LIBREAS.Library Ideas

It’s the frei<tag> 2013 Countdown (23): Kein Twitter ist auch keine Lösung: eine Reflexion.

Posted in LIBREAS Veranstaltungen by szepanski on 27. Februar 2013

von Christoph Szepanski1

„I think I’m Noam Chomsky
Dropped out of college
Started reading Noam Chomsky
Twitter feed look like I’m ready for war
Vonnegut is dead“

(Sole – I Think I’m Noam Chomsky)

Wer wohl jetzt noch nicht auf Twitter ist, der kommt wohl auch nicht mehr, so meine Behauptung, wenn man die einschlägigen Parabeln hierzu betrachtet. Irgendwo im Tal der Ernüchterung und zwischen dem rettenden Pleateau der Produktivität steckt der Zwitscher-Dienst derzeit. Jedenfalls scheint mir die Begeisterungsfähigkeit für die Nutzung von Twitter für die early oder late majority nun auch vorbei zu sein. Und auch der angenommene Wert des so genannten „Tweetamin B“ – der Effekt der sozialen Netzwerkeinbindung, welcher vor allem von der Exklusivität lebt, Ist nun auch durch. 2013. Jetzt.

Gewiss jedoch ist dieses twittern längst fashionable. Als cooles Gimmick auf der Party, beim Warten auf die Tram/ die nächste Grünphase oder um die Zeit zwischen zwei Verabredungen zu überbrücken – quasi die Nichtraucherversion der sonst hier üblichen Warte- oder Verlegenheitszigarette (wenn man schmerzlich spürt, was YOLO auch bedeuten kann) – und nicht zuletzt zu den Erscheinungen des digitalen Echtzeit-Eskapismus zuzuordnen.

Die letzten beiden Absätze haben es bereits impliziert: ich bin ein wenig von Twitter ernüchtert. Das Medium wird auch für mich zunehmend lauer. Der Lack ist ab, heißt es so schön, aber auch ich möchte nicht gleich in das derzeit hippe Twitterbashing verfallen (z.B. hier und hier).

Kein Twitter ist auch keine Lösung. Zunächst sei erstmal angebracht zu reflektieren, wieso es dazu kam, um im Verlauf des Textes Lösungen anzubieten, denn nörgeln und das ausschließlich (!) kann ja jeder. Aber was nützt das Ganze, wenn nicht zumindest Mittel und Wege zur Problembewältigung angeboten werden.

Twitter Vogel

Der gehetzte Mensch (hier als early bird).

Die Ernüchterung

Twitter war sozusagen meine erste Social Media Liebe. Jetzt ist sie weg bzw. besser noch ihr Reiz. Denn eigentlich ist sie noch da. Aber aus dem glücksverheißenden Frühlingsgeschöpf wurde mittlerweile eine etwas welke Matrone, die sich freilich noch immer in dieselbe Caprihose zwängt. Es scheint einfach nicht mehr zu passen. Und darüber, warum mir all das plötzlich zu eng und bedrängend erscheint, denke ich nun intensiver nach. Vielleicht auch aus der Sehnsucht nach dieser ersten Begeisterung der neuen Möglichkeiten, wohlwissend, dass das mit einem ähnlichen Medium nie wieder geschehen wird. Bevor ich bloggte, bevor ich beschloss auf Facebook aktiver zu werden und mich überhaupt mit den mannigfaltigen Social Media Diensten eingehender auseinanderzusetzen, war rank und schlank nur Twitter.

Es ist richtig: die #aufschrei-Debatte trug maßgeblich dazu bei. Dass dort während dieser Kampagne das Blockieren von Meinungen, also von Accounts, erheblich zunahm und ich selten auf soviel Intoleranz in einem sozialen Netzwerk stieß – weil wohl jene Kampagne daneben ging – waren die feurigen Augen, denen ich verfiel. Ich bin mir auch bewusst, dass die Idee von einer meinungsmäßig ausgegeglichen Anzahl von Follower und Followings letztlich verträumt naiv ist. Am Ende wollen wir alle in der Geborgenheit unserer eigenen Filterblase bleiben und bestimmen können, was geschieht. Gezielt nach anderen Ansichten und Blickwinkel auf ein und desselben Gegenstandes zu suchen, passiert folglich eher selten. 

Das geschieht genauso in der analogen Welt, der Realität, von Angesicht zu Angesicht und wird schließlich nur in den zunehmend separierter werdenden digitalen Räumen reproduziert.

Was mich aber wirklich enttäuschte (ein Sprichwort besagt, dass man nur enttäuscht werden kann, wer sich vorher selbst täuschte) war die vor kurzen gemachte Beobachtung, dass man auf Twitter vor allem die Agenda der etablierten Medien aus TV (so genanntes Social TV), Print sowie Onlinejournalismus und Rundfunk fortführt, sodass das Medium letztlich doch nur zur Steigerung der Reichweite des Etablierten dient. Twitter eignet sich strukturell nicht zum neuen Sender, sondern verlängert nur die Kanäle, die ohnehin schon dominieren. Dazu zählt nicht nur der #aufschrei. TV-Formate, insofern, dass sie so platziert sind, dass sie einen Teil der Online-Community auch ansprechen – positiv wie negativ (jungst z.B. zdfLogin, Absolute Mehrheit, #wwtfmg oder selbst Wetten, dass…) können sich sicher sein, dass ihr Programm von der Twitter-Community bis zum letzten Grad der Irrelevanz fortgeführt wird. Das betrifft gerade die x-te Bekundung, wie einseitig, langweilig oder verblödend das Ganze ist. Luhmanns Realität der Massenmedien (alles was wir wissen, wissen wir von denen) – so der freie und sehr verkürzte Auszug – schlägt uns hier ein Schnippchen. Twitter war in der letzten Zeit ein wenig zu häufig lediglich Multiplikator für etwaige TV-Formate oder Kampagnen der Hegemonen des Printjournalismus. Und viel zu oft fühlt man sich in den Agenden nach wie vor auf die Rolle des Publikums reduziert. Das muss nicht unbedingt die des Claqueurs sein. Gerade der Buh- und Zwischenrufer ist gefragt, solange sein Zwischenruf nichts grundsätzlich hinterfragt. Denn gerade so lässt sich der Eindruck (oder womöglich sogar mehr noch der Mythos) der neuen digitalen Demokratie aufrechterhalten.

Für mich heißt es dann oftmals „abschalten“. Manchmal führt das jedoch auch zu Kuriositäten. So war es (nicht nur für mich) beobachtbar, dass die Anzahl der Tweets die hinsichtlich des #aufschrei hashtags gesendet wurden sprunghaft abnahmen, als „der Bachelor“ auf RTL lief. Eine sentiment analysis dahingehend wäre interessant und sicher finden sich bald ein paar Medienwissenschaftler, die das übernehmen. Lediglich die Mär von 90 000 twitternen ausschließlich weiblichen Sexismus-Opfern unter dem #tag aufschrei wurde korrigiert.

Twitter muss weiter für den einen oder anderen kuriosen priming-Moment herhalten. Sobald man ein Event verfolgt und parallel dazu Twitter nutzt, sieht man je häufiger man auf Twitter interagiert eher das Event durch die Augen der Anderen, als das Eigene (was da so dem Kopf entspringt). Das kann stören, jedoch auch manchmal ziemlich hilfreich sein. Bei mir war eher letzteres der Fall.

Ein Lösungsansatz

Das Blockieren von anderen Twitterern ist letzlich nur eine Handlung im Rahmen der Bewältigung von Alltagskomplexität, so meine These. Dahinter steckt nicht unbedingt Böswilligkeit. Eher Überforderung. Problematisch wird es, wenn sich daraus eine Art Systematik entwickelt, gar eine Bewegung, die den digitalen Putzlappen schwingt und gegenläufige Argumentationen wegzuwischen versucht, damit die etablierten bzw. die gerade zu verkaufenden Meinungen durchsetzungsstark genug bleiben. Twitter ist nun nicht mehr länger Multiplikator für bspw. TV-Formate, sondern auch für Ideologien.

Was wir benötigen, wäre eine zur Twittersphäre passende Selbstverpflichtung, die sich am ehesten an den auch sonst in der anlogen Welt etablierten und gut funktionierenden humanistischen Werten orientiert. Darin enthalten: Sei dir bewusst, dass der oft hastig eingetippte Schmäh-Tweet letztlich mehr über dich aussagt, als über denjenigen den man damit zu diskreditieren versuchte. Problematisch bei diesen Aussagen ist ja stets, dass die Forderungen von der anvisierten Zielgruppe letztlich ignoriert werden. Ein Paradoxon, welches nicht erst seit Social Media besteht. Zumindest etwas mehr Reflexion wäre ein Anfang.

Nichtsdestotrotz ist mir Twitter immer noch eines der wichtigsten sozialen Netzwerke und am Ende eines Tages dann doch nicht so ein Unort wie es vielleicht erscheint. Twitter bleibt auch weiterhin im Tagesablauf fest integriert, wenn auch die große Leidenschaft dahin ist. Man sitzt zum Abend beieinander und weiß, dass es schlimmer hätte kommen können. Und ist traurig, dass es nicht besser kam. Aber vielleicht ist es noch nicht zu später. Immerhin haben wir Spielräume und was geschieht, hängt doch maßgeblich von der gewählten Nutzungsart ab. Twitter kann vieles sein: ein nach persönlichen Vorlieben konfigurierter Nachrichtenchannel, ein Weg A-, B- oder C-Promis und Debbie-D-cup nahe zu sein, eine Aphorismensammlung oder Sammelbecken diverser Stimmen der Gesellschaft. Für Soziologen ist Twitter ein exzellenter Datenpool und für Marketing-Experten erst recht. Ach, und als (wissenschaftlicher) Dokumentlieferant ist Twitter natürlich auch prima. All das wird gesteuert durch das eigenverantwortliche hinzufügen oder entfernen von Accounts denen man folgen möchte. Und wenn man es geschickt macht, dann eignet es sich vielleicht – ich betone: vielleicht! – auch als Werkzeug zur individuellen politischen Emanzipation. Eines ist jedoch klar: Twitter schenkt uns nichts.

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1 Ursprüngliches Erscheinungsdatum 24.02.2012. Wegen Krankheit des Autors und dank eifriger Mithilfe der LIBREAS Redaktion für diesen LIBREAS Countdown publiziert.

 

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Scheitern in der Schreibwerkstatt: Aus der Redaktion der LIBREAS. Library Ideas.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Projektberichte, LIBREAS.Scheitern by libreas on 11. Dezember 2011

LIBREAS-Redaktion

Beim Thema Scheitern ist die Arbeit an LIBREAS. Library Ideas überhaupt nicht auszunehmen. Vielmehr ist die Herausgabe jeder Ausgabe mit mehr Scheitern und Kompromissen verbunden, als mit Erfolgen. Dies lernt man sehr schnell, wenn man sich auf ein Projekt wie LIBREAS einlässt: Zu jedem publizierten Artikel, zu jeder umgesetzten Idee, zu jedem eingehaltenem Anspruch lässt sich auch das Gegenteil anführen. Ist das eine Eigenheit unserer Redaktion? Überhaupt nicht. Egal, in welche Redaktion man Einblick erhält, es ist ähnlich. Dabei unterscheiden sich nicht einmal wissenschaftliche, journalistische oder literarische Publikationen groß voneinander. Der Unterschied liegt höchstens darin, dass das Scheitern dort praktisch nie ein öffentliches Thema ist.

Warum machen wir das dann überhaupt? Das ist nicht so klar, wie es vielleicht nach außen erscheint. Die Zeitschrift lebt vom Engagement Einzelner und diese Einzelnen haben immer wieder unterschiedliche Meinungen, die zumindest in Redaktionskonferenzen und in den Tagen vor der Veröffentlichung einer neuen Ausgabe jedesmal neu zur Sprache kommen. (more…)

It’s the frei<tag> Countdown. Noch 11 Tage.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS Veranstaltungen, LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 30. Mai 2011

Die Jugend. Für einige von uns ist sie schon länger vergangen, für einige noch nicht ganz so lange. Sicherlich schaffen wir es immer wieder einmal, uns irgendwie jugendlich, zumindest jung zu geben: Mehr Internetnutzung, als die durchschnittlichen Jugendlichen, mehr Verweise auf Subkulturen, Chanspeak, lange wach sein und über existenzielle Fragen nachdenken. Und wirklich alt wollen wir uns ja auch noch nicht fühlen, obgleich Nutzerinnen, Nutzer und Studierende uns schon länger siezen, obwohl wir Verantwortung für unser Leben, teilweise schon für das unserer Kinder haben. Doch uns rettet da zum Glück noch die Soziologie mit ihrer Diskussion über die Ausweitung der Jugend bis in die erste Hälfte des dritten Lebensjahrzehnts und der Frage, ob sich nicht zwischen Jugend und Erwachsenenalter noch ein weiteres Lebensalter etabliert. Zur Not können wir uns als Avantgarde dieses Alters fühlen.

Die Jugend aber, wenn wir einmal ehrlich sind, ist für uns vorüber. Was wir bis jetzt nicht gemacht haben, haben wir nicht gemacht, als wir die Chance hatten. Sicherlich können wir all die jugendlichen Sachen immer noch machen, aber wir können sie nicht mehr mit jugendlichem Leichtsinn erklären. Sie sind zumeist einfach nur noch unverantwortlich.

Die Jugend aber, wenn wir ehrlich sind, wurde uns zum Ort der Nostalgie. Lange schon gibt es Plätze, an die wir zurückkehren und uns erinnern können an die naiven Hoffnungen der Zeit als wir 16 waren, oder 18. Vielleicht rettet uns gerade – zumindest die, die schon älter sind – der Fakt, dass im Allgemeinen mit der Wissenschaft spät im Leben angefangen wird und wir uns deshalb voll im Zeitplan fühlen können, davor, in die berüchtigte Midlife-Crisis zu fallen. Es scheint nun wirklich nicht so, will mir scheinen, dass wir gerade am Leben verzweifeln und alles Tun als sinnlos ansehen würden. Wir sehen uns auch nicht auf dem Höhepunkt unseres Lebens angekommen, von wo ab es nur noch immer das Gleiche geben wird. Schließlich laden wir auch zu einer eher hippen Veranstaltungsform, einer Unkonferenz, ein, um unsere Wissenschaft weiter zu bringen.

Die Jugend aber, reden wir noch einmal darüber: Können wir eigentlich aus unserer Position heraus sagen, was diese gerne hätte in Bibliotheken, was die fordert und nutzen könnte von Informationsstellen und Archiven? Können wir sagen, wie die sich im Netz sieht, wie sie die Kommunikationskanäle und Potentiale „neuer“ Medien – ab wann werden die eigentlich zu alten Medien? – nutzt? Sicherlich können wir das erheben und erforschen, dazu ist die Bibliothek- und Informationswissenschaft ja eine forschende Wissenschaft (Oder?). Aber aus unserem eigenen Erleben und unserer Lebensgeschichte können wir es nicht mehr ableiten. Das ist schwer und nicht immer einfach zu akzeptieren.

Den die Jugend, wenn wir einmal ehrlich sind, ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Beziehungsweise, was sie einmal werden sollte. Gerne stellen wir uns die Jugend ja als informationskompetent, kompetenzorientiert und gleichzeitig als die eigenen Informationen frei in alle Sozialen Netze eintragend vor. Aber die Realität ist doch wie zuvor: Mediennutzung lässt sich durch Schicht und Bildungshintergrund eher erklären, als durch das Alter. Die Idee zum Beispiel, dass die Jugend unheimlich gerne Medien bewerten und Rezensionen über konsumierte Bücher schreiben würde, die vor einigen Jahren die Bibliotheksszene umtrieb, hat sich in der Zwischenzeit als falsch herausgestellt. Ebenso wie die Annahme, dass ein Großteil der Menschen unbedingt ins Second Life gehen würde. Wir können heute realistisch abschätzen, dass das immer nur ein kleiner Teil der Menschen war, die das wollten und tun und dass das kein generationelles Phänomen war.

Gleichwohl: Die Jugend verändert sich immer weiter. Das ist ja eine ihrer Eigenheiten. Sie ist halt nicht nur Durchgangsalter zwischen Kindheit und Erwachsensein (oder wie das Lebensalter nach der Jugend auch immer heißen wird), sondern auch eigenständiges Alter, in welchem die Abgrenzung von den vorhergehenden Generationen quasi als Generationenaufgabe besteht. In gewisser Weise Rebellion als Aufgabe, was selbstverständlich etwas paradox ist und zudem immer schwerer wird, wo zumindest in einigen Sozialschichten heute alle verständnisvoll sind und Kreativität genauso toll finden, wie Leistungsorientierung und Lernen, aber auch wissen, dass Menschen, die für ein paar Jahre aus der bürgerlichen Gesellschaft aussteigen, zumeist wiederkehren. Wie soll man da noch gegen irgendwas irgendwie anders und rebellisch sein?

Nichtsdestotrotz: Die Jugend bleibt auch (erstmal). Einmal als Antrieb unser selbst, als nostalgische Erinnerung daran, was wir alles wollten und immer noch nicht haben, was wir gehofft und vielleicht auch falsch eingeschätzt haben, was wir persönlich auf dem Weg zwischen den zum Teil naiven Hoffnungen und heute gelernt und erlebt haben, was auch immer die Potentiale anzeigt, von dem, was alles noch gelernt und erlebt werden kann. Und gleichzeitig als jeweils zeitgenössische Jugend mit einer gewissen Anklage, dass wir Älteren das eh nicht verstehen, nicht verstehen können, was wichtig ist, sondern schon langweilig geworden sind, in gewisser Weise, egal was wir so einst erlebt haben und wo wir heute noch versuchen, uns subkulturell zu verorten. Dieser Stachel trifft auch immer Bibliotheken. Nie werden sie es schaffen – das hier einmal als steile These, aber steile Thesen sind in gewisser Weise ja sehr jugendlich –, für Jugendliche so ansprechend zu sein, wie sie erhoffen. Auch die Beteiligung von Jugendlichen und der Aufbau expliziter Jugendabteilungen mit jugendlichem Aussehen und Bezug auf die jugendliche Mediennutzung, wird das nicht erreichen. Die Differenz zwischen Jugend und anderen Generationen ist konstitutiv. Wird sie überwunden, entsteht einfach eine neue. Ein Teil der Jugend wird Bibliotheken immer meiden oder – andersherum – lieben, weil ihre Vorgeneration Bibliotheken nicht mochte.

Ja aber hallo, Bibliothek Berlin-Mahlsdorf, drei Uhr an dem Morgen. {Jugendgerechter Satzbau, außerdem subkultureller Verweis auf den fast vergessenen HipHop-Klassiker „5 O'clock“, also auch noch ein szenespezifisches Wissen andeutend, obwohl das auch nach hinten losgehen kann, wenn man der Einzige ist, der dieses Wissen hat.} Eine der Situationen, wo man nach über zehn Jahren fast durch Zufall an Orten steht, die in der Jugend für eine Zeit bedeutsam waren, dann aber vergessen wurden. Da auch der Nachtbus schon fort war, nicht nur eine Zeit für Bilder, sondern auch zur Reflexion. Alles hat sich verändert, aber ist doch ähnlich geblieben. Sicherlich: Als Gymnasiast hier unterwegs vor mehr als zehn Jahren hatte man nicht die Vorstellung mit abgeschlossenen Studium – lol was? Studieren? Warum? – in was bitteschön? Bibliothekswissenschaft? noch einmal wieder zu kehren. Eher war es wichtig, die Aufkleber neofaschistischer Gruppierung an den Laternen zu vernichten und selber um sich zu blicken, dass man nicht dabei vom „Mahlsdorfer Landsturm“ (kein Witz, so nannten die sich) oder der örtlichen NPD erwischt würde. Das wäre wieder nur zu stressig gewesen. Man hätte ja auch niemand anrufen können, wenn das passierte, schließlich hatte man kein Handy. Handys hatte man nur, um anzugeben. Und Blogs zum nachher drüber bloggen gab es eigentlich auch nicht. Zudem: Man hatte ein Date, wenn man in der Gegend war, zu dem man wollte. Was sollte man auch sonst in Mahlsdorf, als Jugendlicher? Heute: Handy ist da, Blog auch. Vom Handy könnte man bloggen. Der „Mahlsdorfer Landsturm“ soll sich aufgelöst und zum Teil den Weg durch bürgerliche Parteien angeschlagen haben (wohl mit dem „Jugendsünde“-Argument), die örtliche NPD ist zur mittlerweile aber auch verbotenen Kameradschaft geworden, Naziaufkleber gibt es nicht mehr zu sehen, überhaupt: Aufkleber und Straßenkunst scheint es seit Jahren hier nicht mehr zu geben. Alle sind alt geworden offenbar. Ein Date hat man hier auch nicht mehr, die BeziehungspartnerInnen aus der Gegend wohnen längst anderswo. Niemand und nichts stört dabei, einzutauchen in die eigene Jugend, die eine kurze wilde Zeit im Leben (aus der man aber mit einem Abitur heraus- und in ein Studium hineinstolperte, so wild kann es dann doch nicht gewesen sein).Was macht die Jugend hier eigentlich jetzt? Die, die am Bahnhof steht, sieht aus, als würde sie geschlossen bei H&M einkaufen. Nur die Bibliothek, die Bibliothek ist immer noch da, im Blau der Berliner Bibliotheken leuchtet sie voller Ruhe durch die Nacht. Als wäre sie der Mittelpunkt einer nicht erzählten Geschichte.

Auch der Kasten der Bibliothek auf dem Bahnhof ist noch da. Wie oft stand man auf diesem Bahnhof, angekommen mit der letzten Bahn, in den Sonnenaufgang schauend, wartend auf die Bahn in die Schule? Peinlich, wenn man dann mit den eigenen Lehrerinnen und Lehrern wartete. Was sollte man da sagen? Was würde man heute sagen, wenn die um halb vier Morgens hier aufschlagen würden. (Zumal man selber erklären müsste, was man um diese Zeit in den Berliner Außenrandbezirken tut.) Wir haben wohl alle solche Orte der persönlichen Nostalgie. Jeder und jede andere, dieser hier ist einer von meinen.

It’s the frei<tag> Countdown. Noch 14 Tage.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS Veranstaltungen, LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 27. Mai 2011

Was wir erwarten, werden wir nicht vorfinden, zumindest nicht immer. Beziehungsweise: Pläne sind dazu verurteilt, zu scheitern. Auch das ein Allgemeinsatz, der allerdings deshalb nicht falsch ist. Die überraschenden Ereignisse sind es, die unter anderem langweilige Jobs interessant machen, die teilweise überhaupt die Aufregung in den Arbeitsalltag bringen, uns ablenken von einer gewissen Fließband-Produktion oder der reinen fordistischen Abarbeitung von Dienstleistungsaufgaben. Sicherlich: Es gibt Jobs, da können wir diese Ablenkung durch Überraschungen auch nicht gebrauchen, da sie selber schon anstrengend genug sind. Oder Situationen, die schon komplex genug sind. Das ist ein Ergebnis der zunehmenden Projekte und der Abwälzung von Entscheidungsaufgaben von den Chefetagen hinunter zu den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.
Aber seien wir ehrlich: Lange Zeiten des Tages und des Lebens sind geprägt von Langeweile und dem Zwang, nichts zu tun. Schon, weil Dinge, die neu und aufregend erscheinen, irgendwann auch Überdruss erzeugen. Zudem: Dinge, die wir nicht erwarten, machen das Leben interessanter, treiben nicht nur in Film und Roman die Handlung des Lebens voran, zwingen zu Entscheidungen, neuen Blickwinkeln.
Dabei sind überraschende Momente und Begebenheiten definiert nur durch ihren unvorhergesehen Einbruch in die alltägliche Realität. Nicht einheitlich ist ihre Größe, Bedeutung oder auch nur, ob sie positive oder negative Wirkungen entfalten. Sie unterbrechen. Damit stellen sie immer auch Möglichkeiten der Reflexion dar. Welche Grundannahmen werden erschüttert? Welche stillschweigenden Erwartungen enttäuscht? Warum? Sind die Grundannahmen falsch, ist vielleicht die Beobachtungsgabe eingeschliffen? Haben wir uns zu sehr daran gewöhnt, wie und das bestimmte Dinge funktionieren, so dass wir vielleicht eine überraschende Begebenheit benötigen, um darüber anfangen nachzudenken, dass es auch anders sein könnte, vielleicht gar besser? Oder um zu merken, dass Dinge doch nicht so funktionieren, wie wir sie angenommen haben?
Der Kontakt zu Nutzerinnen und Nutzern ist ein gesellschaftlicher Ort, an dem solche Überraschungen immer wieder auftreten können und auch auftreten. Unvorhergesehene Fragen, Antworten, Anforderungen, unverstandene Hilfsstellungen von Seiten der Bibliotheken, die von den Nutzerinnen und Nutzern überhaupt nicht angenommen oder aber – wohl öfter – uminterpretiert werden. Ein anderer Bereich in der bibliothekarischen Arbeit: Die Recherche, die „auf einmal“ gänzlich andere Ergebnisse produziert, als gewohnt; Rechercheanfragen, die uns zeigen, dass mit unserem Bestand oder den Datenbanken, die wir nutzen, etwas nicht stimmen kann, wenn wir diese nicht richtig beantworten können. Auch die Bibliothekswissenschaft lebt unter der Hand von Überraschungen, davon, dass Projekte nicht funktionieren, wie sie funktionieren sollen, dass sich Aufgaben gänzlich anders stellen, als angenommen, das Forschungsansätze scheitern. Sicherlich: Wir planen unsere Forschungen möglichst genau, inklusive der erwarteten Forschungsergebnisse. Und mindestens, wenn wir unsere Projekte gefördert bekommen, schreiben wir auch Forschungsberichte, die hauptsächlich Positives berichten. Aber wie in jeder Wissenschaft, lebt interessante Forschung auch in der Bibliothekswissenschaft gerade von unvorhergesehenen Ergebnissen, Widerständen, die sich im Projekt ergeben, mit anderen Worten: Von Überraschungen. Ohne Überraschungen würde Forschung langweilig werden, weil sie dann eigentlich nur bestätigen oder umsetzen würde, was wir vorausgedacht haben. Es wäre schwierig, auf neue Denkbahnen zu gelangen.
Einer der Orte, die immer wieder überraschen, außerhalb der Bibliothekswelt, sind große Städte wie Berlin. Auch diese Stadt lebt davon, dass immer wieder einmal Neues entsteht, Dinge sich verändern und vor allem scheitern und überraschend umgenutzt werden. Nicht aus Zufall beginnen Stadtbezirke und Quartiere langweilig zu werden, wenn angefangen wird, zuviel zu planen, was dann auch so umgesetzt wird, wie es geplant war. Dann wird Leben zwar vorgetäuscht, wie zum Beispiel im Prenzlauer Berg, aber es findet kaum noch statt. Zwar sieht alles schön bunt aus und ist für bestimmte Anlässe und Aufgaben – um beim Prenzlauer Berg zu bleiben: wenn man Kinder erziehen will, Eltern im Urlaub etwas zeigen soll oder englisch-sprachige Bücher im englisch-sprachigen Buchladen bestellen möchte – viel besser geeignet, als andere Orte. Aber neue Lebenseindrücke findet man immer seltener. Das Bunte überrascht nicht mehr. Es wird langweilig. Tobias Rapp hat in seiner Beschreibung der Berliner Technoszene (übrigens auch ein Ort voller Überraschungen, wenn man sich darauf einlässt aber auch ein wenig aufpasst) in Lost and Sound [Rapp, Tobias / Lost and Sound : Berlin, Techno und der Easyjetset. – (Suhrkamp Taschenbuch; 4044). – Frankfurt am Main : Suhrkamp, 2009] davon berichtet, dass im Berliner Senat extra darauf geachtet wurde, Clubs für elektronische Musik nicht zu sehr zu kontrollieren, damit sich nicht zu kommerzialisiert und eben langweilig wurden. Eine kluge Entscheidung. Es gibt schon genügend langweilige Clubs, die Szene (beziehungsweise Szene, wer will schon immer nur zu Minimal tanzen) braucht eine lebendige Infrastruktur, da muss man Menschen manchmal machen lassen. Leider hat sich eine solche Relaxtheit noch nicht überall durchgesetzt. Es würde ein spannenderes Leben ermöglichen, vielleicht.

Überraschung. Mitten in Neukölln, dem Bezirk mit dem aktuell wohl schlechtesten Ruf in Berlin – den er noch nicht mal verdient hat –, zwischen Altbauten, Sozialwohnungen, leeren Ladengeschäften, die allerdings immer mehr von zugezogenen Studierenden und Ex-Studierenden, Künstlerinnen und Künstlern genutzt werden als Kneipen, Clubs, Galerien, Ladenwohnungen, gar – einige Meter von dem Ort auf dem Photo entfernt – einem antisexistischen Infoladen (was auch immer das genau ist), liegt der Körnerpark. Weiß man nicht, dass er da ist und stolpert einfach über ihn, ist man genau das: Überrascht. Ein mehrstufiger, in den Grundformen symmetrischer Park, mit Rückzugsecken, kleinem Labyrinth, offener Wiese, Wasserfall, Galerie und Café, freien Wegen. Alles im Stil des späten 19. Jahrhunderts. Und auch die Nutzung wird überraschen, falls man sich bislang zu sehr in kulturalistischen Texten und Deutungen der gesellschaftlichen Entwicklung verfangen hat: Es gibt unterschiedliche Kulturen, aber sie bekämpfen sich nicht, vielmehr mischen sie sich. Langzeitarbeitslose und Studierende, Gruppen von Jugendlichen mit und ohnr Migrationshintergrund, mit und ohne Machogehabe, mit und ohne Kopftüchern besetzen friedlich nebeneinander die Parkbänke und kleinen Nischen; auf der Wiese und beim Wasserfall genießen Menschen ihr Bier (man hört Gerüchte, dass dort auch Joints konsumiert werden, aber wie soll man das nachprüfen), daneben feiern Klein- und Großfamilien Kinderfeste, Kinder spielen im und am Wasser, Menschen lesen Romane und Unitexte, junge Menschen beiderlei Geschlechts (oder, wenn schon der antisexistische Infoladen um die Ecke ist, allerlei Geschlechts) räkeln sich dabei, angetan mit möglichst wenig Kleidungsstücken, in der Sonne. Laut sind vor allem die Kleinkinder. Würde Franz Körner, der dem Park 1910 initiierte, heute vorbeikommen, er wäre auch überrascht. Aber positiv. Das passiert nun mal in Großstädten.


Was? Noch ein Bild aus dem Körnerpark, weil das überraschend anders ist, wo wir sonst ein Bild oder viele haben, aber nicht zwei. (Außerdem: Wasserfall im Hintergrund.)