Erzählungen über das Entstehen und Funktionieren des Internets. Abgesehen davon, dass auch das Milieu des Silicon valley erst durch staatliche (und militärische) Förderung entstehen konnte, sei das Projekt Minitel gerade doch erfolgreich gewesen, da es zwar die Infrastruktur staatlich organisierte, aber die Nutzung in private Hände gab und das Entstehen von kommerziellen Angeboten explizit beförderte (zum Beispiel mit der Publikation von Forschung zur Mensch-Maschine-Interaktion oder Usability). Der zweite Punkt wird immer wieder sehr auf die US-amerikanischen Diskussionen bezogen, was als Schwäche des Buches zu benennen ist. Dennoch sind die Anmerkungen der Autoren zu alternativen Geschichten und Interpretationen immer wieder auch anregend.

Plug n Play

Die Geschichte von Minitel wird in diesem Buch mehrfach erzählt. Als technische Plattform geht es um Standards, Entscheidungen über Hardware etc. Minitel kam in die französischen Haushalte als (kostenfrei geliefertes) Gerät, welches man Plug-n-Play zwischen Telefon und Telefonbuchse schaltete und dann praktisch sofort nutzen konnte. Diese Geräte waren wenig mehr als Terminals (mit monochromen Bildschirmen und Tastatur), die Infrastruktur im Hintergrund – von der französischen Post betrieben – war umfangreicher. Die Post kontrollierte die Technik und auch den Zugang für Anbieter von Diensten im Minitel-Netz (dem Télétel), gleichzeitig bot sie eine einfache Form der Abrechnung: Bezahlte wurde pro Minute, die jemand das Netz nutzte, wobei es unterschiedliche Tarife für unterschiedliche Dienste gab. Die Kosten standen auf den Telefonrechnungen, die Post leitete den Grossteil des Geldes an die Anbieter weiter und behielt einen Teil. Damit gab es schon von Beginn an eine verlässliche Bezahlstruktur; etwas, so Mailand und Driscoll, dass im Internet immer noch Kopfzerbrechen bereitet.

Un réseau électronique et français

Gleichzeitig wird Minitel als Geschäftsfeld beschrieben. Abgesehen von den Hoffnung der französischen Regierung, eine Computerindustrie zu schaffen, gab es auch die Hoffnung, dass Minitel einen einfachen Zugang zu einen neuen Markt bieten würde. Und dies, so wieder die Autoren, gelang Minitel sehr gut. In seiner Höchstzeit seien mehrere 10.000 Dienste aktiv gewesen, die sich über einen guten Zeitraum finanziell trugen. Gleichzeitig war in diesen Markt die Struktur der französischen Kultur eingeschrieben: Zentralisierung, Copinage, Kontrolle bei staatlichen Einrichtungen (z.B. für einen Zeit die Notwendigkeit, eine Bestätigung des inspecteur général eines Departements zu erhalten, dass ein neu zu gründender Dienst zugelassen sei, um die Server dieses Dienstes an das Télétel anschliessen zu können), Aktivitäten an den Rändern. Dies stellen Mailand und Driscoll dar, vertreten aber auch die Meinung, dass dies nicht per se schlechter wäre, als im heutigen Internet. Sie argumentieren, dass Minitel als Plattform in diesem Zusammenhang eher mit Facebook, Apple oder Youtube zu vergleichen sei. Hier gäbe es zum Beispiel auch Entscheidungen darüber, welche Inhalte gezeigt oder gelöscht werden. Aber anders als bei Minitel, wo diese Entscheidungen von staatlichen Akteuren getroffen wurden, die wiederum unter Beobachtung der Öffentlichkeit stehen und zur Not vor Gericht belangt werden können, sei dies bei heutigen Plattformen, die als Firmen organisiert sind, nicht möglich. Die Autoren insistieren darauf, dass es offenbar unterschiedliche Formen von „Freiheit“ (im Sinne von Freier Rede) und „Zensur“ gibt, die in ihrer Komplexität wahrgenommen werden müssen. Sie sagen es nicht offen, aber es ist offensichtlich, dass sie öffentliche belangbare Institutionen als Gatekeeper bevorzugen.

Obwohl auch die Presse (nach anfänglichen Kampagnen gegen den Minitel) oder Banken (auch wegen der relativ sicheren Zahlungsweisen, die der Minitel zuliess) und viele weitere Firmen Services über Minitel anboten, waren es – wohl wenig überraschend – gerade erotische Dienste, vor allem Chats (messageries rose), die kommerziell erfolgreich waren. Die Autoren gehen in einem ganzen Kapitel auf diese Dienste ein, die über ihre massive Plakatwerbung auch dazu beigetragen hätten, dass sich die Minitel in der französischen Öffentlichkeit etabliert hätte (in einem anderen Kapitel beschreiben sie zum Beispiel Popsongs, Bücher und Filme, die den Minitel als Teil des französischen Alltags in den späten 80ern und frühen 90ern darstellen). Allerdings verwenden sie auch einen Grossteil dieses Kapitels darauf, die Unterschiede zwischen der französischen Gesellschaft (in der Erotik, wenn auch vor allem heteronormative, normaler Bestandteil sei, der – trotz einiger konservativer Stimmen – keine moral panics hervorrufen würde) und der US-amerikanischen Gesellschaft (wo Erotik zwar vom Prinzip der Meinungsfreiheit geschützt, aber viel mehr verpönt sei und halt Gegenstand von moral panics wäre) zu diskutieren. Für die Leserinnen und Leser ausserhalb der USA (vor allem im deutschsprachigen Raum, der sich zwar etwas, aber nicht so sehr von Frankreich unterscheidet) sind diese Abschnitte wenig interessant. Hier merkt man den Fokus des Buches sehr.

Die gleichen Dienste, vorher, französisch, alternativ

Der Minitel war offenbar tatsächlich für 10-15 Jahre so in das französische Leben integriert (und hatte auch noch 2012, als das Netz abgeschaltet wurde, rege Nutzerinnen und Nutzer), dass er einen Einfluss hatte, dem wir heute dem Internet zuschreiben würden. Auch hierzu existiert ein Kapitel, welches anhand von Beispielen aufzeigt, welche vorgeblich für das Internet erfundenen Dienste schon ein Vorbild im Minitel-Netz hatten.

Das Buch ist erfreulich lebendig und kurzweilig geschrieben, dafür, dass es ein ganz technisches Buch hätte werden können.1 Es lebt vom Enthusiasmus der Autoren für ihr Thema und für ihre These, dass eine ganze Reihe der Annahmen darüber, was für das Entstehen von digitalen Diensten gut und richtig wäre, nicht so eindeutig sind, wie sie scheinen, wenn sie nur mit dem Beispiel Internet / Silicon Valley begründet werden. Sie argumentieren nicht unbedingt dafür, den französischen Zentralismus überall einzuführen, aber ihre Sympathien liegen schon bei Ansätzen, die auch Alternativen zur jetzigen Governance des Internet andenken. Zugleich erzählen sie die Geschichte eines doch, im Rahmen, erstaunlich erfolgreichen technischen Systems, dass immerhin für über 30 Jahre – eine Unzeit in Internetjahren – gut funktionierte.2

 

Fussnoten

1 Auch das in der gleichen Reihe Platform Studies erschienene The Future Was Here: The Commodore Amiga von Jimmy Maher (2012) schaffte dies für die Geschichte des Amiga. Wenn das auch für andere Titel der Reihe gilt, ist das nur als Qualität hervorzuheben.

Es gab übrigens sogar Pläne, mit dem Minitel die Grundlage für ein französisch-deutsches Netz neben dem amerikanischen Internet aufzubauen. Deshalb konnte der Minitel nämlich nicht nur é, è, á, à, â oder ç, sondern auch ä, ö, ü, ß ohne Umwege darstellen. Aber die Deutsch Post setzte auf BTX, Österreich auf MUPID. Das hat offenbar nicht sein sollen, aber es zeigt, was eine Alternative gewesen wäre.

LIBREAS.Sommertext: Eine Postkarte aus Päwesin.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 30. Juli 2017

von Ben Kaden (@bkaden)

Der späte Juli ist Urlaubshochzeit, was man im ewigen Tourismus-Festival von Berlin-Mitte gar nicht so spürt, andernorts aber schon, zum Beispiel in Regionalexpresszügen Richtung Ostsee, die sehr bunte Mischungen an Menschen auf engem Raum konzentrieren. Man spürt sie aber auch an Orten wie der Bäckerei Backwahn, die leider wirklich so heißt und im an einem Sträng oder Streng genannten Kanal zwischen Beetzsee und Riewendsee gelegenen Päwesin die Kreuzung zwischen Brandenburger Straße und Dorfstraße bewacht. Zu befürchten ist freilich nicht, dass der launige Hang zum mehr oder weniger originellen Wortspiel, wie er für Frisörgeschäfte üblich wurde, nun auch das Bäckereihandwerk erreicht und man sich auf Bezeichnungen wie Back-Kuss, Laib-Back oder Back in the Days einstellen muss. Der Frisör in Päwesin heißt ja auch ganz traditionell Hairstyle & Wellness. Ihn unterscheidet von anderen Einrichtungen seiner Art neben seinem funktionalen Namen lediglich, dass hinter ihm die buddhistische Klosterschule Ganden Tashi Choeling steht. Und diese betreibt eben auch das kleine Bäckereicafé Backwahn und stellt sich damit nebenbei irgendwie auch aktiv der Schrumpfung der kleinen Gemeinde entgegen. Das milde Wortspiel des Brot- und Kuchenhandels ist zugleich deshalb halbwegs authentisch, weil die Quantität des Angebotenen die Erwartungen an eine kleine Landbäckerei tatsächlich ohne Probleme sprengt. Beeindruckend.

Von Bhagvan-hafter Erhabenheit gibt es dagegen an diesem Montag im Juli eher keine Spur, auch wenn die Nonnen bzw. in diesem Fall wohl Bhikkhuni hinter der üppigen Auslage den Schwäbischen Käsekuchen zumindest mit ernsthaft-konzentrierten Gesichtern und viel Sorgfalt, fast bedächtig einwickeln, während sich Menschen zu einer Schlange formieren, die durchaus an den Bockwurstverkauf diverser Campingplatzurlaube in der DDR gemahnt. Man sieht viel gebräuntes Bein, das in abgelaufenen Sandalen endet, ein paar sonnengerötete Nasen, weitgeschnittene Kleider und Kurzarmhemden sowie den Brauch, Brieftasche und Porte­mon­naie bereits in der Hand zu halten, wenn man sich einreiht, auch wenn die eigentliche Transaktion noch 10 bis 15 Minuten entfernt ist. Beliebt ist der Laden also, was nicht verwundert. Das liegt nicht nur an den Backwaren des Backwahn, die auch in ihrer Qualität erwartungsgemäß jenseits von allem liegen, was jemals auf Campingplätzen von Kagel oder Baabe zu bekommen war. Sondern auch daran, dass es der einzige Laden weit und breit ist und obendrein eine Sehenswürdigkeit, denn wo wird einem schon mal der Kaffee von Schülerinnen einer Klosterschule aufgebrüht.

Und so kommt man nur zu gern aus der Sommerfrische von Bollmannsruh oder dem Landgut in Groß Behnitz oder gar per Minibus aus Brandenburg an der Havel rüber nach Päwesin und hofft auf einen der wenigen Sitzplätze auf der überdachten Terrasse. Heute leider vergeblich, aber nebenan, fast am Fuße der sehr hübschen kleinen Kirche des Ortes gibt es an der Wendeschleife für den Havelbus die Möglichkeit, entweder im Gras oder auf der Bank der Haltestelle zu sitzen, was gemütlicher ist, als es zunächst klingt, glücklicherweise, denn der nächste Bus fährt erst in einer Stunde.

Tauschbibliothek in Päwesin

In schönem Juli-Himmelblau: Der Montag der offenen Tür in der Tauschbibliothek von Päwesin.

Für Kaffee und Kuchen to go braucht man natürlich nicht ganz so lange und da kommt mehr als gelegen, dass fast direkt an der Haltestelle, also in denkbar bester Position etwas gibt, was man auch aus dem Prenzlauer Berg kennt, das hier jedoch weitaus größer skaliert in den Nachmittag leuchtet: Eine öffentliche Tauschbibliothek, untergebracht in einem Bauwagen. Wenn man nichts zum tauschen dabei hat, kann man sie immerhin als Präsenzbibliothek nutzen und sie ist gar nicht mal schlecht sortiert. Jedenfalls wenn man bereit ist, über seinen Schatten in den des Wagens zu springen und sich auf etwas ältere Ausgaben einzulassen. Das Sortiment ist eine Kombination aus Literatur der DDR der 1980er und Literatur des wiedervereinigten Deutschlands der 1990er Jahre, wobei die 1980er erstaunlicherweise wenigstens gefühlt doch mehr Substanz mitbringen. Zur Urlaubszeit in Ostdeutschland passt es ohnehin besser, wenn das erste aus dem Regal gezupfte Buch ansetzt mit:

„Und weil er so müde ist, daß die Beine ihn nicht mehr tragen wollen, findet er sich an dieser schaumigen Ecke des Spielzeugmeeres, Ostsee geheißen, wieder…“

Der Beetzsee ist freilich keine Ostsee sondern ein ernsthaft schöner See, ein Libellenparadies sowieso, ein paar schöne Falter mischen sich auch noch hinein, die Luft schmeckt nach Sommer in der nahen Ferne, die Sonne heizt gut durch und die Schwalben schwingen über die stillen Feldwege, die gleich hinter dem Ort beginnen, als wäre es ein DEFA-Kinderfilm und sofort biegt die Katze Erinnerung um die Ecke und mit ihr eine Reise nach Sundevit und Sieben Sommersprossen. Den Feldweg bzw. in diesem Fall die grob gepflasterte Fischerstraße kommt allerdings keine Ferienlagerwandergruppe herunter sondern ein Trio auch aus der Ferne eindeutig als solche erkennbare Berliner Backpacker, vielleicht Anfang 20, wie man sie früher in Friedrichshain verortet hätte und heute vielleicht an den noch unpolierten Ecken von Weißensee, wobei man hier im ländlichen Straßensand besser versteht, warum sie so begeistert barfuß laufen. Vielleicht irrt man sich aber auch hinsichtlich der Verortung, allerdings schwitzen sie auch aus der Nähe betrachtet Großstadt aus jeder Pore und fahren später mit dem Bus in Richtung Anschlussbahnhof zur Hauptstadt. Zudem ist so ein Bruch des Stimmungsbildes ist auch wichtig, denn so gern man DEFA-Kinderfilmsommer als Nostalgieelement in derartige Atmosphären einstreut, so wenig möchte man sie nochmal erleben. Auch das Tauschbibliotheksbuch – Omar Saasvedra Santis‘ Erfolgbuch Blonder Tango – bricht passenderweise gleich mit der Erwartung, denn nach der Nennung der Ostsee schwimmt die Jahreszeit aus dem Juli davon und „Rogelio Astudillo steckt seine Zunge heraus, um auf ihr die Eisnadeln aufzuspießen, die vom Wasser herüberspringen.“ Und auch das: Ein Eis gibt es in Päwesin jedoch nur am Wochenende. Montags ist die Bauernstube, einziger erkennbarer Speiseeisverkauf des Ortes, im Gegensatz zur Tauschbibliothek, geschlossen.

(Berlin, 30.07.2017)

Eine Ansichtskarte aus Woodstock, NY.

Posted in LIBREAS.Feuilleton, Sonstiges by Ben on 16. Juli 2017

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

Die Kleinstadt Woodstock, NY muss seit nun mehr fast 48 Jahren damit auseinander setzen, dass sie primär mit einem epochemachenden Musikereignis synonym gesetzt wird, das gar nicht in ihrem Stadtgebiet statt fand. In diesem Schatten schwebt zugleich ein anderes Fest, dass sich in wenigen Tagen zum 86sten Mal jährt: Die Woodstock Library Fair, deren Zweck es traditionell nicht zuletzt ist, Fundraising für die Woodstock Public Library zu betreiben und dieses Jahr das Motto „Woodstock – Citizens of the World“ trägt. Der Rahmen konnte und könnte für so eine Veranstaltung nicht besser sein. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts, besser gesagt, seit der aus Yorkshire stammende Textitelerbe Ralph Radcliffe Whitehead mit seiner Jane Byrd McCall die Künstlerkolonie Byrdcliffe begründeten, entwickelte sich die kleine Gemeinde zum Schnittpunkt äußerst weltläufigen Kunst- und Kulturschaffens, auch wenn Byrdcliffe selbst nur etwa 30 Jahre blühte. Als Echoraum (und touristische Attraktion) wirkt die Kolonie aber bis heute. Und in diesem hört man jedes Jahr im fortgeschrittenen Juli die Rummelplatzmusik des Bibliotheksstadtfestes an der Library Lane.

Wie es dort Mitte des 20. Jahrhunderts zuging, zeigt eine Ansichtskarte, die es gerade noch rechtzeitig vor dem 22. Juli in unsere Sammlung von Bibliotheksansichtskarten schaffte. Der Blick in diese offenbart zugleich, dass die Sammlungsnische des Bibliotheksfests aktuell exklusiv von diesem einem Exemplar besetzt wird. Grund genug, zukünftig aktiver Ausschau nach derartigen Zeitdokumenten zu halten.

Ansichtskarte Woodstock Library Fair

Ansichtskarte Woodstock Library Fair

Die Ansichtskarte wurde bei Dexter, West Nyack, NY gedruckt. Der Verlag war Bob Wyer Photocards, Delhi, NY, der nicht zuletzt für seine Ansichtskarten zu Bildungseinrichtungen bei Sammlerinnen und Sammlern bekannt und beliebt ist. Die Geschichte des Fotografen – auch der gezeigten Szenerie – Robert Selden Wyer ist dabei selbst sehr spannend. Ursprünglich Journalist u.a. für den Oneonta Daily Star wurde er von der Zeitung 1936 in gewisser Weise als Pilot für den Test erster Schritte in Richtung Fotojournalismus beauftragt. Dadurch lernte er fotografieren und wechselte in den 1940ern ganz auf dieses Feld, bald auch mit eigenem Studio. In den 1940ern Jahren erkannte sein Frau Wilhelmina, dass es lohnend sein könnte, ins Ansichtskartengeschäft einzusteigen. Was es dann auch war. Die Delaware County Historical Association berichtet, dass Bob Wyer Photocards um die 20% des Marktes für College Postcards abdeckte. Und überliefert weiterhin, dass Bob Wyer selbst schätzte, dass um die 56 Millionen seiner Ansichtskarten verschickt wurden. Im Vergleich zu den wirklich großen Herstellern bleibt das freilich überschaubar und deshalb sind sie auf dem Sammlermarkt auch nicht gerade in penetranter Häufigkeit zu finden. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass Ansichtskarten an sich am Ende doch zu den Ephemera zu zählen sind und entsprechend schnell verloren gingen. Dies ist im Fall Bob Wyer auch deshalb sehr bedauerlich, weil viele der Karten trotz ihrer Rolle als Medium kurzer persönlicher Nachrichten doch durchaus mit Aufnahmen geschmückt sind, die von einem guten Auge für Komposition und den richtigen Augenblick zeugen. Gerade weil das Medium verlangt, Szenerien möglichst generisch zu fassen, lassen sich Bildwinkel und vor allem der Platzierung von Menschen im gezeigten Raum leicht Besonderheiten einschreiben. Für viele Karten Bob Wyers scheinen gewisse typische Merkmale identifizierbar, deren Erläuterung allerdings an anderer Stelle erfolgen muss.

Die Aufnahme der Woodstock Library Fair fällt in seinem Gesamtwerk nämlich ein wenig heraus und steht vielmehr in der Bildtradition der Lokalberichterstattung, wie man sie heute auch noch in der Lokalpresse findet. Es ist ein klassisches Wimmelbild, nah am Schnappschuss, wenn auch mit guter Linienführung und hinsichtlich der schwierigen Beleuchtung dadurch gerettet, dass der schattige rechte Bildrand zwei strahlende Sonnenschirme aufweist. Das Medium Buch spielt keinerlei Rolle, umso mehr das Medium der Geselligkeit, unterstrichen durch die Ballons und dadurch, dass die Festwiese wirklich gut gefüllt ist. Die Wolkenkratzerattrappe signalisiert das amerikanische Nationalgefühl, das Eckchen Haus als Gegenpol und vor allem der Bewuchs weisen die Situation allerdings als durch und durch kleinstädtisch, eventuell eher sogar ländlich aus. Ein clichéhaft – im besten Sinne – amerikanisches Sommerfest für Jung und Alt und damit ist auch die Essenz dessen erfasst, was die Woodstock Library Fair sein möchte, wie man auch dem aktuellen Programm entnehmen kann.

Die umseitig angebrachte Nachricht auf der von Woodstock nach Bradford, New Hampshire verschickten Karte passt prima in dieses Stimmungsbild: „We are having such a nice visit with our friends over here.“ Das Datum des Poststempels – der 14. August 1961 – macht es allerdings sehr unwahrscheinlich, dass die Library Fair Anlass des Besuchs war. Sondern um eine gänzlich davon unabhängige Erholungsreise, bei der auch ein Pferd eine Rolle spielte, die sich leider 56 Jahre nachdem die Ansicht verschickt, nicht mehr spezifizieren lässt. Dass Bibliothek und Bibliotheksfest darin involviert waren, ist unwahrscheinlich, weshalb an dieser Stelle ein Hinweis auf die Woodstock Library TV Show #47 angebrachter ist, die ein interessantes Beispiel für Öffentlichkeitsarbeit mittels Social Media darstellt und in der unter anderem das ausdrücklich politische Motto der diesjährigen Festivität erläutert wird.

(Berlin, 16.07.2017)