LIBREAS.Library Ideas

Eine wichtige Geschichte zu jahrhunderte-alten Manuskripten in Afrika, leider nicht angemessen erzählt

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 4. April 2018

Karsten Schuldt

Zu: Joshua Hammer (2016). The Bad-Ass Librarians of Timbuktu: and their race to save the world’s most precious manuscripts. New York, London, Toronto, Syndey, New Delhi: Simon & Schuster 2016

 

Der Titel „The Bad-Ass Librarians of Timbuktu“ empfiehlt dieses Buch einer Besprechung hier im Blog. Es ist eher verwunderlich, dass es offenbar im deutsch-sprachigen Bibliothekswesen noch nicht thematisiert wurde. Die englisch-sprachigen Rezensionen, sowohl in Zeitschriften als auch in anderen Portalen (goodreads etc.) sind allerdings durchwachsen. Immer wieder wird in ihnen betont, dass das Buch von der eigentlichen Geschichte aus dem Titel abweicht in die Darstellung politischer und militärischer Vorgänge. Und leider: Sie haben ganz Recht.

 

Die Hauptgeschichte: Manuskripte aus Jahrhunderten, mehrfach gerettet

Die Hauptgeschichte alleine ist erstaunlich und verdient es, mehrfach erzählt zu werden. Kurz: Für Jahrhunderte war Timbuktu (heute in Mali) das Zentrum intellektueller und künstlerischen Produktion. Ein erster Höhepunkt waren das 15. und 16. Jahrhundert. Während dieser Zeiten wurden in Timbuktu zahllose Manuskripte hergestellt, sowohl durch Kopisten als auch direkt als Produkte der lebendigen intellektuellen Arbeit. Dabei wurden in der Stadt und den Reichen, denen sie zugehörte, vor allem liberale religiöse und gesellschaftliche Traditionen gepflegt, wenn auch immer wieder mit gegenteiligen politischen Bewegungen (Dschihadismus, Antisemitismus).

Dschihadistische Bewegungen und die französische Kolonialherrschaft beendeten die Geschichte des intellektueller Zentrums Timbuktu. Die Produktion der Manuskripte wurde praktisch eingestellt, aber sie selber verschwanden nicht einfach, sondern wurden bei Familien verwahrt, teilweise versteckt, teilweise aber auch als Unterrichtsmaterial für informelle Bildungsgänge genutzt, die über Jahrhunderte in Wohnhäusern angeboten wurden. Die Manuskripte blieben oft über Jahrhunderte im Familienbesitz. Und während die rassistische Geschichtsschreibung Europas des 19. Jahrhunderts ganz Afrika als einen geschichtslosen Ort darstellte, welcher erst durch die weitläufige Kolonisation aus einem „wilden Zustand“ in die Menschheitsgeschichte integriert würde, lagen in Timbuktu Beweise für das Gegenteil.

Erst nach der Unabhängigkeit Malis (1960) begann man langsam – im Institut des hautes études et de recherches islamiques Ahmed Baba, gegründet 1973 – diese Manuskripte wieder öffentlich zugänglich zu machen. Eigentlichen Aufschwung nahm dies erst ab 1984, als der eigentliche Held des Buches, Abdel Kader Haidara, begann, für dieses Zentrum zu arbeiten, in ganz Mail nach Manuskripten recherchierte und sie nach Timbuktu brachte. Nach einigen Jahren dieser Arbeit versuchte er für die Sammlung seiner eigenen Familie, die zu beaufsichtigen er von seinem Vater bestimmt wurde, eine eigene Bibliothek zu gründen. Dies gelang erst durch die Intervention von Henry Louis Gates, der in den Manuskripten ein Beispiel für afrikanische Geschichte sah, die bekannt werden müsste. Haidara begründete nicht nur seine eigene Bibliothek, sondern initiierte weitere, öffentlich zugängliche Bibliotheken, die von „grossen Familien“ in Timbuktu eingerichtet wurden, um ihre Sammlungen zu zeigen. 2012, zu seinem (bisherigen) Höhepunkt, umfasste dieses Netzwerk in Timbuktu 45 Bibliotheken mit 377.000 Manuskripten. Bis 2012 sicherten Haidara und andere Millionen Dollar von verschiedenen Stiftungen und Regierungen (mit den denkbaren Problemen, die auftreten, wenn Gelder aus Südafrika, dem Nahen Osten, Europa, den USA, aber auch Gaddafis Libyen fliessen), um die Bibliotheken aufzubauen, Manuskripte zu sammeln und zu beginnen, diese zu sichern, zu restaurieren und zu digitalisieren. Haidara und andere erlernten zum Beispiel extra das Restaurieren und Digitalisieren solcher Manuskripte. Das alleine wäre schon eine erstaunliche Geschichte, ist aber nur der erste Teil.

Der zweite Teil begann mit dem weitgehenden Zusammenbruch Malis, als 2012 Tuareg-Rebellen und islamistische Milizen (al-Qaida im Maghreb, Ansar Dine und Bewegung für Einheit und Dschihad in Westafrika) gemeinsam weite Teile der Landes unter ihre Kontrolle brachten, inklusive Timbuktus. Innerhalb dieser Koalition setzten sich die islamistischen Milizen durch und etablierten für einige Monate ein von ihnen kontrolliertes Gebiet. Erst ein von Frankreich geführter Militäreinsatz beendete diese Situation.

Die Manuskripte waren in dieser Zeit bedroht, da sie zum Beispiel mit ihren Auslegungen des Islam dem Verständnis der Islamisten widersprachen und gleichzeitig als Objekte galten, an deren Erhalt „der Westen“ ein grosses Interesse hätte – sonst wäre nicht so viel Geld geflossen – und die entweder zerstört werden könnten, um den Westen zu erzürnen oder aber als „Geiseln“ genutzt werden könnten. In einer grossen Aktion gelang es dem Netzwerk von Bibliotheken, wieder unter der Federführung von Haidara, die Manuskripte zuerst zu verstecken, anschliessend aus Timbuktu herauszuschmuggeln – dies, obwohl nur Nachts und dann, wegen Ausgangssperre auch nur zwei Stunden lang, gearbeitet wurde; vorbei an islamistischen Strassensperren, an Strassensperren des malischen Militärs und später auch des französischen – und nach Bamako (Malis Hauptstadt, gehalten vom malischen Militär) zu bringen. Und zwar alle, bis auf die, welche im oben genannten Zentrum ausgestellt oder zur Digitalisierung vorbereitet wurden, als der Aufstand begann. Diese wurden von al-Qaida im Maghreb, welche das Zentrum als Hauptquartier genutzt hatte, vor ihrem Rückzug allesamt verbrannt (nicht aber die viel grössere Anzahl Manuskripte, die im Keller lagerten). Dieser Teil der Geschichte ist noch erstaunlicher.

Heute hat das Zentrum und andere Bibliotheken wieder ihre Arbeit aufgenommen, aber es geht offenbar weiterhin um Wiederaufbau und Sicherung der Manuskripte.

 

Kritik: Eine journalistische Erzählung

Das Buch schildert all dies, aber der gewählte Stil ist wenig hilfreich. Der Autor ist Journalist und so liest sich das Buch: als möglichst spannend erzählte Reportage. Abgesehen davon, dass die Geschichte auch so spannend genug wäre, führt das zum Beispiel dazu, dass ständig Leute in direkter Rede zitiert werden, so als wäre der Autor bei Situationen dabei gewesen (bei denen er nicht dabei gewesen sein kann). Es gibt zahlreiche Schilderungen von Landschaft, Gebäuden, Kämpfen, die zur Geschichte selber wenig beitragen, aber Hintergrundrauschen liefern. Allerdings viel zu viel, dafür eigentlich immer zu wenig über die Manuskripte und die Arbeit der Librarians.

Das die Geschichte Kontext braucht, besonders wenn sie schon Buchlänge haben darf, ist verständlich. Aber der gelieferte Kontext ist viel zu umfangreich. Immer wieder verschwinden die Manuskripte und die Bibliotheken selber aus dem Text, kommen ganze Kapitel über nicht vor. Dafür hat der Autor eine irritierende Nähe zum US-amerikanischen und französischen Militär, berichtet deshalb quasi live von den Kämpfen, davon, wie die französische Armee ihre Soldatinnen und Soldaten verpflegt hat, wie sie den Einsatz in Mali geplant hat, wie bestimmte Kämpfe abliefen und so weiter. Wir erfahren, was der Militärbeauftragte der US-Army für das südliche Afrika und die neue US-Botschafterin voneinander dachten, als sie sich das erste Mal traffen. Wir erfahren auch vom Vorgehen der Islamisten, von ihren Taktiken, Gewalttaten, Strafen oder auch von den Absprachen zwischen ihnen und den Tuareg-Rebellen. Von all dem aber erfahren wir von all demviel zu viel, wenn es eigentlich um die Bad-Ass Librarians gehen soll. Teilweise scheint es, als hätte der Autor zwei Bücher schreiben wollen, aber am Ende nur eines produzieren dürfen.

Der Autor hat eine Meistererzählung vom Aufstieg Timbuktus als Beispiel eines liberalen Islam (wobei liberal selbstverständlich ein Anachronismus ist, Europa war damals erst dabei, die Neuzeit zu erfinden, der Liberalismus selber brauchte noch einige Jahrhunderte), Abstieg insbesondere durch den französischen Kolonialismus, dann Wiederaufstieg und die Hoffnung auf ein modernes, offenes Mali ab den 1990ern, dann neuer Zusammenbruch und jetzt Wiederaufbau. Die Manuskripte und Bibliotheken spielen in dieser Erzählung nur eine (allerdings wichtige) Rolle. Und das lenkt immer wieder ab.

Erstaunlich ist auch, dass dieses Buch, in dem es so viel um Manuskripte geht, vollkommen ohne Bild auskommt. Nur auf der hinteren inneren Umschlagseite findet sich das Bild eines Manuskripts. Das Buch macht leider den Eindruck, schnell und billig produziert worden zu sein (einige Rezensionen benennen weitere kleine Fehler, die die Mastererzählung nicht ändern, aber doch ärgerlich sind.) Es gibt, falls dies interessiert, mehrere Aufzeichnungen von Vorträgen des Autors, in denen er solche Bilder zeigt (zum Beispiel hier bei den US National Archives https://www.youtube.com/watch?v=E_DbmVMgfqM, ab Minute 11:42). Dafür ist das Buch aber auch sehr leicht zu lesen, hier merkt man den journalistischen Hintergrund des Autors.

 

Grundsätzlich ist die Geschichte der Bad-Ass Librarians aber spannender als das Buch selber.

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CfP LIBREAS. Library Ideas #33: Ortstermin. Reportagen aus der tatsächlichen Bibliotheksarbeit

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS Call for Papers by Karsten Schuldt on 4. Oktober 2017

Die bibliothekarische Literatur hat einen erstaunlichen Bias: Der Alltag, also das, was in Bibliotheken Tag für Tag, Woche für Woche gemacht wird, kommt in ihr kaum vor. Neue Projekte, innovative Veranstaltungen, erstaunliche Bauten finden immer wieder Platz in den bibliothekarischen Zeitschriften, Überlegungen zur Zukunft der Bibliotheken und Medien erst Recht; aber das, was nicht sofort als innovativ, verändernd oder erstaunlich beschrieben werden kann, ist in der Literatur fast unsichtbar. Dabei ist es diese alltägliche Arbeit, die überhaupt erst die Basis für alle neuen Projekte bietet; es ist auch diese Arbeit, die von den Nutzerinnen und Nutzern wahrgenommen wird. Zu vermuten ist, dass sie die Bibliotheken vor allem wegen diesem alltäglichen Funktionieren als Institution, als Raum, als Idee besuchen – und nur zu einem kleinen Teil wegen der so oft beschriebenen Innovationen. (Und selbst diese Innovationen werden schnell zum Alltag, wenn sie funktionieren.) Auch das Personal in den Bibliotheken ist vor allem mit dem Alltag befasst. Nur eben die bibliothekarische Literatur (und bibliothekswissenschaftliche Forschung) selten.

 

Ein Grund dafür ist selbstverständlich, dass das Neue, Innovative, Verändernde oft erst einmal interessanter klingt und dadurch für die Publikation geeigneter. Aber der Alltag ist eher das, was interessant ist, wenn man verstehen will, warum Bibliotheken funktionieren, wie sie funktionieren, warum sie bestimmte Entscheidungen treffen, warum sie so beliebt sind bei einer doch erstaunlich großen Anzahl von Menschen. Mit dem Fokus auf Innovationen und Veränderungen entsteht oft der Eindruck, der bisherige Alltag wäre rückständig, mitunter falsch und vor allem zu überwinden. Während es auch nicht richtig wäre, Veränderungen abzulehnen, scheint dieser Fokus doch auch viel zu übersehen. Es wird Gründe geben, warum Bibliotheken bestimmte Dinge immer und immer wieder tun. Diese werden jedoch nur sichtbar, wenn man sich den Alltag anschaut. Es gibt in den Bibliotheken immer wieder lokale Lösungen, die an diesen konkreten Orten besonders sinnvoll sind und auch etwas darüber sagen, wie Bibliotheken in ihren jeweiligen Communities funktionieren. Und es gibt immer wieder Veränderungen in Bibliotheken, die weniger sichtbar sind, auch weil sie kleinteilig oder natürlich oder trivial erscheinen. Aber dass Bibliotheken heute viel offener erscheinen, als vor einigen Jahrzehnten ist nicht nur das Ergebnis von radikalen Veränderungen, sondern von zahllosen so kleinen wie wirksamen Schritten. Auch das wird nur sichtbar, wenn man den Blick auf den Alltag der Bibliotheken lenkt.

Ben Kaden: Das Licht. / 07.07.2017 (CC BY-NC 2.0, https://www.flickr.com/photos/benkaden/36227519221) #Berlin
#Marzahn #Victor-Klemperer-Platz #Freizeitforum Marzahn #Wolf-Rüdiger Eisentraut #Bibliotheksbau #Bibliotheksarchitektur #Architektur der DDR #Architektur #2017 #07.07.2017 #Ostmoderne

Nicht zuletzt aber ist es der Alltag, der viele Kolleginnen und Kollegen dazu bringt, Tag für Tag und Jahr für Jahr weiter aktiv und begeistert in ihrer Bibliothek zu arbeiten und nicht die Stelle oder das Feld zu wechseln. Es gibt auch immer persönliche Erfolgsgeschichten, es wird immer auch ein Sinn in der eigenen Arbeit gesehen.

 

LIBREAS. Library Ideas möchte in ihrer Ausgabe #33 vor allem diesem Alltag auf die Spur kommen. Uns interessieren Berichte aus diesem Alltag: Was passiert da eigentlich Tag für Tag in der Bibliothek? Was machen die Menschen sowie die Kolleginnen und Kollegen vor Ort wirklich? Dabei geht es nicht um die großen Geschichten, die massiven Veränderungen, sondern um das vermeintlich Kleine, Nebensächliche, Alltägliche. Also das, was passiert, wenn die Türen geöffnet werden, wenn Veranstaltungen, welche die Bibliothek regelmässig durchführt, stattfinden, wenn die Schulklassen in die Öffentliche Bibliothek kommen oder die neuen Studierenden in die Wissenschaftliche Bibliothek. Wie ist das in Ihrer Bibliothek, wenn das Wetter wechselt und die Tage länger oder kürzer werden? Wie ist das, Medien einzustellen am Morgen oder am Informationspult zu sitzen am Nachmittag oder die Bibliothek am Abend zu schließen und die letzten Personen in den Abend zu entlassen?

 

Es geht um persönliche Erfahrungen und Berichte, um Reportagen – gerne auch improvisiert, gerne auch mit vielen Bildern und wenig Text –, um Interviews über die persönliche Motivation von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren (zum Beispiel Ihren direkten Kolleginnen und Kollegen oder auch gerade Ihnen selber). Nichts ist zu klein, zu unwichtig oder zu wenig relevant, sondern gerade das, was oft als normaler Alltag in der Bibliothek angesehen wird, interessiert uns. Die Ausgabe #33 “Ortstermine” soll genau das sein: Besuche vor Ort, in den Bibliotheken, großen und kleinen, Öffentlichen und Wissenschaftlichen, auf dem Land und in der Stadt. Jede Bibliothek glänzt mit ihrem Alltag, nicht nur mit ihren Innovationen.

 

Wir rufen alle Kolleginnen und Kollegen in den Bibliotheken auf, solche Reportagen einzureichen. Gerne unterstützen wir Sie bei beim Verfassen der Texte oder diskutieren Ideen für Beiträge. Einreichungsschluss ist der 31.01.2018.

 

Eure / Ihre Redaktion LIBREAS. Library Ideas

(Berlin, Chur, Dresden, Hannover, München)