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LIBREAS Call for Papers #26 Bibliotheken __ abseits / ausserhalb der Bibliothek

Posted in LIBREAS Call for Papers by libreas on 12. Mai 2014

Kurzfassung

Es gibt unbestreitbar und gut beobachtbar einen Trend zu Bibliotheken und bibliotheksähnlichen Phänomenen, die wenig bis gar nichts mit der Institution Bibliothek zu tun haben. Subkulturen, Protestgemeinschaften aber auch einfach buchaffine Nachbarschaften, Tourismusbüros und sogar Kommunen etablieren niedrigschwellige, oft sehr stark auf spezifische Bestände orientierte Varianten der Literaturversorgung. Die Ausgabe 26 von LIBREAS möchte den Ursachen für diesen Trend nachgehen. Und der Frage, was daraus folgt, dass die etablierten Bibliotheken sich nicht nur auf der digitalen Seite, sondern auch in der analogen Welt mit Alternativen konfrontiert sehen?

Eine ausführliche Einführung in das Thema sowie eine Reihe von möglichen Fragen zur Bearbeitung entnehmen Sie bitte der Langfassung.

Der Einsendeschluss für Beiträge ist der 30.10.2014. Die Kontaktadresse lautet redaktion@libreas.eu.

Zines of the Zone / Berlin, 2014

Herzlich, einfach, temporär – ist das die eigentliche Bibliothek der Zukunft? Die fahrende Konzeptbibliothek der Zines of the Zone fand im April 2014 in der Urban Spree Gallery an der Warschauer Straße in Berlin jedenfalls punktgenau ihre Zielgruppe. Und sogar Skateboardfahren durfte man zwischen den Regalen. (Foto: Ben Kaden / 17.04.2014, weitere Fotos im LIBREAS-Tumblr)

Langfassung

Ein Kennzeichen der digitalen Gegenwart ist die Entörtlichung der Gesellschaft. Die, die in ihr leben, leben natürlich und unvermeidlich mit ihrer Physis an konkreten Orten und – nach Marc Augé – auch mit großen Zeitanteilen an gebauten Nicht-Orten (Shopping Malls, Flughäfen, Open Workspaces, Starbucks-Filialen etc.), befinden sich aber dank mobiler Endgeräte parallel dazu fast durchgängig in einer digitalen Kommunikations- und Repräsentationssphäre. Räume werden in gewisser Weise als flüssige Zonen erlebt.

Die Community des digitalen Menschen ist weniger die seiner Wohnungsnachbarn, sondern die, die er sich in seinen Sozialen Netzwerken zusammensammelt. Wenn davon jemand in der Nachbarschaft wohnt oder denselben Third Space besucht, umso besser. Aber notwendig scheint das nicht.

Geht man nun davon aus, dass Bibliotheken als konkret gebauter Raum einer Community zugeordnet sind und zugleich davon, dass Bibliotheken sich in den zurückliegenden Jahrzehnten verstärkt die Frage stellten, wie profiliert und dynamisch sie sich den jeweiligen Bedürfnissen ihrer Nutzerschaft anpassen (können und sollen), ist das Konzept einer Bibliothek für diese digitalen beziehungsweise über digitale Kanäle hochvernetzten Gemeinschaften neu zu denken – eben der Zeit und modernen Lebensweise angepasst.

Eine besondere Auswirkung der Differenzierung sowie Partikularisierung der Gesellschaft eröffnet die Ausweitung des Konzepts von spezialisierten Bibliotheken auf Interessenssphären jenseits eines explizit professionellen Umfelds. Besonders dynamische, Räume übergreifende Subkulturen haben Konzepte alternativer Bibliotheken (alternative libraries1) hervorgebracht, die, oft improvisiert und mobil, die Institution der klassischen Bibliothek nicht nur verlassen, sondern bisweilen sogar dekonstruieren. Und – was erstaunlich ist – in denen Print eine weitaus zentralere Rolle spielt, als in vielen öffentlichen Bibliotheken, die verstärkt auf digitale Angebote setzen, ihre Sammlungen also ebenfalls verflüssigen.

Das Spektrum der avantgardistischen Alternativbibliotheken ist mannigfaltig. Besonders sichtbar ist es bei den Little Free Libraries, bei denen Bücher in eine Nachbarschaftszirkulation eingespeist werden, wobei Aspekte wie Sammeln und Erschließen und jede Systematik verworfen werden. Es wird genutzt, was da ist.

Konzepte, die mehr oder weniger direkt aus einer Hipsterkultur entspringen, wie die Mellow Pages in Brooklyn, stellen in ihrem Leseraum bevorzugt Titel zur Verfügung, die nicht aus Mainstream-Verlagen stammen und somit die Erzeugnisse einer sub-, neben- und nischenkulturellen Druckkultur zugänglich machen. Ihnen verwandt sind Zine-Libraries, die noch stärker als Zugang und zugleich Showroom für Printpublikationen außerhalb kommerzieller Produktionskontexte wirken. Mit dem Zines-of-the-Zone, bei dem eine Gruppe junger Fotografen in einem Kleinbus Europa durchkreuzt, um an verschiedenen Stellen jeweils für ein bis drei Tage ihre Regale aufzustellen, um eine Sammlung von Foto-Zines zugänglich zu machen und zugleich vor Ort selbige mit Schenkungen zu erweitern, gibt es ein außerordentliches Projekt einer grenzüberschreitenden fahrenden Alternativbibliothek.

Bibliotheken außerhalb der Bibliotheken sind aber keinesfalls auf urbane Räume beschränkt. In ländlichen Regionen setzen kleine Gemeinden verstärkt auf solche Einrichtungen, mal um die Lebensqualität zu erhöhen, mal als Erweiterung des touristischen Angebots. Teilweise werden diese von Bibliotheken betrieben, wie der Öffentliche Bücherschrank in Vaduz (Landesbibliothek Liechtenstein) oder die Bücherkisten an touristischen Orten wie in Arosa oder Chur. Oft aber übernehmen andere Organisationen dies, wie die Caritas im Mehrgenerationenhaus Bensheim oder die Wohnungsbaugenossenschaft Erkner.

Die Öffentlichkeitsarbeit vieler dieser alternativen Bibliotheken findet vorwiegend in digitalen Räumen statt. Die Bibliothekshomepage ist nicht selten einfach eine Facebook-Seite. Die Bestände werden über Tumblr gezeigt. Genutzt werden sie in jeder dieser alternativen Bibliotheken vor Ort und nicht selten ist dabei die Begegnung der Nutzer von ähnlich großer Bedeutung wie die Bestandsnutzung. Handelt es sich hierbei um eine – von der Bibliothekswissenschaft gar nicht vorhersehbare – Variante der Digitalen Bibliothek?

Oft bewegen sich alternative- Bibliotheken in der Nähe zur Konzeptkunst, wenn sie beispielsweise wie The Reanimation Library, ebenfalls in Brooklyn, verschmähte und ausgesonderte Bücher zu einer Sammlung zusammenstellen. (Ähnlich die Public Library of American Public Library Deaccession von Julia Weist2 und Myann Pearl).

Eine Definition alternativer Bibliotheken benennt drei Eigenschaften:

  1. Sie dienen als ein Raum um Bücher und anderen Medien in einer Weise neu zu arrangieren bzw. nach und neu zu nutzen, die herkömmliche Bibliotheken nicht bieten.
  2. Sie zeigen Bibliotheken als alternative Räume in Kontrast zu konventionellen und institutionell sehr festgelegten Konzepten.
  3. Sie bieten Dienste, die herkömmliche Bibliotheken in der Regel entweder nicht anbieten oder sogar bewusst ausschließen. (vgl. Radford, Radford, Lingel, 2012)

Spannend ist an dieser Entwicklung aus bibliothekswissenschaftlicher Sicht unter anderem, dass hinter solchen Projekten nur in Ausnahmefällen Bibliothekar_Innen stehen. Oft wird das Konzept der Bibliothek mit mehr oder weniger präzisen Vorstellungen von Nicht-Bibliothekar_Innen gehackt und einer Vorstellung von Bibliothek angepasst. Solche Formen finden sich auch im digitalen Bereich, beispielsweise im Memory-of-the-World-Projekt3 des Netzaktivisten Marcell Mars.4 Ist Digitalität hierbei also so sehr die Grundbedingung, dass man möglicherweise sogar von Post-Internet-Bibliotheken sprechen könnte? (vgl. Kaden, 2014)

Die Ausgabe 26 von LIBREAS möchte diesem Phänomen der alternativen Bibliotheken in ihrer Vielfalt nachspüren. Offenbar gibt es Communities und mit diesen auch Bedarfe, bibliotheksähnliche Strukturen außerhalb der traditionellen Institution Bibliothek aufzubauen. Welche Communities sind das? (Wie) Lassen sie und ihre Bibliotheken sich typologisieren? Worin liegt die Motivation der dahinterstehenden Akteure und Aktivisten?

Auch der historische Blick bietet sich an: Welche alternativen Bibliotheksstrukturen gab es in vordigitaler Zeit? Eine eventuelle Verankerung in Pop-, Gegen- und Hipsterkultur ist ebenso ein Aspekt, den zu betrachten naheläge, wie die Frage, inwieweit die Digitalisierung als Medium zur Sichtbarmachung und Verbreitung derartiger Projekte und Konzepte wirkt?

Aus einer mediensoziologischen Warte könnte man der Auffälligkeit nachgehen, weshalb gerade die kulturelle Avantgarde so oft am vom kulturellen Mainstream und auch den Bibliotheken selbst häufig als abgedrängt bis untergehend beschriebenen Medium Print hängt? Und wie verhält es sich mit der Temporalität dieser oft zeitlich nur befristet verfügbaren Angebote?

Erweitert man den die Perspektive, gelangen Optionen für improvisierte oder eigeninitiativ errichtete Bibliotheken im Sinne des Outreach zu Nutzergruppen, die sich von sich aus kaum in Bibliotheken einfinden, in den Blick. Ähnliches gilt für Protestkulturen. Occupy Wall Street hatte eine – auch von „richtigen“ Bibliothekar_Innen betreute – People‘s Library. (Taylor, Loeb, 2014) Auf dem Euromaidan gibt es ebenfalls eine Bibliothek. (Schanitz, Gayanovich, 2014)

Entsprechend liegen aus diesem Kontext herausfragen folgende Fragen nah:

Welche Rolle spielt das Konzept Bibliothek in derart spannungsgeladenen Zusammenhängen? Ist die alternative Bibliothek (zwangsläufig) eine politische Bibliothek?
Orientiert sie sich an Konzepten der Alternativkultur (Infoläden, anarchistische Bibliotheken etc.), an Öffentlichen Bibliotheken oder erfinden sie sich vollständig neu?
Was wollen diese Bibliotheken und was wollen sie ändern? Sind sie auch eine (politische) Herausforderung an die anderen Bibliotheken?

So sind schließlich die Konsequenzen für die traditionellen Bibliotheken von Interesse. Was können sie von den Alternativbibliotheken lernen?

Neben reflexiven Auseinandersetzungen berücksichtigen wir sehr gern auch Fallbeispiele, Best-Practice-Berichte und wie immer auch Bildstrecken zum Thema.

Redaktionsschluss ist der 30.10.2014. Beiträge, Manuskripte, Nachfragen und Ideen bitte an redaktion@libreas.eu

(LIBREAS-Redaktion im Mai 2014)

Quellen

Garcia, David; Mars, Marcell (2014) Book Sharing as a “gateway drug”: Public Library. In: new tactical research. Feb. 14, 2014 http://new-tactical-research.co.uk/blog/1012/.

Kaden, Ben (2011) Die Bibliothek in der Literatur (als Kunst). Heute: Die Bibliothekarin trägt Prada. Julia Weists “Sexy Librarian”. In: LIBREAS. Weblog. https://libreas.wordpress.com/2011/03/04/01-2/.

Kaden, Ben (2014) Konzepte für den Gegenwartsdiskurs. Heute: Post-Internet. In: LIBREAS.Tumblr. 07.04.2014 http://libreas.tumblr.com/post/85016126981/postinternet.

Radford, Gary P.; Radford, Marie L.; Lingel, Jessa (2012) Alternative libraries as discursive formations: reclaiming the voice of the deaccessioned book. In: Journal of Documentation Vol. 68 No. 2, 2012, 254-267.

Schanitz, Mirko; Gayanovich, Ivan (2014) Bibliothek auf dem Maidan: Bücher der Freiheit. In: Deutschlandfunk, 27.04.2014 http://www.deutschlandfunk.de/maidan-bibliothek-buecher-der-freiheit.691.de.html?dram%3Aarticle_id=283844.

Taylor, Jaime; Loeb, Zachary (2014) Librarian Is My Occupation: A History of the People’s Library of Occupy Wall Street. In: Morrone, Melissa (edit.) Informed Agitation : Library and Information Skills in Social Justice Movements and Beyond. Sacramento, Ca: Library Juice Press, 271-288.

Weist, Julia (2008) Sexy librarian : a novel, critical edition. Baltimore, Md. : Slush Editions.

 Endnoten

1 Radford, Gary P.; Radford, Marie L.; Lingel, Jessa (2012)

2 Nicht minder interessant ist Julia Weists Sexy Librarian-Projekt, Weist (2008) vgl. auch Kaden (2011)

4 Siehe auch Garcia, Mars (2014)

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