LIBREAS.Library Ideas

It’s the frei<tag> Countdown. Noch 3 Tage.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS Veranstaltungen, LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 7. Juni 2011

Vielfältigkeit ist ein Merkmal, welches sich Öffentliche Bibliotheken gerne einmal selber zuschreiben. Die Unterschiedlichkeit des Bestandes, die auf die lokalen Gegebenheiten angepassten bibliothekarischen Angebote und Kooperationen sowie gleichzeitig die Offenheit des Zugangs zur Bibliothek sollen dazu beitragen, auf vielfältige Anforderungen auch vielfältige Antworten geben zu können. Diese Offenheit – welche übrigens auch mit einer gesellschaftlichen Wertschätzung von Vielfältigkeit in den individuellen Lebensentwürfen der Menschen einhergeht – steht paradoxerweise einer Forderung nach weiterer Standardisierung und Vereinheitlichung entgegen. Aber wie wir aus dem Gesundheits- und dem Bildungsbereich wissen: Gerade die Einrichtungen, die kreativ mit den Anforderungen der Standardisierungen, Benchmarks, Leistungs- und Wissensmessungen, Qualitätskontrollen und so weiter umgehen und sie dabei dann auch wieder unterlaufen, sind erfolgreich.

Eine andere Frage ist allerdings: Sind Bibliotheken wirklich vielfältig? Ohne in die ständige Berufsbild- und „Wie-sehen-uns-andere“-Debatte eingreifen zu wollen, kann doch festgehalten werden, dass sich die Frage mit einem Ja und einem Nein zugleich beantworten lässt. Verfestigte und sich reproduzierende Strukturen, Annahmen, Abläufe, Zielsetzungen und Arbeitsweisen – die sich ja zum Teil auch mit gutem Recht als konstante Formen etabliert haben – stehen ständigen Versuchen gegenüber, sich zu verändern, zu entwickeln und neu zu erfinden. Man sollte gar nicht erst so tun, als gäbe es nicht beide Seiten des Bibliothekswesens. Weder ist alles neu und frisch, noch ist alles starr und unveränderlich.

Der Bibliothekartag zum Beispiel, dessen 100. Auflage heute in Berlin begonnen hat, ist ein gutes Sinnbild für diese Widersprüchlichkeit. Vieles, sogar das meiste ist konstant. Die Veranstaltungsform, die sich wiederholenden Themen, die zu große Zahl an Ausstellern, über die sich unter der Hand immer wieder beschwert wird, die steigenden Preise für alles, die immer wieder gleichen Gesichter… Und gleichzeitig gibt es dennoch auch immer wieder Neues, ist der Bibliothekartag und einzelne Sektionen zu Experimenten bereit, nimmt neue Themen auf, sucht Wege aus wahrgenommenen Krisen. Sicherlich funktioniert das nicht ungebrochen. Zum Bibliothekartag gehört immer auch die Klage, dass wichtige Themen nicht oder kaum vertreten sind, dass wichtige eingereichte Beiträge abgelehnt wurden, während unwichtige Annahme fanden. Nicht umsonst organisieren sich neue Themen oft an den Rändern des Bibliothekartages. Aber immerhin – im Gegensatz zu einigen anderen Professionen – ist das offenbar für den Bibliothekartag okay. In anderen Disziplinen ist so etwas oft gar nicht möglich, weil Organisationsteams „ihre“ Veranstaltungen und deren Umfeld vollständig zu kontrollieren versuchen, anstatt wissenschaftliche Kommunikation zu fördern.

Aber ob nun die Zukunftswerkstatt, Cycling for Libraries oder frei<tag>: Alle diese Veranstaltungen, die sich gegenseitig und den Kongress mit ergänzen, werden akzeptiert. Nicht unbedingt begrüßt – auch wenn der Kongress bestimmte Angebote, beispielsweise die Fahrraddemo von Cycling for Libraries zum Bibliothekartag, für sich in Anspruch nimmt – aber auch nicht abgelehnt. Dieses akzeptierte Nebeneinander von festen, oft nahezu undurchdringlichen Strukturen und gleichzeitiger Veränderungslust, scheint das Bibliothekswesen in Deutschland auszuzeichnen. Obgleich diese Vielfältigkeit selbstverständlich immer wieder Friktionen erzeugt. Aber es wäre auch erstaunlich, wenn sie es nicht täte.

frei<tag>-Organisationsteam. Vielfältigkeit in Aktion. Während ein Teil um 9.00 Uhr morgens auf einem Panel zur Bedeutung von Bibliotheks- und Informationswissenschaft für die bibliothekarische Praxis auf dem Bibliothekartag sitzt...

...radelt ein anderer Teil bei der Fahrraddemo vom Berliner Hauptbahnhof zum Bibliothekartag mit. Für Bibliotheken und weil es geht.


Advertisements

Dienstagmorgen in Neukölln: Der Bibliothekartag 2011 beginnt.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS on tour by Ben on 7. Juni 2011

Das Leben sei eine Baustelle. Schlug einmal einer dieser Berlin-Filme titelgebend vor. Wer zum 100sten Bibliothekartag finden möchte, erfährt dies am eigenen Sinnesapparat bestätigt, wird doch die Sonnenbrücke, die Konferenzhotel vom S-Bahnhof trennt gerade ihrer Fahrbahn entledigt. Fein kanalisiert zwischen Absperrzäunen ist der Pfad zur Konferenz in Rot und Weiß vorgezeichnet, was allerdings beobachtungsgemäß an diesem ersten Morgen der wichtigsten Bibliothekswoche des Jahres die initiale Verwirrung der Besucher nicht sonderlich reduziert.

Sonnenbrücke

Auf der Sonnenbrücke morgens um halb Zehn. Die Gewitterwolken der Nacht treiben sich noch ein wenig am Neuköllner Himmel herum und die Trutzburg des Estrels wirkt trotz aller Bombastik ein wenig unscheinbar. Das liegt möglicherweise auch daran, dass der Lärm, den das Aufstemmen einer Asphaltdecke nun einmal verursacht, die gesamte Aufmerksamkeit der Passanten bündelt.

Bereits beim Abgang des S-Bahnhofs kann man mit ziemlicher Sicherheit aus den kleinen Mengen Menschen, die jede einfahrende Ringbahn herantransportiert, ablesen, an den Gesichter ablesen, wer zur Tagung möchte. Wenn man einen netten Gesprächspartner findet, mit dem man gegenüber des Café Miami ein Rahmenprogramm für eine hermeneutische Frischzellenkur der Bibliothekswissenschaft (eingespritzt werden wahlweise kleine Dosen Rafael Capurro oder Jürgen Habermas), ist dieses Spiel recht vergnüglich. Der Standort ist ohnehin optimal, um all diejenigen abzufangen und in eine Plauderei zu verwickeln, die einem, einmal in die Räume Cannes, Nizza und Riviera eingedrungen, zu leicht in einer anderen Pausengesprächsgruppe verschwinden.

Mit etwas Glück kann man zum gleichen Zweck bereits den Ringbahnsteig des S-Bahnhofs Ostkreuz heranziehen, zumal der morgendliche Sonderverkehr der S-Bahn die Aufenthaltsdauer teilweise erheblich erhöht. Der Nahverkehrsbetreiber bittet per Ansage um unser Verständnis (wird gern aufgebracht) und die bissige Sonne, die nun noch weitere acht Minuten die Nacken der Wartenden auf medium bräunt, lässt sich ebenso wie der gestrige Starkregenabend – Nass bis auf die Haut / so standen wir da / um uns war es laut / und wir gingen in das kleinste Lokal am Hackeschen Markt und aßen, Servietten als Trockentücher verbrauchend, drei Scoops sündteures Eis – als Gesprächsanknüpfungspunkt benutzen.

Zudem führt der Austragungsbezirk der Veranstaltung ganz wunderbar dazu, dass man auf seinem Weg zwangsläufig von mutmaßlichen Stadtbewohnern begleitet wird, denen man ungläubig staunend hinterher blickt. So und so. Es ist ein Entdeckungsreich ersten Ranges. Und mit etwas Glück begegnet man diesen Menschen im als Marktplatz-Vorspiegelung entworfenen Foyer des Estrel wieder und erkennt: Die Vielfalt ist nicht nur in der Stadt. Sie ist auch unter uns.

LIBREAS wünscht allen Besuchern des Bibliothekartags 2011 in Berlin eine eindrucksvolle Zeit.

Blau

My blue heaven. Nicht nur Vinnie Antonelli weiß, was fashionable bedeutet. Auch die BesucherInnen des Bibliothekartags wissen, das Estrel-Blau die Farbe der Saison ist und stellen so zwanglos wie exakt eine farblich passende Referenz her. Das Gebäude selbst ist architekturstilistisch betrachtet leider weitgehend eine sandfarbene Untat. Was letztlich aber unwichtig ist. Entscheidend ist, was man daraus macht und jedenfalls die Erwartung läuft darauf hinaus, dass der Bibliothekartag sehr sehr viel aus dem Gebäude herausholt.

Tagged with: