LIBREAS.Library Ideas

Ist community-led and need-based librarianship die bibliothekarische Antwort auf die soziale Frage?

Posted in LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 23. März 2014

Karsten Schuldt

Zu: Pateman, John ; Williment, Ken / Developing Community-Led Public Libraries : Evidence from the UK and Canada. Farnham ; Burlington, VT : Ashgate, 2013

John Pateman und Williment Ken setzen in Developing Community-Led Public Libraries dazu an, Öffentlichen Bibliotheken eine Arbeitsweise vorzuschlagen, die dazu führen soll, dass Bibliotheken vor allem die Bedürfnisse von sozial Ausgegrenzten bedienen. Beide gehen davon aus, dass dies notwendig wäre und stützen sich dabei auf die Ergebnisse aus zwei grösseren Projekten; einmal der Arbeitsgruppe, die in den frühen 2000er Jahren im Auftrag der damaligen Labour-Regierung in Grossbritannien Fragen der sozialen Exklusion und Inklusion im Bezug auf Öffentliche Bibliotheken untersuchte (und dabei den damals recht weit beachteten Bericht „Open to All?“ veröffentlichte) und das andere Mal auf das „Working Together Project“, welches in Kanada Möglichkeiten der sozialen Inklusion durch Bibliotheken erprobte. Beide Autoren waren in diesen Projekten aktiv involviert, Pateman in „Open to All?“ und Williment im „Working Together Project“; Pateman hat zudem in den Jahren zuvor und danach oft zu diesen Fragen publiziert und ist heute aktiv in „The Network“, einem losen Zusammenschluss von Personen, die sich mit Fragestellungen der sozialen Exklusion und Bibliotheken, Archiven und Museen beschäftigen (www.seapn.org.uk). Das Buch baut auf diesen Erfahrungen auf.

In einem ersten Schritt kritisieren die Autoren die zumeist unternommenen Versuche von Bibliotheken, auf soziale Fragen zu reagieren. Zwei Punkte heben sie dabei besonders hervor.

Erstens seien die meisten Angebote, auch die zahlreichen Outreach-Programme, auf der Vorstellung universell gültiger Informationsbedürfnisse aufgebaut: Alle Menschen würden praktisch die gleichen Informationen in ähnlichen Varianten bedürfen. Deshalb würden Bibliotheken vor allem darüber nachdenken, wie sie Zugang zu Informationen schaffen können und anschliessend diesen Zugang in einem „Take it or Leave it“-Ansatz bereithalten. Würden sozial Ausgeschlossene diese Angebote nicht annehmen, so die Kehrseite dieser Programme, gelte dies dann eher als deren eigene Entscheidung, aber nicht als Problem der Bibliothek. Pateman und Williment betonen hingegen, dass Menschen je nach ihrem sozialen Status sehr unterschiedliche Informationsbedürfnisse hätten und Bibliotheken auch auf sehr unterschiedliche Weisen für diese Menschen relevant werden müssten. Ein reines Angebot würde oft dazu führen, dass gerade diejenigen Personen, welche den das Angebot entwerfenden Bibliothekarinnen und Bibliothekaren ähnlich sind, dieses nutzten, da es passgenau mit ihren Interessen und Verständnis der Bibliothek wäre. Oder anders, immer noch im Duktus des Buches: mittelständische Bibliotheken würden Angebote für den Mittelstand entwerfen, gleichzeitig aber der Meinung sein, Personen aus anderen Sozialschichten hätten damit die gleichen Zugangsmöglichkeiten.

Zweitens kritisieren Pateman und Williment, dass die meisten bibliothekarischen Aktivitäten von den Bibliotheken für andere Personen entworfen werden, nicht mit anderen Personen. Dies würde dazu führen, dass sich Bibliotheken Informationsbedürfnisse anderer Menschen vorstellen würden, auf die dann mit bibliothekarische Angeboten reagiert würde; anstatt Angebote zu schaffen, welche auf die tatsächlichen Interessen und Bedürfnisse zum Beispiel der Community um die Bibliotheken herum eingehen würden.

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Lösungsansatz

Als Antwort auf diese Kritiken entwerfen die Autoren eine need-based und community-led Bibliotheksarbeit. (Wobei Pateman die Vorstellung eines needs-based library service schon früher dargelegt hat, beispielsweise in Pateman, John (2003) / Developing a needs-based library service. Leicester : National Institute of Adult Education.) Beide halten sehr viel von diesem Ansatz, welcher grundsätzlich die beständige Einbeziehung der Community, für welche die Bibliothek zuständig ist, in die Planung und Evaluation der Bibliothek bedeutet. Für sie ist klar, dass ein solcher Ansatz die Bibliothek grundsätzlich verändert.

„Once needs have been identified and prioritized they can be met by using a community development approach. This is very different from an outreach approach which simply takes library services (which have been designed, planned, delivered and evaluated by library staff) out of the library and into community settings. A community development approach is based on creating meaningful and sustained relationships with local communities, while acknowledging that the community is the expert on its members’ own needs. Library staff become listeners rather than tellers, and staff and community co-produce library services. Community-led work ist not prescriptive, which is a mayor strength, as it is highly adaptable and applicable to all contexts and communities which librarians are working in, or could working in.” [Pateman & Williment 2012: 2]

Beide Autoren sind erkennbar sozialdemokratisch geprägt. Durchgängig wird sich positiv auf sozialdemokratisch Werte und die Labour-Regierungen in Grossbritannien bezogen, gleichzeitig von den konservativen beziehungsweise konservativ-liberalen Regierungen, die bei der Publikation des Buches in Grossbritannien und Kanada an der Macht waren, gewarnt. Zudem scheint in früheren Werken Patemans eine mindestens oberflächliche Marx-Lektüre durch. In Übereinstimmung damit sehen Pateman und Williment die community-led Bibliotheksarbeit als politische Bibliotheksarbeit an.

„A needs-based and communitiy-led approach enables library services to be targeted at the underserved and the library becomes an agent of social change and social justice.” [Pateman & Williment 2012: 2]

Ein community-led Bibliotheksansatz sieht mehrere Schritte vor:

  1. Consulation (mit der Community, für welche die Bibliothek tätig sein soll)
  2. Needs based assement and research (einer auf den Interessen der Mitglieder der Community basierenden Recherche über die tatsächlichen Lebensverhältnisse und damit auch Informationsinteressen dieser Community)
  3. Library image and identity (hier vor allem die Frage, wie die Bibliothek tatsächlich von denen wahrgenommen wird, die sie unterstützen soll, wobei Pateman & Williment vor allem unterschiedliche Formen von sozialen Barrieren ansprechen)
  4. outreach, community development and partnerships (die Entwicklung und Pflege derselben)
  5. ICT [Information and Computer Technology] and social exclusion (hier vor allem die Frage, wie Bibliotheken zum Teil selber technische Barrieren mit aufbauen)
  6. Materials Provision (die Auswahl des Bestandes, wobei die Autoren weiterhin eine „viktorianische“ Vorstellung von der sozialen Kontrolle der „deserving poor“ durch eine professionelle Elite als Grundlage der heutigen durchgeführten Bestandsauswahl beschreiben, einer Vorstellung, die es zu überwinden gälte)
  7. Staffing, recruitment, training and education (die Frage, welches Personal in den Bibliotheken vorhanden ist und welches Personal eigentlich benötigt wird, um community-led zu arbeiten)
  8. Mainstreaming and resourcing for social exclusion (hiermit ist gemeint, dass die Arbeit gegen soziale Exklsion in der Bibliothek als normaler Teil der Bibliotheksarbeit etabliert werden soll, nicht als Projekt am Rande)
  9. Standards and monitoring of services (hier ist die Ausrichtung von Evaluationen der Bibliotheksarbeit auf die Interessen und Bedürfnisse der Community gemeint)

Die Artikel des Buches folgen dieser Liste. Ausser dem einführenden und zwei abschliessenden Kapitel sind alle anderen neun Kapitel ähnlich aufgebaut. Sie beginnen mit einer kurzen Erläuterung des jeweiligen Punktes, führend dann Erfahrungen aus Grossbritannien an, welche den Punkt unterstützen sollen, anschliessend solche aus dem kanadischen Programm, um dann jeweils mit einer kurzen Liste von Handlungsempfehlungen für Bibliotheken zu diesem Punkt abzuschliessen. Insoweit ist ein Grossteil des Buches zusammengesetzt aus Berichten, Zitaten und Erfahrungsberichten aus anderen Texten. Stellenweise liesst sich dies wie ein aus mehreren Quellen zusammenkopierter und mit kurzen Überleitungen zusammengehaltener Text.

New Labour revisited

Zudem sind die angeführten Beispiele und Erfahrungen (die als „Evidence“ verstanden werden) nicht immer überzeugend. Zumindest nicht als reine Fakten. Vielmehr sind sie Teil einer politischen Begründung von Bibliotheksarbeit. Es sind oft Herleitungen. Zum Beispiel nutzen wenige kanadischen Ureinwohnerinnen und Ureinwohner die Bibliotheken oder auch weniger Menschen mit bestimmten Migrationshintergründen, als nach ihrer Anzahl in den beiden Ländern zu erwarten wäre; deshalb ist offenbar die Bibliotheksarbeit, die geleistet wird falsch. So ungefähr funktionieren die meisten Herleitungen. Das kann überzeugen oder auch nicht, aber es sind keine Fakten, wie sie gerne im betriebswirtschaftlich orientierten Reden von „Evidence“, „Evaluation“ und so weiter angedacht werden.

Dieses Problem ist im Buch selber angelegt: Die gesamte Rhetorik ist geprägt von betriebswirtschaftlichen Vokabeln, gleichzeitig wollen Pateman und Williment vor allem darstellen, dass die Realität komplexer, verwirrender, schwieriger (messy) ist, als in dieser Rhetorik angelegt. Nur wer diese Realität wahrnimmt, könne auch direkt mit der Communities zusammenarbeiten. Aber solche Komplexität ist nicht vorgesehen in einer Rhetorik, die klare Anweisungen und einfache, übertragbare Konzepte erfordert. Dies erinnert alles stark an die Rhetorik der Sozialdemokratie in den frühen Jahren des 20. Jahrhundert. Deshalb ist das Buch als ganzes auch nicht überzeugend, beziehungsweise ist es nur dann überzeugend, wenn man der gleichen politischen Meinung ist wie die beiden Autoren – die damit gar nicht hinter dem Berg halten. Aber alles, jedes Projekt, jeder Hinweis, wird von den Autoren irgendwie in die aktuelle Rhetorik integriert, ohne dass das unbedingt notwendig wäre. Dies geht soweit, dass behauptet wird, dass eigentlich alles, was community-led librarianship ausmacht, schon in aktuellen Konzepten von Bibliotheken vorliegen würde. Zum Beispiel wird die Funktionen einer oder eines community development librarians beschrieben (einer Person, die in die community geht, dort rumhängt, Kontakte aufbaut, nicht mit den Eliten, sondern den Personen vor Ort), nur um zu behaupten, dass dies wenig mehr als eine spezifische Form des liason librarians wäre. Gleichzeitig aber betonen Pateman und Williment beständig, dass sich praktisch alles ändern muss, die Leitung der Bibliotheken in die Hand der Communities gelegt werden und diese bei ihrer Entwicklung begleitet werden müssten. Ein Widerspruch, der aber auch dazu beträgt, dass sich das Ganze oft wirklich wie ein Dokument der Sozialdemokratie unter Tony Blair oder Gerhard Schröder liesst, nur bezogen auf Öffentliche Bibliotheken – und im Jahr 2012.

Dabei sind die einzelnen Punkte, die im Buch angesprochen werden, nicht einmal uninteressant, ebenso ist die Kritik, die immer wieder an der heutigen Bibliothekspraxis geäussert wird, nicht vollständig ohne Belang. Immer wieder finden sich spannende Ergebnisse oder auch Anregungen. Der Grossteil dieser interessanten Teile ist allerdings aus anderen Texten der beiden Autoren zusammengetragen. Beispielsweise findet sich eine Tabelle, die mögliche Formen des Engagements mit der Community um eine Bibliothek systematisiert (von Passiv über Reactive, Partizipative und Empowerment zu Leadership [durch die Community]) (S. 24) oder eine Tabelle, welche die unterschiedlichen Informationsverhalten von sozial inkludierten Personen (selbstständig, aktiv) und sozial exkludierten Personen (getrieben, im eigene sozialen Netzwerk, ohne Vertrauen in offizielle Institutionen) gegenüberstellt (S. 51). Für solche Stelle lohnt sich das Lesen des Buches.

Fazit: Auf zur Diskussion

Ein anderer Grund das Buch trotz seiner Schwächen zu lesen ist sehr einfach, dass sich sonst kaum jemand wirklich mit der Fragestellung beschäftigt, wie Bibliotheken mit sozialer Exklusion umgehen beziehungsweise gegen sie vorgehen sollen. Sicherlich; das was Pateman und Williment vorschlagen, ist wenig mehr, als zu akzeptieren, dass Bibliotheken bislang zu dieser Exklusion mit beitragen, dass sie sich verändern müssen und anfangen müssen, sich so umzugestalten, dass sie für die sozial Ausgegrenzten relevant werden. Und zwar mit den Ausgegrenzten, nicht für sie. Well, maybe so. Aber dies alleine ist noch lange nicht der grosse Wurf, den die Autoren im Vorwort ankündigen, es ist eher eine politische Position in einem Bibliothekswesen, dass oft unpolitisch sein will und gerne das, was es schon macht, weitermachen möchte. Anders gesagt ist dieses Buch eine Erinnerung daran, dass das gesamte Thema Armut, soziale Exklusion und Bibliotheken wenig bearbeitet ist (obwohl die Armut nicht verschwunden ist) und dass es nötig sein kann, klare Positionen zu beziehen. Trotz der Hinweise für eine community-led Bibliotheksarbeit, die in jedem Kapitel enthalten sind, ist das Buch eher eine sinnvolle Aufforderung zu Diskussion, die angenommen werden sollte und hat wohl weniger direkten Bezug auf die Praxis.

Activist Librarians and Archivists

Posted in LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 10. März 2014

Karsten Schuldt

Zu: Morrone, Melissa (edit.) / Informed Agitation : Library and Information Skills in Social Justice Movements and Beyond. Sacramento : Library Juice Press, 2014

„Yes, our work is inherently political, because we make choices every day in large and small ways that show who it is that we are truly serving. If we don’t consciously make our choices, we’ll end up serving those who are easiest to serve, with the resources and services that are easiest to provide. We can and should do more by focusing on seeing and hearing our community (including people that we don’t yet work with) and proactively including, welcoming and serving them in the particular ways that they need. By ‘proactively including,’ I mean reading out to and building relationships with all members of the community, so that we can listen to them about their needs and interests and let them know what content and service we have that might be of use to them.” (Vacteon, Jude: Inside and Outside of the Library: On Removing Barriers and Connecting People with Health Care Resources and Zines. In: Morrone 2014: 147-160, 149)

“I’d like to see an awareness of political nature of our work, and I’d like to see people in the field take responsibility for that – in the general discourse in the field, in library school programs, and in our workplace. I’d like to experience a safer and more vital atmosphere for these types of conversations, not a fear- oder apathy-filled work culture when it comes to the basic questions of what we’re doing and who we’re doing it for. All of the denial and resistance to political conversations dissipate energy and rob us of opportunities to genuinely serve everyone, and to serve them in a way that helps create joy and crucial change.” (Vacteon 2014, 158f.)

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Informed Agitation ist kein wirklich gutes Buch, aber es ist eines, dass gerade in den deutschsprachigen Bibliothekswesen von Interesse sein kann, weil es etwas aufzeigt, dass in der bibliothekarischen Diskussion so nicht offensichtlich wird: Es gibt eine sehr langlebige Tradition sehr politischer, explizit linker (beziehungsweise im US-amerikanische Sprachgebrauch, in dem politische Begriffe anders besetzt sind, „radical“ oder „activist“) Bibliotheks- und Archivarbeit. Sowohl innerhalb als auch ausserhalb der offiziellen Einrichtungen (oder oft auch sowohl – als auch). Mellissa Morrone, die Herausgeberin dieses Buches, geht sogar davon aus, dass der Eindruck, Bibliotheksarbeit wäre politisch linke Arbeit, ausserhalb der Bibliotheken weit verbreitet ist. Sie berichtet im Vorwort davon, wie sie, schon als sie als Studentin anfing, einer Organisation auszuhelfen, welche die Bibliothek in einem Federal Prison für Frauen unterstützt, ständig auf Leute traf – dem Pfarrer, der das Gefängnis mit betreut, Leute auf Parties – welche Bibliothekarinnen und Bibliothekare als „radical“ und aktivistisch begriffen. Dabei, so Morrone, ist das kein Eindruck, welcher im Bibliothekswesen stark vertreten wird. Es gibt allerdings eine ganze Reihe von oft nicht weithin auffälligen Initiativen, die sich mehr oder minder mit politischen Positionen identifizieren, einige organisiert, beispielsweise in der Progressive Librarians Guild, andere eher lokal orientiert. Zudem existiert eine kleine Tradition, über die Arbeit dieser Initiativen zu publizieren. Morrone selber, die sich als Bibliothekarin und als activist begreift, fand diese „linke“ Bibliotheks- und Archivarbeit unterrepräsentiert. Deshalb gibt es jetzt Informed Agitation, eine aktuelle Textsammlung von Aktiven aus diesen Organisationen, fast alle aus den USA, mit einem starken Fokus auf New York City, einige aus Kanada, Grossbritannien und Neuseeland. Erschienen ist es bei Library Juice, immerhin dem Verlag, bei dem man solche Publikationen erwartet.

Ein solches Buch lebt selbstverständlich von den aktuellen linken Gruppen und Diskursen und allen ihren Vor- und Nachteilen. Und es gibt viele Nachteile. In Informed Agitation wird zum Beispiel – erstaunlich bei diesen Titel – überhaupt nicht für oder gegen bestimmte politische Positionen und Themen argumentiert. Sie werden zumeist einfach als gegeben präsentiert. Wer sich mit Ihnen nicht identifizieren kann, wird mit den Texten oft weniger anzufangen wissen. [Zum Beispiel findet sich ein Text von Aktiven aus der Boykott-Israel-Bewegung, die im englischsprachigen Diskurs unter Aktiven akzeptiert ist, aber in den deutschsprachigen linken Szenen spätestens seit den 1990er Jahren – meiner Meinung nach vollkommen zu Recht – als antisemitisch ausgeschlossen ist. Deren Text kann ich kaum ernstnehmen. Ähnlich wird es Anderen bei Texten gehen, in denen zum Beispiel ein anarchistisches Archiv in Philadelphia vorgestellt wird, welches explizit kein Material an die Archive der beiden Universitäten der Stadt, die als gierig angesehen werden (die Unviersitäten), übergeben will.] Man bemerkt zudem immer wieder die postmodernen politischen Diskurse, welche das schreibende Individuum in den Mittelpunkt stellen. Nahezu alle Texte reflektieren über die Positionen der Person oder Personen, welche den Text schrieben: „ich habe dies so und so entschieden“, „wir machen das so und so“.

Dabei suchen die meisten Texte einen direkten Anschluss an aktuelle bibliothekarische oder archivalische Debatten. Die soziale Verantwortung der Bibliotheks- und Archivarbeit wird betont und aus ihr eine politische Aufgabe abgeleitet, mehrere Beispiele von Archiven verweisen darauf, dass diese sich der Verantwortung stellen müssten, nicht nur die Geschichte des Staates zu repräsentieren, sondern aktiv die Geschichten der Ausgeschlossenen in das Archiv zu holen. Fast durchgängig führen die Aktiven ihre Arbeit auf die Aufgaben von Bibliotheken und Archiven zurück; mehrfach wird auch betont, dass Bibliotheken eine für den Kapitalismus erstaunliche Einrichtung darstellen würden, da sie Zugang für alle ermöglichen würden. („Part of what makes librarianship so exciting is this ontological question about its politics. The Library is so mainstream, yet also so… socialist.“ Morrone, Meliassa: Introduction. In: Morrone 2014: 1-7, 2)

Für die deutschsprachigen Bibliothekswesen scheint eher die inhärente Fragestellung, ob die Bibliotheks- und Archivarbeit wirklich politisch ist oder ob nicht eher bestimmte Beispiele bibliothekarische und archivalische Prinzipien auf politische Gruppen und Fragestellungen anwenden werden, interessant. Dass das Buch immerhin 21 Texte zum Thema einwerben konnte, hat auch etwas mit der Grösse des englischen Sprachraumes (und New York Cities) zu tun. Wer genau sucht, wird aber auch in Berlin, Wien, Hamburg, Zürich und einigen anderen Städten auf ähnliche Projekte stossen,[1] immerhin ist die im Buch präsentierte Auswahl ziemlich weit. Die Spannbreite reicht von Archiven, welche unterrepräsentierte Gruppen (die libanesisch-stämmige Bevölkerung in North Carolina), die anarchistische Bewegung oder soziale Auseinandersetzung (Welfare Rights Initiative, Metropolian Council for Housing, Occupy Wall Street, alle NYC) dokumentieren, über die Occupy Wall Street Library und Bibliotheksservices für Frauen in einem Gefängnis, über mehrere Texte zum Sammeln von Zines bis hin zu einer Mailingliste für Housing, die Selfidentified Queer Woman of Colour and their Allies dienen soll und von einer Bibliothekarin betrieben wird [das Beispiel zeigt schon bei der Beschreibung, wie sehr die aktuellen politischen Diskurse in die Texte einfliessen] sowie einem, jetzt eingestellten, Informationsdienst über Möglichkeiten der medizinischen Versorgung für Unversicherte. Obwohl einige dieser Initiativen spannend sind, ist wohl eher die Aufforderung interessant, diese Arbeiten, wenn sie auch nur zum Teil in „offiziellen“ Bibliotheken und Archiven stattfinden, als eine Einheit zu sehen, über deren Bedeutung und Voraussetzungen zu reflektieren wäre.

Ansonsten sind die Texte leider selten so anregend, wie man vielleicht erhoffen würde. Sie sind oft sehr speziell, sind oft recht langatmig geschrieben oder aber, weil sie politisch sein wollen, in ungewöhnlichen, nicht immer hilfreichen Formen. Beispielsweise ist der Text zum Women’s Prison and Reintegration Commitee durchmischt mit einzelnen Statements von Aktiven der Gruppe und Frauen, welche die Gefängnissbibliothek, welche dieses Commitee betreibt, nutzen – manche mit Bezug zum Text, manche ohne. Dies soll unterschiedliche Stimmen hörbar machen, aber es trägt nicht unbedingt zum Lesefluss bei.

Alles in allen also eher ein Buch, dass zur eigenen Reflektion und Verortung aufruft, keines, dass wirklich überzeugt.

Fussnote

[1] Zum Beispiel APABIZ (Berlin), Anarchistische Bibliothek und Archiv (Wien), Hamburger Studienbibliothek (Hamburg), Infoladen Kasama (Zürich).

Anmerkungen zur Information Literacy

Posted in LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 28. November 2013

Karsten Schuldt

Zu:

  • Accardi, Maria T. ; Drabinskis, Emily ; Kumbier, Alana (edit.) (2010) / Critical Library Instruction : Theories and Methods. Duluth, MN : Library Juice Press, 2010
  • Accardi, Maria T. (2013) / Feminist Pedagogy : for Library Instruction. Sacramento, CA : Library Juice Press, 2013
  • Gregory, Lua ; Higgins, Shana (edit.) (2013) / Information Literacy and Social Justice : Radical Professional Praxis. – Sacramento, CA : Library Juice Press, 2013

Information Literacy scheint in den englischsprachigen Bibliothekswesen1 keinen ganz so grossen Platz einzunehmen, wie es in den deutschsprachigen Bibliothekswesen die Informationskompetenz tut. Dennoch, oder vielleicht gerade deshalb, erscheinen in einiger Regelmässigkeit im englischsprachigen Bibliothekswesen Beiträge, die sich kritisch mit Information Literacy auseinandersetzen. Diese Literatur wird in den deutschsprachigen Bibliothekswesen bislang ebenso selten wahrgenommen wie die restliche Literatur zu Information Literacy. Dies ist zu bedauern, da sie einen tiefen Einblick in tatsächliche Praxis der Information Literacy Instruction und das Unwohlsein mit dieser bei einer relevanten Anzahl von aktiven Bibliothekarinnen und Bibliothekaren sowie Forschenden erlaubt. Dabei lehnt kaum einer dieser Beiträge die Idee ab, dass Menschen besser mit Information umgehen können sollten. Sie stellen allerdings tiefgreifende Fragen an die Konzepte und impliziten Annahmen um Information Literacy, welche dazu beitragen können, über dieser Praxis nachzudenken und sie besser zu gestalten, wobei eine Diskussion notwendig wird, was „besser“ eigentlich heissen soll. Auffällig ist an diesen Texten, dass sie sich zumeist sehr klar daran orientieren, die Arbeit von Bibliotheken für die Nutzerinnen und Nutzer so zu gestalten, dass diese am Ende sinnvoll mit Informationen umgehen können, gleichzeitig aber immer wieder Zweifel daran äussern, ob Information Literacy – insbesondere in der Form von definierten Standards – der richtige Weg ist. Zudem beschreiben sie bibliothekarische Arbeit beständig als Arbeit, welche dem sozialen Gegebenheiten nicht entkommen und deshalb, gewollt oder nicht, immer auch politisch ist.

Für alle, die ihre Arbeit im Bezug auf Information Literacy oder Informationskompetenz nicht als reine Werbemassnahme verstehen, kann diese Literatur vor allem Irritationen auslösen, die dazu beitragen kann, die eigene Haltung zu diesen Themen klarer zu fassen. Sicherlich muss man sich dazu darauf einlassen, die eigene Haltung zu reflektieren und gegebenenfalls zu verändern, auch muss man damit umgehen, dass sich diese kritische Literatur nicht auf ein Thema oder eine Aussage reduzieren lässt, sondern selber widersprüchlich ist. Aber das ist die Aufgabe solcher Literatur und, selbst wenn man am Ende jeden Punkt der vorgebrachten Kritiken ablehnen sollte, die beste Möglichkeit, mehr über die bibliothekarische Praxis nachzudenken und sie sinnvoll zu gestalten.

Die drei hier besprochenen Werke sind prägnante Beispiele für diesen Trend. Sie sind allesamt im gleichen, für seine kritischen Bücher zur Bibliothekspraxis bekannten, Verlag erschienen. Library Juice Press ist einer der bevorzugten Orte für solche kritischen Interventionen in bibliothekarische Diskurse. Dies führt dazu, dass in diesen Werken sowohl die profundeste als auch die weitgehendste Kritik geäussert wird. Man kann sie als den radikalen Pol dieser kritischen Strömung ansehen. Nicht alle Texte, die sich kritisch zu Praxis um die Information Literacy äussern, gehen so weit, wie die hier besprochenen. Allerdings: Je vehementer der Widerspruch, umso mehr ist aus ihm zu lernen.

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Critical Pedagogy, Paulo Freire

Insbesondere die beiden Sammlungen Critical Library Instruction : Theories and Methods (Accardi, Drabinskis & Kumbier, 2010) und Information Literacy and Social Justice : Radical Professional Praxis (Gregory & Higgins, 2013) versammeln Texte, welche sich regelmässig auf Critical Pedagogy berufen, wobei unter dieser eine Anzahl von Ansätzen zusammengefasst wird. Grundsätzlich ist diesen, dass sie eine Pädagogik meinen, welche das Ziel hat, den Lernenden zu helfen, im Lernprozess ein kritisches Bewusstsein zu entwickeln. Dieses Bewusstsein soll ihnen ermöglichen, über die Nutzung von Informationen als reine Fakten hinausgehend, mit Informationen kritisch, reflektiert und mit einer umfassenden Analyse umgehen zu können. Es geht den Schreibenden um Empowerment; darum die Lernenden in die Lage zu versetzen, sich selber zu äussern und aktiv zu werden. Viele, aber nicht alle, verstehen Critical Pedagogy als Form, um sozialen Aktivismus zu unterstützen oder auszulösen. Andere stellen die Frage, ob das Publikum, welches Information Literacy Instructions erhält wirklich die Personen sind, welche in sozialem Aktivismus partizipieren werden. Duke, Ward & Burkert (2010) sehen kritisches Bewusstsein beispielsweise als notwendig für ein unterstützendes Arbeiten von Special Needs Teachers in abgelegenen Siedlungen in Alaska – welche sie weiterbilden – an und beschreiben dieses Bewusstsein explizit politisch:

Critical consciousness is characterized by the ability to recognize and take action against the multiple forms of privilege and oppression that contribute to social, political, and economic injustice. [...] When the awareness of oppression (i.e., critical consciousness) begins, so, too, begins the struggle for liberation ([Trask, H. (1999). From a native daughter. Colonialism and sovereignty in Hawai'i. (Revised ed.) Honolulu, Hi : University of Hawai'i Press]).“ (Duke, Ward & Burkert, 2010, 115)

Eine Reihe von Autorinnen und Autoren der besprochenen Bücher berichtet über Lernende, die sozial benachteiligten Gruppen angehören. Diese betonen mehrfach, das kritisches Bewusstsein und Information Literacy zusammengehörten.

“Liberatory education practices are closely related to and complementary with the goals of information literacy instruction. Community colleges are committed to fostering critical thinking skills in their students, and both critical pedagogy and information literacy provide methodologies for fabricating that goal.“ (Keer, 2010, 157)

Gleichzeitig erhalten immer noch vor allem Studierende, die, bei aller sozialen Mischung, in den letzten Jahren wieder verstärkt aus den privilegierten gesellschaftlichen Schichten stammen, Information Literacy Instructions. Gleichwohl betonen die Schreibenden, dass auch diese kritisches Bewusstsein benötigen würden, um überhaupt mit wissenschaftlicher Literatur und Informationen umgehen zu können. In gewisser Weise postulieren die Schreibenden, dass ein sinnvoller Umgang mit Informationen erst dann möglich ist, wenn Lernende in der Lage sind, die Produktionsbedingungen dieser Informationen und damit die Gesellschaft inklusive ihre Ambiguitäten zu verstehen. Information Literacy Instructions, welche sich an den gegebenen Standards orientieren, seien dazu nicht in der Lage.

“Students may be unaware of the dialogic quality of the sources they use, but the researchers, theorists, and practitioners who produce them generally are not. A student may view a source as an absolute authority to which they must passively defer, as in the banking model of education, or they may view it as an embodied voice in a conservation, one that occupies a position in space and time and thus a political perspective in relation to real problems in the world. Librarians are not in a position to notice the difference between banking and problem-posing kinds of research if they see themselves merely providing materials to students, delivering items from point A to point B.” (Kopp & Olson-Kopp, 2010, 57)

Das in diesem Absatz angesprochene Gegensatzpaar Banking Model of Education vs. Problem-Posing liegt den meisten dieser Kritiken zugrunde. Es stammt von Bildungspolitiker und -theoretiker Paulo Freire, der in den 1960er und 1970er Jahren mit seiner Arbeit bei Alphabetisierungsprogrammen in Brasilien, später – als Flüchtling nach dem Militärputsch 1964 – unter anderem als Berater in verschiedenen internationalen Organisationen seine Theorie der Critical Pedagogy ausarbeitete. (Freire, 1970)

Grundsätzlich beschreibt Freire die herkömmliche Pädagogik als Banking Model („Bankiersmethode“), bei dem Wissen als Objekt verstanden würde, das zu weiterem Wissen hinzu addiert werden könnte. Die Lernenden würde in diesem System die benötigten Wissensstücke erhalten, speichern und mechanisch anwenden, aber nicht verarbeiten oder verstehen. Diese Methode, die er als Grundlage von Schulen und Hochschulen ansieht, würde die Lernenden dazu erziehen, Wissen als gegeben hinzunehmen und nicht selbstständig zu nutzen. Dem gegenüber stellt er das problembasierte Lernen, bei welchem die Lernenden in einem aktiven Dialog Wissen dadurch erwerben, dass sie es gemeinsam hinterfragen, auf ihre eigene Situation beziehen und dazu ermutigt werden, ihrem eigenen Wissen und ihren eigenen Entscheidungsfähigkeiten zu vertrauen. Freire liess dieses Konzept in den brasilianischen Alphabetisierungskampagnen anwenden. Auf deren Erfahrungen baute er auf, als er in den 1970er Jahren beim World Council of Churches arbeitete. Obgleich er heute in der deutschsprachigen pädagogischen Diskussion kaum mehr rezipiert wird, fungiert er im englischsprachigen pädagogischen Diskussionen weiterhin als Referenz. So auch für einen Grossteil der Autorinnen und Autoren der hier besprochenen Bücher.

Ein Hauptvorwurf vieler Texte an das aktuelle Verständnis von Information Literacy – vor allem niedergelegt in den Information Literacy Competency Standards for Higher Education der Association of College & Research Libraries, welche beständig den Referenzpunkt für weitere Standards und Policies darstellen – ist, dass es letztlich ein Beispiel des Banking Models wäre. Es würde die Prozesse des Umgang mit Informationen auf reine Techniken beschränken und somit Lernende dazu zu erziehen suchen, mechanisch Informationen als Objekte zu verstehen.

Pankl & Coleman (2010) beschreiben beispielsweise eine Situation, in der eine Studierende am letzten Tag vor der Abgabe eines Papers die Bibliothekarin mit der Behauptung angeht, über ihr Thema gäbe es keine Literatur. In folgendem, längeren Abschnitt führen Pankl & Coleman (2010) dieses Denken auf ein falsches Verständnis von Information zurück, welches durch Information Literacy Instructions, die sich auf die Vermittlung von Techniken beschränken, verstärken würde.

“The fundamental problem in such scenario is that the student has failed to properly conceptualize the research process and lacks the cognitive sophistication to articulate and imagine her topic in a manner that is meaningful and dialectical. The hypothetical student truly believes that academic researcher is merely a process of punching some random terms into an electronic apparatus and then receiving, perhaps by the will of God, a magical and sizable list of sources that are all perfectly relevant to what she is writing about (and, ideally, these sources all have titles that closely match her own title). Such situations are attributable to education that is bound and constraint to positivism. Positivism is the belief and practice that valid knowledge is objective, empirical, and static. Unfortunately positivism is the dominant paradigm for most educational efforts in the U.S. and has been since the Enlightenment. Educational systems within the U.S. are committed to marketing knowledge as something outside of the individual, and treat individual’s fundamental character as instrumental rather than imaginative and creative. Such an educational ideology produces agents that are incapable and, for the most part, unwilling to construct their own knowledge – knowledge that might in turn liberate them form the tyranny of facts.

Critical pedagogy attempts to combat the positivistic stranglehold on the educational system. Its fundamental project is to emancipate all people from overt and hidden forms of oppression by denaturalizing dominant ideologies and systems as historically produced human constructs that are far reaching in their impacts and, perhaps more importantly, subject to change.” (Pankl & Coleman, 2010, 3f.)

Battista (2013) postuliert ebenso, dass Information Literacy, die auf Techniken reduziert würde, einen negativen Effekt auf das Lernen und Denken von Studierenden hätte.

“When students see the completion of an assignment as the chief goal of seeking information, they lose the ability to see themselves as participants in public discourse, and they fail to imagine ways that they can grow their information sources to serve them beyond a singular task that occupies them. […]

Because information literacy is a fluid ethic, we must depart from task-driven models of instruction and treat inquiry as a process that hinges on how well we build information networks.” (Battista, 2013, 88)

Während sich zahlreiche Texte auf Paulo Freires Theorien – und einigen Theorien, die Freires Theorie weiterschrieben – stützen, sind die Einschätzungen sehr unterschiedlich. Ein Teil der Schreibenden wirft der Praxis der Information Literacy vor allem vor, die eigenen Versprechen nicht einzuhalten. Diesem Problem sei mit eine Critical Pedagogy, insbesondere dem Problem Based Learning beizukommen. Ein anderer Teil, der grösste, postuliert, dass insbesondere die in der englischsprachigen Welt verbreiteten Standards für Information Literacy hoffnungslos dem Banker Model verhaftet seien. Auch dem sei mit Critical Pedagogy beizukommen, allerdings in andere Weise: Die bisherige Praxis der Information Litercay Instructions und die Zielsetzungen dieser Praxis sollten vollkommen geändert werden. Eine weitere Anzahl von Texten, allerdings die kleinste, geht über diese Kritik hinaus.

Ist die Information Literacy neoliberal?

Information Literacy als Modell stellt, so die weitestgehende Kritik, ein neoliberales Konzept dar. Diese Kritik wird vor allem in Gregory & Higgins (2013) wiederholt geäussert. Neoliberalismus wird dabei definiert als Ideologie, welche die sozialen Verhältnisse als Marktverhältnisse beschreibt, beispielsweise Menschen allein als Trägerinnen und Träger von anrechenbaren Fähigkeiten versteht, welche von diesen in rein rationalen Wegen zur Steigerung der eigenen Marktfähigkeit eingesetzt würden. Grundsätzlich sehe der Neoliberalismus den Marktprozesse als alleinigen Aushandlungsort von gesellschaftlichen, sozialen und ökonomischen Prozessen an. Diese Ideologie würde eine Gefahr darstellen für Demokratie, soziale Sicherheit und die staatlichen Funktionen. (Seale, 2013; Enright, 2013; Lilburn, 2013)

Information Literacy, so wie es heute verstanden wird, sei im Zuge der Durchsetzung der neoliberalen Ideologie entstanden und folge dieser. Dieser zeitliche Zusammenhang sei kein Zufall, vielmehr wäre Information Literacy ein neoliberales Projekt. Die Theorie des Human Capital sei der Information Literacy eingeschrieben. (Seale, 2013) So sei das neoliberale Subjekt – also die einzelne Person, die so reagieren würde, wie sich dies ideologisch vorgestellt wird – immer rational handelnd und auf die eigene Profitmaximierung ausgerichtet. Ebenso würden in den Standards zur Information Literacy Personen verstanden.

“The argument that I wish to finally advance here is not only that the information literate is the neoliberal subject par excellence, but is structured around the notion of human as homo economicus. Indeed, in all of the policy the information literate is always conceptualized as a rational, self-interested individual who can recognize ‘the need for information’ and continually ‘re-evaluates the nature and extent of the information need.’” (Enright, 2013, 32)

Die Standards für Information Literacy würden den Einzelpersonen die alleinige Verantwortung für diese Literacy zuweisen und damit die realen Ungleichheiten überdecken. Die Literacy sei von allen gleich gut zu erwerben und anzuwenden, wenn dies nicht geschieht, sei dies dies Schuld der jeweiligen Individuums.

“The ALA Presidental Commitee’s Final Report [(American Library Association Presidental Committee on Information Literacy (1989). Final report), welcher das aktuelle Verständnis von Information Literacy das erste Mal skizzierte und als Grundlage für die folgenden Policies und Standards gilt] duplicates this [die neoliberalen Vorstellungen der Regierungen Reagan, USA und Thatcher, GB] more and shifts the blame for social and economic inequalities onto the very individuals disempowered by those inequities; if an individual cannot find a well-paying job, it is because she or he has not actively pursued information literacy. The report wholeheartedly rationalizes and supports the adoption of neoliberalism that occurred during the 1980s.” (Seale, 2013, 49)

Diejenigen Texte, welche diese Kritik formulieren, gehen davon aus, dass der Neoliberalismus als Ideologie sich in der Krise befände. In zahlreichen Wissenschaftsfeldern hätten sich kritische Forschungsrichtungen etabliert, welche diese Krise und die Auswirkungen der Ideologie untersuchen würde. In der Library and Information Science, insbesondere im Bezug auf Information Literacy, sei dies nicht der Fall. Zwar würde verstärkt Kritik an der Gesellschaft in seiner ihrer jetzigen Form geübt, aber diese Kritik würde Information Literacy als Konzept nicht tangieren. Vielmehr sei Information Literacy zu einem in sich selbst geschlossenen Diskurssystem geworden, welches Kritik nur noch innerhalb des Systems zulässt, andere Kritik, welche die Grundannahmen nicht teilt, als irrelevant erscheinen lässt.2

“And yet despite the resurgence of critique, most critical research in LIS still tends to stop short at formulating any explicit critique of capitalist social relations thereby deemphasizing the relationship between 21st century librarianship, the expansion of capital and the resultant forms of discipline and control developing from capital’s late modern augmentation. The failure to link LIS with a broader critique of capitalism has resulted in a research program that fails to connect with the real, ‘everyday life’ constraints emerging from the ‘information society’ and driven by capital and its social relations. Sadly, the failure to position LIS within a systematic critique of capitalism also gives rise to an insufficient form of critique that consistently fails to scrutinize the central tenets of LIS practice by dislocating its historical specificity from the socio-economic context in which they are necessarily embedded.” (Enright, 2013, 16)

Der Neomarxismus des Autors ist kaum zu übersehen. In seiner Radikalität weist er aber – selbst dann, wenn der neomarxistische Anteil abgelehnt wird – auf eine wichtige Frage hin, die im Rahmen der Information Literacy nicht gestellt wird: Was für Menschen wollen Bibliotheken mit Information Literacy erziehen und welche Gesellschaft stellen sie sich dabei vor? Information Literacy, dass machen diese kritischen Texte schnell deutlich, ist weder frei von gesellschaftlichen Voraussetzungen noch rein objektiv. Es ist als Diskurs zu einem bestimmten Zeitpunkt entstanden – trotz Vorläufern verorten diejenigen Autorinnen und Autoren, die sich damit beschäftigen, diesen Beginn zumeist auf die erste Hälfte der 1990er Jahre – und trägt selbstverständlich die Grundannahmen der damaligen Gesellschaft in sich. Die hier angeführten Texte leiten daraus ab, dass Information Literacy mit den Diskursen der frühen 1990er Jahre verbunden ist. Der Schritt ist dann folgerichtig: Wenn in den frühen 1990er Jahren der Neoliberalismus als Ideologie dominierte und in die Information Literacy Standards und Policies eingeschrieben wurde, gleichzeitig diese Ideologie sich heute praktisch in einer Krise befindet, dann stellt sich die Frage, warum sich die Information Literacy als Diskurs und Praxis nicht auch in der Krise befinden sollte.

“When considering the meaning and purpose of information literacy, librarians must decide on the form of citizenship promoted through their teaching. They must decide whether the citizenship they help to produce is one that works to strengthen and uphold existing social, economic and political structures or whether it is one that dares the question and, if necessary, challenge the ideological foundations on which inequitable or oppressive distributions of social, economic and political power are based.” (Lilburn, 2013, 76)

Die Bücher im Einzelnen

Alle Texte der drei Bücher nehmen Information Literacy ernst als Konzept und als pädagogische Praxis von Bibliotheken. Sie nehmen es so ernst, dass sie ihm immense Wirkmächtigkeit zuschreiben. Niemand von Ihnen würde Information Literacy als Marketingwerkzeug für Bibliotheken verstehen. Allerdings, wie schon angedeutet, in sehr unterschiedlichen Weisen und mit unterschiedlichen Kritiken an diesem Konzept. Einige Texte verwerfen Information Literacy vollständig, andere kritisieren es als ineffizient, unvollständig oder unzureichend, wieder andere kritisieren die Umsetzung der Information Litercay Instructions. Die Kritiken sind nicht deckungsgleich, vielmehr widersprechen sie sich in letzter Konsequenz zum Teil. Dennoch werfen sie immer wieder Fragestellungen im Bezug auf Information Literacy auf, die auffällig selten gestellt werden und plädieren oft dafür, zur Beantwortung dieser Fragen einen Schritt zurückzutreten und das gesamte Konzept samt seiner Zielsetzungen und eingeschriebenen gesellschaftlichen Vorstellungen zu befragen. Zudem eint alle Autorinnen und Autoren ein Bezug zu sozialen Fragen. Die drei Werke werden hier zusammen vorgestellt, weil sie inhaltlich zusammengehören. Gregory & Higgins (2013) verweist explizit auf Accardi, Drabinski & Kumbier (2010) als Grundlage, Accardi (2013) stammt von einer der Herausgeberinnen des 2010er Werkes und stellt eine Ausarbeitung eines spezifischen Kritikstranges dar. Die drei Werke sollten auch als Zusammenhang begriffen werden.

Accardi, Drabinski & Kumbier (2010) liest sich dabei als erste Erkundung des Themas. Die Autorinnen und Autoren zeigen sich unzufrieden mit der Praxis der Information Litercay und dem Umgang mit immer wieder auftretenden Problemen, wie den Problemen, Studierende wirklich zu erreichen. Nur wenige wagen sich mit der Kritik weiter vor, ein grosser Teil des Buches besteht aus Praxisberichten. Dennoch zeigt das Werk Tendenzen der Kritik, welche späterhin in Gregory & Higgins (2013) beschritten werden. Dieses bietet sehr weitgehenden Kritiken – bis hin zu solchen, die Information Literacy an sich ablehnen – Platz. Gregory & Higgins (2013) erscheint als das in sich geschlossenste. Es ist auch jenes, welches die meisten Anregungen zur Reflexion bietet. Accardi (2013) hingegen liest sich als Ergänzung des ersten Werkes aus einem speziellen Blickwinkel, dem der feministischen Pädagogik. Neben einer Einführung in dieser Pädagogik versucht sich die Autorin darin, konkrete Hinweise zur Integration der Kritik in die Praxis zu liefern. Das Buch enthält rund 150 Seiten, davon rund 35 alleine für Beispiele von Arbeitsblättern, welche direkt im Information Literacy Instructions eingesetzt werden können. Auffällig ist, dass sich in der Darstellung von Accardi (2013) feministische Kritik wenig von dem unterscheidet, was in den anderen beiden Werken als Critical Pedagogy mit Bezug auf Paulo Freire beschrieben wurde: Einbeziehung der Kontextes, Empowerment und soziale Fragestellungen als Mittel der Pädagogik.

Grundsätzlich ist Gregory & Higgins (2013) als das stärkste der drei Werke bezeichnen. Es ist, wie ebenfalls mehrfach angedeutet, ein Diskussionsbeitrag, welcher dazu führen kann, die bibliothekarische Praxis zu hinterfragen und somit – wenn sie während des Hinterfragens nicht gänzlich verworfen wird – sozial relevanter zu machen. Dabei sollte allerdings nicht vergessen werden, dass sich alle drei Werke auf die englischsprachigen Bibliothekswesen beziehen. Eine Übersetzung in den Kontext der deutschsprachigen Bibliothekswesen sollte wenn, dann vorsichtig geschehen. Die Debatten um Informationskompetenz haben sich zwar aus Übersetzungen relevanter Texte aus dem Englischen entwickelt, aber teilweise andere Richtungen genommen. Insoweit muss nicht jede Kritik auf den deutschsprachigen Kontext zutreffen.

Alles in allem ist die Lektüre der drei Werk zu empfehlen. Sie sind erfrischend offen, teilweise jugendlich radikal und zudem denkanregend.

Literatur

Battista, Andrew (2013) / From “A Crusade against Ignorance” to a “Crisis of Authenticity”: Curating Information for a Participatory Democracy. In: Gregory, Lua ; Higgins, Shana (edit.): Information Literacy and Social Justice : Radical Professional Praxis. – Sacramento, CA : Library Juice Press, 2013, 81-97

Duke, Thomas Scott ; Ward, Jennifer Diane ; Burkert, Jill (2010) / Preparing Critically Consciois, Information Literate Special Educators for Alaska’s Schools. In: Accardi, Maria T. ; Drabinskis, Emily ; Kumbier, Alana (edit.): Critical Library Instruction : Theories and Methods. Duluth, MN : Library Juice Press, 2010, 115-131

Enright, Nathaniel F. (2013) / The Violence of Information Literacy: Neoliberalism and the Human as Capital. In: Gregory, Lua ; Higgins, Shana (edit.): Information Literacy and Social Justice : Radical Professional Praxis. – Sacramento, CA : Library Juice Press, 2013, 15-38

Freire, Paulo (1970) / Pedagogy of the oppressed. New York, NY : Herder and Herder, 1970

Keer, Gretchen (2010) / Critical Pedagogy and Information Literacy in Community Colleges. In: Accardi, Maria T. ; Drabinskis, Emily ; Kumbier, Alana (edit.): Critical Library Instruction : Theories and Methods. Duluth, MN : Library Juice Press, 2010, 149-159

Kopp, Bryan M. ; Olson-Kopp, Kim (2010) / Depositories of Knowledge : Library Instruction and the development of Critical Consciousness. In: Accardi, Maria T. ; Drabinskis, Emily ; Kumbier, Alana (edit.): Critical Library Instruction : Theories and Methods. Duluth, MN : Library Juice Press, 2010, 55-67

Lilburn, Jeff (2013) / “You’ve Got to Know and Know Properly”: Citizenship in Kazou Ishiguro’s Never Let Me Go and the Aims of Information Literacy. In: Gregory, Lua ; Higgins, Shana (edit.): Information Literacy and Social Justice : Radical Professional Praxis. – Sacramento, CA : Library Juice Press, 2013, 63-78

Pankl, Elisabeth ; Coleman, Jason (2010) / “There’s Nothing on my Topic!“ Using the Theories of Oscar Wilde and Henry Giroux to Develop Critical Pedagogy for Library Instruction. In: Accardi, Maria T. ; Drabinskis, Emily ; Kumbier, Alana (edit.): Critical Library Instruction : Theories and Methods. Duluth, MN : Library Juice Press, 2010, 3-12

Seale, Maura (2013) / The Neoliberal Library. In: Gregory, Lua ; Higgins, Shana (edit.): Information Literacy and Social Justice : Radical Professional Praxis. – Sacramento, CA : Library Juice Press, 2013, 39-61

Fussnoten

1 Englischsprachige Bibliothekswesen ist selbstverständlich eine Verkürzung. Gemeint sind englischsprachige Bibliothekswesen des globalen Nordens, die sich in den Diskussionen immer wieder vermischen. Über Bibliothekswesen wie die in Nigeria, Belize oder auch Trinidad and Tobago ist im globalen Norden viel zu wenig bekannt, um solche Aussagen zu machen. Insoweit kann hier „englischsprachige Bibliothekswesen“ gelesen werden als Bibliothekswesen der USA, Grossbritanniens, Kanadas, Australiens und Neuseelands.

2 Diese Einschätzung erscheint nicht gänzlich unberechtigt. Vor einigen Wochen referierten Juha Kämäräinen und Jarmo Saarti auf der European Conference on Information Literacy (http://www.ecil2013.org/index.php/home) in Istanbul über das Promotionsprojekt von Kämäräinen, welcher die Rhetorik der offiziellen Dokumente zur Information Literacy in Finnland untersuchte. Dabei stellten sie in einen Raum gefüllt mit Personen, die offensichtlich von der Bedeutung von Bibliotheken und Information Literacy überzeugt waren, unter anderem die Frage, was eigentlich wirklich passieren würde, wenn Menschen nicht Information Literate würden. Auch befragt das Promotionsprojekt die Vorstellung, dass Information Literacy ein objektiv richtiges, und eben nicht auch ein durch politische Interessen und gesellschaftlichen Vorstellungen beeinflusstes, Projekt sei. Die Reaktion im Saal war erstaunlich. Den beiden wurde für den Vortrag gedankt, wie allen anderen Vortragenden, und niemand rührte sich, so als ob die Frage nicht relevant wäre. Im letzten, zusammenfassenden Vortrag am Abschluss der gleichen Konferenz stellte Ralph Catts, Erziehungswissenschaftler mit grossem Interesse an Information Literacy, klar dar, dass ein Grossteil der Forschung, die Aktive aus dem Bibliothekswesen zum Thema durchführen und bei der Konferenz präsentierten, wissenschaftlichen Mindeststandards nicht standhält, da sie zum Beispiel kein theoretisches Framework benennen, Forschungsmethoden und erhobene Daten nicht nachvollziehbar darstellen. Angesichts dessen, dass in den drei Tagen zuvor sich diese Aktiven gegenseitig grösstenteils ähnliche Studien vorgestellt hatten, die immer wieder die Bedeutung von Information Literacy und Bibliotheken herausstellten, gleichzeitig immer wieder die mangelnde Information Literacy anderer Personengruppen (Studierende, Dozierende) betonte, war dies ein relevanter Hinweise. Aber auch der wurde einfach übergangen. Beide Hinweise schienen zumindest bei dieser Konferenz von den anderen Teilnehmenden als irrelevant ignoriert zu werden. Tatsächlich erschien es teilweise, als würde Information Literacy als ein Diskurs funktionieren, der sich selber genügt und nicht mehr begründet werden müsste, weshalb auf Kritik, die an den Grundfragen des Diskurses (Ist er wirklich objektiv?, Ist er wirklich begründet?, Ist er wirklich theoretisch abgesichert?) ansetzt, nicht reagiert werden muss oder kann.

Random Access Memory: Zum Verhältnis von Natur und Archiv.

Posted in LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Referate by Ben on 20. November 2013

Eine Besprechung zu:

Trajekte. Zeitschrift des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung Berlin. Nr. 27 (Oktober 2013). Thema: Archive der Natur.

von Ben Kaden / @bkaden

Anfang November dieses Jahres fand am Berliner Zentrum für Literatur- und Kulturforschung eine Tagung (genau genommen die ZfL-Jahrestagung 2013) mit der schönen thematischen Ausrichtung „An den Rändern der Archive“ statt. Nun liegt uns die mehr oder weniger Begleitpublikation vor. Mehr, weil die Organisatoren der Veranstaltung, Falko Schmieder und Daniel Weidner, die der Tagung vorausgehende Problematisierung des Archivbegriffs (beispielsweise als „Grundlage und Fundament kulturgeschichtlichen Wissens“ oder als „Metapher des Gedächtnisses und des Wissens“) und dem Eigenleben der Archivobjekte, kurz abbilden.

Cover Trajekte Nr. 27

Nicht das in Stein Gemeißelte, sondern die Inklusen, das zufällige Verschüttete, das später Freigelegte und Ausgedeutete oder auch das in den Genen Eingeschriebene und Klassifizierte ist, was die Natur archiviert. Im Gegenzug erfolgt die Archivierung, Ausdeutung und Ausstellung dieser Funde durch und für den homo cogitans. Für beide Varianten passt der Titel des Trajekte-Hefts: Archive der Natur.

I

Das Archiv ist für die Autoren eine „trading zone“, also ein Vermittlungsraum, welcher vielleicht stärker als die Bibliothek, der es ja vor allem um publizierte Inhalte und weniger um Objekte selbst geht, die spezifischen Kontexte dieser Objekte greifbar macht. Denn es geht dem Archiv nicht nur, mitunter sogar sehr wenig, darum die Ebene der Botschaft zugänglich, sondern zugleich auch die Funktion, die Entstehungszusammenhänge, Inklusions- und Exklusionsmechanismen und ähnliche Begleitphänomene zum Objekt verständlich zu halten.
Im Digitalen, in dem Objekte ungreifbar und beliebig reproduzierbar werden, nähern sich Archiv und Bibliothek deutlicher an. Denn plötzlich wird die Erfassung von Kontexten, Verbindungslinien, Rezeptionsspuren auch als ein Grundbaustein bibliothekarischer Vermittlungsarbeit gesehen. Dies invertiert die Annäherung an die Archivobjekte und deren Eigensinn auf die Inhalte selbst. Da die Erfassung, Auswertung und Darstellung der Kontextinformation programmiert bzw. festgelegt werden müssen, entsteht die Notwendigkeit, die dafür gewünschten Elemente und Bedingungen genau zu bestimmen.

Der kleine Abschnitt von Falko Schmieder und Daniel Weidner zum Wechselverhältnis „Daten und Dinge“ bleibt dahingehend leider weitgehend an der Oberfläche:

„Die Dinge verschwinden, zugleich scheint im Zeitalter der Digitalisierung alles archivierbar. Mehr noch: Mit der Digitalisierung geht die permanente Selbstarchivierung prinzipiell aller persönlichen Dokumente einher (Lebensläufe, Bilder, Korrespondenzen), die irgendwo in einer  »Wolke « des cloud computing abgelegt werden.“ (Schmieder, Weidner, S. 51)

Die Alltagserfahrung zeigt freilich, dass es sich, wenigstens im Bereich der auf sichtbare Interaktionen gerichteten Sozialen Medien weniger um eine Selbstarchivierung als um eine Selbstpublikation handelt. Aspekte der nachträglichen Deutung, der Rekontextualisierung oder überhaupt nur der Wiederauffindbarkeit sind auf diesen Plattformen mindestens  sekundär. Weder das Internet noch das Phänomen der Cloud-Speicher scheinen für mich besonders archivorientiert zu sein. Nach zwanzig Jahren der allgemeinen Webnutzung wissen wir:  Manche (viele) Inhalte bleiben, von manchen bleiben Spuren, von einer unabschätzbaren Zahl nicht einmal das. Eine strukturierte und vollständige Erfassung ist nur in den Teilbereichen vorhanden, in denen sich entsprechende Akteure um die Zugänglichmachung und –haltung kümmern – beispielsweise den digitalen Archivangeboten der Tageszeitungen oder eben auch Bibliotheken.

II

Der Rest des Webs gleicht damit eher als Archivraum in seiner Zufälligkeit dem Teil der Ausgabe von Trajekte, der weniger nah am Tagungsprogramm zu sehen ist: den Archiven der Natur. Die Beiträge des schmucken Heftes (gestaltet von der ZfL-Stammdesignerin Carolyn Steinbeck) umspielen die doppelte Lesbarkeit des Mottos: die Archivierung der Natur und die archivierende Natur. Das Archiv wird hier als Weltprinzip deutlich und in der Tat lässt sich fragen, ob das Archiv nicht stärker eine Wahrnehmungs- und Erkenntnispraxis ist, als etwas institutionell Fixiertes? Oder anders herum: Ob die Erfindung des Archivs, der Archivarbeit und der archivarischen Praxen nicht einfach vor allem kulturelle Überformungen und Urbarmachungen natürlicher bzw. anthropologischer Grundkonstanten darstellt? Die Welt, so scheint es, archiviert schon von selbst ganz gut.

III

So speichert der sibirische Permafrost als eine Art Kryoarchiv nicht nur die herauszutauenden Eismumien vergangenen Lebens, aus denen erdgeschichtliche Rekonstruktionen möglich werden, sondern auch, wie Tatjana Petzer in ihrem Aufsatz über „Eisige Archive“ ausführt, kulturgeschichtliche Spuren – nämlich die des GULAGs.

Die Bearbeitung und Präsentation des Gefundenen leitet dagegen das Überlieferte in eine zweite Ordnung, denn es sagt nicht nur etwas über das Objekt selbst aus (vielleicht sogar mit jedem Bearbeitungsschritt immer weniger) als über den jeweiligen Umgang.

„Vielleicht sollte im Museum weniger die Illusion von Naturgeschichte ausgestellt werden als vielmehr die Geschichte und Erzählung von Naturgeschichte selbst.“ (Richter, S. 14)

schreibt Jörg Thomas Richter in seinem „Bummel mit Mark Twain und Mastodon“. In der Tat ist der Gang durch die Naturkundemuseen und ihre Inszenierung naturgeschichtlicher Spuren häufig entweder sehr didaktisch, also eine bestimmte Interpretationsordnung durchsetzend. Oder mehr und mehr spektakelnd bzw. poetisierend, vielleicht sogar als Kontemplationsraum, der mannigfaltige Zugänge des Erfahrens der Objekte ermöglicht. Je mehr das Staunen einsetzt, desto mehr nähern wir uns einem (neuen) Verständnis von Museum als Wunderkammer (vgl. auch Kaden, 2012). Und schließlich: „Wo sonst, wenn nicht in naturhistorischen Museen, kann man sich nicht nur als vergängliches Individuum, sondern als Vertreter einer vergänglichen Art erfahren?“ (Richter, S. 17)

IV

Die räumliche Präsentation dieser Sammlungsobjekte begrenzt zwangsläufig die Möglichkeiten, eine Sammlung zu erfahren bzw. zu lesen, wobei sich der Raum selbst mit einer Art Eigensinn den Ordnungsbemühungen gegenüber in nicht geringem Maße widerborstig zeigt. Die Auseinandersetzung Ina Heumanns mit den „Topologien naturwissenschaftlicher Sammlungen“ verweist jedoch nicht nur auf unvermeidliche räumliche Widersprüche, wenn sie, unter Bezugnahme auf Ernst Jünger, notiert:

„Gleichzeitig […] stehen insbesondere die zoologischen Sammlungen für den der »der Wissenschaft eingeborenen Drang, das Leben zu töten«. Die Untersuchung des Lebens beruht auf seinem Tod, die Registraturen der Natur sind Registraturen der toten Natur.“ (Heumann, S. 23)

Was freilich nur in den dermoplastischen Aufbereitungsräumen der Naturkundemuseen uneingeschränkt gültig sein dürfte. Die Verhaltensbiologie dagegen untersucht das Leben unvermeidlich per Beobachtung des lebenden Objektes. Eine übergeordnete Reflexion könnte folglich den Naturkundemuseen die Zoologischen Gärten entgegenstellen. Eine Auseinandersetzung mit deren natur-archivarischen Rolle hätte recht gut in diese Ausgabe der Trajekte gepasst. Denn bekanntlich folgen diese Einrichtungen oft dem erklärten Anspruchs der Arterhaltung, bei der also in vom Menschen streng kontrollierten Räumen eine Lebensform  nicht nur als Abbild, sondern auch als konkrete vitale Muster bewahrt und also archiviert werden. Insofern sind wir an dieser Stelle bei Suzanne Briets Ur-Frage der Dokumentation: „Un animal vivant est-il un document?“ (Briet, 1951, S.9)

Der vollständige Absatz lautet in der englischen Übersetzung:

„Is a star a document? No. Is a pebble rolled by a torrent a document? No. Is a living animal a document? No. But the photographs and catalogues of stars, the stones in the museum of mineralogy, and the animals that are cataloged and shown in a zoo, are documents.” (Briet, 2006, S. 10)

Dass etwas nach menschlichen Ordnungsprinzipien erschlossen und abgebildet wird, kennzeichnet also das dokumentarische Element. Dass das Tier dabei lebt, scheint eher eine zufällige Zusatzeigenschaft zu sein.

Wenn wir Dokumente nun als archivierbare Objekte verstehen, lässt sich schlicht festhalten: Alles kann Archivgut sein. Jedenfalls alles, was wir erfassen und beschreiben und in einem Käfig halten können. Gehen wir nun von der Grundbedingung des Beschreibbarseins aus, realisieren wir nicht nur die prinzipielle Nähe des Archivs zur Sprache bzw. Benennbarkeit. Das verbindet es mit dem Digitalen, das alles, was es erfassen soll, in Code transformieren muss. Sondern wir sehen auch, dass sich ein Zoo durchaus und möglicherweise primär als semiotisches Geschehen darstellt, in dem die dort gehaltenen Lebewesen selbst zu Chiffren ihrer Art werden. Und im Gegenzug – wie zum Beispiel der Eisbär Knut oder das Flusspferd Bulette – unter Umständen zugleich eine überhöhte Individualisierung bis hin zur Vermenschlichung erfahren. Auch hier offenbart sich die prinzipielle Ambivalenz derartiger Naturerschließungen.

V

Die Stufe von der Arterhaltung zur Artgestaltung, die wenigstens im Haus- und Nutztierbereich elementar ist, bei anderen Tieren besonders in Zoos vor allem negativ behandelt wird (Vermeidung von Inzucht-Effekten) und für die menschliche Kultursphäre im Allgemeinen mit Tabus besetzt ist, beleuchtet Andreas Bernard mit seinem Text „Über die Auswahl und Präsentation der Kandidaten von Samenbanken.“ Tatsächlich kann man sich bei Institutionen wie der California Cryobank sein Idealerbgut anhand bestimmter, den Spender beschreibenden Metainformationen heraussuchen. Die Erstannäherung der Datenbankabfrage erfolgt über die drei Kriterien Haarfarbe, Augenfarbe, Ethnizität. Auf der nächsten Stufe kann das Angebot nach Aspekten wie Körpergruppe, Blutgruppe, Bildungsgrad, Studienfach, Religion und von Look-A-Likes des Spenders eingeschränkt werden. Eine Frau, die sich gern mit dem Erbgut von jemandem, der wie Ryan Gosling aussieht, befruchten lassen möchte, kann es immerhin für aktuell 650 Euro pro Materialsatz versuchen. Eine Frau, die einen Bibliothekar als Spender sucht, findet übrigens wirklich einen, der, so die Datenbank, in etwa wie Bryan Greenberg oder Dominic West aussieht. (Donor No. 05441, „Man of many talents“)

VI

Edna María Suárez Díaz nähert sich der Frage der Natur als Archiv noch grundlegender. Sie betrachtet „Moleküle als Dokumente für die Geschichte des Lebens“. Die Wissenschaftshistorikerin zeichnet dabei die Geschichte der Molekularbiologie und das Aufkommen dieser zunächst Metapher der Lesbarkeit bzw. der dokumentarischen Funktion von Molekülen im Anschluss an Emile Zuckerkandl und Linus Pauling nach, um beim Human Genome Project und der heutigen „Freizeitgenomik“ anzukommen:

„An dieser Entwicklung und den damit einhergehenden ökonomischen Verwertungen kann man ermessen, wie machtvoll die Metapher vom »Buch des Lebens« auch im 21. Jahrhundert noch ist.“ (Suárez Díaz, S. 38)

Dem wird ein aus dem Cabinet Magazine übernommenes Interview mit dem Anthropologen Clyde Snow über die Möglichkeiten der Osteobiografie gegenübergestellt. Das Ziel dieses Verfahrens ist nicht die Rekonstruktion der Geschichte des Lebens, sondern die der Geschichte eines Lebens mit Hilfe aufgefundener Knochen. (vgl. dazu auch Keenan, Weizman, 2011) Etabliert wurde diese forensische Praxis in den 1980er Jahren bei der Aufklärung von Verbrechen der Junta in Argentinien. Clyde Snow beschreibt dies konkret am damals Aufsehen erregenden Fall der Identifikation von Liliana Pereyra. (vgl. u.a. Michaud, 1987) Knochen sind, so Clyde Snow, ideale, kaum manipulierbare und aussagekräftige Identifikationsmittel:

„So lässt sich beispielsweise oftmals anhand von Symmetrien vor allem in Bezug auf die Länge der Armknochen erkennen, ob jemand Links- oder Rechtshänder war. Rechtshändigkeit ist weniger hilfreich, weil weltweit in allen Bevölkerungsgruppen ca. 85 Prozent der Leute Rechtshänder sind. Wenn wir also einen Linkshänder vor uns haben, sinkt der Wert auf 15 Prozent.“ (Weizman, S.41)

VII

Schließlich begibt sich Falko Schmieder in einem Essay auf die Suche nach der Bestimmbarkeit eines Erdzeitalters „Anthropozän“. In diesem schreibt sich der Mensch mit seinen Aktivitäten konkret in die Natur bzw. die Bio- und Geosphäre ein. Dieser Prozess wird über so genannte „Anthropomarker“ feststellbar. Zugleich, und ich bin hier archivorientierter als Falko Schmieder in seinem Text, schreiben sich entsprechende, wenn man so will, Diskursmarker (oder auch Meme) fest in unser Selbstverständnis. Der Beitrag zerlegt diese bereits recht einleuchtend dadurch, dass er erhellt, wie problematisch allein die Datierung eines Erdzeitalters „Anthropozän“ selbst ausfällt.

Ob die während des Anthropozäns von den Menschen auf der Erde hinterlassenen Spuren irgendwann aus dem Naturarchiv freigelegt werden und zwar in dem Sinne, in dem der Philosoph Georg Toepfer in seinem Beitrag erläutert, dass „[d]ie Archive der Natur […] im Boden und in der Luft, im Eise der Polkappen und in den Gletschern der Hochgebirge, in den fossilen Überresten ausgestorbener Lebewesen und in allen zurzeit lebenden Organismen [liegen]“ (Toepfer, S. 3), bleibt selbstverständlich offen. Sicher ist das Verständnis:

„Die Lagerstätten […] sind also Archive der Natur, weil die Natur entweder das Medium der Aufbewahrung ist – etwa der Boden als Archiv kulturgeschichtlicher Zeugnisse – oder weil die Geschichte der Natur selbst in diesen Lagerstätten dokumentiert ist.“ (ebd.)

ebenso nachvollziehbar, wie die Schlussfolgerung, dass die Bodenkunde „eine integrale geologisch-archäologische Archivwissenschaft“ sei. (Willer, S. 2) Aber am Ende wird das „Archiv“ vermutlich doch eine Praxis gewesen sein, die an den Menschen als erkennenden und deutenden Akteur gebunden ist. Was zu dessen Langfristverfügbarkeit äußert sich Paul J. Crutzen,  ein Protagonist des Diskurses um das Anthropozäns, in einem aktuellen Interview ein bisschen skeptisch:

Wenn ein fiktiver Geologe in einer Million Jahren die Hinterlassenschaften aus unserer Zeit untersucht…

In einer Million Jahren? Es ist sehr optimistisch anzunehmen, dass es dann intelligentes Leben gibt, das Daten sammelt und interpretiert.“ (Schwägerl, 2013)

VIII

Welche der nicht verschüttbaren Spuren unserer digitalen Weltgestaltung wie und vor allem wie lange überdauern, ist noch einmal ein anderes Thema. Aber gerade wenn wir das Archiv als Umschlagplatz verstehen und vielleicht auch – im Sinne eines Trajekts – als Fähre des Erkennens und Verstehens durch die Natur- und Kulturgeschichte und wenn wir zugleich für digitale Handlungsräume eine Verschmelzung von archivistischem und bibliothekarischen Handeln annehmen, dann sind Impulse von den Rändern des Selbstverständnisses auch der Archive, äußerst fruchtbar.

Digitale Kommunikationsräume sind gegenwärtig unzweifelhaft die dominanten Kulturspeicher und -vermittlungszonen. Momentan läuft die Digitalisierung vor allem darauf hinaus, den Inhalt der dank ihrer Materialität ein Stück weit unberechenbaren Archiv- und Kulturobjekte in diese im Grundsatz Rechner-Strukturen zu überführen. Dass der Zugang zu digital aufbewahrten Kulturspuren immer von einer zusätzlichen Ebene der technischen Vermittlung abhängig ist, wir also ohne sehr festgelegte Vermittlungsgeräte auch keinen Zugang mehr haben, ist ein frühes, zentrales und derzeit ungelöstes Problem der digitaltechnologisch grundierten Gesellschaft. Dass im Gegenzug ein perfekt funktionierenden System auch eine lückenlose Überwachung der Kommunikationshandlungen ermöglichen könnte, ein anderes.

Angesichts der Grundstrukturen der Technologie scheint derzeit unabsehbar welche Gegenstücke Sedimentation, Fossilisation und ähnliche Prozesse im Web finden könnten (und ob überhaupt) oder wie eine mögliche digitale Archäologie zu gestalten wäre. Beides würde auf unvorhergesehene und daher auch nicht in der Codierung vorgesehene retrospektive Zugangsformen zu digitalen Inhalten hinauslaufen.

Andererseits ist vielleicht auch die Retrospektion, sind Geschichtlichkeit und auch das Archiv an sich Konstruktionen eines bestimmten Zeitkontextes, heute ohne Zweifel noch valide, aber in kommenden Gesellschaftsformen eventuell obsolet. Es scheint jedenfalls durchaus vorstellbar, dass sich die damit verbundenen Werte und Ziele in einer nicht allzu fernen Zukunft für die dann vorliegende Gegenwart als untauglich erweisen.

Kulturforschung genauso wie Archiv- und Bibliothekswissenschaft haben in diesem Zusammenhang aus meiner Sicht die Zuständigkeit, das dahingehend Vorstellbare, das Mögliche und das Erstrebenswerte zu durchdenken. In ihrer heutigen Praxis spielt dabei das Erkennen der (Diskurs-)Geschichten und der Konstruktionsmuster unserer Gegenwart nach wie vor eine entscheidende und uns vertraute Rolle. Das vorliegende Heft der Trajekte ist ein hervorragendes Beispiel dafür und in gewisser Weise auch für das, worauf Paul J. Crutzen setzt:

Hegen Sie keinen Optimismus für die Zukunft im Anthropozän?

Doch, doch, es gibt vieles, was mich positiv stimmt, allen voran die kreative Kraft, die in der Kunst und der Literatur steckt. Die Menschen erschaffen viel Gutes, so dass ich mich wundere, warum wir nicht längst auch mit der Erde künstlerischer und kreativer umgehen, statt sie auszubeuten. Was mich auch optimistisch stimmt, ist, dass wir die Welt auch und gerade durch negative Effekte besser verstehen.“ (ebd.)

Berlin, 20.11.2013

Literatur

Bernard, Andreas (2013) Der Spender als Verdächtiger. Über die Auswahl und Präsentation der Kandidaten von Samenbanken. In: Trajekte, Nr. 27 (14), S.26-38

Briet, Suzanne (1951) Qu’est-ce que la documentation? Paris: Éditions documentaires, industrielles et techniques

Briet, Suzanne (2006) What is Documentation? English Translation of the Classic French Text. Translated and edited by Ronald E. Day & Laurent Martinet with Hermina G. Anghelescu.  Lanham, MD: Scarecrow Pr., 2006

Heumann, Ina (2013) Zeiträume. Topologien naturwissenschaftlicher Sammlungen. In: Trajekte, Nr. 27 (14), S. 19-23

Kaden, Ben (2012) Das Konzept Wunderkammer heute. In:  LIBREAS. Library Ideas, 21. http://libreas.eu/ausgabe21/texte/03kaden01.htm   / urn:nbn:de:kobv:11-100204945

Keenan, Thomas; Weizman, Eyal (2011) Mengele’s Skull. In: Cabinet Magazine. Issue 43, http://cabinetmagazine.org/issues/43/keenan_weizman.php

Michaud, Stephen (1987) Identifying Argentina’s Disappeared. In: New York Times, 27.12.1987, S. 18-21.

Richter, Jörg Thomas (2013) Blauhäher im Naturkundemuseum. Ein Bummel mit Mark Twain und Mastodon. In: Trajekte, Nr. 27 (14), S. 13-17

Schmieder, Falko (2013) Urgeschichte der Nachmoderne. Zur Archäologie des Anthropozäns. In: Trajekte, Nr. 27 (14), S. 44-48

Schwägerl, Christian; Crutzen, Paul J. (2013) „Es macht mir Angst, wie verletzlich die Atmosphäre ist.“ Ein Gespräch mit dem Nobelpreisträger Paul J. Crutzen zum Anthropozän und den Chancen der Klimapolitik. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.11.2013, S. N2

Suárez Díaz, Edna Maria (2013) Moleküle als Dokumente für die Geschichte des Lebens. In: Trajekte, Nr. 27 (14), S. 33-38

Toepfer, Georg (2013) Archive der Natur. In : Trajekte, Nr. 27 (14), S.3-7

Weizman, Eyal (2013) Osteobiografie. Ein Interview mit Clyde Snow. In : Trajekte, Nr. 27 (14), S. 39-43

Willer, Stefan (2013) Editorial. In: Trajekte, Nr. 27 (14), S. 1f.

Aufmunterer. Brauchen wir ihn?

Posted in LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 18. August 2013

Von Karsten Schuldt

Zu: Janes, Joseph (edit.) / Library 2020 : Today’s Leading Visionaries Describe Tomorrow’s Library. Lanham ; Toronto ; Plymouth, UK : The Scarecrow Press, 2013.

Vielleicht benötigt das Bibliothekswesen an sich Bücher und Zeitschriften-Schwerpunkte, die fragen, wie die Zukunft sein wird. Nicht unbedingt, um wirklich die Zukunft der Bibliotheken zu eruieren, sondern als eine Art Spielwiese, auf der (a) sich gegenseitig versichert werden kann, dass die Bibliotheken auch in Zukunft wichtig sein werden, (b) dass sie sich verändern werden, (c) auf der gleichzeitig ganz unterschiedliche, oft auch widersprüchliche oder kaum ernstzunehmende, Zukunftsperspektiven gezeichnet werden können und wo (d) sich die Möglichkeit bietet, sich über bestimmte Entwicklungen aufzuregen. Zu vermuten ist, dass die Bedeutung von (a) zu (d) abnimmt, auch ist in einigen solcher Sammlung gerade der Punkt (d) ausgelassen. (Vielleicht aus Angst, das jemand von ausserhalb des Bibliothekswesens diese Sammlung lesen und ein schlechtes Bild gewinnen könnte.) Zudem fehlt praktisch immer die Möglichkeit, (e) dass jemand den Status quo gut findet oder ihre / seine Ängste vor den kommenden Änderungen kund tut. Das solche Positionen existieren, tönt regelmässig in den Sammlungen zur Zukunft der Bibliotheken an, aber immer nur als Enemy within, als Angst des vorgeblich entwicklungsunfähigen Personals oder einiger Leitender, die zu überwinden sei.

Zu fragen ist allerdings nach der Funktion dieser Sammlung. Sicherlich: Über die Zukunft nachdenken soll dabei helfen, zu verstehen, welche Voraussetzungen auf Bibliotheken zukommen. Die Moderne hat bekanntlich die Überzeugung in die Welt gesetzt, dass sich ständig alles ändert und ändern muss, um besser zu werden. Kehrseite dieses Diskurses ist, dass, was und wer sich nicht ändert, untergehen würde. Dies scheint gar nicht mehr wirklich begründet werden zu müssen. Unterschiede scheinen eher darin zu bestehen, ob dies ständigen Veränderungen als Bedrohung oder Möglichkeit angesehen oder aber eher als normale Arbeitsgrundlage angenommen werden; allerdings gilt dies nicht nur für das Bibliothekswesen, sondern für unterschiedliche Teile der Gesellschaft.

Zu kritisieren allerdings ist die Layoutwahl des Titels. Als wären die 1970er Jahre wieder gefragt.

Zu kritisieren allerdings ist die Layoutwahl des Titels. Als wären farblich die 1970er Jahre wieder gefragt.

Diese Gedanken drängen sich beim Lesen von Library 2020: Today’s Leading Visionaries Describe Tomorrow’s Library auf. Das Buch ist eine Sammlung von 23 kurzen Beiträgen von Personen, die im US-amerikanischen Bibliothekswesen in unterschiedlichen Positionen aktiv sind (in Bibliotheken unterschiedlicher Typen, in der Ausbildung, Forschung oder Beratung). Allen Beiträgen ist gemeinsam, dass sie mit der Aufforderung begannen, den Satz zu vervollständigen: „The library in 2020 will be…“ Im letzten Beitrag gibt dann der Herausgeber – entgegen der Behauptung, es nicht zu tun – eine Zusammenfassung der vorhergehenden Texte.

Erfrischend ist an den Texten, dass in ihnen relativ offen gesprochen wird. Offenbar fühlen sich die Beteiligten unter ihresgleichen. Die Texte, die so erscheinen, als würden sie zu Marketingzwecken von bibliothekarischen Verbänden geschrieben sein und vor allem betonen, wie wichtig Bibliotheken seien, halten sich stark in Grenzen. Einige der Beitragenden versuchen, die gestellte Aufgabe eher spielerisch zu meistern, was nur manchmal erfolgreich ist. Einige Texte argumentieren aus eigener Betroffenheit und führen die eigenen Bibliotheken als Beispiel an – was teilweise auch zu erstaunlichen Aussagen führt, wenn zum Beispiel Ruth Fraklis (Direktor Prairie Trails Public Library District) Bibliotheken als Teil des war on gangs beschreibt –, andere beziehen sich auf einen grösseren Rahmen. Es gibt im Buch zwar eine grobe Unterteilung der Texte in die Bereiche Stuff, People, Community, Place, Leadership and Vision und dies umreisst auch einige wichtige Themenbereiche, die immer wieder angesprochen werden. Zudem tauchen selbstverständlich beständig die Entwicklung digitaler Angebote und technischer Möglichkeiten sowie die Frage, welche Rolle gedruckte Bücher 2020 spielen werden, auf.

Auffällig aus Sicht der deutschsprachigen Bibliothekswesen ist, dass Bildung, welche ein Megathema in den Diskussionen im DACh-Raum darstellt, quasi nicht angesprochen wird. Nur am Rand tauchen Beispiele der Literacy Instruction als bibliothekarische Dienstleistungen auf. Offenbar ist diese Konzentration auf Bildung etwas, dass nicht universell als drängendes Thema des Bibliothekswesens angesehen wird. Ebenso sind Richtlinien, Standards et cetera kein Thema der Beiträge dieses Buches. Vielleicht sind sie so sehr als Bestandteil bibliothekarischer Arbeit akzeptiert, dass über sie einfach nicht gesprochen werden muss – obwohl man über sehr viel anderes spricht –, vielleicht aber scheinen sie auch einfach nicht so wichtig für die Zukunft. Erstaunlich ist, dass die gesamten Debatten um das neue Regelwerk, FRBR und Bibframe sowie um Forschungsdaten praktisch vollständig fehlen.

Davon abgesehen überraschen die einzelnen Texte kaum. Vielmehr scheinen sie das zu antizipieren, was aktuell als zwingend im US-amerikanischen Bibliothekswesens gilt: der Raum Bibliothek muss umgestaltet werden, die einzelnen Bibliotheken müssen sich an ihren Communities vor Ort orientieren (mit Community Engagement in Öffentlichen Bibliotheken und Konzepten wie den Embedded Librarians in Wissenschaftlichen), die Bibliotheken müssen sich selbst immer wieder neue Aufgaben geben und dabei auf die Communities reagieren, das Personal muss flexibel sein und sich beständig mit modernen elektronischen Kommunikationsmitteln auseinandersetzen. Zudem muss die Entwicklung der Bibliotheken strategisch geplant werden. Und es sollte mehr Geeks als Personal in Bibliotheken geben, aber die kommen auch so. Zu guter Letzt: Die Bibliothek wird es auch 2020 geben und irgendwie, wir wissen nicht wie, wird sie aussehen.

Mit diesem Themen fühlt sich das Buch sehr als Produkt der heutigen Zeit an, fast möchte man ihm ein Label wie „Sooooooooo 2012“ anhängen (auch wenn es 2013 erschien, sind die Texte 2012 offenbar geschrieben worden). Es gab im Laufe der Jahrzehnte regelmässig solche Werke zur Zukunft des Bibliothekswesens (worauf in einige Texte des besprochenen Buches auch verwiesen wird), die heute jeweils sehr zeittypisch erscheinen. Dieses Buch scheint einfach das neuste in dieser Tradition zu darzustellen.

Das muss nicht schlecht sein, aber es führt zurück zu der Eingangsfrage: Was ist eigentlich die Aufgabe dieser Publikationen im Bibliothekswesen? Helfen sie wirklich dabei, die Zukunft zu gestalten oder zumindest zu verstehen? Es scheint eher, dass sie Hinweise zur aktuellen Praxis in Bibliotheken geben und der Selbstversicherung der Bibliothekswesen dienen. Wirklich Neues erfährt man in ihnen praktisch nicht. Versteht man sie aber wirklich als Selbstversicherung, zeigt dieses Buch, dass zumindest des US-amerikanische Bibliothekswesen als solches lebendig ist und Debatten führt.

Für die deutschsprachigen Bibliothekswesen ist aus solchen Publikationen zudem eines zu lernen, nämlich das die Debatten, die in und auf den deutschsprachigen Zeitschriften, Mailinglisten, Konferenzen geführt werden, nicht so alternativlos sind, wie sie vielleicht erscheinen. Konkret in diesem Fall (aber es lassen sich je nach Jahr und Fragestellung auch andere Fälle finden): Nur, weil fast alle Öffentlichen und Hochschulbibliotheken im DACh-Raum auf das Thema Bildung setzen und nur, weil in der Community das Forschungsdatenmanagement als wichtiges aktuelles Thema gilt, heisst dies nicht, dass dies weltweit – noch nicht einmal im gesamten globalen Norden – so gesehen wird. Andere Themen können auch diskursbestimmend sein, in den USA scheint es (wie auch in Australien und Neuseeland) zunehmend – wieder – die Konzentration auf die Community, in der die Bibliothek tätig ist, zu sein. Dies soll nicht heissen, dass man den US-amerikanischen Diskussionen folgen müsste. Vielleicht sind in den deutschsprachigen Gesellschaften tatsächlich Bildung und Forschungsdaten das wichtigste Thema für Bibliotheken. Aber es ist doch lehrreich und kann die Diskussionen entspannen, wenn wahrgenommen wird, wie sehr sich die – allesamt sich selber als zukunftsorientiert verstehenden – Debatten in strukturell nicht so sehr differenten Bibliothekswesen entwickeln.

Sollte man also dieses Buch lesen? Wenn man sich ein Wochenende eher entspannt mit Bibliotheken beschäftigen möchte, dann unterhalten diese kurzen Texte sehr wohl. Ansonsten enthält es aber kaum neue Erkenntnisse. Vielleicht kann man es gut als Popcorn-Flick für Bibliotheksinteressierte beschreiben: Unterhaltend, aber nicht nachhaltig nachdenklich machend.

Personen ohne festen Wohnsitz in der Bibliothek des Centre Pompidou

Posted in LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 10. Juni 2013

Karsten Schuldt

[Zu: Paugam, Serge ; Giorgetti, Camila (2013) / Des pauvres à la bibliothèque : Enquête au Centre Pompidou. – Le lien social. – Paris : Presses Universitaires de France, 2013]

 

In Frankreich, so scheint es, werden interessantere Bücher zum Bibliothekswesen publiziert als im DACh-Raum. Die Studie Des pauvres à la bibliothéque von Paugam und Giorgetti ist nur eines davon. Auf der einen Seite untersuchten die beiden Forschenden eine sehr spezielle Gruppe von Nutzerinnen und Nutzern einer sehr speziellen Bibliothek, nämlich Obdachlose in der Bibliothek des Centre Pompidou in Paris. Diese Bibliothek ist eingelassen in das radikal-demokratische Grundkonzept des Centre, welches wiederum innerhalb einer Metropole – also auch einem Anziehungspunkt für sehr unterschiedliche Personen; die anderswo kaum ein sozial akzeptables Leben führen könnten – verortet ist. Auf der anderen Seite legen die beiden Forschenden etwas, was im deutschsprachigen Raum praktisch vergebens gesucht würde, vor: eine (ethnologische) Untersuchung der Nutzung einen Bibliothek, die auf soziologische Theoriebildung zurückgreift und diese widerum informieren kann.

Dies ist noch nicht einmal beispiellos im französischen Bibliothekswesen. So legten im Jahr 2000 drei Forschende eine ebenso soziologische Untersuchung zur Nutzung der gleichen Bibliothek vor. [Evans, Christophe ; Camus, Agnès ; Cretin, Jean-Michel (2000) / Les habitués : Le microcosme d'une grande bibliothèque. [Paris] : Bibliothèque publique d’information – Centre Georges Pompidou, 2000] Zugleich ist die Diskussion um die tatsächliche soziale Rolle der Öffentlichen Bibliothek in Frankreich weiter fortgeschritten als in den deutschsprachigen Bibliothekswesen. [Dies gilt auch für das englisch-sprachige Bibliothekswesen, für das stellvertretend auf die erste Ausgabe 2013 der Library Review verwiesen werden soll, die sich vollständig mit dem Thema Public Libraries and the Homeless beschäftigt und in der sich auch eine englisch-sprachige Zusammenfassung des hier besprochenen Buches findet – leider alles hinter eine Paywall.] Grundsätzlich lohnt es sich, über den Rhein zu schauen.

Fragilité, Dépendance, Rupture

Paugam und Giorgetti legen eine Studie vor, deren Ergebnisse nur mit einiger Vorsicht – da es sich, wie gesagt, um eine sehr spezielle Bibliothek handelt – übertragen werden können, aber deren Design in anderen Bibliotheken sinnvoll angewendet werden könnte. Es werden in ihr soziologische Theoriebildung, Beaobachtung und Interviews verbunden. Aufgebaut ist die Studie auf ein in früheren Arbeiten von Paugam erarbeitet Struktur vom Leben in Obdachlosigkeit. Diese postuliert, dass es unterschiedliche Stufen der sozialen Desintegration beim Leben ohne festen Wohnsitz gäbe. Grob unterteilt in Fragilité ( Prekarität), Dépendance ( Abhängigkeit von gesellschaftlicher Unterstützung) und Rupture ( Bruch mit der gesellschaftlichen Integration) implizieren diese Stufen ein sehr unterschiedliches Verhalten und unterschiedliche Ziele, der Personen, die von ihnen betroffen sind. (Und dies selbstverständlich immer als Idealtypen, die in der Realität komplexer sind.)

Dabei darf Obdachlosigkeit in Wetseuropa nicht als das Leben auf der Strasse verstanden werden, sondern ist zumeist gekennzeichnet von Leben zwischen unterschiedlichen Unterkünften, die aber alle prekär sind (Heime, Unterkünfte, „Couchsurfing“ etc.).

Personen, welche der Stufe Fragilité zugeordnet werden, versuchen zumeist, direkt aus der Obdachlosigkeit auszusteigen. Diese Personen zeigen in der Untersuchung auch ein Verhalten, dass geprägt ist von Versuchen, in die französische Gesellschaft (wieder) einzusteigen. Gerade bei Flüchtlingen ist dies gezeichnet von Lernaktivitäten in der Bibliothek, insbesondere dem Französisch-Lernen. Die Bibliothek wird zudem aktiv genutzt, um Informationen über den Arbeitsmarkt oder über Unterstützungsleistungen einzuholen. Gleichzeitig wird von diesen Personen aktiv versucht, ihre ökonomische und gesellschaftliche Situation nicht offen darzustellen. Paugam und Giorgetti beschreiben einige Strategien, dies zu tun, beispielsweise das Besuchen der Bibliothek in Anzug und Kostüm. Gleichzeitig versuchen diese Personen in den Interviews, sich von den „echten Armen“ abzugrenzen und ihre eigene Situation als Übergang darzustellen. Dabei besuchen sie die Bibliothek auch wegen ihres Habitus als „intellektuelles Zentrum“. Das Arbeiten in der (grossen und bekannten) Bibliothek verleiht den Personen, so Paugam und Giorgetti, ein positive Identität. So stellt die Studie auch eine Höherorientierung der bevorzugtes Literatur durch diese Personen fest, die, wenn sie gefragt werden, betonen, eher Weltliteratur oder den französischen Literaturkanon zu bevorzugen als „einfache Belletristik“.

Personen, die auf der Stufe Dépendance verortet werden, nutzen die Bibliothek oft als Lebensraum und als Ort, von dem aus Unterstützungsleistungen organisiert, also recherchiert, werden können. Auch diese Nutzenden sind nicht per se auffällig, sondern versuchen, sich dem Alltag der Bibliothek (beziehungsweise des gesamten Centre Pompidou) anzupassen. Dabei kommt ihnen die Grösse des Centre zupass. Dennoch sind sie auffällig, da sie sich ständig in der Bibliothek, der auch als geschützter Raum wirkt, aufhalten. In der Studie werden Beispiele von Personen angeführt, die fast täglich acht Stunden in der Bibliothek verbringen. Hauptinteresse dieser Personen ist, neben der Recherche nach Unterstützungsleistungen zum Überleben und zum Ausstieg aus ihrer sozialen und ökonomischen Situation, die Strukutrierung ihres Alltags. Sich in der Bibliothek aufhalten und lesen gilt ihnen als sinnvolle Tagesgestaltung.

Nur Personen, die der Stufe der Rupture zugeordnet werden, stimmen überhaupt in Ansätzen mit den Vorurteilen über Obdachlose überein, aber auch das nicht wirklich. (Wie eigentlich auch zu erwarten war.) Zwar nutzen einige dieser Personen die Bibliothek auch als Aufenthaltsraum; aber nicht übermässig. Zudem stellen sie nicht die Mehrzahl der Personen sans domicile fixe. Die Bibliothek – und wieder eigentlich das gesamte Centre Pompidou – stellen für sie Aufenthaltsräume da, die zwar nicht vom Leben „auf der Strasse“ abgetrennt sind, aber doch im Gegensatz zu anderen Orten relativ sicher sind. Diese Personen versuchen immer wieder einmal, die Regeln auszutesten, sind aber auch schnell bereit, sich den Regeln, die sie getestet haben, unterzuordnen, um diesen Raum nicht zu verliehren. Ihr Interesse an der Bibliothek ist hauptsächlich der geschützte Raum.

Frage zur sozialen Beobachtungsgabe, vom Cover der Studie gestellt: In welcher sozialen Situation befindet sich die abgebildete Person?

Frage zur sozialen Beobachtungsgabe, vom Cover der Studie gestellt: In welcher sozialen Situation befindet sich die abgebildete Person?

Insgesamt zeigt die Studie, dass die Personen die Bibliothek sehr gezielt zur Gestaltung ihres eigenen Lebens nutzen und zwar immer wieder ausgehend von ihrer sozialen Situation und den Zielen, die sie sich realistisch zu setzen bereit sind. Sie alle sind der Bibliothek gegenüber positiv eingestellt. Gleichwohl die Bibliothek ganz explizit keine Sozialarbeit betreibt, erfüllt sie für diese Personen eine soziale Funktion und zwar durch die offene Angebotsstruktur.

Für die deutschsprachigen Bibliothekswesen (zumindest in der den Grossstädten und Metropolen) lässt sich lernen, dass die Interessen und Nutzungsweisen der Personen ohne festen Wohnsitz nicht mit so einfachen Modellen wie Zielgruppenanalysen oder einfachen Interviews zu erfassen sind. Die soziale Realität ist offensichtlich zu komplex. (Und gleichzeitig wirkt die Bibliothek als gesellschaftlich relevant positiv, ohne direkt daraufhin gestaltet zu sein.)

Forschungsdesign

Neben dem soziologischen Wissen, dass vor der Studie vorhanden war, nutzten die Forschenden ein grundsätzlich einfaches Forschungsdesign, welches allerdings eine relativ lange Forschungszeit und Offenheit für Beobachtungen und das sich Einlassen auf Situationen erforderte. Auf der einen Seite wurden Beobachtungen durchgeführt. Personen, die mehr oder minder auffällig waren und deren Verhalten in der Bibliothek wurden von einer Forschenden beobachtet und diese Beobachtungen in einem Forschungstagebuch eingetragen. Die Personen wurden so beschrieben, dass die Forschenden die Beobachtungen mehrere Tage zusammenfassen konnten; gleichzeitig waren die Personen anonymisiert.

Eine andere Forschende sprach im Verlaufe der Untersuchung Personen an, die beobachtet wurden und befragte sie, wenn diese zustimmten, in strukturiert-narrativen Interviews (also anhand eines Fragebogens durchgeführten Interviews, bei denen die Interviewten möglichst frei antworten konnten).

Die Auswahl der Personen, die beobachtet und interviewt wurden, bedurfte einer relativ grossen Beobachtungsgabe. Ansonsten wäre es zum Beispiel schwierig, Personen zu erkennen, die ihre soziale Situation gerade verstecken wollen. Sie bedurfte auch einiges an Fingerspitzengefühl bei den Interviews und den möglichst objektiven Beschreibungen der Beobachtungen, welches sich mit einer langjährigen Forschungspraxis erarbeitet werden musste.

Die Auswertung der Daten bedurfte ebenso einer grossen sozialen Offenheit. Die Einzelfälle durften nicht als reine (bedauernswerte) Einzelfälle betrachtet, aber auch nicht einfach subsumiert werden. Dabei half die soziologische Theoriebildung, auf die zurückgriffen wurde; welche die Forschenden bei der Zusammenstellung der Daten und Auswertung leitete, da sie nicht darauf angewiesen waren, einfach nur Daten zu berichten (etwas, was notwendig ist, wenn man ohne Theoriebildung einfach nur Umfragen macht), sondern in der Lage waren, Aussagen und Verhaltensweisen in ein Modell der gesellschaftlichen Nutzung von Bibliotheken als Ort und Infrastruktur zu integrieren, dieses Modell zu erweitern und aus diesem Modell Erklärungen für Verhaltensweisen abzuleiten.

Le Livre

Das Buch ist in einem eingängigen Französisch geschrieben. Zur Erläuterung der Ausführungen werden sowohl die Aufzeichnungen aus dem Beobachtungstagebuch als auch den Interviews angeführt. Weite Teile der Erklärungen bestimmter sozialer Ansichten werden überhaupt von Interviewaussagen getragen.

Paugam und Giorgetti sind beide sozialwissenschaftlich Forschende und halten sich deshalb auch erfrischend klar mit konkreten Handlungsanweisungen zurück. Während in deutschsprachigen Bibliothekswesen wohl sehr schnell der Ruf nach einer Praxisanleitung erhoben würde – im Sinne von: Was genau soll die Bibliothek tun? Wo sind die abzuarbeitenden Checklisten? etc. – beschränkt sich die Studie darauf, zu beschreiben und verständlich zu machen. Dies gibt den Kolleginnen und Kollegen in Paris die Aufgabe, die Erkenntnisse der Studie selber zu interpretieren; dabei aber sind sie dazu aufgefordert, diese nachzuvollziehen, was ein sinnvolles Zurücktreten von der Praxisfrage erzwingt beziehungsweise ermöglicht und vor Augen führt, dass die gesellschaftliche Situation so komplex ist, dass sie mit einfachen Werkzeugen nicht zu bearbeiten ist. Gleichzeitig legt die Studie damit die Möglichkeit an, über den – wie schon gesagt sehr speziellen – Einzelfall der Bibliothek im Centre Pompidou hinaus etwas über die tatsächliche Nutzung von Bibliotheken durch Personen in sozial und ökonomisch prekären Lagen zu lernen.

En Vague? Ein Beitrag zur Methodendiskussion in der Bibliothekswissenschaft.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Debatte, LIBREAS.Referate by Ben on 27. Mai 2013

Ein Kommentar von Ben Kaden

Die Frage nach der wissenschaftlichen Methode in der Bibliothekswissenschaft ist in gewisser Weise die Urdebatte des Fachs und wer sich dafür interessiert, findet in der morgigen Ausgabe des Berliner Bibliothekswissenschaftlichen Kolloquiums am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität möglicherweise die Gelegenheit, an der Fortsetzung selbiger teilzuhaben. Vier etablierte Protagonisten des Fachs – Simone Fühles-Ubach, Petra Hauke, Michael Seadle, Konrad Umlauf – präsentieren das Handbuch Methoden der Bibliotheks- und Informationswissenschaft (Berlin: DeGruyter, Mai 2013, Verlagsseite zum Titel, Inhaltsverzeichnis als PDF). LIBREAS wird sich sicher dem Titel nach Möglichkeit ausführlicher widmen und widmen müssen. Allerdings liegt er uns noch nicht vor.

Verfügbar ist jedoch ein Blogbeitrag des Mitherausgebers Michael Seadle, den dieser zu Beginn des Monats in seinem Weblog Digital+Research=Blog publizierte. Vermutlich nicht ohne Schnittmenge zu seinem Beitrag im erwähnten Handbuch (Entwicklung eines Forschungsdesigns) formuliert er dort eine kleine Handreichung Finding a research question.

Wer seine Veranstaltungen am Institut kennt, weiß, dass für ihn als Bibliothekswissenschaftler völlig zu Recht die Methode und die Forschungsfrage im Zentrum der wissenschaftlichen Arbeit stehen. Besonders gilt dies für Abschlussarbeiten und Promotionen.  Leider tut er dies offensichtlich nicht nur völlig zu Recht, sondern erachtet es auch als völlig zureichend für die wissenschaftliche Arbeit. Er unterscheidet sich damit jedoch in einem zentralen Aspekt wesentlich von dem, was ich für die Wissenschaft Bibliothekswissenschaft als entscheidend erachte.

Zu Beginn seines Blogpostings schreibt Michael Seadle:

“Many students start with a topic that they would like to research. This is natural, but in some ways secondary to the process of scholarly writing.”

Am Ende betont er:

“The topic matters only in so far as data are available and the research method can reasonably apply. Topics are temporary and can change with the seasons. Good research questions grow ultimately out of the intersection of scholarly methods and quality data. “

Beides verweist auf eine erhebliche Reduktion der Rolle von Wissenschaft, die sich einzig nach einer schematischen Durchführbarkeit richtet. Das Thema ist – bestenfalls – nachgeordnet, weitgehend austauschbar und ergibt sich in jedem Fall von selbst.

Steht einmal eine Methode (“In graduate school I settled on a set of ethnographic tools, which I have used and reused over the decades.”), dann kann man jeden verfügbaren Datensatz damit durchpflügen. Die Forschungsfrage ergibt sich von selbst und sollte möglichst geradlinig beantwortbar sein:

“The best research questions for a thesis are ones with a straightforward answer. I generally recommend a yes/no question, or one that has a quantitative answer, or one that is a choice among reasonable alternatives. These are not the only possible research questions, but questions involving complex issues about “why” or even “how” tend to be beyond the scope and experience of even the cleverest doctoral students. The virtue of  a yes/no type question is that the student can make a clear choice. A thesis with a vague answer is not a contribution to knowledge, while even a very narrowly stated and highly qualified yes/no answer can be a reasonable step forward.”

Man kann dies durchaus als praktikable Lebenshilfe für den herausgeforderten Promovenden verstehen. Es führt aber gerade in einen Zustand, der für mich exakt nicht der Sinn einer wissenschaftlichen Tätigkeit im 21. Jahrhundert sein kann. Nämlich in ein Funktionshandeln, in einen angepassten und schematischen Wissenschaftsvollzug, in dem ein selbstkritisches Hinterfragen genauso wenig verankert ist, wie eine auf übergeordnete Kontexte der gesellschaftlichen Wirkung von Wissenschaft gerichtete Reflexion.

Michael Seadle schreibt selbst und zutreffend:

“Having a method  means absorbing a way of thinking.”

und scheint kein Problem darin zu sehen, dass die absorbierende Anpassung an bestimmte Denkstile (also gerade nicht kritische Elaboration und Anerkennung) die Handlungsweise ist, die zu Ideologisierungen führt. Damit ist – siehe die Frage des “Topics” oben – nicht einmal an inhaltlichen oder wertspezifischen Aspekten orientierte, sondern eine reine Formalideologie gemeint. Nach meinem Verständnis ist die Aufgabe der Wissenschaft aber gerade der Versuch, jede Form von Ideologisierung, auch die der  Funktionalisierung, und den daraus entstehenden Folgen, zu unterlaufen.

Wissenschaftshandeln ist für mich entsprechend politisches und wertorientiertes Handelns in dem Sinne, dass es nicht nur auf die eigene interne Stimmigkeit und das Funktionieren in diesen geschlossenen der Institute und Fachcommunities begrenzt ist, sondern mit jeder Forschungsfrage auch die Richtungsfrage stellt: Wie wirkt das, was ich erarbeite, auf die Gesellschaft, als deren Teil ich handele und – auch das und nicht nur ökonomisch gesehen – in deren Dienst ich stehe und für die ich, in dem ich die von mir übernommene Rolle des wissenschaftlichen Tätigseins auch Verantwortung trage?

Während Bibliotheken als Institutionen ganz offensichtlich ihre gesellschaftliche Aufgabe ohne Berührungsängste thematisieren, liegt nach meiner Beobachtung die große Schwäche der Bibliotheks- und auch der Informationswissenschaft in Deutschland darin, dass sie zu weit von der sie umgebenden gesellschaftlichen Umwelt entkoppelt, agieren.

Dass man den Studierenden des Faches ihr wissenschaftliches Handeln auf die Ideallinie der Binärmuster verengt (yes/no) und zudem die epistemologisch unhaltbare These präsentiert, dass Vagheit, nicht zu verwechseln mit Beliebigkeit und eher synonym mit Offenheit,  sowie dem Eingeständnis, dass Unschärfe zu komplexen Systemen und ihrer Betrachtung unvermeidlich gehört, keinerlei Belang für die Wissenskultur haben kann, erscheint mir jedenfalls nicht angemessen für eine zeitgemäße Bibliothekswissenschaft. Offen gesagt sogar eher als schädlich.

Allerdings vertraue ich auf die Weltgewandtheit und Intellektualität der Studierenden dieses Faches und darauf, dass sie der wissenschaftlich nicht untypischen Tendenz einer kritischen Opposition zu ihren Lehrern folgen. Das Entscheidende ist dabei sicherlich, wie der Ausbildungsapparat mit seiner systemgemäßen Asymmetrie der Machtverteilung bereit ist, von den Leitlinien – zum Beispiel den Michael Seadle’schen – abweichendes Denken anzuerkennen. Einer dynamischen und lebendigen Disziplin wäre jedenfalls anzuraten, die Außenposten ihres Denkens mindestens genauso zu fördern, wie den linientreuen Forschungsmainstream.

Mir teilte Michael Seadle übrigens einmal für eine Arbeit bei ihm mit, dass es für ihn auch die Derrida’sche Dekonstruktion als Methode akzeptabel wäre. So ganz habe ich mich dereinst trotz des Reizes (glücklicherweise) noch nicht darauf einlassen wollen. Auf eine bestimmte Art scheint mir aber die Dekonstruktion von Selbstverständlichkeiten genau das zu sein, was die Bibliothekswissenschaft als Methode vor dem Hintergrund der Verwandlung ihres Gegenstandes benötigt. Auch wenn am Ende erfahrungsgemäß kein Entweder-Oder, sondern ein Sowohl-als-Auch und ein Nicht-Fisch-nicht-Fleisch und in jedem Fall keine einfache, klar unterscheidbare, in Methodenzwänge formalisierbare Wahrheit stehen wird.

(27.05.2013, @bkaden)

Anmerkung: Namentlich gekennzeichnete Beiträge in diesem Weblog geben ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autoren wieder.

Kunst, Bibliothek und Medienwandel. Eine Sichtung aktueller Publikationen.

Posted in LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Referate by Ben on 19. Mai 2013

von Ben Kaden

I

Heike Gfrereis, Ellen Strittmatter (Hrsg.) Zettelkästen : Maschinen der Phantasie. Marbach am Neckar: Deutsche Schillergesellschaft, 2013.

Es ist nicht unbedingt neu, dass sich Künstler_innen aus diversen Perspektiven dem Phänomen Bibliothek nähern. Aber aus der Sicht derer, für die die Bibliothek nicht nur Ort oder Gegenstand müßiger Lohnarbeit ist, sondern die aus welchem aberwitzigen Grund auch immer eine Kammer ihres Herzens für dieses Kulturobjekt freigeräumt haben, ist dieser zumeist dekonstruierende Blick in der Regel hochinteressant.

Diese Menschen fahren ihrer Leidenschaft gemäß extra nach Marbach, um sich die exzellente Zettelkastenschau anzusehen, die vielleicht weniger das Label Kunst offen trägt, aber genau die Funktion erfüllt, die gute Kunst eben auch erreicht: durch Zusammenführen, Verschieben und Darstellen (oder Weglassen) von Material oder (wenn es Literatur ist) Sprache, Zwischenräume zu öffnen, die sonst verschlossen blieben, durch die sinnliche Aufladung einen Eindruck, ein Gefühl hervorzurufen, hinter das man nie wieder zurückgelangt und das nach und nach zu einem differenzierterem und reicherem Weltbild zu gelangen hilft.

Nun sind die in der Ausstellung Zettelkästen. Maschinen der Fantasie gezeigten, geöffneten und  eben tatsächlich dekonstruktiv eröffneten Objekte, die Kästen Hans Blumenbergs, Friedrich Kittlers, Peter Rühmkorfs, Arno Schmidts, Walter Benjamins, selbstverständlich Niklas Luhmanns sowie einiger weiterer Vertreter der deutschen Geisteselite die Ausstellung, etwas entfernt vom klassischen bibliothekarischen Zettelkatalog. Das verbindende Element ist einzig die Formähnlichkeit.

Jedoch weisen die Exponate einen viel zeitgenössischeren Bezug zur Bibliothek auf. Denn sie nehmen in aller Konsequenz und Verästelung die Idee der semantischen Netze, auf die Digitale Bibliotheken hinarbeiten, und den Gedanken des Hypertextes, aus dem Digitale Bibliotheken geformt werden, mit mechanischen Mittel voraus. W.G. Sebalds Gesichter-Index ist eine Prä-Tumblr-Sammlung von Fundfotos. Walter Kempowskis “Weltkrieg II”-Kartei ist ein nahezu idealtypischer Material-Mash-Up.  Von Hermann Hesses Postkarten-Kartei ist es nicht weit zu einer FOAF-Struktur. Siegfried Kracauers Sammlung zu Jaques Offenbach und dem Paris seiner Zeit nimmt schließlich fast ein wenig das Geospacing vorweg.

Was aber deutlich wird, ist, wie diese schöpferischen Zettelkästen immer gerichtet zumindest begonnen werden – je nach Disziplinen erweitern sie sich bisweilen zum reinen Selbstzweck – immer das Ziel verfolgen, eine enorme Informationsmenge zu strukturieren und beherrschbar zu machen. Die Flexibilität des Mediums Zettelkasten ist auch heute noch beeindruckend oder vielleicht umso mehr, da man sieht, wie so vieles, was heute als Innovation offeriert wird, schon an anderer Stelle mit unglaublicher Konsequenz durchgespielt wurde. Zugleich wird sichtbar, wie Komplexität und Eigensinn des Mediums die Ordnungsversuche immer wieder durchbrechen, wie die Zettelkästen dazu neigen, die, die sie pflegten, zu binden und zu beherrschen. Mehr noch als die Bandbreite der Möglichkeiten des Einsatzes von Zettelleien ist diese Macht des Mediums und seiner Struktur über die Inhalte und die sie nutzenden Menschen das Eindrucksvolle, das man aus der Marbacher Schau als Erinnerung mitnimmt.

Wer sich mit semantischen Netzen über einen schematischen Durchprogrammierwunsch beschäftigt, erhält aus diesem Blickwinkel außerdem einen ganzen Stapel Karteikarten als Inspiration zum Überdenken der eigenen Selbstverständlichkeiten. Aus dieser Perspektive gelingt der Ausstellung das, was man von Kunst idealerweise erwarten kann.

Wer es verpasst, verpasst zwar etwas, aber es ist ja nichts verloren. Denn Friedrich Kittler, der sich von den angesprochenen Zettelkästlern vermutlich am klarsten und bewusstesten mit der Medialität und der Transformation von Medialität befasste, antwortete in einem Interview in seinem Todesjahr 2011 mit der WELT am Sonntag auf die Frage „Erwartet uns eine Edition der gesammelten Festplatten?“

„Ich habe versucht, zumindest die Dateien aufzuheben. Aber die meisten alten CDs sind jetzt kaputt. Meine Zettelkästen dagegen stehen noch hier im Nebenzimmer. Mit Schreibmaschine verfasst, ganz ordentlich geführt.“ (zitiert nach dem besprochenen Band ,S.50)

Wenn also die Dateien alle zu unbezahlbaren Problemfällen der digitalen Langzeitarchivierung geworden sind, wird Friedrich Kittlers Mondfarbensammlung noch problemlos in einem kühlen Archivkeller konsultierbar sein. Der Katalog zur Ausstellung ist dagegen leider, und das ist wirklich der einzige Knackpunkt, so unglücklich klebegebunden, dass er sich nach einer intensiven Lektüre leider buchstäblich selbst verzettelt. Hier hätte man buchgestalterisch wenigsten den Bogen zu einem Karteikartennormformat schlagen können, damit es dem Leser möglich wird, die Seiten dem Prinzip der Maschinen der Fantasie folgend in einem eigenen Kasten neu zu ordnen.

Besprochene Bücher / Mai 2013

Von links nach rechts: Die erste Ausgabe des Bulletins of the Serving Library (sh. IV), der Marbacher Ausstellungskatalog (I) und Sara MacKillops Ex-library Book (III). Die New York Times (II) bekommt man selbst in Berlin gedruckt nur noch als Print-on-Demand.

II

Susan Hodara: An Old Technology, Transformed. ‘Artists in the Archives,’ at Greenburgh Public Library in Elmsford. In: New York Times / nytimes.com. 18.05.2013, Volltext

Wäre der Aufwand nicht so hoch, böte sich als Ergänzung die Reise in die im Vergleich zu Marbach am Neckar noch unscheinbarere Stadt Elmsford, New York an. Denn in der dortigen öffentlichen Bibliothek zeigt man bis zum September eine Ausstellung Artists in the Archives: A Collection of Card Catalogs, die sich weniger aus Gründen des persönlichen Kreativmanagements und mehr zum Zweck der Kreativität selbst mit Katalogkästen und –karten auseinandersetzt. Da Berlin aber doch selbst für das Pfingstwochenende zu weit vom Staate New York entfernt liegt, kann an dieser Stelle nur auf den gestern in der New York Times erschienenen Artikel verwiesen werden. Als Symptom für die Praxis der künstlerischen Annäherung an Medialität und Eigenschaften der Bibliothek eignet er sich allemal, auch wenn er nur wenig zeigt von Carla Rae Johnsons Alternet-Installation, der Arbeit einer Künstlerin, die bereits vor zwei Jahrzehnten recht kurios die Beziehung von Bibliothek und Beton auslotete.

Immerhin zwei Trends für die Kunst mit Bibliotheksbezug werden auch so deutlich: Re-Use, also die in diesem Fall rekontextualisierende Nachnutzung von an sich obsoleten Materialien und zweitens, wie im Fall des von der Fotografin JoAnne Wilcox angestoßenen Call to Everyoneeine partizipations-orientierte Kunstpraxis, wie sie auch bei der im vergangenen Jahr abgehaltenen Berlin Biennale für Zeitgenössische Kunst im Zentrum stand und dort so halb erfolgreich war. (Ich jedenfalls habe mit großer Freude zwei Bögen von Khaled Jarrars Briefmarken-Arbeit in die Welt verteilt. vgl. auch hier)

Von der Web-Anmutung her wirken die Arbeiten ästhetisch freilich sehr anders als die Auguststraßen-Galerie-Kultur. Andererseits ist es auch gar nicht schlecht, einmal nicht in dieser überpolierten Präsentationsästhetik zu schwimmen und die heute etwas eigenartig wirkenden Navigationsbuttons auf Barbara Pages Book Marks- und Buchkunstprojektpräsentation sollten nicht unbedingt von der Arbeit selbst ablenken.

III

Sara MacKillop: Ex-Library Book. Kopenhagen: Pork Salad Press, 2012, Informationsseite beim Verlag

Mehr von Berlin geprägt ist die Arbeit der britischen Künstlerin Sara MacKillop, allerdings eher kreuzbergisch und zwar deshalb weil ihr Ex-library Book in einer Anzeigenkunstaktion an der Normaluhr unweit der Amerika-Gedenkbibliothek (etwa dort, wo die Glitschiner Straße zum Halleschen Ufer wird) in den öffentlichen Raum leuchten durfte. Das Projekt Ex-library Book  beschäftigt sich mit dem Hauptproblem materialorientierter Bibliotheken, nämlich der Aussonderung, die, so der Beschreibungstext zum Clock-Tower-Projekt eine ganze kleine Industrie am Leben hält:

„Manilla book tickets (green or buff), cross ruled catalogue cards (punched), accession sheets (pack of 500), Sinclair display units (1200mm), and self­inking mini date stamps… an industry exists to support analogue archival processes with products that are new but lack newness, already tinged with obsolescence.”

Vielleicht wäre die Idee der Meta-Materialien um das ausgesonderte Buch herum noch origineller fokussierbar. Aber Sara MacKillop entschied sich anders und versammelt in ihrer Publikation zum Thema eine sehr gemischte Abbildung von Spuren, Illustrationen, Flecken und Stempeln, die zweifellos irgendwie mit ausgesonderten Titeln in Verbindung stehen. (LIBREAS selbst hatte einmal eine ähnliche Reihe, allerdings e-only: Ben Kaden: Aussonderungsvermerke. 16 fotografische Variationen über ein Thema. In: LIBREAS 10/11, 2007)  Auch der Zettelkatalogkasten findet in dieser Pin-Wand-artigen Kollektion seine Würdigung.

Die Publikation selbst ist leicht bibliothekssubversiv angehaucht. Jedenfalls deutet die Projekterläuterung auf eine solche Überdrehung:

„An affirmation of a negation: an advertisement for something which is described by what it is no longer; a deadpan statement not of intent but of conflicting ideologies. Exactly what it says it is and not some awful pun; the Ex­library Book is difficult to place.”

Diese an sich sehr originelle Volte wirkt leider in der Publikation nicht so ganz markerschütternd umgesetzt – schlicht weil sich die kleine Arbeit kaum in Bibliotheksbestände verirren wird. Die Kongelige Bibliotek in Kopenhagen immerhin fand für den Titel jedenfalls anstandslos und unkompliziert die passende Sachgruppe: konceptkunst. So läuft die Unterwanderung ins Leere und das Büchlein doch passend in die Ordnung des Lesesaals. Auch die auf die Rückseite des Buches aufgedruckte These wäre differenziert diskutierbar:

„An Ex-library book is the least desirable book in book collecting terms. The term is used for books that once belonged to a library. Ex-library books are generally unattractive, as they have usually been stamped, taped, glued or had a card pocket glued to them. The books have often been damaged by the patrons of the library themselves.”

Das mag pauschal zutreffen. Wo allerdings Läden wie The Monkey’s Paw (mehr dazu auch hier) nach dem Absonderlichen suchen, sind Bibliotheksbestände eine fantastische Quelle. Gerade traditionsreiche Universitätsbibliotheken sondern erfahrungsgemäß mitunter exakt die Titel aus, die in dieses Beuteschema fallen, die so abseitig sind, dass sie zu ihrer Erscheinungszeit kaum je einen privaten Käufer fanden (oder die kaum bewahrt wurden) und die auch in der Bibliothek wenig genutzt und häufig sehr mediengerecht gelagert wurden. Der klassische Buchsammler auf der Jagd nach tadellosen Erstausgaben ist dafür nicht die Zielgruppe. Aber während diese Gruppe ihren Zenit wie fast alle Sammelkulturen zu überschritten haben scheint, wächst die andere, also die derer, die Ungewöhnliche eventuell sogar aus eigenartigen und längst geschlossenen Bibliotheken suchen. Auf die freilich groß genug wird, dass es sich für den Antiquariatsbuchhandel lohnt, sie gezielt ansprechen, vermag auch ich nicht aus meiner Alltagsempirie zu beantworten.

IV

Bruce Sterling: The Life and Death of Media. In: Bulletins of the Serving Library. #1, 2011. S. 2-16
Rob Giampietro, David Reinfurt: Information on Libraries. In: In: Bulletins of the Serving Library. #1, 2011. S. 17-24
Angie Keefer: An Octopus in Plain View. In: Bulletins of the Serving Library. #1, 2011. S. 40-76

Eventuell entspricht die Größe dieser Gebrauchtbuchkundengruppe ja dem Leserkreis des Bulletins of The Serving Library, dessen erste Ausgabe zwar bereits 2011 erschien, es aber erst jetzt auf meinen Schreibtisch schaffte. Es ist eine äußerst merkwürdige Publikation, die freilich für alle, die sich dafür interessieren, wie Jaron Lanier („better know as the father of virtual reality“) über die Biologie bzw. Kraken Claude Shannons Informationstheorie in ihre Schranken weist und für Rechnerarchitektur etwas weitaus komplexeres im Sinn hat:

„Lanier […] thinks Shannon’s “information” should be renamed “potential information.” Against the protocol-based programming of contemporary computing, he offers the model of PHENOTROPIC computing. The goal of phenotropic computing  is to render systems in which every instance of information in a system relates to its context and which can effectively make inferences about other systems based on how they behave in a shared context. Communication transmissions in a phenotropic system MUST have a causal relationship to their environment. Instead of thinking of information as single bit traveling from A to B, Lanier conceives of an ever-changing SURFACE from which multiple points are sampled simultaneously and continuously.” (Keefer, S.74 f.)

Dieses systemische Verständnis ist für Bibliotheks- und Informationswissenschaft nicht ganz neu aber eher auch nicht ganz etabliert. Und während man in den Mühen der Ontologie-Einebnungen rund um irgendwelche semantische Netze die Probleme der traditionellen Sacherschließung und Thesaurus-Kunde potenziert, dürfte die Big-Data-Avantgarde mit der Erschließung konkreter Kommunikationshandlungen in Sozialen Netzwerken längst auf der Schussbahn eines pragmatischen Netzes unterwegs sein, die möglicherweise die Semantic-Web-Entwicklungen bereits in die Ecke der Obsoleszenz schiebt, bevor diese in wirklich ausgereiften Anwendungen massentauglich werden.

Darüber hinaus gibt einen schönen Aufsatz des Science Fiction-Autors Bruce Sterling, der von Jacqueline Goddards Erinnerungsthese, die Erfindung des Telefons hätte die Kultur von Montparnasse zerstört über Medientransformationen nachdenkt und – nicht unberechtigt und wunderbar staunend  schlussfolgernd – fragt:

„What’s our hurry anyway? When you look at it from another angle, there’s an unexpected delicious thrill in the thought that individual human beings can now survive whole generations of media. It’s like outliving the Soviet Union once every week! That was never possible before, but for us, that is media reality.” (Sterling, S. 15)

Und er fährt mit einer Verortung fort, die man sich durchaus für die Gelegenheiten merken kann, an denen man einen originellen Vergleich benötigt:

„It puts machines into a category where machines probably properly belong – colorful, buzzing, cuddly things with the lifespan of hamsters. This PowerBook has the lifespan of a hamster. Exactly how attached can I become to this machine? Just how much of an emotional investment can one make in my beloved $3,000 hamster?” (ebd.)

Wir alle kennen natürlich die – Hamster! – Bilder von MediaMarkt- und Apple-Store-Eröffnungen und die Psychologie ist sicher befähigt, schlichte und handliche Beschreibungen dieser Ereignisse formulieren. Kulturtheoretisch ist das diese gesellschaftliche Umpriorisierung von den medialen Inhalten hin zu den Anzeige- und Übertragungsmedien eine aufregende Angelegenheit, wobei kulturtheoretisch mittelbar ebenfalls bibliothekskulturtheoretisch heißen muss.

Rob Giampietro und David Reinfurt erörtern schließlich in einem FROM 0 to 1 überschriebenen Gespräch den Eigensinn der Information und die Frage, was diese wirklich will – und zwar im Anschluss an Steward Brands totzitierte Aussage „Information wants to be free.“ Bücher mögen hier wahlweise als Gefäße oder Gefängnisse angesehen werden. In jedem Fall binden sie als Informationsträger die Informationen in bestimmten medialen Beziehungsraum, der sich grundsätzlich von dem digitaler Medien unterscheidet:

„[…] [B]ooks want to remain as book-like as possible, while other information carriers – webpages, for example – try to take their place. We dislike calling Amazon’s Kindle a “book”. It’s really something that’s emulative of a book. You “turn” a digital “page” by pressing a button, which wipes the screen of pixels and replaces those pixels with new ones. Design is the set of decisions that add one metaphor on top of another to make the Kindle feel book-like. It’s an exercise in analogy. But Books don’t want the Kindle. Books, as a medium, want more books. Information, however, just wants to be transmitted, through whatever host allows it to spread as widely as possible.” (Giampietro, Reinfurt, S. 23)

Man kann die Digitalisierung also auch sehr evolutionär interpretieren und die Vorstellung, die Information strebe aus einem innneren Strukturzwang automatisch nach dem für sie weitreichensten und einfachsten Verbreitungsweg, ist nicht ohne Reiz, fordert aber zugleich eine Abgrenzung ein – nämlich die zwischen Information im Bit-Sinn und der Kultur, inklusive dem Wissen, der Informationsnutzung und der Mediengestaltung. Wahrscheinlich zwingt uns der Eigensinn von Information tatsächlich dazu, Medien in einer bestimmten Weise zu gestalten. Unsere eigenen Intentionen, Anspruch und auch sinnliche Dispositionen spielen jedoch mindestens eine gleichwirksame Rolle. Für die Information an sich mag das Buch (oder auch der Zettelkasten) eine längst überholte Bremse sein. Für den Menschen selbst könnte aber gerade diese die Information und ihren Fluss durch Materialität restringierende Form eine besondere, nicht emulierbare Bedeutung besitzen. Vielleicht auch nicht, aber nachdenken sollte man darüber schon.

Auf S.91 des Hefts wird eine bekanntere Übersicht von Régis Debray zitiert, die das Dreistadienmodell Logosphäre (Schreiben) – Graphosphäre (Drucken) – Videosphäre (Audio-Visualisieren) mit bestimmten Symbolrahmen und sozialen Bezugsgrößen in Beziehung stellt. Anhand dieser lässt sich sehr gut die mediale Verschiebung auf die ethische Grundfrage „Wie wollen wir leben?“ rückbinden. Beispielhaft sei hier nur die Entwicklungen des Bezugs für die Legitimation angegeben: Logosphäre: Das Gottgegebene (denn es ist heilig), die Graphosphäre: Das Ideale (denn es ist wahr), die Videosphäre: Das Effektive (denn es funktioniert).

Wenn wir also über die Wechselwirkung zwischen gesellschaftlichem und Medienwandel nachdenken wollen, was aus meiner Sicht der Kern der Bibliotheks- und Informationswissenschaft als Wissenschaft sein sollte, dann wird hier deutlich, dass es sich bei weitem nicht einzig um Fragen von Oberflächendesign und Übertragungstechnik handeln kann.

Und wenn uns als Aktive dieses Faches sowohl die Dekonstruktionen und die Metadiskurse aus der Kunst entsprechend sensibilisieren und gleichzeitig dadurch hinterfragen, dass sie die Thesen verhandeln, die eigentlich bzw. zugleich unser Stoff wären, dann ist das nicht nur eine Anregung. Sondern parallel – und viel entscheidender – die implizite Frage, ob die Strukturen unserer Wissenschaft, die diese großen, übergeordneten und entscheidenden Fragen nur äußerst selten befriedigend zu greifen bekommt, möglicherweise häufiger mehr eine Praxis der Selbsterhaltung als eine des progressiven Denkens pflegt.

Wenn Régis Debray mit seinem Schema Recht hat und wir ohnehin von der Kultur des Arguments hin zu einer Kultur der Verführung (auch als Form der Gesellschaftssteuerung) gleiten, dann stellte sich tatsächlich die Frage, ob für das Betrachtungsfeld unserer Disziplin nicht mehr mit gezielter Kunst- als mit Wissenschaftsförderung gewonnen wäre?

Die Frage ist selbstverständlich so überspitzt, dass sie sofort bricht, wenngleich die allgemeine Anerkennung und Würdigung von Kunst als Erkenntnispraxis ein fantastischer kultureller Schritt wäre und ich im Gegenzug eine Übernahme bestimmter intellektueller Aspekte der Kunstpraxis in die Wissenschaft genauso gut heißen würde. Dennoch sind die Annährungspfade der Auseinandersetzung aus gutem Grund unterschiedlich. Wir sollten gerade deshalb überlegen, wie man dies in einer übergeordneten Zusammenführung des an sich Getrennten fruchtbar und wirksam machen könnte.

(Berlin, 19.05.2013, @bkaden )

Sie nannten es Arbeit. Eine Handreichung zu drei Informationsgesellschaftstheorien.

Posted in LIBREAS.Referate by Ben on 12. März 2013

Rezension zu

Jochen Steinbicker (2011) Zur Theorie der Informationsgesellschaft. Ein Vergleich der Ansätze von Peter Drucker, Daniel Bell und Manuel Castells. 2. Auflage Wiesbaden: VS Verlag. ISBN: 978-3-531-18054-0 29,95 Euro (Seite zum Titel beim Verlag)

von Ben Kaden

I

Wer in den ausklingenden 1990er und beginnenden 2000er Jahren in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft über den Tellerrand hinaus sah und sich fragte, in welcher Gesellschaft er sich befindet, der blickte zwangsläufig in eine halb gegenwärtige, halb zukünftige Lebenswelt namens Informationsgesellschaft. Über diesem bereits an sich schillernden Begriff standen als besonders strahlende Leitgestirne die Beschreibungen von Daniel Bell (postindustrielle Gesellschaft) , Peter Drucker (Wissensgesellschaft) und Manuel Castells (informationelle Gesellschaft, Informationalismus). Allen drei Protagonisten beschäftigte, ungeachtet der Variation in der Benennung, die Transformation einerseits der ökonomischen und andererseits in dieser Folge auch der sonstigen Bereiche der Gesellschaft.

Grundlage der Entwicklung war eine Verschiebung im Bereich der Produktivkräfte (ein Ausdruck, der seinen Zenit etwa 1975 hatte und mittlerweile auch schon Staub trägt). Für die Wertschöpfung waren nun nicht mehr physische Arbeit (mitsamt der Körper, die diese verrichten mussten) und Land und nicht mehr nur Kapital, Maschinen und Energie notwendig. Entscheidend waren mehr oder minder plötzlich Wissen, Innovationsgeist, Wagnis und – wie das Beispiel der New Economy zeigt – auch Einiges an Chuzpe, Glück und richtigen persönlichen Kontakten.

Parallel dazu erkannte man, dass sich die bis dato weitgehend vorwiegend unter kulturellen bzw. sozialen Aspekten zu verortenden Phänomene Information und Kommunikation nicht nur nachrichtentechnisch in mathematische Fassungen bringen lassen, sondern generell als Waren begriffen werden und daher auch ihre Erzeugung, Verbreitung und Nutzung nach Marktmechanismen strukturiert werden können. Mit den entwickelten Formen der Informations- und Kommunikationstechnologie standen Kanäle und Werkzeuge zur Verfügung, die nahezu beliebige Quantitäten von Nachrichten bei zugleich relativ guter Kontrollmöglichkeit übertragbar machten. Die Totalisierung dieses Prinzips, dass wir mit dem Zeitalter des Smartphones und der digitalen sozialen Netzwerken bis in den kleinsten interpersonellen Austausch hinein erfahren, ist nicht nur direkte Nachwirkung dieses Gedankens, sondern zugleich Auslöser der Frage, in welche Richtung dieser Zug nun weiter rollt.

Schreibtisch

II

Möglicherweise ist die Wissensökonomie, bei der es um Individualwissen geht, schon längst wieder im Abschwung. Die Theorien der Informationsgesellschaft und deren Hauptvertreter, von denen zwei bereits verstorben sind, hinterließen dafür keine Orientierung. Ihre Arbeiten bieten tatsächlich Erklärungsmuster, die die Entwicklung bis circa in den frühen 2000er Jahre noch halbwegs begreifbar machen.

Das Gewicht ihrer Theorien liegt entsprechend noch auf dem Faktor Wissen, hier synonym mit Intelligenz und schneller Reaktionsfähigkeit bzw. Entscheidungsfreude zu verstehen. Zauderer hätten kein Google gebaut und der alte Industrieadel wäre an den frühen Bilanzen (ca. die ersten 15 Jahre) von Amazon zutiefst verzweifelt. Dennoch hat sich das Digitale in Form von Leit- und Steuertechnologie auch in den urständigsten Schwerindustrien durchgesetzt. Wer es nicht glaubt, den überzeugt jede beliebige Führung in einem gläsernen Stahlwerk oder eine anderen Art von (ehemaliger) Manufaktur in der Regel ziemlich schnell. Dass Bildung im Sinne von einer Verständnis- und Bedienkompetenz für entsprechende Steuermedien an vielen Stellen über Körperkraft geht, versteht sich von selbst. Ein bitteres Erwachen jenseits idyllischer Illusionen über das Emanzipationspotential einer digital basierten Kommunikationsgesellschaft spielte für die drei Leitbildbildner noch kaum eine Rolle. Die Entkleidung von Konzepten wie Bildung und Wissen auf ihren Verwertungskern scheint jedoch, wie wir heute leicht erkennen, ein logischer und unvermeidbarer Bestandteil der Entwicklung zu sein.

Wir sehen es jeden Tag: Bildung, auch universitär, besitzt auch in der universitären Praxis nur noch sehr geringe Schnittmengen mit aufklärerischen Vorstellungen und sehr große mit Fragen der Tauglichkeit für einen Arbeitsmarkt, in dem Wissen einzig dann wichtig ist, wenn es dem jeweiligen Funktionskontext nutzt bzw. sich jemand findet, um dafür etwas zu bezahlen. Der Wissensarbeiter – den beispielsweise Peter Drucker eher abstrakt beschrieb – ist zumeist tatsächlich nur Wissensproletarier (oder, vgl. S. 47, “Nachfahre des Facharbeiters”). Daniel Bells Vorstellung einer Wissenselite bleibt ebenfalls eher unterbestimmt und die Idee einer Verlagerung von Macht und Kontrolle weg vom Markt ist, wie auch Jochen Steinbicker betont, je nach Sichtweise entweder widerlegt oder noch auf dem Weg zu einem Ort, an dem sie sich einlösen kann.

III

Der Soziologe Jochen Steinbicker bündelt also in seinem Überblicksbuch die am Ende doch ähnlichen Konzeptlinien des großen Vordenkertrios unserer (ökonomischen) Gegenwart, heuer in der zweiten Auflage, zusammen und macht somit die “Pfade zur Informationsgesellschaft” (so der Titel eines weiteren Buches, das er ebenfalls 2011 allerdings beim Velbrück Wissenschaftsverlag publizierte) aus diesen drei Perspektiven recht übersichtlich nachvollziehbar. Die Abhandlung eignet sich freilich mehr als Handreichung denn als Beitrag zum wissenschaftlichen Diskurs, obschon die jeweilige Kritik der Ansätze eine gute Basis für Folgediskussionen böte, lägen die Defizite aller drei Versuche, die kommende bzw. seiende Gesellschaft zu bestimmen, nicht bereits derart offen auf der Hand.

Letztlich sind die referierten Theorierahmen von Bell, Castells und Drucker im Jahr 2013 über weite Strecken hauptsächlich aus historischer Sicht interessant. Im Jahr der Erstauflage des Bandes – 2001 – stellte sich die Situation noch anders dar (und das Buch selbst war, das nebenbei  vermerkt, auch noch zum halben Preis zu haben – eine auch wissensökonomischer Sicht erstaunliche Kopplung von Halbwertszeit des Wissens und dem dafür geforderten Preis).

Zum Ausstieg argumentiert Jochen Steinbicker erwartungsgemäß resolut gegen eine techno-determinstische Entwicklung. Stattdessen plädiert er für die “Identifizierung verschiedener Typen von Informationsgesellschaften ” (S.125) als Startpunkt eines kritisch-reflexiven Hinterfragens. Beispielsweise der in der Tat bisweilen dreist von den prominenten Monomaniacs (Wortschöpfung von Peter Drucker) als unveränderlich verkauften Entwicklung, die freilich oft mit dem Verkauf einer jeweiligen Produktidee korreliert und mitunter die Verbindung zur Theorie eines viel älteren Vordenkers aus der Republik Florenz nahelegt.

Die vier Beobachtungsebenen, die sich für Anschlussuntersuchungen anbieten:

  1. These des Strukturwandels der Arbeit;
  2. These der Spaltung zwischen hochqualifizierten Wissensarbeitern und geringqualifizierten Dienstleistungsangestellten (dieses Neoproletariat wurde freilich bereits von Walter Benjamin thematisiert);
  3. Verhältnis von Wissensarbeit und Organisation inklusive Verschiebungen im Verhältnis Hierarchie und Kontrolle;
  4. Bestimmung der gesellschaftlichen Bedeutung des Strukturwandels der Arbeit (vgl. Steinbicker, S. 123)

bleiben zweifellos zeitfeste Plateaus intellektueller Deutungsarbeit und dies idealerweise auch für die Bibliotheks- und mehr noch Dokumentations- als Informationswissenschaft. Denn die Frage, wohin die Profession steuert, ist dauerhaft offen. Bibliothekare und Dokumentare (besonders letztere) standen gewissermaßen lange durchaus für eine Art Avantgarde der Wissensverarbeitung, die nun in der Informations- und Wissensgesellschaft vom Hauptfeld der Beschäftigungswelt einge- und manchmal überholt wurde. Die Bibliotheks- und Informationswissenschaft sieht sich so mit einem mächtig erweiterten Gegegenstandsbereich konfrontiert und obwohl die Vorhersagen von Daniel Bell auf die 1960er rückdatieren und die Bücher frühzeitig auch in deutscher Übersetzung vorlagen, zeigte sie sich lange nicht sonderlich für diese Transformation gewappnet.

IV

Kurioserweise musste man auch in ihr ausgerechnet lange um das ringen, was Jochen Steinbicker als “dritten Weg zwischen der pauschalen Ablehnung [...] und der unkritischen Zustimmung” einfordert. (S. 125) Früher nannte man das ein vernünftiges Gleichgewicht. Die stattdessen in dem Feld lautstärker wahrnehmbaren Extrempositionen wie a) Treue zu anachronistischen Prinzipien oder b) servile Anpassung an den Zeitgeist treten, wie jeder weiß, immer besonders gern in Situationen der Unsicherheit auf. Dass die Veränderung der Beschäftigungswelt mit gegenläufigen Trends einerseits der Ausweitung der lebensweltlichen Bedeutung des Arbeitsverhältnisses (vermittelt durch das Medium Geld) und andererseits die weitreichende Flexibilisierung und potentielle Prekarisierung der Arbeitswelten, wie wir es seit 2000er Jahren in größter Entfaltung erleben, zu Verunsicherung führt, erstaunt freilich ebenso wenig wie die Tatsache, dass weder Bell noch Drucker noch Drucker in ihren Makroentwürfen sonderlich über die sozialpsychologischen Folgen der von ihnen beschriebenen neuen Gesellschaften reflektierten.

Vielmehr liest es sich so:

“Alle Konsumfreuden, wie ein Buch lesen, sich mit einem Freund unterhalten, eine Tasse Kaffee trinken, ins Ausland reisen, erfordern Zeit. Deshalb verfügen auch die Bewohner “rückständiger Länder”, die sich nicht so viele Dinge leisten können, über mehr Zeit. Besitzt jemand hingegen ein Segelboot, einen Rennwagen oder ein Konzertabonnement, ist “Freizeit” sein knappstes Gut. Will er z.B. ins Konzert, muß er entweder sein Abendessen hinunterschlingen [...] oder hinterher essen, was wiederum bedeuten kann, daß er zu lange aufbleibt und nicht genügend Schlaf hat, will er am nächsten Tag “pünktlich” zur Arbeit erscheinen.” – Daniel Bell (1979): Die nachindustrielle Gesellschaft. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, S. 349

Das mag für irgendeine Welt korrekt sein. Aber wer heute als Wissensdienstleister zu arbeiten beginnt oder, vom Bildungsabschluss zur Wissenselite zählend, versucht im deutschen Universitätssystem Fuß zu fassen, merkt spätestens beim Blick auf seine Rentenprognose, dass ein Segelboot oder ein Rennwagen vermutlich nicht zum engsten Kreis der Probleme zählen werden. Die Frage nach der Aktualität und Aktualisierbarkeit der Arbeiten der großen Drei stellt sich so bei der Lektüre der Originaltexte nicht ganz selten. Sie zu kennen, schadet natürlich auch nicht.

Dass sich Jochen Steinbickers Arbeit vorwiegend an Soziologen und dabei vermutlich in der Hauptsache an SoziologiestudentInnen richtet, die das Buch zur Prüfungsvorbereitung lesen (vermutlich in der Bibliothek, denn für diesen Zweck ist die zweite Auflage schon etwas hochpreisig), braucht uns als Bibliotheks- und Informationswissenschaftler keineswegs daran hindern, einen (Rück)Blick in die Pro- und Diagnostik der drei genannten Theoretiker zu werfen. Man erfährt durchaus Wichtiges über die Wurzeln der heutigen Haupttrends vor allem der digitalen und wissensbasierten Ökonomien. Und erst deren Kenntnis ermöglicht vermutlich ein adäquates Handeln in einer äußerst widersprüchlich und unklaren gegenwärtigen Gesellschaft jenseits von Informations-, Wissens- oder Wissenschafts-Präfixen.

(Berlin, 08.03.2013)

Hybrides Lesen – Marginalien zur Rezension des Handbuchs Informationskompetenz

Posted in LIBREAS.Referate by libreas on 5. Februar 2013

von Lars Müller (Potsdam)

Das Handbuch Informationskompetenz [1] erscheint bei De Gruyter Saur zugleich als Print- und Onlineausgabe. Ich war gespannt, welche der beiden Ausgaben mir als Rezensionsexemplar für die Besprechung in LIBREAS zur Verfügung gestellt werden würde. Ich erhielt – ganz in meinem Sinne – ein gedrucktes Exemplar.

Schon beim ersten Betrachten hatte ich den Eindruck, eine Mischform in den Händen zu halten: Das gedruckte Buch ist nach den Anforderungen einer digitalen Publikation gestaltet. Jedes Kapitel kann vom Inhalt her für sich allein stehen, auch die Literaturangaben befinden sich jeweils am Ende des Kapitels. Das ist für den fragmentierten, kapitelweisen Download (und Verkauf) am praktischsten. Die digitale Version hinterlässt dagegen zugleich den Eindruck, eine PDF-Version der Printausgabe zu sein. Sie enthält – und das wirkt für ein eBook etwas anachronistisch – auch das Stichwortverzeichnis der Printausgabe als eigenständig erwerbbares Kapitel. Zum Glück bietet der Verlag eine funktionierende und kostenlose Volltextsuche an – freilich werden nur die zu den Fundstellen zugehörigen Kapiteltitel angezeigt.

Google Books hat demgegenüber bekanntlich den Vorteil, die Fundstellen im Kontext anzuzeigen. Ein Vorteil, der mir trotz meines positiven Gesamteindrucks vom Handbuch Informationskompetenz eine kleine Ernüchterung bescherte:

Wer, wie ich es getan habe, ein längeres Zitat im Einleitungskapitel von Wilfried Sühl-Strohmenger (S. 4f.) googelt (Google Books), stößt nicht auf die Originalquelle (Jürgen Mittelstraß, s.u.), auch nicht auf das Handbuch Informationskompetenz, sondern neben Teaching Library (Sühl-Strohmenger 2012) auch auf das Buch Informationsethik von Rainer Kuhlen.[2] Ein Zufall, dem ich genauer auf den Grund gehen wollte.

Auf Seite fünf im Einleitungskapitel von Sühl-Strohmenger löste ein im Zitat formal inkorrekt in doppelte Anführungszeichen gesetztes Wort eine Irritation aus und regte genaueres Nachschauen an. Bei der Überprüfung des Zitats [3] stellte sich mit der oben bereits erwähnten Google-Books-Recherche heraus, dass der selbe Abschnitt auch in einem längeren Zitat in Kuhlens Informationsethik [4] enthalten ist. Ein Buch, das zwar in der weiterführenden Literatur des Handbuchartikels aufgeführt, aber nicht in dem inhaltlichen Zusammenhang des oben genannten Zitats erwähnt wird.

In der Bibliothek meines Vertrauens bestellte ich mir die Originalquelle und bekam ein gedrucktes Suhrkamp-Bändchen aus den 1990er Jahren ausgehändigt. Genau wie Kuhlen gibt Sühl-Strohmenger die Fundstelle mit „S. 226f.“ an. Der Vergleich mit dem Original zeigte, dass der von Sühl-Strohmenger zitierte – kürzere – Abschnitt allerdings ausschließlich auf Seite 227 steht. Außerdem machte Sühl-Strohmenger neben einem zusätzlichen Zeichensetzungsfehler – ebenfalls wie Kuhlen – im Satz „Informationen muss man glauben, …“[5] einen Übertragungsfehler und aus dem Plural wird das Singular „Information muss man glauben…“[6]

Dies mag natürlich Zufall sein, es hat aber doch ein „Geschmäckle“. Ein Umstand, der angesichts der Tatsache, dass es sich ausgerechnet um die Einführung in ein Handbuch zur Informationskompetenz handelt, bedauerlich ist.

Nichtsdestotrotz zeigt das beschriebene Leseerlebnis, dass zum Rezensieren noch zum Analysieren weder allein die digitale noch die gedruckte Form ausgereicht hätte. Noch gehört zum hybriden Publizieren eben auch das hybride Lesen.

(Eine ausführliche Besprechung des Handbuch Informationskompetenz erscheint in der nächsten Ausgabe von LIBREAS.)


[1] Wilfried Sühl-Strohmenger [Hrsg.] Handbuch Informationskompetenz (Berlin: De Gruyter Saur, 2012). Seite zum Titel beim Verlag.

[2] Folgende Phrase habe ich am 5.2.2013 bei der Suche verwendet:

“Erforderlich sind vielmehr Verarbeitungskompetenzen und das Vertrauen darauf, dass die Information“

aus: Jürgen Mittelstraß: Leonardo-Welt: Über Wissenschaft, Forschung und Verantwortung, 1st ed. (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1992), S. 227 nach Wilfried Sühl-Strohmenger, ed., Handbuch Informationskompetenz (Berlin: De Gruyter Saur, 2012), S. 5.

[3] Mittelstraß, S. 226f.

[4] Rainer Kuhlen: Informationsethik: Umgang mit Wissen und Information in elektronischen Räumen (Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft mbH, 2004).

[5] Mittelstraß, S. 227.

[6] Ibid.S. 227. Zitiert nach:  Kuhlen, S. 161 sowie Mittelstraß, S. 227. Zitiert nach Wilfried Sühl-Strohmenger, “Informationskompetenz und die Herausforderungen der digitalen Wissensgesellschaft,” Sühl-Strohmenger [Hrsg.],  S. 5. Die selben Fehler macht Sühl-Strohmenger auch im Band Teaching Library -  : Förderung von Informationskompetenz durch Hochschulbibliotheken. Berlin: De Gruyter Saur 2012. S. 10.

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