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Bibliographie als Utopie. Zu einer Position aus dem Jahr 1896.

Posted in LIBREAS.Referate by Ben on 27. August 2012

Zu:

Frank Campbell: The Bibliography of the Future. (In: Peter R. Frank (1978): Von der systematischen Bibliographie zur Dokumentation. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft. (Wege der Forschung; Bd. 144), S.124-142 / Original: Frank Campbell: The Theory of National and International Bibliography. London, Library bureau, 1896. Sec. II. No. 3, S. 243-259

Ben Kaden

I

Sowohl die Unkonferenz frei<tag> 2012 wie auch die LIBREAS Summer School in diesem Jahr ließen für uns in guter wissenschaftlicher Sitte mehr offene Fragen als schlüssige Antworten zurück. Das ist nur zu begrüßen, sind doch Fragen seit den Urzeiten exzellente Sensibilisierungselemente der systematischen Erkenntnisfindung.

Dass Fragen neu auftreten bedeutet jedoch nicht zugleich, dass sie auch wirklich neu sind. Meist reicht ein kurzer Blick in die Geschichte des Faches, um sich dessen zu vergewissern. Als Beispiel mögen heute Frank Campbells 1896er Überlegungen zur Bibliografie der Zukunft (wohlgemerkt: der Zukunft des Jahres 1896) dienen.

Zwei Aspekte finden dabei zueinander: (1) Die Frage nach Ziel, Zweck und Reichweite bibliographischer Nachweise (Session Katalogtheorie bei der Unkonferenz). Und (2) das utopische Element (vgl. einen entsprechenden Beitrag im LIBREAS-Blog).

Karsten Schuldt verwies bei der Summer School u.a. darauf, dass Wissenschaft – also auch Bibliotheks- und Informationswissenschaft – häufig individuell besonders produktiv ist, wenn die Aktiven abgesehen vom Gehaltsscheck und der reinen Freude an der Technik auch noch etwas von dem Streben nach dem Hehren, Guten und Schönen einer verbesserten, lebenswerteren Welt als Motivation heranziehen. Wer eine Sache mit aller Leidenschaft als entscheidende Wegmarke zum Erreichen eines höheren Ziels ansieht, der hängt sich mit reichlich Herzblut hinein und wird deshalb mutmaßlich härter und zielgerichteter tätig.

Nach all den Erfahrungen mit den diversen Weltverbesserungsansprüchen der vergangenen Jahrhunderte wirkt das Bemühen um eine bessere Welt (für alle) heute in destillierter Form verständlicherweise oft naiv bis gefährlich naiv. Es kann aber in Maßen genossen durchaus dabei helfen, das Scheuklappern der von bürokratischen und/oder wirtschaftlichen und/oder tagesaktualitätsheischenden Interessen verengten Perspektive auch des Bibliothekswesens und der Bibliothekswissenschaft zu dekonstruieren und sich daher als hochgradig sachdienlich erweisen.

Francis Bunbury Fitzgerald Campbell hätte vermutlich einen guten Gesprächspartner für alle Utopisten (1863-1905) abgegeben. Sein Telos, wenigstens während seiner Zeit als Bibliothekar im Reading Room des British Museum, war die zu Rundum-Universalität raffinierte Bibliografie. Seine Überlegungen erinnern auf einer übergeordneten Ebene daran, dass sich auch oder gerade in scheinbar völlig überzogenen und unrealistischen Zielstellungen eines Pioniergeistes (mit denen man sich bisweilen bei den traditionsbedachteren unter den jeweiligen Zeitgenossen höchst unbeliebt macht) der Nukleus dessen verbergen kann, was später zu einem Allgemeinplatz wird.

Daher nennt man solche Menschen auch Vordenker und dankt ihnen wenn sie Glück in einer Festschrift zur Pensionierung, wenn sie weniger Glück haben erst posthum und den großen Pechvögeln unter ihnen gar nicht, wobei ihre Ideen mitunter als Opfer der Uncitedness inkognito noch lange die Richtungen weisen.

Frank Campbell hängt irgendwie dazwischen. Es finden sich durchaus Würdigungen, meist aus der Nachkriegszeit. Doch im Vergleich zu den wirklichen Bahnbrechern – Melville Dewey, S.R. Ranganathan, Suzanne Briet, Paul Otlet, Emanuel Goldberg oder dem etwas sehr gehypten Vannevar Bush – ist er nicht unbedingt ein Name, der sofort fällt, wenn es heute um Pionierleistungen der Bibliotheks- und Informationswissenschaft geht.

Womöglich hat er unterm Strich auch nicht allzuviel Greifbares in dieser Richtung vollbracht. Aber immerhin ist sein bemerkenswerter Text aus dem Jahr 1896 zur „Bibliography of the Future“ überliefert, in dem er erfrischend forsch, frank und direkt eine Perspektive für eine Nationalbibliografie der Zukunft skizziert.

II

Die Bestandteile im Alptraum des Bibliotheksreformers Campbell, waren professionsgemäß Unordnung und Unvollständigkeit. Und dieser Alptraum, so die (subjektive) Diagnose, war Ende des 19. Jahrhunderts offensichtlich häufig Bibliotheksrealität. Die einzelne Bibliothek wusste vielleicht in etwa, was sie im Bestand hatte. Aber am Auskunftsschalter erfuhr der Leser eben nicht, was es insgesamt an Schrifttum zu seinem Thema gibt. Campbell ging es also um die Entkopplung von Bibliografie und Bestand. Ihn trieb der Anspruch, alles, was publiziert wurde sowie auch die graue Literatur zentral und vor allem klar systematisiert nachzuweisen. Die Bibliotheken, so sein Vorwurf, sei diese Aufgabe genauso wenig bewusst, wie der richtige Zeitpunkt eine solche systematische und registrierende Erfassung umzusetzen: Nämlich in dem Moment, in dem ein Titel das erste Mal irgendwo auftaucht.

Dieses frühe Ideal einer Verbundkatalogisierung stand damals jedoch fernab an irgendeinem abgelegenen Horizont. Die BibliothekarInnen, so Campbells offensichtliche Erfahrung, legten seinerzeit die Titel zunächst einmal ab und recherchierten diese, wie er sie nennt, „verlorenen Bücher“ dann später mit viel Aufwand zu unzulänglichen Bibliografien zusammen:

Mit

„can we measure the untold loss of time, money, health, and intellect that has been spent (alas, all too contentedly) by bibliographers in recovering lost books?“ (S. 129),

formuliert diesbezüglich er eine Grundfrage für eine intellektuelle Nationalökonomie, der man sich differenziert in einer erweiterten Metrik der Bibliothekspraxis hätte bibliothekswissenschaftlich stellen können. Allerdings war die Theoriebildung auf dem Gebiet der LIS zu diesem Zeitpunkt noch nicht soweit und Campbell setzt den Einwurf auch mehr rhetorisch. Die auf der Hand liegende Antwort konnte daher nur lauten: Wir können es nicht messen, aber es ist gewaltig.

Um das Argument weiter zu verstärken, greift er zu einem Vergleich, der wiederum selbst den Vergleich mit der Rhetorik der Platzhirsche der vor einigen Jahren einmal sehr virulenten Library 2.0-Bewegung nicht scheuen braucht:

„To borrow an idea, we still continue to plough with the spade and reap with the sickle. And, to make matters worse, every day, nay, every hour, the situation grows more serious.” (S. 125)

Die Lösung für Campbell läge dagegen einfach in einer standardisierten Registratur für Neuerscheinungen, die man dann Nationalbibliografie nennen könnte. Diese sollte, und das ist das Interessante daran, vor allem auch thematisch umfassend erschlossen sein. Zur Tiefe dieser Erschließung wird im Text nichts gesagt. Aber der nicht unbescheidene Anspruch an diese Art von Bibliografie, in dem sofort das Utopische hervorsticht, lautet immerhin:

„To enable every person, in every country , to derive the fullest possible use and enjoyment from all the books of every country, for all time, and on every subject.“ (S. 126)

Nützlichkeit und Genuss gingen damals offensichtlich noch gleichberechtigt zusammen. Dass wirklich jeder und überall ständigen Zugang zu diesen Informationen erhalten sollte, macht Campbell gewissermaßen zu einer Art frühem Evangelisten von Informationsfreiheit und Open Access. Die gesamtgesellschaftliche Ausrichtung seiner Theorie jedenfalls verdeutlicht die politische Dimension der Bibliotheks- und Informationswissenschaft bis in ihre Teilbereiche wie die Kataloglehre und  Bibliografienkunde hinein. An anderer Stelle betont er ähnlich:

„We have roads and railways and rivers free of access to all. But the channels printed thought communication are yet horribly blocked. It remains for us to clear them.” (S. 142)

Die einzigen verfügbaren Verzeichnisse seiner Zeit, die irgendwie als bibliografische Registratur in dieser Richtung brauchbar sein könnten, waren anscheinend Produkte der Verlagswirtschaft selbst. Campbell sah darin einen grundsätzlichen Irrweg:

„we continue to delude ourselves that it is possible for private enterprise to carry out that which the State alone can perform […].“ (S. 141)

Wieder zeigt sich die unmittelbare Anschlussfähigkeit zu aktuellen Debatten beispielsweise zur Digitalisierung des so genannten kulturellen Erbes, die heute von einem privaten Unternehmen mit offenbar gut funktionierenden Geschäftsmodell zu vielleicht nicht perfekten aber doch weitgehend brauchbaren Resultaten führt und die Benchmarks setzt, die nur sehr wenige mit öffentlichen Geldern finanzierte Projekte erreichen.

Campbell und Google verbindet in jedem Fall das Bemühen, alle „works“ – also nicht nur Bücher, sondern ein Gesamtspektrum kultureller Abbildungen – nachzuweisen und idealerweise gleich verfügbar zu machen. Die Ausrichtung auf Vollständigkeit (bzw. Completeness), führt, wie es für die großen Entwürfe nicht untypisch ist, in ein Ganz-oder-Gar-nicht:

„Bibliography is only useful when it is complete”. (S. 126)

III

Zusammenfassend lassen sich aus der Positionierung von 1896 folgende These destillieren:

  • Die Funktion öffentlicher Bibliotheken ist nicht die Bereitstellung von Büchern, nicht einmal die Vermittlung konkreter Inhalte, sondern die Abbildung des Wissens aus Vergangenheit und Gegenwart.
  • Die Reichweite einer solchen Bibliografie ist grenzüberschreitend, also de facto global.
  • Die Ursache für eine Unordnung (disorder) in bibliographischen Nachweissystemen ist vor allem dem Mangel an einer systematischen Auseinandersetzung mit Bibliografietheorie geschuldet. Campbell spricht sich demnach für eine Art die Praxis transzendierende Bibliothekswissenschaft aus.
  • Die Bibliothek ist eine Einrichtung nicht der Bestands- sondern der Wissensorganisation: „If you wish for complete Special Lists […] of all the works issued in this or any other country on important subjects of the day, such as Education, Agriculture, Art, Theology, Medical Science, Socialism, you ask for an impossibility.“ (S.126)
  • Die Entwicklung der Zivilisation spiegelt sich in der Entwicklung des Schrifttums.
  • Eine Nationalbibliografie bildet die Entwicklung einer Nation ab. (Sie ist gewissermaßen die Buchhaltung einer Nationalökonomie des Geistes.)
  • Auch graue Literatur – das Dokumentenmangement von Regierungsschriften sollte Campbells eigentliches Lebensthema werden – muss berücksichtigt werden. Campbell stellte gerade für Amtsschriften bzw. graue Literatur eine enorme Erschließungslücke fest: Die Materialfülle war unüberschaubar und es gab kein allgemeines Nachweissystem dafür. Campbell plädiert also auch vergleichsweise früh zu einer Zusammenführung dokumentarischer und bibliothekarischer Verfahren.

Natürlich zeigt diese Theorie eine deutliche Prägung durch ein szientistisch-positivistisches Verständnis, wie es im späten 19. Jahrhundert und noch ein paar Jahrzehnte länger nicht unüblich war. Man glaubte, dass man mit Beharrlichkeit, Geduld, Vollständigkeit und Systematik in einem Prozess der Verwissenschaftlichung nach und nach die Probleme der Welt in den Griff bekommen konnte und es sollte noch ein halbes Jahrhundert dauern, bis man verstand, dass jede dieser Handlungen Rückkopplungen auslöst und das Gesamtgefüge so verschiebt, dass sich unausweichlich neue Probleme, Herausforderungen und Unerkennbarkeiten einstellen. Das bedeutet jedoch nicht, dass der Wunsch nach einer selbsterschaffenen besseren Welt, wie er die meisten Sozialutopien prägt, durchweg Schmarrn ist. Er ist im Idealfall eine positive produktive Triebkraft, die tatsächlich Aspekte hervorbringt, die allgemein als Verbesserung des Lebens gelten müssen.

Was man zu Frank Campbell überliefert findet, lässt auch nirgends auf einen fanatischen Positivisten schließen. Sondern vielmehr auf einen hochengagierten Bibliothekar und Bibliothekswissenschaftler (und kurzzeitigen Privatsekretär des Bischofs von Kalkutta), der früh mit nur knapp über 40 Jahren am 04.12.1906 nach längerer schwerer Krankheit starb.

Berlin, 24.08.2012

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  1. […] des Jahres 1980. / Dietmar Daths schießpulverne Zukunft des Internet aus dem Jahr 2002. / Bibliographie als Utopie. Zu einer Position aus dem Jahr 1896. ) Das Feld ist dankbar und ergiebig, vermag doch die Beurteilung im Blick zurück mit einem […]


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