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Stand der Informationswissenschaft 2011

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS preprints by Ben on 20. Juni 2011

von Ben Kaden, Maxi Kindling und Heinz Pampel

Diesen Text als PDF-Download: Stand_der_Informationswissenschaft-2011

Abstract

Wandelnde Rahmenbedingungen stellen die Informationswissenschaft vor vielfältige Herausforderungen. So scheinen zwar digitale Technologien jedoch nicht deren Folgewirkungen auf die Disziplin und ihre Methoden in der Wechselbeziehung zur Gesellschaft umfassend berücksichtigt. Der Artikel dokumentiert die zähe Diskussion um den Stand und die Zukunft der Informationswissenschaft in Deutschland und formuliert Thesen zur Weiterentwicklung des Faches. Weiterhin werden Reaktionen auf diese Thesen in Clustern zusammengefasst und ein sich an diesen ausgerichteter Workshop dokumentiert.

Einführung


Bedauerlicherweise ist die eigentliche Erkenntnis von Willi Bredemeiers Kritik der Informationswissenschaft in sechs Teilen[1] , dass es sich offensichtlich nicht lohnt, mit viel Text und Mühe einen Diskurs anregen zu wollen. Denn die Rechnung geht nicht auf. Es ist erstaunlich, zu wie wenig wahrnehmbarem Aufsehen die Attacke führte, der man zu viel Zurückhaltung wirklich nicht vorwerfen kann. Die Einschätzung, ob hier in Diskursgemeinschaften übliche Ausschlussmechanismen gegenüber Häretikern greifen oder ob der Frontalangriff des Password-Herausgebers derart zutreffend war, dass sich die Fachgemeinschaft nun in einer Art Schockstarre befindet, scheint schwierig.

Da dieses Mutmaßen am Ende doch eher fruchtlos zu bleiben scheint, uns die Notwendigkeit der Diskussion aber sehr einleuchtet, tragen wir das Thema mit unseren Mitteln in die Agenda. Die nachfolgenden Ausführungen dokumentieren drei Stationen auf diesem Weg: Die Impulse und die für uns daraus hervorgehenden Fragestellungen, unser Versuch, diese Fragestellung in die Fachwelt zu tragen und die Ergebnisse dieses Versuches. Für uns ist dieser Diskurs prinzipiell unabgeschlossen und wir gehen davon aus, dass auch dieser zusammenfassende Aufsatz nur eine Zwischenbilanz darstellt. Wir zeichnen dabei explizit nur die Linie nach, der wir gefolgt sind. Selbstverständlich erkennen wir zugleich an, dass die Diskussion auch in anderer Form und an anderen Stellen geführt wird. Im Zentrum weiterer Schritte wird unzweifelhaft die Identifizierung, Systematisierung und Bündelung dieser Diskursverläufe stehen.

Willi Bredemeiers Kritik der Informationswissenschaft


An sich übernahm Bredemeiers Kritik, besonders durch den Initialtext mit dem Arbeitsprogramm[2], eine für jede Diskursgemeinschaft entscheidende Aufgabe: Er bringt das etwas eingefahrene Selbstverständnis eines Faches auf die Tagesordnung einer Metadiskussion, die ihren Ausgangspunkt in sich gründlich verschiebenden Rahmenbedingungen findet und das Ziel hat, eine Anschlussfähigkeit zu erreichen.

Problematisch ist an dabei vor allem, dass dieser Vorschlag der Diskussion nur äußerst dürftige Resonanz fand. Ben Kaden kritisierte darauf hinweisend in seiner Replik[3], dass es Bredemeier durch seine erklärte Nichtzugehörigkeit zur Diskursgemeinschaft einer weiteren Diskussion nicht unbedingt leicht macht. Oder anders herum: Das Übersehen der Argumente erleichtert.

Eine erste Reaktion fand der Text Bredemeiers in Jakob Voß‘ Jakoblog.[4] Dort referiert er die Kernaspekte des ersten Teils der Kritik:

„Bredemeier verortet die Informationswissenschaft in den Geisteswissenschaften, wo ein additiver Erkenntnisgewinn selten möglich ist. Stattdessen sollte die Informationswissenschaft nach ihrer pragmatischen Relevanz bewertet werden. Angesicht der sich momentan technisch und gesellschaftlich vollziehenden Wandels wäre eine Relevanz der Informationswissenschaft eigentlich gegeben. Leider wird die (bzw. zumindest die deutschsprachige?) Informationswissenschaft ihrem eigenen Anspruch jedoch nicht gerecht: sie bringt – wie Bredemeier kritisiert – vor allem irrelevante und triviale Ergebnisse hervor, zerschnipselt Themen zu Mini-Fragestellungen, beschränkt wissenschaftliche Veröffentlichungen auf einzelne Forschungsphasen, produziert wissenschaftliche Beiträge als Nebenprodukt teilweise interessengeleiteter anderer Aktivitäten und besitzt keinen funktionierenden Peer-Review-Prozess.“[5]

In einem Kommentar im LIBREAS-Blog sprach sich Jakob Voß deutlicher – und in gewisser Weise in Bestätigung Willi Bredemeiers – für eine stärkere Ausrichtung des Faches auf „relevante“ Themen:

„Wenn sich die Informationswissenschaft lieber mit irrelevanten Themen beschäftigt, wird sie eben zu Recht von anderen Disziplinen wie der Informatik verdrängt.“[6]

sowie eine größere Sichtbarkeit des tatsächlichen Forschungsgeschehens. Er kritisierte dabei Ben Kadens diskursspezifische „Meta-Kritik“. Eine weiterführende Präzisierung des Relevanzbegriffs blieb an dieser Stelle aus. Ben Kaden schlug in einer Replik auf Jakob Voß eine konsequentere Öffnung der Bibliotheks- und Informationswissenschaft für gesellschaftswissenschaftliche Themen vor:

„Eine Profilierungsmöglichkeit für die Bibliotheks- und Informationswissenschaft liegt in meinen Augen in einer kritischen Reflexion der Bedeutung, der Ausprägungen und der Wirkungen des Phänomens „Information“ in all seinen Facetten in der Gesellschaft, also weniger in den Anschlusspunkten zu Wirtschaftsinformatik oder Information Systems, sondern mehr in der Rolle einer gesellschaftsanalytischen Disziplin.“[7]

Willi Bredemeier betonte in dem Diskussionsstrang im LIBREAS-Weblog noch einmal den Kern seines Anliegens:

„Die institutionalisierte Informationswissenschaft schwebt in Gefahr, sich von realen Entwicklungen und externen Einflussnahmen so weit abzuschotten, dass sie irrelevant zu werden droht. Diese Haltung kann aus meiner Sicht nur von außen aufgebrochen werden, da es eine interne Kritik an der Informationswissenschaft nicht gibt oder diese für den Kurs der institutionalisierten Informationswissenschaft ohne Bedeutung [g]eblieben ist.“[8]

Er spricht sich daher für eine massive und „nicht ignorierbare“ äußere Kritik an der Praxis der Informationswissenschaft aus. In einer späteren Auswertung formuliert Bredemeier eine Art Zusammenfassung der bisherigen Diskussion:

„An den Hochschulen ist ein Spannungsfeld zwischen bürokratisch-hierarchischen Strukturen und prinzipiell egalitärer Erkenntnisgewinnung zu konstituieren.

Ein Nichtangriffspakt unter Hochschullehrern und ein damit einhergehender Verzicht auf Kritik untereinander widersprechen den Anforderungen der Wissenschaftstheorie.

Wann macht sich die Informationswissenschaft daran, einen gemeinsamen Bezugsrahmen zu entwerfen, zu einander aufbauenden Erkenntnissen zu kommen und Ergebnisse zu liefern, die für die Praxis nützlich sind?“ [9]

Genau genommen kritisiert er den Ist-Zustand der disziplinären Selbstorganisation, also ein mehr wissenschaftssoziologisches denn wissenschaftstheoretisches Phänomen. Die vorhandene Konstellation behindert die Erkenntnisfindung maßgeblich. Nicht einmal die Grundvoraussetzung eines „gemeinsamen Bezugsrahmens“ scheint gegeben.

Rafael Capurro zum Status der Informationswissenschaft


Mit der Einschätzung, dass die Informationswissenschaft eine Geisteswissenschaft sei, läuft Willi Bredemeier vermutlich nicht bei allen Vertretern des Fachs in offene Arme. Bei Rafael Capurro aber sicher, wenn auch beide vermutlich deutlich unterschiedliche Blickwinkel auf die Folgen einer solchen Zuordnung haben. Capurro betonte in einem in der Januar 2011-Ausgabe der Zeitschrift Information Wissenschaft & Praxis abgedruckten Interview[10] noch einmal den Status des Faches:

„Ich plädiere deshalb dafür, eine künftige Informationswissenschaft in der Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften anzusiedeln, wobei dies nicht heißen soll, dass viele Phänomene nicht mit den ‚harten’ Methoden der Naturwissenschaften sowie auch mit Hilfe der Informatik behandelt werden könnten und sollten. Man könnte sich für diese Neubestimmung an die „médiologie“ von Régis Debray orientieren, die den Schwerpunkt auf die Materialität der Träger – das nannte man früher „Dokumentation“ – sowie auf die Vermittlungsinstitutionen legt. Ich meine aber auch, dass die Medienwissenschaft und das, was ich „Angeletik“ nenne, also eine empirische Wissenschaft, die sich mit dem Phänomen von Boten und Botschaften auseinandersetzt, zum Kern dieser neuen Informationswissenschaft gehört“ (S.41)

Damit bietet er eine sehr klar formulierte, programmatische Perspektive auf die Informationswissenschaft, die sich unweit dessen befindet, was Ben Kaden in seiner Replik auf Jakob Voß formulierte.

Das Internationale Symposium für Informationswissenschaft (ISI) 2011

Nicht zuletzt vor der sich nicht sehr intensiv aber doch vollziehenden Diskussion im Anschluss an Bredemeier sowie der Positionierung Capurros sollte im Abschlusspanel des Internationalen Symposiums für Informationswissenschaft(ISI) im März 2011 die Frage der Selbstverortung der Disziplin mit einem größeren Auditorium diskutiert werden. Hierfür war explizit eine Publikation angekündigt, allerdings blieb die Diskussion im Ergebnis zu sehr bei der Tagespolitik, so dass davon abgesehen werden musste.

Das von Rainer Kuhlen geleitete Panel selbst erwies sich mit seinen fünf Leitfragestellungen dabei als etwas zu ambitioniert geschnitten, wobei der Fragenkanon durchaus generell Ansatzpunkte für eine zielgerichtete weitere Diskussionsagenda enthielt:

(1)    Wie weit reicht Informationsfreiheit?

(2)    Hat die Informationswissenschaft etwas mit dem Fall Guttenberg zu tun?

(3)    Trägt das Information Retrieval-Paradigma die Informationswissenschaft weiterhin?

(4)    Soll sich die Informationswissenschaft auf eine Seite der beim Urheberrecht beteiligten Akteursgruppen schlagen?

(5)    Was bedeutet Web 2.0 für die Informationswissenschaft?[11]

Generell gab der Diskussionsverlauf zu erkennen, dass das Publikum zu weiten Teilen unvorbereitet getroffen wurde. Fragen und Antworten zirkulierten auf recht weiten Bahnen, ohne dass es wirklich zu konkreten Aussagen kam, die für die übergeordnete Diskussion Anschlusspunkte bildeten. Im Nachhinein hätte sich eine Podiumsdiskussion mit Fragerunde vermutlich als ergiebiger erwiesen.

Als Grundeindruck lässt sich folgendes mitnehmen: Die prinzipielle Rolle der Informationsfreiheit wurde genauso bestätigt, wie die Relevanz informationsethischer Fragestellungen, die mitunter – z.B. im Fall von Whistleblowern – geradewegs in Entscheidungsdilemmata führen. Die durchaus rege Diskussion forcierte den Fragestellungen gemäß die eher pragmatische Facette der informationswissenschaftlichen Reflexion. Sie zeigte dabei deutlich eine Reihe von Konfliktpunkten auf, so z. B. generell in der Wechselwirkung von Fragen des Datenschutzes bzw. der informationellen Selbstbestimmung und der automatisierten Datenanalyse in semantischen Netzen sowie dem Wunsch nach einem möglichst weitreichenden Zugang zu Daten.

Bemerkenswert an der Hildesheimer Veranstaltung war, dass sie ungeachtet des wohlklingenden, sehr programmatischen Mottos „Information und Wissen: global, sozial und frei?“ Willi Bredemeiers Vorwurf an die Informationswissenschaft, sie sei kleinteilig, selbstbezüglich und nach Außen kaum relevant, zu weiten Teilen zu bestätigen schien. Eine Metadiskussion fand jedenfalls auch dort kaum statt.

Während für das Konferenzmotto die informationsethisch eher konkretisierbaren Fragestellungen eins und zwei von Belang waren und ausgiebig vor dem Eindruck aktueller Entwicklungen um WikiLeaks und die Plagiatsaffäre des Karl-Theodor zu Guttenberg zum Gegenstand des Meinungsaustausches wurden, reichte der zeitliche Rahmen leider nicht, die für die von Bredemeier angestoßene Diskussionsrichtung stärker relevante Frage drei zu thematisieren. Es wurde allerdings auch in Hildesheim deutlich, dass der Mensch und sein Informationsverhalten der Bezugspunkt informationswissenschaftlicher Forschung sein sollte, auch wenn die ausgeführte informationswissenschaftliche Arbeit sehr stark um die Systeme zur Informationsverarbeitung kreist.

Um das Thema nicht nur aktuell zu halten, sondern sogar weiter zu forcieren, wurde es von den Autoren dieses Papers in überarbeiteter Form für einen Workshop im Zuge der Informare! am 3. Mai 2011 im Berliner Café Moskau aufgegriffen.

Thesen zur Zukunft der Informationswissenschaft

Ausgangspunkt waren vier Thesen zur Entwicklung der Informationswissenschaft, die im März 2011 als Essenz der vorangegangenen Debatten durchaus zugespitzt formuliert wurden. Ziel der Aussagen war es, zentrale Aspekte der oben skizzierten Diskussion insbesondere zugeschnitten auf die deutschsprachige Informationswissenschaft aufzugreifen und in einer pointierten Form zur Diskussion zu stellen. Die Thesen lauten wie folgt:

  1. Das Information Retrieval- und Dokumenten-Paradigma ist für eine zeitgemäße Informationswissenschaft nicht mehr zureichend.
  2. Digitale Räume sind zunehmend solche der Kommunikation sowohl von Fachöffentlichkeiten wie auch der zivilgesellschaftlichen Öffentlichkeit an sich, die zugleich ökonomischen Bedingungen unterliegen.
  3. Die Aufgabe einer zeitgemäßen Informationswissenschaft entspricht der Analyse, Reflektion und Innovation aller Prozesse im Umgang mit Wissen und Information. Dies schließt die Bewertung der Folgen dieser Prozesse und ggfs. die Modellierung von Alternativen ein.
  4. Die gesamtgesellschaftliche Dimension der Digitalisierung von Diskursen aller Art erfordert eine bislang nicht zureichend umgesetzte Verbindung von informationstechnischen, informationssoziologischen, informationsökonomischen und informationsethischen Perspektiven.


These 1 greift zwei Paradigmen auf, denen sich die Informationswissenschaft in den vergangenen Jahren intensiv gewidmet hat. Hintergrund der These ist die Beobachtung, dasssich das Dokument als zentrales Objekt der Disziplin in einem Transformationsprozess befindet, der zu Konzepten, wie dem der Nanopublikation[12]führt. Die Möglichkeit digitaler Abbildungs- und Distributionsformen für Text reformiert buchstäblich das gesamte Publikationswesen vom journalistischen Artikel[13] bis zur wissenschaftlichen Zeitschrift.[14] Neue und vor allem dynamische Informationsstrukturen, die Verschiebung des Informationsmanagement von der Archivierung und Bestandsverwaltung hin zum Zugangsmanagement, strukturell vielgestaltige Formen der Erschließung bzw. Erschließungsvorbereitung schon der Dokumenterstellung[15] und komplexe Metadatenstrukturen[16], die diverse Zugangs-, Organisations- und Verknüpfungspfade für digitale Objekte zulassen, sprengen den Rahmen der klassischen dokumentarischen Methoden. Notwendig scheint die Entwicklung von Modellen, die diesen multidimensionalen Netzwerkbeziehungen  (Objekt-Objekt, Objekt-Akteur, Akteur-Akteur) entsprechen. Die Komplexität ist fraglos eine Herausforderung, die nur interdisziplinär adressiert werden kann. Methoden des Information Retrievals sind fundamental an diesem dynamischen Netzwerkcharakter auszurichten. Der Umfang und die Komplexität der Sachlage erklären in gewisser Weise, wieso die technologische Produktentwicklung an dieser Stelle vorwiegend durch kommerzielle Akteure und Informatik-Lehrstühle geprägt wird.[17] Diese übernehmen damit grundlegend informationswissenschaftliche Domänen. Die Disziplin muss sich demnach ebenfalls fragen, wie sie sich in diesen Prozessen positioniert und mit diesen Akteuren in Wechselwirkung tritt.

These 2 baut auf These 1 und deren Abkehr vom Dokumentenbegriff auf. Sie betont die Relevanz der digitalen Kommunikationsräume in denen gesellschaftlicher Diskurs stattfindet, wie sich beispielsweise der politischen Relevanz von kollaborativen Projekten wie WikiLeaks[18]oder GuttenPlag Wiki[19] beobachten lässt. Knapp formuliert vollzieht sich mit der Verflüssigung der Informationsprozesse und der Öffnung für so genannte nutzergenerierte Inhalte eine Verschiebung von der Betrachtung der Information als Inhalt zur Kommunikation als Prozess. Information kann nur als Bestandteil kommunikativer Prozesse behandelt werden. Die Informationswissenschaft ist demnach, so die These, gezwungen, sich von einer objektorientierten Forschung (Dokument, Dokumentenorganisation, etc.) zu einer prozessorientierten Forschung zu entwickeln. Im Mittelpunkt steht dabei idealerweise die Wechselwirkung zwischen Inhalt, Vermittlung und Rezeption mit den entsprechenden Rahmenbedingungen. Diese sind auch in abstrakten Feldern wie der Fachinformation immer gesellschaftlich vorgeprägt und unterliegen ökonomischen Regeln.[20]Entsprechend fokussiert die These diese Aspekte in besonderem Maße.

These 3 ergibt sich als Folge aus dieser Einsicht. Sie beschreibt die Handlungsfelder einer Informationswissenschaft als sehr weitgefasst und trägt der Interdependenz diverser Prozessverläufe und ihren Rahmenbedingungen Rechnung. Die These stellt darüber hinaus die Behauptung auf, dass sich die Informationswissenschaft nicht nur mit dem Ist-Zustand, also einer beschreibenden Auseinandersetzung von Systemen befassen sollte, sondern darüber hinaus auch alternative Soll-Zustände und Kann-Zustände berücksichtigen, modellieren und prüfen muss. Sie muss sich demnach mit der in den Systemzusammenhängen entstehenden Kontingenz auseinandersetzen. Wo der Spielraum des Möglichen ein wünschenswerteres Modell zulässt, als bereits vorliegt, ist es die Aufgabe der Disziplin als gesellschaftlicher Funktionsbereich, diese Alternative in übergeordnete gesellschaftliche Diskurse zu kommunizieren um somit ihrer Gestaltungsaufgabe nachzukommen.

These 4 betont, dass die Disziplin unmöglich als Solitär betrieben werden kann. Sie muss angesichts ihres Forschungsgegenstandes (Kommunikationsprozesse) und der daraus resultierenden Komplexität sowie ihres Forschungszieles (Modellierung von Prozessrahmen) notwendig mit einem weiten Spektrum an Disziplinen interagieren. Dies erfordert zugleich eine starke Definition ihres Kernbereiches.

Umfrage


Um die zäh angelaufene Diskussion zum Thema zu fördern starteten die Autoren im April und Mai 2010 eine Umfrage unter informationswissenschaftlichen Hochschulprofessorinnen und –professoren im deutschsprachigen Raum. Auswahlkriterium war die Mitgliedschaft der jeweiligen Institutionen im Hochschulverband Informationswissenschaft (HI).[21] Wir haben uns bewusst um eine Gesamterhebung bemüht und daher ca. 120 Personen per E-Mail um ein Statement zu den oben dokumentierten Thesen gebeten. Die Rücklaufquote betrug übersichtliche 10 Prozent. Welche Gründe die Zurückhaltung hat, ob also die Fragestellung an sich innerdisziplinär als irrelevant oder das Umfragevorhaben als redundant angesehen wird, ob der Umfrageansatz als fehlgeleitet bewertet wurde oder unsere Anfrage in der Menge der Korrespondenz, die ein durchschnittliches Hochschulmitglied erfahrungsgemäß jeden Tag zu bewältigen hat, untergegangen ist, kann von uns nicht abschließend bewertet werden. Wir gehen davon aus, dass alle Aspekte ihre Rolle spielen.

Ergebnisse

Die wenigen Reaktionen lassen sich in drei Kategorien zur Bewertung der Thesen einteilen: Während zwei Antwortende feststellten, dass die Thesen zu kurz greifen, stimmten drei Antwortende den Thesen zu und präzisierten diese an ihnen zentral erscheinenden Stellen. Weitere vier Antwortende kritisierten die Thesen in unterschiedlichen Punkten. Im Folgenden sollen einige Schlaglichter auf die Antworten geworfen werden.

Die Mehrheit der Antworten fokussiert die These 1. Deutlich ist ein Spannungsfeld zwischen Antworten, die eine Öffnung der Informationswissenschaften fordern und Antworten, die die Notwendigkeit der Fokussierung des Faches auf präzise definierte Forschungsfelder betonen.

Da jedoch die Antworten selbst inhaltlich und pragmatisch sehr differieren, können kaum bestimmte Schwerpunkttendenzen bestimmt werden. Beispielsweise wird auf der einen Seite die Informationswissenschaft als Querschnittsdisziplin begriffen, die auf die Wechselwirkung mit anderen Disziplinen angewiesen ist. Andererseits wird eine Profilierung eingefordert, um die Sichtbarkeit der Informationswissenschaft zu stärken. Schon allein zu der Frage, ob es sich um eine Informationswissenschaft oder eine Garbe von Informationswissenschaften handelt, scheint allgemein kein Konsens zu bestehen.

Auffallend ist, dass in mehreren Antworten soziologische Fragestellungen als zukünftiges Forschungsfeld der Disziplin genannt werden. Vor diesem Hintergrund fordern einige der Antworten eine deutlichere Abgrenzung zur Informatik. Andere betonen mit Blick auf die Ausbildung die Notwendigkeit der Vermittlung ausgeprägter technologischer Kenntnisse, die Vorrausetzung sei, um solche soziologischen Fragen im Umgang mit Information und Wissen im digitalen Zeitalter überhaupt qualifiziert stellen zu können.

In der Mehrheit der Stellungnahmen wird die Entwicklung (zukünftiger) informationswissenschaftlicher Berufsbilder als aktuelle Herausforderung gesehen. Da die Informationswissenschaft weitgehend als Ausbildungswissenschaft betrieben wird, überrascht dieser Schwerpunkt nicht.

So drücken die Antworten hinsichtlich des Berufsbildes eine Unsicherheit aus: Nur an wenigen Stellen wird eine klare Linie der zukünftigen Position informationswissenschaftlicher Absolventen skizziert. Bemerkenswert ist, dass eine der Antworten eine deutlichere Unterscheidung zwischen angewandter und akademischer Informationswissenschaft fordert und die Ausgestaltung der akademischen Informationswissenschaft in Graduiertenkollegs sieht.

Es wird demnach mit Nachdruck deutlich, wie die traditionellen Berufsfelder in sich rapide wandelnden Einsatzgebieten und Rahmenbedingungen beständig aktualisiert werden müssen. Für diesen Schritt scheint ein analytischer Überbau unverzichtbar.

Begrüßenswert ist, dass in der Mehrheit der Antworten die Notwendigkeit und die auch die Bereitschaft zur Weiterentwicklung des Faches signalisiert wird. Mehrheitlich (und angesichts der Zielgruppe erwartungsgemäß) wird die Notwendigkeit des Diskurses zur Zukunft des Faches festgestellt.

Dokumentation des Informare-Workshops „Information und Gesellschaft“

Der Workshop „Information und Gesellschaft. Zur politischen Dimension der Informationswissenschaft“, unter den Zeichen der Deutschen Gesellschaft für Informationswissenschaft und -praxis sowie LIBREAS. Library Ideas  wurde im Rahmen der Informare![22]in nahezu fachfamiliärer Umgebung durchgeführt. Elf zu großen Teilen miteinander bekannte Teilnehmerinnen und Teilnehmer bildeten das Forum für die Diskussion über den Stand und die Perspektiven der Informationswissenschaft.

Die Autoren hatten bei der Einreichung des Workshops keine Teilnehmerzahl im Auge, wohl aber den Wunsch, Teilnehmerinnen und Teilnehmer verschiedener professioneller Zugehörigkeiten vorzufinden und somit die Diskussion nicht allein von der akademischen Informationswissenschaft heraus vorzugeben. Dies gelang im Verlauf der Diskussion durch den Zustrom von weiteren Besuchern wenigstens teilweise.

Der wesentliche inhaltliche Anknüpfungspunkt an die zuvor durchgeführte und oben beschriebene Umfrage bildete das Zusammenfassen der Umfrageantworten in Cluster unter Berücksichtigung des Rahmens (die Thesen), den wir selbst vorgegeben haben.

Die Cluster bauen – so die Intention – inhaltlich aufeinander auf und bedingen die jeweils nachfolgenden Anschlussfragen, die zu jedem Cluster gesammelt wurden.

Cluster 1 Informationswissenschaft : Gesellschaft

Das erste Cluster bezieht sich auf Aussagen zur Wechselwirkung der Informationswissenschaft mit der Gesellschaft (Politik, Politikberatung, Wirtschaft) und wirkt damit auf ihre Profilbildung. Die Frage lautet in kurzer Form: In welcher Beziehung soll die Disziplin zur ihrer extrawissenschaftlichen Umwelt stehen? Diese ist zugleich Betrachtungsraum der Wissenschaft wie auch – bei der Ausbildung – Adressat für Absolventen des Faches. Der nicht selten anzutreffende Zwang zur Legitimation des Faches vor externen Akteuren hängt maßgeblich mit diesem Gesichtspunkt zusammen.

In der Zusammenfassung lässt sich für diesen Cluster folgendes feststellen:

Auf die Prozesse, die zwischen der Informationswissenschaft und den gesellschaftlichen Funktionsbereichen wechselseitig angestoßen werden bzw. die aus Zweiteren heraus Einfluss auf die Disziplin ausüben, kann die Informationswissenschaft auf einer weiteren Ebene analysierend oder innovierend reagieren.

Setzt sie sich mit den Prozessen betrachtend auseinander und bereitet sie dieses Feld für einen breiten Empfängerkreis auf, so nimmt sie eine analysierende Perspektive ein, die einigen Vertretern zu passiv erscheinen mag.

Dementgegen geht die Informationswissenschaft bei einem innovierenden Ansatz über die Analyse hinaus und entwickelt beispielsweise selbst Konzepte und Lösungen für neue Technologien auf Basis dessen, was sie zuvor an strukturierter Rezeption geleistet hat.

Vorstellbar ist ebenso, dass die Anforderungen an neue Innovationen maßgeblich aus der Gesellschaft kommen und zielgerichtet von der Informationswissenschaft aufgegriffen werden. Die Gesellschaft fordert eine bestimmte Ausrichtung schlicht ein. Informationswissenschaft könnte damit ein treibender Motor neuer Entwicklungen sein. Offen bliebe jedoch die Frage nach dem Impulsfilter – das gesamte Feld möglicher Ansatzpunkte kann die vergleichsweise kleine Disziplin nicht innovierend bearbeiten. Als denkbar und sinnvoll erweisen sich hierbei Modellierungsansätze für bestimmte Informationsverarbeitungs- und Kommunikationsszenarien, die beispielsweise auf Produktentwicklung und Innovationsleistungen in der Wirtschaft zurückwirken. Die Frage ist also, welche Akteure in der Gesellschaft eigentlich informationswissenschaftlich relevante Innovation leisten. Mit diesen müsste die Disziplin in direkte Wechselwirkung bzw. einen Innovationsdialog treten, um anforderungsgerecht und kooperativ in der Entwicklung von Diensten und Produkten teilzuhaben.

Aber auch im analytischen Bereich ist eine Fokussierung sinnvoll und zweckmäßig. Neben dem Aufgreifen bestimmter Entwicklungslinien aus der Gesellschaft wäre zu untersuchen, inwieweit es dem informationswissenschaftlichen Diskurs gelingt, in einer Rückbindung eigene Impulse in die Gesellschaft einzuspeisen. Die Frage nach der grundsätzlichen Notwendigkeit des Faches mag innerdisziplinär überflüssig sein. Jüngere Entwicklungen zeigen jedoch deutlich, dass andere gesellschaftliche Akteure mit einer vorwiegend haushaltskalkulatorischen Sicht diese bisweilen sehr drastisch stellen. Die relevante diskursive Rückbindung ist in diesem Fall auch eine Art Rückversicherung und trägt maßgeblich zur Steigerung der allgemeinen Akzeptanz der Disziplin bei.

Cluster 2: Ausbildung

Möglicherweise kann die Dichotomie aktiv/passiv aber auch obsolet sein. Auf Grundlage der vorangehenden Überlegungen nehmen wir an, dass sich die Anforderungen an eine Informationswissenschaft in dieser Zeit nicht zuletzt im Bereich der Aus- und Weiterbildung für die Profession niederschlagen werden. Die Informationswissenschaft ist in Deutschland ein stark ausbildungsorientiertes Fach und die Chancen, dem Hauptteil der Absolventinnen und Absolventen informationswissenschaftlicher Studiengänge, der keine unmittelbare Hochschulkarriere anstrebt, sollten naturgemäß optimiert werden. Die Nachfrage mit der Qualifikation zu verbinden ist der zentrale Aspekt der Gestaltung entsprechender Curricula. Entsprechend sinnvoll und notwendig erscheint die Untersuchung dieses spezifischen Wechselverhältnisses: Die Analyse der Bedingungen des Arbeitsmarktes für Informationswissenschaftlerinnen und Informationswissenschaftler.

In der Berliner Runde konnten Rückmeldungen zum Verbleib der Absolventen der Studiengänge in Düsseldorf und Potsdam direkt eingeholt werden. In Düsseldorf geht man zum überwiegenden Teil direkt in die Informationspraxis. Die Potsdamer Archivarinnen und Archivare landen zu nahezu 100 % in ihrer Zielinstitution. Die Absolventen des in Auflösung befindlichen Studiengangs „Dokumentation“ hatten geringere Vermittlungsraten. Generell gilt erwartungsgemäß, dass die Praxis derzeit Absolventen mit fundierten Kenntnissen im Umgang mit digitalen Technologien, akut XML, bevorzugt.

Die wesentliche Fragestellung an diesem Punkt ist für uns, ob die Informationswissenschaft letztlich Informationsexperten für kommerzielle und öffentliche Einrichtungen (beispielsweise Bibliotheken, Fachinformationszentren, Google oder Amazon) ausbildet oder selbst als integraler Bestandteil des Informationssektors mit eigenen Produkten in diesem Kontext auftritt. Die Schwerpunktsetzung in dem Beziehungsverhältnis analytisch und/oder innovierend findet sich hier wieder: Ist die Informationswissenschaft stärker als eine Art Dienstleistungsdisziplin für die Praxis zu verstehen und damit eine angewandte Wissenschaft? Oder wird eine akademische Ausrichtung gepflegt und damit einhergehend die Ausbildung intensiver mit wissenschaftlich-reflektierenden Elementen gestaltet? Beides schließt sich weniger aus, als es eine Art Mischung darstellt. Deren Verhältnis gilt es zu ermitteln.

Während die Ausbildung von Anwendungskompetenzen weitgehend befriedigend umgesetzt ist, fehlt, so eine Stimme aus Düsseldorf, ein Forum für die fachwissenschaftliche Diskussion.

Erdmute Lapp berichtete aus ihren praktischen Erfahrungen an der Universitätsbibliothek Bochum über mögliche gesellschaftliche Wechselwirkungen: Der Fall zu Guttenberg, selbst wenn er als bewusstes Plagiat möglicherweise anderen Motivationen folgt, zeigt nicht zuletzt, dass die sogenannte gute wissenschaftliche Praxis auch eine gewisse Verankerung in den Basiskompetenzen der Studierenden benötigt. Entsprechend hoch sei der Bedarf an darauf ausgerichteten Schulungen in Informationskompetenz, die sich im Web 2.0 prinzipiell auch als Kommunikationskompetenz erweist. Gerade dort, wo sich die Formen der Wissenschaftskommunikation und des wissenschaftlichen Arbeitens deutlich verschieben, wird es notwendig, bestimmte stabile Grundregeln zu vermitteln.

Bereits in Hildesheim stand diese Frage auf der Tagesordnung: Ist die Vermittlung dieser Art von Kompetenz eine Aufgabe eine informationswissenschaftliche Aufgabe? Worauf greift die Informationskompetenzvermittlung wie in diesem Fall zurück? Wissenschaftliches Arbeiten ist immer eine Form der Wissensorganisation. Ein Hauptgegenstand der Informationswissenschaft sind traditionell die so genannten Knowledge Organization Systems (KOS). Relevant wäre hier der Übergang von der Ebene der eher technischen Systeme zur Verarbeitung von Wissensrepräsentationen hin zur Frage, wie konkrete menschliche Nutzerinnen und Nutzer mit ungleichen Kompetenzprofilen, Nutzungszielen und Anwendungsressourcen pragmatisch mit diesen Systemen interagieren. Und natürlich, wo sie an ihnen scheitern. Damit harmoniert nicht zuletzt die Anregung Stefan Gradmanns, die Aufgabe des „Verstehen verstehen“ stärker als bisher zu berücksichtigen.

Cluster 3: Disziplinäre Verortung

Ein generelles Desiderat ist nach wie vor die Verortung des Faches im disziplinären Spektrum hinsichtlich Methode, Argumentationskonventionen, Theoriegerüst und Kommunikationsformen. Die Umfrage bestätigte, dass es in dieser Hinsicht ein breites Spektrum an Ansichten gibt. So begrüßenswert diese Pluralität der Perspektiven ist, so schwer fällt es, daraus halbwegs konsensfähige Orientierungslinien abzuleiten, die konkrete Konsequenzen nach sich ziehen können.

Deutlich ist, dass neben den Anforderungen aus Gesellschaft und Informationspraxis in hohem Maße die individuelle Wissenschaftsbiografie der in der Informationswissenschaft Aktiven eine Rolle spielt, die zum überwiegenden Teil einen interdisziplinären Hintergrund haben. Vor der Frage nach der Grundausrichtung der Disziplin steht also die nach der Rolle der Interessen und Denkschulen der jeweiligen Hochschullehrerinnen, die jeweils themenprägend wirken. Die wissenschaftskulturellen Affinitäten schlagen sich deutlich in Tendenzen stärker zu technischen, informatischen, naturwissenschaftlichen, geisteswissenschaftlichen, wirtschafts- oder sozialwissenschaftlichen Disziplinen nieder – mit allen Konsequenzen, die sich für das Ausbildungs- und Forschungsprogramm ergeben. Bisher findet diese prinzipiell sehr zu begrüßende Diversität der Richtungen eher implizit in der Hochschullandschaft ihren Ausdruck. Ein naheliegender Schritt wäre es, diese Orientierung präzise zu mappen und übergreifend spezifische Forschungsschwerpunkte zu koordinieren. Über diese systematische Kartierung der Informationswissenschaft im deutschsprachigen Raum würde nicht zuletzt, so eine Vermutung, sichtbar, wo thematischer Nachstrukturierungsbedarf besteht, welche Themenfelder, die eigentlich informationswissenschaftlich relevant wären, sich sowohl in den Curricula wie auch in den Agenden zu wenig berücksichtig finden.

Cluster 4: Metadiskussion und Zukunftsplanung

Die vergleichsweise geringen Rückmeldungen zur Umfrage deuten darauf hin, dass die Notwendigkeit zu einer Metadiskussion nicht unbedingt von der gesamten Disziplin gesehen wird. Auch im Café Moskau wurde gefragt, inwieweit diese Diskussion eigentlich geführt werden müssen, besonders auch hinsichtlich innerdisziplinärer Schwerpunktbildung. Stefan Gradmann verwies ebenso darauf, dass wir neue profilbildende Bereiche brauchen, die auch auf neuen Begriffen aufbauen, um nicht an alten Paradigmen festzuhalten. Auf diesen Vorstoß reagierten die Anwesenden eher etwas hilflos und es kristallisierten sich zwei (nicht unbedingt ausschließende) Maßgaben heraus. Das Fach braucht beides: den Eigensinn der Agenda- und Theorieentwicklung gleichermaßen wie die Rückkopplung aus der Praxis und von anderen externen Akteuren, die die Forschungsausrichtung mit beeinflusst. Es handelt sich also um die traditionelle, hochparadoxe Forderung der Quadratur eines Kreises aus Autonomie und Integration.

Die Diskussion zum Selbstverständnis einer Disziplin ist genau deshalb buchstäblich endlos, besser vielleicht: permanent begleitend, weil diese Quadratur nie gelingen wird, aber angestrebt werden muss. Man braucht kein Kybernetiker zu sein, um zu erkennen, dass die Impulse, die die Disziplin in die Umwelt abgibt, ihre Position in dieser beeinflusst und das sich verändernde Umweltfaktoren entsprechend auf die Disziplin zurückwirken. Wissenschaft ist demnach auch ein Prozess der stetigen Selbstaktualisierung. Neben Ausbildung und Forschung stellt dieses Moment der dynamischen Selbstorganisation den dritten Grundbaustein eines Faches dar.

Die konkrete Frage in diesem Zusammenhang lautet, auf welchen zeitlichen Rahmen die Diskussion abzielt. Bei dem Workshop diskutierten wir mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern die zugespitzte Frage, ob wir über die Informationswissenschaft im Jahre 2015 oder die im Jahre 2030 nachdenken sollen? Nicht nur bei der Planung informationspraktischer Projekte in Bibliotheken, visionären und auch von politischen Einflussfaktoren gesteuerten Strategieverhandlungen für Infrastruktureinrichtungen oder auch der Planung von Forschungsvorhaben und angesichts der Überlegung, informationswissenschaftliche Graduiertenkollegs einzurichten, ist dieser temporale Aspekt von großer Bedeutung.

Welchen Bezugspunkt wählt die Informationswissenschaft für ihre Weiterentwicklung? Die Gegenwart oder die Zukunft? Besteht die Gefahr des Verlustes des Realitätsbezugs? Auch diese Frage kann nur als Quadrille angegangen werden: Die Informationswissenschaft muss sowohl perspektivisch wie auch tagesaktuell agieren. Es geht um das Verhältnis der Eckpunkte zueinander. Dieses muss permanent ausbalanciert werden. Momentan allerdings, auch dahingehend herrschte weitgehend Übereinstimmung, scheint es zunächst notwendig sich auf diese Eckpunkte zu verständigen.

Von Bedeutung ist dabei auch die Perspektive von Außen: Interessanterweise kam im Anschluss an die eher informationswissenschaftlich-intern geführte Debatte ein Teilnehmer zu Wort, der uns freundlicherweise die Angst vor der Zukunft nehmen wollte. Er ging davon aus, dass Bibliothekswissenschaft, die in seiner Wahrnehmung offensichtlich synonym mit Informationswissenschaft ist, sich mit Büchern befasst und wir Angst haben, dass wir, wenn das Buch nicht mehr da ist, kein Betätigungsfeld mehr haben. In der Überzeugung, dass es Bücher noch sehr lange geben wird, bekamen wir den rührenden Ratschlag: „Da machen Sie sich mal keine Sorgen.“

Außenstehende Akteure (in diesem Fall ein kleines Startup) sind der Meinung, dass man von originär informationswissenschaftlichen Themen sehr vieles aufgreifen und ausbauen kann (beispielsweise Indexierungsverfahren). Im Verlauf der Diskussion wurde zudem mehrfach hervorgehoben, dass besonders die Interdisziplinarität der Informationswissenschaft eine entscheidende Rolle bei der Weiterentwicklung zukommt. (wie zum Beispiel der Einfluss der (Kognitions-)Psychologie in der Nutzerforschung). Abschließend wurde die Innovationskraft einer Disziplin hervorgehoben, deren (eines) zentrales Aufgabenfeld die Wissenschaftskommunikation ist.

Vielleicht halten wir für die nächste Diskussion als Fazit diese Bestandteile als Eckpunkte fest: Das Gegenstandsspektrum der Informationswissenschaft reicht formal vom Medium Buch bis zum Internet, hinsichtlich der Prozesse von der traditionellen Indexierung bis zur Kommunikationsgestaltung und in Hinblick auf die Themen quer über alle Disziplinen. Die Informationswissenschaft ist eine prinzipiell interdisziplinär grundierte Auseinandersetzung mit der Art und Weise, wie und mit welchen Systemen Menschen medienvermittelt kommunizieren. Viel breiter geht es kaum. Und für eine Basis ist das gar nicht mal verkehrt.

Fazit

Die Diskussion zu Gegenwart und Zukunft der Informationswissenschaft läuft, wenn auch bislang von vergleichsweise wenigen Akteuren getragen. Die Zurückhaltung eines großen Teils der institutionalisierten Informationswissenschaft sowohl an die Diskussionen nach Willi Bredemeier wie auch unserer Umfrage anzuknüpfen, lässt sich sicher nur teilweise als generelle Indifferenz an einer Metadiskussion zum Fach bewerten. Obschon sich zwangsläufig keine expliziten Belege dafür finden, ist davon auszugehen, dass sie in wissenschaftssoziologisch beschreibbare Gründe (Hochschulhierarchie, etc.) zu finden ist. Denn eigentlich die informationswissenschaftliche Fachöffentlichkeit als Diskursgemeinschaft breit genug aufgestellt und verfügt auch über hinreichende Kommunikationsplattformen und –medien.

Entsprechend spiegeln die Erkenntnisse auch eine bestimmte Sichtweise auf die Entwicklung überdeutlich wieder. Unstrittig ist, dass das Fach einer permanenten Aktualisierung bedarf. Das ergibt sich unweigerlich aus den Veränderungen seines Gegenstandsbereiches, die nur sehr eingeschränkt unmittelbar vom Fach angestoßen, gelenkt oder beeinflusst werden. Die Rolle von Information und Informationsverarbeitung in der aktuellen Ökonomie führt unweigerlich zu einer Innovationshegemonie wirtschaftlicher Akteure. Die Informationswissenschaft muss sich zu dieser Tatsache positionieren und ihr in der Ausgestaltung sowohl ihrer Ausbildungs-Curricula wie auch Forschungs-Agenden Rechnung tragen. Eine diesbezügliche Redefinition ihres Selbstbilds sowie die Formulierung von Rollen- und Zukunftsplänen in Wechselwirkung zu anderen Wissenschaftsdisziplinen und zu extrawissenschaftlichen Gesellschaftsbereichen erweist sich angesichts der Heterogenität des Feldes als äußerst komplexe Aufgabe. Hier ist dringend eine systematischeres Vorgehen angezeigt, das sowohl das eigene Leistungsvermögen, die Interdependenzen der informationswissenschaftlichen Institutionen sowie Optionen zur Profilierung berücksichtigt.

Es ist momentan nicht zureichend deutlich, welche Akteure an dieser Stelle eine koordinierende Funktion zu übernehmen bereit und befähigt sind. Wir hoffen jedoch, dass dieser Diskussionsstrang notwendige Impulse gibt, um die Entwicklung und die Diskussion in dieser Hinsicht zu verstärken. Der vorliegende Beitrag ist dementsprechend sowohl als Diskursbeitrag für die Metadiskussion wie auch als genereller Appell an die Fachöffentlichkeit zu verstehen, sich stärker als bisher über das konzeptionelle Fundament der Informationswissenschaft zu verständigen. Es geht hierbei nicht darum, manifeste Ewigkeitsklauseln in das disziplinäre Selbstverständnis einzubinden. Sondern um ein konsensuelles Bewusstsein für das, was wir in dieser Wissenschaft machen, wie wir es machen und vor allem, warum wir es machen.

Berlin und Potsdam im Juni 2011

[2] Bredemeier, Willi (2010) Kritik der Informationswissenschaft. Anmerkungen eines interessierten und besorgten Bürgers mit Common Sense. In: Schreiber und Schreiberlinge. http://www.schreiber-und-schreiberlinge.de/epaper/kritik-der-informationswissenschaft.html

[3] Kaden, Ben (16.09.2010) Die so genannte Geisteswissenschaft. Ein Kommentar zu Willi Bredemeier. In: LIBREAS Weblog. http://libreas.wordpress.com/2010/09/16/die-sogenannte-geisteswissenschaft-ein-kommentar-zu-willi-bredemeier/

[4] Voß, Jakob (01.09.2010) Aktuelle Diskussionen zur informationswissenschaftlichen Fachkommunikation. In: Jakoblog. http://jakoblog.de/2010/09/01/aktuelle-diskussionen-zur-informationswissenschaftlichen-fachkommunikation/

[5] Ebd.

[9] Bredemeier, Willi (15.11.2010) Willi Bredemeier antwortet seinen informationswissenschaftlichen Kritikern. http://www.password-online.de/pushdienst-news/detail/article/password-pushdienst-15-november-2010.html Siehe hierzu auch Hauschke, Christian (25.10.2010)Kritik der Informationswissenschaft I + II von Willi Bredemeier http://infobib.de/blog/2010/10/25/kritik-der-informationswissenschaft-i-ii-von-willi-bredemeier/ und die Kommentare auf den Beitrag Hauschkes.

[10] Treude, Linda (2011) Information, Zeichen, Kompetenz. Fragen an Rafael Capurro zu aktuellen und grundsätzlichen Fragen der Informationswissenschaft. In: Information Wissenschaft und Praxis, 1 (2011 )S.37-42

[11] Vgl. Kaden, Ben (09.03.2011) Ankündigung: Marienburger Höhenluft. Informationswissenschaftliche Fragestellungen auf der ISI 2011. http://libreas.wordpress.com/2011/03/09/86/

[12] Mons, Barend und Velterop, Jan (2009) Nano-publication in the e-scienceera.In: Workshop on Semantic Web Applications in Scientific Discourse (SWASD 2009), Washington, DC. http://www.w3.org/wiki/images/4/4a/HCLS$$ISWC2009$$Workshop$Mons.pdf

[13] Buttry, Steve (14.06.2011) Why should storytelling stop evolving now? In: The Buttry Diary. http://stevebuttry.wordpress.com/2011/06/14/why-should-storytelling-stop-evolving-now/

[14] Heller,Lambert; Pampel, Heinz (2010) Konzeptstudie: Die informationswissenschaftliche Zeitschrift der Zukunft. http://eprints.rclis.org/handle/10760/14894

[15] Beispielsweise Autorentagging in Form von Apriori-Erschließungsauszeichnungen.

[16] vgl.zur Illustration:Krikorian, Ruffy (18.04.2010) Map of a Twitter status object. In: mehack. http://mehack.com/map-of-a-twitter-status-object

[17] Angemerkt werden soll, dass die Autoren hier sehr wohl Forschungsbedarf feststellen.

[20] sh. dazu auch: Winkler, Hartmut (2004) Diskursökonomie. Versuch über die innere Ökonomie der Medien. Frankfurt/Main: Suhrkamp

[21] Eine Liste der Mitglieder findet sich unter: http://www.informationswissenschaft.org/institutionen/intro.htm

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11 Antworten

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  1. Ulrich Herb said, on 22. Juni 2011 at 11:46

    Liebe Kollegen,

    danke an Heinz für das Posting in INETBIB, in dem um Diskussion gebeten wurde. Aber gibt’s wirklich so viel zu diskutieren? InfoWiss ist ein junges Fach und hat daher Probleme mit der Selbstdefinition und (was nicht schlimm ist) keinen ausgeprägten eigenen Methodenkanon. Die wackelige Selbstdefintion ist schon kritischer zu sehen, Sie dürfte auch einer der Gründe für ein mögliches Aussterben der InfoWiss in Deutschland sein. Verzahnungen mit anderen Fächern gibt es viele und diese Knotenfunktion der InfoWiss müsste ein Argument für sie sein. In Saarbrücken war die Betonung der Knotenfunktion ein Versuch, das Fach am Leben zu erhalten. Der Versuch scheiterte – was aber andere Gründe hatte. Zurück zur Selbstdefinition: Relevante Themen (die von Euch skizzierten und andere) liegen meiner Meinung nach auf der Hand, wer sie in wissenschaftliche Forschung übersetzt, entscheidet wie er das macht und mit welcher Theorie im Hintergrund, er macht damit sein Profil selbst und beantwortet für sich die Sinnfrage und für andere Experten die Frage nach der Existenzberechtigung. Wenn man das, was rauskommt, am Schluss InfoWiss nennt, gerne – wenn nicht, dann heißt’s eben anders. Scheint ganz einfach, ich bin Pragmatiker und Ekletiker.

    Viele Grüße

    UH

  2. Ben Kaden said, on 22. Juni 2011 at 19:12

    “Fazit: Die Informationswissenschaft braucht wieder ihr gesundes Fundament. Wer nicht mehr weiß, was das ist, sollte mal in die alten Lehrbücher schaun.”

    In der Inetbib gibt es einen ausführlichen Kommentar von Walther Umstätter zu diesem Text, der vor allem die Berücksichtigung bzw. Rückbesinnung auf die Informationstheorie anmahnt:http://www.ub.uni-dortmund.de/listen/inetbib/msg45116.html.

    Zu den vier Thesen der Umfrage meint er:

    “Was die vier Thesen von Kaden, Kindling und Pampel betrifft, so ist die 1. These (wie bereits gesagt) nur dadurch zu ergänzen, dass das nicht erst in Zukunft gilt,sondern historisch betrachtet noch nie gegolten hat. Die 2. These betrifft explizit „Digitale Räume“. Die 4. These speziell die Digitalisierung, wobei die Digitalisierung und ihre Konsequenzen ohne Zweifel ein wichtiges Thema der Informationswissenschaft bleibt. Der dritten und zentralen These kann man nur zustimmen.”

    • Ben said, on 27. Juni 2011 at 13:32

      Es gab in der inetbib mittlerweile weitere Rückmeldungen zum Thema. Rainer Kuhlen verwies u.a. darauf, “dass das Fach hoffnungslos von Anfang an (also seit 1980) unterausgestattet wurde und ist”. Und gibt zugleich einen Ausblick:

      “Der Defizite in der IW sind natürlich viele. Aber einige sollten bald beseitigt sein: es wird wohl bald wieder eine infwiss Mailing-Liste geben (wir hatten schon vor langer Zeit den iw-link), in der Themen wie diese nicht in INETBIB geführt werden müssten; an einer, dann europaweiten infwiss OA-Zeitschrift wird gearbeitet, und die Arbeit an der 6. Auflage von KSS (früher einmal der LaiLuMu genannt) ist in den Startlöchern, wenn wir uns endlich einmal mit dem deGruyter-Verlag auf die dringend erforderlichen offenen, nicht exklusiv proprietären Konditionen einigen.”

      Walther Umstätter sieht dagegen die Informationswissenschaft in seiner Replik auf Rainer Kuhlen, der die Grundierung des Faches in der Informationstheorie problematisierte, auf dem Irrweg, nicht zuletzt durch die “soziologische Marginalisierung” der Disziplin und betont:

      “Die Gefahr die ich (und vermutlich noch mehr Menschen) sehen, ist, dass diese IW auf ihrem Irrweg immer mehr an Bedeutung verliert, während sich immer mehr Wissenschaftler, wie auch die Informatiker, sich dem Kern des Problems nähern – dazu gehört auch die begründete Information, die wir Wissen nennen.

      Dabei weist die Debatte durchaus die Intensität auf, die zu erwarten ist, wenn die Perspektiven zweier unterschiedlicher Wissenschaftskulturen kollidieren. So antwortet Walther Umstätter auf Rainer Kuhlens Nebenbemerkung ” Ich weiss zwar, dass ich Herrn Umstätter nicht mehr überzeugen kann.” ziemlich kampfbetont:

      “Das ist auch nicht notwendig, da Max Planck Recht hatte, dass falsche Theorien nicht wiederlegt werden, sondern aussterben. Was hier aussterben wird, ist aus meiner Sicht aber relativ klar.”

  3. Willi Bredemeier said, on 23. Juni 2011 at 06:22

    Bonne chance!

  4. […] Beitrag von Libreas Blog beschäftigt sich mit der Gegenwart und Zukunft der Informationswissenschaft und bemängelt, dass […]

  5. […] reflektierenden Fach eine zähe und  langwierige Angelegenheit darstellen dürfte, (vgl. dazu auch diese aktuelle Erhebung), müssen andere Akteure solche bleibenden Lücken schließen. Ohne interdisziplinären Dialog wird […]

  6. […] hohen Download-Zahlen als Maßstand, dann ist ein erhebliches Interesse an der Diskussion zum Stand zur Informationswissenschaft festzustellen. Inwieweit sich die Frage nach der disziplinären Positionierung tatsächlich in der […]

  7. Der Uni Master said, on 30. August 2011 at 12:36

    Sehr interessant. Die Diskussion wurde fachlich und dennoch lesenswerte aufbereitet. Eine Anmerkung zur These1 der Zukunft der Informationswissenschaft: das Information-Retrieval ist für eine zeitgemäße Informationswissenschaft nicht mehr zureichend, stellt sich bei mir schon in Frage, wenn ich über eine Suchmaschine auf diesen Artikel gestoßen bin!

  8. […] habe. Berücksichtigt wurde zudem in diesem Fall ausschließlich Zeitschriftenliteratur (mit einer persönlichen Ausnahme, die eigentlich in der LIBREAS-Ausgabe 19 als Aufsatz erscheinen sollte…). Nach einen kurzen […]

  9. […] der kurze Hildesheim-Text tatsächlich einen wahrgenommenen Mangel benannte (gemeint ist wohl diese Passage: „Bemerkenswert an der Hildesheimer Veranstaltung war, dass sie ungeachtet des wohlklingenden, […]

  10. Jakob (@nichtich) said, on 26. November 2012 at 15:35

    Ein Blick in die Thesen über die Beziehungen zwischen Informationspolitik, Informationswissenschaft und Informationspraxis von 1996 kann sicher auch nicht schaden ;-)


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