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Flip-Flops. Zur Wissenschaft vom Scheitern. Ein Nachtrag zum LIBREAS-Call for Papers #20.

Posted in LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Scheitern by Ben on 22. September 2011

von Ben Kaden

„Menschen, Organisationen und Staaten scheiten im Grunde gleich:
wenn Planungen mit Realität konfrontiert werden.“

So überraschend das Thema der LIBREAS-Ausgabe 20 manchem erscheint, so sehr scheint sich LIBREAS thematisch mitten im Zeitgeist zu bewegen (vgl. z.B. hier). Was nicht verwundert, kreisen die Mediendiskurse doch bereits so lange um die Gefahr des Zusammenstürzens diverser Bausteine der Grundfesten unseres Daseins, dass man sich fast über den  die Eurokrise wenige Tage auf den zweiten Schlagzeilenrang verschiebenden Papst-Besuch schon aus diesem Verdrängungsgrund freut. Dass ein Fußballtrainer am selben Tag mit Burnout zurücktritt und damit sein Scheitern zugibt, offenbart dagegen wieder die unvermeidliche Allgegenwart des Themas. Einzig der offene Umgang mit dem nach wie vor in weiten Kreisen der Leistungs- und Wettbewerbsgesellschaft bedauerlicherweise mit den üblichen „Du bist nicht ok!“-Vorwürfen persönlicher Schwäche, eigenem Versagen, mangelnden Willen und grundsätzlicher Unfähigkeit gleichgesetzten Prozess, mag überraschen. An sich bleibt Scheitern jedoch ein Tabu. Oder zieht in unsere Diskurse als ein vernebelndes Tabuwabohu, dass wenigstens rhetorisch selbst in der größten Niederlage noch ein Strohhälmchen Positives findet und genau dieses ins Zentrum der Aufmerksamkeit zerrt. So zum Beispiel die dämliche Annahme, dass alles, was einen nicht umbringt, nur stärker macht. Steh auf, wenn du ein Kämpfer bist.

Wer gescheitert ist, mag daran nicht immer glauben bzw. hat bisweilen wenig Lust dem Imperativ des Zähnezusammenbeißens sofort diensteifrig zu folgen. Persönliches Scheitern trägt immer auch Verletzung, in die sich häufig auch noch ein Stigma mischt. Wer scheitert, sieht sich im Normalfall den Vor- und Folgeurteilen derer ausgesetzt, die das Scheitern wie auch immer bisher erfolgreich umschiffen konnten. Diese leiden wiederum darunter, dass sie mit ihrer Unfähigkeit zur passenden Empathie ebenfalls scheitern. Jemanden zu stigmatisieren gilt als sozial höchst unangemessen und geschieht doch beinahe im Takt der Begegnungen. Das Stigma ermöglicht es immerhin, das Bewusstsein einer eigenen Unfähigkeit (und damit eines eigenen Scheiterns) gezielt auszulagern.

Der Enthusiasmus des Call for Papers, der dem Scheitern eine positive Bewertung zugesteht, betrifft nur bestimmte Lebensstil- und Einstellungsgruppen. In der Regel gilt gerade auch im professionellen Bereich: Wer das Stigma einmal trägt, hat es meist doppelt schwer, zurückzukommen. Obschon eigentlich jedem einsichtig ist, dass die Überkomplexität des Lebens dafür sorgt, dass niemand wirklich allein verantwortlich seines Glückes Schmied ist. Und genauso selten seiner Niederlage. Es spielt immer eine Vielfalt von Faktoren in das Scheitern hinein. Sowohl individuell wie auch institutionell. Und doch scheinen wir uns im Erfolg wie im Scheitern immer selbst am Nächsten.

Wenigstens auf der Ebene des Scheiterns von Organisationen steigt nun, wie gestern die Frankfurter Allgemeine Zeitung in ihrem Wissenschaftsteil berichtete (Schulz, Stefan: Floppologie. Soziologie des Scheiterns. In: FAZ, 220 (21.09.2011), S.N5) , die Neigung, sich dem Komplex wissenschaftlich zu nähern. Unter dem putzigen Ausdruck der „Floppologie“ versuchte sich einmal Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx an einer Fünfpunkteskala zur Klassifikation  gescheiterter Technologien:

–          Megaflops: Eine ganze Technologie erwies sich als unnütz und überflüssig. Beispiel: Städte unter Wasser. Hier handelte es sich um eine Fehleinschätzung von Umweltbedingungen.

–          Right Question, Wrong Answer: Eine spezifische Technik erweist sich als „Fehlbesetzung” für eine bestimmte Problemlösung: Beispiel: Druckluft-U-Bahnen, Zeppeline, Hovercraft.-

–          Hypes: Hier werden kleine Marktnischen und technologische „Gimmicks” zu Riesenmärkten aufgeblasen.

–           Running Gags: MancheTechnologien erleben ihren Durchbruch immer 10 Jahre in der Zukunft – und dies schon seit Jahrhunderten! Hier handelt es sich meist um spektakuläre, „poetische” Techniken, wie etwa Roboter oder Flugauto.

–           Future Fades: Geräte/Applikationen erleben eine erfolgreiche Markteinführung, erweisen sich aber beim Gebrauch als eher problematisch, weil sich entweder das Werte-Umfeld gewandelt oder die ethischen Komplikationen unterschätzt wurden (Beispiel: Das finale Haarwuchsmittel / Robo-Doc).

Nun taucht das mildsäuerliche Schöpfwort jenseits des innovationsdarwinistischen Kontexts der Horx’schen Technolution in dem FAZ-Bericht zu einer Tagung zum Thema „Scheitern – ein Desiderat der Moderne“, die jüngst in Hannover abgehalten wurde, wieder auf. Die Ziele der Veranstaltung entsprachen in etwa unseren für die LIBREAS-Ausgabe 20: (1) die Präzisierung des Begriffs (und seines Gegenwortes „Erfolg“), (2) die Erfassung seiner Bandbreite und Formenvielfalt sowie (3) Überlegungen zur Analysierbarkeit. Inwieweit dahinter ein vom Sekuritätsdenken getriebenes Ansinnen zu Prophylaxe und Vermeidung steht oder ein kulturanthropologisches Anerkennen und – auch das – Auskosten dieser Unvermeidlichkeit, lassen wir einmal offen. Ein möglicher Effekt des zweiten Ansatzes wäre jedenfalls, mehr Gelassenheit im Umgang mit dem Scheitern zu gewinnen und den meist schon so nicht selten in der Nähe von Verzweiflung  und Verzweiflungstat schlingernden Betroffenen wenigstens an einer Stelle einen Entlastungsschnitt anzubieten.

Die ganz großen Schritte in Richtung einer Analytik des Scheiterns gelangen der Tagung, glaubt man dem FAZ-Bericht von Stefan Schulz, allerdings nicht. Immerhin lassen sich ein paar Grunderkenntnisse festhalten, die potentiellen LIBREAS-Autoren vielleicht als Anregung dienen. So betonte der Chemnitzer Innovationsforscher Manfred Moldaschl was jedem bewusst ist: Dass gar nicht so leicht zu bewerten ist, wann etwas als gescheitert gilt. Die Wissenschaft scheint bislang jedenfalls keine objektiven Maßstäbe entwickelt zu haben und gleiches gilt wohl auch für den Erfolg, dieser „Maßeinheit der Moderne“. Die prinzipielle Temporalität von Erfolg, die dann deutlich wird, wenn man den Systemerhalt eines lebenden Organismus als Erfolg und den für irgendwann garantierten Exitus als Verlaufsbeispiel heranzieht, wird dabei noch nicht einmal thematisiert. Warum sollten Organisationen nicht grundsätzlich ebenfalls (in) einem Lebenskreislauf unterliegen mit der Art des Scheiterns dann jeweils als spezifische Todesursache?

Der dänische Organisationswissenschaftler  Morten Knudsen beschreibt mit der „Autolyse als Strukturauflösung“ die elementare Fassung eines solchen Endpunktes:

Er „diagnostiziert Scheitern im Abreißen von Entscheidungsketten in Organisationen. Wenn nicht mehr entschieden wird, stauen sich Informationen ziellos und überführen Organisationen in ein „Zombie“-Stadium. Sie verdummen an zu viel Information und zerstören sich selbst.“ (N3)

Das bestärkt natürlich die harschen Varianten der Internet-Kritik, die im Botschaftshagel des digital vermittelten Information Overkills nur noch den Niedergang des Abendlandes lesen kann. In der Tat hilft das Nachrichtenbombardements eines Facebook-Streams nicht unbedingt dabei, konkrete Sachverhalte vertiefend zu verarbeiten. Die Aufgabe der „Zombie“-Vorsorge ist, neue Formen der Verarbeitung und Organisation der jeweiligen Informationsschnipsel zu entwickeln. Kontextualisierungs- und Filterkompetenz beugen dem Scheitern vor. Dass wir nach wie vor aktive Teilhaber an diesen Strömen sind, zeigt, dass es bislang irgendwie zu gelingen scheint. Was nicht bedeutet, dass wir nach der nächsten Funktionserweiterung eines Sozialen Netzwerks nicht doch scheitern, da die vorgelagerte zweigliedrige Entscheidungskette – a) wahrnehmenswert, b) relevant – am gut gemeinten Relevanz-Arrangement der Vermittlungsinstitutionen (Google, Facebook, usw.) versagt.

Es ist bedauerlich, dass wir die Tagung selbst nicht besuchen konnten, denn das Programm liest sich doch vielversprechender als es die einspaltige Berichterstattung dann vermittelt. Wichtig ist aber vielleicht noch der Aspekt der „Arbeit am Scheitern“, der in der Praxis der „Psychoanalyse“ sein Versuchsfeld findet.

Vom Soziologen Rainer Schützeichel können wir immerhin die Differenzierung zwischen Misserfolg (falsche Mittel) und Scheitern (falsche Ziele) übernehmen. Ziel des psychoanalytischen Therapiemodells ist es, die Ziele wieder in einen Rahmen zu führen, der Entscheidung und richtiges Handeln zulässt. Ihr Unterschied zur handlungsbegleitenden (und handlungsregulierenden) Selbstreflexion scheint mir nun gerade darin zu liegen, dass sie eine Distanzierung erzeugt, die  mitunter als Notanker erforderlich sein kann, für die alltägliche Psychohygiene aber ein übergroßes Geschütz darstellt. Leider kommt es oft und gnadenlos in der ratgebergeleiteten Selbst(psycho)analyse zum Einsatz, dem im Call angesprochenen Konzept des Scheiterns als Lernimpuls – wohinter immer das Optimierungsparadigma drängelt und hupt. Du musst Dein Leben ändern! Zweifellos. Aber wie?

Zumal es für Organisationen und Staaten, wo man solche Korrektive oft wirklich benötigte, kaum ein Pendant gibt, es sei denn man schreibt Consulting-Dienstleistungen eine solche Rolle zu. Dann wäre aber auch die langjährige Gestaltungsarbeit der Bertelsmann-Stiftung an Deutschlands Öffentlichem Bibliothekswesen in diesen Kontext einzuordnen und was das bedeutet, möchte sich jemand anderes ausmalen.

Für die Selbsterhaltung im Alltag scheint aber so wichtig wie für die Physis die Portion Obst etwas viel Einfacher-Schwereres: das prinzipielle Bewusstsein, dass wir einfach scheiten müssen und alles Gelingen ein Ausnahmezustand für eine kaum bestimmbare Zeit und in einem eng begrenzten Bedeutungsrahmen darstellt. Und die fröhliche Kommunikation darüber.

Wenn LIBREAS in der Ausgabe 20 letzteres wenigstens ein Stück weit gelingt, dann würden wir das Ganze durchaus als Erfolg bewerten.

Mannheim, 22.09.2011

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