LIBREAS.Library Ideas

Reisestipendium des LIBREAS-Vereins für den Besuch der Open-Access-Tage 2018 (TU Graz)

Posted in Hinweise, LIBREAS.Verein by maxiki on 19. Februar 2018

Der LIBREAS-Verein zur Förderung der bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Kommunikation schreibt in diesem Jahr erstmals ein Reisestipendium aus. Wir fördern den Besuch der Open-Access-Tage 2018 an der TU Graz vom 24.-26.9.2018  mit einem Zuschuss von 400,- EUR.

Das Stipendium wird an eine Person vergeben, die in einer Informationsinfrastruktureinrichtung (Bibliothek, Museum, Archiv, Rechenzentrum, Datenzentrum etc.) tätig ist oder die mit einer bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Ausbildungseinrichtung assoziiert ist (Lehrende, Promovierende, Studierende, Auszubildende). Als Bewerbung wünschen wir uns ein Motivationsschreiben (max. 600 Wörter), in dem dargelegt wird, warum sie/er die Open-Access-Tage besuchen will beziehungsweise welche Verbindung sie/er zum Thema Open Access hat. Weiterhin ist insbesondere bei Angestellten kurz zu begründen, warum die- oder derjenige sich die Reise gegebenenfalls nicht selbstständig beziehungsweise über die eigene Einrichtung finanzieren lassen kann. Die Person wird auf Basis dieses Motivationsschreibens durch den LIBREAS-Vorstand ausgewählt.

Die Bedingung für den Erhalt des Stipendiums ist die Berichterstattung über die Open-Access-Tage, die dann in LIBREAS. Library Ideas veröffentlicht wird. Die Berichterstattung kann während und/oder im Anschluss an die Open-Access-Tage erfolgen. Hinsichtlich des Formats ist die LIBREAS-Redaktion offen – eine Vorab-Absprache zu organisatorischen Fragen ist jedoch erforderlich. Ein Vorschlag zum Publikationsformat kann gerne im Motivationsschreiben gemacht werden. Die Reisekosten und die Teilnahmegebühr sind dem Vorstand schriftlich nachzuweisen. Sie werden nach der Einreichung der Berichterstattung in maximaler Höhe von 400,- erstattet. Bei Einreichung eines Nachweises über den Ticketkauf können die Kosten für Fahrkarten oder Flucktickets auch im Voraus übernommen werden. Die Reise ist selbstständig zu organisieren.

Die Bewerbungsfrist endet am 30. April 2018. Der LIBREAS-Vorstand freut sich auf eure/Ihre Motivationsschreiben an die Mailadresse vorstand@libreas.eu.

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Das liest LIBREAS. Heute: Viola Voß über Figge, Friedrich; Darby, Kirsten; et al. (2017): „Neue Aufgaben, neue Arbeitsfelder, neue Strukturen. Zur Zukunft der Wissenschaftlichen Bibliotheken im internationalen Forschungswettbewerb am Beispiel des Embedded Librarian“

Posted in LIBREAS.Referate by Ben on 9. Februar 2018

Wir freuen uns sehr, dass die unlängst ins Leben gerufene LIBREAS-Lektürekolumne tatsächlich zu Rückmeldungen von unseren Leser*innen führt. Und wir hoffen zugleich, dass sich auf diesem Weg Debatten anregen lassen und Themen an- und aufgezeigt werden, die uns als Redaktion und/oder der Bibliothekswissenschaft bzw. bibliothekarischen Fachkultur sonst möglicherweise nicht ganz so intensiv auffallen würden. Weitere Einsendungen sind herzlich willkommen über zeitschriftenschau@libreas.eu


Figge, Friedrich / Darby, Kirsten / Hardt, Jens / Liebig, Theresa / Remeli, Eva-Maria / Wilde, Viviane (2017): „Neue Aufgaben, neue Arbeitsfelder, neue Strukturen. Zur Zukunft der Wissenschaftlichen Bibliotheken im internationalen Forschungswettbewerb am Beispiel des Embedded Librarian“. In: BuB Forum Bibliothek und Information 69.10:558-561.

Embedded Librarianship, die Einbindung von Bibliothekaren in Forschungsgruppen, ist ein Konzept, das erfreulicherweise immer häufiger auch in der deutschsprachigen bibliothekswissenschaftlichen Literatur Erwähnung findet.

Im Sommer 2017 hat sich das Forschungsseminar „Bibliothek der Zukunft“ im Studiengang Bibliotheks- und Informationswissenschaft an der HTKW Leipzig damit beschäftigt.

Der BuB-Artikel der Gruppe gibt einen guten Überblick darüber, welche Aufgaben für Bibliothekar:innen im Embedded Librarianship (im Folgenden: EL) denkbar sind, an welchen Stellen im Wissenschaftskreislauf sie eingebunden werden können und wie die Organisationsstruktur einer wissenschaftlichen Bibliothek aussehen könnte, die EL einführen will.

Allerdings handelt es sich um einen rein theoretischen Entwurf, um ein „Gedankenexperiment“ (S. 559). Dem sind vermutlich einige Buzzwords geschuldet („sich verändernde Wissensgesellschaft“, „Big Data“, „Wissenschaftswettbewerb“, „Innovationsentwicklung“, „internationale Wettbewerbsfähigkeit“ und das ubiquitäre „proaktiv“), aber auch einige Pauschalaussagen, über die Leser:innen je nach ihrem eigenen Arbeitsumfeld stolpern könnten. So gibt es z.B. durchaus Hochschulbibliotheken, deren Fachreferenten noch nicht durch Approval Plans „in nicht ihrer Qualifikation entsprechende Aufgabenbereiche gedrängt“ (560) wurden, und angesichts der Vielfalt der EL-Aufgaben von Literaturrecherche und -verwaltung über Informationskompetenzvermittlung und Publikationsunterstützung bis hin zum Forschungsmanagement fragt man sich, ob das wirklich alles sinnvoll von nur einer/einem Embedded Librarian geleistet werden kann und soll.

Als eine der Quellen des Forschungsseminars wird Shumaker/Talley 2009 genannt; auf weiterführende Literatur für am Thema interessierte Leser:innen wird leider nicht verwiesen.

Für zukünftige Veröffentlichungen habe ich einen Wunschzettel à la „Was ich gerne zum Embedded Librarianship lesen würde“:

  • Berichte aus der bibliothekarischen Praxis zu konkreten Versuchen, EL – oder zumindest Elemente davon – in Bibliotheken und Forschungseinrichtungen einzuführen und zu etablieren (es muss ja nicht gleich Best Practice sein, sondern überhaupt erstmal Practice),
  • Aussagen von Wissenschaftler:innen, was sie vom Konzept EL halten (brauchen oder wollen sie das überhaupt?),
  • Überlegungen dazu, inwiefern Bibliothekar:innen – und von welchen sprechen wir eigentlich? gehobener Dienst? höherer Dienst? beide? – für solche „Einsätze an der Front“ ausreichend ausgebildet sind oder welche Zusatzqualifikationen sie benötigen,
  • … und natürlich immer interessant: Hinweise auf weitere Literatur zum Thema aus aller Welt. Als Auftakt dazu unten einige Titel.

Viola Voß, ULB Münster

https://orcid.org/0000-0003-3056-407X

Literatur

Ginther, Clara / Lackner, Karin / Kaier, Christian (2017): „Publication Services at the University Library Graz: A New Venture, a New Role“. In: New Review of Academic Librarianship 23:1-12. https://dx.doi.org/10.‌1080/‌13614533.2017.1324802.

Jacobs, Anne (2013): Embedded Librarian. (= Checklisten [der Kommission für One-Person Librarians des Berufsverbands Information Bibliothek BIB]. 38.) http://www.bib-info.de/kommissionen/‌kopl/‌publi‌ka‌tio‌nen/checklisten.html.

Jaguszewski, Janice M. / Williams, Karen (2013): New Roles for New Times: Transforming Liaison Roles in Research Libraries. [Report for the Association of Research Libraries.] (= New Roles for New Times. 3.) http://‌www.arl.org/component/content/article/6/2893.

Jansen, Nina (2017): Liaison librarians being embedded: a future model of librarianship? Bachelorarbeit, Studiengang Bibliothekswissenschaft, TH Köln. http://nbn-resolving.de/‌urn:nbn:‌de:hbz:79pbc-opus-10075.

Kenney, Anne R. (2014): Leveraging the Liaison Model: From Defining 21st Century Research Libraries to Implementing 21st Century Research Universities. https://doi.org/10.18665/sr.24807.

Kvenild, Cassandra / Tumbleson, Beth E. / Burke, John J. / Calkins, Kaijsa (2016) „Embedded librarianship: questions and answers from librarians in the trenches“. In: Library Hi Tech News 33.2:8-11. https://‌doi.‌org/10.1108/LHTN-11-2015-0078.

Olin, Jessica (2017): „My Milk Bowl Brings All the Cats to the Yard: Some Thoughts on Faculty Outreach“. In: Letters to a Young Librarian, 21.3.2017. http://letterstoayounglibrarian.blogspot.de/‌2017/03/‌my-‌mi‌l‌k-bowl-brings-all-cats-to-yard.html.

Schulte, Stephanie J. (2012): „Embedded Academic Librarianship: A Review of the Literature“. In: Evidence Based Library and Information Practice 7.4:122-138. https://doi.org/10.18438/B8M60D.

Shumaker, David (2012): The Embedded Librarian: Innovative Strategies for Taking Knowledge Where It’s Needed. Medford, N.J.: Information Today.

Shumaker, David / Talley, Mary (2009): Models of Embedded Librarianship. Final Report. https://www.‌sla.org/‌wp-content/uploads/2017/05/EmbeddedLibrarianshipFinalRptRev.pdf.

Voß, Viola (2017): “Taking the mountain to all the Mohammeds: elements of embedded librarianship at a large university”. In: Proceedings of the 38th Annual IATUL Conference 2017. http://‌docs.lib.purdue.‌edu/iatul/2017/plenary/1/ bzw. http://nbn-resolving.de/urn:nbn:‌de:hbz:‌6‌-51209534810.

Rückmeldung zu: Karsten Schuldt, Rudolf Mumenthaler: „Partizipation in Bibliotheken. Ein Experiment, eine Collage“. LIBREAS. Library Ideas, 32 (2017)

Posted in LIBREAS.Leserbriefe by Karsten Schuldt on 23. Januar 2018

[Vorwort: Auf dem im Titel genannten Beitrag aus der aktuelles Ausgabe der LIBREAS. Library Ideas reagierte Jens Ilg mit folgender Mail, die wir hier – auch als Aufforderung zur Diskussion – in Rücksprache mit allen Beteiligten publizieren. Grundsätzlich ist LIBREAS. Library Ideas immer an Rückmeldungen zu den publizierten Artikeln interessiert. Dazu kann übrigens auch für jeden Text per hypothes.is kommentiert werden (der Link dazu befindet sich bei jedem Text über dem Titel).]

 

Lieber Karsten Schuldt, lieber Rudolf Mumenthaler,

über euern Beitrag in LIBREAS #32 habe ich mich sehr gefreut, da m.E. Partizipation ein Element sein wird, künftige Bibliotheksarbeit zukunftsfest aufzustellen. Auch ich versuche in der täglichen Bibliothekspraxis – bisher in Rostock, jetzt an der UB Magdeburg – mein bestes zu geben, kundenpartizipatorisch zu arbeiten und andere Kollegen dazu zu ermuntern (und sie mich!). Vor diesem Hintergrund habe ich euren Beitrag gelesen und stimme euren Argumentationen in einigen Punkten zu, in einigen nicht: Erlaubt mir, hier zu widersprechen, s. unten.

Herzliche Grüße aus Magdeburg

Jens Ilg

 

  1. Eure Argumentation:

„Die Darstellung bei Dewosch (2016) schärft, wenn man sie etwas gegen den Strich liest, den Blick dafür, was in Bibliotheken an Partizipation ermöglicht wird und was nicht.(Satz 1) Der Eindruck ist, dass Bibliotheken sich vor allem Hinweise geben lassen für Themen, die sie schon im Vorhinein bestimmt und strukturiert haben. (2) Das kann sehr einfach sein oder elaboriert, es kann einzelne Gruppen umfassen oder aber potentiell alle Nutzerinnen und Nutzer oder gar die gesamte Bevölkerung. (3) Aber letztlich legen die Bibliotheken fest, worüber abgestimmt, diskutiert oder ein Workshop durchgeführt wird, dann haben Personen die Möglichkeit, sich dazu zu äussern und werden zum Teil aktiv dazu aufgefordert. (4) Aber durchsetzen können sie ihre Meinung nicht. Die Bibliothek informiert sich und kann Vorschläge und Trends in den Aussagen aufgreifen – oder auch nicht. (5)“

A.1 Als kritischer Leser hat man es leicht, Verallgemeinerungen – wie dieser – zu widersprechen; ich würde es nicht tun, wenn es davon nicht viele in eurem Beitrag gäbe und wenn wenn meine Arbeiten nicht in Dewosch enthalten wären (was sie sind): Die Sätze (Aussagen) 3 bis 5 sind nicht zutreffend: a) an der UB Rostock wurde und werden die meisten partizipative Projekte nutzerinduziert gestartet und ergebnisoffen angelegt, 2) „bestimmen TATSÄCHLICH Nutzer, worüber abgestimmt wird“ (z.B. Pflanzenpatenschaften, Jacken-Taschen-Mitnahme, Lernraumertüchtigungen sind Themen der Nutzer); 3) selbstversändlich können und konnten sie „ihre Meinung durchsetzen“: Das Projekt „Innenarchitekt auf Zeit“ – als ein Beispiel von vielen – ist nix anderes gewesen. Und selbst aus Sicht anderer Hochschulbibliotheken, an denen partizipative Projekte durchgeführt werden, widerlegen eure Aussagen.

 

  1. Eure Argumentation:

Fußnote 13: „Nebenbemerkung: Dieses Dokument (2014 Foster) ist eines, welches eigentlich viel Arbeit, die im Bibliotheksbereich lokal gemacht wird, ersparen könnte.(Satz 1) Immer wieder entwerfen Bibliotheken Projekte, bei denen sie für sie neue Methoden ausprobieren und dies später als innovativ beschreiben (siehe Ilg 2016), obwohl diese schon ausführlich in diesem Dokument beschrieben sind, inklusive dem Nachweis, dass sie in Bibliotheken funktionieren.(2) Bibliotheken könnten sich vielmehr auf die Durchführung ihrer Projekte konzentrieren, wenn sie auf diesem publizierten Wissen aufbauen würde. (3)“

B.1 Als Beleg eurer Nebenbemerkung, dass bestimmte Fachliteratur nicht zur Kenntnis genommen und daher etwas als innovativ behauptet würde, habt ihr meine Publikation zitiert: Ilg, 2016: In der habe ich eben reingeschaut: Dergleichen habe ich nicht behauptet noch geschrieben, weder explizit noch implizit; auch das Wort „innovat*“ kommt nicht vor. Und unabhängig davon ist der Innovationsbegriff keineswegs unbestritten eindeutig im Gebrauch; m.E. überdehnt man auch dann nicht den Innovationsbegriff, wenn der Regionalitätsaspekt einbezogen wird, d.h. X kann für deutschspr. Bereich innovativ sein, wenn X dort bisher singulär war, obwohl X anderswo exitiert.

B.2 Das von euch zitierte Dokument ist mir und einigen meiner Kollegen bekannt.

B.3 Die Behauptung in Satz 3 ist provokant und wäre eine eigene Diskussionsrunde wert; da sie hier nur eine Nebenbemerkung ist, erlaube ich mir die Gegenargumentation zu verkürzen auf: Das kann nicht auf eigene Beobachtung fußen.

 

  1. Eure Argumentation:

Wenn ich einen der Grundgedanken richtig verstanden habe, ist es so, dass, wenn in Bibliotheken – wozu auich Hochschulbibliotheken gehören – partizipative Projekte durchegführt werden oder sie reflektiert werden (z.B. in Fachlit.), dann unbemerkt oder unbeachtet wird, dass es sich nur um eine sehr eingeschränkte und damit tendenziell nicht wirkliche Partizipation handelt, weil a) letztlich noch immer Bibliotheken vorgeben oder darüber entscheiden, ob und wenn ja, wie weit partizipative Projekte gehen, b) letztlich von Bibliotheken (als Institution) Machtstrukturen bedient werden, bei denen die Nutzer noch immer am kürzeren Hebel sind. Korrekt? Wenn ja:

C.1 Unabhängig davon, ob das stimmt (in A.1 behaupte ich das Gegenteil), a) hört sich implizit an wie ein Vorwurf (unreflektiert, nur Pseudopartizipation): bibliothekspraktisch klingt das nicht ermutigend, wenn nur radikalpartizipatorisches Arbeiten partizipatorisches Arbeiten ist.

C.2 Auch b) ist m.E. nicht flächendeckend von der Realität gedeckt; als Beispiel dient mir hier DEAL, wo in diesem Fall Wissenschaftler (zusammen mit Bibliotheken) eine der Machtstrukturen in der hochschulbibliothekarischen Literaturversorgung aufzubrechen versuchen. Auch die Macht von Nutzern, Bibliotheken bzw. deren Services dauerhaft nicht zu nutzen und damit über deren Existenz mitzuentscheiden, widerspricht m.E. Behauptung a) und b).

 


Jens Ilg hat Philosphie und Theaterwissenschaft (Universität Leipzig) sowie Library and Information Science (M.A., Humboldt Universität zu Berlin) studiert. Er leitet die Abteilung Benutzung der UB Magdeburg.

Fünf Bilder / Fünf Fragen über meine Bibliothek

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS Call for Papers by Karsten Schuldt on 16. November 2017

Die Ausgabe #33 der LIBREAS. Library Ideas wird den Schwerpunkt “Ortstermin. Reportagen aus der tatsächlichen Bibliotheksarbeit” haben. Wir suchen für diese Ausgabe weiterhin Beiträge, die sich damit beschäftigen, was in den Bibliotheken Tag für Tag passiert (https://libreas.wordpress.com/2017/10/04/cfp-libreas-library-ideas-33-ortstermin-reportagen-aus-der-tatsaechlichen-bibliotheksarbeit/).

Wir wollen aber auch dazu einladen, für diese Ausgabe an einer kleinen Umfrage teilzunehmen. Fünf Bilder und fünf kurze Beschreibungen zu diesen Bildern sollen Bibliotheken vorstellen. Uns interessieren dabei nicht die Presseberichte oder langen Erklärungen, warum etwas neu oder besser oder schöner ist, sondern Photos aus realen Bibliotheken mit Anmerkungen von realen Bibliothekarinnen und Bibliothekaren. Eingeladen sind alle Formen von Bibliotheken, egal ob klein oder gross, neu gebaut oder schon lange nicht mehr renoviert.

 

Die Umfrage finden Sie / findet ihr unter diesem Link: https://goo.gl/forms/lMvBC7RJJ4KoiAkw1 Sie ist jetzt offen, wir werden sie Ende Dezember (31.12.2017) schliessen.

 

Jana Rumler, Leiterin der Bibliothek des Leibniz-Zentrums für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) im Bereich der bibliothekarischen Dienste hat diese Umfrage schon einmal (als Inspiration für andere) ausgefüllt. Wir würden uns freuen, wenn Sie sich / ihr euch mit Ihrer Bibliothek beteiligen / beteiligt. Wir werden die Antworten der Umfrage in der genannten Ausgabe veröffentlichen. (Dazu müssen die Rechte an den Bildern bei Ihnen liegen, was vor allem dann der Fall ist, wenn Sie / ihr diese selber machen / macht.)

 

Vielen Dank für die Beteiligung.

Redaktion LIBREAS. Library Ideas

 

___________________________________

Antworten von Jana Rumler

 

1. Zeigen Sie uns den Ort in Ihrer Bibliothek, an dem Sie die meiste Zeit verbringen.

Was ist das für ein Ort? Wieso sind Sie die meiste Zeit dort?

Hier sieht man die Treppe, die beide Etagen der Bibliothek des Leibniz-Zentrums für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e.V. verbindet. Der Ort steht für das Arbeiten in der physischen und digitalen Welt: zwischen hunderten Regalmetern in dunkelbraunem Leder gebunden Zeitschriftenbänden und einer virtuellen Forschungsumgebung.

 

2. Was würden Sie vermissen, wenn es nicht mehr da wäre?

Wieso würden Sie es vermissen?

Als wissenschaftliche Spezialbibliothek im Bereich der Umweltwissenschaften spielen Zeitschriften als maßgeblicher Publikationsort eine entscheidende Rolle. Hier zu sehen sind leer geräumte Zeitschriftenaufsteller. Einige wenige Zeitschriften beziehen wir noch in print, 90% unseres heute erworben „Bestandes“ stellen wir unseren Nutzern digital zur Verfügung. Das haptische Gefühl für die Zeitschriftenhefte geht verloren.

 

3. Was stört Sie an Ihrer Bibliothek beziehungsweise was würden Sie gerne verbessern?

Wieso stört Sie das jetzt (noch)?

Unsere, im Sinne der Raumplanung beinahe wieder modern wirkende, Bestandsaufstellung nach Numerus currens und nach den Publikationformen monographische Werke, Schriftenreihen und Zeitschriften. Serendipity ist nur in begrenztem Maße möglich.

 

4. Zeigen Sie uns Spuren der Bibliotheksnutzung.

Gibt es dazu ein Geschichte?

Hier zu sehen ist der abgenutzte Teppich am Arbeitsplatz des Tresens. Er steht für unser stetiges Engagement unserer NutzerInnen bedarfsgerecht mit den Informationen zu versorgen, die sie benötigen. Er steht gleichzeitig für die aktuellen und ehemaligen MitarbeiterInnen unserer Bibliothek, die unermüdlich zwischen Tradition und Innovation wandeln.

 

5. Was haben Sie, was die anderen nicht haben?

Warum haben Sie das? Sollten andere es auch in ihren Bibliotheken haben?

Historisch bedingt, entschied man sich vor rund 10 Jahren das Publikationsmanagement an die Bibliothek anzugliedern. Eine Situation, die heute dafür sorgt, dass wir im aktuellen Spannungsfeld Open Access-Publizieren, Lizenzmanagement und Bibliometrie/Szientometrie eine Serviceangebot haben, das innerhalb der Leibniz-Gemeinschaft selten für die kleineren Bibliotheken zu finden ist, den aktuellen Anforderungen an das Berufsbild der Bibliothekars aber nahe kommt.

 

Ihre Bibliothek (Name, Adresse, Spezialisierung, was man noch über sie wissen sollte)?

Bibliothek des Leibniz-Zentrums für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e.V. KOBV-Bibliothek, 2,5-3,5 Vollzeitäquivalente. Interdisziplinäres Sammelgebiet zur Landschaftsforschung.

 

Sie selber (Name, Funktion, was man noch über Sie wissen sollte)?

Jana Rumler, Leiterin der Bibliothek im Bereich der bibliothekarischen Dienste. Open Science-Multiplikatorin, mit Hang zu Informationskompetenzvermittlung und Vernetzung kleinerer wissenschaftlicher Spezialbibliotheken. Interessiert an informationsethischen Fragestellungen.

Das liest die LIBREAS: Zu einer neuen Kolumne. Eine Einladung zur Mitarbeit

Posted in Hinweise, LIBREAS Call for Papers, LIBREAS.Verein by libreas on 8. November 2017

Ein Ziel des LIBREAS. Verein zur Förderung der bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Kommunikation ist genau das: Die Kommunikation im Feld der (vor allem deutschsprachigen) Bibliotheks- und Informationswissenschaft und des Bibliothekswesens auf unterschiedliche Weise zu fördern. Dies geschieht vor allem durch die Publikation der Zeitschrift LIBREAS. Library Ideas und auf anderen von der Redaktion genutzten Kanälen. Es soll aber ganz explizit nicht darauf beschränkt sein. Wir gehen davon aus, dass die Wissenschaft und die Praxisfelder dann grundsätzlich kompetenter und besser werden, wenn in ihnen aktiv und offen kommuniziert wird, wenn Beiträge anderer rezipiert und reflektiert werden.

Ziel der Kolumne

Auf der letzten Vereinssitzung (21.10.2017) wurde unter diesem Blickwinkel die Einrichtung einer neuen Kolumne mit dem (jetzt vorläufigen) Titel “Das liest die LIBREAS” beschlossen. Die Kolumne soll in jeder Ausgabe der Zeitschrift erscheinen. Ihr Ziel ist, einen kurzen Überblick zu Publikationen (in verschiedenen Formaten, von Monographien und Artikel über Social Media bis hin zu Konferenzen) zu geben, die jeweils in der letzten Zeit im genannten Feld erschienen sind oder für das Feld Relevanz haben. Die Zusammenstellung wird keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben, sondern subjektiv zusammengetragen: Was interessant und erwähnenswert erscheint, also auch von anderen wahrgenommen werden sollte, soll genannt werden. Ebenso soll genannt werden, was unnötig oder falsch genug erscheint, um eine kritische Perspektive zu öffnen oder bisweilen eine überflüssige Lektüre zu sparen. Es gibt zu viel zu lesen und auch uns hilft es, wenn wir Filter haben. Dabei geht es nicht um ausführliche Besprechungen, sondern um kurze Hinweise von wenigen Sätzen. Es geht um einen Überblick: Was ist da? Was sollte rezipiert werden? Was irritiert? Was ist so interessant, dass man es herausheben sollte? Was ist so uninteressant, dass man es getrost vergessen kann?

Lesesaal mit dem sogenannten

Lesesaal in der Kommode am Bebelplatz in Berlin mit dem sogenannten Lenin-Fenster, Glasmalerei eines Künstlers namens, tatsächlich, Frank Glaser aus dem Jahr 1968, die daran erinnert, dass Lenin selbst einmal in diesem Haus Leser war. Die LIBREAS-Redaktion selbst liest dort eher selten, was unter anderem auch daran liegt, dass die Leseplätze der nun Zweigbibliothek Rechtswissenschaft sehr begehrt und meist besetzt sind. (Foto: Ben Kaden / Flickr. Lizenz: CC BY-NC 2.0)

Einladung / Aufruf zur Mitarbeit

Die Kolumne wird für Hinweise und eine Mitarbeit offen stehen. Wenn Sie der Meinung sind, eine bestimmte Publikation verdient eine Erwähnung, würden wir Sie darum bitten, eine Hinweis darauf (im Idealfall so, dass er direkt übernommen werden kann, also mit bibliographischen Nachweis und einer kurzen Begründung) an uns zu schicken. Wenn Sie mit einem Thema im gesamten Bereich der Bibliotheks- und Informationswissenschaft beschäftigt sind, in diesem regelmässig Literatur rezipieren und ebenso regelmäßig Hinweise auf interessante Publikationen liefern möchten, würden wir uns auch darüber freuen. “Das liest die LIBREAS” muss und sollte keine Kolumne der Redaktion LIBREAS. Library Ideas werden. Besser wäre es, wenn es eine der Community selber wird. Vorrangig zuständig für die Kolumne ist Karsten Schuldt, den Sie unter karsten@libreas.eu zeitschriftenschau@libreas.eu erreichen. [Die Hinweise werden in der Kolumne mit dem Namen der jeweiligen Beiträgerinnen / Beiträger gekennzeichnet.]

CfP LIBREAS. Library Ideas #33: Ortstermin. Reportagen aus der tatsächlichen Bibliotheksarbeit

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS Call for Papers by Karsten Schuldt on 4. Oktober 2017

Die bibliothekarische Literatur hat einen erstaunlichen Bias: Der Alltag, also das, was in Bibliotheken Tag für Tag, Woche für Woche gemacht wird, kommt in ihr kaum vor. Neue Projekte, innovative Veranstaltungen, erstaunliche Bauten finden immer wieder Platz in den bibliothekarischen Zeitschriften, Überlegungen zur Zukunft der Bibliotheken und Medien erst Recht; aber das, was nicht sofort als innovativ, verändernd oder erstaunlich beschrieben werden kann, ist in der Literatur fast unsichtbar. Dabei ist es diese alltägliche Arbeit, die überhaupt erst die Basis für alle neuen Projekte bietet; es ist auch diese Arbeit, die von den Nutzerinnen und Nutzern wahrgenommen wird. Zu vermuten ist, dass sie die Bibliotheken vor allem wegen diesem alltäglichen Funktionieren als Institution, als Raum, als Idee besuchen – und nur zu einem kleinen Teil wegen der so oft beschriebenen Innovationen. (Und selbst diese Innovationen werden schnell zum Alltag, wenn sie funktionieren.) Auch das Personal in den Bibliotheken ist vor allem mit dem Alltag befasst. Nur eben die bibliothekarische Literatur (und bibliothekswissenschaftliche Forschung) selten.

 

Ein Grund dafür ist selbstverständlich, dass das Neue, Innovative, Verändernde oft erst einmal interessanter klingt und dadurch für die Publikation geeigneter. Aber der Alltag ist eher das, was interessant ist, wenn man verstehen will, warum Bibliotheken funktionieren, wie sie funktionieren, warum sie bestimmte Entscheidungen treffen, warum sie so beliebt sind bei einer doch erstaunlich großen Anzahl von Menschen. Mit dem Fokus auf Innovationen und Veränderungen entsteht oft der Eindruck, der bisherige Alltag wäre rückständig, mitunter falsch und vor allem zu überwinden. Während es auch nicht richtig wäre, Veränderungen abzulehnen, scheint dieser Fokus doch auch viel zu übersehen. Es wird Gründe geben, warum Bibliotheken bestimmte Dinge immer und immer wieder tun. Diese werden jedoch nur sichtbar, wenn man sich den Alltag anschaut. Es gibt in den Bibliotheken immer wieder lokale Lösungen, die an diesen konkreten Orten besonders sinnvoll sind und auch etwas darüber sagen, wie Bibliotheken in ihren jeweiligen Communities funktionieren. Und es gibt immer wieder Veränderungen in Bibliotheken, die weniger sichtbar sind, auch weil sie kleinteilig oder natürlich oder trivial erscheinen. Aber dass Bibliotheken heute viel offener erscheinen, als vor einigen Jahrzehnten ist nicht nur das Ergebnis von radikalen Veränderungen, sondern von zahllosen so kleinen wie wirksamen Schritten. Auch das wird nur sichtbar, wenn man den Blick auf den Alltag der Bibliotheken lenkt.

Ben Kaden: Das Licht. / 07.07.2017 (CC BY-NC 2.0, https://www.flickr.com/photos/benkaden/36227519221) #Berlin
#Marzahn #Victor-Klemperer-Platz #Freizeitforum Marzahn #Wolf-Rüdiger Eisentraut #Bibliotheksbau #Bibliotheksarchitektur #Architektur der DDR #Architektur #2017 #07.07.2017 #Ostmoderne

Nicht zuletzt aber ist es der Alltag, der viele Kolleginnen und Kollegen dazu bringt, Tag für Tag und Jahr für Jahr weiter aktiv und begeistert in ihrer Bibliothek zu arbeiten und nicht die Stelle oder das Feld zu wechseln. Es gibt auch immer persönliche Erfolgsgeschichten, es wird immer auch ein Sinn in der eigenen Arbeit gesehen.

 

LIBREAS. Library Ideas möchte in ihrer Ausgabe #33 vor allem diesem Alltag auf die Spur kommen. Uns interessieren Berichte aus diesem Alltag: Was passiert da eigentlich Tag für Tag in der Bibliothek? Was machen die Menschen sowie die Kolleginnen und Kollegen vor Ort wirklich? Dabei geht es nicht um die großen Geschichten, die massiven Veränderungen, sondern um das vermeintlich Kleine, Nebensächliche, Alltägliche. Also das, was passiert, wenn die Türen geöffnet werden, wenn Veranstaltungen, welche die Bibliothek regelmässig durchführt, stattfinden, wenn die Schulklassen in die Öffentliche Bibliothek kommen oder die neuen Studierenden in die Wissenschaftliche Bibliothek. Wie ist das in Ihrer Bibliothek, wenn das Wetter wechselt und die Tage länger oder kürzer werden? Wie ist das, Medien einzustellen am Morgen oder am Informationspult zu sitzen am Nachmittag oder die Bibliothek am Abend zu schließen und die letzten Personen in den Abend zu entlassen?

 

Es geht um persönliche Erfahrungen und Berichte, um Reportagen – gerne auch improvisiert, gerne auch mit vielen Bildern und wenig Text –, um Interviews über die persönliche Motivation von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren (zum Beispiel Ihren direkten Kolleginnen und Kollegen oder auch gerade Ihnen selber). Nichts ist zu klein, zu unwichtig oder zu wenig relevant, sondern gerade das, was oft als normaler Alltag in der Bibliothek angesehen wird, interessiert uns. Die Ausgabe #33 “Ortstermine” soll genau das sein: Besuche vor Ort, in den Bibliotheken, großen und kleinen, Öffentlichen und Wissenschaftlichen, auf dem Land und in der Stadt. Jede Bibliothek glänzt mit ihrem Alltag, nicht nur mit ihren Innovationen.

 

Wir rufen alle Kolleginnen und Kollegen in den Bibliotheken auf, solche Reportagen einzureichen. Gerne unterstützen wir Sie bei beim Verfassen der Texte oder diskutieren Ideen für Beiträge. Einreichungsschluss ist der 31.01.2018.

 

Eure / Ihre Redaktion LIBREAS. Library Ideas

(Berlin, Chur, Dresden, Hannover, München)

Über Philatelie, Bibliophilatelie und eine Briefmarke aus Kansai.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 1. Oktober 2017

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

„I got rid of my stamp collection the other day.“ So begann der Journalist Eugene L. Meyer unlängst ein Opinion-Piece in der New York Times (Stamped Out. NYTimes.com, Sept. 29,2017). Bemerkenswert daran ist bereits, dass das Thema Philatelie überhaupt noch in die Diskurssphäre einer Tageszeitung gelangt. Andererseits stellte ebenfalls die New York Times unlängst in ihrer Rubrik „Stamp Notes“, die sie offenbar im Schnitt einmal pro Jahrzehnt bestückt, eine wunderbar zeitgemäße Neuausgabe vor, die sogar in den erweiterten Horizont der Bibliophilatelie passt, da sie ein Kinderbuch würdigt: The Snowy Day von Ezra Jack Keats (siehe Maria Russo: ‘The Snowy Day’ Captured in New Stamp Series. NYTimes.com, Sept. 22, 2017). Maria Russos kleine Kolumne über Peter im Schnee adressiert natürlich auch und zwar nicht ohne Melancholie einen Erinnerungsraum – The Snowy Day erschien 1962. Zugleich zeigt sie jedoch, wie wichtig und sinnvoll Erinnerungskulturen sind und welche eigenwillige und positive Rolle Postwertzeichen dabei spielen können:

„More than half a century later, that world hasn’t arrived — not even in children’s books, where brown children are still far underrepresented, relative to their percentage of the population. Peter is still, in a sense, a figure out of a dream. But those stamps will remind us that the dream still stands strong.“

Eugene L. Meyers Text ist dagegen eine eher typische Abhandlung, die man in ähnlicher Form leider schon Dutzende Male lesen konnte und zwar auch ziemlich identisch zum behaupteten Niedergang der Kultur des gedruckten Buches. Das Sammeln von Briefmarken ist, so das Bild, eine vergehende Leidenschaft, ähnlich vielleicht wie Modelleisenbahnen, der eine davonalterende Generation noch ein wenig nachhängt. Aber an sich ist es schon so gut wie ausgestorben, weshalb seine eigene Sammlung nun nichts mehr wert ist, wie ihm Händler versichern. Die Briefmarkensammlung ist aus dieser Warte eine unglückliche Fehlinvestition, die man längst hätte abstoßen sollen. „[T]here was a time when people cared about stamps“ hebt der Schwanengesang an und führt zum Briefmarkenkundler Franklin D. Roosevelt zurück und zu einer Zeit, in der es an jeder Schule eine Arbeitgemeinschaft der jungen Philatelisten gab. Heute wird „Junge Philatelie“, wie Meyer von der Fachhändlerin Judy Johnson erfährt, in einer anderen Altersspanne verortet: „“Trying to bring in the younger 30-to-50-year-old crowd is really difficult,” she said.“ Ähnlich dem Antiquariatsmarkt scheint auch der Briefmarkenhandel ein sterbendes Gewerbe zu sein. Der Blick daheim auf drei Regalmeter geerbte Alben, deren Wert sich auf ein persönliche Zuschreibung eingedampft ist, bestätigt dies.

Stamped Out offenbart aber zugleich, wo das Problem liegt und zwar in der selben Form, die einem auch auf Sammlerbörsen unmittelbar ins Auge springt: Die Welt der Philatelie schafft es kaum, das Medium der Briefmarke und die Aktivität eines vertiefenden Umgangs mit ihr neu zu interpretieren. Die Frage, was Philatelie im 21. Jahrhundert sein kann, wird von der Empirie in der Regel beantwortet als: Ein Echo des 20. Jahrhunderts mit den Protagonisten, die damals schon dabei waren.

Abgesehen von einer schmalen Hochpreiselite ist das Sammeln von Briefmarken in der Tat eine sehr unwirtschaftliche Betätigung. Andererseits sind die Einstiegskosten so gering, dass es auch nicht viel kostet, Für den Preis eine semi-professionellen digitalen Kamera oder auch eines aktuellen iPhones kann man sich mit philatelistischen Material für eine Dekade ausstatten. Bleibt die Frage, was man damit will.

Möglicherweise kann man mit der Bibliothekswissenschaft kann eine Antwort finden. Briefmarken sind hochdichte Informationsträger und Zeugnisse. Genauso wie andere Publikationen lassen sie sich sie sammeln, erschließen und verfügbar machen. Die Ebene des Sammelns ist die traditionell ausgeprägteste. Mit Album, Vordruckblättern und Michel-Katalog saßen jahrzehntelang die Sammler und in geringerem Maße Sammlerinnen an Sonntagnachmittagen in ihrer Wochenendstille und versuchten alle Marken, die in einem bestimmten Land oder zu einem bestimmten Motiv erschienen sind, zusammenzutragen, einzusortieren und somit für sich zu bewahren. Es ging um Vollständigkeit und eine der schönsten Seiten diese Tätigkeit war mutmaßlich ihre inhaltliche Leere, die so regenerativ wirkte wie anderen ein stundenlanges Warten an einem Waldsee auf einen anbeißenden Fisch.

Die zweite Dimension, also die Erschließung, verweist auf eine inhaltliche Auseinandersetzung mit einzelnen Objekten und zwar über die bloße Registratur nach Katalognummer hinaus. Man achtete darauf, wer eine Marke entworfen hat, welche Ereignisse sich mit einer Ausgabe verbanden und betrat damit einen deutenden Raum, wenngleich nicht zwingend einen interpretativen und kommunikativen. Die Briefmarke wurde immerhin zum Zeichen, dass auf etwas außerhalb ihrer bloßen Objekthaftigkeit verweist und dass sich zu lesen lohnt. Sie spiegelte Welt und erwies sich als Zugangsmedium zu dieser, das umso mehr an Aussagekraft gewinnt, je mehr man sich der Bedingungen ihrer Produktion und Zweckzuschreibung befasst.

Diese Funktion erfüllt sie nach wie vor, auch wenn die traditionelle Form der Ausstellung von Briefmarken in entsprechend komponierten Schautafeln auf Briefmarkenausstellungen, also in etwa einer Darstellungsform die man in der Wissenschaft von konferenzbegleitenden Postersessions kennt, ihre Anziehungskraft weitgehend verlor. Diese Tafelkunde markiert einen Übergang zur dritten Interaktionsform mit dem Medium Briefmarken: dem Verfügbarmachen, das heute leichter mit digitalen Mitteln bewerkstelligt werden kann. Das Briefmarkensammeln als solitäres Hobby mag seine kontemplativen Reize haben, die allerdings, wie Stamped Out treffend herausstellt, nur noch in der Nische Lieberhaberinnen und Lieberhaber findet. Es wird aber wie alle Kulturartefakte nur überleben können, wenn eine Aktualisierung gelingt. Dafür braucht es Sichtbarkeit und Kommunikation.

Eine andere und aus meiner Sicht fruchtbarere Herangehensweise wäre folglich, Formen von Diskursen, vielleicht eine Art Social Reading von Briefmarken zu entwickeln, in denen diese mit ihrer Spezifität sowohl medial wie auch inhaltlich einer Rolle spielen können. Naheliegend sind hier design-theoretische und kulturwissenschaftliche Annäherungen. Twitter-Timelines wie Kitteclub zeigen, wie erfrischend, gegenwärtig und anziehend Briefmarken potentiell dargestellt werden können. Ein Diskurs ist das eher noch nicht. Aber Sichtbarkeit wird erreicht. Und er Aspekt der Freude an der Beschäftigung wird sehr unterstrichen.

Ein Problem der, wenn man so will, Diskursivierung der Philatelie könnte in der Abgeschlossenheit der bisherigen Kommunikationen zum Gegenstand liegen. Die Kanäle sind entweder die verkehrten oder sehr exklusiv. Sehr aussagekräftig ist zum Beispiel, dass viele der wenigen Aufsätze zur Philatelie, die sich im Web of Knowledge finden lassen, mit der Darstellung beispielsweise großer Mediziner auf Briefmarken befassen und irgendwo unter Vermischtes in den Zeitschriften der entsprechenden Wissenschaftsgebiete erschienen sind. Die Zitationshäufigkeiten für solche Nebenaufsätze liegen erwartungsgemäß oft bei Null.

Einschlägige philatelistische Fachpublikationen sind entsprechend oft zwar sorgfältig und quasi-wissenschaftlich aufgearbeitet – zumindest im monografischen Bereich – werden aber kaum aus dieser Warte gesehen. Zudem ist die Philatelie meist bestenfalls eine Feierabendwissenschaft, weshalb sie zwar als Disziplin gedacht aber nicht praktiziert werden kann. Es fehlt jegliche akademische Rahmung. Die wenigen philatelistischen Spezialbibliotheken kämpfen regelmäßig um ihren Erhalt.

Die Publikumszeitschriften dagegen versammeln recht breite, im besten Fall populärwissenschaftlich aufbereitete Artikel und Berichte, die sich als Nebenbeilektüre für die Sammler_innengemeinschaft eignen, meist jedoch so gut wie keinen Appeal für Außenstehende besitzen. Diese eigenartige Exklusivität, die man auch sehr auf den Briefmarkenmessen atmen kann, ist aus meiner Sicht einer der großen Gründe, warum die philatelistische Welt so sonderbar überholt wirkt, massenmedial oft in einer Linie mit dem Klischee der Bibliotheken mit ihren Attributen staubig und funktional obsolet.

Wie bei Bibliotheken stellt sich auch für die Philatelie die Herausforderung, sichtbar zu vermitteln, dass das historisch gewachsene und sich verhärtete Abziehbild eines bestimmten Typus nicht zwingend der Realität entsprechen muss. Gerade der Schwung, der mit der Visualisierung von Kommunikation und zum Beispiel der Erblühen der Bildtheorie, spürbar ist, lässt sich sehr gut auf das Medium der Briefmarken anwenden. Alles was man tun muss, ist Briefmarken als Text bzw. als semiotische Objekte zu begreifen.

Ihre Narrativität ist naturgemäß sehr begrenzt. Sie sind Funktionstexte, bei denen ein Aussagegehalt in einer formal hochbegrenzten im Detail aber erstaunlich variablen Form eigentlich sehr erstaunlich an eine andere Objektfunktion – der Freimachung einer Postsendung – gebunden werden. Sie sind Träger sowohl von Metadaten (einerseits des Funktionswerts als Postwertzeichen, andererseits einer geographischen und unmittelbar bzw. mittelbar zeitlichen Einordnung) sowie einer inhaltlichen Bedeutungsebene, nämlich dem Motiv. Hinter diesem steht meist ein Ausgabeanlass, mindestens jedoch die Feststellung, dass die zuständigen Stellen dieses konkrete Thema zu einem bestimmten Zeitpunkt für einen repräsentierenden Kommunikationsakt ausgewählt haben. Der Kern dieses Aktes ist auf der elementarsten Ebene: Das konkret Gezeigte ist adäquat und typisch genug, um als Repräsentation einer bestimmten Vorstellung in die Welt geschickt zu werden. Selbstverständlich spielen auch Aspekte der Verkaufbarkeit eine Rolle, was zu einem Mangel an negativ besetzten Motiven führt. Und wenn, dann mitunter nicht sehr klug. Für die in dieser Hinsicht sehr interessante Ausgabe zur Topographie des Terrors wurde zum Beispiel unglücklicherweise der Postkartenwert von 45 Cent gewählt, was sie für den Hausgebrauch (=Urlaubspost) im Jahr 2017 fast disqualifiziert. Ein Bestseller wurde die Marke naturgemäß nicht.

Die enge Bindung des Motivs an ein konkretes Land – bzw. im Bereich der modernen Privatpost oft an eine bestimmte Region – rückt das Phänomen der Briefmarkengestaltung also in den Kontext einer, wenn auch sehr niedrigschwelligen, Geschichts- und Identitätspolitik. Wenn sich so etwas wie Leitkultur an einer Stelle abbildet, dann hier. So widmen sich die aktuellen Briefmarkenausgaben der Deutschen Post zwei idyllischen Landschaftsdarstellungen (Badische Weinstraße und Markgräflerland), einem sehr einschneiden Ereignis aus der deutschen Fernsehgeschichte (Das Millionenspiel), der Tradition der deutschen Antikenforschung (300. Geburtstag Johann Joachim Winckelmann) sowie einer Würdigung der gesellschaftlichen Wirkung der katholischen Kirche (50 Jahre Justitia et Pax). An alle diese Ausgaben kann man die Fragen stellen, wofür genau die Motive stehen, warum sie 2017 als relevant erachtet werden und wie sie grafisch umgesetzt sind. Sie spiegeln, wenn auch in einem Zerrspiegel, die Gegenwart mit ihren Werten und ästhetischen Vorlieben. Richtet man die Fragen an ältere Ausgaben, erzählen diese folglich viel über eine Vergangenheit. Je mehr Hintergrundwissen man erwirbt, je besser man sie zu lesen lernt, desto komplexer werden diese Geschichten.

Briefmarke Japan General Library, Kansai University.

Briefmarke Japan General Library, Kansai University.

Selbstverständlich kann man in der gleichen Weise eine Briefmarke befragen, die unlängst in meine Sammlung zur Bibliophilatelie fand. Leider – Stichwort Hintergrundwissen – erweist sich ihre Geschichte, die allein auf der Dechiffrierung des vorliegenden Objekts beruht, als eher flach.

Die aus Japan stammende Ausgabe zeigt die Hauptbibliothek der Universität von Kansai (関西大学総合図書館) und zwar getreu lokaler ästhetischer Präferenzen zur Zeit der Baumblüte. Das Idealbild wird durch den makellos blauen Himmel verstärkt. Ein kleine Gruppe Menschen ist mit etwas Abstand zum Eingang konzentriert als wartete sie auf eine Führung durch die Bibliothek oder über das Gelände. Die Szenerie ist idyllisch, keinesfalls dramatisch und harmoniert recht gut mit der sachlichen Architektur des Hauses. Das spektakulär auskragende Vordach über dem Haupteingang der Bibliothek erkennt man aus dieser Perspektive und Auflösung nicht und erahnt es nur, wenn man von seiner Existenz weiß.

Die Gestaltung der Marke und vor allem die Druckqualität lassen zugleich sofort erkennen, dass es sich bei dem Exemplar nicht um eine offizielle Ausgabe der japanischen Post sondern um eine selbst gestaltete Marke handelt, wie sie auch die Deutsche Post mit ihrem Dienst der „Briefmarke Individuell“ ermöglicht. Traditionelle Sammler verabscheuen solche Angebote meist zutiefst, da sie der auch von Eugene L. Meyer beklagten Briefmarkenflut („It is all just too much, even for the die-hards.“) noch einen völlig unüberschaubaren Ozean an individualisierten Postwertzeichen hinzufügt. Dieser als zusätzliche Einnahmequelle der Postdienstleister in vielen Ländern eingeführte Dienst sorgt jedoch für eine interessante und bisweilen sehr unterschätzte Wendung der philatelistischen Kultur, da er die Briefmarkengestaltung im Prinzip demokratisiert. Diese Marken verhalten sich zu den offiziellen Ausgaben in etwa wie Zines zu Verlagspublikationen. Und wie die Zines bleiben sie außerhalb jeder systematisierten Verzeichnis- und Archivierungskultur. Was das Phänomen eher noch spannender werden lässt.

Jeder kann nun, womöglich auch aber erfahrungsgemäß nicht zwingend motiviert durch ein Mimikry der traditionellen Exzeptionalisierung des Gezeigten durch das Zeigen, ein Motiv seiner Wahl zu einem zugelassen Postwertzeichen werden lassen. Aufgegriffen wird dies u.a. auch in der politischen Kunst. Im vorliegenden Fall der Kansai-Ausgabe wählte man den 1985 eröffnete Neubau der Universitätsbibliothek als Motiv. Verwendung fand vermutlich eine in ähnlicher Form bereits publizierte Fotografie, also denkbar eine offizielle Aufnahme aus dem Archiv der Hochschule. Daher ist davon auszugehen, dass die Einrichtung auch Auftraggeberin dieser Ausgabe war. Über den Ausgabeanlass und Verwendungszusammenhang der Marke ist leider nichts bekannt. Bemerkenswert ist jedoch, dass mit diesem Neubau auch in gewisser Weise die Hinwendung zur Digitalisierung an der Bibliothek eingeleitet wurde, ein Trend, der Phänomene wie individualisierte Briefmarken überhaupt erst technisch realisierbar macht. So schließt sich zumindest über Umwege ein Kreis. Zugleich ergänzt diese individualisierte Bibliotheksbriefmarke eine etwas vernachlässigte Nische in meiner Sammlung zur Bibliophilatelie.

Berlin, 01.10.2017

(Ich danke Takao Kobayashi für Informationen zur Kansai-Ausgabe.)

Pour une historie alternative de l’autoroute de l’information. Ein System, das vor dem Internet wie das Internet war, aber anders und französisch. (Ce n’est pas rien.)

Posted in LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 19. September 2017

Zu: Julien Mailland ; Kevin Driscoll (2017). Minitel: Welcome to the Internet (Platform Studies). Cambridge ; London: The MIT Press, 2017

Karsten Schuldt

 

Minitel (Médium interactif par numérisation d’information téléphonique) war ein in den 1980ern und 1990ern in Frankreich etablierter interaktiver Dienst, vergleichbar (aber weit massiver verbreitet) mit dem BTX in Deutschland. Auf der Basis von Videotext-Standards, Millionen kostenfrei abgegebener Terminals und einer Struktur, die Interaktionen – vor allem die Auswahl von Optionen und Chats, aber auch Spiele oder Zugriff auf Datenbanken – ermöglichte, versuchte der französische Staat einen eigene Computerindustrie zu fördern, die eine führende Rolle in der Welt einnehmen sollte (was nicht geklappt hat) und machte Frankreich in einer Zeit vor dem Internet zum “vernetztesten” Land der Welt. Und zwar nicht nur in Hochschulen und Industrie, sondern auch im privaten Bereich.

Minitel als Gegenbeispiel zum Internet

Es gibt offenbar eine Tendenz in der Geschichtsschreibung zum Internet, Minitel als gescheitertes Experiment abzutun, welches gerade darunter gelitten hätte, dass es massiv staatlich reguliert war. Minitel wird – so zumindest die Aussage der Autoren des zu besprechenden Buches – vor allem als Beispiel dafür angeführt, dass staatliche Intervention Innovationen unmöglich machen würden und dieses dem (vorgeblichen) Vorgehen in den USA, auf Innovationen von Seiten der Wirtschaft zu setzen, welches viel erfolgreicher wäre, gegenübergestellt.

Mailland und Driscoll – die zusammen auch das Minitel Research Lab an der Indiana University in Bloomington betreiben – unternehmen in ihrem Buch zwei Dinge: Einerseits erzählen sie die Geschichte von Mintel (das in den späten 1970ern geplant, bis 1984 auch in die letzten Ecken Frankreichs ausgerollt war und erst 2012 abgeschaltet wurde), andererseits widersprechen sie den offenbar gängigen Erzählungen über das Entstehen und Funktionieren des Internets. Abgesehen davon, dass auch das Milieu des Silicon valley erst durch staatliche (und militärische) Förderung entstehen konnte, sei das Projekt Minitel gerade doch erfolgreich gewesen, da es zwar die Infrastruktur staatlich organisierte, aber die Nutzung in private Hände gab und das Entstehen von kommerziellen Angeboten explizit beförderte (zum Beispiel mit der Publikation von Forschung zur Mensch-Maschine-Interaktion oder Usability). Der zweite Punkt wird immer wieder sehr auf die US-amerikanischen Diskussionen bezogen, was als Schwäche des Buches zu benennen ist. Dennoch sind die Anmerkungen der Autoren zu alternativen Geschichten und Interpretationen immer wieder auch anregend.

Plug n Play

Die Geschichte von Minitel wird in diesem Buch mehrfach erzählt. Als technische Plattform geht es um Standards, Entscheidungen über Hardware etc. Minitel kam in die französischen Haushalte als (kostenfrei geliefertes) Gerät, welches man Plug-n-Play zwischen Telefon und Telefonbuchse schaltete und dann praktisch sofort nutzen konnte. Diese Geräte waren wenig mehr als Terminals (mit monochromen Bildschirmen und Tastatur), die Infrastruktur im Hintergrund – von der französischen Post betrieben – war umfangreicher. Die Post kontrollierte die Technik und auch den Zugang für Anbieter von Diensten im Minitel-Netz (dem Télétel), gleichzeitig bot sie eine einfache Form der Abrechnung: Bezahlte wurde pro Minute, die jemand das Netz nutzte, wobei es unterschiedliche Tarife für unterschiedliche Dienste gab. Die Kosten standen auf den Telefonrechnungen, die Post leitete den Grossteil des Geldes an die Anbieter weiter und behielt einen Teil. Damit gab es schon von Beginn an eine verlässliche Bezahlstruktur; etwas, so Mailand und Driscoll, dass im Internet immer noch Kopfzerbrechen bereitet.

Un réseau électronique et français

Gleichzeitig wird Minitel als Geschäftsfeld beschrieben. Abgesehen von den Hoffnung der französischen Regierung, eine Computerindustrie zu schaffen, gab es auch die Hoffnung, dass Minitel einen einfachen Zugang zu einen neuen Markt bieten würde. Und dies, so wieder die Autoren, gelang Minitel sehr gut. In seiner Höchstzeit seien mehrere 10.000 Dienste aktiv gewesen, die sich über einen guten Zeitraum finanziell trugen. Gleichzeitig war in diesen Markt die Struktur der französischen Kultur eingeschrieben: Zentralisierung, Copinage, Kontrolle bei staatlichen Einrichtungen (z.B. für einen Zeit die Notwendigkeit, eine Bestätigung des inspecteur général eines Departements zu erhalten, dass ein neu zu gründender Dienst zugelassen sei, um die Server dieses Dienstes an das Télétel anschliessen zu können), Aktivitäten an den Rändern. Dies stellen Mailand und Driscoll dar, vertreten aber auch die Meinung, dass dies nicht per se schlechter wäre, als im heutigen Internet. Sie argumentieren, dass Minitel als Plattform in diesem Zusammenhang eher mit Facebook, Apple oder Youtube zu vergleichen sei. Hier gäbe es zum Beispiel auch Entscheidungen darüber, welche Inhalte gezeigt oder gelöscht werden. Aber anders als bei Minitel, wo diese Entscheidungen von staatlichen Akteuren getroffen wurden, die wiederum unter Beobachtung der Öffentlichkeit stehen und zur Not vor Gericht belangt werden können, sei dies bei heutigen Plattformen, die als Firmen organisiert sind, nicht möglich. Die Autoren insistieren darauf, dass es offenbar unterschiedliche Formen von „Freiheit“ (im Sinne von Freier Rede) und „Zensur“ gibt, die in ihrer Komplexität wahrgenommen werden müssen. Sie sagen es nicht offen, aber es ist offensichtlich, dass sie öffentliche belangbare Institutionen als Gatekeeper bevorzugen.

Obwohl auch die Presse (nach anfänglichen Kampagnen gegen den Minitel) oder Banken (auch wegen der relativ sicheren Zahlungsweisen, die der Minitel zuliess) und viele weitere Firmen Services über Minitel anboten, waren es – wohl wenig überraschend – gerade erotische Dienste, vor allem Chats (messageries rose), die kommerziell erfolgreich waren. Die Autoren gehen in einem ganzen Kapitel auf diese Dienste ein, die über ihre massive Plakatwerbung auch dazu beigetragen hätten, dass sich die Minitel in der französischen Öffentlichkeit etabliert hätte (in einem anderen Kapitel beschreiben sie zum Beispiel Popsongs, Bücher und Filme, die den Minitel als Teil des französischen Alltags in den späten 80ern und frühen 90ern darstellen). Allerdings verwenden sie auch einen Grossteil dieses Kapitels darauf, die Unterschiede zwischen der französischen Gesellschaft (in der Erotik, wenn auch vor allem heteronormative, normaler Bestandteil sei, der – trotz einiger konservativer Stimmen – keine moral panics hervorrufen würde) und der US-amerikanischen Gesellschaft (wo Erotik zwar vom Prinzip der Meinungsfreiheit geschützt, aber viel mehr verpönt sei und halt Gegenstand von moral panics wäre) zu diskutieren. Für die Leserinnen und Leser ausserhalb der USA (vor allem im deutschsprachigen Raum, der sich zwar etwas, aber nicht so sehr von Frankreich unterscheidet) sind diese Abschnitte wenig interessant. Hier merkt man den Fokus des Buches sehr.

Die gleichen Dienste, vorher, französisch, alternativ

Der Minitel war offenbar tatsächlich für 10-15 Jahre so in das französische Leben integriert (und hatte auch noch 2012, als das Netz abgeschaltet wurde, rege Nutzerinnen und Nutzer), dass er einen Einfluss hatte, dem wir heute dem Internet zuschreiben würden. Auch hierzu existiert ein Kapitel, welches anhand von Beispielen aufzeigt, welche vorgeblich für das Internet erfundenen Dienste schon ein Vorbild im Minitel-Netz hatten.

Das Buch ist erfreulich lebendig und kurzweilig geschrieben, dafür, dass es ein ganz technisches Buch hätte werden können.1 Es lebt vom Enthusiasmus der Autoren für ihr Thema und für ihre These, dass eine ganze Reihe der Annahmen darüber, was für das Entstehen von digitalen Diensten gut und richtig wäre, nicht so eindeutig sind, wie sie scheinen, wenn sie nur mit dem Beispiel Internet / Silicon Valley begründet werden. Sie argumentieren nicht unbedingt dafür, den französischen Zentralismus überall einzuführen, aber ihre Sympathien liegen schon bei Ansätzen, die auch Alternativen zur jetzigen Governance des Internet andenken. Zugleich erzählen sie die Geschichte eines doch, im Rahmen, erstaunlich erfolgreichen technischen Systems, dass immerhin für über 30 Jahre – eine Unzeit in Internetjahren – gut funktionierte.2

 

Fussnoten

1 Auch das in der gleichen Reihe Platform Studies erschienene The Future Was Here: The Commodore Amiga von Jimmy Maher (2012) schaffte dies für die Geschichte des Amiga. Wenn das auch für andere Titel der Reihe gilt, ist das nur als Qualität hervorzuheben.

Es gab übrigens sogar Pläne, mit dem Minitel die Grundlage für ein französisch-deutsches Netz neben dem amerikanischen Internet aufzubauen. Deshalb konnte der Minitel nämlich nicht nur é, è, á, à, â oder ç, sondern auch ä, ö, ü, ß ohne Umwege darstellen. Aber die Deutsch Post setzte auf BTX, Österreich auf MUPID. Das hat offenbar nicht sein sollen, aber es zeigt, was eine Alternative gewesen wäre.

Kann die Luftfahrtindustrie ein Vorbild für das wissenschaftliche Publizieren sein?

Posted in LIBREAS.Referate by Ben on 12. September 2017

Eine Kritik von Ben Kaden (@bkaden) zu

Toby Green: We’ve failed: Pirate black open access is trumping green and gold and we must change our approach. In: Learned Publishing. Early View. 6. September 2017 DOI: 10.1002/leap.1116 (Der Beitrag kann auch ScieneOpen diskutiert werden.)

Zusammenfassung

Ausgangspunkt der Argumentation ist die These, dass sowohl der goldene als auch der grüne Weg des Open Access mehr oder weniger als gescheitert gelten müssen. Eine grundsätzliche strukturelle Veränderung, wie sie die Bedingungen des digitalen Publizierens in der Wissenschaft erfordern, haben sie nicht bewirken können. In diese Lücke ist Sci-Hub mit seinem „Black Open Access“ eingedrungen und hat, so Toby Green, damit Tatsachen geschaffen, die die Bemühungen um Grün und Gold im Prinzip obsolet werden lassen. Die Ursache dafür sieht er darin, dass die notwendigen Änderungen im Publikationssystem nicht von allen sechs Stakeholdern – Autoren, Heimatinstitutionen der Autoren, Forschungsförderung, Bibliothekaren, Verlagen, Lesern – gleichermaßen mit getragen und abgestimmt („in concert“) umgesetzt werden.  Als Lösung schlägt er eine Änderung des Geschäftsmodells der Verlage vor. Diese sollten ihre Dienste, analog zum Vorbild der Fluggesellschaften, differenzieren. In dem skizzierten Szenario gibt es einen freien Read-Only-Basisdienst (gratis open access, vgl. Peter Suber, 2007) und Mehrwertdienste für die unterschiedlichen Stakeholder. Auf Autorenseite wären dies Dienste wie Peer Review und Lektorat. Auf der Leserseite könnten dies semantische Anreicherungen, Alert-Dienste und Impact-Messungen sein. Für Bibliotheken stellt sich Toby Green angereicherte Metadaten, Nutzungsberichte und Support-Services vor. Wissenschaftsförderer und Wissenschaftsinstitutionen könnten thematische Fachberichte kaufen. Toby Green spricht an dieser Stelle von einer Demokratisierung der Wissenschaftskommunikation („democrizing scholarly communications“). Durch den Read-Only-Basisdienst ist zu erwarten, so seine These, dass Sci-Hub überflüssig wird.

Kritik

Das Gedankenspiel ist in mehrfacher Hinsicht problematisch. Toby Green vernachlässigt, dass das System des Goldenen und auch des Grünen Weges für die Stakeholder über weite Strecken funktioniert. Die hohen wissenschaftsethischen Ziele diverser Erklärungen wurden nachweislich nicht eingelöst. Dennoch ist Open Access keinesfalls gescheitert und funktioniert in bestimmten Communities exzellent.

Sci-Hub wird zwar als Konkurrenz angesehen und auf dem Rechtsweg sowie diskursiv verfolgt. Die Popularität der Schattenbibliothek hat jedoch keinen Open-Access-Hintergrund aus wissenschaftsethischer Sicht sondern beruht unter anderem darauf, dass es einen Großteil der über DOIs adressierbaren Literatur an einer Stelle abrufbar macht. Relevant sind hierbei vor allem Closed-Access-Publikationen. Sci-Hub wird zudem erfahrungsgemäß auch oft für Inhalte genutzt, die lokal lizenziert sind bzw. bereits als Gold- oder Green-OA verfügbar sind. Dieser Aspekt der, wenn man so will, Kanalbündelung als Nutzungsanreiz wird in der Argumentation komplett unterschlagen.

Problematisch ist ebenfalls, dass die Mehrwertdienste für die Stakeholder nur als Schlagwörter benannt werden und wenig überzeugen. Ob Autoren beispielsweise bereit wären, für Peer Review zu bezahlen, ist völlig unklar und keinesfalls mit dem Bordverkauf in Flugzeugen zu vergleichen. Für andere Dienste wie Impact-Messungen gibt es bereits einschlägige Dienstleister und Angebote. Hier sind Angebote auf Ebene der Einzelpublisher angesichts des Charakters der Wissenschaftskulturen nicht sinnvoll da zu wenig aussagestark. Alert-Dienste bekommt man bei vielen Wissenschaftsverlagen bereits gratis. Sie sind dort als Teil des Vertriebs etabliert. Die Rolle thematischer Fachberichte übernehmen in vielen Forschungsbereichen so genannte Review-Article, die direkt in den Prozess der Wissenschaftskommunikation eingebunden sind. Inwieweit dies gesondert systematisiert werden kann und sollte, ist ein interessanter Punkt. In bestimmten Bereichen wie der Medizin existieren bereits spezialisierte Dienstleister mit genau diesem Ansatz.

Insgesamt ist die kritiklose Übernahme des Unbundling-Konzepts aus der Luftfahrtindustrie für die wissenschaftliche Kommunikation sehr fragwürdig und für dieses Szenario eher unpassend. Unterschlagen wird, dass bei dieser Praxis vielen Fällen ein erheblicher Komfortabbau und also Qualitätsverlust der, hier buchstäblich, Customer Journey festzustellen ist. In der Praxis sind die Wahlmöglichkeiten der Zusatzdienste oft sehr begrenzt und zugleich überteuert. Der Vorbildcharakter dieser Industrie ist aus Sicht von mindestens vier bis fünf der sechs Stakeholder im wissenschaftlichen Kommunikationssystem schwer nachvollziehbar.

Schließlich bleibt zu fragen, inwieweit das vorgeschlagene gratis Open Access tatsächlich in Einklang mit dem Konzept von Open Access zu bringen ist. Informationsethisch mag der reine und zugleich doch beschränkte Zugang einen Vorteil darstellen, da ein begrenzter Zugang besser als kein Zugang ist. Aus Sicht der Wissenschaftskommunikation, für die Open Access die gleiche Teilhabemöglichkeit alle Autorinnen an den kommunikativen Zyklen von Publikation über Rezeption bis Zitation darstellt, könnte die vorgeschlagene Variante die Situation sogar noch verschlechtern. Toby Green vernachlässigt hier also die Ansprüche und Bedingungen der Wissenschaftler als Kommunikationsgemeinschaft.

Zusammenfassend lässt sich festhalten: Es ist allen in diesem Feld Aktiven bewusst, dass Open Access bisher keine allgemeine überzeugende Form gefunden hat. Der Vorschlag von Toby Green weist jedoch aus den oben benannten Gründen keine fruchtbare Perspektive hinsichtlich einer denkbaren Lösung auf.

(Berlin, 12.09.2017)

Publikationsfreiheit.de, Open Access und Geisteswissenschaften.

Posted in LIBREAS.Debatte by Ben on 31. Juli 2017

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

I

Der Aufruf „Publikationsfreiheit für eine starke Bildungsrepublik“ (www.publikationsfreiheit.de) war unbestreitbar eine prägendes Ereignis der Debatten und Kontroversen vor allem aber nicht nur um das Urheberrechts-Wissensgesellschafts-Gesetz (UrhWissG). Er verfehlte allerdings, wie wir nun wissen, sein unmittelbares Ziel. Der Bundestag beschloss selbst angesichts der Unterschriften von Jürgen Habermas, Jürgen Osterhammel und Marlene Streeruwitz eine Neuregelung der Urheberrechtsschranken im deutschen Urheberrechtsgesetz, die dank eines Zugeständnisses an die Presseverlage kurz vor Beschluss die Reichweite der Schranken leicht begrenzen, punktuell ein paar Lücken schließen (Textmining) und sichert insgesamt die Situation, die sich aus den drei berühmten Körben der deutschen Urheberrechtsgeschichte ergab, in neuen Formulierungen. Dies bedeutet jedoch keinesfalls, dass der Aufruf nichts als diskursive Aquafitness war. Ganz im Gegenteil.

Das gilt in vielerlei Hinsicht. So dürfte die Vernetzung und Willensbildung im deutschen Verlagswesen und im Börsenverein des deutschen Buchhandels einen erheblichen Schub erfahren haben. Zugleich präsentiert er in hochkonzentrierter Form und im Zusammenhang mit anderen Quellen der absolvierten Urheberrechtsdebatte, wie öffentliche Auseinandersetzungen dieser Art mit welchen Narrativen unterfüttert öffentlich kommuniziert werden, wie sich welche Öffentlichkeit mobilisieren lässt und welche Akteure welche Kanäle zu aktivieren in der Lage sind. Wir wissen nun in gewisser Weise, wie vital die Beziehungen zwischen Verlagen und ihren Autorinnen und Autoren sind und wer für welche Botschaften besonders empfänglich ist.

Zugleich sind der Aufruf und seine Spuren aber auch als diskursgeschichtliche Forschungsdaten hochinteressant. Glücklicherweise ist die Seite mittlerweile auch im Internet Archive gesichert. Insbesondere die rege genutzte Möglichkeit, einen Kommentar zur Vorlage „Ich unterstütze die Publikationsfreiheit, weil…“ zu hinterlassen, kumulierte nämlich einen außerordentlichen und einzigartigen qualitativen Datenpool zu Einstellungsmustern in Verlagswesen, Wissenschaft und Kulturproduktion gegenüber aktuellen Entwicklungen im Publikationswesen und insbesondere im wissenschaftlichen Publizieren. Spätere Analysen zum Medienwandel und seinem Echo in den 2010er Jahren werden darauf dankbar zurückgreifen. Wenngleich naturgemäß nicht repräsentativ, gibt das Material doch exemplarisch  Zeugnis zur Debattenkultur unserer Gegenwart. (more…)