LIBREAS.Library Ideas

Lob der Bibliothek oder Propaganda für die ALA?

Posted in LIBREAS.Feuilleton, Uncategorized by Karsten Schuldt on 6. Februar 2019

Karsten Schuldt

Zu: Susan Orlean. „The Library Book”. New York et al.: Simon & Schuster, 2018

 

 

Was soll man zu diesem Buch sagen?

In „The Library Book” erzählt Susan Orlean – eine Journalistin, keine Bibliothekarin – vier Geschichten:

  1. Die Geschichte vom Brand in der Zentralbibliothek der Los Angeles Public Library 1986 und von dem jungen Mann, der verdächtigt wurde, dieses Feuer gelegt zu haben.

  2. Die Geschichte der gleichen Bibliothek von der Gründung bis heute.

  3. Eine Reportage darüber, was heute alles in dieser Bibliothek passiert.

  4. Und zuletzt ihre persönliche Geschichte wie sie in jungen Jahren mit ihrer Mutter ständig die Bibliothek, in deren Nähe sie aufwuchs, besuchte.

Das alles ist lose miteinander verbunden und abwechselnd in kurzen Kapiteln erzählt. Zum Schluss des Buches ist die Geschichte der jungen Mannes – Harry Peak – zu Ende erzählt (er stirbt in Florida an AIDS ohne für den Brand verurteilt zu sein), gleichzeitig wird Zweifel daran geäussert, ob der Brand überhaupt absichtlich gelegt wurde; zugleich ist die Geschichte der Bibliothek – inklusive des Wiederaufbaus nach dem Brand – in der Jetztzeit angekommen, sind verschiedene Aufgaben, Bereiche und Personal der Bibliothek vorgestellt worden und hat die Autorin gelernt, dass die Bibliothek sie immer noch an die Zeiten Ihrer Kindheit und Jugend erinnert, auch wenn heute vieles anders ist als damals. Das Buch ist auch sichtbar mit Bedacht ausgestattet worden: Das Papier und der Umschlag sehen leicht verbraucht aus, statt Kapitelüberschriften finden sich je vier bibliographische Angaben (Titel, Jahr, Autor/in, DDC-Nummer) mit Bezug zum Thema des jeweiligen Kapitels. Die letzte Umschlagseite bildet eine (gezeichnete) Buchkarte ab. Was kann man daran nicht mögen?

 

Eines: Das Buch liesst sich über weite Strecken – fast immer, wenn es sich nicht mit Harry Peak und seiner Geschichte befasst – wie Propaganda der ALA (oder eines anderen Bibliotheksverbandes). All die Schlagworte und Themen, mit denen Bibliotheksverbände heute versuchen, Bibliotheken zu präsentieren, kommen vor – nur vielleicht gekonnter dargestellt,als das Bibliotheksverbände im Allgemeinen tun: Bibliotheken als soziale Orte, als offene Orte für alle, als Orte für verschiedene Veranstaltungen für verschiedene Nutzerinnen und Nutzer, als Ort für Kinder und Jugendliche, als Ort für persönliche Recherchen, für das Lesen, für Bildung, als einer der Orte, der Menschen ohne festen Wohnsitz Hoffnung gibt. Mehrere Bibliothekarinnen und Bibliothekare werden als interessante und engagierte Personen vorgestellt. Das eine Bibliothek viele, viele unterschiedliche Medien hat – elektronische, gedruckt und überraschendere Sammlungen. All das. Plus die erwähnte positive Geschichte der Autorin selber (die immerhin erfolgreiche Autorin wurde) und die nicht unspannende Geschichte des Brandes selber – die sich dann in Teilen auch wieder wie gute Propaganda über die soziale Bedeutung der Bibliothek liest, wenn sich sowohl zum Ausräumen der Bibliothek nach dem Brand als zum Einräumen vor der Wiedereröffnung hunderte Freiwillige einfinden und wenn lokal ansässige Firmen mit Infrastruktur, Personal und Geld einspringen, um die Bibliothek zu retten.

Zwischendurch werden auch einige eher nicht so positive Geschichten erzählt – wie Anfang des 20. Jahrhunderts die Chefbibliothekarin vom Library Board zum Rücktritt gezwungen wurde, nur damit sie von einen Chefbibliothekar (der eher Abenteurer denn Bibliothekar war) ersetzt werden konnte, was lange (und berechtigte) Proteste der damaligen Frauenbewegung nach sich zog, und wie der zur Bibliothek gehörige Park für einen Parkplatz abgerissen wurde. Aber mehr auch nicht.

The Library Book

The Library Book als Bibliotheksbuch

 

Dieses Buch erzählt also vor allem das, was Bibliotheken heute wohl gerne über sich hören. Vielleicht, weil die Autorin überzeugt wurde. Sie erscheint die ganze Zeit wahrhaft überzeugt von dem, was sie darstellt. Es gibt aber eine Stelle, die etwas Zweifel streut: In einem Kapitel bespricht die Autorin andere Bibliotheken, die über die Jahrhunderte verbrannt wurden. Das ist selbstverständlich mit einem breiten Pinsel gezeichnet, da der Platz kurz ist. Trotzdem kommen – zu Recht – auch die Bücherverbrennungen zu Beginn des nationalsozialistischen Deutschlands – beziehungsweise die Aktion „Wider den undeutschen Geist” – vor, allerdings in einer historisch ungewohnten Weise: Die Autorin besteht darauf, die ganzen Vorgänge mehrfach explizit als „Feuersprüche” (in Deutsch) zu bezeichnen, obwohl diese „Feuersprüche” nur ein Teil der Inszenierung waren. Das ist recht ungewöhnlich. Zudem schreibt sie die Bücherverbrennungen einzig den Nazis direkt zu, obgleich heutige Darstellungen immer wieder darauf hinweisen, dass die Studentenschaften die Aktion organisierten und die NSDAP erst darauf einstieg. Das sind Kleinigkeiten und auch keine, welche die historische Wahrheit verfälschen würden. Aber es hinterlässt den Eindruck, als hätte die Autorin an dieser Stelle ungenau, oberflächlich recherchiert. Vielleicht nur bei diesem einen Punkt (der vielleicht auch nur im deutschen Sprachraum wirklich auffällt), aber solche Ungenauigkeiten verleiten schon zu der Frage, wie tief die anderen Kapitel eigentlich recherchiert wurden – und nicht eher das wiedergegeben, was die Bibliothekarinnen und Bibliothekare vermitteln wollten.

 

Aber auch wenn man annimmt, dass das Buch genau das darstellt, was der Autorin aufgefallen ist, als sie über die Los Angeles Public Library nachdachte und diese besucht, ist das Buch ein Realitätscheck für den bibliothekarischen Diskurs: Wenn das wirklich ist, wie die Öffentlichkeit von Bibliotheken wahrnimmt und wie sie Bibliotheken sieht, ist überhaupt nicht mehr klar, wieso es im bibliothekarischen Diskurs diese ganzen Ängste vor dem Ende oder der Stagnation der Bibliotheken gibt. Wenn die Öffentlichkeit die Bibliotheken als so spannend und wichtig wahrnimmt, wie Susan Orlean, gibt es keinen Grund, sich Sorgen zu machen, ob man irrelevant wird oder in der Öffentlichkeit als veraltet oder langweilig angesehen. Wenn es keine „accidental propaganda” ist, dann ist es ein Hinweis darauf, dass die ständigen Krisendiskurse, welche bibliothekarische Diskurse oft prägen, wenig Grundlage in den realen Problemen haben. (Die Frage wäre dann eher, warum Bibliotheken auf dieses guten Bild, dass Orlean von ihnen zeichnet, nicht wirklich aufbauen.)

 

Trotzdem ist das Buch gut, flüssig und vergnüglich zu lesen. Als jemand, die oder der sich mit Bibliotheken auskennt, wird nicht so viel spezifisch Neues zu lesen sein, ausser der Geschichte des Brandes selber. Aber es ist ein unterhaltsamer Einblick in diese spezifische Public Library.

 

[Eine Vorstellung des Buches durch die Autorin selber im Buchladen „Politics and Prose” (Washington, D.C.) findet sich im Youtube-Kanal des Ladens: https://www.youtube.com/watch?v=CY3Wxafosbw]

Stipendium des LIBREAS-Vereins, Ausschreibung 2019

Posted in LIBREAS.Verein by libreas on 4. Februar 2019

Ziel des LIBREAS-Vereins ist die Förderung der bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Kommunikation. Um dies zu erreichen, schreiben wir auch 2019 ein Stipendium aus. Angesprochen fühlen sollten sich alle Auszubildenden und Studierenden in bibliothekarischen Fachgebieten sowie Kolleg*innen in Bibliotheken und bibliothekarischen Infrastruktureinrichtungen im gesamten DACH-Raum.

Die Höhe des Stipendiums beträgt 400 Euro, welche für den Besuch (Fahrt, Unterkunft, Konferenzgebühr etc.) einer der drei folgenden Konferenzen eingesetzt werden sollen:

Das Stipendium soll vor allem Personen zugute kommen, die sich die Besuche dieser Konferenzen nicht auf anderem Wege finanzieren können.

Wir erbitten eine formlose Bewerbung, die folgende Punkte klären sollte:

  • Welche der drei Konferenzen besucht werden soll
  • Interesse der Bewerber*in an der Konferenz und den Themen der Konferenz
  • Kurze Vorstellung der Bewerber*in

Weitere Themen und Punkte können gerne ergänzt werden. Für Fragen stehen wir gerne zur Verfügung. Wir wollen auch diejenigen Auszubildenden, Studierenden und Kolleg*innen ermutigen, die bislang keine solche Konferenz besucht haben oder nicht publiziert haben, sich zu bewerben. Das Stipendium darf gerne ein Startpunkt für solche professionelle Arbeit sein.

Die oder der Stipendiat*in soll im Anschluss an die besuchte Konferenz einen Beitrag für die LIBREAS. Library Ideas verfassen. Form, Inhalt, Länge des Beitrags stehen frei (z.B. Konferenzbericht, Auseinandersetzung mit einem Thema, das auf der Konferenz besprochen wurde). Die Redaktion der LIBREAS steht gerne bereit, die Arbeit an diesem Beitrag mit Rat und Motivation zu unterstützen.

Die Bewerbung sollte bis zum 31. März 2019 per Mail an den Vereinsvorstand geschickt werden (mail@libreas-verein.eu).

 

Vorstand des LIBREAS-Vereins, 04.02.2019

 

PS.: Das Stipendium wird hauptsächlich aus den regelmäßigen Beiträgen der Mitglieder des LIBREAS. Vereins getragen. (http://www.libreas-verein.eu/mitgliedschaftsantrag/) In der LIBREAS #34 erschien der Konferenzbericht zu den Open-Access-Tagen 2018 der ersten Stipendiatin Sophie Schneider.

Die Idee LIBREAS und das Institut für Bibliothekswissenschaft.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 6. Dezember 2018

Manuskriptfassung des Grußworts von Ben Kaden auf der Festveranstaltung 90 Jahre Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft am 02. November 2018 im Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum der Humboldt-Universität zu Berlin.

Ben Kaden bei seinem Grußwort auf der Veranstaltung 90 Jahre Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft, 02. November 2018

Ben Kaden beim Grußwort am 02. November 2018 (Foto: Maxi Kindling)

 

I

Die Berliner Bibliothekswissenschaft mit ihrem Institut wird, grob gerechnet und Pausen ausgeblendet, 90 Jahre alt. Einschränkungen sind bei der Zuschreibung zweifach notwendig: Erstens weil es natürlich bibliothekswissenschaftliches Denken in Berlin auch außerhalb des Instituts gab und gibt. Und zweitens, weil das Institut an sich kein Kontinuum ist. Vielmehr besitzt es eine wechselvolle Geschichte, deren Aufarbeitung bzw. Aufzeichnung jetzt zum Jubiläum nur ein Kratzen an der Oberfläche darstellte. Klar, man schürfte hier und da und da und hier auch mal tiefer. Aber eigentlich sieht man jetzt erst wirklich, was da an Geschichte und Geschichten hervorblitzt und Stoff für mindestens vier, fünf Promotionsvorhaben angedeutet. Oder Großaufsätze, z. B. für LIBREAS.

LIBREAS, diese hier 2004/2005 begründete elektronische Open-Access-Zeitschrift für Bibliothekswissenschaft bzw. bald namentlich erweitert wie das Institut in Zeitschrift für Bibliotheks- und Informationswissenschaft, begleitete etwa 13 dieser 90 Jahre, Das Institut war demnach um die 77, als wir mit LIBREAS begannen, eher noch sogar 76 oder 75. Ich überlege, nach wie vor ergebnisoffen, an welchem Schlüsseldatum oder -ereignis man die Idee zu LIBREAS. Library Ideas festhaken könnte.

Fester gehakt ist die Natur von LIBREAS als eindeutig typische Berliner Schöpfung. Das Projekt dieser Zeitschrift ist Ergebnis dieser berühmt-berüchtigten Mischung aus Gestaltungswillen, Dreistigkeit, Naivität und viel Improvisation, die so typisch war für das, was in gar nicht so entfernter Nachbarschaft von diesem Ort [dem Grimmzentrum, für das zeitgleich zur Gründung von LIBREAS die ersten Spatenstiche gesetzt wurden] den Mythos des Aufbruchsberlins begründete, ein Mythos, von dem die Stadt noch heute zehrt. Ich erinnere mich gut, wie wir nach offiziellen oder inoffiziellen Institutsfeiern gern noch in kleiner Gruppe in der Böse-Buben-Bar, im Aufsturz oder, auch das gab es noch, im Tacheles vorbeischauten und irgendwann von der ersten (oder zweiten) Straßenbahn des Tages im matten Morgenlicht nachhause geschunkelt wurden. Das Magisterstudium ließ auch Raum für längere Nächte. (more…)

Gastbeitrag: IBI 2003 and Beyond – Ein Blick hinter die Kulissen

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 5. Dezember 2018

 

90 Jahre IBI - Programmflyer

Natürlich und sofort auch ein Dokument der Institutsgeschichte: Der Programmflyer zur Veranstaltung am 02. November 2018

Die Festveranstaltung zum – je nach Perspektive mehr oder weniger – 90-jährigen Bestehen des Berliner Instituts für Bibliothekswissenschaft bzw. Bibliotheks- und Informationswissenschaft rückt nun selbst wieder zunehmend in die Vergangenheit. Ein Monat ist seitdem vergangenen und der Veranstaltungsraum im Grimmzentrum diente längst wieder anderen Themen wie Forschungsdaten auf dem edoc-Server oder auch die Frage nach dem Verhältnis zwischen Öffentlichen Bibliotheken und der Bibliotheks- und Informationswissenschaft als Forum. Die Fachwelt rotiert ebenso wie die Bibliothekswissenschaft weiter, was auch sehr gut und wichtig ist. Was man trotz dieser Dynamik in den Fragen und im Denken und auch dem institutionellen und personellen Gefüge um das Institut und das Fach nicht vergessen darf, sind die Spuren und Erkenntnisse, die sich aus der Betrachtung der Vergangenheit ergeben oder sich in der Gegenwart für eine kommende Betrachtung fassen und ablegen lassen. Die Festveranstaltung bot in der für solche Zusammentreffen typischen Rahmen einen Zugang, der im Nebeneffekt an vielen Stellen bestimmte, für die Geschichte des Fachs wichtige Fragmente und hier und da auch Zusammenhänge freilegte. Einiges davon findet sich in der aktuellen LIBREAS-Ausgabe. Anderes wird – hoffentlich – in kommenden Ausgaben erscheinen. Und manche Erinnerungen können auch sofort dokumentiert werden. So erreichte uns im Nachgang zum 02. November eine kleine Erinnerung, zugleich eine Art nachgereichtes Grußwort von Elmar Mittler an das für das IBI der heutigen Zeit so entscheidende Jahr 2003. Und das wollen wir natürlich auf jeden Fall an dieser Stelle in gewisser Weise auch als Supplement zur LIBREAS-Ausgabe „90 Jahre Bibliotheks*wissenschaft in Berlin“ hier nachreichen.

(Berlin, 05.12.2018)

 

Eine Erinnerung von Elmar Mittler

Zur 90-Jahrfeier des IBI kann man in jeder Weise herzlich gratulieren. Zeigte sie doch einmal mehr, dass die Konzeption des Neuanfangs mit dem Ziel der Internationalisierung des IBI aufgegangen ist. Ich bin den beiden ausländischen Mitgliedern der geleiteten Evaluierungskommission – John Feather und Hans Rosendaal – noch heute  sehr dankbar, dass sie nach einer langen Nacht der Diskussion 2003 bereit waren, nicht ihre Meinung zum damaligen Stand der Forschung und Lehre am IfB  im internationalen Vergleich in den Vordergrund zu stellen, sondern mit mir die Zukunftspotentiale des einzigen universitären bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Institutes in Deutschland zum Kern des Gutachtens zu machen. Die Kommission hat dafür die unverzügliche Neubesetzung der vakanten Professur mit einer Neuausrichtung des Faches empfohlen. Auf der Basis dieser Evaluation gelang es, die vorgesehene Schließung des Instituts zu verhindern.

Um aber die Gremien der Universität endgültig davon zu überzeugen, dass ein derartiges Institut in Deutschland das Profil der HU stärken und ihr international zusätzliches Renommee verschaffen kann, wurde gefordert, ein tragfähiges Konzept zu entwickeln. In Absprache mit dem Vizepräsidenten für Forschung Hans Jürgen Prömel, der sich im Verlaufe des Prozesses als überaus kompetenter Partner erwies, erfolgte dieses im Rahmen einer Findungskommission. Diese lud unter meiner Leitung 2004 eine Reihe international führender Forscher mit der Bitte nach Berlin ein, ihre Vorstellungen für eine Neukonzeption des Faches an der HU insbesondere auch unter dem Gesichtspunkt eines Alleinstellungsmerkmals darzulegen. Dabei bestätigte sich meine Konzeption der Internationalisierung zur Neukonzeption des Instituts für alle Beteiligten. Konrad Umlaufs Protokoll hielt es so fest: Es zeichnete sich ab, dass die geeignete Persönlichkeit aus dem englischsprachigen Ausland oder aus Skandinavien kommen könnte, wo die beiden Traditionsstränge Bibliothekswissenschaft und Informationswissenschaft anders als in Deutschland nie getrennt waren.

Das konkrete Ergebnis war die offizielle Ausschreibung einer Professur für die Digitale Bibliothek. Dieser Erfolg wäre nicht ohne die Bereitschaft des Dekans Oswald Schwemmer möglich gewesen, dem Institut die Chance zu geben, seine damalige Isolierung in der Fakultät zu überwinden; Professor Wolfgang Coy von der Informatik gab zusätzlich immer wieder hilfreichen Rat für die praktische Umsetzung. Zu den 18 Bewerbern zählte glücklicherweise auch Michael Seadle, der sich (in harmonischer Partnerschaft mit dem ebenfalls neu berufenen Professor für Informationsmanagement Peter Schirmbacher) als ideale Besetzung für den Neuanfang des Instituts erwies.

Michael Seadle brachte Internationalität in Forschung, Lehre und institutioneller Vernetzung, verankerte durch sein langjähriges Dekanat das Institut in der Fakultät und sicherte ihm durch seine aktive Mitarbeit in entscheidenden Gremien die Vernetzung in die Universität. Auch der Übergang in eine neue Generation ist inzwischen gelungen. Für mich war deshalb die 90-Jahrfeier ein glückliches Ereignis. Sie zeigte mir, dass eine meiner Zukunftsvorstellungen für das deutsche Bibliothekswesen Wirklichkeit geworden ist: wir haben ein international renommiertes universitäres Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft. Und ich darf ein bisschen stolz darauf sein, an seinem Fundament mitgewirkt zu haben. Meine Hoffnung und mein Wunsch für die Zukunft sind, dass es der jungen Mannschaft gelingt, das innovative Lehr- und Forschungspotential des IBI auch für die praktische Entwicklung des deutschen Bibliothekswesens und dessen internationale Vernetzung weiter fruchtbar zu machen – und dass sie weiter heil durch die an Untiefen reichen Gewässer komplexer institutioneller Organisationen gleitet.

CfP LIBREAS. Library Ideas #35: Neutralität. Bibliotheken zwischen Pluralität und Propaganda

Posted in LIBREAS Call for Papers by Ben on 23. November 2018

Bibliotheken als öffentliche Einrichtungen sehen sich aktuell verstärkt in einer besonders widersprüchlichen Lage: Es scheinen sich einerseits ein “Neutralitätsgebot” und eine Verpflichtung zur “Informationsfreiheit” gegenüberzustehen mit einem bewusst eingeforderten Bekenntnis zu einer aktiv pluralistisch-demokratischen Rolle, die sich auch offen gegen alle Tendenzen aufstellt, die diese Grundausrichtung des politischen Systems der Bundesrepublik gefährden. In diesem Spannungsfeld bewegen sich die Akteure, wenn es gilt Handlungsmaximen für die Praxis, also eine Art Ethik der Bibliothek, abzuleiten.

Dass diese Polarisierung jetzt so akut spürbar wirkt, liegt einerseits in der Luft. Es gibt zugleich aber auch konkrete Ereignisse, die uns als Redaktion motivieren, hier eine intensivere Auseinandersetzung zu suchen.

Veranstaltung "Rechte Lesen" in der Staatsbibliothek Berlin im November 2018

Ein Podium der rechten Lektüre? Und wenn ja, in welcher Form? Spätestens 2018 ist das Jahr, in dem sich auch das deutsche Bibliothekswesen von diesen Fragen herausgefordert sieht. Und Antworten sind so kompliziert wie notwendig. Deshalb: Unser Thema für die LIBREAS #35.

Auf dem 107. Bibliothekstag im Juni diesen Jahres in Berlin kam die Frage nach dem Umgang mit ‘neuer’ rechter[1] Literatur mit doch größerer Wucht in der deutschsprachigen Bibliotheksgemeinschaft an. Bei einer Podiumsdiskussion diskutierte man sehr kontrovers über den Umgang mit rechter Literatur in Bibliotheken. Jörg Sundermeier vom Verbrecher Verlag bezog klar Stellung gegen eine Aufnahme von rechter Literatur in das Sortiment des Buchhandels oder in den Bestand von Bibliotheken und begründete dies einmal formal mit der Unprofessionalität der rechten Verlage, sowie aber vor allem mit deren zweifelhaften, oft ins verschwörungstheoretische oder esoterische abdriftenden Inhalten, die nicht selten diskriminierend, rassistisch, homophob und die Menschenwürde verletzend sind.

In den letzten Jahren kann man jedoch teilweise einen Professionalisierungsgrad in diesem Literatursegment beobachten, der etablierte Buchhändler wie Michael Lemling zumindest Respekt abzunötigen scheint. Auch die Existenz der Bibliothek des Konservatismus in der Berliner Fasanenstraße sowie der politische Erfolg rechtskonservativer Positionen zwischen CSU und AfD, FPÖ und SVP sind Anzeichen für eine weitere Etablierung und Dauerpräsenz entsprechender Denkrichtungen im öffentlichen Diskurs und damit auch im Publikationswesen. Zudem gab es ‒- Stichwort Thilo Sarrazin ‒ schon immer Texte, die sich auf dieser Seite der Debatte positionieren und auch in größeren Publikumsverlagen ihre Heimat fanden.

Abgesehen von der Erwerbungspolitik der Bibliotheken, erhalten diese Stimmen freilich auch die Möglichkeit, sich anderweitig über Bibliotheken am politischen Diskurs zu beteiligen oder dazu zu informieren, zum Beispiel mit Veranstaltungsformaten. Einen Ansatz hierzu präsentiert der DBV-Verband Niedersachsen, der die AfD aufs Podium des Niedersächsischen Bibliothekstags, neben Vertreter*innen anderer Parteien aus dem Landtag, einlädt. (siehe auch) Diese Aktion ist gleichzusetzen mit der Abbildung des gesamten politischen Spektrums im Bestand, die unter anderem die SLB Potsdam bei der oben genannten Podiumsdiskussion vertreten hat. Jedoch tritt hier auch der Nebeneffekt ein, dass hier Rechtskonservativen nicht nur sprichwörtlich ein Podium geboten wird.

Es finden sich zugleich andere Positionierungen von Bibliotheken im Spannungsfeld zwischen Pluralität und Propaganda. Die Staatsbibliothek zu Berlin organisiert im November ein Werkstattgespräch zum Thema “Rechte lesen. Theorien und Ästhetiken der ‘Neuen’ Rechten”, welche im Weiteren eine fundierte wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema erhoffen lässt. Die Wissenschaft schweigt natürlich nicht zu diesem Thema, beispielsweise organisierte die Humboldt-Universität zu Berlin im September eine Feministische Sommeruniversität und subsumiert: “Der Feminismus muss gegen Rechts zusammenhalten.

Erwartungsgemäß haben wir zu diesem Komplex einige Fragen. In der LIBREAS-Ausgabe #35 möchten wir diese sortieren, durchdringen und diskutieren. Der Ausgangspunkt liegt im aktuell verstärkten Sichtbarwerden sogenannter neurechter Literatur. Öffentliche Debatten kreisen häufiger um die Frage, welche Rolle diese Bücher auf Buchmessen und in den Buchhandlungen spielen sollen. Aber selbstverständlich sind auch, und aus ethischer Sicht fast noch herausgeforderter, die Bibliotheken betroffen. Neurechte Titel im Bestand? Neurechte Autor*innen auf die Diskussions- und Lesebühnen? Wenn ja, in welcher Aufstellung, Präsentation, in welchem Umfang, in welchem Kontext? Das treibt mindestens diejenigen Bibliothekar*innen um, die Veranstaltungen organisieren, konkret Erwerbungsentscheidungen treffen oder die per Standing Order eingegangenen Exemplare in die Aufstellung integrieren sollen.

Da aber eine Bestandsaufnahme zur Situation fehlt, wollen wir zunächst allgemein fragen, wie sich diese Konfliktlinie überhaupt im aktuellen Tagesgeschehen und der Erwerbungspolitik der Bibliotheken manifestiert? Eine Rolle kommt dabei auch den externen Erwartungshaltungen an die Bibliotheken durch Träger und mehr noch durch die Nutzer*innen zu.

Die Achse dieser Debatten läuft erstaunlich häufig über die Vorstellung, Bibliotheken seien ein durch und durch neutraler Vermittlungsort für Information und gegebenenfalls Diskurse und Debatten. Die inhaltliche Ausgestaltung hätte sich vor allem an den Bedarfen und Ansprüchen einer Kundschaft auszurichten. Sie wären also radikal als Dienstleister*innen auf einem Markt sich verändernder Nachfragen zu verstehen, die vor dem Hintergrund des jeweiligen Publikationsaufkommens zu bedienen seien. Konsequent gedacht müssten sie daher alles anbieten und abbilden, was legal ist, solange es nur nachgefragt wird. Eine inhaltliche Bewertung und Sichtung findet nur sehr eingeschränkt statt. Wie Hermann Rösch zuletzt im Bibliotheksdienst (52 (2018) 10-11) postulierte, wäre es nur das Gesetz, das durch Verbote einen Rahmen setzt.

Man kann also fragen: Inwiefern und auf welcher Grundlage sind öffentliche (kommunale und wissenschaftliche) Bibliotheken tatsächlich zur sogenannten weltanschaulichen Neutralität verpflichtet? Und wie weit müssen sie gehen, um diese “Neutralität” umzusetzen? Prinzipiell unterliegen Bibliotheken, bei entsprechender Trägerschaft, als öffentliche beziehungsweise staatlich geförderte Einrichtungen, selbstverständlich dem Neutralitätsgebot, welches sich unter anderem von dem im Grundgesetz (Art. 3 I GG) formulierten allgemeinen Gleichheitsgrundrecht ableitet. Aber wie lässt sich dies auf den geschilderten Sachverhalt hin konkretisieren? Ebenso im Grundrecht verankert ist auch die Informationsfreiheit (Art. 5 I 1 2. Var. GG), wonach „jeder“ das Recht hat, „sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten“. Und auch hier stellt sich die Herausforderung der Umsetzung in der Bibliothekspraxis.

Denkt man Bibliotheken aus der benannten Richtung eines betont neutralen und streng an der Nachfrage ausgerichteten Informationsdienstleisters, stellt sich notwendigerweise die Frage, wie dieser Bedarf, wie diese Nachfrage ermittelt wird, wie repräsentativ dies tatsächlich ist und wie widerstreitende Bedarfe zu gewichten sind? Die oft geäußerte allgemeine Ausrichtung am Grundgesetz, die darauf abzielt, dass Bibliotheken eine umfassende Meinungsbildung im Sinne der Informationsfreiheit unterstützen sollen, impliziert zugleich, dass gerade auch die Positionen von Minderheiten erfasst werden müssten, da die umfassende Meinungsbildung eben nur über die Zurkenntnisnahme solcher Positionen möglich ist. Genau dies ist ja die Besonderheit einer pluralistischen Demokratie: Gerade nicht die Herrschaft der Mehrheit sondern eine Repräsentanz und gegebenenfalls auch ein aktiver Schutz von Minderheiten. Nur: Wer bestimmt, wer Mehrheit und wer Minderheit ist, wer besonderen Schutz und wer eine spezielle Repräsentanz benötigt? Ein rhetorischer Schachzug vieler neurechter Vertreter*innen ist es, diesen Ausgleich auszuhebeln, indem sie sich als diskriminierte Minderheitenposition einer vermeintlichen (schweigenden) Mehrheit ausgeben. Dies ermöglicht ihnen, Grundlagen und Institutionen eines demokratischen Systems zu instrumentalisieren, um genau diese Grundlagen und Institutionen nach ihren Interessen umzugestalten. Das alles ist bekannt und leicht durchschaubar und trotzdem teils sehr wirkungsvoll. Ihre – vorübergehende – Stärke liegt darin, dass das System der demokratischen Öffentlichkeit, wozu auch die Bibliotheken zählen, bisher kaum Strategien besitzt, die dadurch hervorgerufenen Verunsicherungseffekte ab- und aufzufangen.

Und entsprechend müssen sich auch Bibliotheken fragen, wie sie mit Positionen umgehen, die implizit oder explizit die Zulässigkeit anderer Positionen aktiv in Frage stellen, die jedoch zugleich in der Logik einer pluralistischen und Meinungsvielfalt fördernden Basis von Öffentlichkeit entstanden sind und die institutionalisierten Kanäle nutzen, um genau diese Basis aufzubrechen? Karl Poppers berühmtes Toleranz-Paradoxon wird plötzlich Zentralkonzept öffentlicher Debatten und eine Herausforderung für bibliothekarische Fachdiskussionen.

Daher lässt sich zwangsläufig im Kontrast zum (vermeintlichen) Neutralitätsanspruch auch zumindest fragen, ob Bibliotheken nicht parallel die Grundlagen von Öffentlichkeit mitvermitteln müssten, also ein übergreifendes Verständnis für die Struktur von Debatten und Diskursen, die Rolle und die Entstehungsbedingungen von Publikationen und die damit verbundenen Ideen und möglichen Folgen? Stehen Bibliotheken in der Verantwortung, Metakompetenzen zur Teilhabe an der Öffentlichkeit in ihrem Vermittlungsauftrag zu berücksichtigen? Zu diesen würde notwendig auch die Kommunikation ihres Selbstverständnisses zählen, die transparent werden lässt, weshalb bestimmte Titel und Positionen in den Angeboten auftauchen und weshalb andere möglicherweise fehlen. Also genereller: Sollen, wollen oder können Bibliotheken Institutionen der politischen Bildung sein?

So wird ein Gegenmodell zur reinen Dienstleistungsposition denkbar, nach dem sich Bibliotheken dezidiert als normative Institution mehr mit einem politischen bzw. Bildungs- denn einem Informations- und Dienstleistungsauftrag verstehen. Aber wie würde, könnte, sollte dies konkret aussehen? Ist solch eine Rolle in den Rahmenbedingungen und besonders auch in der Berufsausbildung überhaupt angelegt oder anlegbar? Und darüber hinaus ist zu fragen, ob Bibliotheken selbst als Akteure in den Debatten auftreten und Position beziehen sollten? (Viele tun dies nachweislich bereits.)

Wir möchten die Grenzen normativer Praxis im Bibliotheks- und Informationsbereich thematisieren. Dass ein Bibliotheksgesetz fehlt, welches einheitlich verbindliche Regelungen für Entwicklungen im Bibliothekswesen formulieren könnte, lässt Spielräume und überträgt die Aufgabe, sich hier aufzustellen, den einzelnen Einrichtungen. Ob dies eine Schwäche (mangelnde Verbindlichkeit) oder eine Stärke (im Sinne des Pluralismus) darstellt, wäre ebenfalls ein interessanter Diskussionspunkt. In jedem Fall wäre gerade der Bibliothekspraxis geholfen, überhaupt eine systematische Grundlage für mögliche normative Leitlinien zu haben – ein Auftrag auch an die Bibliothekswissenschaft. LIBREAS ruft entsprechend auch dazu auf, dafür relevante Quellen zu identifizieren, zu erläutern und nachzuweisen.

Im Prinzip erstaunt es, dass das Thema nach der normativen Ausrichtung von Bibliotheken nicht öfter Gegenstand von Bibliothekstagen, Themenheften der Fachzeitschriften oder auch bei LIBREAS ist. In den Ausgaben #19 Zensur und Ethik und in der #22 Recht und Gesetz beschäftigten wir uns immerhin bereits mit verwandten Themenkomplexen. In der kommenden Ausgabe wollen wir konkret den aktuellen Diskurs zum Umgang mit neuer rechter Literatur und der Positionierung von Bibliotheken in der aktuellen politischen Lage adressieren.

Wir wollen also erfahren: Wie positionieren Sie sich, wie positioniert ihr euch in dieser Debatte und welchen Umgang mit diesem Thema haben Sie/habt ihr mit Ihrer/eurer Einrichtung gefunden? Auf welche (historischen) Narrative und Paradigmen kann in diesem Kontext Bezug genommen werden? Gibt es internationale Parallelen?

Wir rufen dazu auf, Beiträge zu diesem Themenkomplex einzureichen, wobei wie immer sowohl Berichte aus der Praxis als auch theoretische Auseinandersetzungen in jedem Format (Essays, künstlerische Auseinandersetzungen, Abschlussarbeiten et cetera) willkommen sind. Wir freuen uns auch über Einreichungen aus Institutionen, die sich per Funktion mit diesem Themenkomplex befassen wie Gedenkstätten- oder politisch/historisch ausgerichtete (Forschungs-)Bibliotheken. Gerne unterstützen wir Sie/euch beim Verfassen der Texte oder diskutieren Ideen für Beiträge. Einreichungsschluss ist der 31.03.2019. Beitragsvorschläge und Beiträge bitte an redaktion@libreas.eu. Wir freuen uns und sind sehr gespannt.

Eure / Ihre Redaktion LIBREAS. Library Ideas

(Berlin, Chur, Dresden, Hannover, München im November 2018)


[1] Der Zusatz ‘neu’ wird in der wissenschaftlichen Diskussion teilweise abgelehnt, da aktuelle rechte Literatur oftmals auf ältere Texte verweist und sich somit an alte Diskurse anschließt. Im Folgenden verstehen wir unter ‘rechts’ zusammenfassend rechts-konservatives, rechts-extremes und rechts-revolutionäres Denken.

Berlin – Ecke Queen Street. Eine Ansichtskarte.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 18. November 2018

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

Eine kleine überraschende Ergänzung unserer im LIBREAS.Tumblr – viel zu wenig – gepflegten Serie Berliner Bibliotheken fand sich unlängst in einem Ordner mit älteren Ansichtskarten und das ist naturgemäß zu schön, um nicht auch hier verzeichnet zu werden. Wie bei solchen Fundstücken üblich, sind die Wege, die sie über die Jahre – in diesem Fall immerhin schmale 111 davon – nahm, kaum rekonstruierbar. Ausgenommen von dieser Einsicht ist die erste Etappe, da es zum postalischen Gebrauch gehört, in solche Kommunikationsträger auch entsprechende Metadaten einzuschreiben – also Adresse, Datierung und Poststempel. Dadurch wird es uns möglich, sie auch heute noch eine Lektüre zu unterziehen, die freilich verwaschen bleiben muss. Denn zahlreiche Rahmenangaben für die Analysekette Wer-was-wann-wie-wo-warum? sind nicht ermittelbar und werden es mutmaßlich nie mehr sein.

Ansichtskarte - Berlin, Ontario, Public Library

King Edward schaut wie auf diese Bibliothek: Eine Ansichtskarte aus Berlin, Ontario.

Was wir unschwer sehen: Eine Madame Verret aus Quebec – und zwar Quebec City bzw. besser noch Ville de Québec entschied sich, diese Karte aus dem Sortiment des so jungen wie nach einem Brand mit Totalverlust im Jahr 1904 gebeutelten Druckhauses Warwick Brothers & Rutter, Ltd. aus Toronto zu nutzen, um einem Jules Bellard zu schreiben, in die Kleinstadt Argentan (Orne), das Textilhistoriker*innen möglicherweise wegen seiner Spitze bekannt ist, dem so genannten Dentelle-d’Argentan-Muster, kräftig, floral, robust, ein Favorit von Louis XV und danach bald weitgehend vergessen, außer in Argentan natürlich, wo heute im Museum ausführlich an diese ruhmreiche Facette der Stadtgeschichte erinnert wird.

Nach Argentan also reiste die Karte, in die Hausnummer 4 der rue [de la] Chaussee, in der sich heute ein Fachgeschäft für Mobiltelefonie befindet, nur indirekt ein Gruß und mit dem ausdrücklichen Zweck offenbar der Übermittlung der Postanschrift von Madame Verret an diesen Jules. Wer Madame Verret schreiben wollte, der schrieb an die 172 rue Richelieu in Quebec Can., vermutlich angesichts der Lage im Quartier Faubourg Saint-Jean bereits zu dieser Zeit keine schlechte Adresse und heute Standort eines wuchtigen Appartementhauses jüngeren Baujahrs und damit für die Rekonstruktion der sozio-postalischen Spuren eine Sackgasse namens Tandem – Condos sur Cor.

Der Bezug von Madame Verret zur Carnegie gestifteten öffentlichen Bibliothek in Berlin, Ontario bleibt dagegen wie heute die Rue Richelieu 172 weitgehend im Schatten und möglicherweise ist in diesem auch gar nicht übermäßig viel zu entdecken. Es könnte auch schlicht eine Motivwahl aus Zeitgeist gewesen sein. Die Bibliothek in Berlin war nämlich ein Schmuckstück ihrer Zeit, noch sehr jung – im Januar 1904 als eine von elf ihrer Art in der Region eröffnet – und besonders üppig mit Mitteln in Höhe von 24.500 $ durch eben die Carnegie Foundation gefördert.

Interessanterweise stellte man aber 1907 fest, dass der Bau für den Bibliotheksbetrieb wenig optimal war. Sie schien schnell zu klein für eine aufstrebende Kommune mit 10.000, bald 15.000 Einwohnern. Und war vor allem zu feucht, so dass der Keller nicht für Bibliothekszwecke nutzbar war. Es blieb offenbar aus gutem Grund der erste und der letzte Bibliotheksbau des in Mannheim, Warterloo County geborenen Architekten Charles Knechtel (1869-1951), der glücklicherweise den Abriss des Gebäudes im Jahr 1963 nicht mehr erleben musste, wohl aber die Schmach einer Art Rettungsumbaus. James Bertram, Privatsekretär von Andrew Carnegie, äußerte sich in einem Brief an den Ontario Inspector of Public Libraries, Walter R. Nursey, später, als Charles Knechtel längst mit der Planung von Schulen, Kirchen und Fabriken anderswo befasst war, mit einer bemerkenswert brutale Einschätzung zum Gebäude:

“[T]he Berlin bilding [sic] is one of the most short sighted planned bildings of which I have ever seen the plans. It is cut in small areas and the balcony feature could only have been introduced under the belief that money was no object as it is absolutely unnecessary and entails expenditure of money without any return whatever.” (zitiert nach Beckman, Landmead, Black, 1984, S. 52)

Nachvollziehbar frustriert mit den Vorgängen in Berlin blockte James Bertram eine ganze Weile resolut alle Anfragen des Berlin Library Boards nach weiteren Zuschüssen für eine Neugestaltung und Erweiterung des Gebäudes ab, bis er dann schließlich doch durch die regelmäßigen Anfragen von W.H. Breithaupt, Vorsitzender des Library Board Building Committee, erweicht genug war, um nochmals 12.900 $ bereitzustellen, möglicherweise besonders motiviert durch die Tatsache, dass auch die Stadt Berlin eine erhebliche Summe beisteuerte. Im Februar 1916 wurde, verzögert auch in diesem Berlin durch den Ersten Weltkrieg, die umgebaute und erheblich erweiterte Bibliothek, jetzt mit einer Kinderbibliothek und trockenem Keller, wieder eröffnet. Auch James Bertram zeigte sich nun zufrieden. Im gleichen Jahr, auch eine Folge des Ersten Weltkriegs, benannte man Berlin in Kitchener um, als Würdigung des gerade vor den Orkney Inseln mit 736 weiteren Menschen mit der HMS Hampshire nach deutschem Minenschlag ertrunkenen britischen Feldmarschalls Lord Horatio Kitchener, der unter anderem für die Strategie der “verbrannten Erde” und das Konzept der Konzentrationslager berühmt geworden war. Parallel wurde übrigens in Australien das Gebäckstück namens “Berliner”, das wir in Berlin Pfannkuchen nennen, in Kitchener Bun umgetauft und zum Beispiel auch die Siedlung Friedensthal, South Australia in Black Hill, alles kurios und zugleich eine Erinnerung daran, wie sehr zeitpolitische Symbolentscheidungen auch in der Vergangenheit häufig grotesk und furchtbar waren.

Die nun Kitchener Public Library erfüllte jedenfalls ihren Zweck bis in die 1960er Jahre. Mittlerweile war die Bevölkerung der Stadt auf über 70.000 angewachsen und entsprechend willkommen war der ganz in der Nähe von Kitcheners wichtigsten Architekten dieser Jahre, nämlich Carl Rieder, entworfene flache und sehr moderne Neubau der Main Library an der Queen Street, der im Mai 1962 eröffnet wurde. Für die Kunst am Bau beauftragte man den Maler Jack Bechtel mit einem Wandbild, das zu seiner vielleicht bekanntesten Arbeit werden sollte. Die fast vier mal zehn Meter große in erdigen Tönen gestaltete Darstellung für den Lesesaal zeigt, zum Lichte empor, das Streben des Menschen nach Wissen, heißt passend auch “Enlightenment” und entstand 1963 in der bereits eröffneten Bibliothek und zwar etappenweise in den Nachtstunden.

Den Knechtel-Bau, der wahrscheinlich nie so genannt wurde, ebnete man kurz darauf ein und irgendwann später erwuchs an seiner Stelle ein brutalistische Züge tragendes Gebäude namens The Commerce House Office Tower. Die Berliner Bibliothek blieb die einzige der elf Carnegie-Bibliotheken in der Region Waterloo, die abgerissen wurde. Allerdings verschwand im benachbarten Guelph 1964/65 ein auf den ersten Fassadenblick noch deutlich eindrucksvollerer Carnegie-Bibliotheksbau (von William Frye Colwill).

Mittlerweile verschob sich erwartungsgemäß der Blick auf das bibiotheksarchitektonische Erbe des Andrew Carnegie soweit, dass so gut wie verbliebenen Häuser im Focus des Denkmalschutzes stehen. Für Berlin-Kitchener kommt das zu spät. Aber da Madame Verret sich im September 1907 entschied, ihre Adresse auf eine Bibliotheksansichtskarte von Warwick Bros & Rutter zu schreiben, deren Programm allein die Public Library von Berlin mindestens vier Mal aufwies, und möglicherweise sogar unterfrankiert ins Vorkriegseuropa zu schicken (eine portohistorische Prüfung steht noch an) bleibt sie uns als Berlin Public Library zumindest per Bildzeugnis erhalten.

(Berlin, 18.11.2018)

Literatur

Beckman, Margaret; Landmead, Stephen; Black, John: The Best Gift: A Record of the Carnegie Libraries in Ontario. Toronto, London: Durndurn Press, 1984

Ein Plädoyer für mehr Gerechtigkeit durch öffentliche Informationsinfrastrukturen

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 11. Juni 2018

Zu: Safiya Umoja Noble (2018). Algorithms of Oppression. How Search Engines Reinforce Racism. – New York : New York University Press, 2018

Karsten Schuldt

 

Technologie ist nicht neutral. Ist das neu?

Technologie und Algorithmen sind nicht neutral und auch nicht einfach reine Widerspiegelungen gesellschaftlicher Verhältnisse. Was an Technologie entwickelt wird und was nicht; was als Problem definiert wird, welches Problem technisch – oder halt auf der Ebene von Software durch Algorithmen – zu lösen wäre und was nicht; was überhaupt als Problem wahrgenommen wird; auf welche Kritik von wem Rücksicht genommen wird und welche Kritik von wem ignoriert wird – all das ist gesellschaftlich. Und es wirkt dann, wenn es in Technologie umgesetzt ist, verstärkend auf die Gesellschaft zurück. Es entwickelt sich nicht in einem luftleeren Raum, in welchem nur Innovation und Genie zählen, sondern entlang von Machtstrukturen und gesellschaftlichen Diskursen. Ist das eine überraschende Aussage?

Das hier zu besprechende Buch von Safiya Umoja Noble thematisiert diesen Fakt in einer Weise, als sei er neu. Es gäbe in der Gesellschaft die Vorstellung, dass Technologie (in diesem Fall Suchmaschine-Technologie) neutral und fair wäre. Die Autorin berichtet, dass Ihre Studierenden (an der University of California) dies in ihrem Unterricht zum ersten und einzigen Mal in ihrem Studium hörten. Einen ähnlichen Eindruck vermittelt sie auch in ihren Vorträgen zum Thema (zum Beispiel auf der letzten re:publica 2018). Wenn dem so ist, ist es wohl wichtig, dass es diese Buch gibt. Es sind aber auch keine überraschenden Aussagen. Vielleicht sind dem Rezensenten einfach die beiden Wissenschaftsfelder, auf die sich die Autorin bezieht – Gender Studies und Library and Information Science – selber zu sehr bekannt, aber ihm schien, dass das Buch eher Bekanntes konkretisiert, als neues benennt.

Beispiele für Bias

Überzeugt dann aber diese Konkretisierung? Schon. Noble fokussiert auf Google beziehungsweise Alphabet, da dies einfach die grösste Firma im Bereich Suchtechnologien ist und die Ergebnisse dieser Technologie direkte Auswirkungen in der Gesellschaft haben. Sie zeigt, dass es offensichtliche Vorurteile gibt, die sich in den Suchergebnissen von Google widerspiegeln und damit auch in den Algorithmen der Maschine. Das prominent im Buch mehrfach thematisierte Beispiel ist eindrücklich: Die Autorin wollte 2011 mit ihren Nichten Quality-Time verbringen, suchte deshalb mit dem Schlagwort „black girls” nach Dingen, die diese interessieren könnten, fand aber fast nur Pornographie (und eine Pop-Band mit diesem Namen). Dies liess sich auf andere Gruppen und Themen ausweiten: „latina girls” lieferte ebenso vor allem Pornographie, aber nicht „asian girls” oder „white girls”; „three black teenagers” lieferte Polizeiphotos, „three white teenagers” Bilder von Gruppen von Jugendlichen, „unprofessional hairstyles for work” lieferte nur Bilder von Afroamerikanerinnen, „professional” nur von weissen Frauen. Es ist leicht ersichtlich, dass rassistische (und, in anderen Beispielen, sexistische) Denkstrukturen sich in diesen Ergebnissen spiegelten, nicht die Realität.

Noble problematisiert nun in ihrem Buch die Vorstellung, dies seien rein technische Probleme. Diese Position wird, wie sie zeigt, von Google beziehungsweise Alphabet eingenommen. Nicht einmal als Ausrede, sondern als Ideologie. Regelmässig verweist Google darauf, dass die Ergebnisse ihrer Maschine nicht einfach zu kontrollieren seien, sondern sich aus den Suchen in Google und den verwendeten Algorithmen ergeben würden. Gleichzeitig finden sich dann immer doch Lösungen, einige krude (so fand man nach einer gewissen Zeit unter „three white teenagers” dann auch Polizeiphotos), einige wirksamer (so findet sich heute unter „black girls” oder „latina girls” keine Pornographie mehr, ausser es wird explizit nach ihr gesucht). Für Noble ist aber klar, dass dies eine falsche Vorstellung davon ist, wie Technologie funktioniert. Welche Probleme schnell angegangen würden und welche nicht oder nur sehr langsam, hätte zum Beispiel auch mit der recht männlichen, weissen und asian-american Belegschaft von Google zu tun, auch mit der Vorstellung, dass diese Belegschaft sich meritokratisch gefunden hätte (also weil sie alle besser seien als andere). Gleichzeitig sei es aber auch ein Problem, dass die Öffentlichkeit Google mit einer fairen und interesselosen Infrastruktur gleichsetzen würde: Google sei eine Werbeplattform, die Suchen und Ergebnisse, die Technologie und Infrastruktur sei davon bestimmt. Die Öffentlichkeit – und dabei meint sie nicht nur einzelne Personen, sondern auch die Politik, Wissenschaft, Verwaltung – sähe in Google aber eine Infrastruktur, die grundsätzlich fair sei. (Dies sei nicht nur auf Google, sondern auch auf den ganzen Diskurs von Big Data zu beziehen.)

Suchergebnisse haben Konsequenzen

Weiterhin zeigt Noble, dass das alles nicht egal ist. Was gefunden wird, wenn gesucht wird, hat Einfluss auf die Wahrnehmung von Gruppen (oder auch, dass Menschen überhaupt als bestimmte Gruppen wahrgenommen werden), auf die Selbstwahrnehmung von Gruppen und von Individuen. Beispiel: Wenn „black girls” oder „latina girls” als Repräsentation ihrer selbst vor allem Pornographie finden, während andere Mädchen vor allem Angebote zur Freizeitgestaltung finden. Die Autorin zeigt dies auch noch am Beispiel von Dylann Roof, dem white nationalist welcher 2015 in Charleston neun Menschen (weil sie schwarz waren) erschoss und in seinem „Manifest” angab, dass sein Weg in die Radikalisierung mit einer Suche auf Google begann. Auch dessen Identität wurde dadurch geprägt, was zu finden war – white nationalist websites – und was nicht zu finden war – reale Informationen über Kriminalitätsraten oder Darstellungen, was an den Diskursen auf den white nationalist websites falsch war.

Das ist alles richtig. Es ist auch wichtig, dass es gesagt wird. Die Frage ist nur, ob es neu ist.

Für eine öffentliche Suchmaschineninfrastruktur

Neu ist aber wohl der Lösungsvorschlag von Noble. Sie zeigt, dass es zwar wichtig ist, solche Beispiele aufzunehmen und zu skandalisieren, dass es aber nicht darum geht, von Google zu fordern, dieses oder jenes abzustellen. Dies spielt in den Diskurs von Google selbst hinein, dass es sich nur um technische Probleme handeln würde. (Was nicht heisst, dass es falsch wäre, an den Ergebnissen etwas zu ändern.) Wichtig wäre, zu thematisieren, was hier passiert und warum. Nobel verweist darauf, dass es in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft eine Tradition der Kritik von Kategorisierungen und Systemen der Wissenschaftsorganisation gäbe, insbesondere der DDC. An diese könne und müsse angeschlossen werden, wenn es um Suchmaschinentechnologien geht. Allerdings: eine Voraussetzung dieser Kritik sei, dass transparent ist, welche Kategoriesysteme in Bibliotheken verwendet werden – in die DDC kann man hineinschauen, aber in die Algorithmen von Google nicht (weil es eine Werbeplattform ist).

Die Lösung liegt für Noble darin, zu verstehen, welche Effekte Google auf die Gesellschaft hat und aus dieser Erkenntnis nicht etwa zu folgern, dass die Suche im Internet das Problem wäre, sondern die Struktur und Ideologie von Google. (Und anderen Firmen, aber der Fokus liegt bei Google.) Nicht ein „besseres Google”, sondern eine öffentlich finanzierte und getragene Suchmaschineninfrastruktur wäre zu fordern. Angelehnt ist diese Vorstellung erkennbar an Bibliotheken. (Für Europa klingt diese Forderung nicht so weit hergeholt. Die Europeana könnte – bei entsprechender Finanzierung – diese Infrastruktur mit aufbauen.) Nur dann sei es möglich auch zu wissen, was wieso und wie gesucht und gefunden wird; welche Probleme als solche definiert würden und welche nicht. Dies wäre politisch, aber darum geht es Noble ja: Die Vorstellung, ein Suchalgorithmus können neutral und damit unpolitisch sein, ist falsch. Damit muss man umgehen. Dadurch, dass eine solche Infrastruktur öffentlich würde, würde sie zum Beispiel nicht mehr an Werbeeinnahmen gebunden und es gäbe auch keinen Grund, die Algorithmen nicht öffentlich zu machen.1 Eine grosse Forderung, aber damit, dass Noble sie auf den Tisch legt, wird sie auch diskutierbar.

Kritik

Wie schon angedeutet, ist der Rezensent zwar vom Thema des Buches überzeugt, nicht aber davon, dass es inhaltlich etwas neues bieten würde. Wirklich neu ist nur der zuletzt genannte Vorschlag einer öffentlichen Suchmaschineninfrastruktur.2 Dieser Eindruck zieht sich auch durch das Buch selber. Die Hauptargumente und -aussagen finden sich praktisch in der Einleitung, später werden sie immer wieder neu aufgegriffen. Es wird eher in Kaskaden diskutiert (also immer wieder das, was schon gesagt wurde, aufgegriffen, ergänzt und dann in der nächsten Runde wieder aufgegriffen und so weiter), als das es einen roten Faden gäbe. Es scheint, dass dies in einem Universitätsseminar angemessen sein kann („Lernen durch Wiederholung”), für ein Buch scheint es weniger praktisch.

Zudem hat die Autorin die irritierende Angewohnheit, quasi alle Personen, von denen Studien oder anderes zitiert wird, mit Namen und Funktion, beispielsweise dem Institut bei dem sie arbeiten, vorzustellen, so als würde dies den Argumenten mehr Autorität verleihen – was aber nicht der Effekt ist.

Fazit

Wie gesagt scheint vieles von dem, was die Autorin darlegt, schon bekannt. Vielleicht nur in den kleinen Kreises der kritischen Bibliotheks- und Informationswissenschaft (aber dieses Blog erreicht vielleicht vor allem diesen Kreis). Es untermauert mehrfach das Wissen, dass Technologie und Algorithmen nicht neutral sind und dass sie, wenn unkritisiert, in einer rassistischen Gesellschaft vor allem die rassistischen Strukturen reproduzieren. (Noble argumentiert und sucht im Kontext der US-amerikanischen Gesellschaft, aber es ist ein leichtes, dies auf die deutsche, schweizerische, österreichische, liechtensteinische Gesellschaft und die Diskursstrukturen und Vorurteile hier zu übertragen.) Sie tut dies in zitierbaren und klaren Aussagen. Es gibt also keinen Grund, von diesem Buch abzuraten; aber es scheint doch an vielen Stellen zu lang.

Grundsätzlich in den Diskurs als potentielle Lösung aufzunehmen ist der Vorschlag, Suchmaschineninfrastrukturen, nach dem Vorbild von Bibliotheken, als öffentliche Infrastruktur einzufordern.

Fussnoten

1 Julien Mailand und Kevin Driscoll machen in ihrem in diesem Blog auch schon besprochenen Buch zum Minitel-System im Frankreich der 1980er-Jahre [Julien Mailland ; Kevin Driscoll (2017). Minitel: Welcome to the Internet (Platform Studies). Cambridge ; London: The MIT Press, 2017] ein ähnliches Argument: Ein Vorteil des staatlich organisierten Systems – gegenüber heutigen Plattformen wie Facebook, die einfach so Entscheidungen über Inhalte, die sie anzeigen oder nicht anzeigen treffen dürfen – sei gewesen, dass alle Entscheidungen darüber, was im System zugelassen wurde und was nicht, potentiell der öffentlichen Kontrolle (ergo: Beschwerden, Klagen, Einsichtsnahmen in Unterlagen) unterlag.

2 Hier stellt sich wirklich die Frage, wann und warum Bibliotheken aufgehört haben, über eine solche nachzudenken. Als noch Yahoo mit seinen Kategorien und Linksammlungen die Suche im Internet bestimmte, gab es solche Diskussionen und mit der Deutschen Internetbibliothek auch eine Infrastruktur, die dies versuchte. Nachdem einfache Suchen” zum bestimmenden Modus der Suche wurde, scheinen Bibliotheken aufgegeben zu haben. Heute ist wohl noch nicht mal bekannt, wie die Suchergebnisse in den Bibliothekskatalogen zustande kommen; auch das ist intransparent von den Anbietern der Katalogsoftware organisiert.

Sophie Schneider fährt zu den Open-Access-Tagen 2018. Mit Unterstützung von LIBREAS

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Verein by Ben on 8. Juni 2018
Sophie Schneider - die erste LIBREAS-Reisestipendiatin

Sophie Schneider – die erste LIBREAS-Reisestipendiatin (Foto: privat)

Sophie Schneider fährt nach Graz. Jedenfalls hoffen wir als LIBREAS, dass sie das tut. Und wir unterstützen sie mit Freude und mit allem, was wir bieten können, also unserem Reisestipendium. Denn ihr Motivationsschreiben für das von uns ausgelobte Reisestipendium für den Besuch der Open-Access-Tage 2018 überzeugte hat uns außerordentlich. Als angehende Bibliotheksmanagerin, sie studiert aktuell an der Fachhochschule Potsdam, sind Veranstaltungen wie diese naturgemäß mehr als irgendein Konferenzbesuch, um den Anschluss an aktuelle Diskussionen zu halten. Aus eigener Erfahrung können wir berichten, dass Studierende mit solchen Reisen ihren Blick auf die Bibliothekswelt und ihre mögliche Position darin sehr erweitern, manchmal auch grundsätzlich verändern können. Es ist uns daher eine große Ehre, diese Tür im Rahmen unserer Möglichkeiten, nun auch Sophie Schneider zu öffnen. Denn dies ist die Motivation hinter dem LIBREAS-Reisestipendium: Menschen, die sonst womöglich nicht so einfach die Mittel haben, um zu einer Konferenz zu reisen, bei der Teilhabe zu unterstützen. Will man es ganz groß aufspannen, ist es auch eine Investition in das Bibliothekswesen, das weitsichtige, engagierte, kompetente Persönlichkeiten immer benötigt und aktuell natürlich besonders.

In ihrem Bewerbungsschreiben formulierte Sophie Schneider die Frage:

„Wo können wir als Bibliotheks- und Informationswissenschaftler/innen die Fachwissenschaftler/innen beim Publikationsprozess
unterstützen, vielleicht sogar mit der Entwicklung entsprechender Strukturen und Technologien?“

Die Open-Access-Tage an der Technischen Universität Graz sind in diesem Jahr genau der richtige Ort, um darüber zu diskutieren.

Graz im Februar

Ein Blick auf Graz im Februar. Im Spätsommer zeigt es sich selbstverständlich deutlich leuchtender. Nur haben wir bisher  kein entsprechendes Bild im Archiv. Aber vielleicht bringt uns Sophie Schneider eines mit. (Foto: Ben Kaden)

Wer vorab in einen entsprechenden Austausch mit Sophie Schneider einsteigen möchte, sollte sich mit ihr schon vorab über Twitter verknüpfen: https://twitter.com/BibWiss. Wir empfehlen darüberhinaus auch einen Blick in ihr Weblog. Und wir freuen uns auf eine rege Berichterstattung im September, die wir in jedem Fall auch an dieser Stelle so sichtbar wie möglich machen.

Darüber hinaus hoffen wir, dass wir dem Reisestipendium einen wichtigen Beitag zum Vereinsziel des LIBREAS e.V. leisten, nämlich für die “ Förderung der bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Kommunikation“. Weitere Anregungen, Ideen und natürlich auch Unterstützungen sind wie immer sehr willkommen. Der anstehende Bibliothekartag / Bibliothekstag 2018 in Berlin bietet zudem die Möglichkeit, persönlich mit uns in Kontakt zu treten. Ansonsten immer sehr gern über mail@libreas-verein.eu, redaktion@libreas.eu oder auf Twitter: @libreas.

(red. / Berlin im Juni 2018)

Von Digitalfundamentalisten und Zentralisierungswünschen

Posted in LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 23. Mai 2018

Zu: Michael Knoche (2018): Die Idee der Bibliothek und ihre Zukunft (2. Auflage). Göttingen: Wallstein, 2018

Karsten Schuldt

 

„Die Idee der Bibliothek und ihre Zukunft” ist ein Buch, welches stark an Polemik, aber inhaltlich weder überzeugend noch konsistent ist.

Von Beginn an: Der Autor, Michael Knoche, war lange Jahre (inklusive der Zeit des Brandes und Wiederaufbaus) Direktor der Anna Amalia Bibliothek in Weimar und scheint als solcher eine starke Meinung zu verschiedenen Themen des Wissenschaftlichen Bibliothekswesens entwickelt zu haben. Im genannten Buch versucht er, diese zu vermitteln. Selbstverständlich ist er dabei fachkompetent.

Das Buch selber ist erstaunlich kurz. Die einzelnen, 16 Kapitel sind jeweils vielleicht 5 Seiten lang. Zudem ist es an vielen Stellen unterhaltsam zu lesen: Der Autor versucht sich immer wieder in Polemik und Sprachbildern, die nicht immer funktionieren, aber von Überzeugungen zeugen.

Was der Autor allerdings sagen will und vor allem, gegen wen er anschreibt, das ist schwer fetszustellen. Ebenso schwer ist zu sagen, an wen er sich eigentlich richtet. Vom Thema ausgehend könnte vermutet werden, dass er ins Bibliothekswesen hinein intervenieren will. Viele seiner Andeutungen sind wohl nur für die verständlich, die einen bibliothekarischen Hintergrund mitbringen. Gleichzeitig aber scheint der Autor sich an eine breit Öffentlichkeit oder aber die Politik zu richten, da er ständig Konzepte wie Open Access, Provenienzforschung oder Formen der Fernleihe erläutert, die man im Bibliothekswesen als bekannt voraussetzen kann. Am Ende des Buches ist dann auch nicht klar, von wem er eigentlich was fordert.

Sichtbar ist, dass er eine Personengruppe ablehnt, die er mal „Digitalfundamentalisten” (47 u.a.), mal als „Bibliothekare[, die] unter einer rätselhaften Form des Bücherverdrusses [leiden]” (11) bezeichnet. Wer genau zu dieser Gruppe gehört oder was diese Gruppe genau ausmacht, wird nicht benannt. Einzig Rafael Ball (ETH Zürich) und Rick Anderson (University of Utah) werden genannt, aber das ist keine Gruppe. Man würde vermuten, dass im Laufe des Buches durch Abgrenzungen klar wird, was diesen „Digitalfundamentalisten” vorzuwerfen sei, aber das passiert nicht. Der Autor selber ist überhaupt nicht konsistent in dem, was er positiv oder negativ findet. Er hebt, selbstverständlich, auch ständig Vorteile des digitalen Kommunizierens, Publizierens und Aufbewahrens (also vor allem des Scannes von Büchern) hervor. Er ist also kein Luddit. Vielleicht meint er, dass „Digitalfundamentalisten” einfach immer und überall gedruckte Medien ablehnen würden, was so (die Bücher von Rafael Ball sind z.B. auch gedruckt zu erhalten, ebenso wie die von ihm herausgegeben B.I.T. Online) auch nicht stimmt. Es scheint eher, als hätte der Autor ein Feindbild und würde davon ausgehen, dass wir, die Leserinnen und Leser, dieses ohne grosse Erklärung auch teilen würden. (Zumindest der Rezensent ist gehört nicht zu dieser Gruppe und kann deshalb mit dem Begriff nicht wirklich etwas anfangen.)

Der Titel, der Klapptentext und das einleitende Kapitel des Autors versprechen, über die „Idee der Bibliothek” und die Zukunft der Bibliotheken – eingeschränkt auf die Wissenschaftlichen Bibliotheken – nachzudenken. Davon findet sich im Buch fast nichts. Es wird nicht argumentiert oder nachgedacht, vielmehr scheint der Autor einige Überzeugungen zu haben, die er mitteilen will. Das Problem ist nicht, dass er Überzeugungen hat. Ohne solche wäre vielleicht kein guter Bibliotheksdirektor gewesen. Das Problem ist, dass er nicht einmal den Versuch unternimmt, zu überzeugen. Er scheint auch hier davon auszugehen, dass es keiner weiteren Ausführungen bedürfte, sondern das einfach dadurch, dass er seine Überzeugungen äussert, diese zu Wahrheiten würden. Das hält das Buch kurz, aber es erreicht nur die, die eh schon seiner Meinung sind. Beispielsweise betont er, dass Bibliotheken (alle Bibliotheken) den Auftrag hätten, langfristig und umfassend zu sammeln. (Das ist dann auch schon die „Idee der Bibliothek” aus dem Buchtitel.) In einem Kapitel betont er dann noch, dass nur dieses Sammeln es möglich macht, historisch zu arbeiten, zumal bei sich ständig wandelnden Paradigmen der Geschichtswissenschaft. Aber anschliessend geht er einfach davon aus, dass dies allgemein akzeptierter Fakt sei. Es ist, wie weiter oben gesagt, eine Polemik. Gäbe es aber zum Beispiel die Gruppe der Digitalfundamentalisten wirklich und würde diese auch nur inhaltlich konsistent argumentieren, egal was, wäre sie überzeugender, als dieses Buch.

Die Überzeugungen, welche Knoche vorträgt, sind zudem auch nicht originell. Sie lassen sich in drei Thesen zusammenfassen:

  1. Aufgabe der Bibliotheken ist das umfassende und nachhaltige Sammeln
  2. Digitalfundamentalisten würden diese Aufgabe bedrohen (weil das Digitale nicht einfach zu sammeln wäre, sondern – weil es ja Lizenzen sind – gesonderter Regeln bedürfe und selbstverständlich einer Klärung, wie man überhaupt Digitales nachhaltig sammeln kann; alles Fragen, die im Bibliothekswesen auch ohne die Polemik dieses Buches besprochen werden): „Nur wenn die Sammlungen ihr Eigentum sind, können sie [die Bibliotheken] versuchen, sie dauerhaft zur Verfügung zu stellen. Bibliotheken müssen Bestand halten.” (9)
  3. Notwendig sei eine Zentralisierung von Aufgaben, entweder durch zentrale Einrichtungen (Knoche meint, dass die DFG dies nicht – mehr – tun würde oder könnte, sondern der Bund eingreifen müsste) oder aber durch enge Kooperation der Bibliotheken (wobei er dann für Bibliotheken mehr Autonomie fordert und – offenbar ohne Kenntnis der tatsächlichen Lage in der Schweiz – unter anderem die schweizerischen Bibliotheken als positives Beispiel darstellt)

Gerade diese letzte Idee einer nationalen Koordination der bibliothekarischen Aufgaben scheint Knoche umzutreiben. Aber auch hier: Das wird nicht begründet, es wird einfach behauptet, dass es anders nicht mehr möglich wäre, zu sammeln. Gezeigt oder gar nachgewiesen wird das nicht. Die reine Behauptung vonseiten des Autors soll offenbar alleine ausreichen. Ausgehend von dieser Behauptung fordert er dann – allerdings unklar, von wem – wieder einmal eine Nachfolgeeinrichtung des Deutschen Bibliotheksinstituts und eine Wiedereinführung der langfristigen Finanzierung der Sondersammelgebiete.

Wie gesagt: Dieses Buch überzeugt wohl niemand von irgendetwas. Es liefert auch, ausser dem polemischen Begriff der Digitalfundamentalisten (übrigens durchgängig männlich, deshalb auch in dieser Besprechung so zitiert), keine neuen Ideen. In einigen Bereichen sind die Überzeugungen des Autors auch erstaunlich konservativ, beispielsweise spricht er sich – aber da ist er mit anderen Autoren des herausgebenden Wallstein Verlages, wie Uwe Jochum einer Meinung – gegen eine Verpflichtung von Forschenden zu Open Access aus, weil dieses die Wissenschaftsfreiheit einschränken würde. Vielleicht spiegelt es die Überzeugungen vieler deutscher (?) Bibliotheksleitungen wider. Wenn dem so wäre, würde es aber auch eine Schwäche dieser Überzeugungen offenlegen, nämlich dass sie nicht argumentativ oder mit Fakten untermauert sind.

Es ist aber, wie gesagt, vergnüglich zu lesen. Aber eher wie ein Grime-Track, dem man wegen der Sprachbilder und dem gekonnten Springen durch die Themen und Beleidigungen Respekt zollt, nicht wegen des Inhalts.

LIBREAS-Verein unterzeichnet Jussieu Call for Open Science and Bibliodiversity

Posted in LIBREAS.Verein by maxiki on 5. April 2018

Der LIBREAS-Verein hat abgestimmt: Nach einem positiven Mitgliedervotum hat der Vorstand des LIBREAS-Vereins den Jussieu Call for Open Science and Bibliodiversity unterzeichnet. Der LIBREAS-Verein unterstützt damit Open Access und Open Science im Sinne der Vereinsziele.

Der Jussieu Call ruft in acht Punkten die wissenschaftliche Gemeinschaft dazu auf, Open Access und Open Science vielfältig und partizipativ zu denken sowie weiterzuentwickeln und nicht allein eine Umwälzung der Subskriptionskosten für wissenschaftliche Journals auf Open-Access-Gebühren zu forcieren.

Das LIBREAS-Journal und die dahinter stehende Struktur an Redaktionsorganisation und Kommunikationskanälen sind der lebende Beweis dafür, dass offene Wissenschaft in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft auch anders geht – mit allen Herausforderungen, die damit verbunden sind.