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Die Erklärung von Stavanger mit einem Schwenk zum Open Access. Serviert in der FAZ.

Posted in LIBREAS.Debatte by Ben on 13. Februar 2019

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

Screenshot FAZ 13.02.2019

Screenshot FAZ 13.02.2019 / Screen oder Zeitung? In den pressevertriebsstrukturschwachen Regionen auch Berlins ist das keine Frage. Allein deshalb sollte die FAZ die Digitalisierung umarmen und in der Vertriebspraxis tut sie das auch. Thomas Thiel hat dennoch seine Zweifel und sieht sie nach Stavanger bestätigt.

Die Frage „Buch oder Bildschirm?“, also auf welcher Medienoberfläche sich besser lesen lässt, treibt die Welt faszinierenderweise auch 2019 um – zum Beispiel im „Forschung und Lehre“-Teil der FAZ vom 13.02.2019. Der Anlass für Thomas Thiel (hier als tth) besteht in der so genannten Stavanger-Erklärung („E-READ“, weiter Informationen) zur Lesekompetenz. Deren Haupteinsicht lautet in etwa, dass das Lektüreziel die Wahl des Lektüremediums bestimmt und Gedrucktes besser für ein Tiefenverständnis funktioniert. Der FAZ-Redakteur versucht nun zu beleuchten, was die nicht gerade überraschende, nun aber empirisch nochmals verifizierte Erkenntnis, dass Papier nach wie vor Relevanz und Wert in der Rezeptionskultur besitzt und vermutlich behalten wird, für die Digitalisierungsstrategien in der Wissenschaft bedeutet. Dass die Textpraxis der wissenschaftlichen Kommunikation kein Gegenstand der Stavanger-Perspektive selbst war, spielt dabei offenbar keine Rolle. Für die Lehre sind die Einsichten fraglos hochrelevant und Erfahrungen aus der Lehrpraxis zeigen, dass die Frage wie viel und wie komplex Text für Studierende sein sollte, jede Semesterplanung maßgeblich prägt. Neu ist diese Frage freilich ebenfalls nicht.

Die Debatte steht selbstverständlich bereits deshalb in der FAZ auf der richtigen Seite, weil hier traditionell intensiv um (sehr oft: gegen) Open Access einerseits und andererseits konkret auch gern, beispielsweise, gegen die bevorzugte Bereitstellung digitaler Ausgaben im Lesesaal der Deutschen Nationalbibliothek gestritten wird. Die aktuelle und wenig überraschende Einsicht der E-READ-Forschung liefert entsprechend eine schöne Steilvorlage. Laut dem HRK-Präsidenten Peter-André Alt wird die Vermittlung von Informationskompetenz auch wieder aktuell: Schüler*innen und Studierenden gilt es eine „Urteilsfähigkeit“ zur richtigen Entscheidung zu vermitteln, ob „Buch, Smartphone oder Tablet“ die jeweils optimale Form der Textanzeige darstellen. Das Hochschulforum Digitalisierung plädiert ähnliche für „die richtige Balance beim Einsatz von Computermedien in der Bildung“, die jeweils pädagogisch geboten sein muss. Beides lässt sich direkt unter dem Stichwort „Medienkompetenz“ abheften, ein Thema, dass Bibliotheken auch schon eine Weile heftig umtreibt und Schulen hoffentlich ebenso.

Für Robert-Jan Smits, Open-Access-Beauftragten der Europäischen Kommission, zeichnet sich dagegen, laut Thomas Thiel, eher das Problem der Gewöhnung ab und damit die Annahme, es würde früher, vielleicht später doch dazu kommen, dass das Textverständnis qua Bildschirm ähnlich gut funktioniert wie eines vom Blatt. Die Quelle dieser Aussage habe ich ad hoc nicht finden können. Ich gehe aber davon aus, dass der Qualitätsjournalismus korrekt arbeitet und Smits wirklich davon ausgeht. Thomas Thiel jedenfalls kommt so eine Position als Reibungsfläche durchaus gelegen. Er stimmt erwartungsgemäß nicht zu, sondern polemisiert:

„Das widerspricht zwar den Ergebnissen der Wissenschaftler, denen zufolge auch die digital sozialisierte Generation lange Texte auf Papier besser versteht. Aber Smits‘ Open-Access-Agenda hat sich vom Papier nun einmal lebhaft verabschiedet.“

Dass das Thema Open Access im E-READ-Kontext und besonders auch in dem Erklärung überhaupt keine Rolle spielt, darf dabei gern übersehen werden, denn auch wenn es um Roland Reuß und Uwe Jochum etwas stiller bzw. obskurer wurde, bleibt das Gespenst des OA ja offenbar präsent.

Gerade deshalb jedoch überrascht, dass in Redaktion der FAZ offenbar auch nach jahrelanger und hochintensiver Auseinandersetzung mit dem Thema nicht durchdringen konnte, dass Open Access nur eine Vertriebsform für wissenschaftliche Publikationen darstellt und keinesfalls einen Zwang zur Ausgabeform. Will man die „Open-Access-Agenda“ bekämpfen, dann doch bitte wirklich mit angemessener Schärfe und Präzision. Hier wird dagegen das Anliegen konterkariert. Denn genaugenommen werden die Texte in nahezu allen Open-Access-Publikationen sogar ausdrücklich als Druckvorlagen, nämlich im PDF-Format, gestreut. Sie lassen sich entsprechend ideal auf jede Papiersorte der Wahl ausdrucken, was für viele Wissenschaftler*innen deutliche Vorteile im Vergleich zum sonst erforderlichen Gang zum Zeitschriftenregal in der nicht immer nahe Bibliothek und dann dort zum Kopierer bietet. Wäre das Format offener, ließen sich sogar Schriftarten und -größen anpassen und individuelle Formatierungsvorlieben zum Zweck einer besseren Lesbarkeit berücksichtigen. Eine leser*innenfreundlichere Druckkultur ist kaum vorstellbar.

Das PDF bleibt freilich streng in der Tradition des klassischen Publikationswesens, bei dem die Leser*innen mit dem Vorlieb nehmen, was ihnen buchstäblich vorgesetzt wird. Und das ist auch in Ordnung, da bewährt. Kurios erscheint allein, wenn man ausgerechnet an dieser Stelle die große mediale Spaltung aufziehen sehen möchte und anscheinend nicht merkt, dass das daraus abgeleitete Pro-Print-Argument so gar keine große Laufweite aufweist, da die eingeforderte „kompetente Wahl“ zwischen Papier und Bildschirm tatsächlich gerade erst durch digitales Publizieren ermöglicht wird.

Dass dann noch mit erstaunlicher Winkelhakelei ein „gewaltiger Strom- und Wartungsaufwand für digitale Produkte“ eingeführt wird, sollte man vielleicht besser ignorieren. Denn die größten E-Book-Fanatiker haben einst ja mit derselben Kelle des Ressourcenverbrauchs der Printkultur und dem Flächenfraß der Regale für ein E-Only gefochten und alle, die doch noch Papier aufstellen wollten, zu verantwortungslosen Messis erklärt. Wollte man das System des wissenschaftlichen Publizierens wirklich in einer grünere Richtung lenken, dann wäre es vielleicht angebrachter, die von der Wissenschaft emittierte Publikationsmenge an sich zu adressieren.

Wo Thomas Thiel Recht hat: „Digitalisierung ist keine Naturgewalt.“ Sondern etwas, was es zu gestalten gilt. Allerdings sind die in der aktuellen Debatte wieder einmal herausgeholten Pro-und-Kontra-Abwägungen so sehr aus den Setzkästen der Debatten um circa 1995, um circa 2005, um circa 2015, dass man fast resigniert – und zwar nach allen Seiten – den Kopf schütteln möchte, angesichts der Tatsache, dass wir erneut über an die Form der Druckseite gebundene, linear strukturierte Textnarrative streiten sollen. Selbstverständlich darf jede Generation ihre Räder und Holperstellen selbst entdecken und Debatten wiederholen als hätte es zuvor nie eine gegeben. Aber das trifft gerade auf die FAZ und auch auf Thomas Thiel nicht zu. Beiden reichte der Gang in die eigene Publikationsgeschichte, um nachzuschmecken, wie abgestanden die Prämissen dieser Diskussionen eigentlich schon sind.

Nun kann und sollte man gegen eine forciert datenorientierte und werkzeugbasierte Forschung gerade in den Geisteswissenschaften durchaus Gründe vorbringen, Man mag sich gegen die MOOC- und andere Digitalitätsphänomene in der Lehre berechtigt sehr sehr kritisch positionieren. Man darf durchaus blinde Innovationsfixierung und folgsamen Digital-„Evangelismus“ in der Hochschulplanung geißeln. Und die Prämissen der unterreflektierten Melange aus Exzellenzsehnsucht und der kurzsichtigen Lust am Sparen und Kürzen in Forschung und Lehre zu hinterfragen, wäre das ausnahms- und bedauerlicherweise ein immer frisches Dauerthema für den Hochschuljournalismus. Denn ob sie Texte digital oder gedruckt lesen ist für viele Studierende und ihre Kompetenzentwicklung deutlich weniger bedeutsam als die Frage, ob sie einen Sitz-, Steh- oder gar keinen Platz im Seminarraum finden. Oder der tägliche Kampf um einen Arbeitstisch in der Bibliothek, um im eigenen Haus zu bleiben.

Diese deutschen, vielleicht auch nur berliner Alltagskümmernisse treibt die Stavanger-Erklärung naturgemäß nicht um. Aber auch zur grundsätzlichen Digitalkritik in FAZ’scher Fasson taugt sie nur gering und der Bezug zum in welcher Farbe auch immer schillernden PDF-basierten Open Access wirkt an dieser Stelle notwendig ins Leere gesetzt. Denn er hat genaugenommen mit dem zukunftsgerichteten Tasten Richtung digitale Wissenschaft und wissenschaftliche Kommunikation so gut wie nichts zu tun. Da werden eher dynamische Visualisierungen, offene Dokumente, datafizierte und erweiterte (so genannten enhanced) Publikationsformen spürbar. Man fühlt eine wirkliche Durchdringung unterschiedlicher Medialitäten und einen Faden eher weg von langen Textformen, möglicherweise hin zu modulareren Arten der Textdarstellung. Und natürlich sehr viel Hypertextgewebe und Lese- und Analyseprozesse, die ganz ohne das menschliche Auge ablaufen..

Dass es neben der gegenwärtigen und kommenden digitalen Kommunikations- und Medienkultur gute Gründe gibt, dauerhaft ganz klassische Text- und Textvermittlungsformen zu tradieren und zu elaborieren, steht außer Frage. Das Medium Buch und das Phänomen langer, sorgfältig formulierter und lektorierter Texte sind essentielle Basiselemente von Kultur. An bestimmten Punkten lassen sich durch digitale Möglichkeiten vor- und aufbereitende Schritte sowie Gestaltungs- und Ausgabeformen optimieren. Aber an sich scheint das Konzept Buch in den Bereichen, in denen es funktioniert, nahezu unverwüstlich und alternativlos. Müssen wir das regelmäßig betonen? Vielleicht. Jetzt jedoch wieder auf diese Ur-Debatte des Entweder-Oder zurückzustolpern erscheint ein bisschen so, als bräuchten wie noch ein Pro und Contra in Bezug auf elektrisches Licht oder eine flächendeckende Internetversorgung. Wir brauchen es nicht. Stavanger-Erklärung und die Lebenswirklichkeit sagen unmissverständlich – wenn man auf der platten Oberfläche der Schlagzeile bleiben will – : Buch UND Bildschirm. Buch oder Bildschirm? dagegen ist eine Frage, die 2019 eigentlich nur noch in einer diskursanalytischen Rückschau auf die konzeptionell unsicheren Zeiten der Frühphase digitaler Kommunikationsformen ihren Platz haben sollte. Allein, dass so etwas wie Print-on-Demand existiert oder dass Thomas Thiels Artikel per E-Paper verfügbar ist, hat sie nämlich längst eindeutig beantwortet.

(Berlin, 13.02.2019)

tth: Buch oder Bildschirm? Wie Wissenschaft auf die Stavanger-Erklärung reagiert. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.02.2019, S. N4

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