Personen ohne festen Wohnsitz in der Bibliothek des Centre Pompidou
Karsten Schuldt
[Zu: Paugam, Serge ; Giorgetti, Camila (2013) / Des pauvres à la bibliothèque : Enquête au Centre Pompidou. – Le lien social. – Paris : Presses Universitaires de France, 2013]
In Frankreich, so scheint es, werden interessantere Bücher zum Bibliothekswesen publiziert als im DACh-Raum. Die Studie Des pauvres à la bibliothéque von Paugam und Giorgetti ist nur eines davon. Auf der einen Seite untersuchten die beiden Forschenden eine sehr spezielle Gruppe von Nutzerinnen und Nutzern einer sehr speziellen Bibliothek, nämlich Obdachlose in der Bibliothek des Centre Pompidou in Paris. Diese Bibliothek ist eingelassen in das radikal-demokratische Grundkonzept des Centre, welches wiederum innerhalb einer Metropole – also auch einem Anziehungspunkt für sehr unterschiedliche Personen; die anderswo kaum ein sozial akzeptables Leben führen könnten – verortet ist. Auf der anderen Seite legen die beiden Forschenden etwas, was im deutschsprachigen Raum praktisch vergebens gesucht würde, vor: eine (ethnologische) Untersuchung der Nutzung einen Bibliothek, die auf soziologische Theoriebildung zurückgreift und diese widerum informieren kann.
Dies ist noch nicht einmal beispiellos im französischen Bibliothekswesen. So legten im Jahr 2000 drei Forschende eine ebenso soziologische Untersuchung zur Nutzung der gleichen Bibliothek vor. [Evans, Christophe ; Camus, Agnès ; Cretin, Jean-Michel (2000) / Les habitués : Le microcosme d'une grande bibliothèque. [Paris] : Bibliothèque publique d’information – Centre Georges Pompidou, 2000] Zugleich ist die Diskussion um die tatsächliche soziale Rolle der Öffentlichen Bibliothek in Frankreich weiter fortgeschritten als in den deutschsprachigen Bibliothekswesen. [Dies gilt auch für das englisch-sprachige Bibliothekswesen, für das stellvertretend auf die erste Ausgabe 2013 der Library Review verwiesen werden soll, die sich vollständig mit dem Thema Public Libraries and the Homeless beschäftigt und in der sich auch eine englisch-sprachige Zusammenfassung des hier besprochenen Buches findet – leider alles hinter eine Paywall.] Grundsätzlich lohnt es sich, über den Rhein zu schauen.
Fragilité, Dépendance, Rupture
Paugam und Giorgetti legen eine Studie vor, deren Ergebnisse nur mit einiger Vorsicht – da es sich, wie gesagt, um eine sehr spezielle Bibliothek handelt – übertragen werden können, aber deren Design in anderen Bibliotheken sinnvoll angewendet werden könnte. Es werden in ihr soziologische Theoriebildung, Beaobachtung und Interviews verbunden. Aufgebaut ist die Studie auf ein in früheren Arbeiten von Paugam erarbeitet Struktur vom Leben in Obdachlosigkeit. Diese postuliert, dass es unterschiedliche Stufen der sozialen Desintegration beim Leben ohne festen Wohnsitz gäbe. Grob unterteilt in Fragilité ( ≈Prekarität), Dépendance ( ≈ Abhängigkeit von gesellschaftlicher Unterstützung) und Rupture ( ≈ Bruch mit der gesellschaftlichen Integration) implizieren diese Stufen ein sehr unterschiedliches Verhalten und unterschiedliche Ziele, der Personen, die von ihnen betroffen sind. (Und dies selbstverständlich immer als Idealtypen, die in der Realität komplexer sind.)
Dabei darf Obdachlosigkeit in Wetseuropa nicht als das Leben auf der Strasse verstanden werden, sondern ist zumeist gekennzeichnet von Leben zwischen unterschiedlichen Unterkünften, die aber alle prekär sind (Heime, Unterkünfte, „Couchsurfing“ etc.).
Personen, welche der Stufe Fragilité zugeordnet werden, versuchen zumeist, direkt aus der Obdachlosigkeit auszusteigen. Diese Personen zeigen in der Untersuchung auch ein Verhalten, dass geprägt ist von Versuchen, in die französische Gesellschaft (wieder) einzusteigen. Gerade bei Flüchtlingen ist dies gezeichnet von Lernaktivitäten in der Bibliothek, insbesondere dem Französisch-Lernen. Die Bibliothek wird zudem aktiv genutzt, um Informationen über den Arbeitsmarkt oder über Unterstützungsleistungen einzuholen. Gleichzeitig wird von diesen Personen aktiv versucht, ihre ökonomische und gesellschaftliche Situation nicht offen darzustellen. Paugam und Giorgetti beschreiben einige Strategien, dies zu tun, beispielsweise das Besuchen der Bibliothek in Anzug und Kostüm. Gleichzeitig versuchen diese Personen in den Interviews, sich von den „echten Armen“ abzugrenzen und ihre eigene Situation als Übergang darzustellen. Dabei besuchen sie die Bibliothek auch wegen ihres Habitus als „intellektuelles Zentrum“. Das Arbeiten in der (grossen und bekannten) Bibliothek verleiht den Personen, so Paugam und Giorgetti, ein positive Identität. So stellt die Studie auch eine Höherorientierung der bevorzugtes Literatur durch diese Personen fest, die, wenn sie gefragt werden, betonen, eher Weltliteratur oder den französischen Literaturkanon zu bevorzugen als „einfache Belletristik“.
Personen, die auf der Stufe Dépendance verortet werden, nutzen die Bibliothek oft als Lebensraum und als Ort, von dem aus Unterstützungsleistungen organisiert, also recherchiert, werden können. Auch diese Nutzenden sind nicht per se auffällig, sondern versuchen, sich dem Alltag der Bibliothek (beziehungsweise des gesamten Centre Pompidou) anzupassen. Dabei kommt ihnen die Grösse des Centre zupass. Dennoch sind sie auffällig, da sie sich ständig in der Bibliothek, der auch als geschützter Raum wirkt, aufhalten. In der Studie werden Beispiele von Personen angeführt, die fast täglich acht Stunden in der Bibliothek verbringen. Hauptinteresse dieser Personen ist, neben der Recherche nach Unterstützungsleistungen zum Überleben und zum Ausstieg aus ihrer sozialen und ökonomischen Situation, die Strukutrierung ihres Alltags. Sich in der Bibliothek aufhalten und lesen gilt ihnen als sinnvolle Tagesgestaltung.
Nur Personen, die der Stufe der Rupture zugeordnet werden, stimmen überhaupt in Ansätzen mit den Vorurteilen über Obdachlose überein, aber auch das nicht wirklich. (Wie eigentlich auch zu erwarten war.) Zwar nutzen einige dieser Personen die Bibliothek auch als Aufenthaltsraum; aber nicht übermässig. Zudem stellen sie nicht die Mehrzahl der Personen sans domicile fixe. Die Bibliothek – und wieder eigentlich das gesamte Centre Pompidou – stellen für sie Aufenthaltsräume da, die zwar nicht vom Leben „auf der Strasse“ abgetrennt sind, aber doch im Gegensatz zu anderen Orten relativ sicher sind. Diese Personen versuchen immer wieder einmal, die Regeln auszutesten, sind aber auch schnell bereit, sich den Regeln, die sie getestet haben, unterzuordnen, um diesen Raum nicht zu verliehren. Ihr Interesse an der Bibliothek ist hauptsächlich der geschützte Raum.

Frage zur sozialen Beobachtungsgabe, vom Cover der Studie gestellt: In welcher sozialen Situation befindet sich die abgebildete Person?
Insgesamt zeigt die Studie, dass die Personen die Bibliothek sehr gezielt zur Gestaltung ihres eigenen Lebens nutzen und zwar immer wieder ausgehend von ihrer sozialen Situation und den Zielen, die sie sich realistisch zu setzen bereit sind. Sie alle sind der Bibliothek gegenüber positiv eingestellt. Gleichwohl die Bibliothek ganz explizit keine Sozialarbeit betreibt, erfüllt sie für diese Personen eine soziale Funktion und zwar durch die offene Angebotsstruktur.
Für die deutschsprachigen Bibliothekswesen (zumindest in der den Grossstädten und Metropolen) lässt sich lernen, dass die Interessen und Nutzungsweisen der Personen ohne festen Wohnsitz nicht mit so einfachen Modellen wie Zielgruppenanalysen oder einfachen Interviews zu erfassen sind. Die soziale Realität ist offensichtlich zu komplex. (Und gleichzeitig wirkt die Bibliothek als gesellschaftlich relevant positiv, ohne direkt daraufhin gestaltet zu sein.)
Forschungsdesign
Neben dem soziologischen Wissen, dass vor der Studie vorhanden war, nutzten die Forschenden ein grundsätzlich einfaches Forschungsdesign, welches allerdings eine relativ lange Forschungszeit und Offenheit für Beobachtungen und das sich Einlassen auf Situationen erforderte. Auf der einen Seite wurden Beobachtungen durchgeführt. Personen, die mehr oder minder auffällig waren und deren Verhalten in der Bibliothek wurden von einer Forschenden beobachtet und diese Beobachtungen in einem Forschungstagebuch eingetragen. Die Personen wurden so beschrieben, dass die Forschenden die Beobachtungen mehrere Tage zusammenfassen konnten; gleichzeitig waren die Personen anonymisiert.
Eine andere Forschende sprach im Verlaufe der Untersuchung Personen an, die beobachtet wurden und befragte sie, wenn diese zustimmten, in strukturiert-narrativen Interviews (also anhand eines Fragebogens durchgeführten Interviews, bei denen die Interviewten möglichst frei antworten konnten).
Die Auswahl der Personen, die beobachtet und interviewt wurden, bedurfte einer relativ grossen Beobachtungsgabe. Ansonsten wäre es zum Beispiel schwierig, Personen zu erkennen, die ihre soziale Situation gerade verstecken wollen. Sie bedurfte auch einiges an Fingerspitzengefühl bei den Interviews und den möglichst objektiven Beschreibungen der Beobachtungen, welches sich mit einer langjährigen Forschungspraxis erarbeitet werden musste.
Die Auswertung der Daten bedurfte ebenso einer grossen sozialen Offenheit. Die Einzelfälle durften nicht als reine (bedauernswerte) Einzelfälle betrachtet, aber auch nicht einfach subsumiert werden. Dabei half die soziologische Theoriebildung, auf die zurückgriffen wurde; welche die Forschenden bei der Zusammenstellung der Daten und Auswertung leitete, da sie nicht darauf angewiesen waren, einfach nur Daten zu berichten (etwas, was notwendig ist, wenn man ohne Theoriebildung einfach nur Umfragen macht), sondern in der Lage waren, Aussagen und Verhaltensweisen in ein Modell der gesellschaftlichen Nutzung von Bibliotheken als Ort und Infrastruktur zu integrieren, dieses Modell zu erweitern und aus diesem Modell Erklärungen für Verhaltensweisen abzuleiten.
Le Livre
Das Buch ist in einem eingängigen Französisch geschrieben. Zur Erläuterung der Ausführungen werden sowohl die Aufzeichnungen aus dem Beobachtungstagebuch als auch den Interviews angeführt. Weite Teile der Erklärungen bestimmter sozialer Ansichten werden überhaupt von Interviewaussagen getragen.
Paugam und Giorgetti sind beide sozialwissenschaftlich Forschende und halten sich deshalb auch erfrischend klar mit konkreten Handlungsanweisungen zurück. Während in deutschsprachigen Bibliothekswesen wohl sehr schnell der Ruf nach einer Praxisanleitung erhoben würde – im Sinne von: Was genau soll die Bibliothek tun? Wo sind die abzuarbeitenden Checklisten? etc. – beschränkt sich die Studie darauf, zu beschreiben und verständlich zu machen. Dies gibt den Kolleginnen und Kollegen in Paris die Aufgabe, die Erkenntnisse der Studie selber zu interpretieren; dabei aber sind sie dazu aufgefordert, diese nachzuvollziehen, was ein sinnvolles Zurücktreten von der Praxisfrage erzwingt beziehungsweise ermöglicht und vor Augen führt, dass die gesellschaftliche Situation so komplex ist, dass sie mit einfachen Werkzeugen nicht zu bearbeiten ist. Gleichzeitig legt die Studie damit die Möglichkeit an, über den – wie schon gesagt sehr speziellen – Einzelfall der Bibliothek im Centre Pompidou hinaus etwas über die tatsächliche Nutzung von Bibliotheken durch Personen in sozial und ökonomisch prekären Lagen zu lernen.
En Vague? Ein Beitrag zur Methodendiskussion in der Bibliothekswissenschaft.
Ein Kommentar von Ben Kaden
Die Frage nach der wissenschaftlichen Methode in der Bibliothekswissenschaft ist in gewisser Weise die Urdebatte des Fachs und wer sich dafür interessiert, findet in der morgigen Ausgabe des Berliner Bibliothekswissenschaftlichen Kolloquiums am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität möglicherweise die Gelegenheit, an der Fortsetzung selbiger teilzuhaben. Vier etablierte Protagonisten des Fachs – Simone Fühles-Ubach, Petra Hauke, Michael Seadle, Konrad Umlauf – präsentieren das Handbuch Methoden der Bibliotheks- und Informationswissenschaft (Berlin: DeGruyter, Mai 2013, Verlagsseite zum Titel, Inhaltsverzeichnis als PDF). LIBREAS wird sich sicher dem Titel nach Möglichkeit ausführlicher widmen und widmen müssen. Allerdings liegt er uns noch nicht vor.
Verfügbar ist jedoch ein Blogbeitrag des Mitherausgebers Michael Seadle, den dieser zu Beginn des Monats in seinem Weblog Digital+Research=Blog publizierte. Vermutlich nicht ohne Schnittmenge zu seinem Beitrag im erwähnten Handbuch (Entwicklung eines Forschungsdesigns) formuliert er dort eine kleine Handreichung Finding a research question.
Wer seine Veranstaltungen am Institut kennt, weiß, dass für ihn als Bibliothekswissenschaftler völlig zu Recht die Methode und die Forschungsfrage im Zentrum der wissenschaftlichen Arbeit stehen. Besonders gilt dies für Abschlussarbeiten und Promotionen. Leider tut er dies offensichtlich nicht nur völlig zu Recht, sondern erachtet es auch als völlig zureichend für die wissenschaftliche Arbeit. Er unterscheidet sich damit jedoch in einem zentralen Aspekt wesentlich von dem, was ich für die Wissenschaft Bibliothekswissenschaft als entscheidend erachte.
Zu Beginn seines Blogpostings schreibt Michael Seadle:
“Many students start with a topic that they would like to research. This is natural, but in some ways secondary to the process of scholarly writing.”
Am Ende betont er:
“The topic matters only in so far as data are available and the research method can reasonably apply. Topics are temporary and can change with the seasons. Good research questions grow ultimately out of the intersection of scholarly methods and quality data. “
Beides verweist auf eine erhebliche Reduktion der Rolle von Wissenschaft, die sich einzig nach einer schematischen Durchführbarkeit richtet. Das Thema ist – bestenfalls – nachgeordnet, weitgehend austauschbar und ergibt sich in jedem Fall von selbst.
Steht einmal eine Methode (“In graduate school I settled on a set of ethnographic tools, which I have used and reused over the decades.”), dann kann man jeden verfügbaren Datensatz damit durchpflügen. Die Forschungsfrage ergibt sich von selbst und sollte möglichst geradlinig beantwortbar sein:
“The best research questions for a thesis are ones with a straightforward answer. I generally recommend a yes/no question, or one that has a quantitative answer, or one that is a choice among reasonable alternatives. These are not the only possible research questions, but questions involving complex issues about “why” or even “how” tend to be beyond the scope and experience of even the cleverest doctoral students. The virtue of a yes/no type question is that the student can make a clear choice. A thesis with a vague answer is not a contribution to knowledge, while even a very narrowly stated and highly qualified yes/no answer can be a reasonable step forward.”
Man kann dies durchaus als praktikable Lebenshilfe für den herausgeforderten Promovenden verstehen. Es führt aber gerade in einen Zustand, der für mich exakt nicht der Sinn einer wissenschaftlichen Tätigkeit im 21. Jahrhundert sein kann. Nämlich in ein Funktionshandeln, in einen angepassten und schematischen Wissenschaftsvollzug, in dem ein selbstkritisches Hinterfragen genauso wenig verankert ist, wie eine auf übergeordnete Kontexte der gesellschaftlichen Wirkung von Wissenschaft gerichtete Reflexion.
Michael Seadle schreibt selbst und zutreffend:
“Having a method means absorbing a way of thinking.”
und scheint kein Problem darin zu sehen, dass die absorbierende Anpassung an bestimmte Denkstile (also gerade nicht kritische Elaboration und Anerkennung) die Handlungsweise ist, die zu Ideologisierungen führt. Damit ist – siehe die Frage des “Topics” oben – nicht einmal an inhaltlichen oder wertspezifischen Aspekten orientierte, sondern eine reine Formalideologie gemeint. Nach meinem Verständnis ist die Aufgabe der Wissenschaft aber gerade der Versuch, jede Form von Ideologisierung, auch die der Funktionalisierung, und den daraus entstehenden Folgen, zu unterlaufen.
Wissenschaftshandeln ist für mich entsprechend politisches und wertorientiertes Handelns in dem Sinne, dass es nicht nur auf die eigene interne Stimmigkeit und das Funktionieren in diesen geschlossenen der Institute und Fachcommunities begrenzt ist, sondern mit jeder Forschungsfrage auch die Richtungsfrage stellt: Wie wirkt das, was ich erarbeite, auf die Gesellschaft, als deren Teil ich handele und – auch das und nicht nur ökonomisch gesehen – in deren Dienst ich stehe und für die ich, in dem ich die von mir übernommene Rolle des wissenschaftlichen Tätigseins auch Verantwortung trage?
Während Bibliotheken als Institutionen ganz offensichtlich ihre gesellschaftliche Aufgabe ohne Berührungsängste thematisieren, liegt nach meiner Beobachtung die große Schwäche der Bibliotheks- und auch der Informationswissenschaft in Deutschland darin, dass sie zu weit von der sie umgebenden gesellschaftlichen Umwelt entkoppelt, agieren.
Dass man den Studierenden des Faches ihr wissenschaftliches Handeln auf die Ideallinie der Binärmuster verengt (yes/no) und zudem die epistemologisch unhaltbare These präsentiert, dass Vagheit, nicht zu verwechseln mit Beliebigkeit und eher synonym mit Offenheit, sowie dem Eingeständnis, dass Unschärfe zu komplexen Systemen und ihrer Betrachtung unvermeidlich gehört, keinerlei Belang für die Wissenskultur haben kann, erscheint mir jedenfalls nicht angemessen für eine zeitgemäße Bibliothekswissenschaft. Offen gesagt sogar eher als schädlich.
Allerdings vertraue ich auf die Weltgewandtheit und Intellektualität der Studierenden dieses Faches und darauf, dass sie der wissenschaftlich nicht untypischen Tendenz einer kritischen Opposition zu ihren Lehrern folgen. Das Entscheidende ist dabei sicherlich, wie der Ausbildungsapparat mit seiner systemgemäßen Asymmetrie der Machtverteilung bereit ist, von den Leitlinien – zum Beispiel den Michael Seadle’schen – abweichendes Denken anzuerkennen. Einer dynamischen und lebendigen Disziplin wäre jedenfalls anzuraten, die Außenposten ihres Denkens mindestens genauso zu fördern, wie den linientreuen Forschungsmainstream.
Mir teilte Michael Seadle übrigens einmal für eine Arbeit bei ihm mit, dass es für ihn auch die Derrida’sche Dekonstruktion als Methode akzeptabel wäre. So ganz habe ich mich dereinst trotz des Reizes (glücklicherweise) noch nicht darauf einlassen wollen. Auf eine bestimmte Art scheint mir aber die Dekonstruktion von Selbstverständlichkeiten genau das zu sein, was die Bibliothekswissenschaft als Methode vor dem Hintergrund der Verwandlung ihres Gegenstandes benötigt. Auch wenn am Ende erfahrungsgemäß kein Entweder-Oder, sondern ein Sowohl-als-Auch und ein Nicht-Fisch-nicht-Fleisch und in jedem Fall keine einfache, klar unterscheidbare, in Methodenzwänge formalisierbare Wahrheit stehen wird.
(27.05.2013, @bkaden)
Anmerkung: Namentlich gekennzeichnete Beiträge in diesem Weblog geben ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autoren wieder.
Kunst, Bibliothek und Medienwandel. Eine Sichtung aktueller Publikationen.
von Ben Kaden
I
Heike Gfrereis, Ellen Strittmatter (Hrsg.) Zettelkästen : Maschinen der Phantasie. Marbach am Neckar: Deutsche Schillergesellschaft, 2013.
Es ist nicht unbedingt neu, dass sich Künstler_innen aus diversen Perspektiven dem Phänomen Bibliothek nähern. Aber aus der Sicht derer, für die die Bibliothek nicht nur Ort oder Gegenstand müßiger Lohnarbeit ist, sondern die aus welchem aberwitzigen Grund auch immer eine Kammer ihres Herzens für dieses Kulturobjekt freigeräumt haben, ist dieser zumeist dekonstruierende Blick in der Regel hochinteressant.
Diese Menschen fahren ihrer Leidenschaft gemäß extra nach Marbach, um sich die exzellente Zettelkastenschau anzusehen, die vielleicht weniger das Label Kunst offen trägt, aber genau die Funktion erfüllt, die gute Kunst eben auch erreicht: durch Zusammenführen, Verschieben und Darstellen (oder Weglassen) von Material oder (wenn es Literatur ist) Sprache, Zwischenräume zu öffnen, die sonst verschlossen blieben, durch die sinnliche Aufladung einen Eindruck, ein Gefühl hervorzurufen, hinter das man nie wieder zurückgelangt und das nach und nach zu einem differenzierterem und reicherem Weltbild zu gelangen hilft.
Nun sind die in der Ausstellung Zettelkästen. Maschinen der Fantasie gezeigten, geöffneten und eben tatsächlich dekonstruktiv eröffneten Objekte, die Kästen Hans Blumenbergs, Friedrich Kittlers, Peter Rühmkorfs, Arno Schmidts, Walter Benjamins, selbstverständlich Niklas Luhmanns sowie einiger weiterer Vertreter der deutschen Geisteselite die Ausstellung, etwas entfernt vom klassischen bibliothekarischen Zettelkatalog. Das verbindende Element ist einzig die Formähnlichkeit.
Jedoch weisen die Exponate einen viel zeitgenössischeren Bezug zur Bibliothek auf. Denn sie nehmen in aller Konsequenz und Verästelung die Idee der semantischen Netze, auf die Digitale Bibliotheken hinarbeiten, und den Gedanken des Hypertextes, aus dem Digitale Bibliotheken geformt werden, mit mechanischen Mittel voraus. W.G. Sebalds Gesichter-Index ist eine Prä-Tumblr-Sammlung von Fundfotos. Walter Kempowskis “Weltkrieg II”-Kartei ist ein nahezu idealtypischer Material-Mash-Up. Von Hermann Hesses Postkarten-Kartei ist es nicht weit zu einer FOAF-Struktur. Siegfried Kracauers Sammlung zu Jaques Offenbach und dem Paris seiner Zeit nimmt schließlich fast ein wenig das Geospacing vorweg.
Was aber deutlich wird, ist, wie diese schöpferischen Zettelkästen immer gerichtet zumindest begonnen werden – je nach Disziplinen erweitern sie sich bisweilen zum reinen Selbstzweck – immer das Ziel verfolgen, eine enorme Informationsmenge zu strukturieren und beherrschbar zu machen. Die Flexibilität des Mediums Zettelkasten ist auch heute noch beeindruckend oder vielleicht umso mehr, da man sieht, wie so vieles, was heute als Innovation offeriert wird, schon an anderer Stelle mit unglaublicher Konsequenz durchgespielt wurde. Zugleich wird sichtbar, wie Komplexität und Eigensinn des Mediums die Ordnungsversuche immer wieder durchbrechen, wie die Zettelkästen dazu neigen, die, die sie pflegten, zu binden und zu beherrschen. Mehr noch als die Bandbreite der Möglichkeiten des Einsatzes von Zettelleien ist diese Macht des Mediums und seiner Struktur über die Inhalte und die sie nutzenden Menschen das Eindrucksvolle, das man aus der Marbacher Schau als Erinnerung mitnimmt.
Wer sich mit semantischen Netzen über einen schematischen Durchprogrammierwunsch beschäftigt, erhält aus diesem Blickwinkel außerdem einen ganzen Stapel Karteikarten als Inspiration zum Überdenken der eigenen Selbstverständlichkeiten. Aus dieser Perspektive gelingt der Ausstellung das, was man von Kunst idealerweise erwarten kann.
Wer es verpasst, verpasst zwar etwas, aber es ist ja nichts verloren. Denn Friedrich Kittler, der sich von den angesprochenen Zettelkästlern vermutlich am klarsten und bewusstesten mit der Medialität und der Transformation von Medialität befasste, antwortete in einem Interview in seinem Todesjahr 2011 mit der WELT am Sonntag auf die Frage „Erwartet uns eine Edition der gesammelten Festplatten?“
„Ich habe versucht, zumindest die Dateien aufzuheben. Aber die meisten alten CDs sind jetzt kaputt. Meine Zettelkästen dagegen stehen noch hier im Nebenzimmer. Mit Schreibmaschine verfasst, ganz ordentlich geführt.“ (zitiert nach dem besprochenen Band ,S.50)
Wenn also die Dateien alle zu unbezahlbaren Problemfällen der digitalen Langzeitarchivierung geworden sind, wird Friedrich Kittlers Mondfarbensammlung noch problemlos in einem kühlen Archivkeller konsultierbar sein. Der Katalog zur Ausstellung ist dagegen leider, und das ist wirklich der einzige Knackpunkt, so unglücklich klebegebunden, dass er sich nach einer intensiven Lektüre leider buchstäblich selbst verzettelt. Hier hätte man buchgestalterisch wenigsten den Bogen zu einem Karteikartennormformat schlagen können, damit es dem Leser möglich wird, die Seiten dem Prinzip der Maschinen der Fantasie folgend in einem eigenen Kasten neu zu ordnen.

Von links nach rechts: Die erste Ausgabe des Bulletins of the Serving Library (sh. IV), der Marbacher Ausstellungskatalog (I) und Sara MacKillops Ex-library Book (III). Die New York Times (II) bekommt man selbst in Berlin gedruckt nur noch als Print-on-Demand.
II
Susan Hodara: An Old Technology, Transformed. ‘Artists in the Archives,’ at Greenburgh Public Library in Elmsford. In: New York Times / nytimes.com. 18.05.2013, Volltext
Wäre der Aufwand nicht so hoch, böte sich als Ergänzung die Reise in die im Vergleich zu Marbach am Neckar noch unscheinbarere Stadt Elmsford, New York an. Denn in der dortigen öffentlichen Bibliothek zeigt man bis zum September eine Ausstellung Artists in the Archives: A Collection of Card Catalogs, die sich weniger aus Gründen des persönlichen Kreativmanagements und mehr zum Zweck der Kreativität selbst mit Katalogkästen und –karten auseinandersetzt. Da Berlin aber doch selbst für das Pfingstwochenende zu weit vom Staate New York entfernt liegt, kann an dieser Stelle nur auf den gestern in der New York Times erschienenen Artikel verwiesen werden. Als Symptom für die Praxis der künstlerischen Annäherung an Medialität und Eigenschaften der Bibliothek eignet er sich allemal, auch wenn er nur wenig zeigt von Carla Rae Johnsons Alternet-Installation, der Arbeit einer Künstlerin, die bereits vor zwei Jahrzehnten recht kurios die Beziehung von Bibliothek und Beton auslotete.
Immerhin zwei Trends für die Kunst mit Bibliotheksbezug werden auch so deutlich: Re-Use, also die in diesem Fall rekontextualisierende Nachnutzung von an sich obsoleten Materialien und zweitens, wie im Fall des von der Fotografin JoAnne Wilcox angestoßenen Call to Everyone, eine partizipations-orientierte Kunstpraxis, wie sie auch bei der im vergangenen Jahr abgehaltenen Berlin Biennale für Zeitgenössische Kunst im Zentrum stand und dort so halb erfolgreich war. (Ich jedenfalls habe mit großer Freude zwei Bögen von Khaled Jarrars Briefmarken-Arbeit in die Welt verteilt. vgl. auch hier)
Von der Web-Anmutung her wirken die Arbeiten ästhetisch freilich sehr anders als die Auguststraßen-Galerie-Kultur. Andererseits ist es auch gar nicht schlecht, einmal nicht in dieser überpolierten Präsentationsästhetik zu schwimmen und die heute etwas eigenartig wirkenden Navigationsbuttons auf Barbara Pages Book Marks- und Buchkunstprojektpräsentation sollten nicht unbedingt von der Arbeit selbst ablenken.
III
Sara MacKillop: Ex-Library Book. Kopenhagen: Pork Salad Press, 2012, Informationsseite beim Verlag
Mehr von Berlin geprägt ist die Arbeit der britischen Künstlerin Sara MacKillop, allerdings eher kreuzbergisch und zwar deshalb weil ihr Ex-library Book in einer Anzeigenkunstaktion an der Normaluhr unweit der Amerika-Gedenkbibliothek (etwa dort, wo die Glitschiner Straße zum Halleschen Ufer wird) in den öffentlichen Raum leuchten durfte. Das Projekt Ex-library Book beschäftigt sich mit dem Hauptproblem materialorientierter Bibliotheken, nämlich der Aussonderung, die, so der Beschreibungstext zum Clock-Tower-Projekt eine ganze kleine Industrie am Leben hält:
„Manilla book tickets (green or buff), cross ruled catalogue cards (punched), accession sheets (pack of 500), Sinclair display units (1200mm), and selfinking mini date stamps… an industry exists to support analogue archival processes with products that are new but lack newness, already tinged with obsolescence.”
Vielleicht wäre die Idee der Meta-Materialien um das ausgesonderte Buch herum noch origineller fokussierbar. Aber Sara MacKillop entschied sich anders und versammelt in ihrer Publikation zum Thema eine sehr gemischte Abbildung von Spuren, Illustrationen, Flecken und Stempeln, die zweifellos irgendwie mit ausgesonderten Titeln in Verbindung stehen. (LIBREAS selbst hatte einmal eine ähnliche Reihe, allerdings e-only: Ben Kaden: Aussonderungsvermerke. 16 fotografische Variationen über ein Thema. In: LIBREAS 10/11, 2007) Auch der Zettelkatalogkasten findet in dieser Pin-Wand-artigen Kollektion seine Würdigung.
Die Publikation selbst ist leicht bibliothekssubversiv angehaucht. Jedenfalls deutet die Projekterläuterung auf eine solche Überdrehung:
„An affirmation of a negation: an advertisement for something which is described by what it is no longer; a deadpan statement not of intent but of conflicting ideologies. Exactly what it says it is and not some awful pun; the Exlibrary Book is difficult to place.”
Diese an sich sehr originelle Volte wirkt leider in der Publikation nicht so ganz markerschütternd umgesetzt – schlicht weil sich die kleine Arbeit kaum in Bibliotheksbestände verirren wird. Die Kongelige Bibliotek in Kopenhagen immerhin fand für den Titel jedenfalls anstandslos und unkompliziert die passende Sachgruppe: konceptkunst. So läuft die Unterwanderung ins Leere und das Büchlein doch passend in die Ordnung des Lesesaals. Auch die auf die Rückseite des Buches aufgedruckte These wäre differenziert diskutierbar:
„An Ex-library book is the least desirable book in book collecting terms. The term is used for books that once belonged to a library. Ex-library books are generally unattractive, as they have usually been stamped, taped, glued or had a card pocket glued to them. The books have often been damaged by the patrons of the library themselves.”
Das mag pauschal zutreffen. Wo allerdings Läden wie The Monkey’s Paw (mehr dazu auch hier) nach dem Absonderlichen suchen, sind Bibliotheksbestände eine fantastische Quelle. Gerade traditionsreiche Universitätsbibliotheken sondern erfahrungsgemäß mitunter exakt die Titel aus, die in dieses Beuteschema fallen, die so abseitig sind, dass sie zu ihrer Erscheinungszeit kaum je einen privaten Käufer fanden (oder die kaum bewahrt wurden) und die auch in der Bibliothek wenig genutzt und häufig sehr mediengerecht gelagert wurden. Der klassische Buchsammler auf der Jagd nach tadellosen Erstausgaben ist dafür nicht die Zielgruppe. Aber während diese Gruppe ihren Zenit wie fast alle Sammelkulturen zu überschritten haben scheint, wächst die andere, also die derer, die Ungewöhnliche eventuell sogar aus eigenartigen und längst geschlossenen Bibliotheken suchen. Auf die freilich groß genug wird, dass es sich für den Antiquariatsbuchhandel lohnt, sie gezielt ansprechen, vermag auch ich nicht aus meiner Alltagsempirie zu beantworten.
IV
Bruce Sterling: The Life and Death of Media. In: Bulletins of the Serving Library. #1, 2011. S. 2-16
Rob Giampietro, David Reinfurt: Information on Libraries. In: In: Bulletins of the Serving Library. #1, 2011. S. 17-24
Angie Keefer: An Octopus in Plain View. In: Bulletins of the Serving Library. #1, 2011. S. 40-76
Eventuell entspricht die Größe dieser Gebrauchtbuchkundengruppe ja dem Leserkreis des Bulletins of The Serving Library, dessen erste Ausgabe zwar bereits 2011 erschien, es aber erst jetzt auf meinen Schreibtisch schaffte. Es ist eine äußerst merkwürdige Publikation, die freilich für alle, die sich dafür interessieren, wie Jaron Lanier („better know as the father of virtual reality“) über die Biologie bzw. Kraken Claude Shannons Informationstheorie in ihre Schranken weist und für Rechnerarchitektur etwas weitaus komplexeres im Sinn hat:
„Lanier […] thinks Shannon’s “information” should be renamed “potential information.” Against the protocol-based programming of contemporary computing, he offers the model of PHENOTROPIC computing. The goal of phenotropic computing is to render systems in which every instance of information in a system relates to its context and which can effectively make inferences about other systems based on how they behave in a shared context. Communication transmissions in a phenotropic system MUST have a causal relationship to their environment. Instead of thinking of information as single bit traveling from A to B, Lanier conceives of an ever-changing SURFACE from which multiple points are sampled simultaneously and continuously.” (Keefer, S.74 f.)
Dieses systemische Verständnis ist für Bibliotheks- und Informationswissenschaft nicht ganz neu aber eher auch nicht ganz etabliert. Und während man in den Mühen der Ontologie-Einebnungen rund um irgendwelche semantische Netze die Probleme der traditionellen Sacherschließung und Thesaurus-Kunde potenziert, dürfte die Big-Data-Avantgarde mit der Erschließung konkreter Kommunikationshandlungen in Sozialen Netzwerken längst auf der Schussbahn eines pragmatischen Netzes unterwegs sein, die möglicherweise die Semantic-Web-Entwicklungen bereits in die Ecke der Obsoleszenz schiebt, bevor diese in wirklich ausgereiften Anwendungen massentauglich werden.
Darüber hinaus gibt einen schönen Aufsatz des Science Fiction-Autors Bruce Sterling, der von Jacqueline Goddards Erinnerungsthese, die Erfindung des Telefons hätte die Kultur von Montparnasse zerstört über Medientransformationen nachdenkt und – nicht unberechtigt und wunderbar staunend schlussfolgernd – fragt:
„What’s our hurry anyway? When you look at it from another angle, there’s an unexpected delicious thrill in the thought that individual human beings can now survive whole generations of media. It’s like outliving the Soviet Union once every week! That was never possible before, but for us, that is media reality.” (Sterling, S. 15)
Und er fährt mit einer Verortung fort, die man sich durchaus für die Gelegenheiten merken kann, an denen man einen originellen Vergleich benötigt:
„It puts machines into a category where machines probably properly belong – colorful, buzzing, cuddly things with the lifespan of hamsters. This PowerBook has the lifespan of a hamster. Exactly how attached can I become to this machine? Just how much of an emotional investment can one make in my beloved $3,000 hamster?” (ebd.)
Wir alle kennen natürlich die – Hamster! – Bilder von MediaMarkt- und Apple-Store-Eröffnungen und die Psychologie ist sicher befähigt, schlichte und handliche Beschreibungen dieser Ereignisse formulieren. Kulturtheoretisch ist das diese gesellschaftliche Umpriorisierung von den medialen Inhalten hin zu den Anzeige- und Übertragungsmedien eine aufregende Angelegenheit, wobei kulturtheoretisch mittelbar ebenfalls bibliothekskulturtheoretisch heißen muss.
Rob Giampietro und David Reinfurt erörtern schließlich in einem FROM 0 to 1 überschriebenen Gespräch den Eigensinn der Information und die Frage, was diese wirklich will – und zwar im Anschluss an Steward Brands totzitierte Aussage „Information wants to be free.“ Bücher mögen hier wahlweise als Gefäße oder Gefängnisse angesehen werden. In jedem Fall binden sie als Informationsträger die Informationen in bestimmten medialen Beziehungsraum, der sich grundsätzlich von dem digitaler Medien unterscheidet:
„[…] [B]ooks want to remain as book-like as possible, while other information carriers – webpages, for example – try to take their place. We dislike calling Amazon’s Kindle a “book”. It’s really something that’s emulative of a book. You “turn” a digital “page” by pressing a button, which wipes the screen of pixels and replaces those pixels with new ones. Design is the set of decisions that add one metaphor on top of another to make the Kindle feel book-like. It’s an exercise in analogy. But Books don’t want the Kindle. Books, as a medium, want more books. Information, however, just wants to be transmitted, through whatever host allows it to spread as widely as possible.” (Giampietro, Reinfurt, S. 23)
Man kann die Digitalisierung also auch sehr evolutionär interpretieren und die Vorstellung, die Information strebe aus einem innneren Strukturzwang automatisch nach dem für sie weitreichensten und einfachsten Verbreitungsweg, ist nicht ohne Reiz, fordert aber zugleich eine Abgrenzung ein – nämlich die zwischen Information im Bit-Sinn und der Kultur, inklusive dem Wissen, der Informationsnutzung und der Mediengestaltung. Wahrscheinlich zwingt uns der Eigensinn von Information tatsächlich dazu, Medien in einer bestimmten Weise zu gestalten. Unsere eigenen Intentionen, Anspruch und auch sinnliche Dispositionen spielen jedoch mindestens eine gleichwirksame Rolle. Für die Information an sich mag das Buch (oder auch der Zettelkasten) eine längst überholte Bremse sein. Für den Menschen selbst könnte aber gerade diese die Information und ihren Fluss durch Materialität restringierende Form eine besondere, nicht emulierbare Bedeutung besitzen. Vielleicht auch nicht, aber nachdenken sollte man darüber schon.
Auf S.91 des Hefts wird eine bekanntere Übersicht von Régis Debray zitiert, die das Dreistadienmodell Logosphäre (Schreiben) – Graphosphäre (Drucken) – Videosphäre (Audio-Visualisieren) mit bestimmten Symbolrahmen und sozialen Bezugsgrößen in Beziehung stellt. Anhand dieser lässt sich sehr gut die mediale Verschiebung auf die ethische Grundfrage „Wie wollen wir leben?“ rückbinden. Beispielhaft sei hier nur die Entwicklungen des Bezugs für die Legitimation angegeben: Logosphäre: Das Gottgegebene (denn es ist heilig), die Graphosphäre: Das Ideale (denn es ist wahr), die Videosphäre: Das Effektive (denn es funktioniert).
Wenn wir also über die Wechselwirkung zwischen gesellschaftlichem und Medienwandel nachdenken wollen, was aus meiner Sicht der Kern der Bibliotheks- und Informationswissenschaft als Wissenschaft sein sollte, dann wird hier deutlich, dass es sich bei weitem nicht einzig um Fragen von Oberflächendesign und Übertragungstechnik handeln kann.
Und wenn uns als Aktive dieses Faches sowohl die Dekonstruktionen und die Metadiskurse aus der Kunst entsprechend sensibilisieren und gleichzeitig dadurch hinterfragen, dass sie die Thesen verhandeln, die eigentlich bzw. zugleich unser Stoff wären, dann ist das nicht nur eine Anregung. Sondern parallel – und viel entscheidender – die implizite Frage, ob die Strukturen unserer Wissenschaft, die diese großen, übergeordneten und entscheidenden Fragen nur äußerst selten befriedigend zu greifen bekommt, möglicherweise häufiger mehr eine Praxis der Selbsterhaltung als eine des progressiven Denkens pflegt.
Wenn Régis Debray mit seinem Schema Recht hat und wir ohnehin von der Kultur des Arguments hin zu einer Kultur der Verführung (auch als Form der Gesellschaftssteuerung) gleiten, dann stellte sich tatsächlich die Frage, ob für das Betrachtungsfeld unserer Disziplin nicht mehr mit gezielter Kunst- als mit Wissenschaftsförderung gewonnen wäre?
Die Frage ist selbstverständlich so überspitzt, dass sie sofort bricht, wenngleich die allgemeine Anerkennung und Würdigung von Kunst als Erkenntnispraxis ein fantastischer kultureller Schritt wäre und ich im Gegenzug eine Übernahme bestimmter intellektueller Aspekte der Kunstpraxis in die Wissenschaft genauso gut heißen würde. Dennoch sind die Annährungspfade der Auseinandersetzung aus gutem Grund unterschiedlich. Wir sollten gerade deshalb überlegen, wie man dies in einer übergeordneten Zusammenführung des an sich Getrennten fruchtbar und wirksam machen könnte.
(Berlin, 19.05.2013, @bkaden )
Sie nannten es Arbeit. Eine Handreichung zu drei Informationsgesellschaftstheorien.
Rezension zu
Jochen Steinbicker (2011) Zur Theorie der Informationsgesellschaft. Ein Vergleich der Ansätze von Peter Drucker, Daniel Bell und Manuel Castells. 2. Auflage Wiesbaden: VS Verlag. ISBN: 978-3-531-18054-0 29,95 Euro (Seite zum Titel beim Verlag)
von Ben Kaden
I
Wer in den ausklingenden 1990er und beginnenden 2000er Jahren in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft über den Tellerrand hinaus sah und sich fragte, in welcher Gesellschaft er sich befindet, der blickte zwangsläufig in eine halb gegenwärtige, halb zukünftige Lebenswelt namens Informationsgesellschaft. Über diesem bereits an sich schillernden Begriff standen als besonders strahlende Leitgestirne die Beschreibungen von Daniel Bell (postindustrielle Gesellschaft) , Peter Drucker (Wissensgesellschaft) und Manuel Castells (informationelle Gesellschaft, Informationalismus). Allen drei Protagonisten beschäftigte, ungeachtet der Variation in der Benennung, die Transformation einerseits der ökonomischen und andererseits in dieser Folge auch der sonstigen Bereiche der Gesellschaft.
Grundlage der Entwicklung war eine Verschiebung im Bereich der Produktivkräfte (ein Ausdruck, der seinen Zenit etwa 1975 hatte und mittlerweile auch schon Staub trägt). Für die Wertschöpfung waren nun nicht mehr physische Arbeit (mitsamt der Körper, die diese verrichten mussten) und Land und nicht mehr nur Kapital, Maschinen und Energie notwendig. Entscheidend waren mehr oder minder plötzlich Wissen, Innovationsgeist, Wagnis und – wie das Beispiel der New Economy zeigt – auch Einiges an Chuzpe, Glück und richtigen persönlichen Kontakten.
Parallel dazu erkannte man, dass sich die bis dato weitgehend vorwiegend unter kulturellen bzw. sozialen Aspekten zu verortenden Phänomene Information und Kommunikation nicht nur nachrichtentechnisch in mathematische Fassungen bringen lassen, sondern generell als Waren begriffen werden und daher auch ihre Erzeugung, Verbreitung und Nutzung nach Marktmechanismen strukturiert werden können. Mit den entwickelten Formen der Informations- und Kommunikationstechnologie standen Kanäle und Werkzeuge zur Verfügung, die nahezu beliebige Quantitäten von Nachrichten bei zugleich relativ guter Kontrollmöglichkeit übertragbar machten. Die Totalisierung dieses Prinzips, dass wir mit dem Zeitalter des Smartphones und der digitalen sozialen Netzwerken bis in den kleinsten interpersonellen Austausch hinein erfahren, ist nicht nur direkte Nachwirkung dieses Gedankens, sondern zugleich Auslöser der Frage, in welche Richtung dieser Zug nun weiter rollt.
II
Möglicherweise ist die Wissensökonomie, bei der es um Individualwissen geht, schon längst wieder im Abschwung. Die Theorien der Informationsgesellschaft und deren Hauptvertreter, von denen zwei bereits verstorben sind, hinterließen dafür keine Orientierung. Ihre Arbeiten bieten tatsächlich Erklärungsmuster, die die Entwicklung bis circa in den frühen 2000er Jahre noch halbwegs begreifbar machen.
Das Gewicht ihrer Theorien liegt entsprechend noch auf dem Faktor Wissen, hier synonym mit Intelligenz und schneller Reaktionsfähigkeit bzw. Entscheidungsfreude zu verstehen. Zauderer hätten kein Google gebaut und der alte Industrieadel wäre an den frühen Bilanzen (ca. die ersten 15 Jahre) von Amazon zutiefst verzweifelt. Dennoch hat sich das Digitale in Form von Leit- und Steuertechnologie auch in den urständigsten Schwerindustrien durchgesetzt. Wer es nicht glaubt, den überzeugt jede beliebige Führung in einem gläsernen Stahlwerk oder eine anderen Art von (ehemaliger) Manufaktur in der Regel ziemlich schnell. Dass Bildung im Sinne von einer Verständnis- und Bedienkompetenz für entsprechende Steuermedien an vielen Stellen über Körperkraft geht, versteht sich von selbst. Ein bitteres Erwachen jenseits idyllischer Illusionen über das Emanzipationspotential einer digital basierten Kommunikationsgesellschaft spielte für die drei Leitbildbildner noch kaum eine Rolle. Die Entkleidung von Konzepten wie Bildung und Wissen auf ihren Verwertungskern scheint jedoch, wie wir heute leicht erkennen, ein logischer und unvermeidbarer Bestandteil der Entwicklung zu sein.
Wir sehen es jeden Tag: Bildung, auch universitär, besitzt auch in der universitären Praxis nur noch sehr geringe Schnittmengen mit aufklärerischen Vorstellungen und sehr große mit Fragen der Tauglichkeit für einen Arbeitsmarkt, in dem Wissen einzig dann wichtig ist, wenn es dem jeweiligen Funktionskontext nutzt bzw. sich jemand findet, um dafür etwas zu bezahlen. Der Wissensarbeiter – den beispielsweise Peter Drucker eher abstrakt beschrieb – ist zumeist tatsächlich nur Wissensproletarier (oder, vgl. S. 47, “Nachfahre des Facharbeiters”). Daniel Bells Vorstellung einer Wissenselite bleibt ebenfalls eher unterbestimmt und die Idee einer Verlagerung von Macht und Kontrolle weg vom Markt ist, wie auch Jochen Steinbicker betont, je nach Sichtweise entweder widerlegt oder noch auf dem Weg zu einem Ort, an dem sie sich einlösen kann.
III
Der Soziologe Jochen Steinbicker bündelt also in seinem Überblicksbuch die am Ende doch ähnlichen Konzeptlinien des großen Vordenkertrios unserer (ökonomischen) Gegenwart, heuer in der zweiten Auflage, zusammen und macht somit die “Pfade zur Informationsgesellschaft” (so der Titel eines weiteren Buches, das er ebenfalls 2011 allerdings beim Velbrück Wissenschaftsverlag publizierte) aus diesen drei Perspektiven recht übersichtlich nachvollziehbar. Die Abhandlung eignet sich freilich mehr als Handreichung denn als Beitrag zum wissenschaftlichen Diskurs, obschon die jeweilige Kritik der Ansätze eine gute Basis für Folgediskussionen böte, lägen die Defizite aller drei Versuche, die kommende bzw. seiende Gesellschaft zu bestimmen, nicht bereits derart offen auf der Hand.
Letztlich sind die referierten Theorierahmen von Bell, Castells und Drucker im Jahr 2013 über weite Strecken hauptsächlich aus historischer Sicht interessant. Im Jahr der Erstauflage des Bandes – 2001 – stellte sich die Situation noch anders dar (und das Buch selbst war, das nebenbei vermerkt, auch noch zum halben Preis zu haben – eine auch wissensökonomischer Sicht erstaunliche Kopplung von Halbwertszeit des Wissens und dem dafür geforderten Preis).
Zum Ausstieg argumentiert Jochen Steinbicker erwartungsgemäß resolut gegen eine techno-determinstische Entwicklung. Stattdessen plädiert er für die “Identifizierung verschiedener Typen von Informationsgesellschaften ” (S.125) als Startpunkt eines kritisch-reflexiven Hinterfragens. Beispielsweise der in der Tat bisweilen dreist von den prominenten Monomaniacs (Wortschöpfung von Peter Drucker) als unveränderlich verkauften Entwicklung, die freilich oft mit dem Verkauf einer jeweiligen Produktidee korreliert und mitunter die Verbindung zur Theorie eines viel älteren Vordenkers aus der Republik Florenz nahelegt.
Die vier Beobachtungsebenen, die sich für Anschlussuntersuchungen anbieten:
- These des Strukturwandels der Arbeit;
- These der Spaltung zwischen hochqualifizierten Wissensarbeitern und geringqualifizierten Dienstleistungsangestellten (dieses Neoproletariat wurde freilich bereits von Walter Benjamin thematisiert);
- Verhältnis von Wissensarbeit und Organisation inklusive Verschiebungen im Verhältnis Hierarchie und Kontrolle;
- Bestimmung der gesellschaftlichen Bedeutung des Strukturwandels der Arbeit (vgl. Steinbicker, S. 123)
bleiben zweifellos zeitfeste Plateaus intellektueller Deutungsarbeit und dies idealerweise auch für die Bibliotheks- und mehr noch Dokumentations- als Informationswissenschaft. Denn die Frage, wohin die Profession steuert, ist dauerhaft offen. Bibliothekare und Dokumentare (besonders letztere) standen gewissermaßen lange durchaus für eine Art Avantgarde der Wissensverarbeitung, die nun in der Informations- und Wissensgesellschaft vom Hauptfeld der Beschäftigungswelt einge- und manchmal überholt wurde. Die Bibliotheks- und Informationswissenschaft sieht sich so mit einem mächtig erweiterten Gegegenstandsbereich konfrontiert und obwohl die Vorhersagen von Daniel Bell auf die 1960er rückdatieren und die Bücher frühzeitig auch in deutscher Übersetzung vorlagen, zeigte sie sich lange nicht sonderlich für diese Transformation gewappnet.
IV
Kurioserweise musste man auch in ihr ausgerechnet lange um das ringen, was Jochen Steinbicker als “dritten Weg zwischen der pauschalen Ablehnung [...] und der unkritischen Zustimmung” einfordert. (S. 125) Früher nannte man das ein vernünftiges Gleichgewicht. Die stattdessen in dem Feld lautstärker wahrnehmbaren Extrempositionen wie a) Treue zu anachronistischen Prinzipien oder b) servile Anpassung an den Zeitgeist treten, wie jeder weiß, immer besonders gern in Situationen der Unsicherheit auf. Dass die Veränderung der Beschäftigungswelt mit gegenläufigen Trends einerseits der Ausweitung der lebensweltlichen Bedeutung des Arbeitsverhältnisses (vermittelt durch das Medium Geld) und andererseits die weitreichende Flexibilisierung und potentielle Prekarisierung der Arbeitswelten, wie wir es seit 2000er Jahren in größter Entfaltung erleben, zu Verunsicherung führt, erstaunt freilich ebenso wenig wie die Tatsache, dass weder Bell noch Drucker noch Drucker in ihren Makroentwürfen sonderlich über die sozialpsychologischen Folgen der von ihnen beschriebenen neuen Gesellschaften reflektierten.
Vielmehr liest es sich so:
“Alle Konsumfreuden, wie ein Buch lesen, sich mit einem Freund unterhalten, eine Tasse Kaffee trinken, ins Ausland reisen, erfordern Zeit. Deshalb verfügen auch die Bewohner “rückständiger Länder”, die sich nicht so viele Dinge leisten können, über mehr Zeit. Besitzt jemand hingegen ein Segelboot, einen Rennwagen oder ein Konzertabonnement, ist “Freizeit” sein knappstes Gut. Will er z.B. ins Konzert, muß er entweder sein Abendessen hinunterschlingen [...] oder hinterher essen, was wiederum bedeuten kann, daß er zu lange aufbleibt und nicht genügend Schlaf hat, will er am nächsten Tag “pünktlich” zur Arbeit erscheinen.” – Daniel Bell (1979): Die nachindustrielle Gesellschaft. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, S. 349
Das mag für irgendeine Welt korrekt sein. Aber wer heute als Wissensdienstleister zu arbeiten beginnt oder, vom Bildungsabschluss zur Wissenselite zählend, versucht im deutschen Universitätssystem Fuß zu fassen, merkt spätestens beim Blick auf seine Rentenprognose, dass ein Segelboot oder ein Rennwagen vermutlich nicht zum engsten Kreis der Probleme zählen werden. Die Frage nach der Aktualität und Aktualisierbarkeit der Arbeiten der großen Drei stellt sich so bei der Lektüre der Originaltexte nicht ganz selten. Sie zu kennen, schadet natürlich auch nicht.
Dass sich Jochen Steinbickers Arbeit vorwiegend an Soziologen und dabei vermutlich in der Hauptsache an SoziologiestudentInnen richtet, die das Buch zur Prüfungsvorbereitung lesen (vermutlich in der Bibliothek, denn für diesen Zweck ist die zweite Auflage schon etwas hochpreisig), braucht uns als Bibliotheks- und Informationswissenschaftler keineswegs daran hindern, einen (Rück)Blick in die Pro- und Diagnostik der drei genannten Theoretiker zu werfen. Man erfährt durchaus Wichtiges über die Wurzeln der heutigen Haupttrends vor allem der digitalen und wissensbasierten Ökonomien. Und erst deren Kenntnis ermöglicht vermutlich ein adäquates Handeln in einer äußerst widersprüchlich und unklaren gegenwärtigen Gesellschaft jenseits von Informations-, Wissens- oder Wissenschafts-Präfixen.
(Berlin, 08.03.2013)
Hybrides Lesen – Marginalien zur Rezension des Handbuchs Informationskompetenz
von Lars Müller (Potsdam)
Das Handbuch Informationskompetenz [1] erscheint bei De Gruyter Saur zugleich als Print- und Onlineausgabe. Ich war gespannt, welche der beiden Ausgaben mir als Rezensionsexemplar für die Besprechung in LIBREAS zur Verfügung gestellt werden würde. Ich erhielt – ganz in meinem Sinne – ein gedrucktes Exemplar.
Schon beim ersten Betrachten hatte ich den Eindruck, eine Mischform in den Händen zu halten: Das gedruckte Buch ist nach den Anforderungen einer digitalen Publikation gestaltet. Jedes Kapitel kann vom Inhalt her für sich allein stehen, auch die Literaturangaben befinden sich jeweils am Ende des Kapitels. Das ist für den fragmentierten, kapitelweisen Download (und Verkauf) am praktischsten. Die digitale Version hinterlässt dagegen zugleich den Eindruck, eine PDF-Version der Printausgabe zu sein. Sie enthält – und das wirkt für ein eBook etwas anachronistisch – auch das Stichwortverzeichnis der Printausgabe als eigenständig erwerbbares Kapitel. Zum Glück bietet der Verlag eine funktionierende und kostenlose Volltextsuche an – freilich werden nur die zu den Fundstellen zugehörigen Kapiteltitel angezeigt.
Google Books hat demgegenüber bekanntlich den Vorteil, die Fundstellen im Kontext anzuzeigen. Ein Vorteil, der mir trotz meines positiven Gesamteindrucks vom Handbuch Informationskompetenz eine kleine Ernüchterung bescherte:
Wer, wie ich es getan habe, ein längeres Zitat im Einleitungskapitel von Wilfried Sühl-Strohmenger (S. 4f.) googelt (Google Books), stößt nicht auf die Originalquelle (Jürgen Mittelstraß, s.u.), auch nicht auf das Handbuch Informationskompetenz, sondern neben Teaching Library (Sühl-Strohmenger 2012) auch auf das Buch Informationsethik von Rainer Kuhlen.[2] Ein Zufall, dem ich genauer auf den Grund gehen wollte.
Auf Seite fünf im Einleitungskapitel von Sühl-Strohmenger löste ein im Zitat formal inkorrekt in doppelte Anführungszeichen gesetztes Wort eine Irritation aus und regte genaueres Nachschauen an. Bei der Überprüfung des Zitats [3] stellte sich mit der oben bereits erwähnten Google-Books-Recherche heraus, dass der selbe Abschnitt auch in einem längeren Zitat in Kuhlens Informationsethik [4] enthalten ist. Ein Buch, das zwar in der weiterführenden Literatur des Handbuchartikels aufgeführt, aber nicht in dem inhaltlichen Zusammenhang des oben genannten Zitats erwähnt wird.
In der Bibliothek meines Vertrauens bestellte ich mir die Originalquelle und bekam ein gedrucktes Suhrkamp-Bändchen aus den 1990er Jahren ausgehändigt. Genau wie Kuhlen gibt Sühl-Strohmenger die Fundstelle mit „S. 226f.“ an. Der Vergleich mit dem Original zeigte, dass der von Sühl-Strohmenger zitierte – kürzere – Abschnitt allerdings ausschließlich auf Seite 227 steht. Außerdem machte Sühl-Strohmenger neben einem zusätzlichen Zeichensetzungsfehler – ebenfalls wie Kuhlen – im Satz „Informationen muss man glauben, …“[5] einen Übertragungsfehler und aus dem Plural wird das Singular „Information muss man glauben…“[6]
Dies mag natürlich Zufall sein, es hat aber doch ein „Geschmäckle“. Ein Umstand, der angesichts der Tatsache, dass es sich ausgerechnet um die Einführung in ein Handbuch zur Informationskompetenz handelt, bedauerlich ist.
Nichtsdestotrotz zeigt das beschriebene Leseerlebnis, dass zum Rezensieren noch zum Analysieren weder allein die digitale noch die gedruckte Form ausgereicht hätte. Noch gehört zum hybriden Publizieren eben auch das hybride Lesen.
(Eine ausführliche Besprechung des Handbuch Informationskompetenz erscheint in der nächsten Ausgabe von LIBREAS.)
[1] Wilfried Sühl-Strohmenger [Hrsg.] Handbuch Informationskompetenz (Berlin: De Gruyter Saur, 2012). Seite zum Titel beim Verlag.
[2] Folgende Phrase habe ich am 5.2.2013 bei der Suche verwendet:
“Erforderlich sind vielmehr Verarbeitungskompetenzen und das Vertrauen darauf, dass die Information“
aus: Jürgen Mittelstraß: Leonardo-Welt: Über Wissenschaft, Forschung und Verantwortung, 1st ed. (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1992), S. 227 nach Wilfried Sühl-Strohmenger, ed., Handbuch Informationskompetenz (Berlin: De Gruyter Saur, 2012), S. 5.
[3] Mittelstraß, S. 226f.
[4] Rainer Kuhlen: Informationsethik: Umgang mit Wissen und Information in elektronischen Räumen (Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft mbH, 2004).
[5] Mittelstraß, S. 227.
[6] Ibid.S. 227. Zitiert nach: Kuhlen, S. 161 sowie Mittelstraß, S. 227. Zitiert nach Wilfried Sühl-Strohmenger, “Informationskompetenz und die Herausforderungen der digitalen Wissensgesellschaft,” Sühl-Strohmenger [Hrsg.], S. 5. Die selben Fehler macht Sühl-Strohmenger auch im Band Teaching Library - : Förderung von Informationskompetenz durch Hochschulbibliotheken. Berlin: De Gruyter Saur 2012. S. 10.
Überlegungen zum Verhältnis von Mensch und Technik in Wissenschaftsinfrastrukturprojekten.
zu:
Sonja Palfner, Ulla Tschida: Grid: Technologie und soziale Praxis. In: Technikfolgenabschätzung. Theorie und Praxis. 21 / Heft 2. November 2012. S. 50-53
Unter den Projekten zur Digitalisierung der Wissenschaftspraxis in der Bundesrepublik der 2000er Jahre ragt die D-GRID-Initiative markant hervor. Das begründet sich einerseits aus ihrem Anspruch heraus, Grid-Computing in enger Kooperation mit den Fachcommunities in der Fläche zu etablieren. Und andererseits aufgrund des erheblichen Fördervolumens, das sich freilich nach dem Anspruch richtete. Die enge Verzahnung zwischen informatischer Innovation und fachwissenschaftlichen Ansprüchen prädestinierte die Initiative für eine wissenschaftssoziologische Begleitforschung. Technologie ist unzweifelhaft grundsätzlich vor allem soziales Geschehen. Auch die Entscheidung des BMBF zur massiven Förderung genau dieses Ansatzes ist Ergebnis sozialer Interaktionen. Aktuell bewegen sich diese um die Frage, wie, wo und in welcher Form die entwickelten Infrastrukturelemente und forschungsbegleitenden Werkzeuge mitsamt der für sie notwendigen Weiterentwicklung verstetigt werden können? Die technischen Möglichkeiten selbst wirken gewiss dispositiv auf das Machbare. Was aber tatsächlich umgesetzt wird, resultiert aus einer komplexen Wechselwirkung diverser Faktoren – von Budgets über die Motivation, Interessen, Konkurrenzkonstellationen und Kompetenzen von Einzelakteuren bis hin zu rechtlichen Gesichtspunkten.
Sonja Palfner und Ulla Tschida, die die D-Grid-Initiative aus einer techniksoziologischen Perspektive beforschen, rücken in ihrem kurzen Beitrag für die Zeitschrift Technikfolgenabschätzung die Frage nach dem Verhältnis zwischen den Fachgemeinschaften und den Entwicklern ins Zentrum, eine Frage also, die sich zwangsläufig auch der Bibliothekswissenschaft stellt. Denn einerseits sind wissenschaftliche Bibliotheken grundsätzlich ebenfalls Dienstleister für die Wissenschaftspraxis. Und andererseits sind Digitale Bibliotheken durch und durch informatische Ensemble. Die Entwicklung Digitaler Bibliotheksdienstleistungen, die sinnvollerweise konsequent mit dem Ziel der tatsächlichen Inanspruchnahme durch die Bibliotheksnutzer erfolgen muss, bewegt sich folglich in einem Spannungsverhältnis ähnlich dem, das die Autorinnen anhand von drei Konstellationstypen aufschlüsseln.
Beim ersten Typ dominiert die Fachwissenschaft die Informatik. Die Entwickler sollen passgenaue Dienste nach den Bedürfnissen und Ansprüchen der Wissenschaftler entwickeln. Das Problem dabei liegt jedoch in der Dynamik exakt dieser Ansprüche. Die Autorinnen betonen, dass „ein etablierter Service […] durch die Forschung selbst quasi ständig aus der bekannten Routine gerissen werden [kann].“ (S. 53)
Geht man von einer idealtypischen Wissenschaft, also einem permanenten Erkenntnisfortschritt mit sich verschiebenden Forschungshorizonten aus, dann ist das nicht einmal ein Kann-Zustand, sondern elementar: Es gibt in der Wissenschaft bestenfalls zeitweilige Stabilisierungen und Konsolidierungen in Routinen, die aber naturgemäß je nach Überarbeitung der Thesen, Forschungsfragen und Erkenntniszielen eher früher als später selbst infrage gestellt werden. Dauerhafte Routinedienste für die Wissenschaft sind hierbei bestenfalls im Sinne von Basiskonzepten und vor allem von Standards für Begleit- und Nachweisdienste (Forschungsdokumentation, Datenarchivierung), also metawissenschaftlich, denkbar. Je konkreter die Forschungspraxis und das dazu entwickelte Werkzeug (bzw. je näher an der so genannten Forschungsfront), desto zwingender wird auch eine Weiter- oder gar Neuentwicklung dazugehörender Anwendungen werden.
Was bleibt, sind Lessons-Learned- und Best-Practice-Erkenntnisse, die den jeweiligen Anpassungen zugrunde liegen. Bei einer engen Verzahnung von Bibliothek bzw. Dokumentation mit Forschungsprojekten wäre es beispielsweise ein Embedded Librarian, der mit einem diesbezüglichen Erfahrungswissen hinzugezogen wird und eine Grundsolidität der für ein Projekt notwendigen technischen Begleitdienste garantiert. Und der vielleicht entscheidet, ob auf etablierte Anwendungen zurückgegriffen werden kann/sollte oder Neu- bzw. Weiterentwicklungen unumgänglich sind. Denn ohne Zweifel gibt es trotz des oben Gesagten weite Bereiche der Wissenschaftspraxis, die methodische Nachnutzungen auch aus (wissenschafts-)ökonomischer Sicht als pragmatische Lösung zweckmäßig erscheinen lassen. Wer mit Projektwissenschaft vertraut ist, weiß, dass ein kompromissloses Streben nach neuer Erkenntnis in der Praxis eher die Ausnahme als die Wissenschaftsregel darstellt. Offen bleibt dennoch auch dann, ob bzw. wann man die Forschungsfrage den zur Verfügung stehenden Werkzeuge anpasst oder Werkzeuge zur Forschungsfrage entwickelt. Pauschal ist sie in einer hochdifferenzierten Wissenschaftswelt nicht zu beantworten.
Die zweite Konstellation bezeichnen die Autorinnen als „Service in the making“ und meinen vermutlich einen Ansatz im Einklang mit der beschriebenen Entwicklung: Eine Softwarelösung wird konkret für ein Problem oder einen Forschungsansatz entwickelt. Entwicklerkapazitäten wären unmittelbar und auf Augenhöhe mit den fachwissenschaftlichen Kapazitäten in ein Projekt einzubinden.
Für Bibliotheken könnte man analog eine permanente Interaktion mit den Bibliotheksnutzern parallel stellen. Hier wäre also direkt eine Bibliothekswissenschaft angesprochen, die die Praxen und Entwicklungen in der Wissenschaftskommunikation systematisch analysiert und zu Hinweisen und Leitlinien für die Praxen und Entwicklungen im Bibliothekswesen weiterverarbeitet. Wenn der Bibliothekswissenschaft in diesem Zusammenhang eine Aufgabe zufällt, dann die, den Akteuren der wissenschaftlichen Literatur- bzw. Informationsversorgung – vorrangig aber eben nicht nur Bibliotheken – Orientierungswissen zur Verfügung zu stellen.
Der dritte Konstellationstyp invertiert schließlich das Verhältnis des ersten. Die fachwissenschaftliche Herausforderung dient hier nur als Aufhänger für die Produkt- oder Serviceentwicklung. Die Autorinnen sprechen von der „Materialisierung des informatischen Erkenntnisgewinns.“ (S. 53) Löst man dies von der Wissenschaftspraxis ab, findet man sich schnell im Bereich kommerzieller Software-Entwicklung, zum Beispiel bei Social-Media-Anbietern, die Erkenntnisse der Sozialen Netzwerk-Analyse benutzen, um die Algorithmen hinter ihren Plattformen zu optimieren.
In der Realität finden sich die Konstellationen selten trennscharf ausgeprägt. Vielmehr dürften sie sich selbst dynamisch entwickeln. Persönliche Motivationen dürften ebenso wie Ressourcenlagen und bestimmt auch Opportunitätsüberlegungen eine wichtige Rolle bei der Ausprägung der Schwerpunkte in diesem Wechselspiel zwischen Fachwissenschaftlern und Entwicklern einnehmen. Zumal auf einer Individualebene in der Praxis häufig Doppelrollen übernommen werden. Nicht selten dominieren Akteure, die sowohl einen fachwissenschaftlichen wie auch einen informatischen Hintergrund besitzen. Kombinationsstudiengänge fördern korrespondierend solch interdisziplinäre Grundausrichtungen, wobei sich die wissenschaftssoziologische Überlegung anschließt, inwieweit sich hierdurch bestimmt wissenschaftliche Eliten gezielt etablieren (können). Angesichts der wahrscheinlichen Intensivierung von Verfahren aus den so genannten Digitalen Geisteswissenschaften (bzw. Digital Humanities) ist so beispielsweise die Kombination einer geisteswissenschaftlichen Abschlusses mit einem computerwissenschaftlichen berufsstrategisch sicher eine bessere Wahl, als sich allein beispielsweise auf die Literaturwissenschaft zu konzentrieren. Interdisziplinarität meint in der heutigen Wissenschaftslandschaft möglicherweise weniger den Spagat zwischen zwei Disziplinen und mehr den zwischen einer fachwissenschaftlichen (theoretischen) und einer wissenschaftspraktischen Qualifikation.
Welche der drei Konstellationen sich tatsächlich wie entfaltet, lässt sich naturgemäß durch die Begleitforschung erst im Nachgang eines Projektes abschließend ermitteln. Sie kann aber fraglos, analog u. a. zur Diskursanalyse, die bestimmte Trends in sich konkret vollziehenden Diskursen zu erkennen und zu konstatieren und so auf den Diskurs Einfluss zu nehmen vermag, schon während der Durchführung eines Projektes, feststellen, wie sich Verteilungen entwickeln (Dominanz der Fachwissenschaft oder Dominanz der Informatik) und auf Abweichungen von einer angestrebten Ideallinie in diesem Verhältnis mit dem Ziel einer Korrektur hinweisen. Dies setzt selbstverständlich voraus, dass entsprechende Schwerpunkte und auch Parameter zwischen den Beteiligten ausgehandelt wurden. Beziehungsweise mitunter sogar, dass zunächst einmal ein Verständnis für die soziologische Grundierung dieses Verhältnisses zwischen Wissenschaft und Service für die Wissenschaft besteht. Also eine Sensibilität für die soziale Bedingtheit der Beziehung zwischen dem forschenden Menschen und den technischen / technologischen Dispositiven (Infrastrukturen, Bibliotheksdienste, Software) seiner Forschung sowie denen, die für die Bereitstellung und Entwicklung dieser Dispositive zuständig sind (Rechenzentren, Bibliotheken, Entwickler).
( Ben Kaden / Berlin / 07.01.2013 )
(Anmerkung: Ben Kaden ist aktuell wissenschaftlicher Mitarbeiter im TextGrid-Projekt.)
Daten und Wolken. Über die Verortung von Rechenzentren.
Anmerkungen zu:
Susan Alpsancar: Cloud. In: Marquardt, Nadine; Schreiber, Verena (Hg.) (2012): Ortsregister. Ein Glossar zu Räumen der Gegenwart. 1. Aufl. Bielefeld: Transcript. S. 64-69
Sonja Palfner, Gabriele Gramelsberger: Rechenzentrum. In: Marquardt, Nadine; Schreiber, Verena (Hg.) (2012): Ortsregister. Ein Glossar zu Räumen der Gegenwart. 1. Aufl. Bielefeld: Transcript. S. 231-236
von Ben Kaden
Dass das Wort Bibliothek mit einem Ort assoziiert wird, ist unstrittig – trotz aller Versuche, sie digital aufzulösen nicht zuletzt dank diverser Neubauten aber vermutlich auch generell. Für Rechenzentren gilt das nur begrenzt. Als konkreter Ort ist die Bezeichnung näher an bestimmten Aufbruchsbildern der Wissenschaft irgendwo zwischen den 1950er und den 1980er Jahren als an gegenwärtiger Wahrnehmung und angesichts der eminenten Bedeutung dieser Einrichtung scheint die Rechenzentrumsforschung z.B. als Teil der Techniksoziologie eher wenig präsent.
Je mehr die Rechner Alltagswerkzeuge wurden, desto unspektakulärer wurde das Rechenzentrum als Ort, zumal die aufgestellte Hardware in der direkten Betrachtung wenig Fläche für emotionale Bezüge bietet. Dann doch lieber die Cloud, die, wie Susan Alpsancar schreibt, „mit dem Ungreifbaren gleichzusetzen“ ist, aber metaphorisch gerade deshalb einen ganz anderen Kosmos entfaltet. Das Cloud-Computing, auf das wir über die Displays der gewichtsoptimierten Endgeräte zugreifen, hob das Rechnen scheinbar aus dem wuchtigen Rechenboxen in eine schwerkraftlose Wolkenwelt. Von einem „neue[n] Hype unter Computervisionären“ zu sprechen ist im Jahr 2012 schon fast überholt. Dennoch lohnt der Beitrag Susan Alpsancars im Sammelband „Ortsregister“ als grundlegende Annäherung, denn dass „[b]eim Cloud-Computing […] kommerzielle Anbieter die IT-Kapazitäten [bündeln und monopolisieren]“ ist ein zweifellos beachtenswerter Nebeneffekt. Und dies sollte allen, die ihr expliziertes Leben in die Cloud schieben, bewusst sein.
Strukturell hat die Cloud mit dem aus der datenintensiven Forschung stammenden Grid-Computing das Prinzip der verteilten Verarbeitung von Prozessen gemeinsam. Zudem lagert man auch die eigenen Datenbestände weitgehend aus, so dass das Tablet oder das Smartphone mehr oder weniger zu Varianten transportabler Terminals werden. Susan Alpsancar sieht diese Praxis als doppelt nicht-örtlich: Wir legen die Daten in einem für uns räumlich unbestimmbaren „Irgendwo“ ab, um sie von einem ebenfalls unbestimmten „Überall“ abrufen zu können. Und mehr noch: Je stärker wir Soziale Netzwerke wie Facebook nutzen, um unsere Identität abzubilden, desto intensiver verlagern wir auch unsere sozialen Beziehungen in diese Strukturen. Diese entwickeln sich demnach mehr oder weniger zu einem Hybridphänomen aus virtueller Identitätskartei und digital auflösbarem Kommunikationsort werden. Ganz risikolos ist die soziale Schwerelosigkeit und die unserer Daten nicht. Die Anker (oder auch Fußketten) sind in der Abhängigkeit von den konkreten Anbietern zu finden, die im Zweifel, so ist jedenfalls zu befürchten, ihr Geschäftsmodell über die Bedürfnisse der einzelnen stellen. Es sei denn, rechtliche Rahmenbedingungen setzen hier deutliche Grenzen.
Die werden bisweilen wieder ganz klassisch vom geographischen Standort des jeweiligen Servers bestimmt. Der zweite Fall, an dem uns die nach wie vor gegebene Tatsächlichkeit des konkreten Speicherortes bewusst wird, ist der Ausfall. Susan Alpsancar bemerkt, „dass die Frage nach dem »wo« der Daten nur dann relevant wird, wenn die gewöhnliche Nutzung unterbrochen wird. Wenn etwa eine technische Störung vorliegt oder Sie Ihre Daten in andere Aufenthaltswahrscheinlichkeitsräume bringen wollen.“
Doch selbst wenn sich dann die Grenzen der Cloud bzw. des Cloud-Computing herauskonturieren, weiß der Facebook-Nutzer vor seinem ratlosen Endgerät immer noch nicht, in welchem Teil der Erde sich seine Daten eventuell nach wie vor, aber für ihn unerreichbar gespeichert befinden.

Dass das Rechenzentrum als abstrakter und meist nicht wahrgenommener, in gewisser Weise nebulöser Ort erscheint, ist heute verständlich. Aber auch relativ neu. Denn als die Datenverarbeitung noch etwas war, was nahezu automatisch mit dem Schlagwort Big Science verknüpft war, wusste jeder der in diesen Kontext aktiv Eingeweihten, welches Gewicht auch hinsichtlich des Ressourcenaufwands in den entsprechenden Rechenzentren steckte. Man kann nun entgegnen, dass die Eingeweihten bzw. mit dem Betrieb solcher Einrichtung berufsmäßig betrauten das auch heute selbstverständlich sehr genau wissen. Und es den Nicht-Eingeweihten traditionell ziemlich gleich war, wo das nächste Rechenzentrum ist. Die Verschiebung liegt nun darin, dass heute auch die meisten Nicht-Eingeweihten zutiefst von Rechenzentren abhängig sind, dies jedoch nur bedingt realisieren, wenn sie die Vorzüge der Cloud genießen, zu denen unbedingt auch gehört, dass man nichts über sie wissen muss und sie trotzdem benutzen kann.
Die Trennung der Geräte zur Datenspeicherung und -verarbeitung und zur Nutzung andererseits ist ein vergleichsweise junges Phänomen, das sich erst mit dem Internet als Medium der rückkoppelnden Datenübertragung wirklich massentauglich entfalten konnte. Dadurch aber, dass die nach wie vor vorhandene und notwendige rechnende Großmaschinerie in der Wahrnehmung hinter den graphischen Nutzeroberflächen verschwindet, fehlt uns auch ein Gefühl für diese:
„Möglicherweise greift hier auch eine Profanisierung des Rechenzentrums als Dienstleistungseinrichtung und eine damit einhergehende Unsichtbarmachung von Arbeit in der Traditionslinie des »stummen Dienens«, ein Übersehen dieses Ortes.“
Jedenfalls nutzerseitig ist diese Einschätzung von Sonja Palfner und Gabriele Gramelsberger vollauf nachvollziehbar. So wie wir in der Regel nicht genau wissen, wie andere elementare Alltagsinfrastrukturen (Strom, Warmwasser) zu den jeweiligen Schnittstellen laufen und wie die transportierten Inhalte verarbeitet, aufbereitet und transportiert werden (Wasserwerk, Leitungssystem), so merken wie auch hier erst, dass es sie gibt, wenn sie nicht mehr funktionieren, also zum Beispiel der Gehsteig aufgegraben ist, um ein gebrochenes Rohr freizulegen. Oder, wenn wir plötzlich, warum auch immer, von der Nutzung ausgeschlossen werden und so irritiert wie folgenlos am Wasserhahn drehen.
Entsprechend ist das Rechenzentrum für die Autorinnen durchaus ein Ort, „der Bestehendes herausfordert“ und zwar einfach deshalb, weil wir schlichtweg abhängig von ihnen wurden und sie daher als Verwaltungsknoten unserer Kommunikationen auch Werkzeuge der Macht sind. Um dies zu verstehen, schlagen die Autorinnen eine „Archäologie des Rechenzentrums“ vor und wer hier Foucault als Stichwortgeber liest, liest richtig. Leider fordert der Charakter des Sammelbandes als Glossar eine Kürze ein, die zwar die Etappen der Entwicklung abbildbar macht, aber offensichtlich eine Tiefenanalyse über die Sensibilisierung qua Deskription für diese unvermeidliche Bindung hinaus ausschließt.
Die Nachzeichnung des Verlaufs der Beziehung zwischen Rechenzentrum und Wissenschaft ist dennoch interessant. Zunächst (1950er Jahre) entstanden in bestimmten disziplinären Kontexten für konkrete Anwendungen so genannte Rechenstellen. Diese hatten im Prinzip den Status eines Labors, waren also fest in die Wissenschaft eingebunden. Sukzessive wurden sie jedoch zu eigenständigen Größen, die generell EDV-Dienstleistungen für die sie betreibenden Einrichtungen zu erfüllen hatten. Diese Spezialisierung führte zu einer Entkopplung von der Wissenschaftspraxis:
„Labore, Werkstätten und Forschungsbibliotheken sind Räume des Forschens, die von Wissenschaftlern und ihren Gegenständen bewohnt werden. Rechenzentren sollten dies nicht sein.“
Während die Erkenntnisproduktion an anderen Orten stattfand, blieb den Rechenzentren die Organisation der entsprechenden Infrastruktur, was bis zur Beschaffung von EDV für die einzelnen Hochschulinstitute reichte und entsprechend einiges Konfliktpotential barg. Mit Grid und Cloud jedoch wandert wenigstens die datenintensive Wissenschaftspraxis wiederum in die Rechenzentren (ab). Deren Kapazitäten dienen nicht mehr nur der Organisation eines E-Mail- oder Publikationsservers. Vielmehr stellen sie nun die direkte Basis für die Bearbeitung bestimmter Forschungsfragen. Sie übernehmen in gewisser Weise die Rolle, die man sonst wissenschaftlichen Bibliotheken zuschreibt und werden der Ort, an dem sich weite Teile der Erkenntnisproduktion vollziehen und abbilden.
Je stärker die „epistemische Praxis“ der „berechnenden Vorhersage“ zur Zentralgröße der Wissenschaft expandiert, desto größer wird die Rolle der Rechentechnik. Mittlerweile, so führen die Autorinnen aus, werden teilweise Berechnungen dem Laborexperiment vorgeschaltet. Dieses beginnt erst dann, wenn ein entsprechendes Design digital erstellt und als funktionierend ausgerechnet wurde. Es geht also nicht nur um den Einsatz von Rechentechnik für statistische bzw. quantitative Analysen. Die Technologie prägt zusätzlich in bestimmten Bereichen unmittelbar Forschungsdesign und somit auch die epistemologische Praxis. Der Vorteil ist eine zielgenauere Forschung. Der Nachteil ist womöglich eine Verengung der Sichtfelds der Wissenschaft nach den Maßstäben dieser technischen Dispositive.
Man muss heute nicht mehr betonen, dass digitale Basiskompetenzen – in disziplinär unterschiedlicher Konkretisierung – zur Wissenschaft gehören. Für aktuell im Studium befindliche Generationen ist das erfahrungsgemäß selbstverständlich. Was jedoch in diesen Lehrplan integriert gehört, ist die Praxis der kritischen Reflexion über die Reichweite und Grenzen der Technologie. Also, raummetaphorisch gesprochen, die Befähigung, das Rechenzentrum und seine Leistungen in der Wissenschaftslandschaft zweckgemäß zu verorten.
(Berlin, 06.12.2012)
Das Dokument in Bitstromlinienform. Sarah Dudeks Thesen zur Zukunft des Dokuments.
zu Sarah Dudek (2012): Die Zukunft der Buchstaben in der alphanumerischen Gesellschaft. Text und Dokument unter digitalen Bedingungen. In: Bibliothek Forschung und Praxis 36 (2), S. 189–199.
Online verfügbar unter
http://dx.doi.org/10.1515/bfp-2012-0023
.
Preprint:
http://www.b2i.de/fileadmin/dokumente/BFP_Preprints_2012/Preprint-Artikel-2012-AR-2799-Dudek.pdf
)
von Ben Kaden
Ein Fach wie die Bibliotheks- und Informationswissenschaft, von dem Bibliotheks- und Informationspraxis und wenn es gut läuft auch noch andere Teile der Gesellschaft neben der Ausdeutung von Vergangenheit und Gegenwart auch Handlungsanweisungen für ihre Zukunftsplanung erwarten können, muss sich zwangsläufig mit Prognostik auseinandersetzen.
Entsprechend zahlreich findet sich das Wort „Zukunft“ in den aus dem Fach hervorgehenden Publikationen. Allein das Korpus des LIBREAS-Weblogs enthält grob gezählt 550 Erwähnungen. Unter anderem auch deshalb, weil wir uns mit der Zukunft von gestern befassen. (Die Zukunft von gestern. Ein Beitrag zur Open-Access-Debatte aus dem Jahr 1996. / Die Zukunft elektronischer Datennetze aus dem Blickwinkel des Jahres 1980. / Dietmar Daths schießpulverne Zukunft des Internet aus dem Jahr 2002. / Bibliographie als Utopie. Zu einer Position aus dem Jahr 1896. ) Das Feld ist dankbar und ergiebig, vermag doch die Beurteilung im Blick zurück mit einem nachsichtigen Lächeln leicht all das aufdecken, was stimmte und noch leichter das, wo man sich einst irrte.
Schwieriger verhält es sich mit gegenwärtigen Blicken in die Zukunft. Denn weder der, der die Zukunftsentwürfe aufzeichnet, weiß, was tatsächlich geschehen wird, noch der, der an diese Thesen glauben oder eben nicht glauben möchte. Andererseits bleiben uns doch zwei Aspekte, die eine Einschätzung der Plausibilität von Zukunftsskizzen stützen: Einerseits die zugeschriebene Wahrscheinlichkeit, die man in gewissem Umfang aus der Gegenwart und vergangenen Entwicklungslinien abschätzen kann. Und natürlich die Tatsache, dass bestimmte Richtungsentscheidungen für die Zukunft, die im Heute fallen, erst durch den Diskurs um die Zukunft ihre Orientierung erhalten. Spielen die richtigen Parameter mit den richtigen Argumenten gut zusammen, gibt es wirklich so etwas, wie selbsterfüllende Prophezeiungen. (weiterlesen…)
Bibliographie als Utopie. Zu einer Position aus dem Jahr 1896.
Zu:
Frank Campbell: The Bibliography of the Future. (In: Peter R. Frank (1978): Von der systematischen Bibliographie zur Dokumentation. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft. (Wege der Forschung; Bd. 144), S.124-142 / Original: Frank Campbell: The Theory of National and International Bibliography. London, Library bureau, 1896. Sec. II. No. 3, S. 243-259
Ben Kaden
I
Sowohl die Unkonferenz frei<tag> 2012 wie auch die LIBREAS Summer School in diesem Jahr ließen für uns in guter wissenschaftlicher Sitte mehr offene Fragen als schlüssige Antworten zurück. Das ist nur zu begrüßen, sind doch Fragen seit den Urzeiten exzellente Sensibilisierungselemente der systematischen Erkenntnisfindung.
Dass Fragen neu auftreten bedeutet jedoch nicht zugleich, dass sie auch wirklich neu sind. Meist reicht ein kurzer Blick in die Geschichte des Faches, um sich dessen zu vergewissern. Als Beispiel mögen heute Frank Campbells 1896er Überlegungen zur Bibliografie der Zukunft (wohlgemerkt: der Zukunft des Jahres 1896) dienen. (weiterlesen…)
It’s the frei<tag> 2012-Countdown (27): Unleserlichkeit / Illegibility. Pamela M. Lee über Meyer Schapiro
von Ben Kaden
„Then I will be very happy: write furiously rapid notes …” (Brief Meyer Schapiro an Lilian Schapiro, 21.Juli 1927. Zitiert nach Daniel Esterman (Hrsg.): Meyer Schapiro abroad: letters to Lillian and travel notebooks. Los Angeles: Getty Research Institute, 2009. S. 96)
Pamela M. Lee, Kunst- und Kulturwissenschaftlerin in Stanford, befasst sich in ihrem Aufsatz für die Documenta (100 Notizen – 100 Gedanken, No. 030. Ostfildern: Hatje Cantz, 2011) mit einem Thema, dass jedem nahe steht, der wild denkt und seine Notizen nach wie vor nicht nur als diszplinierten (=maschinenlesbaren) Code in Twitterfeeds und Smartphone-Apps einträgt, sondern auf Papier fixiert: Der Unleserlichkeit.
Und die Autorin setzt mit einem beneidenswerten Optimismus ein:
„[…] wenn wir auf Notizen stoßen, und vor allem, wenn diese unleserlich sind, ob nun von anderen oder von uns selbst verfasst, beginnen wir, ihre Funktion bei der Überlieferung, ihre offenkundige Rolle als Niederschrift zu hinterfragen.“ (S. 16)
Viel mehr bleibt uns mangels Zugang zum gefassten Inhalt ja auch nicht übrig. Informationstheoretisch handelt es sich bei unleserlichem Text dieser Art eigentlich nur um Rauschen. Dass die Auseinandersetzung mit diesem gesonderte intellektuelle Produktivität stimuliert, uns also eventuell gar berauscht, kann ich persönlich kaum nachvollziehen. Gerade bei meinen eigenen Notizen überfällt oft eher eine Katerstimmung und ich ärgere mich, von der Motorik anscheinend nur die groben Züge als genetische Mitgift erhalten zu haben.
Aber wenn wir im Essay weiterlesen und Pamela Lees eigentliche Perspektive zur „Semiotik der Unleserlichkeit“ erfassen, wird es ein wenig heller. Denn sie liest das Unleserliche in der Tat nicht auf den eigentlichen Inhalt, sondern als Verweis auf den dahinterstehenden Denkprozess, also auf eine Situierung vollzogener intellektueller Aktivität. Der Federstrich (oder die Ballpoint-Linie) stehen für die Verkörperung des Bemühens, einem Gedanken oder Eindruck Form zu geben. Und damit öffnet sich ein großer Analyseraum, der viel über die spezifische geistige Arbeit der jeweils analysierten Einzelakteure offenbaren kann. Oder ihre präferierten Schreibwerkzeuge. Oder über den Ort, an dem sie Notizen verfertigen (Eine Notiz, die auf einer Straßenbahnfahrt entsteht zeigt selbst in derselben Handschrift andere Züge und mitunter auch die Spur eines abrupten Bremsens.) Pamela Lee zieht für die Analyse sich selbst sowie den Kunsthistoriker (und zeitweiligen Redakteur von Semiotica) Meyer Schapiro heran:
„Die Untersuchung beginnt in meiner eigenen Bibliothek. Ich nehme ein Buch aus dem Regal […] [das] ich mir vor über zwanzig Jahren als Studentin gekauft habe. Beim Durchblättern stoße ich auf Passagen, die energisch unterstrichen und mit Sternchen markiert sind. Die wenigen leeren letzten Seiten des Buchs sind mit allen möglichen Notizen in unterschiedlichen Schriftarten gefüllt. […] Das Ganze sieht aus wie ein […] verfehltes Experiment in Konkreter Poesie.“ (S. 17/18)
Aus diesem Eindruck stellt sich ihr (zum ersten Mal) die Frage, aus der sich die Eingangsthese speist, nämlich welchen Zweck eigentlich Notizen haben (können), die sich der Leserlichkeit (zu unterscheiden von der Lesbarkeit) entziehen? Was also ihren Wert jenseits der inhaltlichen Aussage bestimmt?
Rein semiotisch gedacht betrachten wir damit die mögliche Deutbarkeit solcher Spuren als (genuin) indexikalische Zeichen. Sie referenzieren direkt auf akteurs- und kontextspezifische Eigenschaften, also eine besondere pragmatische Dimension: die Erzeugung von Spuren. Orientieren wir uns an Peirce berühmtem Beispiel des Fußabdrucks am Sandstrand bei Robinson Crusoe, dann zeigt sich natürlich auch eine verwischte Randbemerkung als „mixed sign“ mit verschiedenen Verweisebenen: Von der Tatsache der Lektüre an sich bis hin zum abstrakten Konzept der Annotation. Das alles aufzudröseln ist freilich keine Sache von wenigen Seiten und so sieht man Pamela Lee nach, dass sie es in ihrem Aufsatz unterlässt.
Lieber greift sie – mit einem kurzen Umweg über Sigmund Freud –nachvollziehbar zu Jacques Derrida und sieht in ihren Supplementen am Textrand eine Verstärkung (man könnte auch sagen: den Beweis) der Anwesenheit des Lesers. Die in der Regel immer als Code leserlichen Annotationen und Markierungen (Like-Button) der digitalen Kommunikationswelt enthalten naheliegend zahllose Anknüpfungspunkte für das Weiterdenken dieser Präsenztheorie. Dieses müssen wir ebenfalls selbst leisten, denn Pamela Lee steigt weiter ins Archiv Meyer Schapiros. Dabei formuliert sie die ebenfalls mehrschichtige Frage, was wir eigentlich erwarten, wenn wir uns mit den Nicht-Publikationen – also Notizen, Briefen, Entwürfen und Manuskripten – eines Wissenschaftlers befassen?
Sie unterscheidet zwei Ziele:
(1) Das Auffinden von Material zum Stützen einer Hypothese.
(2) Die „Hoffnung […], zu unserem Thema etwas vollkommen Neues und Merkwürdiges zu entdecken – etwas, das früheren Interpretationen den Boden entzieht und zu einem Wechsel kanonischer Paradigmen führt.“ (S. 19) Also im Prinzip ein Beleg zum gnadenlosen Wegschlagen der Stützpfeiler einer Hypothese.
Als dritte Option würde ich als Freund der Serendipity noch die Variante des Findens der Grundlage für die Ausfertigung einer Hypothese betonen. Und die vierte Variante führt Pamela Lee wieder selbst ins Feld, nämlich „über den Notizen einer historischen Figur zu grübeln und festzustellen, dass sie kaum brauchbare Informationen abwerfen“. (ebd.) Aber vielleicht stattdessen die Forschungsfrage umwerfen. In der Auseinandersetzung mit Archivmaterial langsam aber unvermeidlich in Richtung einer grundlegenden Falsifikation des eigenen Forschungsansatzes zu rutschen, ist womöglich eine der grausamsten Facetten wissenschaftlicher Alltagsarbeit.
Meyer Schapiros Nachlass zwang nun Pamela Lee ein wenig in die Knie, ist doch „die Unleserlichkeit ein wesentliches Merkmal seines Archivs“ (S. 20). Und: „Die Menge der Notizen, die sich im Lauf eines Lebens angesammelt haben, ist beängstigend, und ihre schwere Lesbarkeit ist einschüchternd.“ (S. 21) Dazu kreist über allem die immer wieder berühmte Kinderfrage Gottfried Benns: Wozu?
Pamela Lee differenziert sich diese in Fortführung der bereits anhand ihrer eigenen Notizen aufgekommenen Überlegungen und eröffnet damit ein wunderbares archivwissenschaftliches Forschungsfeld, das dabei helfen könnte, über die Kriterien des Bewahrens zu reflektieren:
(1) Worin liegt der praktische Zweck dieser „besonderen Sammlung von Notizen, deren überwältigende Mehrheit unentzifferbar ist“? (ebd.)
(2) „Welcher Art von Wissen vermitteln oder produzieren diese Notizen?“ (ebd.)
(3) „Wie sollen wir sie nutzen?“ (ebd.)
(4) „Wie hat Schapiro sie genutzt?“ (ebd.)
Doch auch die Antworten darauf bleiben eher Andeutungen von Antworten.
Das Konvolut im Archiv und seine Verfasstheit ließen sich sicher selbst als Dokument und Dokumentation sehen, die geradewegs andere Aspekte (die konkrete Arbeitsweise, die Entwicklung der Arbeitsweise) in den Mittelpunkt einer Analyse rücken. Pamela Lee betont denn auch den generellen historiografischen Wert der Sammlung. Das einzelne Element erscheint ihr jedoch als Träger von „Codes ohne Botschaft“. Also als buchstäblich sinnlos.
Möglicherweise aus dem Widerstreben, eine solche Einschätzung einfach stehen zu lassen, dehnt sie anschließend das Phänomen der Unleserlichkeit zum „faktischen Widerstand gegen ihre Unterordnung unter die Vernunft.“ (ebd.) Damit holt sie schon ziemlich weit und wird sich irgendwann auch selbst nicht mehr einholen.
Wenn sie nämlich schließlich die selbe Unleserlichkeit, dieses „Zeichen für die Irreduzibilität der Notizen, für das Scheitern des leichten Konsums“ als (implizit geäußertes) Ausleben des Widerstands gegen die Illusion einer Semiotik als Werkzeug zur „bruchlosen Interpretation“ und die „Überdeterminiertheit ikonografischer und textueller Lesarten“ anführt, dann wirkt das zwar sehr sympathisch und ich wünschte, ich könnte meine Notizbücher als Subversion (mutmaßlich auch gegen mein eigenes Denken) lesen.
Aber solch eine nachgeschobene Selbstrechtfertigung ist wenig glaubwürdig. Und in gleicher Form wirkt Pamela Lees Schlussfolgerung wenigstens in dem vorliegenden Essay eben auch als Notlösung, um aus dem Scheitern an der Handschrift noch irgendetwas Begreifbares heraus zu meißeln.
Das Lob der Widerspenstigkeit gegen die Vereinnahmung und das Postulieren eines „unbeabsichtigten Affront gegen den Druck, unter dem intellektuelle Arbeit heutzutage [sic!] stattfindet“ angesichts unleserlicher Mitschriften, die während der Second International Conference on Semiotics (12. bis 19.09.1967 in Kazimierz na Wisla) entstanden, erscheinen doch eine Drehung zu wohlwollend (bzw. psychologisierend). Denn möglicherweise hat sich Meyer Schapiro auch einfach nur ein bisschen während der Vorträge gelangweilt. Unglücklicherweise – für den Aufsatz – beginnen die Leser spätestens an dieser Stelle Funktion und Rolle dieses Aufsatzes zu hinterfragen.

Unleserlichkeit ist ein Anagramm von Urteilchen Silke (und vice versa) und wie diese Zeichenkette nur schwer hinsichtlich einer Bedeutung entzifferbar. Aber gerade Geistesarbeiter in den tiefen Stollen der Handschriftenarchive begeben sich, mit welcher Motivation auch immer, dennoch regelmäßig in diese ermüdende Sinnsuche in den Textspuren der Anderen. All diesen ist das nachfolgende Gedicht gewidmet, das zeigt, wie nahe Wissenschaft, Romantik und die Urgründe des Daseins einander stehen (können).
Nur zwei Dinge (Wissenschaftsremix)
Durch so viel Spuren gegraben,/durch Text und Bild.. Und nu`?/
Was uns noch bleibt, ist verzagen./Und die ewige Frage: wozu?/ Das ist eine Kinderfrage./ Dir wurde erst spät bewusst: / es gibt nur eines: ertrage /
– ob These, Gesetz, Forschungsfrage – / dein fachbestimmtes: Du musst. /
Ob Lee, Schapiro, ob Kaden, /wer etwas per Hand schreibt, verschmiert, /
es gibt nur zwei Dinge: die Lagen / und das drauf verzeichnete Hier.
Dass eine Form von Wissenschafts-Fadesse Meyer Schapiro nicht zwingend fremd gewesen sein muss, deutet immerhin auch eine Passage in dem bereits eingangs zitierten Brief an Lilian an:
„The minuteness of such work becomes ridiculous […] that I despair of its seriousness. […] I know that after 1000 monographs have exhausted a million details, their blurred image will make a fine picture for the people who are taken by those things, May they be taken by other things. The professional habit becomes so strong that vanity is reinforced each moment by simple success of its preoccupations. The humility of unpaid, unsung scholarship is a foolish tale: I am overwhelmed by the libraries of the world which surely contain 10,000,000 monographs – & the books, stores & quais […] What business man has the circulation of a poor thesis? the discussion, the review, the endless citation & recollection of his existence in footnotes & polemics?” (ebd.)
Vielleicht ist Pamela Lee also doch auf der richtigen Fährte und die Unleserlichkeit der privaten Notizen Meyer Schapiros diente als ein in die Zukunft gerichtetes Bollwerk um zu verhindern, dass irgendwann noch das kleinste Detail zum Forschungsgegenstand erhoben wird. Nun denn – der Aufsatz als Tatsache (nicht unbedingt sein Inhalt) zeigt: Diese Schanze hielt ganz offensichtlich nicht stand.
Berlin, 17.07.2012

Einen Kommentar schreiben