LIBREAS.Library Ideas

In der Tiefe des Raumes…mitten im Netz. Bibliothekstopologische Überlegungen.

Posted in LIBREAS preprints by libreas on 18. Februar 2011

Wer einen Teil 1 anbietet, muss auch irgendwann wenigstens einen zweiten liefern. Das gilt selbstverständlich in gleicher Weise für die “Notizen zur Bibliothekswissenschaft”, die generell mehr als Ensemblestück geplant sind und als Reihe auch externen Beiträgern offen stehen. Nachdem also noch im Jahr 2010 Überlegungen zum Bewahren und eigentlich zu einer Bibliotheksnarratologie den Auftakt markierten, folgt heute ein kleiner, wenn man so will, bibliothekstopologischer Essay. Gegenstand sind und bleiben die Bibliothek und die Bibliothekswissenschaft unter der Einflussgröße des Digitalen. Ziel ist und bleibt ein Diskurs. Rückmeldungen, Anmerkungen und Anschlussgedanken sind demnach sehr willkommen.

Notizen zur Bibliothekswissenschaft. Teil 2: Bibliothekstopologische Überlegungen.

von Ben Kaden

 

„Die mit der Fernkommunikation beseitigte Räumlichkeit der „Topoi“ taucht also ausgerechnet im Cyberspace wieder auf, der vermeintlich den Sinn der Entfernung getilgt haben sollte.“ – Elena Esposito, 2002, S. 46

I.

Den Ball, den ich Oliver Obst in meiner letztwöchigen Betrachtung zum Internet als Bibliothek etwas versteckt zuspielte, nahm dieser wunderbarerweise in einem Kommentar im medinfo Weblog auf und eröffnete mir damit das Thema für meine bibliothekswissenschaftliche Kolumne dieser Woche: der Raum der Bibliothek und seine Transformation.

Die Richtung der Veränderung ist durch einen Prozess der Dematerialisierung (oder auch Immaterialisierung) bestimmt. Der Raum wird virtuell, also zu einem scheinbaren. Die Annäherung (ebenfalls ein Geschehen in einem virtuellen Raum, nämlich in dem des Diskurses) erfolgt jedoch aus ganz unterschiedlichen Winkeln. Oliver Obst argumentiert als Praktiker, der (angenommene und erfragte) Nutzererwartungen in realweltliche Angebote zur Informationsversorgung umwandeln muss. Ich betrachte das ganze mit einer dispositiv- und diskurstheoretischen Faszination, die ich zufälligen Lektüren wie dieser verdanke:

„Ganz persönlich lässt mir die Existenz von Diskursen keine Ruhe, die da sind, weil gesprochen worden ist; diese Ereignisse haben einst im Rahmen ihrer ursprünglichen Situation funktioniert; sie haben Spuren hinterlassen, bestehen weiter fort und üben durch dieses Fortbestehen innerhalb der Geschichte eine Reihe manifester oder verborgener Funktionen aus.“ (Michel Foucault, 2009, S. 35)

So formuliert Michel Foucault im Gespräch mit Raymond Bellour die reizvolle Basis eines Bezugsrahmens, die die Bibliothek irgendwo in einem Beziehungsgewebe aus Dispositiven, Diskursen und Spuren mit den Handlungsweisen Diskursvollzug, Spurensicherung und Spurenlesen verortbar macht. Jedenfalls gehe ich von einem solchen aus.

Lässt sich über die, wenn man so will, Diskursivschreibung des Bibliotheksraums (im Gegensatz zur An- und Ausführungsbezeichnung der „Bibliothek“) eine Apologie der Bibliothek als Raum erreichen? Ist es möglich, auf dieser Grundlage einer Bibliothekstopologie zu entwickeln, die vielleicht als Ergänzungsstück zur Bibliothekslogistik, die natürlich selbst immer auch eine raumordnende Komponente besitzt, verstanden werden kann?

Der Unterschied der Positionen liegt weniger in der Sache selbst, als in der Art, sich ihr anzunähern. Zunächst einmal sollten wir also eine möglicherweise wahrgenommene Opposition ausschließen, die sich als Nebenwirkung mit dem klobigen, aber doch passenden Begriff des Containers in den Dialog schlich. Die Anerkennung der Bedeutung des realen Bibliotheksraums meint keinesfalls die Ablehnung des virtuellen. Eher im Gegenteil. Ob physisch oder digital: Beide Raumformen sind Phänomene, zu denen eine neutrale Ausgangsposition nicht der schlechteste Startpunkt ist.

Von dieser sehen wir, dass ein Irrtum in der ab und an anzutreffenden Annahme liegt, dass wir den Raum verlieren, wenn wir digitalisieren. Eines der kurzen Zitate, die Oliver Obst in den Dialog setzt, zeigt deutlich, dass dem nicht so ist:

“The definition of the library will change as physical space is repurposed and virtual space expands.” (ACRL Research Planning and Review Committee. 2010 top ten trends in academic libraries: A review of the current literature. Coll Res Library News. 2010;71(6):286-92.)

Die Digitale Bibliothek bedeutet kein Verschwinden des Bibliotheksraumes, sondern führt ihn im Gegenteil zu einer virtuellen Totalität. Zudem semiotisiert sie ihn durch die Entfernung der physischen Merkmale. Der Raum der digitalen Bibliothek ist mehr denn je logotopisch. Nimmt man die Komponente der Zeit in ihren vielschichtigen Bezügen:

-          Zeitpunkt der Erzeugung eines Inhalts (Kreation)

-          Zeitpunkt der Aufnahme eines Inhalts in den Bestand (Registrierung)

-          Zeitpunkte des Abrufs eines Inhalts (Rezeptionen)

-          Zeitpunkte der Referenzierung eines Inhalts (Relationierungen)

-          Mitunter: Zeitpunkt des Ausscheidens eines Inhalts (Exklusionen)

-          Zeitliche Abstände zwischen den genannten Zeitpunkten

wird deutlich, dass die Bibliothek idealerweise auch chronotopisch gedacht werden muss. Die Digitale Bibliothek, die über automatisierte und präzise Mechanismen zur Markierung der Zeitpunkte und generell zur Chronographie verfügt, nähert sich dieser Vorstellung – und damit auch der die Freizügigkeit des Zugriffs flankierenden Überwachbarkeit der Nutzungen – weitaus stärker an, als es in analogen Bibliotheksräumen je realisierbar war. Insofern zeigt sich die Spiegelung des genuin literaturwissenschaftlichen Bild des Chronotopos wenigstens dann als interessante Denkfigur, wenn man bedenkt, dass der virtuelle Raum ähnlich dem literarischen über Codes und also Sprachen erzeugt wird. (Natürlich sind wir an dieser Stelle schon etwas weiter von Bachtins ursprünglichem Begriffszuschnitt entfernt.)

Der digitale Bibliotheksraum wird also in der Zeit über digital kommunizierte Zeichen abgesteckt, für jedes Nutzungsszenario individuell erzeugt und behält vom Physischen notwendig nur das Sediment der Kammer, in der der Server steht.

Was der Medienwissenschaftler Wolfgang Ernst in seinen Betrachtungen zum „Rumoren der Archiven“ schreibt, zeigt sich auch für die Transformation des Bibliotheksraumes stimmig:

„Die modernen Archive waren die längste Zeit architektonische Makrochips, auf Dauer angelegt und ausdauernd, Monumente der Dokumentation […]“ (S.41)

Der Raum der digitalen Bibliothek bricht die Einheit von Speichern und Übertragen, wie sie noch in den Freihandaufstellungen (auch ein Ernst‘scher „Makrochip“) zu finden ist und stellt die Übertragung über den Aspekt des Speicherns. Dieser wird aus der Wahrnehmung in ein digitales Magazin verbannt. Die digitale Bibliothek ist in dieser Hinsicht eine vollautomatisierte Magazinbibliothek: Die Bestände sind unsichtbar gelagert, werden aber auf Anfrage abgerufen und nutzbar gemacht. Das raumgestalterische Engagement kann sich ganz auf die Ausgestaltung der Bereiche der Übertragung und Nutzung konzentrieren.

Wir haben es meiner Auffassung nach mit einer Kombination der drei großen C: Community – Container – Content zu tun, die sich in einem vierten C, der Communication bündeln. „Container“ entspricht dem Übertragungsmedium. Da eine Übertragung immer räumlich gedacht wird und m.E. auch vorgestellt werden muss, müssen wir den Container „Bibliotheksraum“ selbst als Medium betrachten. Die Frage muss also besser lauten: Wie verändert sich das Medium Bibliothek?

Das Verständnis der Bibliothek selbst als medialen Apparat, also als Übertragungsinstanz, wird in digitalen Kontexten augenfällig (obwohl ich davon ausgehe, dass sie immer schon gegeben war): die Bibliothek ist genuin maßgeblicher Bestandteil der Geschichten gewesen, die in ihr verwahrt und durch sie vermittelt werden (ausführlicher dazu Ben Kaden, 2010). Inhalt und Träger müssen also zusammen gedacht werden, was die Frage danach aufwirft, wie eine Veränderung des Trägers für den Inhalt wirkt – bzw. auf den aus diesem Inhalt zu konstruierenden Sinn. Die Verwandlung des strukturell entropischen realweltlichen Bibliotheksraums in einen quasi neg-entropischen digitalen Cyberspace ist nicht folgenlos. Was die Bibliothekswissenschaft leisten muss, ist, diese Folgen in ihrer Qualität zu erschließen und zu beschreiben.

II.

In der Januarausgabe der Zeitschrift Information Wissenschaft & Praxis weist Rafael Capurro auf die Verschiebung von der Blumenberg’schen Leitmetapher einer „Lesbarkeit der Welt“ zu einer, nicht ganz so poetisch klingenden, „Mitteilungskompetenz“ bzw. „digitalen Informierbarkeit der Welt“ hin. Obschon ich gegenüber der allzu paradiesischen Vorstellung, dass wir mit digitalen Kommunikationsmöglichkeiten zu einer allumfassend literaten Internetgesellschaft werden, skeptisch (oder wenigstens skeptimistisch) bleibe, akzeptiere ich ohne zu zögern die strukturelle Tatsache einer Verschiebung der Möglichkeiten zur erweiterten öffentlich sichtbaren, genau dokumentierten und adressierbaren Kommunikation. Die prinzipielle Teilhabeschwelle sinkt und zwar auch in dem per se auf Rückkopplung ausgelegten Bereich der Wissenschaftskommunikation. Andererseits ist zu erwarten, dass neue Distinktionsformen aus dieser digitalen Kommunikationsgemeinschaft keine ideale, sondern eine sozial durchrubrizierte machen, die die feinen Unterschiede der physischen Welt reproduziert.

Der soziale Umgang mit Raum vollzieht sich auf der abstraktesten Ebene in einer Wechselwirkung aus Markierung und einem Anerkennen oder Angehen gegen diese Markierung. Man muss diesen Vorgang weder als fortwährenden Kampf noch – wie Michel Serres – als permanente Kontamination verstehen, sondern kann dazu ein mehr spielerisches Verhältnis entwickeln. Mit der Digitalisierung des Raumes entsteht die Möglichkeit, die Perspektive auf den Raum von einer am Konzept des Eigentums orientierten Verfügungsressource in einer performativen Entfaltungssphäre zu lenken. Eine physische Kontrolle des Cyberspace ist so gut wie unmöglich (Es sei denn, man schaltet den Strom ab.) Die Kontrollmöglichkeiten digitaler Räume beschränken sich auf die Überwachung von Codierungen. Das Potential digitaler Subversion liegt im permanenten Umcodieren (z.B. der Adressierungen, die die Grundlage der Mobilität bestimmter Webseiten sind). Andererseits sinkt mit diesen Verschiebungen unter Umständen die Chance auf Wahrnehmung. Das Gegenmittel der Kontrollinstanzen zur digitalen Subversion ist daher nicht die eigentliche Beherrschung des Geschehens, sondern die permanente Marginalisierung.

Insofern hat Rafael Capurro mit dem Konzept der „digitalen Informierbarkeit der Welt“ durchaus Recht, allerdings hinsichtlich der machtpolitischen Dimension mit einer anderen Konnotation: die richtige Mitteilung im richtigen Moment an der richtigen Stelle zu platzieren ist eine – vielleicht die einzige innerhalb der webdiskursiven Spielregeln – Möglichkeit der Kontrolle dieses diskursiven Raumes. Denn gerade weil jede Äußerung präsent werden kann, entwickelt sich eine neue Flüchtigkeit, die nicht dazu führt, dass etwas nicht mehr gelesen werden kann, weil es verschwindet, sondern dass etwas verschwindet, weil es nicht mehr gelesen wird.

Eine Qualität, die in jeder Überlegung zur digitalen Bibliothek mitschwingt, liegt in den neuen Verknappungen einer Größe, die man grob als „Aufmerksamkeit“ bezeichnen kann. So wie die menschliche Physis in ihrer Begrenztheit eine Einmaligkeit bedingt, nämlich die Befindlichkeit an nur einem Ort in nur einem Moment, so wird dieses Phänomen in der kognitiven Präsenz gespiegelt. Die Auffächerung der Anwesenheit gelingt auch unter digitalen Bedingungen nur geringfügig: Wir können dank kommunikativer Erweiterungen, zu denen übrigens auch die Technologie der Erzählung bzw. des Textes zählt, die kognitive Präsenz von der physischen ein Stück weit abspalten. Wir können im Kopf an einem anderen Ort als der Kopf selbst sein.

Digitale Räume adressieren bislang nahezu ausschließlich die kognitive Präsenz und da sie beliebig durchquert werden können, ermöglichen sie Aufmerksamkeitssprünge ohne jede bremsende materielle Trägheit. Wenn es um Konzentration geht, bleiben wir jedoch Monaden: schon allein rein sinnlich erweist sich Multitasking als eine Herausforderung, die bei sehr viel kognitivem Aufwand ziemlich kleine Verschiebungen verspricht. Eine halbwegs zeitgleich auf mehrere Phänomene gerichtete Wahrnehmung ist bestenfalls eine registrierende. Sobald wir anfangen, selbst zu schreiben, müssen wir – und sei es nur für die Dauer einer SMS – das akzeptierte Reizniveau absenken. Das, was gemeinhin als schätzenswerte Eigenschaft physischer Bibliotheksräume genannt wird, ist die räumliche Realisierung genau diese Absenkung: Sie wirken durch Ausschluss von Sinnesreizen und Handlungsoptionen konzentrierend.

Das zweite Zitat, das Oliver Obst zur Relativierung des Containers ins Spiel bringt, läuft von dieser Warte aus etwas ins Leere (allerdings fehlt mir auch die volle Kenntnis des Ursprungskontexts):

„Muss dieser „ideale“ Raum überhaupt etwas mit der Bibliothek/den Bibliothekaren zu tun haben („Stören wir da schon?“). Wenn jeder mit einer Smartcard rein kann, muss das nicht die “Bibliothek” sein. Auf die folgende Frage wusste keiner wirklich eine Antwort: „Wenn die Auskunft oder die Ausleihe wegfällt oder automatisiert wird, was definiert dann noch diesen Raum als Bibliothek?“ In diesen Zusammenhang denkt man an die Extinction Timeline, die für 2020 die Auslöschung bzw. das Unwichtigwerden von Bibliotheken vorsieht und für 2040 diejenige von kostenfreien öffentlichen Orten. (Oliver Obst: 2. Zukunftskolloquium der Zweigbibliothek Medizin der Universität Münster, 28./29. Juni 2010)

Denn die Umweltreiz senkende Eigenschaft des Bibliotheksraums erweist sich als eine passive Dienstleistung, die in den Diskussion zur Rolle der Bibliothek häufig übersehen wird. Hinter dem Zitat scheint jedenfalls eine eher eingegrenzte, funktionale und vielleicht auch verwaltungstechnisch gestaltete Sicht auf die Bibliothek am Werk, die vernachlässigt, dass es eine naheliegende Antwort gibt: Der Aspekt, der einen Raum als Bibliothek definiert, könnte die Klausur sein – die realräumlich angebotene Möglichkeit einer gewissen Harmonisierung von physischer und kognitiver Präsenz. Das mag kein Modell für jeden sein und nicht selten ging man genau dieses Bild aktiv an, da es eine disziplinierende Strenge enthält, die als unzeitgemäß erschien. Wenn man aber die Auslastung des Grimm-Zentrums betrachtet, ist es offensichtlich eine aktuelle Option für viele.

Der Lesesaal einer Bibliothek ist weder Ort des Speicherns noch der Auskunft noch der Ausleihe. Er ist der Ort der Übertragung und in gewisser Weise das physische Gegenstück zum Computer (auch wenn der Computer selbst wieder im Lesesaal stehen kann). Die Rezeption am Rechner erfolgt über den mittlerweile anteilmäßig immer größeren Teil eines Bildschirms, der Freihandregal und Buchseite gleichermaßen abbildet, aber eben selbst bei Touchscreen-Technologien von materiellen Zu-Werten umgeben ist, die die Rezeption dispositiv begleiten. Der Nutzungsbereich einer Bibliothek begleitet die Rezeption ebenso dispositiv. Nur in ganz anderer Weise.

III.

Rafael Capurro bedauert in seinem Interview die Regression der Informationswissenschaft auf eine „Information-Retrieval-Wissenschaft“, die eine Vielzahl von begleitenden Aspekten ausblendet. Er empfiehlt eine Neubestimmung:

„Man könnte sich für diese Neubestimmung auf die „médiologie“ von Régis Debray orientieren, die den Schwerpunkt auf die Materialität der Träger […] sowie die Vermittlungsinstitutionen legt. Ich meine aber auch, dass die Medienwissenschaft und das, was ich „Angeletik“ nenne, also eine empirische Wissenschaft, die sich mit den Boten und Botschaften auseinandersetzt, zum Kern dieser neuen Informationswissenschaft gehört.“ (Rafael Capurro, S.41)

Ich würde dies gleichlautend auf die Bibliothekswissenschaft übertragen, die m. E. aus ihrer Anlage heraus näher an konkreten sozialen Phänomenen operiert als die Informationswissenschaft. Die Vermittlungsinstitution in Gestalt der als Medium definierten Bibliothek zeigt sich dabei als ein aktualisierbarer Container, der nicht zwingend über das Submedium Buch bestimmt wird. Das Besondere dieses Containers ist seine Offenheit – sowohl für die Botschaften (den Content) wie auch die Boten (die Community). Insofern ist m. E. die Rolle des Containers innerhalb dieses Netzes von Wechselwirkungen nicht schwächer, sondern eher noch höher einzuschätzen.

Und schließlich gehören zu den Boten und Botschaften auch die Spuren, die sie hinterlassen, die man mit Serres als Das eigentliche Übel lesen kann oder neutraler einfach nur als Grundeigenschaft des Menschen. Die Bibliothek und ihr Raum selbst sind Spur, so wie jede Spur auch Container dessen ist, worauf sie verweist und jeder Bote Container seiner Botschaft. Die Notwendigkeit, die drei Cs zu trennen, wenn es darum geht, funktionale Entscheidungen zu treffen, leuchtet ein. Aber sie beruht immer auf einer Perspektivität und ist jeweils nur in einem gewissen Kontext gültig.

In einem anderen Zusammenhang könnten die Elemente, die hier als Container, Content und Community differenziert werden, problemlos ihre Rollen tauschen. Das führt nicht etwa in eine Beliebigkeit, sondern in eine Bestimmtheit, bei der man die Kategorien nicht mehr als generelle Festlegung, sondern als sich aus den Wechselwirkungen zwischen vier Instanzen ergebend betrachtet. Man kann hier auch von einer sich selbst regulierenden „kybernetischen Semantik“ sprechen. (vgl. Elena Esposito, 2002) Es ist ein Blick dazwischen: der des Beobachters auf diese Triade. Sind wir uns dessen bewusst, haben wir weitaus mehr Gestaltungsspielräume, als wenn wir alles auf die halb ironischen, halb harten Annahmen einer im Kern eher instabileren Extinction Timeline eines einzelnen Futuristen setzen. Die Dispositiv- und Diskurstheorie lehrt uns jedenfalls, dass die Dinge auch dann Fortbestehen, wenn wir sie nicht mehr sehen. Und dass wir irgendwie wahrscheinlich eine Archäologie erfinden, mit der wir sie wieder ausgraben.

Berlin, 17.02.2011

Referenzen

Capurro, Rafael; Treude, Linda (2011): Information, Zeichen Kompetenz. Fragen an Rafael Capurro zu aktuellen und grundsätzlichen Fragen der Informationswissenschaft. In: Information Wissenschaft & Praxis. (62) 1/2011. S. 37-42

Ernst, Wolfgang (2002) Das Rumoren der Archive. Ordnung aus Unordnung. Berlin: Merve

Esposito, Elena (2002): Virtualisierung und Divination. Formen der Räumlichkeit der Kommunikation. In: Rudolf Maresch; Niels Weber (2002): Raum-Wissen-Macht. Frankfurt am Main: Suhrkamp

Foucault, Michel (2009): Geometrie des Verfahrens. Schriften zur Methode. Frankfurt am Main: Suhrkamp

Kaden, Ben (2010): Notizen zur Bibliothekswissenschaft.Teil 1: Das Bewahren und seine Grenzen. In: LIBREAS-Weblog, http://libreas.wordpress.com/2010/12/28/notizen-zur-bibliothekswissenschaft-teil-1/

Obst, Oliver (2011): “Bibliothek” wird zunehmend in Anführungszeichen gesetzt. In: medinfo Weblog, 04.02.2011, http://medinfo.netbib.de/archives/2011/02/04/3869

Serres, Michel (2009) Das eigentliche Übel. Berlin: Merve

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  2. [...] Steilvorlage, um den dritten Teil meiner Notizen zur Bibliothekswissenschaft nachzulegen. (Teil 1, Teil 2) In diesem ziehe ich einige Schleifen um das Schleifen der Geisteswissenschaften, dass ja gerade in [...]


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