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It’s the frei<tag> 2012 Countdown (12): Gedankliche Lockerungen zum Thema Informationskompetenz

Posted in LIBREAS Veranstaltungen, LIBREAS.Feuilleton by libreas on 4. August 2012

Lars Müller

Ein gut gemachtes Bibliotheks-Discoverysystem, durchforstet mit einer Suchanfrage alle Bestände gleichzeitig, zeigt passendes oben an und der Volltext kommt mit einem weiteren Klick auf den Bildschirm. So ist es keine Kunst mehr, bestimmte Informationen zu finden und sich zu beschaffen. Kniffliger ist es dagegen, diese Systeme zu konfigurieren. Auch Nutzerinnen und Nuzter stehen heute eher vor einem Konfigurationsproblem als vor einem „suchen-finden-beschaffen“-Problem. Diese Entwicklung hat sich in den Ansätzen zur Informationskompetenzvermittlung bislang noch nicht hinreichend niedergeschlagen.
In zahlreichen Stellungnahmen und Positionspapieren (WR, DFG, BID, KII) wurde in jüngerer Zeit der Weiterentwicklung des Themas Informationskompetenz ein hoher Stellenwert eingeräumt. [6], [3], [1], [4] Allerdings ist in diesen Papieren wenig richtungsweisendes zur Umsetzung der programmatischen Forderungen enthalten. Es rücken wahlweise Informationsbewertung (WR), Informationsbewältigung (DFG, BID) oder Informationserzeugung, -verarbeitung und -verbreitung (KII) ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Im bestehenden Rahmen werden Schwerpunkte gesetzt bzw. die rechercheorientierte Perspektive um weitere Themen angereichert.
Die phantasielose Antwort der bibliothekarischen Fachwelt (BID, dbv) lautet: Entwicklung von Modulen oder curriculare Verankerung. [1], [2] Das ist alles gut, aber nicht ausreichend.

1. Informationsprozesse sind unregelmäßig und eher zirkulär angelegt, als linear.

Modelle zur Informationskompetenz sind zumeist linear. Eine rühmliche Ausnahme bildet da das SCONUL-7-Säulen-Modell, das Standards der Informationskompetenz zirkulär anordnet und damit verdeutlicht, dass Informationskompetenz nicht in einem linearen kontinuierlichen Prozess erworben wird.[5] Die zirkuläre Anordnung erleichtert es, sich auch andere Informationsvorgänge als den klassischen Information-Retrieval-Prozess vorzustellen und bspw. die Rezeption von Mailinglisten oder RSS-Feeds als Gegenstand der Informationskompetenzvermittlung zu abzubilden.

2. Ein schlüssiges Modell der Informationskompetenz hat mindestens drei Dimensionen.

Modellkonzepte zur Informationskompetenzvermittlung müssten über mindestens drei Dimensionen verfügen:

  1. Die Standards im Informationsprozess
  2. Das (Ausbildungs-)Niveau der Zielgruppe
  3. Die fachliche Ausrichtung der Zielgruppe

Die Punkte zwei und drei finden in den gängigen Standards zwar Erwähnung, in ein kohärentes Modell sind sie bisher aber nicht eingeflossen. Nur das bereits erwähnte 7-Säulen-Modell vermochte die erste und zweite Dimension zu vereinen. Es reicht nicht aus, das Modell je Fachdisziplin zu duplizieren, weil damit disziplinspezifische und -übergreifende Aspekte nicht mehr in einem Modell verdeutlicht werden können.

Informationskompetenz im neuen Licht auf der frei<tag>?

3.  Standards, Konzepte und Angebote zur Informationskompetenz müssen entkoppelt werden.
Angebote zur Informationskompetenzvermittlung (Module, E-Learning-Tutorials…) lehnen sich meist an lineare Informationskompetenzstandards an. Zu leicht wird folgender Analogiekurzschluss gezogen: Standard → Konzept → Modul. Das versperrt den Blick dafür, was Bibliotheken außer der Entwicklung von Lehrmodulen noch alles für die Informationskompetenzbildung ihrer Nutzerinnen und Nutzer tun könnten.
Ein Konzept zur Vermittlung von Informationskompetenz sollte sich an einem Standard und zugleich auch an Zielgruppe und Zielen der eigenen Einrichtung orientieren. Keineswegs muss das Konzept vollständig durch eigene (Lehr-)Angebote abgedeckt werden, wohl aber durch die Entfaltung eigener Aktivitäten, begleitet von Services.

4. Die Vermittlung von Informationskompetenz und Bereitstellung von Informationsservices bilden eine Einheit.
Wissensvermittlung zur Informationskompetenz und Service bilden eine Einheit. Wer Informationskompetenz erwirbt, muss auch in die Lage versetzt werden, seine/ihre Kompetenzen anzuwenden. Schulungen zu Literaturverwaltungsprogrammen bedingen, dass Katalogdaten in geeigneten Formaten angeboten werden, Schulungen zum Forschungsdatenmanagement bedingen eine technische Infrastruktur für Datenarchivierung und Rechtemanagement…

5. Die „Informationsflut“ ist keine Katastrophe sondern eine Bereicherung.
„Informationsflut“ (BID) wird primär als (Recherche-)Problem begriffen. Die Abschottung vom Informationsfluss, kann aber nicht im Sinne von Informationskompetenz sein. Wird Informationsvermeidung als integraler Bestandteil von Informationskompetenz begriffen, müssen wir uns nicht mehr mit dem Vokabular der Katastrophenbekämpfung gegen die Informationsflut stemmen und der gewaltige Informationsstrom erscheint als willkommene Ressource. Es geht dann bei der Informationskompetenz darum, Informationssuche, -aufnahme und -vermeidung so auszutarieren, dass sie nutzbringend für den eigenen Bedarf sind.

6. Eine zeitgemäße Vermittlung von Informationskompetenz geht über einzelne Techniken im Informationsprozess hinaus und hat die erfolgreiche Konfiguration der eigenen Informationsumwelt zum Ziel.
Wir brauchen bei der Vermittlung von Informationskompetenz einen Perspektivwechsel vom Informationsprozesses hin zur Informationsumwelt.

Wird Informationskompetenz bspw. neu definiert als die Fähigkeit, die eigene Informationsumwelt nach dem persönlichen Bedarf unter effizientem Ressourceneinsatz im Einklang mit informationsethischen Fragen zu konfigurieren, so eröffnen sich für Vermittlung von Informationskompetenz und Dienstleistungen/Services rund um dieses Thema neue und zeitgemäße Denkmöglichkeiten.

Verweise

[1] BID. 2011. Medien- und Informationskompetenz. http://www.bideutschland.de/download/file/Medien-%20und%20Informationskompetenz.pdf.
[2] Deutscher Bibliotheksverband (dbv). 2012. Die Hochschulbibliotheken und die Entwicklung der Informationsinfrastrukturen in Deutschland. Stellungnahme der Hochschulbibliotheken in der Sektion 4 des Deutschen Bibliotheksverbandes (dbv) zu den Empfehlungen der Kommission Zukunft der Informationsinfrastruktur (Gesamtkonzept der KII). http://www.bibliotheksverband.de/fileadmin/user_upload/Sektionen/sektion4/Publikationen/2012_05_30_Stellungnahme_HSB_zuKII_finale_Version.pdf. Accessed 30 July 2012.
[3] DFG Ausschuss für Wissenschaftliche Bibliotheken und Informationssysteme. 2012. Die digitale Transformation weiter gestalten. der Beitrag der Deutschen Forschungsgemeinschaft zu einer innovativen Informationsinfrastruktur für die Forschung. Positionspapier. http://www.dfg.de/download/pdf/foerderung/programme/lis/positionspapier_digitale_transformation.pdf.
[4] Kommission Zukunft der Informationsinfrastruktur. 2011. Gesamtkonzept für die Informationsinfrastruktur in Deutschland. Empfehlungen der Kommission Zukunft der Informationsinfrastruktur im Auftrag der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz des Bundes und der Länder. http://www.leibniz-gemeinschaft.de/download.php?fileid=555. Accessed 30 July 2012.
[5] SCONUL Working Group on Information Literacy. 2011. The SCONUL Seven Pillars of Information Literacy, Core Model for higher Education. http://www.sconul.ac.uk/groups/information_literacy/publications/coremodel.pdf. Accessed 18 October 2011.
[6] Wissenschaftsrat (WR). 2012. Empfehlungen zur Weiterentwicklung der wissenschaftlichen Informationsinfrastrukturen in Deutschland bis 2020. http://www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/2359-12.pdf.