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LIBREAS – Call for Papers: Post-Digital Humanities aus bibliotheks- und informationswissenschaftlicher Sicht

Posted in LIBREAS Call for Papers by libreas on 4. Mai 2016

Update: Aus mehreren Gründen, zu denen in nicht geringem Umfang die Leichtigkeit des Sommers gehört, wird der Call for Papers für die Ausgabe zu den postdigitalen Geisteswissenschaften bis zum 31. Oktober 2016 verlängert. In dieser Hinsicht unterscheiden wir uns von anderen aktuellen Calls aus dem Digital-Humanities-Umfeld und bleiben uns zugleich treu. Es können also nach wie vor Aufsätze, Rezensionen und andere Beiträge an redaktion@libreas.eu geschickt werden. Wir freuen uns darauf, grüßen herzlich und wünschen schöne Spätsommertage.

Ihre / Eure LIBREAS-Redaktion, 31.08.2016


“[C]omputational technology has become the very condition of possibility required in order to think about many of the questions raised in the humanities today.”

David M. Berry (2011): The Computational Turn: Thinking about the Digital Humanities, S.2

 

a) Wer braucht die Digital Humanities?
Ein Ballon schwebt über der Landschaft der Geisteswissenschaften. Er trägt die Aufschrift “Digital Humanities” und führt bei denen, die ihn sehen, zu unterschiedlichen Reaktionen. Einige sind begeistert und laufen ihm nach. Andere sind verschreckt. Wieder anderen erscheint er unerreichbar. Und schließlich gibt es noch die, die ihn gleichgültig seiner Wege ziehen lassen.

Vielleicht handelt es sich aber auch nur um ein Trugbild. Unverkennbar arbeitet heute nahezu jede Geisteswissenschaftlerin und jeder Geisteswissenschaftler mit digitalen Werkzeugen. Das Verfassen, Publizieren, Kommunizieren und Visualisieren von Wissenschaft ohne digitale Werkzeuge ist im 21. Jahrhundert schlicht unmöglich. Handelt es sich dabei bereits um Digital Humanities? Das ist fraglich.

Werden andererseits aber digitale Werkzeuge, die forschungsunterstützend wirken und eine Art “Laborifizierung der Geisteswissenschaften” nach sich ziehen könnten (vgl. zu dieser These auch diesen Beitrag), zum allumfassenden akademischen Alltag wie Textverarbeitungs- und E-Mail-Software? Auch das scheint unwahrscheinlich.

Wahrscheinlicher ist, dass sich etwas zwischen diesen Polen als zielführend herausstellt: digitale Anwendungen setzen sich dort durch, wo sie einen konkreten Bedarf bedienen und eine nennenswerte Verbesserung der wissenschaftlichen Arbeitsbedingungen beziehungsweise Erkenntnisbedingungen versprechen. Die Erfindung des digitalen und damit schnell und ortsunabhängig im Volltext durchsuchbaren Bibliothekskatalog beispielsweise stellte einen grundsätzlichen Schritt für eine effiziente Informationssuche dar und ist heute Standard aller Bibliotheken. Er ist natürlich zugleich ein Arbeitswerkzeug der Geisteswissenschaften. Als Baustein der Digital Humanities wird er dagegen selten benannt und wahrgenommen.

Für die kommende Ausgabe von LIBREAS stellen wir u.a. gerade deshalb die Frage: Welche Rolle können Informationseinrichtungen wie Bibliotheken und Informationsspezialisten innerhalb des Digital Humanities-Spektrums übernehmen? Bleiben sie bei ihren Aufgaben des Sammelns, Erschliessens und Anbietens? Oder gehen sie darüber hinaus? Es gab in den letzten Jahren mehrere Projekte in die Richtung des „Heraustretens“ – aber was ist aus ihnen geworden? Viele Projekthomepages sind heute verwaist, was üblich ist – aber gibt es feststellbare langfristige Nachwirkungen der Projekte selbst? Oder ist eine solche aktivere Rolle nur ein Wunschdenken der Bibliothekarinnen und Bibliothekare und die Forschenden begnügen sich eigentlich mit besseren Zugriffen auf (digitalisierte) Bestände?

Wer die Digitalisierung der Geisteswissenschaften mitgestalten will, sollte Bedarfe identifizieren und Angebote entwickeln und vermitteln, die auf diese Bedarfe passen. Um den Ansprüchen der Wissenschaft zu genügen, sollte dies systematisch und erkenntnisorientiert geschehen. Es gibt bereits eine Disziplin dafür, die sich freilich dieser Aufgabe auch bewusst widmen (wollen) muss: die Bibliotheks- und Informationswissenschaft. Und diese muss vermutlich als Erstes die Frage nach dem Bedarf konkretisieren: Um wessen Bedarfe geht es? Die der Einrichtungen, die der Forschungsfördereinrichtungen oder die von Forschenden? Oder gar die der Gesellschaft?

b) Digital Humanitäres – Label oder wissenschaftliche Revolution?

Das Konstrukt Digital Humanities mit dem Bemühen um den Status als eigene Disziplin, was sich unter anderem in der Benennung von einigen interdisziplinären Lehrstühlen manifestiert, soll bekanntlich inter- oder transdisziplinäre Kooperationen ermöglichen. Die unvermeidliche Kooperation mit der Informatik ist dabei eher formaler oder methodischer Natur und inkludiert kein gemeinsames Forschen. Aber erforschen die verschiedenen Geisteswissenschaften unter dem Titel DH überhaupt gemeinsame Phänomene oder Objekte? Die Einführungsliteratur zur DH betont gerne, dass sich der Begriff auf (a) den Einsatz von Methoden, (b) auf Digitales als Untersuchungsobjekte und (c) auf das Leben mit dem Digitalen als Untersuchungsgegenstand bezieht. Aber wird damit nicht ein gemeinsames Label auf viel zu unterschiedliche Forschungsfragen und -praxen bezogen? Was bringt das Label bei diesem Umfang noch und vor allem, wie sollen Bibliotheken und ähnliche Einrichtungen damit umgehen?

Es scheint, als sollten unter dem Label “Digital Humanities” unterschiedliche und teilweise unvereinbare Akteure und in vielen Fällen auch mit einem Revolutionsversprechen zusammengeführt werden. Das Neue steht vor der Tür und trägt derzeit ein glitzerndes Shirt auf dem Big Data, gern vor einer Cloud, steht. Das sieht en vogue aus, ist aber nicht immer zwingend sinnvoll. So bleibt offen, ob das Anliegen eines unifizierenden trans- und disziplinären Überbaus unter der Bezeichnung “Digital Humanities” überhaupt tauglich sein kann, um die mannigfaltigen Verschiebungen im Bereich der digitalen Wissenschaft zu umfassen. Brauchen wir das Label “DH”?

Eine erste Unklarheit taucht im deutschsprachigen Raum bereits bei der Übersetzung und den damit verbundenen Aktivitäten dieser „Wissenschaft“ auf. Umfasst dieses Label nun die Digitalisierung (Digitalization) von beispielsweise Kulturobjekten oder eher die Einführung EDV-basierter Arbeitsprozesse (Digitization)? Die tatsächliche Forschungspraxis, also die Studien, die unter diesem Label publiziert werden, scheinen eher in eine andere Richtung zu deuten. Oft wird in kleinen Forschungsgruppen, teilweise auch alleine, an Einzelfragen gearbeitet, häufig an einzelnen oder wenigen Digitalisaten. Ist das nun eine Revolution? Oder nicht doch eher eine Weiterentwicklung, aber weniger, wie etwa in den Naturwissenschaften, zu einer „datengetriebenen“ Forschung, sondern zu einer Forschungspraxis, deren konkrete Ausgestaltung noch grundsätzlich zu klären wäre?

c) Die Bibliotheken als Ort oder als Zulieferer für die Digital Humanities?

Sicher können Bibliotheken und die Bibliotheks- und Informationswissenschaft Rollen und Aufgaben übernehmen, die als Digital Humanities gekennzeichnet werden. Aber ist die Bibliotheks- und Informationswissenschaft nicht sogar die genuine digitale Geisteswissenschaft? So lässt sich jedenfalls eine denkbare These fassen. Und eine zweite ergänzt, dass sie dies ganz natürlich tun kann, da zumindest die Gegenstandsseite vieler Geisteswissenschaften sowie die Digitalisierung dieser Forschungsobjekte von vornherein von Bibliotheken verwaltet und gesteuert wurde. Sie bieten also Material, Literatur und Infrastruktur. Böten sie auch die Analysewerkzeuge, also das “Labor”, schlösse sich der Kreis. Dies wurde bereits initiiert, beispielsweise mit der Digitalen Forschungsplattform des Hathi-Trusts. Aber – genauso wie bei anderen Virtuellen Forschungsumgebungen – stellt sich die Frage, welcher konkrete Nutzungsmöglichkeiten damit verbunden sind und ob eine Weiterentwicklung sinnvoll wäre. Entsprechen diese Angebote tatsächlich dem, das Forschende – die zumeist auch selber in ihren eigenen Arbeitsumgebungen mit digitalen Werkzeugen umgehen können – wollen und nutzen, oder eher etwas, von dem sich vor allem die Forschungsfördereinrichtungen und die Bibliotheken als Anbieter wünschen, dass sie es täten?

Gleichzeitig stellen sich Bibliotheken mit solchen Projekten in ein Konkurrenzverhältnis. Dass sie Digitalisieren können ist richtig. Aber das heisst nicht, dass Forschende in ihren Projekten nicht auch en masse selbst Digitalisieren. Dass Bibliotheken Infrastrukturen zur Verfügung stellen können ist ebenfalls richtig. Aber ebenso realisieren Forschende selbst immer mehr digitalen Infrastrukturen für sich selber oder ihre Community. Was ist daraus zu lernen? Sollen Bibliotheken die Forschenden verstärkt adressieren oder soll man entsprechende Bemühungen von Bibliotheken besser zurückfahren? Und für Bibliothekswissenschaft lautet die Frage: Wie soll man dieses Phänomen untersuchen?

d) Die Post-Digital Humanities als Idee

Betrachtet man die Entwicklung der Wechselbeziehung von Digitalität und Gesellschaft, so erkennt man, dass sich viele Bereiche längst in einem Zustand befinden, den man als zum Postinternet gehörig beziehungsweise als postdigital bezeichnen kann. Insofern liegt es nahe, einen Begriff der “Post-Digital-Humanities” – als die Zeit nach den großen Versprechen, in der die DH in den Allgemeinbetrieb übergeht – analog zur “Postinternet”-Kultur ins Spiel zu bringen. Die Chance in eines solchen, eventuell, Gegenlabels, liegt in der Öffnung eines dekonstruktiven und damit das Selbstverständnis hinterfragenden sowie zugleich voranbringenden Ansatzes. Denn ein allen Geisteswissenschaften gemeinsames Merkmal ist der Diskurs, der auch das Hinterfragen der eigenen Methoden beinhaltet. Daher entscheiden wir uns sehr bewusst für diese Bezeichnung sowohl zur Bestimmung des gegebenen Zustands als auch als, hoffentlich, Bezugspunkt und Auslöser für entsprechende Reflexionen.

Postdigitale geisteswissenschaftliche Arbeit ist also eine wissenschaftliche Praxis, die sich unter dem Einfluss und auch mit den Mitteln digitaler Technologien, Netzwerken und Kultureffekten vollzieht. Das Spektrum reicht von n-gram-Analysen über große und kleine Digitalisierungsprojekte bis zu Altmetrics, beinhaltet also in etwa all das, was in der vordigitalen Wissenschaft nicht umsetzbar, oft nicht einmal konzipierbar war. Damit lässt sich die Reflexion sinnvoll über das engere Feld der DH-Anwendungen erweitern, das de facto vor allem im Bereich der Analyse großer Datenmengen, beispielsweise der Korpuslinguistik oder auch der digitalen Mustererkennung für die Kunstgeschichte ihre sichtbarsten Konkretisierungen erfährt.

Wir versuchen zu ergründen, wie sich Bibliotheken in diesem Komplex positionieren (können), wie sie entsprechende Bedarfe ansprechen (können) und welche theoretischen Grundlegungen diese Anwendungspraxis aus der Bibliotheks- und Informationswissenschaft erwarten kann. Dabei muss berücksichtigt werden, dass die Digital Humanitäres seit ihrer Etablierung als Diskurs immer von Kritiken begleitet werden, auf die sie bislang nur bedingt Antwort geben können. Beispielsweise besteht die Gefahr auf Strukturen aufzubauen, die so nur im Globalen Norden vorhanden sind, ohne dass diese Rahmung informationsethisch reflektieren wird. Auch können die Digital Humanities bislang kaum auf den Einwurf antworten, dass sie für kritische Forschungsmethoden und -fragestellungen, die aktuell große Teile der Geisteswissenschaft prägen, kaum Hilfestellungen geben. Das Distant Reading, also die Analyse großer Corpora, scheint das Close Reading von Dokumenten beispielsweise für post-koloniale Fragen oder Fragen der Konstitution von Subjektidentitäten kaum ersetzen zu können.

e) Die Bibliotheks- und Informationswissenschaft als Meta-Akteurin

Schließlich wollen wir die Schraube noch weiterdrehen und fragen, inwieweit die Bibliotheks- und Informationswissenschaft mit ihrem Metafocus auf die Idee von Information, Wissen und Wissensvermittlung, selbst eine modellhafte, bewusst digitale Phänomene und Folgen reflektierende quasi postdigitale Geisteswissenschaft sein kann? Kann sie womöglich durch eine systematische Beschäftigung mit den Bedingungen, Möglichkeiten und Folgen digitaler Geisteswissenschaft zu einer allgemeinen Normalisierung des Verständnisses solcher Prozesse beitragen und damit zu einer Art “Leitdisziplin” für die Geisteswissenschaften werden?

Für die Ausgabe #30 von LIBREAS suchen wir Beiträge (Artikel, Essays, Kommentare, Ideen), die sich in diesem Reflexionsfeld bewegen und idealerweise auch aufzeigen, welche Rolle die in der jüngeren Vergangenheit tief verunsichterte Bibliotheks- und Informationswissenschaft in der und für die Landschaft der Geisteswissenschaften übernehmen könnte. Der Termin für Einreichungen ist der 31. August Oktober 2016 über die Adresse redaktion@libreas.eu.

Redaktion LIBREAS. Library Ideas

Berlin, Bielefeld, Chur, Dresden, München im Mai 2016

Das ist ja peinlich: Online Marketing in Blogs

Posted in Hinweise by Karsten Schuldt on 22. März 2016

Karsten Schuldt

Also, mir ist schon klar, dass es Marketing-Firmen gibt und das „originäres“ Marketing mit Bannern und Anzeigen nicht das bringt, was sich die Firmen, die Marketing betreiben, so wünschen. Menschen kaufen halt nicht alles, nur weil es eine Anzeige gibt. Zum Glück.

Mir war auch klar, dass deswegen einige – bestimmt nicht alle – Agenturen versuchen, sich virales Marketing zu kaufen. Halt keine Anzeige, sondern irgendwer mit Street Cred, die oder der ein Produkt „gut“ findet und das auf der jeweils eigenen Plattform verkündet. Ich würde argumentieren, dass die Street Cred spätestens weg ist, wenn sowas rauskommt – aber gleichzeitig verkaufen sich Dr. Dre-Kopfhören immer noch. Insoweit: Vielleicht ist meine Wahrnehmung auch falsch.

Trotzdem: Wir sind hier im Bibliothekswesen und der Akademie, da gibt es keine wirklichen Stars. Insoweit wäre ich nie auf den Gedanken gekommen, solche Marketing-Ideen würden mal in irgendeinem Postfach landen, dass zu mir führt. Aber siehe da: Doch. Landen sie. Wegen der LIBREAS kam letzte Woche eine solche Mail, garantiert als Massenmail geschickt. Aber ich finde, nicht nur ich sollte den „Spass“ haben, die zu lesen. Warum sollte der Rest der Leserinnen und Leser nicht wissen, was da so in Postfächern ankommt. (Die Mail ist anonymisiert, aber echt. Es geht nicht darum, jemand vorzuführen, sondern zu zeigen, was da für Mails eintreffen. Da wird Leuten also vorgeschlagen, dass sie ihre Glaubwürdigkeit für „Aufwandsentschädigung“, die „natürlich“ bezahlt wird, herzugeben, nur um irgendein Produkt anzupreisen. Weil es anders wohl nicht mehr geht. Ich finds peinlich, aber vielleicht stamme ich auch einfach aus einer anderen Zeit und bin unmodern. [Und kann es mir gerade leisten, nicht in Firmen zu arbeiten, die solche Mails verschicken. Zugegebenermassen.] Trotzdem hoffe ich, dass so ein Unsinn bald untergeht. Insbesondere finde ich es verwerflich, dass versucht wird, sowas als „confidential“ hinzustellen. Wenn eine Agentur bei einer Zeitschrift anfragt, ob sie Anzeigen schalten kann [noch ohne Ansage, für wen oder für wieviel Geld], würde das doch auch nicht confidential sein.)

Betreff: Zusammenarbeit mit libreas.eu

Von: […]

Guten Tag,

mein Name ist […] und ich wollte mich bei Ihnen erkundigen, ob Sie auf Ihrer Seite libreas.eu auch Gastbeiträge annehmen? Ich arbeite für eine digitale Marketing Agentur und wir sind stets auf der Suche nach Partnern. Ihre Seite ist mir ins Auge gefallen und ich kann mir eine Kooperation gut vorstellen.

Es handelt sich um einen Artikel mit Link zu unserem Kunden, der von einem unserer vielen Autoren individuell für Ihre Seite verfasst wird, sodass er zum restlichen Inhalt passt und den Lesern einen Mehrwert bietet. Der Link zu unserem Kunden ist dabei vollkommen natürlich in den Text eingebunden.

Natürlich zahlen wir für die Veröffentlichung des Artikel auch eine Aufwandsentschädigung.

Lassen Sie mich wissen, ob Sie interessiert sind, ich sende Ihnen gerne weitere Informationen zu.

Viele Grüße und einen guten Start ins Wochenende

[…]

Digital Outreach Agent

[…]@[…]

[Klein und in Grau gesetzt, vielleicht, damit es übersehen wird?] This message is private and confidential. If you have received this message in error, please notify us and remove it from your system.

If you no longer wish to receive emails from us, please click here.

Von Geeks und Büchertanten.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by libreas on 18. Februar 2016

Ein Kommentar von Juliane Waack (@Jules_McCloud)

Im Rahmen des #inetbib16, kurz für die 13. InetBib-Tagung in Stuttgart, die vom 10. bis 12. Februar stattfand, geisterte ein Zitat von Bernd Schmid-Ruhe, Leiter der Mannheimer Stadtbibliothek, durch die Twitter-Sphere: „Wir brauchen mehr Geeks und weniger Büchertanten.“

Diese Formulierung ist, gelinde gesagt, ungeschickt. Da kann man sich gegenüber kritischer Einwände jetzt ganz unelegant damit herausreden, dass es überspitzt formuliert wurde, also gar nicht so gemeint war, im Kontext ganz anders war und sowieso ironisch zu verstehen ist und überhaupt, versteht denn niemand hier Spaß?

Nun, Spaß schon, aber Sexismus eher weniger.

„Wir brauchen weniger Geeks und mehr Büchertanten“ ist also eine dieser Formulierungen, die für Diskussionen sorgen sollen. Nichtsdestotrotz sollte man selbst in diesen ankurbelnden Buzzword-triefenden TED-Talk-Aussagen Begriffe verwenden, die man auch so im normalen Diskurs verwenden würde, ohne sich danach erklären zu müssen.

Wer Stereotype und Klischees verwendet, ohne Alternativen zu nennen, der kann sie noch so ironisch meinen, sie werden sich weiterhin in den Köpfen festsetzen. Wer sich ein wenig mit der psychologischen Theorie dessen beschäftigen will, kann dazu tief eintauchen (etwa hier), denn insbesondere in den amerikanischen Rassismus-Debatten hat sich diese Thematik als sehr fruchtbares Studienthema herausgestellt. Um es kurz zu fassen: selbst die humoristische Verwendung von Stereotypen verunsichert die Personen, die davon betroffen sind, verändert ihr (natürliches) Verhalten und nagt außerdem am kulturellen Selbstbild. Zusätzlich sorgt das Auslassen einer Alternative dafür, dass es dennoch nichts weiter als dieses Stereotyp im Diskussionsrahmen gibt (und nein, der „Geek“ ist keine positive Alternative zur „Büchertante“, das wäre höchstens die „Digital Native Büchertante“).

Das wirklich Ärgerliche an der Unterscheidung zwischen „Büchertante“ und „Geek“ ist offensichtlich: das eine ist eindeutig einem Geschlecht zugewiesen, das andere eher nicht, wird jedoch vorwiegend und gerne für Männer verwendet. Sprich: Bibliothek und Bibliothekswissenschaft brauchen anscheinend mehr hippe coole Start-up, Silicon-Valley-Typen (an sich schon eine Einöde, was Diversität angeht) und soll sich von diesen lahmen Bibliothekarinnen verabschieden.

Die müssen sich in diesem Zusammenhang seit eh und je im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen mit Konnotationen auseinandersetzen, die durchgehend auf ihr Aussehen und ihre Rolle als entweder reizlose alte Jungfer oder übersexualisierte Männerfantasie konzentriert wird. Kompetenzen, Qualifikationen und Intelligenz werden nur marginal betrachtet, wenn man sich mit „Büchertanten“ auseinandersetzt und selbst dann sind sie der Grund, warum die „Tante“ noch Single ist (wer mag schon kluge Frauen, igitt).

Wer sich einmal die Rollen von Bibliothekar/innen in Film und Fernsehen ansieht, der wird schnell erkennen, dass vorwiegend Frauen in dem nicht sehr schmeichelhaftem Klischee-Korsett gefangen sind und das seit mehr als 60 Jahren, wie Julia A. Wells in ihrem Essay „The Female Librarian in Film: Has the Image Changed in 60 Years?“ (PDF) hervorhebt.

Bibliothekarinnen sind im popkulturellen Rahmen streng, freudlos und alleinstehend oder aber im krassen Gegensatz nur dazu da, mit knappen Outfits die Wünsche bzw. Fantasien der männlichen Besucher zu erfüllen. Kurzum: die Tätigkeit alleine suggeriert vielen ein frauenfeindliches Bild, das – wenn wir mal ehrlich sind – auch der Bibliothek und deren Wissenschaft keinen Gefallen getan hat und tun kann.

Wer (mit dieser Aussage ausschließlich) Frauen durch absurde Klischees und Stereotype einen Stempel aufdrückt und ihnen sowohl technisches Know-how, Zeitgeist als auch moderne Ansätze abspricht, der sorgt für eine wenig einladende Atmosphäre im Studiengang, der Wissenschaft und dem Berufsfeld. So sehr sich stolze „Büchertanten“ den Begriff zurückholen wollen, um ihn mit positiven Konnotationen zu besetzen (smart, belesen, organisiert und sozial), so sehr sabotiert ein derartiger Sprachgebrauch diese Bemühungen.

Wer heute noch abfällig das Wort „Streber“ in den Mund nimmt, offenbart sich ebenso als intellektuellenfeindlich wie sich ein „Büchertanten“-Denunziant als latent frauenfeindlich angreifbar macht (natürlich spielt bei derartigen Aussagen immer die Intention eine Rolle, gleichfalls stellt sich jedoch die Frage, warum ausgerechnet dieses Wort so locker auf der Zunge lag).

Wer die Bibliothek ins 21. Jahrhundert bringen möchte, der muss sich nicht der engagierten Wissenschaftlerinnen und Bibliothekarinnen entledigen, sondern der Hürden und elitären Ansätze, die scheinbar fortschrittliche, aber eigentlich völlig anachronistische Trend-Berater so von sich geben. Die Bibliothek braucht nicht mehr Geeks, sondern sie muss als Arbeitsplatz und als Wissenschaftsbereich attraktiver für intelligente und aufgeschlossene Menschen werden, die sozial und zukunftsweisend zugleich denken können. Dafür braucht es Anreize, die nicht nur per Nützlichkeitsmessung oder Image-Optimierung zu bestimmen sind, sondern vor allen Dingen einen Diskurs, der nicht mehr als die Hälfte aller Beteiligten mit derartigen, auf Abgrenzung zielenden Sprüchen vor der Tür stehen lässt.

(Berlin, 17.02.2016)

Bibliotheksgeschichte aktuell: Ein Blick auf Rafael Ball und Ideen zur Literaturversorgung im Jahr 1997.

Posted in LIBREAS.Debatte by Ben on 11. Februar 2016

Eine Anmerkung von Ben Kaden (@bkaden)

Man ist geneigt, in Rafael Ball, den Direktor der Bibliothek der ETH Zürich, nach seinen jüngsten Äußerungen einen nur mit begrenzter Bodenhaftung ausgestatten Radikaldenker des zeitgenössischen Bibliothekswesens zu sehen. Im Prinzip folgt er jedoch, und auch das muss man anerkennen, einer bibliothekstheoretischen Ideenwelt, die einmal sehr progressiv war. (Und, wir erinnern uns, gegen massive Vorbehalte ankämpfen musste.)

Deutlich wird dies ein wenig beim Blick in die Bestände mit Ausgaben der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Er verfasste für die Zeitung über einige Jahre nämlich mehr als 50 Artikel zu diversen Wissenschafts- und Bibliotheksthemen. In diesem journalistischen Schaffen lassen sich unschwer die Vorläufer dessen erkennen, was seine aktuellen Äußerungen heute motiviert. (more…)

Open Access zerstört die Wissenschaft. Meint Urs Heftrich in der FAZ.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Debatte by Ben on 5. Februar 2016

Eine Anmerkung zu: Urs Heftrich: Studieren geht über kopieren. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.02.2016, S. 14. online bei faz.net

von Ben Kaden (@bkaden)

Auch an einem schönen Freitag wie diesem gibt es manchmal traurige Nachrichten. In der FAZ nämlich meldet der Heidelberger Slavist Urs Heftrich: „Open Access macht alles kaputt – die Verlage, die Bücher, die Wissenschaft“. Das kann man erstmal so stehen und wirken lassen und sich an die seit Jahren verkündeten Untergangsentwürfe von Roland Reuss und Matthias Ulmer erinnern. Zweiterer gehört nämlich auch in diesen Kontext, da Urs Heftrich seinen Feuilleton gewordenen Albdruck mit dem mittlerweile berühmten Fall der elektronischen Leseplätze an der TU Darmstadt eröffnet.

Heute, so rechnet der Autor vor, können sich Studierende für den Preis eines USB-Sticks, den er bei fünf Euro ansetzt, 400.000 Seiten Digitalisat in die Tasche stecken, „hinter denen die oft jahrelange Arbeit mehrerer Personen steckt“, was auch immer das heißen mag. Aber nicht nur das. In Urs Heftrichs dystopischer Mediennutzungswelt werden diese Seiten dann von den Studierenden umgehend auf Filesharingseiten angeboten. Und dann? Na ja, dann rollt die „Lawine“, die wohl dafür sorgen wird, dass niemand mehr geisteswissenschaftliche Fachliteratur kauft, weil es so viel Freude bereitet, aus dem Internet schwarz heruntergeladene Scans zu lesen… (more…)

Stellungnahme des Vorstands des LIBREAS e.V. zur angekündigten Schließung der Düsseldorfer Informationswissenschaft.

Posted in LIBREAS aktuell by libreas on 21. Januar 2016

Mit großem Erstaunen musste der Vorstand des LIBREAS-Vereins zur Kenntnis nehmen, dass die Philosophische Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf das Fach und den Studiengang der Informationswissenschaft als entbehrlich ansieht. (vgl. hier) Wir halten diese Sicht für einen großen Fehler.

Bereits der tägliche Blick in die Zeitungen – auch in die gedruckten – offenbart vor allem eines: Die Gesellschaft, ihre Diskurse, ihr ökonomisches Fundament, ihre kulturelle Verständigung und ihr Erkenntnisprogramm namens Wissenschaft sind mehr und mehr digitalisiert. Man kann das mögen oder nicht, es ist ein unausweichbarer und unumkehrbarer Trend, der gerade deshalb umso mehr gestaltet werden muss. Besonders die gegenwärtige Hilflosigkeit vieler Akteure auch in der Wissenschaft im Umgang mit dieser Transformation unterstreicht, wie notwendig es ist, sich systematisch, analytisch, verstehend und erklärend mit digitalen Phänomenen auseinanderzusetzen, um die Rahmenbedingungen und Entwicklungen adäquat begleiten zu können.

Gäbe es für diesen Erkenntniskomplex keine Wissenschaft, müsste man eine erfinden. Glücklicherweise gibt es ein Fach, das bereits mit einiger Tradition als Schnittstellendisziplin genau die Agenda zu adressieren in der Lage ist, deren Wucht erst jetzt deutlich wird. Man kann die Community der Informationswissenschaft zu Recht dahingehend kritisieren, dass sie diese Rolle bislang nicht zureichend zu kommunizieren verstand. Man kann bzw. muss sich wünschen, dass sie zukünftig aktiver, kritischer und engagierter bestimmte Fragestellungen angeht und zum Beispiel die Idee der Informationsethik wieder belebt. Was man gerade nicht kann bzw. sollte, ist, sie abzubauen.

Die anstehende Düsseldorfer Entscheidung einer Schließung scheint uns ungeachtet eventueller interner organisatorischer Überlegungen als ein zeit- und wissenschaftsblindes Signal. Es ist aus unserer Sicht nicht vermittelbar, warum man anstatt eine derart zeitgemäße Disziplin weiter aufzuwerten, auszubauen und die offensive Neupositionierung des Faches anzugehen, eine Schließung überhaupt ins Auge fasst. Der Wissenschaftsstandort Düsseldorf verspielt hier leichtfertig eine Chance.

Möglicherweise gegebene Sparzwänge sind sinnvollerweise und zwar nicht zuletzt auch aus volkswirtschaftlichen Gründen, sachlich reflektiert und nicht rein fiskalisch motiviert umzusetzen. Was im Jahr 2016 sachlich für den Abbau einer Disziplin spricht, die die Themen der Stunde adressiert, wurde bisher nicht kommuniziert.

Der LIBREAS. Verein zur Förderung der bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Kommunikation appelliert an die Weitsicht und Vernunft des Fakultätsrates der Philosophischen Fakultät sowie des Rektorats der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, die für den kommenden Dienstag geplante Entscheidung auszusetzen und grundsätzlich zu überdenken.

Berlin, den 21.01.2016

(Die Stellungnahme wird postalisch an den Dekan der Philosophischen Fakultät,Prof. Dr. Ulrich Rosar, sowie an die Rektorin der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Prof. Dr. Anja Steinbeck, übermittelt.)

Kindheitswelten: Peanuts, Bibliotheken und Bürokratie

Posted in Die Bibliothek in der Literatur, LIBREAS.Feuilleton by libreas on 11. Januar 2016

von Juliane Waack (@Jules_McCloud)

Nach einem willkommenen Weihnachtsgeschenk in Form eines Bandes zur Geschichte der Charles-Schulz-Comics (Chip Kidd et al. (2015): Only what’s necessary: Charles M. Schulz and the art of Peanuts. New York: Abrams Comic Arts)  und einer daraufhin ausgiebigen Reise in die zahlreichen Lebenswelten des Cartoon-Strips stolperte ich alsbald über die nicht unerhebliche Zahl an Peanuts-Cartoons, in denen die Bibliothek und ihre Nutzung eine tragende Rolle spielen, sei es nun das Lesen von Büchern, das Konzept der Bibliothek oder der heißgeliebte Bibliotheksausweis, die Peanuts – wie wohl jedes andere prädigitale Kind – gingen zur „Bibo“.

Lesekultur der Peanuts (aus: Only what's necessary)

Leider enthält das wunderbare Comic-Geschichtsbuch „Only what’s necessary“ keinen der Bibliotheks-Strips der Peanuts. Die Handlung des Lesens ist jedoch allgegenwärtig, so auch in diesen beiden Reihen aus der Peanuts-Frühzeit des Jahres 1950. (aus dem zitierten Band)

Und auch im für Schulz sicherlich konkurrierenden, für Fans jedoch eher korrelierenden Calvin-and-Hobbes-Universum von Bill Watterson muss man nicht lange suchen, um die Vor- und Nachteile der Bibliothek als eine Lebenswelt des Kindes zu finden. Interessanterweise hebt sich in beiden Comicstrips ein ganz besonderes Thema hervor: die Idee der freien Nutzung der Bücher, die Mahngebühren und die Angst vor den mahnenden Bibliothekar/innen. Während Linus sich wundert, was die Bibliothek mit dem kostenlosen Verleihen der Bücher wohl im Schilde führt, schreibt ein verzweifelter Charlie Brown der Bibliothekarin, dass sie doch nicht seine Eltern einsperren möge, nachdem er ein Buch verloren hat. Auch Calvin erwartet die größte Folter und bemerkt – nachdem seine Mutter (im Gegensatz zu den Peanuts immer präsent) ihn über die tragbaren Mahngebühren aufgeklärt hat – trocken: „Nachdem mich die Bibliothekar/innen so angeschaut haben, habe ich irgendwie mit Schlimmerem gerechnet.“

Zugegeben, sowohl Calvin and Hobbes als auch die Peanuts erleben mehr als nur die Mahngebühren in ihrem Alltag mit der Bibliothek, doch wenn ich mich selbst an meine Kindheit erinnere, fällt mir ebenso die heißglühende Beklemmung ein, sich der verzögerten Buchrückgabe stellen zu müssen. Vielleicht ist es gar nicht so weit hergeholt, die Bibliothek als ersten (kindlichen) Ort zu wähnen, in dem ein Kind mit den Strukturen der Bürokratie – vom Ausweis bis zum Bußgeld – in Kontakt kommt. Während versäumte Fristen zuhause eher Standpauken oder genervte Eltern zur Folge haben, gibt es in der externen Lebenswelt einen ganzen Apparat (oftmals in Form von scheinbar Furcht einflößenden Respektpersonen ergo Bibliothekar/innen), der das Versäumnis ahndet und strikte Regeln zur Tilgung der „Schuld“ aufstellt, der man sich eher selten entziehen kann. Selbst in der Schule erscheint das Vergessen der Hausaufgaben oder der verpatzte Test etwas zu sein, das letzten Endes im Elternhaus „vor Gericht“ kommt. Nur die Bibliothek entzieht sich der rein familiären Schuld-und-Sühnefrage und stellt selbst für die minderjährigen Nutzer konkrete Regeln auf, die streng zu befolgen sind.

Warum sich der Gang in die Bibliothek dennoch lohnt, wird sowohl bei den Peanuts als auch Calvin and Hobbes klar: eine Unabhängigkeit des Wissens sowie durch das Wissen. Sally ist ganz überwältigt, dass es diesen Ort gibt, an dem man ihr – einem kleinen Mädchen – einfach so ein Buch über Sam Snead (ein Golf-Star der 1940er Jahre) aushändigt, während Calvin in einer Strip-Reihe versucht, „verbotene“ Lektüre über die Bibliothek zu beziehen (über hausgemachte Bomben, Schimpfwörter und Graffiti). So kann die Bibliothek mit einigem Biegen und Brechen sehr wohl als Raum und Metapher des Erwachsenwerdens gesehen werden: mit den gewonnenen Freiheiten gehen auch neue Verantwortungen einher und die Unabhängigkeit bedeutet auch immer ein Stück Unsicherheit, wenn es um die Konsequenzen des eigenen Handelns geht.

Das Kunst-Buch als Objekt.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 8. Januar 2016

Karsten Schuldt

Zu: Cella, Bernhard ; Findeisen, Leo ; Blaha, Agnus (Hrsg.): NO-ISBN: on self-publishing. Wien: Salon für Kunstbuch ; Köln: Buchhandlung Walther König, 2015. ISBN: 978-3-86335-818-1

 

I.

„NO-ISBN“ (ein Buch, dass ironischerweise eine ISBN hat) gibt einen Einblick in die Praxis der Selbstpublikation, vorrangig von Künstlerinnen und Künstlern, die Bücher als Teil ihrer Kunstpraxis erstellen und vertreiben. Die Grenzen dieser Praxis sind fliessend, insoweit gibt es auch zahlreiche Verweise zu anderen Praktiken des Selbstpublizierens, insbesondere aus politischen Gründen.

Ausgangspunkt des Buches ist der Salon für Kunstbuch den Bernhard Cella in Wien betriebt – als Ort, der als Art sozialer Skulptur das Abbild eines Buchladens darstellt, aber auch als Salon für zeitgenössische Kunst wirkt. Im Salon versammelt Cella – „versammeln“ als Begriff bietet sich an, da das Buch durchzogen ist von Verweisen auf Bruno Latour – Kunstbücher, dass heisst Bücher, die von Künstlerinnen und Künstlern als Teil ihrer Kunstpraxis hergestellt werden. Dabei handelt es sich nicht um Kataloge, sondern um eigenständige Werke. Die Diskussion dieser Praktiken in „NO-ISBN“ stellen klar, dass es bei diesen Büchern nicht per se um das Buch als Informationsträger geht, sondern zum Beispiel um das Buch als Objekt, um das Material, das für das Buch verwendet wird, um den Prozess des Buchmachens als künstlerischen Akt oder auch, beziehungsweise gleichzeitig, als widerständiger Akt, der alternative Produktionsziele und -wege etabliert und andere Distributionswege eröffnet. (more…)

Jubiläumsausgabe #28: Die Bibliothek als Idee der LIBREAS. Library Ideas erschienen

Posted in LIBREAS aktuell by Karsten Schuldt on 28. Dezember 2015

cover28

Zur Tradition der LIBREAS. Library Ideas gehört, dass am Ende, bei der Veröffentlichung der Zeitschrift, alles noch ein wenig länger dauert als geplant. Insoweit ist es nur passend, dass die Jubiliäumsausgabe zum 10. Jahr LIBREAS erst jetzt, zwischen den Jahren, erscheint. Grundlage der Ausgabe ist das Symposium zu diesem Termin im September 2015 in Berlin zum Schwerpunkt „Die Bibliothek als Idee“ stattfand. Auch die anderen Artikel der Ausgabe beschäftigen sich mit diesem Thema. Am Ende ist es eine erstaunlich interdisziplinäre Ausgabe geworden, über die wir als Redaktion sehr froh sind und hoffen, dass sie Ihnen / Euch als Leserinnen und Leser ebenso anregt.

Redaktion LIBREAS

(Berlin, Bielefeld, Chur, München)

LIBREAS #29 – „Bibliographien“. Call for Papers

Posted in LIBREAS Call for Papers by libreas on 10. November 2015

Ausgangssituation
Es scheint, als würdigte man die Praxis des Bibliographierens heute lange nicht mehr so wie noch vor einigen Jahrzehnten. Lange galten Bibliographien als eine wesentliche Informationsinfrastruktur der einzelnen Wissenschaftsfelder. Entsprechend groß war der Aufwand und Personaleinsatz für ihre Erstellung. An der Erstellung von Bibliografien waren sehr viele Akteure beteiligt – Akademien etwa für Fachbibliographien, Bibliotheken für National- und Regionalbibliographien oder auch kommerzielle Anbieter wie Verlage oder Antiquariate. Heute scheinen Bibliografien, wo sie überhaupt noch von Institutionen gepflegt werden, eine nachgeordnete Nebenaufgabe zu sein. Aus dem Fachdiskurs wurden sie längst durch andere Themen verdrängt. Die DNB verzeichnet unter dem Schlagwort „Bibliografie“ die drei jüngsten Publikationen für das Jahr 2013. Das bestätigt den Trend, den Dirk Wissen 2008 in seiner breit angelegten Studie zur „Zukunft der Bibliografie – Bibliografie der Zukunft“ ermittelte. (Berlin: Logos, 2008) Das Verzeichnen des Schrifttums verliert angesichts der Durchsetzung digitaler Medialität an Bedeutung. Die Zukunft muss mit direkter Volltexteinbindung, interaktiv multimedial, Domänen übergreifend und dynamisch gedacht werden, weshalb man von Medio- und Wikigrafien sprechen wird. So jedenfalls die These von vor acht Jahren.

Definition
Das Bibliographieren lässt sich bekanntlich traditionell definieren als systematischer, bestandsunabhängiger Nachweis (wissenschaftlicher) Literatur zu bestimmten mehr oder weniger eng umrissenen Themen, Regionen, Publikationsformen, Personen und vielem mehr. Ein dezidierter Mehrwehrt gegenüber klassischen Bibliothekskatalogen war und ist die Verzeichnung bibliographisch unselbständiger Publikationen wie Zeitschriftenartikeln und Sammelbandbeiträgen – häufig auch mit dem Anspruch auf Vollständigkeit. Ebenso zeichnen sich Bibliographien in vielen Fällen durch eine differenzierte Sacherschließung berücksichtigter Literatur aus. Neben den bereits erwähnten typischen Formen Nationalbibliographien, Regionalbibliographien (Landes-/Kantonsbibliographien) und Fachbibliographien, sind auch Spezialbibliographien und Personalbibliographien nicht selten. Ebenso wurden beispielsweise Bibliographien zu Bibliographien mehr als einmal herausgegeben. Details kann man unter anderem sehr schön in dem 1999 zum sechsten Mal und zugleich letztmalig aufgelegten Handbuch der Bibliographie von Friedrich Nestler (Stuttgart: Hiersemann) nachlesen.

Mehrwerte und Widersprüche
Heute mutet der Status von Bibliographien jedoch relativ ungeklärt an, insbesondere der von wissenschaftlichen Fachbibliographien. Grundsätzlich scheinen viele Fachdisziplinen ihre Bibliographien weiterhin zu schätzen, gleichzeitig wird es durch die zunehmende Projektorientierung der Wissenschaften immer schwieriger, die Arbeit an diesen nachhaltig zu finanzieren. Die gegenwärtige Transformation der Sondersammelgebiete auf Fachinformationsdienste, für die sich Bibliotheken regelmäßig mit neuen Konzepten bewerben müssen, ist nur ein sichtbares Beispiel dafür. Durch diese wird die projekthafte Organisation der Wissenschaft auf die Erwerbungspolitik übertragen: Die Erwerbung von Medien scheint immer mehr auf den aktuellen Bedarf ausgerichtet zu sein, obwohl Wissenschaft immer auch darauf angewiesen ist, Literatur mit einer langfristigen Sammlungsperspektive zu nutzen – ansonsten kann sie nicht (oder nur mit hohem finanziellen Aufwand) auf vorhandenem Wissen aufbauen. Dennoch scheint die Strategie einer vollständigen Sammlung und Vorhaltung des gesamten potentiell für die Wissenschaft relevanten Publikationsaufkommens zugunsten einer konkreten Nachfrageorientierung aufgegeben zu sein. Sind Bestände jedoch nur noch verstreut verfügbar, müsste eigentlich die Bedeutung der Literaturdokumentation zunehmen.

Ein Mehrwert von Bibliographien für die Leser/Rezipienten war bislang, den Aufwand für die systematische Kenntnisnahme von Literatur möglichst gering zu halten. Daraus ließe sich als These ableiten: Gerade in Zeiten projektorientierter Wissenschaft und damit auch einer projektorientierten Bestandserwerbung ist es umso wichtiger, einen bestandsunabhängigen, möglichst vollständigen Nachweis wissenschaftlicher Literatur zu haben.
Dieser Widerspruch tritt zu einer Zeit auf, in der technische Entwicklungen auch andere Fragestellungen für die bibliographische Praxis aufwerfen. Mehrere Projekte versuch(t)en sich beispielsweise an automatischen Formen der Sacherschließung. Sie versprechen, den Prozess der Erschließung – der auch für die Bibliographien notwendig ist – effektiver sowie personal- und kostengünstiger zu gestalten. Außer den geringeren Kosten verbindet sich mit den automatischen Verfahren weitere Versprechen: Ein Beispiel ist die Nutzung moderner Informationstechnologien, um Bibliographien Teil des Semantic Web werden zu lassen. Im Kontext der Diskussionen um die Bibliothek 2.0 wurde das Social Cataloging als eine zukunftsträchtige Entwicklung beschrieben. Das kollaborative Erschließen galt als ein möglicher Ersatz von zentralen, institutionalisierten Redaktionen. Obwohl die Bibliothek 2.0 kaum noch als Begriff benutzt wird, ist diese Frage weiterhin relevant: Bei Fachbibliographien wird der kollaborative Ansatz bis heute mit offenem Ausgang in Bezug auf ihre Nachhaltigkeit und Qualität erprobt.

Akteurinnen, Akteure und ihre Arbeitspraxis / mögliche Fragestellungen
Was bei diesen Projekten oft nicht reflektiert zu werden scheint, ist die konkrete Arbeitspraxis des Bibliographierens: Wer bibliographiert eigentlich? Mit welcher Ausbildung und Zielsetzung? Was passiert beim Bibliographieren?
Interessant ist zum Beispiel die Frage nach Status und Professionalität der Bibliographierenden: Auf der einen Seite haben sie durch die Arbeit des Selektierens, Kategorisierens, Erfassens und Beschreibens eine selten thematisierte Macht über die Wissensproduktion, auf der anderen Seite scheint ihr Status innerhalb der Wissenschaft als Hilfsarbeit beigeordnet. Dies erinnert an die gegenwärtig verhandelten Fragen, um den Status den die Produktion und Veröffentlichung von Forschungsdaten hat. Es könnte sich demnach lohnen, Parallelen zwischen Bibliographieren und Erhebung von Forschungsdaten als Teile des Forschungsprozesses herauszuarbeiten. Obwohl die Situation bei National- und Regionalbibliographien durch ihre institutionelle Anbindung an Bibliotheken gesichert erscheint, lassen sich auch bei ihnen ähnliche Fragen stellen: Was ist ihr Status? Von wem werden sie wofür genutzt? Definieren sich Nationen über Nationalbibliographien? Definieren sich Nationalbibliotheken über ihre Nationalbibliographien? Was schließen sie ein und was schließen sie aus?
Ebenso ist denkbar, eine historische Perspektive über aktuelle bibliographische Konzepte und Arbeitspraxen hinaus einzunehmen: Wer hat wann und wieso mit welchen Ergebnissen bibliographiert? Eine erste Aufzählung wären Akademien, Bibliotheken, Institute, Verlage, einzelne Forschende. Doch was unterscheidet diese von unterschiedlichen Einrichtungen erstellten Bibliographien und was verbindet sie? Was lässt sich daraus für die Gegenwart und Zukunft des Bibliographierens lernen? Beim Bibliographieren wird dem Anspruch nach umfassend und möglichst vollständig erschlossen. Gleichzeitig heißt bibliographieren auch immer auswählen, aussparen und ordnen. Die Wissenschaftsforschung, beispielsweise die Akteur-Netzwerk-Theorie im Anschluss an Bruno Latour, (Reassembling the Social. An Introduction to Actor-Network-Theory. Oxford: Oxford University Press. 2005) geht bekanntlich davon aus, dass die Infrastruktur, an und mit der Wissen produziert wird, einen Einfluss darauf hat, was überhaupt gefragt und geforscht werden kann. Werden Bibliographien als Teil dieser Infrastruktur verstanden, dann haben sie auch einen Einfluss auf die Wissenschaften, in denen sie genutzt werden. Spannend wäre zu untersuchen, wie genau sich dies realisierte, was an Forschungsfragen durch Bibliographien möglich und unmöglich wurde. Sind inter- und transdisziplinäre Inhalte wohlmöglich weniger verfolgt worden? Und schließlich ist das Bibliographieren auch ein Teil jedes Forschungsprozesses selbst, wie sich mittlerweile unter anderem unschwer an der weiten Verbreitung von Literaturverwaltungssoftware ablesen lässt. Wie verändert sich dieser Forschungsprozess und das, wenn man so will, Gebrauchsbibliografieren, wenn nicht mehr auf bestehende Bibliographien zurückgegriffen werden kann?

Für die Ausgabe #29 der LIBREAS. Library Ideas suchen wir also Beiträge zum Thema Bibliographien. Wie angezeigt, lässt sich dieses sowohl aus arbeitspraktischen, theoretischen, zukunftsbezogenen oder historischen Blickwinkeln betrachten. Genauso unterschiedlich kann auch die Beitragsform sein: vom wissenschaftlichen Artikel, Arbeitsbericht, über Rezension und Interview bis zum Essay ist alles willkommen. Über Einreichungen zu diesem Schwerpunkt hinaus, sind wie stets Beiträge zu anderen Themen sehr gerne gesehen. Alle Einreichungen sollten bis zum 31.03.2016 bei uns sein (via redaktion@libreas.eu).

Eure / Ihre Redaktion LIBREAS. Library Ideas
(Berlin, Bielefeld, Chur, München)