LIBREAS.Library Ideas

Call for Papers #34: 90 Jahre Bibliotheks*wissenschaft in Berlin

Posted in LIBREAS Call for Papers by maxiki on 21. März 2018

Für LIBREAS. Library Ideas ist das Institut für Bibliothekswissenschaft beziehungsweise Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin (IBI) ein sehr besonderer Ort. Denn hier in der Dorotheenstraße 26, im Herzen Berlins, wurden erst die Idee, dann die Zeitschrift und später der Verein empfangen, erstellt und gegründet. Das Eckhaus gegenüber der Rückseite der Staatsbibliothek ist also der Nucleus oder der Ausgangspunkt für vielerlei persönliche Geschichten. Uns liegt es aus diesem Grund sehr am Herzen. Es hat uns viel gegeben (und genommen), bisweilen auch enttäuscht, letztlich aber unhintergehbar geprägt. Nicht nur uns. Das heutige IBI ist im Prinzip das, was von der nie sehr großen universitären Bibliothekswissenschaft in Deutschland übrig ist und zugleich einer der wenigen akademischen Anker der Informationswissenschaft, den sich die Bundesrepublik leistet. Zumindest wir aus der Bibliotheks- und Informationswissenschaft wissen, dass dies in einem argen Missverhältnis zu dem steht, was an Aufgaben sowohl für das Bibliothekswesen als auch für Informationskontexte aller Art an wissenschaftlichem Kompetenzaufbau und Begleitforschung eigentlich notwendig wäre. Dass Bibliotheken und Digitale Gesellschaft auch ohne große umfassende bibliotheks- und informationswissenschaftliche Unterfütterung funktionieren, bedeutet ja nicht, dass sie nicht besser funktionieren könnten – oder dass es nicht besser wäre, wenn die Gesellschaft mehr von ihnen verstehen würde. Eine Rolle spielt in der Praxis übrigens auch, dass Absolvent*innen des IBI natürlich ihre auch bibliothekswissenschaftliche Expertise und mitunter Forschung an ihren jeweiligen Beschäftigungsorten leben.

In diesem Jahr wird das IBI nun 90 Jahre alt, nicht ganz ein Jahrhundert, aber doch Zeuge einer Epoche, die die Welt in einer auch retrospektiv kaum fassbaren Weise transformierte. Der Traum von Mundaneum lebt in gewisser Weise in einem Tesla-Elektromobil fort, das in Richtung eines Asteroidengürtels steuert. Man kann nur staunen. Und natürlich die Frage stellen, was sich zwischen Dokumentation und Wissensmanagement, zwischen Szientometrie und Wissenschaftsforschung, zwischen sozialer Bibliotheksarbeit und Makerspaces an Spuren des Instituts, seiner Professor*innen, Mitarbeiter*innen, Absolvent*innen, Abrecher*innen in die Welt getragen hat. Wir möchten gemeinsam mit dem IBI für eine Jubiläumsausgabe einen vielstimmigen, gern auch leicht kakophonischen Chor mit Eindrücken, Erinnerungen, Erkenntnissen aus 90 Jahren Bibliothekswissenschaft, Bibliothekswissenschaft und wissenschaftliche Information, Bibliotheks- und Informationswissenschaft und iSchool-Existenz zusammentragen und eine Art Rückblick und kritische Würdigungen zusammenstellen. “Heute Neunzig Jahr” hat uns als Titel Uwe Johnson bereits vorweggenommen. Daher operieren wir zunächst sachlich mit dem Arbeitstitel “90 Jahre Bibliotheks*wissenschaft in Berlin”. Aber auch dahingehend sind wir für jeden Vorschlag offen.

Wir freuen uns zum Beispiel über Vorschläge zu den folgenden Themen:

  • Historische, retrospektive Aufarbeitung der Berliner Bibliotheks- und Informationswissenschaft
  • Persönliche Geschichten verbunden mit dem Studienfach, dem Ort Dorotheenstraße, den Lehrenden, Studierenden etc.
  • Analyse des Status quo der (deutschsprachigen) Bibliothekswissenschaft
  • Zukunftsperspektiven für die Bibliotheks- und Informationswissenschaft

Neben Einreichungen in textlicher Form sind ausdrücklich auch alternative Beitragsformen visueller oder multimedialer Art (Zeichnungen, Collagen etc.) vorstellbar.

Informationen zu weiteren Jubiläumsplanungen des IBI finden sich übrigens auf der Webseite des Instituts unter: https://www.ibi.hu-berlin.de/de/90-jahre-ibi

Die Deadline für die Einreichung von Artikeln ist der 1.8.2018. Vorschläge können gerne vorab mit der Redaktion besprochen werden.

Ihre / Eure Redaktion LIBREAS. Library Ideas zusammen mit dem IBI

(Berlin, Chur, Dresden, Göttingen)

 

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LIBREAS. Library Ideas auf dem Bibliothekstag 2018 in Berlin

Posted in LIBREAS aktuell, Uncategorized by Karsten Schuldt on 20. März 2018

Bekanntlich ist der Bibliothekstag das grösste bibliothekarische Treffen im deutschsprachigen Raum. Die LIBREAS. Library Ideas wird auf und bei ihm – wenn er schon in Berlin ist, der Stadt zu dem die ganze Redaktion einen Bezug hat – zu treffen sein, in unterschiedlichen Funktionen: Am Mittwochabend beim offenen “Chillen mit der Redaktion”, auf Vorträgen und Workshops, auf Ständen und als Besucher*innen. Hier eine kurze Übersicht, wo Sie/ihr uns persönlich treffen können. Kommen Sie/Kommt doch vorbei.

Chillen mit der Redaktion (Mittwoch, 13.06.2018)

Am Mittwochabend, nach der Konferenz, laden wir Sie/euch ein, mit uns gemeinsam die doch etwas tristen langweiligen Hallen des Konferenzzentrums zu verlassen und einen ordentlichen Berliner Abend zu verbringen. Wir treffen uns ab 19:00 im Birgit&Bier. (http://birgit.berlin/, Adresse: Schleusenufer 3, 10997 Berlin, Stationen in der Nähe: S-Bhf. Treptower Park, Bus Heckmannufer oder U-Bhf. Schlesisches Tor. Mit der S-Bahn vom Kongressort gut zu erreichen.) Kommen Sie/kommt gerne vorbei und machen Sie/macht das, was man in Berlin macht: Mate trinken, Buletten essen oder lieber was Veganes, rumhängen und über Tische hinweg quatschen. Oder was Ihnen/euch gefällt, man ist da bekanntlich sehr offen in Berlin.

Vorträge und Project-Labs

Dienstag (12.06.2018)

  • 13:00-13:30. Karsten Schuldt: Bibliothek und Armut: Was kann die Öffentliche Bibliothek wirklich tun? (Raum V)
  • 15.30–18.00. Michaela Voigt (u.a.): Hands-on-Lab Zweitveröffentlichungen (Lab II)

Mittwoch (13.06.2018)

  • 14:30-15:00 Najko Jahn: Hybrid OA Dashboard: ein Analysewerkzeug zur Open Access Transformation wissenschaftlicher Journale (Raum III)
  • 17:00-17:30 Linda Freyberg: Augmented Library – Konzeption einer App für die Heinrich-Böll-Bibliothek in Berlin-Pankow (Raum IV)

Donnerstag (14.06.2018)

  • 09:00-13:00: Matti Stöhr, Michaela Voigt (u.a.): Kooperative Entwicklung der Kriterien für den Open Library Badge 2018 (Project Lab)
  • 10:30-11:00. Karsten Schuldt: Die Entwicklung der Schulbibliotheken in Berlin 2008-2017: Ergebnisse einer zehnjährigen Studie (Estrel Saal A)
  • 14:00-18:00. Karsten Schuldt, Peter Jobmann, Maik Stahr, Alexandra Jobmann: Die Bibliothek als gesellschaftliche Institution? #critlib auf deutsch? Ein Zine-Projekt (Project Lab)

Warum Forschungsdaten nicht publiziert werden.

Posted in LIBREAS.Dokumente, LIBREAS.Projektberichte by Ben on 13. März 2018

Eine Zusammenstellung und Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

Eine große und vermutlich noch zu wenig systematisierte Frage aller Diskussionen um eine Offene Wissenschaft lautet zumindest für die in diesem Bereich aktiven Infrastrukturen: Was spricht eigentlich dagegen? Die Erfahrung aus dem Open-Access-Bereich und mehr noch aus dem der Open Science bzw. Open Scholarship zeigt, dass es nicht selten eine erhebliche Lücke zwischen Wünschen, Zielen und Vorstellungen der Forschungsinfrastruktur und den besonders engagierten fachwissenschaftlichen Vertreter*innen in diesem Bereich und einer Gruppe gibt, die hier verkürzt als “Mainstream” der Wissenschaft bezeichnet werden kann.

Eine wichtige, wenngleich auch nicht ganz überraschende Einsicht aus den jahrelangen Auseinandersetzung mit der Offenen Wissenschaft muss lauten, dass die meisten Forschenden vor allem forschen möchten und zwar in der ihnen vertrauten Logik der Publikations- und wissenschaftlichen Publikationskulturen. Defizite auch der Publikationssysteme werden durchaus erkannt, aber nur dann tiefer adressiert, wenn sie zu spürbaren Behinderungen ihrer Forschung führen. In den meisten Fällen wollen Forschende jedoch nicht als Innovator*innen für wissenschaftskommunikative und -infrastrukturelle Lösungen in einer Weise aktiv werden, die zu einer Umwidmung der Aufmerksamkeit vom Forschungsgegenstand auf diese Metastrukturen der wissenschaftlichen Kommunikation führt. Wo also der Leidensdruck im Umgang mit bestehenden Systemen und Praxen aus Sicht der Forschenden nicht übermäßig hoch ist und tradierte Formen nach wie vor die besten Karrierewege öffnen, werden auch hochengagierte und raffiniert geschliffene Keynote-Apelle wenig verändern. Für wissenschaftliche Bibliotheken und andere Akteure der Wissenschaftsinfrastrukturen ist es folglich unerlässlich, zu wissen, welche Ansprüche, Herausforderungen und Ziele in den einzelnen Communities existieren. Die Gründe, warum Forschungsdaten und -materialien disziplinär zwar unterschiedlich intensiv aber nach wie vor eher selten unter den Idealvorstellungen der Offenen Wissenschaft zugänglich gemacht werden, zählen dazu.

Auf dem gestern (12.März 2018) bei der Wikimedia durchgeführten Open-Science-Bar-Camp des Leibniz Forschungsverbunds Science 2.0 gab es genau dazu eine Session „Valid reasons for opting out of sharing openly“, zur der einige Stichpunkte freundlicherweise auch für alle die sichtbar, die nicht teilnehmen konnten, in einem Etherpad hinterlegt wurde: https://etherpad.wikimedia.org/p/oscibar2018_session13

Ich habe mir erlaubt, diese ein wenig zu clustern und auszuformulieren. Im Anschluss an diese Liste ergänze ich noch einige Stichpunkte aus dem eDissPlus-Projekt, das sich mit den Möglichkeiten des dissertationsbegleitenden Zugänglichmachens von Forschungsdaten befasste.

Aufwand

  • Forschende wollen ihre Zeit lieber in die Forschung selbst als in die Organisation eines Austauschprozesses für Forschungsdaten investieren.
  • In der Projektplanung sind keine zeitlichen und personellen Ressourcen für die Aufbereitung von Forschungsmaterialien und Forschungsdaten für ein Teilen bzw. eine Veröffentlichung vorgesehen.
  • Die Veröffentlichung bzw. Zugänglichmachung von Forschungsdaten und Forschungsmaterialien wurden nicht bei der Projektplanung bzw. beim Erstellen des Forschungsdatenmanagementplans berücksichtigt und ist nachträglich zu aufwändig umzusetzen.

Datenschutzrecht

  • Die Veröffentlichung bzw. Zugänglichmachung von Forschungsdaten und Forschungsmaterialien ist aus datenschutzrechtlichen Gründen ausgeschlossen.
  • Für eine Zugänglichmachung bzw. Publikation von personenbezogenen Daten liegt keine informierte Einwilligung vor.

Institutionelle / infrastrukturelle Ausstattung

  • Die eigene Einrichtung bietet keine ausreichende Unterstützung sowohl infrastrukturell als auch beratend für die Verfügbarmachung bzw. Publikation von Forschungsdaten und Forschungsmaterialien an.

Institutionelle Vorgaben

  • Prüfungsordnungen untersagen Promovierenden eine Publikation von Teilen der Promotion vor Abschluss des Promotionsverfahrens.
  • Es gibt keine formalen Auswahlkriterien, welche Forschungsdaten bzw. Forschungsmaterialien wie zugänglich gemacht werden sollten.

Möglichkeiten und Kompetenzen des Teilens / Publizierens

  • Wissenschaftler*innen ist nicht bekannt, wo sie ihre Daten für eine Weitergabe hinterlegen können.
  • Wissenschaftler*innen sind nicht zureichend geschult, um Forschungsmaterialien bzw. Forschungsdaten wissenschaftlichen Publikationsstandards entsprechend zugänglich zu machen bzw. zu publizieren.
  • Forschungsdatenpublikationen sollen ein Peer-Review-Verfahren durchlaufen, das jedoch möglicherweise noch nicht existiert. Die nicht peer-reviewte Publikation von Forschungsdaten wird abgelehnt.

Persönliche Einstellung / Datenkontrolle / Wissenschaftsethik

  • Wissenschaftler*innen  sind am Thema Open Science / Offene Wissenschaft nicht interessiert.
  • Wissenschaftler*innen möchten gern wissen, wer ihre Forschungsmaterialien und Forschungsdaten nachnutzt, weshalb sie diese nur auf persönliche Anfrage weitergeben würden bzw. sich vorbehalten, eine Weitergabe abzulehnen.
  • Kooperationspartner in einem Forschungsdaten sprechen sich gegen eine Verfügbarmachung bzw. Publikation der im Projekt erzeugten Forschungsdaten und Forschungsmaterialien aus.
  • Die Zugänglichmachung von Forschungsdaten bzw. Forschungsmaterialien wird bewusst verweigert, weil entsprechende Anregungen und Vorgaben als Eingriff in die persönliche Wissenschaftsfreiheit interpretiert werden.
  • Die eigenen Forschungsdaten bzw. Forschungsmaterialien werden als für eine Weitergabe zu wenig relevant eingeschätzt.
  • Wissenschaftler*innen möchten verhindern, dass ihre Forschungsdaten bzw. Forschungsmaterialien für von ihnen nicht gewünschte Zwecke nachgenutzt werden.
  • Es bestehen Zweifel daran, dass Dritte die Forschungsdaten bzw. Forschungsmaterialien wissenschaftlichen Standards entsprechend nutzen können.
  • Es besteht die Sorge, dass durch Zugänglichmachung von Forschungsdaten bzw. Forschungsmaterialien Schwächen der Datenerhebung und -analyse sichtbar werden.
  • Die konkreten Forschungsdaten bzw. Forschungsmaterialien sind in einer Weise manipuliert, die verborgen bleiben soll.

Verlags-, Urheber- und Nutzungsrecht

  • Wissenschaftler*innen haben die Nutzungs- und Verwertungsrechte im Zuge einer Copyright-Vereinbarung an einen Wissenschaftsverlag übertragen und besitzen daher keine Verfügungsmöglichkeiten zum Teilen bzw. Veröffentlichen von Forschungsdaten.
  • Promovierende, deren Forschungsprojekt in Kooperation mit Dritten stattfindet, haben nur begrenzt Verfügungsrechte über ihre Forschungsdaten bzw. Forschungsmaterialien. Dies betrifft insbesondere Kooperationen mit kommerziellen Partnern.
  • Es ist nicht bekannt, wer die rechtliche Eigentümerschaft zu den jeweiligen Forschungsdaten bzw. Forschungsmaterialien besitzt.

Weitere Rechtsgebiete / Wissenschaftsethik

  • Das Forschungsthema ist zu sensibel als dass die Forschungsmaterialien und Forschungsdaten frei und international verfügbar gemacht werden können.
  • Es ist unklar, wer langfristig die Verantwortung für die jeweiligen Forschungsdaten bzw. Forschungsmaterialien übernimmt.

Wissenschaftssoziologie

  • Forschungsdaten und -materialien gelten als wissenschaftliches Kapital und werden (noch) zurückgehalten, weil sie in einem späteren Projekt weiter ausgewertet werden sollen.
  • Forschungsdaten und  Forschungsmaterialien sollen als exklusives Asset für einen Antrag auf Projektförderung angeführt werden. Sind sie frei verfügbar, sinkt, so die Wahrnehmung, die Chance auf Förderung.
  • Forschungsdaten und Forschungsmaterialien sollen zunächst exklusiv weiter beforscht werden, weshalb eine Publikation bzw. Zugänglichmachung bestenfalls nach einem Embargo in Frage kommt.
  • Die Publikation bzw. das Teilen von Forschungsmaterialien und Forschungsdaten wird nicht ausreichend als wissenschaftliche Leistung gewürdigt.

Wissenschaftsfreiheit

  • Das Prinzip der Open Science / Offenen Wissenschaft sollte nicht als Druck wirken – im Sinne der Wissenschaftsfreiheit sollten Wissenschaftler*innen selbst entscheiden ob bzw. wie bzw. wann sie Materialien und Forschungsdaten zugänglich machen.

Aus den Erfahrungen des eDissPlus-Projektes, das Einstellungsmuster von Promovierenden zum Publizieren von Forschungsdaten untersuchte,lassen sich, wie angekündigt, noch einige weitere Hürden benennen bzw. genannte Aspekte weiter differenzieren. Dies sind u.a.:

Aufwand

  • Der Aufwand für eine dissertationsbegleitende Forschungsdatenpublikation wird nur sehr selten in der Dissertationsplanung und – sofern überhaupt vorhanden – in Forschungsdatenmanagementplänen berücksichtigt.

Institutionelle und disziplinäre Vorgaben / Rahmenbedingungen

  • In vielen Bereichen fehlen für Forschungsdatenmanagement und das Publizieren von Forschungsdaten Standards, die eine Orientierung geben können.
  • Forschungsdatenpolicies werden im Einzelfall häufig als untauglich empfunden, u.a. da sie zum Beispiel datenschutzrechtliche sowie weitere rechtliche Einschränkungen einer möglichen Forschungsdatenpublikation in keiner Weise würdigen.
  • In vielen Disziplinen gibt es keinen nachhaltigen und systematischen Austausch darüber, welchen Stellenwert und welche Form Forschungsdatenpublikationen für wissenschaftliche Kommunikation haben sollten.
  • Prüfungsordnungen treffen in der Regel keine Aussagen zu Forschungsdatenpublikationen und bieten daher auch keine Orientierung.
  • Für den Titelerwerb sind Forschungsdatenpublikationen in den meisten Fällen nicht erforderlich.

Kompetenzen und Kompetenzvermittlung

  • Bereits für das generelle Forschungsdatenmanagement werden häufig Vermittlungsdefizite benannt: Das Thema findet in Lehre und Methodenausbildung kaum statt. Die Frage der Forschungsdatenpublikation wird in der Regel überhaupt nicht angesprochen.
  • Da in vielen Disziplinen Forschungsdatenpublikationen unüblich sind, kommen Promovierende auch bei der Literatursuche nicht mit dieser Gattung in Kontakt. Die Idee und Möglichkeit einer Forschungsdatenpublikationen ist ihnen daher häufig nicht bekannt.

Persönliche Einstellung / Datenkontrolle / Wissenschaftsethik

  • Forschungsdaten werden im Rahmen von Promotionsprojekten häufig mehr als Mittel zum Zweck als als eigene publikationswürdige Größe angesehen.
  • Promovierende sehen sich angesichts der geringen Etablierung von Forschungsdatenpublikationen in vielen Bereichen überfordert und nicht in der Lage, zusätzlich zu ihrer Promotion entsprechende Pionierarbeit für die Publikationskulturen ihrer Fächer zu leisten.

Rechtliche Aspekte

  • Promovierende können oft die u.a. urheber- bzw. erheber-rechtlichen Folgen einer Forschungsdatenpublikation nur unzureichend abschätzen. So scheint die Bedeutung der Creative-Commons-Lizenzen für konkrete Szenarien oft wenig eindeutig.
  • Das Datenschutzrecht steht einer Publikation von dissertationsbegleitenden Forschungsdaten mit Personenbezug aktuell in fast allen Fällen im Weg, u.a. da selten Forschungsdatenpublikationen von vornherein eingeplant und in den jeweiligen informierten Einwilligungen nicht vorkommen. Das nachträgliche Einholen eine Publikationserlaubnis ist oft nicht möglich oder wird als deutlich zu aufwändig eingeschätzt.

Wissenschaftssoziologie / Forschungsdatenkontrolle

  • Forschungsdatenpublikationen versprechen in den meisten Fällen keinen zusätzlichen Reputationsgewinn. Teilweise wird von den Gutachter*innen eine dissertationsbegleitende Forschungsdatenpublikation sogar als potentiell schädlich eingeschätzt.
  • Forschungsdaten gelten bei vielen Promovierenden als wissenschaftliches Kapital. Besteht die Bereitschaft zur Weitergabe, wird eine selektive Zugänglichmachung auf Anfrage deutlich gegenüber einer allgemeinen Zugänglichmachung als Publikation bevorzugt.

Beide Auflistungen sind sicher keinesfalls erschöpfend. Zu vielen Aspekten wären auch vertiefende Einzeluntersuchungen sinnvoll und notwendig. Deutlich wird jedoch bereits an dieser losen Reihung, dass individuelle Einstellungsmuster zwar einen wichtigen Aspekt darstellen und entsprechend Lobbyarbeit für Open Access und weitere Elemente der Offenen Wissenschaft sicherlich sinnvoll ist. Nachhaltig wirksam werden sie aber nur sein können, wenn auch entsprechende Rahmenbedingungen existieren und zwar sowohl infrastrukturell als auch fachkulturell.

Ein offensichtliches Haupthindernis liegt sicher im aktuell in vielen Fällen deutlichen Missverhältnis von Aufwand und Nutzen. Eine wissenschaftlichen Standards entsprechende Forschungsdatenpublikation erfordert gerade auch angesichts des Mangels an Best-Practice-Beispielen und auch im Einzelfall passenden Leitlinien eine vergleichsweise hohe zusätzliche Arbeitsbelastung, der jedoch kein erwartbarer Reputationsgewinn entgegen steht. Je niedrigschwelliger hier Infrastrukturen Beratung und andere Dienste anbieten können, desto besser. Die Universitätsbibliothek wurde von vielen der befragten Promovierenden im eDissPlus-Projekt als natürliche Ansprechpartnerin für alle Fragen zum Thema Forschungsdaten angesehen und zwar auch für Aspekte, die man gemeinhin eher den Instituten und der dortigen Ausbildung zugeschrieben hätte. Man wünscht sich von der Bibliothek idealerweise ein umfassendes Spektrum an Dienstleistungen von der Beratung über Cloud-Dienste bis zur Langzeitarchivierung für komplexe Datenstrukturen. Was davon wie tatsächlich angeboten werden kann, ist allerdings eine andere Diskussion. In der Erwartungshaltung der Promovierenden, die mit hoher Kompetenz an Forschungsdaten gehen, ist Github ein Benchmark. Bei den anderen eher Dropbox. Im Ergebnis weist der Wunsch in eine Richtung, die beide Dienste mit umfassenden Beratungsangeboten verbindet und überschätzt nebenbei deutlich die Entwicklungskapazitäten, die die öffentliche Hand an dieser Stelle bereitzustellen vermag.

Die zweite große Herausforderung liegt in einer unklaren Rechtslage in Bezug auf Forschungsdaten. Hierzu gab es im Januar 2018 einen Workshop an der Viadrina in Frankfurt/Oder, der erwartungsgemäß wenige Antworten dafür aber noch tiefere Einblicke in die Komplexität der Gemengelage bot.

Und schließlich fehlen für viele Disziplinen tatsächlich praktikable Infrastrukturangebote, auch übrigens von Verlagen oder anderen kommerzieller aufgestellten Anbietern, für eine zeitgemäße und dauerhafte Zugänglichmachung von Forschungsdatenpublikationen. Das Druckparadigma, dass sich im PDF-Format vergleichsweise angenehm spiegeln ließ, funktioniert für digitale Forschungsdaten endgültig nicht mehr. Will man sie zum festen Teil der wissenschaftlichen Kommunikation werden lassen, benötigt man oftmals überhaupt erst einmal adäquate mediale Präsentationsformen – eine Debatte übrigens, die in zahlreichen Bereichen bestenfalls nebenbei geführt wird. Implizit lässt sich hier auch aus den eDissPlus-Befragungen ein weiteres sehr großes Hindernis für Forschungsdatenpublikationen ermitteln: Die Daten sind u.U. mit den bestehenden Möglichkeiten gar nicht sinnvoll als Publikation darstellbar.

Zu all diesen Problemen existiert selbstverständlich engagierte Arbeit hinsichtlich möglicher Lösungen, auch wenn die Digitalisierung der Wissenschaft gerade im Infrastrukturbereich noch ganz anders auch von den Träger- und Förderinstitutionen adressiert werden könnte, als dies bislang geschieht. So ermöglicht beispielsweise der edoc-Server seit diesem Jahr Forschungsdatenpublikationen. Auch Zenodo kann als gelungenes Beispiel für einen zeitgemäßen Publikationsserver für alle möglichen Materialien gelten. Dass Forschungsdaten auf den Publikationsservern mit Metadaten erschlossen, mit DOIs versehen werden und wenigstens teilweise sogar in Bibliothekskatalogen bibliografiert erscheinen, mag ebenfalls ein früher Schritt in Richtung Anerkennung als ordentliche wissenschaftliche Publikation sein. Aber damit endet in den meisten Fällen die Reichweite dessen, was die Bibliotheken und Infrastrukturen zu leisten in der Lage sind.

Die Selbstorganisation der Wissenschaft macht es erforderlich, dass sich die Fachkulturen darüber verständigen, welchen Stellenwert in welcher Form die Publikation von Forschungsdaten und anderen Forschungsmaterialien für sie einnehmen kann und soll. Sie müssen selbst ausdiskutieren, prüfen und entscheiden, ob sie zum Beispiel ein Peer Review wollen, ob komplexe Forschungsdatenpublikationen auch berufungsrelevant sein können, welche Formate sie bevorzugen und welche Metadaten sie brauchen. Die Infrastrukturseite kann aufzeigen, was möglich ist, kann Erfahrungen, Erkenntnisse und Überblickswissen vermitteln. Dafür brauchen wir Veranstaltungen wie das Open-Science-Bar-Camp und Wissenschaftsforschung, wie sie im eDissPlus-Projekt stattfinden konnte. Die Absicherung eines Wissenstands auf der jeweiligen Höhe der Zeit zu den Praxen und Wünschen der Fachkulturen einerseits und den technischen Möglichkeiten andererseits ist bereits für sich eine enorme Herausforderung und zugleich Minimalbedingung jeder zielorientierten Infrastrukturentwicklung. Bereits dafür benötigt man, wenn man so will, Brückenakteure, die sowohl Fach- und Publikationskulturen als auch Ziele, Möglichkeiten, Grenzen von Wissenschaftsinfrastruktur und -organisation kennen. Man braucht solche Akteure aber noch mehr, wenn es darum geht, den eigentlichen Schritt einer digitalen Wissenschaft zu gehen, nämlich die Infrastruktur mit der wissenschaftlichen Kommunikation und an bestimmten Stellen direkt mit der Forschung zu verzahnen. Wir können auf Barcamps und in Workshops umfassend darüber diskutieren, warum Forschende ihre Daten nicht publizieren. Greifbare und praktikable Lösungen werden sich jedoch erst dann daraus ableiten lassen, wenn diese Diskussionen auch mit den Wissenschaftler*innen geführt werden. Dazu ist es notwendig beide Seiten nicht nur zu kennen, sondern in einem stetigen Dialog zu halten. Ich habe eingangs bemerkt, dass Forschende vor allem forschen und sich möglichst wenig mit Infrastrukturfragen befassen wollen. Dies ändert sich bei der digitalen Wissenschaft natürlich dann, wenn Infrastruktur und Forschung zusammenfallen. Ein gutes Beispiel unter anderem auch für die Schwierigkeiten dieser Entwicklung sind die Digital Humanities.

Wir, als Vertreter zum Beispiel der Universitätsbibliotheken bemühen uns unter anderem in Projekten wie eDissPlus intensiv darum, zu verstehen, was die Forschenden als Zielgruppen umtreibt. Konsequent gedacht könnte sich das Konzept der Zielgruppe allerdings an nicht wenigen Stellen zunehmend relativieren und das Gewicht deutlich in Richtung einer Partnerschaft verschieben. Ein unmittelbares Desiderat ist aktuell ein Forum oder eine Form, das bzw. die es uns ermöglicht, Erkenntnisse wie die oben zusammengetragenen in einen übergreifenden und gestaltungsorientierten Dialog mit allen Stakeholdern einzubringen. Ein zweites ist häufig eine stabile und ein idealerweise unkomplizierte Struktur, die es nach Ende von Projekten von eDissPlus erlaubt, über die, wenn man so will, Anamnese hinaus, zu konkretisieren, wie, mit welchen Mitteln und an welchen Stellen die in diesem Fall identifizierten Hürden abgebaut werden können. Diese Situation steht dabei exemplarisch für etwas sehr Generelles: Die Ansprüche einer Offenen Digitalen Wissenschaft werden sich nur als Projekt des Gesamtsystems Wissenschaft realisieren lassen.

(Berlin, 13.03.2018)

Reisestipendium des LIBREAS-Vereins für den Besuch der Open-Access-Tage 2018 (TU Graz)

Posted in Hinweise, LIBREAS.Verein by maxiki on 19. Februar 2018

Der LIBREAS-Verein zur Förderung der bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Kommunikation schreibt in diesem Jahr erstmals ein Reisestipendium aus. Wir fördern den Besuch der Open-Access-Tage 2018 an der TU Graz vom 24.-26.9.2018  mit einem Zuschuss von 400,- EUR.

Das Stipendium wird an eine Person vergeben, die in einer Informationsinfrastruktureinrichtung (Bibliothek, Museum, Archiv, Rechenzentrum, Datenzentrum etc.) tätig ist oder die mit einer bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Ausbildungseinrichtung assoziiert ist (Lehrende, Promovierende, Studierende, Auszubildende). Als Bewerbung wünschen wir uns ein Motivationsschreiben (max. 600 Wörter), in dem dargelegt wird, warum sie/er die Open-Access-Tage besuchen will beziehungsweise welche Verbindung sie/er zum Thema Open Access hat. Weiterhin ist insbesondere bei Angestellten kurz zu begründen, warum die- oder derjenige sich die Reise gegebenenfalls nicht selbstständig beziehungsweise über die eigene Einrichtung finanzieren lassen kann. Die Person wird auf Basis dieses Motivationsschreibens durch den LIBREAS-Vorstand ausgewählt.

Die Bedingung für den Erhalt des Stipendiums ist die Berichterstattung über die Open-Access-Tage, die dann in LIBREAS. Library Ideas veröffentlicht wird. Die Berichterstattung kann während und/oder im Anschluss an die Open-Access-Tage erfolgen. Hinsichtlich des Formats ist die LIBREAS-Redaktion offen – eine Vorab-Absprache zu organisatorischen Fragen ist jedoch erforderlich. Ein Vorschlag zum Publikationsformat kann gerne im Motivationsschreiben gemacht werden. Die Reisekosten und die Teilnahmegebühr sind dem Vorstand schriftlich nachzuweisen. Sie werden nach der Einreichung der Berichterstattung in maximaler Höhe von 400,- erstattet. Bei Einreichung eines Nachweises über den Ticketkauf können die Kosten für Fahrkarten oder Flucktickets auch im Voraus übernommen werden. Die Reise ist selbstständig zu organisieren.

Die Bewerbungsfrist endet am 30. April 2018. Der LIBREAS-Vorstand freut sich auf eure/Ihre Motivationsschreiben an die Mailadresse vorstand@libreas.eu.

Das liest LIBREAS. Heute: Viola Voß über Figge, Friedrich; Darby, Kirsten; et al. (2017): „Neue Aufgaben, neue Arbeitsfelder, neue Strukturen. Zur Zukunft der Wissenschaftlichen Bibliotheken im internationalen Forschungswettbewerb am Beispiel des Embedded Librarian“

Posted in LIBREAS.Referate by Ben on 9. Februar 2018

Wir freuen uns sehr, dass die unlängst ins Leben gerufene LIBREAS-Lektürekolumne tatsächlich zu Rückmeldungen von unseren Leser*innen führt. Und wir hoffen zugleich, dass sich auf diesem Weg Debatten anregen lassen und Themen an- und aufgezeigt werden, die uns als Redaktion und/oder der Bibliothekswissenschaft bzw. bibliothekarischen Fachkultur sonst möglicherweise nicht ganz so intensiv auffallen würden. Weitere Einsendungen sind herzlich willkommen über zeitschriftenschau@libreas.eu


Figge, Friedrich / Darby, Kirsten / Hardt, Jens / Liebig, Theresa / Remeli, Eva-Maria / Wilde, Viviane (2017): „Neue Aufgaben, neue Arbeitsfelder, neue Strukturen. Zur Zukunft der Wissenschaftlichen Bibliotheken im internationalen Forschungswettbewerb am Beispiel des Embedded Librarian“. In: BuB Forum Bibliothek und Information 69.10:558-561.

Embedded Librarianship, die Einbindung von Bibliothekaren in Forschungsgruppen, ist ein Konzept, das erfreulicherweise immer häufiger auch in der deutschsprachigen bibliothekswissenschaftlichen Literatur Erwähnung findet.

Im Sommer 2017 hat sich das Forschungsseminar „Bibliothek der Zukunft“ im Studiengang Bibliotheks- und Informationswissenschaft an der HTKW Leipzig damit beschäftigt.

Der BuB-Artikel der Gruppe gibt einen guten Überblick darüber, welche Aufgaben für Bibliothekar:innen im Embedded Librarianship (im Folgenden: EL) denkbar sind, an welchen Stellen im Wissenschaftskreislauf sie eingebunden werden können und wie die Organisationsstruktur einer wissenschaftlichen Bibliothek aussehen könnte, die EL einführen will.

Allerdings handelt es sich um einen rein theoretischen Entwurf, um ein „Gedankenexperiment“ (S. 559). Dem sind vermutlich einige Buzzwords geschuldet („sich verändernde Wissensgesellschaft“, „Big Data“, „Wissenschaftswettbewerb“, „Innovationsentwicklung“, „internationale Wettbewerbsfähigkeit“ und das ubiquitäre „proaktiv“), aber auch einige Pauschalaussagen, über die Leser:innen je nach ihrem eigenen Arbeitsumfeld stolpern könnten. So gibt es z.B. durchaus Hochschulbibliotheken, deren Fachreferenten noch nicht durch Approval Plans „in nicht ihrer Qualifikation entsprechende Aufgabenbereiche gedrängt“ (560) wurden, und angesichts der Vielfalt der EL-Aufgaben von Literaturrecherche und -verwaltung über Informationskompetenzvermittlung und Publikationsunterstützung bis hin zum Forschungsmanagement fragt man sich, ob das wirklich alles sinnvoll von nur einer/einem Embedded Librarian geleistet werden kann und soll.

Als eine der Quellen des Forschungsseminars wird Shumaker/Talley 2009 genannt; auf weiterführende Literatur für am Thema interessierte Leser:innen wird leider nicht verwiesen.

Für zukünftige Veröffentlichungen habe ich einen Wunschzettel à la „Was ich gerne zum Embedded Librarianship lesen würde“:

  • Berichte aus der bibliothekarischen Praxis zu konkreten Versuchen, EL – oder zumindest Elemente davon – in Bibliotheken und Forschungseinrichtungen einzuführen und zu etablieren (es muss ja nicht gleich Best Practice sein, sondern überhaupt erstmal Practice),
  • Aussagen von Wissenschaftler:innen, was sie vom Konzept EL halten (brauchen oder wollen sie das überhaupt?),
  • Überlegungen dazu, inwiefern Bibliothekar:innen – und von welchen sprechen wir eigentlich? gehobener Dienst? höherer Dienst? beide? – für solche „Einsätze an der Front“ ausreichend ausgebildet sind oder welche Zusatzqualifikationen sie benötigen,
  • … und natürlich immer interessant: Hinweise auf weitere Literatur zum Thema aus aller Welt. Als Auftakt dazu unten einige Titel.

Viola Voß, ULB Münster

https://orcid.org/0000-0003-3056-407X

Literatur

Ginther, Clara / Lackner, Karin / Kaier, Christian (2017): „Publication Services at the University Library Graz: A New Venture, a New Role“. In: New Review of Academic Librarianship 23:1-12. https://dx.doi.org/10.‌1080/‌13614533.2017.1324802.

Jacobs, Anne (2013): Embedded Librarian. (= Checklisten [der Kommission für One-Person Librarians des Berufsverbands Information Bibliothek BIB]. 38.) http://www.bib-info.de/kommissionen/‌kopl/‌publi‌ka‌tio‌nen/checklisten.html.

Jaguszewski, Janice M. / Williams, Karen (2013): New Roles for New Times: Transforming Liaison Roles in Research Libraries. [Report for the Association of Research Libraries.] (= New Roles for New Times. 3.) http://‌www.arl.org/component/content/article/6/2893.

Jansen, Nina (2017): Liaison librarians being embedded: a future model of librarianship? Bachelorarbeit, Studiengang Bibliothekswissenschaft, TH Köln. http://nbn-resolving.de/‌urn:nbn:‌de:hbz:79pbc-opus-10075.

Kenney, Anne R. (2014): Leveraging the Liaison Model: From Defining 21st Century Research Libraries to Implementing 21st Century Research Universities. https://doi.org/10.18665/sr.24807.

Kvenild, Cassandra / Tumbleson, Beth E. / Burke, John J. / Calkins, Kaijsa (2016) „Embedded librarianship: questions and answers from librarians in the trenches“. In: Library Hi Tech News 33.2:8-11. https://‌doi.‌org/10.1108/LHTN-11-2015-0078.

Olin, Jessica (2017): „My Milk Bowl Brings All the Cats to the Yard: Some Thoughts on Faculty Outreach“. In: Letters to a Young Librarian, 21.3.2017. http://letterstoayounglibrarian.blogspot.de/‌2017/03/‌my-‌mi‌l‌k-bowl-brings-all-cats-to-yard.html.

Schulte, Stephanie J. (2012): „Embedded Academic Librarianship: A Review of the Literature“. In: Evidence Based Library and Information Practice 7.4:122-138. https://doi.org/10.18438/B8M60D.

Shumaker, David (2012): The Embedded Librarian: Innovative Strategies for Taking Knowledge Where It’s Needed. Medford, N.J.: Information Today.

Shumaker, David / Talley, Mary (2009): Models of Embedded Librarianship. Final Report. https://www.‌sla.org/‌wp-content/uploads/2017/05/EmbeddedLibrarianshipFinalRptRev.pdf.

Voß, Viola (2017): “Taking the mountain to all the Mohammeds: elements of embedded librarianship at a large university”. In: Proceedings of the 38th Annual IATUL Conference 2017. http://‌docs.lib.purdue.‌edu/iatul/2017/plenary/1/ bzw. http://nbn-resolving.de/urn:nbn:‌de:hbz:‌6‌-51209534810.

Rückmeldung zu: Karsten Schuldt, Rudolf Mumenthaler: „Partizipation in Bibliotheken. Ein Experiment, eine Collage“. LIBREAS. Library Ideas, 32 (2017)

Posted in LIBREAS.Leserbriefe by Karsten Schuldt on 23. Januar 2018

[Vorwort: Auf dem im Titel genannten Beitrag aus der aktuelles Ausgabe der LIBREAS. Library Ideas reagierte Jens Ilg mit folgender Mail, die wir hier – auch als Aufforderung zur Diskussion – in Rücksprache mit allen Beteiligten publizieren. Grundsätzlich ist LIBREAS. Library Ideas immer an Rückmeldungen zu den publizierten Artikeln interessiert. Dazu kann übrigens auch für jeden Text per hypothes.is kommentiert werden (der Link dazu befindet sich bei jedem Text über dem Titel).]

 

Lieber Karsten Schuldt, lieber Rudolf Mumenthaler,

über euern Beitrag in LIBREAS #32 habe ich mich sehr gefreut, da m.E. Partizipation ein Element sein wird, künftige Bibliotheksarbeit zukunftsfest aufzustellen. Auch ich versuche in der täglichen Bibliothekspraxis – bisher in Rostock, jetzt an der UB Magdeburg – mein bestes zu geben, kundenpartizipatorisch zu arbeiten und andere Kollegen dazu zu ermuntern (und sie mich!). Vor diesem Hintergrund habe ich euren Beitrag gelesen und stimme euren Argumentationen in einigen Punkten zu, in einigen nicht: Erlaubt mir, hier zu widersprechen, s. unten.

Herzliche Grüße aus Magdeburg

Jens Ilg

 

  1. Eure Argumentation:

„Die Darstellung bei Dewosch (2016) schärft, wenn man sie etwas gegen den Strich liest, den Blick dafür, was in Bibliotheken an Partizipation ermöglicht wird und was nicht.(Satz 1) Der Eindruck ist, dass Bibliotheken sich vor allem Hinweise geben lassen für Themen, die sie schon im Vorhinein bestimmt und strukturiert haben. (2) Das kann sehr einfach sein oder elaboriert, es kann einzelne Gruppen umfassen oder aber potentiell alle Nutzerinnen und Nutzer oder gar die gesamte Bevölkerung. (3) Aber letztlich legen die Bibliotheken fest, worüber abgestimmt, diskutiert oder ein Workshop durchgeführt wird, dann haben Personen die Möglichkeit, sich dazu zu äussern und werden zum Teil aktiv dazu aufgefordert. (4) Aber durchsetzen können sie ihre Meinung nicht. Die Bibliothek informiert sich und kann Vorschläge und Trends in den Aussagen aufgreifen – oder auch nicht. (5)“

A.1 Als kritischer Leser hat man es leicht, Verallgemeinerungen – wie dieser – zu widersprechen; ich würde es nicht tun, wenn es davon nicht viele in eurem Beitrag gäbe und wenn wenn meine Arbeiten nicht in Dewosch enthalten wären (was sie sind): Die Sätze (Aussagen) 3 bis 5 sind nicht zutreffend: a) an der UB Rostock wurde und werden die meisten partizipative Projekte nutzerinduziert gestartet und ergebnisoffen angelegt, 2) „bestimmen TATSÄCHLICH Nutzer, worüber abgestimmt wird“ (z.B. Pflanzenpatenschaften, Jacken-Taschen-Mitnahme, Lernraumertüchtigungen sind Themen der Nutzer); 3) selbstversändlich können und konnten sie „ihre Meinung durchsetzen“: Das Projekt „Innenarchitekt auf Zeit“ – als ein Beispiel von vielen – ist nix anderes gewesen. Und selbst aus Sicht anderer Hochschulbibliotheken, an denen partizipative Projekte durchgeführt werden, widerlegen eure Aussagen.

 

  1. Eure Argumentation:

Fußnote 13: „Nebenbemerkung: Dieses Dokument (2014 Foster) ist eines, welches eigentlich viel Arbeit, die im Bibliotheksbereich lokal gemacht wird, ersparen könnte.(Satz 1) Immer wieder entwerfen Bibliotheken Projekte, bei denen sie für sie neue Methoden ausprobieren und dies später als innovativ beschreiben (siehe Ilg 2016), obwohl diese schon ausführlich in diesem Dokument beschrieben sind, inklusive dem Nachweis, dass sie in Bibliotheken funktionieren.(2) Bibliotheken könnten sich vielmehr auf die Durchführung ihrer Projekte konzentrieren, wenn sie auf diesem publizierten Wissen aufbauen würde. (3)“

B.1 Als Beleg eurer Nebenbemerkung, dass bestimmte Fachliteratur nicht zur Kenntnis genommen und daher etwas als innovativ behauptet würde, habt ihr meine Publikation zitiert: Ilg, 2016: In der habe ich eben reingeschaut: Dergleichen habe ich nicht behauptet noch geschrieben, weder explizit noch implizit; auch das Wort „innovat*“ kommt nicht vor. Und unabhängig davon ist der Innovationsbegriff keineswegs unbestritten eindeutig im Gebrauch; m.E. überdehnt man auch dann nicht den Innovationsbegriff, wenn der Regionalitätsaspekt einbezogen wird, d.h. X kann für deutschspr. Bereich innovativ sein, wenn X dort bisher singulär war, obwohl X anderswo exitiert.

B.2 Das von euch zitierte Dokument ist mir und einigen meiner Kollegen bekannt.

B.3 Die Behauptung in Satz 3 ist provokant und wäre eine eigene Diskussionsrunde wert; da sie hier nur eine Nebenbemerkung ist, erlaube ich mir die Gegenargumentation zu verkürzen auf: Das kann nicht auf eigene Beobachtung fußen.

 

  1. Eure Argumentation:

Wenn ich einen der Grundgedanken richtig verstanden habe, ist es so, dass, wenn in Bibliotheken – wozu auich Hochschulbibliotheken gehören – partizipative Projekte durchegführt werden oder sie reflektiert werden (z.B. in Fachlit.), dann unbemerkt oder unbeachtet wird, dass es sich nur um eine sehr eingeschränkte und damit tendenziell nicht wirkliche Partizipation handelt, weil a) letztlich noch immer Bibliotheken vorgeben oder darüber entscheiden, ob und wenn ja, wie weit partizipative Projekte gehen, b) letztlich von Bibliotheken (als Institution) Machtstrukturen bedient werden, bei denen die Nutzer noch immer am kürzeren Hebel sind. Korrekt? Wenn ja:

C.1 Unabhängig davon, ob das stimmt (in A.1 behaupte ich das Gegenteil), a) hört sich implizit an wie ein Vorwurf (unreflektiert, nur Pseudopartizipation): bibliothekspraktisch klingt das nicht ermutigend, wenn nur radikalpartizipatorisches Arbeiten partizipatorisches Arbeiten ist.

C.2 Auch b) ist m.E. nicht flächendeckend von der Realität gedeckt; als Beispiel dient mir hier DEAL, wo in diesem Fall Wissenschaftler (zusammen mit Bibliotheken) eine der Machtstrukturen in der hochschulbibliothekarischen Literaturversorgung aufzubrechen versuchen. Auch die Macht von Nutzern, Bibliotheken bzw. deren Services dauerhaft nicht zu nutzen und damit über deren Existenz mitzuentscheiden, widerspricht m.E. Behauptung a) und b).

 


Jens Ilg hat Philosphie und Theaterwissenschaft (Universität Leipzig) sowie Library and Information Science (M.A., Humboldt Universität zu Berlin) studiert. Er leitet die Abteilung Benutzung der UB Magdeburg.

Fünf Bilder / Fünf Fragen über meine Bibliothek

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS Call for Papers by Karsten Schuldt on 16. November 2017

Die Ausgabe #33 der LIBREAS. Library Ideas wird den Schwerpunkt “Ortstermin. Reportagen aus der tatsächlichen Bibliotheksarbeit” haben. Wir suchen für diese Ausgabe weiterhin Beiträge, die sich damit beschäftigen, was in den Bibliotheken Tag für Tag passiert (https://libreas.wordpress.com/2017/10/04/cfp-libreas-library-ideas-33-ortstermin-reportagen-aus-der-tatsaechlichen-bibliotheksarbeit/).

Wir wollen aber auch dazu einladen, für diese Ausgabe an einer kleinen Umfrage teilzunehmen. Fünf Bilder und fünf kurze Beschreibungen zu diesen Bildern sollen Bibliotheken vorstellen. Uns interessieren dabei nicht die Presseberichte oder langen Erklärungen, warum etwas neu oder besser oder schöner ist, sondern Photos aus realen Bibliotheken mit Anmerkungen von realen Bibliothekarinnen und Bibliothekaren. Eingeladen sind alle Formen von Bibliotheken, egal ob klein oder gross, neu gebaut oder schon lange nicht mehr renoviert.

 

Die Umfrage finden Sie / findet ihr unter diesem Link: https://goo.gl/forms/lMvBC7RJJ4KoiAkw1 Sie ist jetzt offen, wir werden sie Ende Dezember (31.12.2017) schliessen.

 

Jana Rumler, Leiterin der Bibliothek des Leibniz-Zentrums für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) im Bereich der bibliothekarischen Dienste hat diese Umfrage schon einmal (als Inspiration für andere) ausgefüllt. Wir würden uns freuen, wenn Sie sich / ihr euch mit Ihrer Bibliothek beteiligen / beteiligt. Wir werden die Antworten der Umfrage in der genannten Ausgabe veröffentlichen. (Dazu müssen die Rechte an den Bildern bei Ihnen liegen, was vor allem dann der Fall ist, wenn Sie / ihr diese selber machen / macht.)

 

Vielen Dank für die Beteiligung.

Redaktion LIBREAS. Library Ideas

 

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Antworten von Jana Rumler

 

1. Zeigen Sie uns den Ort in Ihrer Bibliothek, an dem Sie die meiste Zeit verbringen.

Was ist das für ein Ort? Wieso sind Sie die meiste Zeit dort?

Hier sieht man die Treppe, die beide Etagen der Bibliothek des Leibniz-Zentrums für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e.V. verbindet. Der Ort steht für das Arbeiten in der physischen und digitalen Welt: zwischen hunderten Regalmetern in dunkelbraunem Leder gebunden Zeitschriftenbänden und einer virtuellen Forschungsumgebung.

 

2. Was würden Sie vermissen, wenn es nicht mehr da wäre?

Wieso würden Sie es vermissen?

Als wissenschaftliche Spezialbibliothek im Bereich der Umweltwissenschaften spielen Zeitschriften als maßgeblicher Publikationsort eine entscheidende Rolle. Hier zu sehen sind leer geräumte Zeitschriftenaufsteller. Einige wenige Zeitschriften beziehen wir noch in print, 90% unseres heute erworben „Bestandes“ stellen wir unseren Nutzern digital zur Verfügung. Das haptische Gefühl für die Zeitschriftenhefte geht verloren.

 

3. Was stört Sie an Ihrer Bibliothek beziehungsweise was würden Sie gerne verbessern?

Wieso stört Sie das jetzt (noch)?

Unsere, im Sinne der Raumplanung beinahe wieder modern wirkende, Bestandsaufstellung nach Numerus currens und nach den Publikationformen monographische Werke, Schriftenreihen und Zeitschriften. Serendipity ist nur in begrenztem Maße möglich.

 

4. Zeigen Sie uns Spuren der Bibliotheksnutzung.

Gibt es dazu ein Geschichte?

Hier zu sehen ist der abgenutzte Teppich am Arbeitsplatz des Tresens. Er steht für unser stetiges Engagement unserer NutzerInnen bedarfsgerecht mit den Informationen zu versorgen, die sie benötigen. Er steht gleichzeitig für die aktuellen und ehemaligen MitarbeiterInnen unserer Bibliothek, die unermüdlich zwischen Tradition und Innovation wandeln.

 

5. Was haben Sie, was die anderen nicht haben?

Warum haben Sie das? Sollten andere es auch in ihren Bibliotheken haben?

Historisch bedingt, entschied man sich vor rund 10 Jahren das Publikationsmanagement an die Bibliothek anzugliedern. Eine Situation, die heute dafür sorgt, dass wir im aktuellen Spannungsfeld Open Access-Publizieren, Lizenzmanagement und Bibliometrie/Szientometrie eine Serviceangebot haben, das innerhalb der Leibniz-Gemeinschaft selten für die kleineren Bibliotheken zu finden ist, den aktuellen Anforderungen an das Berufsbild der Bibliothekars aber nahe kommt.

 

Ihre Bibliothek (Name, Adresse, Spezialisierung, was man noch über sie wissen sollte)?

Bibliothek des Leibniz-Zentrums für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e.V. KOBV-Bibliothek, 2,5-3,5 Vollzeitäquivalente. Interdisziplinäres Sammelgebiet zur Landschaftsforschung.

 

Sie selber (Name, Funktion, was man noch über Sie wissen sollte)?

Jana Rumler, Leiterin der Bibliothek im Bereich der bibliothekarischen Dienste. Open Science-Multiplikatorin, mit Hang zu Informationskompetenzvermittlung und Vernetzung kleinerer wissenschaftlicher Spezialbibliotheken. Interessiert an informationsethischen Fragestellungen.

Das liest die LIBREAS: Zu einer neuen Kolumne. Eine Einladung zur Mitarbeit

Posted in Hinweise, LIBREAS Call for Papers, LIBREAS.Verein by libreas on 8. November 2017

Ein Ziel des LIBREAS. Verein zur Förderung der bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Kommunikation ist genau das: Die Kommunikation im Feld der (vor allem deutschsprachigen) Bibliotheks- und Informationswissenschaft und des Bibliothekswesens auf unterschiedliche Weise zu fördern. Dies geschieht vor allem durch die Publikation der Zeitschrift LIBREAS. Library Ideas und auf anderen von der Redaktion genutzten Kanälen. Es soll aber ganz explizit nicht darauf beschränkt sein. Wir gehen davon aus, dass die Wissenschaft und die Praxisfelder dann grundsätzlich kompetenter und besser werden, wenn in ihnen aktiv und offen kommuniziert wird, wenn Beiträge anderer rezipiert und reflektiert werden.

Ziel der Kolumne

Auf der letzten Vereinssitzung (21.10.2017) wurde unter diesem Blickwinkel die Einrichtung einer neuen Kolumne mit dem (jetzt vorläufigen) Titel “Das liest die LIBREAS” beschlossen. Die Kolumne soll in jeder Ausgabe der Zeitschrift erscheinen. Ihr Ziel ist, einen kurzen Überblick zu Publikationen (in verschiedenen Formaten, von Monographien und Artikel über Social Media bis hin zu Konferenzen) zu geben, die jeweils in der letzten Zeit im genannten Feld erschienen sind oder für das Feld Relevanz haben. Die Zusammenstellung wird keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben, sondern subjektiv zusammengetragen: Was interessant und erwähnenswert erscheint, also auch von anderen wahrgenommen werden sollte, soll genannt werden. Ebenso soll genannt werden, was unnötig oder falsch genug erscheint, um eine kritische Perspektive zu öffnen oder bisweilen eine überflüssige Lektüre zu sparen. Es gibt zu viel zu lesen und auch uns hilft es, wenn wir Filter haben. Dabei geht es nicht um ausführliche Besprechungen, sondern um kurze Hinweise von wenigen Sätzen. Es geht um einen Überblick: Was ist da? Was sollte rezipiert werden? Was irritiert? Was ist so interessant, dass man es herausheben sollte? Was ist so uninteressant, dass man es getrost vergessen kann?

Lesesaal mit dem sogenannten

Lesesaal in der Kommode am Bebelplatz in Berlin mit dem sogenannten Lenin-Fenster, Glasmalerei eines Künstlers namens, tatsächlich, Frank Glaser aus dem Jahr 1968, die daran erinnert, dass Lenin selbst einmal in diesem Haus Leser war. Die LIBREAS-Redaktion selbst liest dort eher selten, was unter anderem auch daran liegt, dass die Leseplätze der nun Zweigbibliothek Rechtswissenschaft sehr begehrt und meist besetzt sind. (Foto: Ben Kaden / Flickr. Lizenz: CC BY-NC 2.0)

Einladung / Aufruf zur Mitarbeit

Die Kolumne wird für Hinweise und eine Mitarbeit offen stehen. Wenn Sie der Meinung sind, eine bestimmte Publikation verdient eine Erwähnung, würden wir Sie darum bitten, eine Hinweis darauf (im Idealfall so, dass er direkt übernommen werden kann, also mit bibliographischen Nachweis und einer kurzen Begründung) an uns zu schicken. Wenn Sie mit einem Thema im gesamten Bereich der Bibliotheks- und Informationswissenschaft beschäftigt sind, in diesem regelmässig Literatur rezipieren und ebenso regelmäßig Hinweise auf interessante Publikationen liefern möchten, würden wir uns auch darüber freuen. “Das liest die LIBREAS” muss und sollte keine Kolumne der Redaktion LIBREAS. Library Ideas werden. Besser wäre es, wenn es eine der Community selber wird. Vorrangig zuständig für die Kolumne ist Karsten Schuldt, den Sie unter karsten@libreas.eu zeitschriftenschau@libreas.eu erreichen. [Die Hinweise werden in der Kolumne mit dem Namen der jeweiligen Beiträgerinnen / Beiträger gekennzeichnet.]

CfP LIBREAS. Library Ideas #33: Ortstermin. Reportagen aus der tatsächlichen Bibliotheksarbeit

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS Call for Papers by Karsten Schuldt on 4. Oktober 2017

Die bibliothekarische Literatur hat einen erstaunlichen Bias: Der Alltag, also das, was in Bibliotheken Tag für Tag, Woche für Woche gemacht wird, kommt in ihr kaum vor. Neue Projekte, innovative Veranstaltungen, erstaunliche Bauten finden immer wieder Platz in den bibliothekarischen Zeitschriften, Überlegungen zur Zukunft der Bibliotheken und Medien erst Recht; aber das, was nicht sofort als innovativ, verändernd oder erstaunlich beschrieben werden kann, ist in der Literatur fast unsichtbar. Dabei ist es diese alltägliche Arbeit, die überhaupt erst die Basis für alle neuen Projekte bietet; es ist auch diese Arbeit, die von den Nutzerinnen und Nutzern wahrgenommen wird. Zu vermuten ist, dass sie die Bibliotheken vor allem wegen diesem alltäglichen Funktionieren als Institution, als Raum, als Idee besuchen – und nur zu einem kleinen Teil wegen der so oft beschriebenen Innovationen. (Und selbst diese Innovationen werden schnell zum Alltag, wenn sie funktionieren.) Auch das Personal in den Bibliotheken ist vor allem mit dem Alltag befasst. Nur eben die bibliothekarische Literatur (und bibliothekswissenschaftliche Forschung) selten.

 

Ein Grund dafür ist selbstverständlich, dass das Neue, Innovative, Verändernde oft erst einmal interessanter klingt und dadurch für die Publikation geeigneter. Aber der Alltag ist eher das, was interessant ist, wenn man verstehen will, warum Bibliotheken funktionieren, wie sie funktionieren, warum sie bestimmte Entscheidungen treffen, warum sie so beliebt sind bei einer doch erstaunlich großen Anzahl von Menschen. Mit dem Fokus auf Innovationen und Veränderungen entsteht oft der Eindruck, der bisherige Alltag wäre rückständig, mitunter falsch und vor allem zu überwinden. Während es auch nicht richtig wäre, Veränderungen abzulehnen, scheint dieser Fokus doch auch viel zu übersehen. Es wird Gründe geben, warum Bibliotheken bestimmte Dinge immer und immer wieder tun. Diese werden jedoch nur sichtbar, wenn man sich den Alltag anschaut. Es gibt in den Bibliotheken immer wieder lokale Lösungen, die an diesen konkreten Orten besonders sinnvoll sind und auch etwas darüber sagen, wie Bibliotheken in ihren jeweiligen Communities funktionieren. Und es gibt immer wieder Veränderungen in Bibliotheken, die weniger sichtbar sind, auch weil sie kleinteilig oder natürlich oder trivial erscheinen. Aber dass Bibliotheken heute viel offener erscheinen, als vor einigen Jahrzehnten ist nicht nur das Ergebnis von radikalen Veränderungen, sondern von zahllosen so kleinen wie wirksamen Schritten. Auch das wird nur sichtbar, wenn man den Blick auf den Alltag der Bibliotheken lenkt.

Ben Kaden: Das Licht. / 07.07.2017 (CC BY-NC 2.0, https://www.flickr.com/photos/benkaden/36227519221) #Berlin
#Marzahn #Victor-Klemperer-Platz #Freizeitforum Marzahn #Wolf-Rüdiger Eisentraut #Bibliotheksbau #Bibliotheksarchitektur #Architektur der DDR #Architektur #2017 #07.07.2017 #Ostmoderne

Nicht zuletzt aber ist es der Alltag, der viele Kolleginnen und Kollegen dazu bringt, Tag für Tag und Jahr für Jahr weiter aktiv und begeistert in ihrer Bibliothek zu arbeiten und nicht die Stelle oder das Feld zu wechseln. Es gibt auch immer persönliche Erfolgsgeschichten, es wird immer auch ein Sinn in der eigenen Arbeit gesehen.

 

LIBREAS. Library Ideas möchte in ihrer Ausgabe #33 vor allem diesem Alltag auf die Spur kommen. Uns interessieren Berichte aus diesem Alltag: Was passiert da eigentlich Tag für Tag in der Bibliothek? Was machen die Menschen sowie die Kolleginnen und Kollegen vor Ort wirklich? Dabei geht es nicht um die großen Geschichten, die massiven Veränderungen, sondern um das vermeintlich Kleine, Nebensächliche, Alltägliche. Also das, was passiert, wenn die Türen geöffnet werden, wenn Veranstaltungen, welche die Bibliothek regelmässig durchführt, stattfinden, wenn die Schulklassen in die Öffentliche Bibliothek kommen oder die neuen Studierenden in die Wissenschaftliche Bibliothek. Wie ist das in Ihrer Bibliothek, wenn das Wetter wechselt und die Tage länger oder kürzer werden? Wie ist das, Medien einzustellen am Morgen oder am Informationspult zu sitzen am Nachmittag oder die Bibliothek am Abend zu schließen und die letzten Personen in den Abend zu entlassen?

 

Es geht um persönliche Erfahrungen und Berichte, um Reportagen – gerne auch improvisiert, gerne auch mit vielen Bildern und wenig Text –, um Interviews über die persönliche Motivation von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren (zum Beispiel Ihren direkten Kolleginnen und Kollegen oder auch gerade Ihnen selber). Nichts ist zu klein, zu unwichtig oder zu wenig relevant, sondern gerade das, was oft als normaler Alltag in der Bibliothek angesehen wird, interessiert uns. Die Ausgabe #33 “Ortstermine” soll genau das sein: Besuche vor Ort, in den Bibliotheken, großen und kleinen, Öffentlichen und Wissenschaftlichen, auf dem Land und in der Stadt. Jede Bibliothek glänzt mit ihrem Alltag, nicht nur mit ihren Innovationen.

 

Wir rufen alle Kolleginnen und Kollegen in den Bibliotheken auf, solche Reportagen einzureichen. Gerne unterstützen wir Sie bei beim Verfassen der Texte oder diskutieren Ideen für Beiträge. Einreichungsschluss ist der 31.01.2018.

 

Eure / Ihre Redaktion LIBREAS. Library Ideas

(Berlin, Chur, Dresden, Hannover, München)

Über Philatelie, Bibliophilatelie und eine Briefmarke aus Kansai.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 1. Oktober 2017

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

„I got rid of my stamp collection the other day.“ So begann der Journalist Eugene L. Meyer unlängst ein Opinion-Piece in der New York Times (Stamped Out. NYTimes.com, Sept. 29,2017). Bemerkenswert daran ist bereits, dass das Thema Philatelie überhaupt noch in die Diskurssphäre einer Tageszeitung gelangt. Andererseits stellte ebenfalls die New York Times unlängst in ihrer Rubrik „Stamp Notes“, die sie offenbar im Schnitt einmal pro Jahrzehnt bestückt, eine wunderbar zeitgemäße Neuausgabe vor, die sogar in den erweiterten Horizont der Bibliophilatelie passt, da sie ein Kinderbuch würdigt: The Snowy Day von Ezra Jack Keats (siehe Maria Russo: ‘The Snowy Day’ Captured in New Stamp Series. NYTimes.com, Sept. 22, 2017). Maria Russos kleine Kolumne über Peter im Schnee adressiert natürlich auch und zwar nicht ohne Melancholie einen Erinnerungsraum – The Snowy Day erschien 1962. Zugleich zeigt sie jedoch, wie wichtig und sinnvoll Erinnerungskulturen sind und welche eigenwillige und positive Rolle Postwertzeichen dabei spielen können:

„More than half a century later, that world hasn’t arrived — not even in children’s books, where brown children are still far underrepresented, relative to their percentage of the population. Peter is still, in a sense, a figure out of a dream. But those stamps will remind us that the dream still stands strong.“

Eugene L. Meyers Text ist dagegen eine eher typische Abhandlung, die man in ähnlicher Form leider schon Dutzende Male lesen konnte und zwar auch ziemlich identisch zum behaupteten Niedergang der Kultur des gedruckten Buches. Das Sammeln von Briefmarken ist, so das Bild, eine vergehende Leidenschaft, ähnlich vielleicht wie Modelleisenbahnen, der eine davonalterende Generation noch ein wenig nachhängt. Aber an sich ist es schon so gut wie ausgestorben, weshalb seine eigene Sammlung nun nichts mehr wert ist, wie ihm Händler versichern. Die Briefmarkensammlung ist aus dieser Warte eine unglückliche Fehlinvestition, die man längst hätte abstoßen sollen. „[T]here was a time when people cared about stamps“ hebt der Schwanengesang an und führt zum Briefmarkenkundler Franklin D. Roosevelt zurück und zu einer Zeit, in der es an jeder Schule eine Arbeitgemeinschaft der jungen Philatelisten gab. Heute wird „Junge Philatelie“, wie Meyer von der Fachhändlerin Judy Johnson erfährt, in einer anderen Altersspanne verortet: „“Trying to bring in the younger 30-to-50-year-old crowd is really difficult,” she said.“ Ähnlich dem Antiquariatsmarkt scheint auch der Briefmarkenhandel ein sterbendes Gewerbe zu sein. Der Blick daheim auf drei Regalmeter geerbte Alben, deren Wert sich auf ein persönliche Zuschreibung eingedampft ist, bestätigt dies.

Stamped Out offenbart aber zugleich, wo das Problem liegt und zwar in der selben Form, die einem auch auf Sammlerbörsen unmittelbar ins Auge springt: Die Welt der Philatelie schafft es kaum, das Medium der Briefmarke und die Aktivität eines vertiefenden Umgangs mit ihr neu zu interpretieren. Die Frage, was Philatelie im 21. Jahrhundert sein kann, wird von der Empirie in der Regel beantwortet als: Ein Echo des 20. Jahrhunderts mit den Protagonisten, die damals schon dabei waren.

Abgesehen von einer schmalen Hochpreiselite ist das Sammeln von Briefmarken in der Tat eine sehr unwirtschaftliche Betätigung. Andererseits sind die Einstiegskosten so gering, dass es auch nicht viel kostet, Für den Preis eine semi-professionellen digitalen Kamera oder auch eines aktuellen iPhones kann man sich mit philatelistischen Material für eine Dekade ausstatten. Bleibt die Frage, was man damit will.

Möglicherweise kann man mit der Bibliothekswissenschaft kann eine Antwort finden. Briefmarken sind hochdichte Informationsträger und Zeugnisse. Genauso wie andere Publikationen lassen sie sich sie sammeln, erschließen und verfügbar machen. Die Ebene des Sammelns ist die traditionell ausgeprägteste. Mit Album, Vordruckblättern und Michel-Katalog saßen jahrzehntelang die Sammler und in geringerem Maße Sammlerinnen an Sonntagnachmittagen in ihrer Wochenendstille und versuchten alle Marken, die in einem bestimmten Land oder zu einem bestimmten Motiv erschienen sind, zusammenzutragen, einzusortieren und somit für sich zu bewahren. Es ging um Vollständigkeit und eine der schönsten Seiten diese Tätigkeit war mutmaßlich ihre inhaltliche Leere, die so regenerativ wirkte wie anderen ein stundenlanges Warten an einem Waldsee auf einen anbeißenden Fisch.

Die zweite Dimension, also die Erschließung, verweist auf eine inhaltliche Auseinandersetzung mit einzelnen Objekten und zwar über die bloße Registratur nach Katalognummer hinaus. Man achtete darauf, wer eine Marke entworfen hat, welche Ereignisse sich mit einer Ausgabe verbanden und betrat damit einen deutenden Raum, wenngleich nicht zwingend einen interpretativen und kommunikativen. Die Briefmarke wurde immerhin zum Zeichen, dass auf etwas außerhalb ihrer bloßen Objekthaftigkeit verweist und dass sich zu lesen lohnt. Sie spiegelte Welt und erwies sich als Zugangsmedium zu dieser, das umso mehr an Aussagekraft gewinnt, je mehr man sich der Bedingungen ihrer Produktion und Zweckzuschreibung befasst.

Diese Funktion erfüllt sie nach wie vor, auch wenn die traditionelle Form der Ausstellung von Briefmarken in entsprechend komponierten Schautafeln auf Briefmarkenausstellungen, also in etwa einer Darstellungsform die man in der Wissenschaft von konferenzbegleitenden Postersessions kennt, ihre Anziehungskraft weitgehend verlor. Diese Tafelkunde markiert einen Übergang zur dritten Interaktionsform mit dem Medium Briefmarken: dem Verfügbarmachen, das heute leichter mit digitalen Mitteln bewerkstelligt werden kann. Das Briefmarkensammeln als solitäres Hobby mag seine kontemplativen Reize haben, die allerdings, wie Stamped Out treffend herausstellt, nur noch in der Nische Lieberhaberinnen und Lieberhaber findet. Es wird aber wie alle Kulturartefakte nur überleben können, wenn eine Aktualisierung gelingt. Dafür braucht es Sichtbarkeit und Kommunikation.

Eine andere und aus meiner Sicht fruchtbarere Herangehensweise wäre folglich, Formen von Diskursen, vielleicht eine Art Social Reading von Briefmarken zu entwickeln, in denen diese mit ihrer Spezifität sowohl medial wie auch inhaltlich einer Rolle spielen können. Naheliegend sind hier design-theoretische und kulturwissenschaftliche Annäherungen. Twitter-Timelines wie Kitteclub zeigen, wie erfrischend, gegenwärtig und anziehend Briefmarken potentiell dargestellt werden können. Ein Diskurs ist das eher noch nicht. Aber Sichtbarkeit wird erreicht. Und er Aspekt der Freude an der Beschäftigung wird sehr unterstrichen.

Ein Problem der, wenn man so will, Diskursivierung der Philatelie könnte in der Abgeschlossenheit der bisherigen Kommunikationen zum Gegenstand liegen. Die Kanäle sind entweder die verkehrten oder sehr exklusiv. Sehr aussagekräftig ist zum Beispiel, dass viele der wenigen Aufsätze zur Philatelie, die sich im Web of Knowledge finden lassen, mit der Darstellung beispielsweise großer Mediziner auf Briefmarken befassen und irgendwo unter Vermischtes in den Zeitschriften der entsprechenden Wissenschaftsgebiete erschienen sind. Die Zitationshäufigkeiten für solche Nebenaufsätze liegen erwartungsgemäß oft bei Null.

Einschlägige philatelistische Fachpublikationen sind entsprechend oft zwar sorgfältig und quasi-wissenschaftlich aufgearbeitet – zumindest im monografischen Bereich – werden aber kaum aus dieser Warte gesehen. Zudem ist die Philatelie meist bestenfalls eine Feierabendwissenschaft, weshalb sie zwar als Disziplin gedacht aber nicht praktiziert werden kann. Es fehlt jegliche akademische Rahmung. Die wenigen philatelistischen Spezialbibliotheken kämpfen regelmäßig um ihren Erhalt.

Die Publikumszeitschriften dagegen versammeln recht breite, im besten Fall populärwissenschaftlich aufbereitete Artikel und Berichte, die sich als Nebenbeilektüre für die Sammler_innengemeinschaft eignen, meist jedoch so gut wie keinen Appeal für Außenstehende besitzen. Diese eigenartige Exklusivität, die man auch sehr auf den Briefmarkenmessen atmen kann, ist aus meiner Sicht einer der großen Gründe, warum die philatelistische Welt so sonderbar überholt wirkt, massenmedial oft in einer Linie mit dem Klischee der Bibliotheken mit ihren Attributen staubig und funktional obsolet.

Wie bei Bibliotheken stellt sich auch für die Philatelie die Herausforderung, sichtbar zu vermitteln, dass das historisch gewachsene und sich verhärtete Abziehbild eines bestimmten Typus nicht zwingend der Realität entsprechen muss. Gerade der Schwung, der mit der Visualisierung von Kommunikation und zum Beispiel der Erblühen der Bildtheorie, spürbar ist, lässt sich sehr gut auf das Medium der Briefmarken anwenden. Alles was man tun muss, ist Briefmarken als Text bzw. als semiotische Objekte zu begreifen.

Ihre Narrativität ist naturgemäß sehr begrenzt. Sie sind Funktionstexte, bei denen ein Aussagegehalt in einer formal hochbegrenzten im Detail aber erstaunlich variablen Form eigentlich sehr erstaunlich an eine andere Objektfunktion – der Freimachung einer Postsendung – gebunden werden. Sie sind Träger sowohl von Metadaten (einerseits des Funktionswerts als Postwertzeichen, andererseits einer geographischen und unmittelbar bzw. mittelbar zeitlichen Einordnung) sowie einer inhaltlichen Bedeutungsebene, nämlich dem Motiv. Hinter diesem steht meist ein Ausgabeanlass, mindestens jedoch die Feststellung, dass die zuständigen Stellen dieses konkrete Thema zu einem bestimmten Zeitpunkt für einen repräsentierenden Kommunikationsakt ausgewählt haben. Der Kern dieses Aktes ist auf der elementarsten Ebene: Das konkret Gezeigte ist adäquat und typisch genug, um als Repräsentation einer bestimmten Vorstellung in die Welt geschickt zu werden. Selbstverständlich spielen auch Aspekte der Verkaufbarkeit eine Rolle, was zu einem Mangel an negativ besetzten Motiven führt. Und wenn, dann mitunter nicht sehr klug. Für die in dieser Hinsicht sehr interessante Ausgabe zur Topographie des Terrors wurde zum Beispiel unglücklicherweise der Postkartenwert von 45 Cent gewählt, was sie für den Hausgebrauch (=Urlaubspost) im Jahr 2017 fast disqualifiziert. Ein Bestseller wurde die Marke naturgemäß nicht.

Die enge Bindung des Motivs an ein konkretes Land – bzw. im Bereich der modernen Privatpost oft an eine bestimmte Region – rückt das Phänomen der Briefmarkengestaltung also in den Kontext einer, wenn auch sehr niedrigschwelligen, Geschichts- und Identitätspolitik. Wenn sich so etwas wie Leitkultur an einer Stelle abbildet, dann hier. So widmen sich die aktuellen Briefmarkenausgaben der Deutschen Post zwei idyllischen Landschaftsdarstellungen (Badische Weinstraße und Markgräflerland), einem sehr einschneiden Ereignis aus der deutschen Fernsehgeschichte (Das Millionenspiel), der Tradition der deutschen Antikenforschung (300. Geburtstag Johann Joachim Winckelmann) sowie einer Würdigung der gesellschaftlichen Wirkung der katholischen Kirche (50 Jahre Justitia et Pax). An alle diese Ausgaben kann man die Fragen stellen, wofür genau die Motive stehen, warum sie 2017 als relevant erachtet werden und wie sie grafisch umgesetzt sind. Sie spiegeln, wenn auch in einem Zerrspiegel, die Gegenwart mit ihren Werten und ästhetischen Vorlieben. Richtet man die Fragen an ältere Ausgaben, erzählen diese folglich viel über eine Vergangenheit. Je mehr Hintergrundwissen man erwirbt, je besser man sie zu lesen lernt, desto komplexer werden diese Geschichten.

Briefmarke Japan General Library, Kansai University.

Briefmarke Japan General Library, Kansai University.

Selbstverständlich kann man in der gleichen Weise eine Briefmarke befragen, die unlängst in meine Sammlung zur Bibliophilatelie fand. Leider – Stichwort Hintergrundwissen – erweist sich ihre Geschichte, die allein auf der Dechiffrierung des vorliegenden Objekts beruht, als eher flach.

Die aus Japan stammende Ausgabe zeigt die Hauptbibliothek der Universität von Kansai (関西大学総合図書館) und zwar getreu lokaler ästhetischer Präferenzen zur Zeit der Baumblüte. Das Idealbild wird durch den makellos blauen Himmel verstärkt. Ein kleine Gruppe Menschen ist mit etwas Abstand zum Eingang konzentriert als wartete sie auf eine Führung durch die Bibliothek oder über das Gelände. Die Szenerie ist idyllisch, keinesfalls dramatisch und harmoniert recht gut mit der sachlichen Architektur des Hauses. Das spektakulär auskragende Vordach über dem Haupteingang der Bibliothek erkennt man aus dieser Perspektive und Auflösung nicht und erahnt es nur, wenn man von seiner Existenz weiß.

Die Gestaltung der Marke und vor allem die Druckqualität lassen zugleich sofort erkennen, dass es sich bei dem Exemplar nicht um eine offizielle Ausgabe der japanischen Post sondern um eine selbst gestaltete Marke handelt, wie sie auch die Deutsche Post mit ihrem Dienst der „Briefmarke Individuell“ ermöglicht. Traditionelle Sammler verabscheuen solche Angebote meist zutiefst, da sie der auch von Eugene L. Meyer beklagten Briefmarkenflut („It is all just too much, even for the die-hards.“) noch einen völlig unüberschaubaren Ozean an individualisierten Postwertzeichen hinzufügt. Dieser als zusätzliche Einnahmequelle der Postdienstleister in vielen Ländern eingeführte Dienst sorgt jedoch für eine interessante und bisweilen sehr unterschätzte Wendung der philatelistischen Kultur, da er die Briefmarkengestaltung im Prinzip demokratisiert. Diese Marken verhalten sich zu den offiziellen Ausgaben in etwa wie Zines zu Verlagspublikationen. Und wie die Zines bleiben sie außerhalb jeder systematisierten Verzeichnis- und Archivierungskultur. Was das Phänomen eher noch spannender werden lässt.

Jeder kann nun, womöglich auch aber erfahrungsgemäß nicht zwingend motiviert durch ein Mimikry der traditionellen Exzeptionalisierung des Gezeigten durch das Zeigen, ein Motiv seiner Wahl zu einem zugelassen Postwertzeichen werden lassen. Aufgegriffen wird dies u.a. auch in der politischen Kunst. Im vorliegenden Fall der Kansai-Ausgabe wählte man den 1985 eröffnete Neubau der Universitätsbibliothek als Motiv. Verwendung fand vermutlich eine in ähnlicher Form bereits publizierte Fotografie, also denkbar eine offizielle Aufnahme aus dem Archiv der Hochschule. Daher ist davon auszugehen, dass die Einrichtung auch Auftraggeberin dieser Ausgabe war. Über den Ausgabeanlass und Verwendungszusammenhang der Marke ist leider nichts bekannt. Bemerkenswert ist jedoch, dass mit diesem Neubau auch in gewisser Weise die Hinwendung zur Digitalisierung an der Bibliothek eingeleitet wurde, ein Trend, der Phänomene wie individualisierte Briefmarken überhaupt erst technisch realisierbar macht. So schließt sich zumindest über Umwege ein Kreis. Zugleich ergänzt diese individualisierte Bibliotheksbriefmarke eine etwas vernachlässigte Nische in meiner Sammlung zur Bibliophilatelie.

Berlin, 01.10.2017

(Ich danke Takao Kobayashi für Informationen zur Kansai-Ausgabe.)