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Von Molotowcocktails in (französischen) Bibliotheken und dem Leben in den Banlieues

Posted in LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 15. Mai 2014

Von Karsten Schuldt

Zu: Merklen, Denis (2013) / Pourquoi brûle-t-on des bibliothèques ?. – [Papiers]. – Villeurbanne : Presses de l’enssib, 2013

D’un côtè, la bibliothèque est perçue comme « une chance pour le quartier », comme une forme dàccès à la culture, comme un investissement prestigieux, comme un espace ouvert à tous et apprécié de beaucoup, particulièrement investi par les familles, les enfants, les jeunes filles, les personnes âgées. Mais de l’autre côté, l’attaque de la bibliothèque vient signifier tout l’arbitraire de cette « intervention » de l’État, et d’un autre groupe social, dans « notre espace » du quartier. Les habitants [de quartiers] dèplorent alors les normes qui leur sont imposées par un autre groupe social et le contrôle que ce groupe exerce sur des ressources financières importantes. » (Merklen 2013, 313)

In französischen Vorstädten werden immer wieder, gerade bei grösseren Auseinandersetzungen zwischen der dortigen Bevölkerung und der Polizei, Öffentliche Bibliotheken angegriffen, verwüstet oder gar angezündet. Dies passiert nicht täglich, aber doch öfter, als es im deutschsprachigen Raum bekannt ist. Denis Merklen zählt in seinem hier zu besprechenden Buch zwischen 1996 und 2013 immerhin 70 solcher Vorfälle. Diese Zerstörungen von Bibliotheken werden zumeist mit Unverständnis und Ablehnung kommentiert, vor allem von der Politik und Presse. Aber diese Unverständnis klärt nicht darüber auf, wieso sie so oft vorkommen.

In seiner Studie Pourquoi brûle-t-on des bibliothèques ? (Warum die Bibliotheken abfackeln?) unternimmt Merklen auf mehr als 300 Seiten den Versuch, die Motivationen hinter diesen Angriffezu beschreiben. Dabei ist der Autor kein Bibliothekar, sondern ein Soziologe, welcher das Buch auf einer Studie aufbaut, die er und seine Kolleginnen und Kollegen von 2006 bis 2011, mit Nachrecherchen in 2012, in Plain Commune – einer Agglomerationsstruktur, welche mehrere Gemeinden bei Paris umfasst und rund 300.000 Einwohnerinnen und Einwohnern in den Banlieues genannten Stadtteilen beherbergt – durchgeführt haben. In diesem Untersuchungsgebiet befinden sich 23 Öffentliche Bibliotheken, mehrere davon wurden in der Vergangenheit bei Auseinandersetzungen angegriffen. Die Methode dieser lang angelegten Studie lässt sich, mit sichtbaren Anlehnungen an Pierre Bourdieu, als „dichte Beschreibung“ begreifen. Merklen versucht, die Situation aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu verstehen, sowohl aus der Sicht der Bibliothekarinnen und Bibliothekare als auch aus der Sicht der Bewohnerinnen und Bewohner der Banlieues, gleichzeitig aus der Struktur der französischen Gesellschaft und der Diskurse in dieser Gesellschaft als auch aus kulturellen Ansprüchen. Regelmässig verweist er dabei auf Südamerika – in dem er mehrere Jahre lang geforscht hat – als Kontrastfolie, um die Entscheidungen, die in den untersuchten Bibliotheken getroffen werden, als Entscheidungen und eben nicht als unabänderliche Situationen zu verstehen. Zudem ist er relativ unbeteiligt – weder verteidigt er die Bibliotheken, noch verurteilt er sie. Mit volltuender soziologischer Offenheit beschreibt er als Aussenstehender Haltungen unterschiedlicher Seitegerade als Haltungen und Diskurse, ohne sich mit einer gemein zu machen. Das heisst auch, dass bestimmte Diskurse, die Bibliotheken sich untereinander beständig gegenseitig erzählen verständlich werden als Erzählungen, die eine Situation informieren – wobei aber gleichzeitig klar wird, wie sehr diese Erzählungen von anderer Seite nicht geteilt werden müssen.

Die Bibliothek als Elite

Das Bild, welches Merklen von der Situation in den Banlieues zeichnet, ist nicht vorteilhaft, schon gar nicht für die Bibliotheken. Dabei verweist er immer wieder darauf, dass (a) die Bibliothekarinnen und Bibliothekaren ihre Arbeit als sinnvoll, kulturell bereichernd und Chancen-schaffend verstehen – sich also als die Guten sehen, die Gutes bringen – und (b) gleichzeitig die Bibliotheken bemüht sind, sich zu moderne Einrichtungen zu entwickeln, inklusive neuer Medien, ein Zugehen auf die Jugend und die Kulturen in den Banlieues sowie des Akzeptierens der sich wandelnden Rolle der Öffentlichen Bibliotheken. Das allerdings heisst nicht, dass dies auch von der Bevölkerung der Banlieues so wahrgenommen wird.

Angriffe auf Bibliotheken sind Angriffe, die sich nicht unbedingt auf die Bibliothek als Einrichtung beziehen. Die Bibliothek wird bei Auseinandersetzungen oft als Teil des französischen Staates beziehungsweise des französischen Kulturanspruches verstanden: Polizei, Schule, Ämter, Bibliothek werden dann als Teil eines Ganzes begriffen, welche für die Situation in den Banlieues verantwortlich sind und gleichzeitig die Kulturen dieser Vorstädte angreift. Sicherlich: Die Bibliotheken sehen dies nicht so. Sie verstehen sich als freiwillig aufzusuchende Kultureinrichtungen, die vollständig freie Angebote machen. Teilweise – so Interviews mit dem Personal von Bibliotheken, die Merklen anführt – verstehen sie sich als explizit als „antiscolaire“ (anti-schulisch). Vor allem sehen sie keine Verbindung zur Polizei oder den Ämtern und deren struktureller Gewalt. Merklen beschreibt sehr nachvollziehbar, wie Bibliotheken sich selber als Orte zu konstituieren versuchen, welche gänzlich ausserhalb der sozialen Auseinandersetzungen stehen (und bei dieser Haltung von Politik und Kultur unterstützt werden).

Comme nous l’avons vu, les bibliothècaires répètent à l’envi qu’ils ne sont pas de enseignants. Apparemment, tout les distingues. Tandis que maîtres er professeurs font de la lecture une obligation et un programme, eux sont là pour la « lecture plaisir ». Pas d’utilitarisme ni d’instrumentalisation, pas de calcul, pas de contrainte. De plaisir. Voilà une fiction par laquelle ils cherchent à se maintenir dans un espace protégé. Car contrairement aux institutions scolaires, ils seraient « innocents » du point de vue des conflits soxiaux, des dynamiques d’exclusion er des formes de domination auxquelles participerainent celles-ci. Ils ne demandent donc qua être maintenus à l’écart des conflits. Et peu importe la caractère fallacieux de cette représentation. (Merklen 2013, 130f.)

Dieser Anspruch allerdings ist, wie Merklen zeigt, nicht zu halten. Die Bibliotheken werden sowohl von Seiten der Bevölkerung in den Banlieues als auch von der Politik als Einrichtungen gesehen, welche die Werte der französischen Republik qua Kultur repräsentieren, insbesondere im aktuellen Prozess des Stadtumbaus („renovation urbaine“), welcher in den untersuchten Gebieten forciert wird. Ein Teil der Bevölkerung und die Bibliotheken sowie die Politik begreift die Finanzierung und den Aufbau dieser Bibliotheken als Angebot an die Bewohnerinnen und Bewohner, Teil der französischen Gesellschaft zu werden. Aber ein anderer Teil der Bevölkerung begreift die Bibliotheken allerdings als Eindringlinge in „ihr Gebiet“, quasi als weicher Arm von Polizei und Ämtern. In Situationen, in denen die Werte der französischen Republik angezweifelt oder vielmehr – wie es in den Auseinandersetzungen in den Banlieues normal ist – als Scheinheiligkeit begriffen werden, hinter denen sich eine sozial ungerechte und rassistische Gesellschaft versteckt, die im Besten Fall alle Bewohnerinnen und Bewohner zur Mittelstandsbevölkerung erziehen will, wird genau diese Position abgelehnt. Merklen verweist in einem Kapitel, in dem er sich mit der literarischen Produktion „um die Bibliotheken drumherum“ (welche diese nicht wahrnehmen würden, sondern mit dem Anspruch, selber Kultur anzubieten praktisch zur Unkultur oder Nicht-Kultur negieren) wie dem französischen Rap oder dem Verlan (der französischen Jugendsprache, welche durch ständige Vokal- und Silbenumstellungen und einer grossen sprachlichen Flexibilität geprägt ist) beschäftigt, explizit auf den Rap „Lettre à la République“ von Kery James (Merklen 2013, S. 175ff.), welcher mit den Zeilen beginnt: „Á tous ces racistes à la tolérance hypocrite / Qui out bâti leur nation sur le sang“ („an all die scheinheilig Toleranz rufenden Rassisten / die ihre Nation auf Blut erbaut haben“).

Die Bibliotheken würden sich gerne als Einrichtungen ausserhalb dieser Auseinandersetzungen sehen, die nur positive Angebote machen; dabei sind sie Teil der Auseinandersetzungen, zumal Merklen mehrfach in Frage stellt, ob die „Kultur“ und die Angebote, welche Bibliotheken mit gutem Gewissen machen, tatsächlich wertfrei sind. Vielmehr zeigt er, dass eine als universell verstandene französische Kultur vertreten wird, bei der gleichzeitig das Versprechen gegeben wird, dass, wer sich ihr anpasst, auch einen Aufstieg in die französische Gesellschaft machen wird. Dies begreifen Bibliotheken – aber auch Schulen – als die Chance, die sie der Bevölkerung bieten. Auch dies ist eine Sichtweise, die in den Banlieues nicht unbedingt geteilt wird. Werden Konflikte zum Beispiel als rassistisch begriffen oder wird klar, dass eine hohen Universitätsabschluss auch nicht den versprochenen Aufstieg garantiert, sondern der Wohnort sich trotzdem negativ auf die Zugangschancen zum Arbeitsmarkt auswirkt, wird auch das Versprechen der französischen Kultur unglaubwürdig. Zumal, wie Merklen betont, diese Kultur sich zwar wandelt und zum Beispiel die politische Literatur und Musik der 1960er und 1970er integriert hat, aber eben nicht von den heutigen Jugendlichen beeinflusst werden kann.

Grundsätzlich zeichnet Merklen das Bild von zutiefst verunsicherten Bibliothekarinnen und Bibliothekaren, welche die Umgebung ihrer Bibliotheken nicht verstehen – sich aber von dieser Umgebung auch massiv unterscheiden, weil zum Beispiel fast niemand von ihnen je in Banlieues gewohnt hat oder weil sie alle feste Stellen haben, im Gegensatz zum Grossteil der Bevölkerung, die keine oder nur prekäre Stellen haben oder auch, weil sich für sie der Aufstieg durch Bildung oft bewahrheitet hat, während dies bei Bewohnerinnen und Bewohner der Banlieues nicht unbedingt der Fall ist – und auch nicht von der Umgebung angenommen werden. So haben die Bibliotheken in den Banlieues durchschnittlich viel geringere Nutzungszahlen (rund 10% der Bevölkerung als aktive Nutzerinnen und Nutzer versus rund 20% im nationalen Durchschnitt) und erreichen zu grossen Teilen Kinder bis 14 Jahren, aber nicht darüber hinaus.

Konflikt, nicht Gewalt

Angriffe auf Bibliotheken sind aber nicht nur Angriffe auf den französischen Staat, sondern auch auf Bibliotheken im Besonderen. „C’est le soit disant frimeur qui vous envoie ce message si gentiment“ („Es sind die Angeber, denen wir mit Freuden diese Nachricht bringen“) steht mit Schreibmaschine geschrieben auf einem Papier, dass um einen Stein gewickelt wurde, welcher gegen die Ausstellung einer der untersuchten Bibliotheken geschleudert wurde und der im Buch abgebildet ist. Die Distanz ist sichtbar: Die Bibliothek als Angeber, als Einrichtung, die sich etwas besseres dünkt und die nicht als Gleiche akzeptiert wird.

Gleichzeitig sehen die Bibliotheken ihre Umgebung nicht positiv. Vielmehr nehmen sie diese wahr als von Armut und Perspektivlosigkeit bestimmt, als überwältigend viel und konzentriert auf wenige Orte (auch, weil die Bibliothekarinnen und Bibliothekare fast alle in anderen Städten und Umgebungen wohnen und aufgewachsen sind, die keine so hohe Dichte aufweisen), als Ansammlung unterschiedlicher Ethnien (und nicht unbedingt französischer Individuen mit unterschiedlicher Herkunft) und von Gewalt geprägt. Das ist nicht unbedingt falsch, aber (a) haben die Bibliotheken, wie schon erwähnt, den Eindruck, von dieser Situation nur betroffen, aber nicht an ihr beteiligt zu sein (was ein Teil der Bevölkerung anders sieht) und (b) tendieren sie dazu, diese Situation nicht verändern zu wollen. Merklen kommt mehrfach auf einen Vorfall zurück, in dem ein junger Mann „Salaam alaikum“ grüssend eine Bibliothek betritt, was von dem anwesenden Bibliothekar als Provokation verstanden wird. Ob es eine solche ist, ist unklar, allerdings macht Merklen mit der mehrfachen Diskussion klar, dass die Bibliothek und die Beziehung zu ihrer Umgebung unterschiedlichen Deutungsrastern und Erfahrungen unterliegen: Ist es zum Beispiel eine rassistische oder kulturalistische Interpretation des Bibliothekars? Ist es wirklich eine Provokation? Ist es ein normaler Gruss? Ist es ein Angriff auf den säkularen französischen Staat? Ist es unbewusst oder ist es gewollt gesagt worden?

Grundsätzlich gelangt Merklen dazu, die Situation zwischen Bibliothek und Banlieue als Konflikt zu beschreiben. Der Augenmerk sollte sich nicht auf den Akt der Zerstörung legen, sondern dieser Akt sollte als Teil einer tiefergehenden Auseinandersetzung verstanden werden. Diese Auseinandersetzung ist komplex, es gibt keine einfach richtigen, guten oder auch nur konsistenten Positionen. So ist zum Beispiel auch unter der Bevölkerung in den Banlieues nicht klar, ob die Bibliothek eine Chance und ein Angebot ist oder ein Eindringling. Klar ist allerdings am Ende der Studie, dass die Bibliotheken sich nicht als neutrale Einrichtungen begreifen können. Sie vertreten eine Kultur – zumal mit der Betonung des Buches als Kulturgegenstand, die zumindest vor den aktuellen Umbauten in den untersuchten Bibliotheken vorherrschten – und diese Kultur ist weder so offen, wie sie von Ihren Vertreterinnen und Vertretern verstanden wird, noch ist sie so universell, wie dies von der französischen Politik verstanden wird.

Ein wichtiger Hinweis, den Merklen anbringt, ist allerdings, dass es bei diesem Konflikt nicht per se um die Bibliotheken allein geht. Auch andere Einrichtungen haben kaum Kontakt zur Bevölkerung in den Banlieues. So sind die untersuchten Gebiete politisch von der PCF, der Kommunistischen Partei Frankreichs, dominiert, bei der man erwarten würde, dass sie auf die Interessen der Personen in den Banlieues, die von Armut betroffen sind, genauso eingeht, wie sie darauf achten sollte, das die institutionellen Strukturen nicht rassistisch wirken. Aber auch dies ist nicht so einfach. Dass es immerhin 23 Bibliothek in diesem Gebiet gibt, ist auch der PCF zu verdanken, die solche Kultureinrichtungen als notwendig ansieht. Nur ist dies offenbar nicht unbedingt die Meinung der Bevölkerung. Allerdings geht auch nur eine sehr geringe Zahl dieser Bewohnerinnen und Bewohner, weit unter 50%, überhaupt wählen. Auch andere politische Bewegungen haben nur geringen Einfluss auf die Bevölkerung. Dies hat, so zumindest Merklen, auch damit zu tun, dass die Politik dieser Bewegungen – egal ob PCF oder organisierten Katholizismus – in Konflikten und Politikformen verfangen ist, die von dieser Bevölkerung so nicht gesehen oder akzeptiert werden. Praktisch alle Beziehungen zwischen offizieller Kultur und Banlieues sind konfliktgeladen, Bibliotheken sind da nur ein Teil des Konfliktes. Gewalt wird, wenn man Merklen in seiner Analyse folgt, in der einen oder anderen Form von allen Seiten angewandt, egal ob mit Steinen und Molotowcocktails, mit Polizeiaufgebot und Vorschriften oder strukturell. Das ist nicht mit besserem Bibliotheksmarketing oder anderen Strategien, die im Bibliothekswesen gerne besprochen werden, sondern nur mit einer Veränderung von Bibliothek, Gesellschaft und Banlieues zu erreichen, die auf einem Anerkennen der Situation – und nicht unbedingt einem reinen Skandalisieren von Gewaltausbrüchen allein – basieren muss.

Für mehr französisch in den deutschsprachigen Bibliotheken

Die Studie von Denis Merklen ist anders, als alles, was man in der deutsch- oder englischsprachigen Literatur zu Bibliotheken liesst. Sie ist eine Langzeitstudie, die mit soziologischem Instrumentarium „von aussen“ an die Bibliotheken herangeht und Dinge, die sich Bibliotheken immer wieder gegenseitig erzählen – Bibliotheken sind anders als Schulen, Bibliotheken sind offen, Bibliotheken sind soziale Zentren – einmal im gesellschaftlichen Zusammenhang als uneingelöste Ansprüche thematisiert. Das Buch ist unbedingt zu empfehlen. Es zeigt unter anderem, wie gefährlich es ist, sich beim Erkunden der Wirkung von Bibliotheken auf einfache Methoden wie Umfragen, Expertinnen- und Experteninterviews oder Social Audits zu verlassen; da diese fast immer nur ein Seite der Situation zeigen (ohne das diese als Konflikt begriffen werden kann).

Vor einigen Monaten besprach ich schon ein ebenso soziologisches Werk aus Frankreich zu Personen ohne festen Wohnsitz in der Bibliothek des Centre Pompidou in Paris sehr positiv (Paugam, Serge ; Giorgetti, Camila (2013) / Des pauvres à la bibliothèque : Enquête au Centre Pompidou. – Le lien social. – Paris : Presses Universitaires de France, 2013, Besprechung hier), des Weiteren empfehle ich immer wieder gerne „Du lecteur à l’usager“ (Roselli, Mariangela ; Perrenoud, Marc (2010) / Du lecteur à l’usager : ethnographie d’une bibliothèque universitaire. Socio-logiques. Toulouse : Presses universitaires du Mirail, 2010) über die Nutzerinnen und Nutzer in der Universitätsbibliothek Toulouse als eine der tiefgreifendsten Untersuchungen über die Nutzung von Bibliotheken. Auch der vor kurzem aus dem Französischen übersetzte Text Die Bibliothek, eine Frauenwelt (Roselli, Mariangela (2013) / Die Bibliothek, eine Frauenwelt. Analyse und Folgen der Segmentierung des jungen Publikums in den Bibliotheken. In: Bibliothek. Forschung und Praxis 37 (2013) 3, 322-330) scheint mir herausragend im Sachen Erkenntnis über Bibliotheken und deren gesellschaftliche Wirkung zu sein. Grundweg wird für mich immer mehr sichtbar, dass die deutschsprachigen Bibliothekswesen mehr über die gesellschaftlichen Wirkungen von Bibliotheken lernen können, wenn sie diese Literatur sowie die darin enthaltenen Forschungsfragen, -methoden und -haltung wahrnehmen. Insoweit ist diese Besprechung auch ein Aufruf, mehr Französisch zu lesen.

Eine Antwort

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  1. Walther Umstätter said, on 15. Mai 2014 at 19:27

    Zunächst sei bei diesem bibliothekarisch wichtigen Hinweis auf die Problematik in den Banlieues noch daran erinnert, dass revolutionierende Gruppen selten homogen sind. So erinnere ich mich daran, dass beim Sternmarsch am 11.5.1968 von ultra links bis ultra rechts alles dabei war, geeinigt in einem Gedanken, gegen das Establishment zu sein. Man erinnert sich, „Wer zwei mal mit der selben pennt, gehört schon zum Establishment.“ Im Prinzip sind das fast immer Generationskonflikte, so dass in den 68ern z. B. erstmals ein junger Assistent namens R. Kreibich Präsident einer Universität werden konnte, von den Aufstiegen unseres einstigen Außenministers J. Fischer oder unseres Bundeskanzlers G. Schröder ganz abgesehen. Auch wenn die 68er ebenso wenig mit den Auseinandersetzungen in den Banlieues vergleichbar sind, wie die 68er, mit den bücherverbrennenden nationalsozialistischen Studenten fünfunddreißig Jahre davor, sie alle kämpfen, Generation für Generation, immer gegen das Establishment, von dem sie sich ausgeschlossen fühlen. Im nationalsozialistischen Liedgut tauchten die alten Etablierten respektlos als zitternde „morsche Knochen“ auf.

    Wer sich einmal klar macht, wie stark schon allein Analphabeten (insbesondere die funktionalen) in unserer heutigen Wissenschaftsgesellschaft diskriminiert werden, kann sich leicht vorstellen, dass schon diese nicht unerheblich große Gruppe, sich mit Recht benachteiligt fühlt. Bei all der unsinnigen Diskussion über Begabtenförderung, in der die individuelle Förderung aller Begabungen um so mehr vernachlässigt wird, je öfter das Wort geistige Elite auftaucht, merkt schon jeder Schüler mit leichter Leseschwäche, wie große Teile der Gesellschaft ihn für geistig minderbemittelt halten. Wie viele gute Ingenieure oder Programmierer schon so manchem Deutschlehrer zum Opfer fielen, kann kaum abgeschätzt werden. Insofern kann man sich nicht wundern, wenn für diese jungen Menschen schon Bibliotheken mit ihren gedruckten Büchern als Bedrohung erscheinen. Die Bevölkerung in den Banlieues muss natürlich nicht von funktionalen Analphabeten dominiert sein, auch nicht von Ausländern, die kein Französisch beherrschen, es reicht schon, wenn sie nur Sympathisanten dieser Diskriminierten sind.

    Ich entsinne mich vor etlichen Jahren in einer Berliner S-Bahn abends allein ein Buch gelesen zu haben, als ein etwas angetrunkener junger Mann dazu stieg, und mich schräg gegenüber sitzend ausdauernd fixierte. Dabei murmelte er zunächst unverständliches, bis er immer lauter wurde, so dass ich deutlich hören musste, dass ich mich für etwas besonderes hielt, was er daran erkannte, dass ich ein Buch las. Das erinnert an die „Bibliothek als Angeber“. Ebenso erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist eine ältere Dame, die auch ein Buch in der Hand hielt, und die Seiten langsam so umblätterte, als würde sie lesen. Sie hielt nur leider das Buch verkehrt herum. Und zum dritten mal in der S-Bahn, die recht voll war, unterhielten sich fünf erheiterte Personen recht laut und berlinerisch, bis eine von ihnen am Bahnhof Lichtenberg hinausschaute, wo das Bahnhofsschild deutlich vor dem Fenster stand. Aufgeregt rief sie wiederholt „Is det Lichte?“, „Is det Lichte“, bis einer der Fahrgäste bejahte, und alle fünf rasch ausstiegen. So muss man sich als Analphabet hierzulande durchs Leben tricksen, was übrigens auch einiges an Intelligenz erfordert.

    Als die Öffentlichen Bibliotheken vor wenigen Jahrzehnten die damals erschreckend hohe Zahl an funktionalen Analphabeten als Herausforderung annahmen, in dem sie verstärkt Leseförderung betrieben, vereint mit den Verlagen, die dies als kostengünstige Leserakquise unterstützten, dachte man weniger daran, verstärkt Texte von Computern vorlesen zu lassen, mehr Bücher für Ausländer zweisprachig anzubieten oder mit Hilfe der Bibliotheken eine wirkliche Chancengleichheit anzustreben, als viel mehr leseschwachen Personen noch deutlicher zu machen, dass sie ihre Schwäche überwinden müssen. Auch die starke Ausrichtung der Öffentlichen Bibliotheken auf Unterhaltungsliteratur, um möglichst hohe Benutzerzahlen vorweisen zu können, und insbesondere Vielleser an sich zu binden, ging auf Kosten der Angebote, mit denen man sich als normaler Bürger hoch arbeiten könnte.

    Mehr denn je gilt heute, dass die Digitale Bibliothek publizierte Information (und insbesondere Wissen) nicht nur in Form gedruckter Bücher anbieten darf. Insofern ist es wichtig zu erkennen, dass die Zielgruppe der Bibliotheken nicht nur die Gruppe der belesenen „Angeber“ sein darf, sondern auch derer, die ihre Begabungen auf anderem Wege kultivieren können. Das sollte mit Multimediamöglichkeiten durchaus machbar sein.


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