LIBREAS.Library Ideas

Steven Universe besucht die Bibliothek.

Posted in Die Bibliothek in Film und Fernsehen, LIBREAS.Feuilleton by libreas on 24. August 2016

Eine Notiz von Juliane Waack (@Jules_McCloud)

„Steven Universe“ reiht sich seit 2013 in das eindrucksvolle Line-up an Zeichentrickserien ein, die klar an Kinder gerichtet sind, aber ebenso viele Erwachsene zu ihren Fans zählen. Das von Rebecca Sugar (die auch am ebenso umwerfenden „Adventure Time“ arbeitete) kreierte Showkonzept beschreibt die Abenteuer der übernatürlichen „Crystal Gems“, einem taffen Frauentrio, das zusammen mit dem Sohn ihrer ehemaligen Anführerin die Erde vor anderen, feindlich gesinnten Gems schützen. Steven Universe ist dabei nicht nur der titelgebende Held der Serie, sondern auch eine Mischung aus Gem und Mensch und vereint neben beeindruckenden Superkräften auch viel Empathie, Freude und Liebe zu Fast Food.

 

 

Nun mag man ganz erwachsen mit den Augen rollen und sich fragen, was eine derartige Kinderei auf dem LIBREAS-Blog zu tun hat, doch eine der überaus universellen Botschaften, die in der mittlerweile 4. Staffel über die Bildschirme flittern, ist die Neugier oder auch der Wissensdurst. Steven will die feindlichen Gems nicht bekämpfen, sondern kennenlernen und immer wieder geht es darum, dass das Wissen um andere Menschen, Kräfte und Weltsichten auch dazu führen kann, dass man Konflikte völlig gewaltfrei lösen kann.

 

 

Daher ist es ein kleines Wunder und vielleicht sogar ein Skandal, dass Steven erst in Episode 107 („Buddy’s Book“) zum ersten Mal die Bibliothek seiner Heimatstadt Beach City betritt.

Seine Freundin Connie bemerkt entsprechend: „Ich kann nicht glauben, dass Du zum ersten Mal ein Bibliothek besuchst. (…) Bibliotheken sind voll von Deiner liebsten Sache.“

Die Bibliothek besticht derweil durch den generischen Charme amerikanischer Kleinstadtbibliotheken, inklusive der brillentragenden, lesenden Bibliothekarin, die Stevens euphorischen Ausruf „Bücher!!!“ entsprechend klischeehaft mit einem „Psst!“ quittiert. Na gut, dass die verkniffene Bibliothekarin in einer ansonsten erfreulich klischeefreien und geradezu feministischen Cartoonserie auftaucht, darüber schauen wir einfach mal hinweg, wir wissen es ja besser.

(Berlin, 24.08.2016)

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Von Geeks und Büchertanten.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by libreas on 18. Februar 2016

Ein Kommentar von Juliane Waack (@Jules_McCloud)

Im Rahmen des #inetbib16, kurz für die 13. InetBib-Tagung in Stuttgart, die vom 10. bis 12. Februar stattfand, geisterte ein Zitat von Bernd Schmid-Ruhe, Leiter der Mannheimer Stadtbibliothek, durch die Twitter-Sphere: „Wir brauchen mehr Geeks und weniger Büchertanten.“

Diese Formulierung ist, gelinde gesagt, ungeschickt. Da kann man sich gegenüber kritischer Einwände jetzt ganz unelegant damit herausreden, dass es überspitzt formuliert wurde, also gar nicht so gemeint war, im Kontext ganz anders war und sowieso ironisch zu verstehen ist und überhaupt, versteht denn niemand hier Spaß?

Nun, Spaß schon, aber Sexismus eher weniger.

„Wir brauchen weniger Geeks und mehr Büchertanten“ ist also eine dieser Formulierungen, die für Diskussionen sorgen sollen. Nichtsdestotrotz sollte man selbst in diesen ankurbelnden Buzzword-triefenden TED-Talk-Aussagen Begriffe verwenden, die man auch so im normalen Diskurs verwenden würde, ohne sich danach erklären zu müssen.

Wer Stereotype und Klischees verwendet, ohne Alternativen zu nennen, der kann sie noch so ironisch meinen, sie werden sich weiterhin in den Köpfen festsetzen. Wer sich ein wenig mit der psychologischen Theorie dessen beschäftigen will, kann dazu tief eintauchen (etwa hier), denn insbesondere in den amerikanischen Rassismus-Debatten hat sich diese Thematik als sehr fruchtbares Studienthema herausgestellt. Um es kurz zu fassen: selbst die humoristische Verwendung von Stereotypen verunsichert die Personen, die davon betroffen sind, verändert ihr (natürliches) Verhalten und nagt außerdem am kulturellen Selbstbild. Zusätzlich sorgt das Auslassen einer Alternative dafür, dass es dennoch nichts weiter als dieses Stereotyp im Diskussionsrahmen gibt (und nein, der „Geek“ ist keine positive Alternative zur „Büchertante“, das wäre höchstens die „Digital Native Büchertante“).

Das wirklich Ärgerliche an der Unterscheidung zwischen „Büchertante“ und „Geek“ ist offensichtlich: das eine ist eindeutig einem Geschlecht zugewiesen, das andere eher nicht, wird jedoch vorwiegend und gerne für Männer verwendet. Sprich: Bibliothek und Bibliothekswissenschaft brauchen anscheinend mehr hippe coole Start-up, Silicon-Valley-Typen (an sich schon eine Einöde, was Diversität angeht) und soll sich von diesen lahmen Bibliothekarinnen verabschieden.

Die müssen sich in diesem Zusammenhang seit eh und je im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen mit Konnotationen auseinandersetzen, die durchgehend auf ihr Aussehen und ihre Rolle als entweder reizlose alte Jungfer oder übersexualisierte Männerfantasie konzentriert wird. Kompetenzen, Qualifikationen und Intelligenz werden nur marginal betrachtet, wenn man sich mit „Büchertanten“ auseinandersetzt und selbst dann sind sie der Grund, warum die „Tante“ noch Single ist (wer mag schon kluge Frauen, igitt).

Wer sich einmal die Rollen von Bibliothekar/innen in Film und Fernsehen ansieht, der wird schnell erkennen, dass vorwiegend Frauen in dem nicht sehr schmeichelhaftem Klischee-Korsett gefangen sind und das seit mehr als 60 Jahren, wie Julia A. Wells in ihrem Essay „The Female Librarian in Film: Has the Image Changed in 60 Years?“ (PDF) hervorhebt.

Bibliothekarinnen sind im popkulturellen Rahmen streng, freudlos und alleinstehend oder aber im krassen Gegensatz nur dazu da, mit knappen Outfits die Wünsche bzw. Fantasien der männlichen Besucher zu erfüllen. Kurzum: die Tätigkeit alleine suggeriert vielen ein frauenfeindliches Bild, das – wenn wir mal ehrlich sind – auch der Bibliothek und deren Wissenschaft keinen Gefallen getan hat und tun kann.

Wer (mit dieser Aussage ausschließlich) Frauen durch absurde Klischees und Stereotype einen Stempel aufdrückt und ihnen sowohl technisches Know-how, Zeitgeist als auch moderne Ansätze abspricht, der sorgt für eine wenig einladende Atmosphäre im Studiengang, der Wissenschaft und dem Berufsfeld. So sehr sich stolze „Büchertanten“ den Begriff zurückholen wollen, um ihn mit positiven Konnotationen zu besetzen (smart, belesen, organisiert und sozial), so sehr sabotiert ein derartiger Sprachgebrauch diese Bemühungen.

Wer heute noch abfällig das Wort „Streber“ in den Mund nimmt, offenbart sich ebenso als intellektuellenfeindlich wie sich ein „Büchertanten“-Denunziant als latent frauenfeindlich angreifbar macht (natürlich spielt bei derartigen Aussagen immer die Intention eine Rolle, gleichfalls stellt sich jedoch die Frage, warum ausgerechnet dieses Wort so locker auf der Zunge lag).

Wer die Bibliothek ins 21. Jahrhundert bringen möchte, der muss sich nicht der engagierten Wissenschaftlerinnen und Bibliothekarinnen entledigen, sondern der Hürden und elitären Ansätze, die scheinbar fortschrittliche, aber eigentlich völlig anachronistische Trend-Berater so von sich geben. Die Bibliothek braucht nicht mehr Geeks, sondern sie muss als Arbeitsplatz und als Wissenschaftsbereich attraktiver für intelligente und aufgeschlossene Menschen werden, die sozial und zukunftsweisend zugleich denken können. Dafür braucht es Anreize, die nicht nur per Nützlichkeitsmessung oder Image-Optimierung zu bestimmen sind, sondern vor allen Dingen einen Diskurs, der nicht mehr als die Hälfte aller Beteiligten mit derartigen, auf Abgrenzung zielenden Sprüchen vor der Tür stehen lässt.

(Berlin, 17.02.2016)

Kindheitswelten: Peanuts, Bibliotheken und Bürokratie

Posted in Die Bibliothek in der Literatur, LIBREAS.Feuilleton by libreas on 11. Januar 2016

von Juliane Waack (@Jules_McCloud)

Nach einem willkommenen Weihnachtsgeschenk in Form eines Bandes zur Geschichte der Charles-Schulz-Comics (Chip Kidd et al. (2015): Only what’s necessary: Charles M. Schulz and the art of Peanuts. New York: Abrams Comic Arts)  und einer daraufhin ausgiebigen Reise in die zahlreichen Lebenswelten des Cartoon-Strips stolperte ich alsbald über die nicht unerhebliche Zahl an Peanuts-Cartoons, in denen die Bibliothek und ihre Nutzung eine tragende Rolle spielen, sei es nun das Lesen von Büchern, das Konzept der Bibliothek oder der heißgeliebte Bibliotheksausweis, die Peanuts – wie wohl jedes andere prädigitale Kind – gingen zur „Bibo“.

Lesekultur der Peanuts (aus: Only what's necessary)

Leider enthält das wunderbare Comic-Geschichtsbuch „Only what’s necessary“ keinen der Bibliotheks-Strips der Peanuts. Die Handlung des Lesens ist jedoch allgegenwärtig, so auch in diesen beiden Reihen aus der Peanuts-Frühzeit des Jahres 1950. (aus dem zitierten Band)

Und auch im für Schulz sicherlich konkurrierenden, für Fans jedoch eher korrelierenden Calvin-and-Hobbes-Universum von Bill Watterson muss man nicht lange suchen, um die Vor- und Nachteile der Bibliothek als eine Lebenswelt des Kindes zu finden. Interessanterweise hebt sich in beiden Comicstrips ein ganz besonderes Thema hervor: die Idee der freien Nutzung der Bücher, die Mahngebühren und die Angst vor den mahnenden Bibliothekar/innen. Während Linus sich wundert, was die Bibliothek mit dem kostenlosen Verleihen der Bücher wohl im Schilde führt, schreibt ein verzweifelter Charlie Brown der Bibliothekarin, dass sie doch nicht seine Eltern einsperren möge, nachdem er ein Buch verloren hat. Auch Calvin erwartet die größte Folter und bemerkt – nachdem seine Mutter (im Gegensatz zu den Peanuts immer präsent) ihn über die tragbaren Mahngebühren aufgeklärt hat – trocken: „Nachdem mich die Bibliothekar/innen so angeschaut haben, habe ich irgendwie mit Schlimmerem gerechnet.“

Zugegeben, sowohl Calvin and Hobbes als auch die Peanuts erleben mehr als nur die Mahngebühren in ihrem Alltag mit der Bibliothek, doch wenn ich mich selbst an meine Kindheit erinnere, fällt mir ebenso die heißglühende Beklemmung ein, sich der verzögerten Buchrückgabe stellen zu müssen. Vielleicht ist es gar nicht so weit hergeholt, die Bibliothek als ersten (kindlichen) Ort zu wähnen, in dem ein Kind mit den Strukturen der Bürokratie – vom Ausweis bis zum Bußgeld – in Kontakt kommt. Während versäumte Fristen zuhause eher Standpauken oder genervte Eltern zur Folge haben, gibt es in der externen Lebenswelt einen ganzen Apparat (oftmals in Form von scheinbar Furcht einflößenden Respektpersonen ergo Bibliothekar/innen), der das Versäumnis ahndet und strikte Regeln zur Tilgung der „Schuld“ aufstellt, der man sich eher selten entziehen kann. Selbst in der Schule erscheint das Vergessen der Hausaufgaben oder der verpatzte Test etwas zu sein, das letzten Endes im Elternhaus „vor Gericht“ kommt. Nur die Bibliothek entzieht sich der rein familiären Schuld-und-Sühnefrage und stellt selbst für die minderjährigen Nutzer konkrete Regeln auf, die streng zu befolgen sind.

Warum sich der Gang in die Bibliothek dennoch lohnt, wird sowohl bei den Peanuts als auch Calvin and Hobbes klar: eine Unabhängigkeit des Wissens sowie durch das Wissen. Sally ist ganz überwältigt, dass es diesen Ort gibt, an dem man ihr – einem kleinen Mädchen – einfach so ein Buch über Sam Snead (ein Golf-Star der 1940er Jahre) aushändigt, während Calvin in einer Strip-Reihe versucht, „verbotene“ Lektüre über die Bibliothek zu beziehen (über hausgemachte Bomben, Schimpfwörter und Graffiti). So kann die Bibliothek mit einigem Biegen und Brechen sehr wohl als Raum und Metapher des Erwachsenwerdens gesehen werden: mit den gewonnenen Freiheiten gehen auch neue Verantwortungen einher und die Unabhängigkeit bedeutet auch immer ein Stück Unsicherheit, wenn es um die Konsequenzen des eigenen Handelns geht.

Das Kunst-Buch als Objekt.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 8. Januar 2016

Karsten Schuldt

Zu: Cella, Bernhard ; Findeisen, Leo ; Blaha, Agnus (Hrsg.): NO-ISBN: on self-publishing. Wien: Salon für Kunstbuch ; Köln: Buchhandlung Walther König, 2015. ISBN: 978-3-86335-818-1

 

I.

„NO-ISBN“ (ein Buch, dass ironischerweise eine ISBN hat) gibt einen Einblick in die Praxis der Selbstpublikation, vorrangig von Künstlerinnen und Künstlern, die Bücher als Teil ihrer Kunstpraxis erstellen und vertreiben. Die Grenzen dieser Praxis sind fliessend, insoweit gibt es auch zahlreiche Verweise zu anderen Praktiken des Selbstpublizierens, insbesondere aus politischen Gründen.

Ausgangspunkt des Buches ist der Salon für Kunstbuch den Bernhard Cella in Wien betriebt – als Ort, der als Art sozialer Skulptur das Abbild eines Buchladens darstellt, aber auch als Salon für zeitgenössische Kunst wirkt. Im Salon versammelt Cella – „versammeln“ als Begriff bietet sich an, da das Buch durchzogen ist von Verweisen auf Bruno Latour – Kunstbücher, dass heisst Bücher, die von Künstlerinnen und Künstlern als Teil ihrer Kunstpraxis hergestellt werden. Dabei handelt es sich nicht um Kataloge, sondern um eigenständige Werke. Die Diskussion dieser Praktiken in „NO-ISBN“ stellen klar, dass es bei diesen Büchern nicht per se um das Buch als Informationsträger geht, sondern zum Beispiel um das Buch als Objekt, um das Material, das für das Buch verwendet wird, um den Prozess des Buchmachens als künstlerischen Akt oder auch, beziehungsweise gleichzeitig, als widerständiger Akt, der alternative Produktionsziele und -wege etabliert und andere Distributionswege eröffnet. (more…)

Wie Roland Reuß lesen? Eine Textkritik.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 14. Oktober 2015

von Ben Kaden (@bkaden)

Dass Roland Reuß für den Diskurs ein hochmodernes und leider auch hochermüdendes Stilmittel bevorzugt, nämlich die Polemik, ist allen bekannt, seit er auf seinen Durchbruchstext zum Thema Open Access (Roland Reuß: Eingecremtes Publizieren: Open Access als Enteignung. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.02.2009, Nr. 35, S. N5) die Abschaffung der Idee des Individuums und vielleicht sogar des alten Europas durch die Wissenschaftspolitik voraussagte:

„Wer hier anfängt, blind und ohne Reflexion auf die Folgen rumzufuhrwerken, legt die Axt an die Wurzel dessen, was das alte Europa einmal „selbständiges Individuum“ genannt hat. Niemand kann das wollen.“

Gudrun Gersmann, zu dieser Zeit Vorsitzende des Unterausschusses »Elektronische Publikationen« der Deutschen Forschungsgemeinschaft, antwortete damals und zwar ausdrücklich nicht in ihrer DFG-Rolle sondern mit einem Erfahrungsbericht aus dem Deutschen Historischen Institut in Paris ebenfalls in der FAZ. Ihre Replik fiel bemerkenswert geduldig und gelassen aus. (Gudrun Gersmann: Wer hat Angst vor Open Access? In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.02.2009, Nr. 41, S. N5) Zum Ende hin lobte sie noch einmal das utopisch-emanzipative Potenzial von Open Access: (more…)

Perspektiven für die Digital Humanities (z.B. als Post-Snowden-Scholarship).

Posted in LIBREAS.Debatte, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 30. Juni 2015

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

I

In der letztwöchigen Ausgabe der New York Review of Books (LXII, 11) bespricht der Literaturkritiker Christopher Benfey Mark Greifs Buch The Age of the Crisis of Man: Thought and Fiction in America, 1933-1973 (Princeton : Princeton University Press, 2015). Besonders überzeugend findet er die Ausführungen Mark Greifs zum Aufkommen der Theory, die mit den Arbeiten von Autoren wie Claude Leví-Strauss oder Roman Jakobson und Jacques Derrida erst dem Strukturalismus und dann Folgetheorien zu einer Popularität in den Geistes- und Sozialwissenschaften in den USA verhalfen. Greif, so Benfey, sieht beispielsweise in der Dekonstruktion eine Wiederbelebung von Ideen des New Criticism, also streng formalistischer Annäherungen an literarische Texte. Benfey zieht nun die Verbindungslinie von den New Critics zu den Digital Humanists. Ähnlich, so schreibt er, wie einst die Neue Kritik von den traditionell orientierten Wissenschaftlern als ein zu klinischer Ansatz und daher als Gefahr gesehen wurde, sehen sich neue Formen des Lesens („new ways of reading“) heute mit dem Vorwurf, sie seien „antihumanistic“ konfrontiert. Diese neuen Formen des Lesens entsprechend nun dem, was hier unter Digital Humanities verstanden wird: (more…)

Die Bibliothek in der Literatur. Heute: Der postsozialistische Tanz um die Kraft des Buches bei Mikhail Elizarov.

Posted in Die Bibliothek in der Literatur, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 16. Juni 2015

Eine Notiz zu

Mikhail Elizarov: The Librarian. London: Pushkin Press, 2015. (Informationen zum Titel beim Verlag)

von Ben Kaden (@bkaden)

Spuren der Institution Bibliothek in der Literatur sind bekanntlich ein beliebtes Nebenthema wenigstens von Teilen der LIBREAS-Redaktion. Dass wir dann auch mit Freuden die dieses Frühjahr publizierte Übersetzung (durch Andrew Bromfield) von Mikhail Elizarovs nicht unumstrittenen aber umso populäreren Romans The Librarian [Библиотекарь. Москва : Ad Marginem, 2007] einem Close Reading unterziehen, versteht sich von selbst. Allzu bibliothekarisch ist das von erheblicher und sonderbar archaischer Brutalität und nicht wenig Wahnwitz geprägte Geschehen um den „Bibliothekar“ Aleksei nicht. Umso konsequenter geht es jedoch in diesem so und so fantastischen Roman um Bücher und die in diesen wie auch immer codierte Macht. (more…)

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Den Zugang zu Büchern einschränken, um die Community zu retten

Posted in LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 13. Mai 2015

Zu: Knox, Emily J. M. (2015) / Book Banning in 21st-Century America (Beta Phi Mu Schloars). – Lanham ; Boulder ; New York ; London : Rowman & Littlefield, 2015

Karsten Schuldt

In den USA – aber nicht nur da, sondern auch in anderen Staaten des globalen Nordens – werden Bücher in Bibliotheken und Schulen in unterschiedlicher Form zensuriert: Mal werden sie aus dem Bestand einer Schulbibliothek oder einer Öffentlichen Bibliothek genommen, mal von Leselisten von Schulen gestrichen oder von obligatorischer zu fakultativer Schullektüre erklärt, mal werden Systeme aufgebaut, um den Zugang zu einem Buch von der expliziten Zustimmung der Eltern von Schülerinnen und Schüler abhängig zu machen. Emily J.M. Knox untersucht in ihrem Buch Book Banning in 21st-Century America (Knox, 2015) – und zuvor schon in einem Artikel (Knox, 2014) – die Denkweisen und Argumente derjenigen Personen, die solche Verbote initiieren oder es zumindest versuchen, indem sie sich bei Library Boards oder School Boards beschweren. (more…)

Wie genau wird die Sammlung jetzt „divers“?

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 23. März 2015

Zu: Caldera, Mary A. ; Neal, Kathryn M. (edit.): Through the Archival Looking Glass : A Reader on Diversity and Inclusion. Chicago : Society of American Archivists, 2014.

 

“I offer […] the fact – painful though it may be – that unless and until archivists of the so-called majority culture immerse themselves in the challenging, sometimes harsh, frequently perplexing, and usually nuanced world of diversity issues, it is unlikely that our profession, our institutions, our programs, our collections, and our researchers will achieve truly fundamental and enduring success in achieving the goals – unclear as these may often be – of multiculturalism in archives.” [Greene, Mark A.: Chapter 2. Into the Deep End : One Archivist’s Struggle with Diversity, Community, Collaboration, and Their Implications for Our Profession. In: Caldera & Neal (2014), 23-59, hier: S. 25]

Through the Archival Looking Glass ist erstaunlicherweise vor allem ein Buch, dass den Eindruck vermittelt, dass es doch von Zeit zu Zeit weiter geht mit den Entwicklungen im Archivbereich (und dadurch auch im Bibliotheksbereich), dass die Kritiken und Diskussionen auch eine Wirkung haben und nicht immer nur Rückzugsgefechte darstellen, kurz: das es besser wird. Sicherlich: Es geht um gewichtige Themen, um weiterhin vorhandene Ungerechtigkeiten und um die strukturelle Unstetigkeit aller Sammlungen. Aber die Haupterkenntnis des Buches ist doch die, dass sowohl die Kritik an der mangelnden Diversität von Archiven als auch die postmoderne Kritik an monolythischen Konzepten von „Archiv“ in der Profession angekommen ist. Sicherlich: In der US-amerikanischen Profession des Archivwesens, aber immerhin. Das macht Hoffnungen.

Okay, Diversity. Was jetzt?

Thema der Aufsatzsammlung ist die Frage, wie Archive (wieder: vor allem solche in der USA, ein Text beschäftigt sich zum Teil auch mit Australien) Diversität umsetzen können, vor allem in drei Themenbereichen: (1) in der Darstellung und der Entwicklung von Archivmaterialien, (2) in der Profession, also dem Personal der Archive und Ausbildungseinrichtungen selber und (3) in grundsätzlichen Fragen der Archivtheorie und archivalischen Traditionen. Das bedeutsame dabei ist, dass es nicht darum geht, Diversität einzufordern und die Bedeutung von Diversität zu begründen. Das scheint alles nicht mehr notwendig zu sein, vielmehr geht es darum, wie sich die Forderungen, die sich aus dem Anspruch nach mehr Diversität ergeben, umsetzen lassen. Offenbar hat die Archivszene – zumindest die im Buch veröffentlichte, aber die scheint recht breit zu sein – akzeptiert, dass eine Sammlung immer eine Auswahl darstellt, die nur dann fair und ethisch sein kann, wenn sie eine gewisse Breite an Quellen, Inhalten und Zugängen schafft und dass ein Archiv dies nur erreichen kann mit einem für die Diversität der Gesellschaft offenem Blick sowie einer dies unterstützenden Infrastruktur. (more…)

Bibliothekspop aktuell. Heute: „In der Bibliothek“ von Superpunk

Posted in LIBREAS.Feuilleton by libreas on 11. März 2015

von Juliane Waack (@Jules_McCloud)

„Neue Zähne für meinen Bruder und mich“ schallt es seit den frühen 2000ern regelmäßig sehr spät nachts durch norddeutsche Indiediscos und zieht dort den engsten Kern der verschwitzten Tänzer in die von Glasscherben geschmückte Tanzmitte. Ganz dem Stil der wohl auch noch als Hamburger Schule bezeichneten Genreheimat entsprechend, sind Superpunk schrammelig und irgendwie etwas verranzt im Sound und stimmen gleichzeitig eine gewisse Liebe zum Sinn hinter dem Gitarrenturm, dem Zwischenraum der Zeilen und dem klugen Köpfchen an.

So ist „In der Bibliothek“ (vom Album „A Young Person’s Guide to Superpunk“) ganz unironisch eine Hymne der „erhabene[n] Stille“ in der „niemand lacht über die neue Brille“.

Und nachdem die Klischees der Bibliothek und ihrer Besucher – verschroben, muffig und sicher nerdig, das Brillengestell wahrscheinlich auch so alt und unscheinbar unschön, dass sich kein Hipster damit auf die Straße traute – in den ersten paar Zeilen abgefertigt sind, kommt Sänger Tim Jürgens sehr schnell zur Sache: die Bibliothek ist sein liebster Ort, denn „gegen kleines Geld“ gibt es dort alles, was man sich als wissensdurstiger Mensch auch in der immerwährenden Hamburger Schule des Lebens wünscht, ob Belletristik, Biographien oder Sachbücher – die Welt liegt dort in mehr oder weniger staubigen Regalen verborgen, da darf man noch auf Schatzsuche gehen um Neues und Altes nebeneinander zu entdecken, so viel, dass man kaum glaubt, wie vielfältig diese Welt ist und dementsprechend auch die Möglichkeiten, die einem da zwischen dicken und dünnen Einbänden aus dem Versteck winken. Ob man „das System durchschauen oder einfach nur ein Flugzeug bauen“ will, es gibt diesen Ort, der ist zentral, der ist zuverlässig und bis obenhin voll mit bekannten Autoren, obskuren Genies und seltenen Funden.

Das, so Superpunk, sei sehr viel verlockender als der sonnige Strand (zur Bibliothek geht es in der U-Bahn und durch den Schnee, da locken keine Wellenreiter) oder Lover (was ist schon das Schmachten einer Nacht gegen die zu Weltliteratur geronnene Sehnsucht) oder coole Clubgänger (die tanzen gerade noch zu „Neue Zähne…“), stattdessen warme Räumlichkeiten, die sogar samstags offen sind und im Grunde alles bieten, was der Mensch braucht.

Und auch wenn man es immer öfter im Kommentar, Feuilleton oder auf Tech- und TED-Tagungen zu hören bekommt – obsolet kann die Bibliothek gar nicht werden. Wo die Bibliothek geschlossen bleibt, verschließt man sich noch mehr. Denn, so Superpunk: „Die Bibliothek öffnet jede Tür.“ Wer würde schon auf einen solchen Schlüssel verzichten wollen?

Die Dancer, die Lover, die Surfer am Meer

Ich beneide sie schon, aber nicht so sehr

Denn ich hab die Bibliothek

(Superpunk, 2012)

Juliane Waack bloggt Musik auf fichtenstein.wordpress.com.