LIBREAS.Library Ideas

Wikipedia für Menschen, die noch nie einen Computer gesehen haben

Posted in LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 11. Februar 2011

Rezension zu: Stöcklin, Nando / Wikipedia clever nutzen – in Schule und Beruf. Zürich: orell füssli Verlag, 2010. – 149 S.

Es gibt im pädagogischen Bereich die Tradition, zu allen möglichen pädagogischen und didaktischen Werkzeugen und Ansätzen sehr kurz gefasste, einfache geschriebene und praxisorientierte Einleitungen zu publizieren. Insbesondere für Lehrerinnen und Lehrer erscheinen zahllose Reihen solcher Bücher. Einige dieser Bücher sind gute, kurz gefasste Einführungen in komplexe Zusammenhänge, die vor allem für die pädagogische Praxis sinnvolle Hinweise geben; die meisten dieser Bücher sind allerdings schlecht. Doch offenbar besteht auch für sie ein Bedarf, ansonsten würden sie nicht in so großer Zahl produziert werden. Aber ist das auch sinnvoll? Das kann zumindest aus dem bibliothekarischen Fokus der LIBREAS nicht so schnell beantwortet werden. Wenn sich allerdings eines dieser Bücher mit einem bibliotheks-nahen Thema beschäftigt, im Text sogar mehrfach auf Bibliotheken verwiesen wird, kann man es zumindest einmal für dieses Werk versuchen.
Und nein: das Buch von Nando Stöcklin, in welchem die Verwendung von Wikipedia vor allem, aber nicht nur, für den Schulalltag beschrieben wird, war nicht notwendig. Die Haupterkenntnis des Buches lässt sich auch in drei Zeilen zusammenfassen: Wikipedia wird kollaborativ fortentwickelt, jede Information sollte noch einmal überprüft werden, bevor sie übernommen wird. Außerdem kann man in der Wikipedia verschiedene Suchzugänge nutzen. Vielleicht wäre ein solches Buch im Jahr 2005 sinnvoll gewesen, aber nicht mehr 2010 / 2011.
Der gesamte Inhalt des Buches ist so banal, wie man es von solchen Titeln wohl erwarten kann: Eine kurze Geschichte der Enzyklopädien (ohne den gesellschaftspolitischen Impetus der Enzyklopädisten auch nur zu erwähnen), anschließend eine kurze Geschichte vom Wachstum der Wikipedia (in der nicht im Geringsten auf die aktuellen Debatten innerhalb der Wikipedia-Community über die Frage: Qualität oder Wachstum? eingegangen wird). Hernach wird all das über die Wikipedia herunter gebetet, was man in Spiegel- und Zeit-Artikeln über die Enzyklopädie lesen kann: die Wikipedia ist groß, sie ist aktuell, sie ist demokratisch. Das ist schon hundert Mal erzählt worden, manchmal sogar besser. Wer es bis jetzt nicht weiß, wird es auch nicht mehr wissen wollen.
Im Rest des Buches geht Stöcklin die möglichen Verwendungsformen der Wikipedia durch und will Hinweise zur vorsichtigen Benutzung geben. Er lässt keinen Zweifel daran, dass er der Wikipedia positiv gegenübersteht und argumentiert zudem, dass sie im Alltag der Schülerinnen und Schüler integriert ist. Persönlich sieht er deshalb auch die Notwendigkeit, mit der Wikipedia im Unterricht positiv umzugehen. Es wird nicht klar, warum das noch einmal dargelegt werden musste. Wirklich neue Hinweise für die Verwendung der Wikipedia im Unterricht, welche dieses Buch vielleicht sinnvoll gemacht hätten, werden nicht gegeben. Es scheint, als wäre die reale pädagogische Praxis in den Schulen den Vorstellungen des Autors um Jahrzehnte voraus.
Schließlich will Stöcklin Hinweise darauf geben, wie die Informationen in der Wikipedia bewertet werden sollten. Das sind Stellen, an denen man sich oft unwillkürlich fragt, für wie ahnungslos der Autor seine Leserinnen und Leser eigentlich hält. Warum erklärt er beispielsweise mehrfach, dass die Artikel in der Wikipedia Diskussionsseiten haben? Warum muss er beständig erwähnen, dass manche Artikel oft gelesen und editiert werden und andere nicht?

Coverbild von "Wikipedia clever nutzen - in Schule und Beruf" von Nando Stöcklin
[Wikipedia. Doch nicht mehr als ein besseres Lexikon?]

Stöcklin beschäftigt sich, so gibt er selber an, seit Jahren mit der Wikipedia. Man sollte also erwarten können, dass der Autor mehr Wissen über die Möglichkeiten aber auch die tatsächlichen Probleme der Wikipedia gesammelt hat. Dies hätte sich in seinem Buch widerspiegeln sollen. Es ist aber nirgends sichtbar. Insbesondere werden Probleme der Wikipedia, die über die Frage der Vertrauenswürdigkeit von Informationen hinausgehen, nirgends angesprochen, so als wäre das Projekt eine nahezu heile Welt. (Was bekanntlich nicht stimmt.)

Es gibt seit Jahren eine fortschreitende Forschung zur Wikipedia, zur kollaborativen Wissensproduktion und den sozialen Effekten des Web 2.0. Diese Forschung trägt dazu bei, zu verstehen, was sich mit diesem Lexikon eigentlich alles in der Welt geändert hat. Stöcklin hätte mit seinem Buch die Chance gehabt, diese Forschung inhaltlich zu durchschreiten und deren für die pädagogische und berufliche Praxis sinnvollen Ergebnisse darzustellen. Warum aber werden dann die Forschungen zu kollaborativen Arbeitsweisen im Klassenraum nicht einmal erwähnt? Warum fällt nicht ein einziges Wort über die an heutigen Schulen tatsächlich genutzten pädagogischen Formen? Bei Stöcklin erscheint Schule immer noch als Einrichtung, in der Lehrerinnen und Lehrer einfach Anweisungen geben und erwarten, dass sie umgesetzt werden. Das ist falsch, es reduziert die Wikipedia aber auch darauf, Werkzeug für das Erfüllen einfacher Rechercheaufträge zu sein. Und wieso wird nicht ein einziges Mal auf all die Projekte im Bildungsbereich eingegangen, die versuchten, die Technologie Wiki als Instrument für die Lehre einzusetzen? Sicherlich: Die meisten von ihnen scheiterten, aber Stöcklin erwähnt sie noch nicht einmal. Wieso beschränkt sich der Autor eigentlich darauf, hinzuweisen, dass Schülerinnen und Schüler mit der Wikipedia mehr Zugang zu Informationen hätten, anstatt die viel interessantere Frage zu stellen, was das – außer etwas elaborierter Unterrichtsaufträge – eigentlich für den Unterricht, die Lern- und Arbeitsweisen der Lernenden sowie deren Freizeit- und Alltagsgestaltung bedeutet? Die gleichen Fragen lassen sich für den – im Titel des Buches ja angesprochenen – Berufsbereich beziehen: Warum gibt es keine Aussagen darüber, wie die kollaborative Arbeit, die nicht nur, aber auch durch die Wikipedia popularisiert wurde, den Berufsalltag verändert hat?
Glaubt Stöcklin ernsthaft, es ginge nur um ein paar mehr Informationen, wenn er über die Wikipedia redet? Insbesondere, wenn man in den letzten Monaten mitvollzogen hat, wie sehr sich Julian Assagne, Daniel Domscheit-Berg und andere in den Debatten um Wikileaks auf die gesellschaftliche Bedeutung von Informationen referierten, ist es erstaunlich, wie wenig sich Nando Stöcklin überhaupt dazu äußert, warum, wie und wozu die Wikipedia und die Masse an Informationen, die in ihr zur Verfügung stehen, eigentlich da sein und sinnvoll genutzt werden soll. Sicherlich ist es das Recht des Autors zu bestimmen, für welche Zielgruppe und mit welchem Anspruch ein Buch geschrieben wird. Stöcklin hätte sich entscheiden können. Diesem Buch aber fehlt jede gesellschaftliche Ebene, jeder Bezug zur aktuellen Forschung in all den Bereichen, auf die sich der Autor hätte stützen können, zusätzlich dazu, dass die Publikation kaum neue Gedanken enthält, zum Beispiel dazu, wie man die Wikipedia nun in „Schule und Beruf clever nutzen“ könnte, und zudem in einer manchmal schon beleidigend einfachen Sprache geschrieben ist. Es scheint fast, als gäbe es gar keine Zielgruppe, für die das Buch sinnvoll sein könnte und als gäbe es leider auch keinen tatsächlichen Anspruch, den es erfüllt.

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