LIBREAS.Library Ideas

Über Kathrin Passigs Bibliotheksbild und was wir daraus lernen können.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Debatte, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 4. November 2013

Ein Kommentar von Ben Kaden / @bkaden

Kathrin Passig wird offensichtlich gern und regelmäßig als Impulsgeberin zur Diskussionen über die Zukunft der Bibliotheken eingeladen, vielleicht gerade, weil sie von sich zu berichten weiß: „Ich bin nicht so vertraut mit den internen Diskussionen der Bibliotheksbranche.“
Aktuell berichtet sie in ihrer Kolumne für die ZEIT von einer offenbar für sie wenig erfreulichen Konversation mit Frank Simon-Ritz, Bibliotheksdirektor und Vorsitzender des Deutschen Bibliotheksverbands. Die Veranstaltung lief unter der wohl alliterarisierend gemeinten Überschrift Apps und Auratisierung: Ein Gespräch zur Zukunft der Bibliothek und anscheinend, wie häufig bei solchen Sitzungen auf Messepodien, ziemlich ins Leere.

Allerdings wurde ich leider nicht Zeuge dieser Dreiviertelstunde, da ich meinen Wochenbedarf an Prognosediskussion bereits weitgehend in meiner eigenen Diskussionsrunde zum Social Reading gestillt hatte, die ebenfalls, vorsichtig formuliert, eher ergebnisoffen endete.

Lieber überzeugte ich mich etwa zeitgleich in den Hallen davon, dass Print wenigstens als Printmarkt so agil wie selten zuvor ist. Es erstaunt im Herbst 2013 tatsächlich, in welcher materialen und handwerklichen Güte auch Parallelausgaben zu den E-Books, deren Absatz mittlerweile sogar im Mutterland des elektronischen Lesens seine Sättigung erreicht zu haben scheint, in Deutschland produziert ver- und gekauft werden. Belege dafür, dass Kathrin Passigs bereits an anderer Stelle gezeigte Papierfeindlichkeit ansteckend ist, fanden sich keine. Auch die Hysterie der Verlagswelt angesichts des Über-Mediums E-Book scheint nicht mehr akut, seit sie gemerkt haben, dass Hardcover trotz allem ganz gut geht, besonders, wenn man sich beim Einband und Satzbild mal etwas einfallen lässt.

Aber vielleicht ist es ja auch eine Ausnahmeort und man trifft dort ohnehin nur Leute, die besonders druckaffin sind, so wie man in einer Bibliothek meist eben nur Bibliotheksnutzer trifft. Das sind in öffentlichen Bibliotheken in Deutschland wahrscheinlich irgendetwas um die 30 Prozent der Gesamtbevölkerung, was aus meiner Sicht kein allzu niedriger Wert ist. Aber wahrscheinlich keiner, der in Kathrin Passigs digitalen Paralleluniversium allzu bedeutsam wäre:

„Es ist schön, dass es öffentliche Orte gibt, die so vielfältige Nutzungsmöglichkeiten eröffnen wie Bibliotheken, ohne dass man im Gegenzug auch nur einen Kaffee bestellen müsste. Aber in einem Paralleluniversum, in dem öffentliche Bibliotheken nie eingeführt worden sind, dürfte es heute schwerfallen, plausible Gründe für die Einführung solcher Einrichtungen zu benennen. Dass gerade allenthalben prestigeträchtige Megabibliotheken neu gebaut werden, ist kein Gegenargument, denn dahinter stehen etablierte Argumentations- und Finanzierungsstrukturen. Die Steuerzahler des Paralleluniversums würden fragen, ob man nicht stattdessen direkt Coworkingspaces, Veranstaltungsorte, Digitalisierungsprojekte oder eine private Internet-Grundversorgung für Bedürftige fördern und die großen Gebäude mit dem Papier weglassen könnte.“

Nun ist es sehr schwer, mit der abstrakten Pflaume „die Steuerzahler des Paralleluniversums … würden fragen“ argumentativ zu spekulieren. Denn die Steuerzahler sind schon in unserem Universum ein ziemlich heterogener Haufen. Obendrein dürfte die Größe „Steuerzahler“ anders als beim Großflughafen BER, beim Thema Bibliotheken vom eingefleischten Bibliothekshasser bis zum spendablen Bibliotheksliebhaber alle Schattierungen dessen aufweisen, wie man zu solchen Themen stehen kann. In einem Paralleluniversum mag das anders sein. Aber möglicherweise käme man in diesem auf die kuriose Idee, die Co-Workingspaces und öffentlichen Veranstaltungsorte mit Räumen zu flankieren, in denen ein Zugang zu Medien möglich ist.

II

Ernster als die aus irgendeinem persönlichen Anstoß resultierende Abneigung gegen Papier ist in Kathrin Passigs Kolumne die Kritik an der häufig tatsächlich zu beobachtenden Hilflosigkeit bibliothekarischer Selbstlegitimationsversuche zu bewerten. Es ist natürlich grotesk, dass  sich eine Institution mit ziemlich guten Durchsatz (etwa 470 Millionen verliehene Medien / Jahr) überhaupt permanent als bedeutsam präsentieren und rechtfertigen muss. Es ist sicher fürchterlich erschöpfend, wenn man dies ständig zudem gegenüber Kleinkämmerer, Papierfeinde und Digitalideologen zu tun verpflichtet ist Aber dies ist wohl die Realität. Vielleicht würde der kritische Steuerzahler eines Paralleluniversums aber fragen, wie teuer die Volkswirtschaft eigentlich die in permanente Evaluation und stetiges Reporting eingebundenen Ressourcen zu stehen kommt.

Kathrin Passig geht es jedoch, so glaube ich, gar nicht so sehr um die Kostenrechnung. Möglicherweise hat sie einfach Freude daran, die Bibliotheken zu necken, in dem sie in den renommiertesten Medien des Landes verkündet, dass die Bibliotheken „kaum noch eine Existenzberechtigung“ haben, wenn sie sich nicht bald wandeln. Das wenig spezifizierte „Wohin“ ist in diesem bekannten Schwarzmalbild vermutlich irgendeine digitale Form. Interessanter ist allerdings das „Warum“ und zwar das Warum in der Frage, warum sich Kathrin Passig so eifrig auf das Thema stürzt. Offen gesagt erscheint mir die Vehemenz, mit der sie stabil und seit Jahren für eine Welt in E-Only missioniert, schwer nachvollziehbar. Von mir aus mag sie sogar Recht haben. Aber warum muss man 2013 noch so kämpfen, als stände man noch immer den bornierten Fortschrittsverweigerern des Jahres 1997 gegenüber, denen die Virtualität digitaler Kommunikation in keiner Form greifbar wird und die deshalb alles ablehnen, was binär anmutet. (So etwas gab es auch in Bibliotheken in dieser Zeit und die wahren Helden sind die Enthusiasten, die in zermürbenden Diskussionen abseits der Öffentlichkeit für ein freies W-Lan im Lesesaal und ähnliche Innovationen stritten.) Auf mich jedenfalls, der ich Vielfalt, Offenheit und die gleichzeitige Existenz von mehr als einer Wahrheit gerade durch Aufenthalte in Bibliotheken, die wunderschön all die Irrtümer und Glaubenskämpfe der Menschheitsgeschichte nachvollziehbar vorhalten, kennen lernen durfte, wirkt diese Selbstüberhöhung mit heftig artikulierten Anspruch auf Deutungshoheit irgendeiner Zukunft nicht wenig unzeitgemäß. Aber vielleicht bin ich es ja auch selbst.

III

Wenn es um die Alltagslegitimation der Bibliotheken geht, die eigentlich ein wenig mehr umfasst, als die Frage, wie digital die Bibliothek der Gegenwart mit ihren Diensten sein will, stehen die handelnden Akteure natürlich unter dem Zwang der Machtstrukturen. Es erklärt aber dennoch nicht, warum man sich auf dem enthobenen Parkett der Buchmesse wieder auf die völlig zu Recht kritisierte und objektiv hanebüchene Argumentationslinie, die (physische) Bibliothek sei doch irgendwie besser als das Internet, einlässt. Sie ist es nicht und wo sie es behauptet, hat sie bereits verloren. Jedenfalls wenn es um Information und Informationsversorgung geht. (Das Bildungsargument greift dagegen nur bei denjenigen, die auch denken, dass MOOCs die Universität als Begegnungsort ersetzen können – ich bin gespannt wann, immer unter dem Argument des Sparenmüssens, die Debatte um die Notwendigkeit der Universität als Ort ausbricht…)

Digitaltechnologie eignet sich fraglos hervorragend für eine bestimmte Art der Informationsnutzung, auch für eine bestimmte Art der Serendipity sowie für eine bestimmte Art der Kommunikation. Mutmaßlich niemand in der Wissenschaft möchte heute bei der Recherche auf die Volltextsuche oder multidimensionales Browsing verzichten. Ich kann  ohne Probleme in einer Stunde eine Anzahl von Publikationen einem Screening unterziehen und meist als irrelevant aussortieren, für die ich in vordigitaler Zeit wahrscheinlich zwei Wochen allein zur Beschaffung gebraucht hätte. Das Internet bietet uns die die beste und umfänglichste Informationsinfrastruktur, die die Menschheit für explizite Informationsprozesse jemals hatte. Die digitalen Sozialen Netzwerke schaffen es sogar, unser Sozialleben in maschinenlesbare Information zu verwandeln, in Graphen zu visualisieren und uns in einen permanenten Prozess der Selbstoptimierung zu führen – jedenfalls wenn wir wollen. Die Frage ist nun, ob wir es wollen.

Meine Erfahrungswerte mit Menschen verschiedenster Couleur ist, dass den meisten diese Debatten auch um das E-Book oder das Printbook herzlich egal sind. Viele verstehen die Debatte überhaupt nicht. Die Trägheit der Käufer ist sicher genauso ein Hemmschuh auf der Rutschbahn von Kathrin Passigs These eines „Untergang alles Papierenen“ wie die Hipster-Entscheidung, E-Reader, Smartphone und Buch gleichberechtigt neben dem Bett liegen zu haben.

Mir wird nicht klar, was Kathrin Passig als Argument gegen Bibliotheken vorschwebt, wenn sie schreibt:

„Bibliotheken sind dann niedrigschwellig, wenn man in ihrer Nähe wohnt, nicht in seiner Mobilität eingeschränkt ist, lesen kann, generell damit vertraut gemacht worden ist, dass eine Bibliothek nicht beißt und sich in einem Umfeld bewegt, in dem das Aufsuchen solcher Orte nicht als albern gilt.“

Im Umkehrschluß bedeutet dies nämlich, dass die Bibliothek für den überwiegenden Teil der Menschen in Deutschland mehr oder weniger niedrigschwellig ist. Für alle anderen gab es einmal so etwas wie Soziale Bibliotheksarbeit. Warum also ausgerechnet die Digitaltechnologie für die Masse niedrigschwelliger sein soll, erklärt sie eigentlich auch nicht, wo sie meint:

„Das Internet ist dann niedrigschwellig, wenn man Zugang zu einem internetfähigen Gerät hat und nicht glaubt, dass das Internet seine Nutzer ausraubt und verdirbt. „

Jedoch ist der Zugang genau genommen nicht zum „symbolischen Preis“, wie es in Kathrin Passigs Welt der Fall ist, zu haben, sondern kostet schnell dreißig bis fünfzig Euro im Monat (+ Hardware), was für viele Menschen schwerer zu stemmen ist, als die Busfahrkarte zur Stadt- oder Universitätsbibliothek, in der man bei guter Führung auch ohne Gebühr den Freihandbereich benutzen darf. Allerdings hat die Digitalwirtschaft seit je diese Zielgruppen nicht im Blick. Insgesamt blendet Kathrin Passig in ihrer Frankfurter Kolumne aus, dass das Internet wie wir es heute kennen, vor allem ein Wirtschaftsraum ist, in dem vielleicht noch ein paar Nischen des offenen Webs der 1990er übrig sind, dass generell aber keine Schnittmenge mit dem im Kern nach wie vor am Gemeinwohl orientierten Grundversorgungsauftrag öffentlicher Bibliotheken besitzt. Das letztere diese besondere Rolle für die Gesellschaft häufig selbst kaum mehr reflektieren und das Thema auch nirgends auf der Agenda der Fachkommunikation auftaucht, macht die Sache natürlich nicht besser. „Apps und Aura“ haben naturgemäß mehr Sexappeal und sind auf dem Jahrmarkt Buchmesse zwischen Wolfgang Joop und Boris Becker bestimmt am richtigen Ort. Der Bibliotheksalltag sollte aber vielschichtiger sein. Und er ist es auch.

IV

Für die saturierte Mittelschicht, aus der sich die bundesrepublikanische Bevölkerung nach wie vor weithin zusammenfügt, dürften fünfzig Euro Zugangskosten im Monat vielleicht kein symbolischer aber doch ein überschaubarer Preis sein. Entsprechend ist es mittlerweile für weite Teile der Gesellschaft so normal, ein Touchscreen-Telefon zu haben, wie man im Bad einen Wasserhahn erwartet. Und natürlich liest man permanent auf den Displays, nämlich die Social-Media-Streams und ab und an eine Kolumne auf ZEIT online. Der einstige Statusgewinn, denn man mit solcher Technologie erzielen konnte, ist dagegen mittlerweile weitgehend verloren. Sie sind inzwischen Werkzeuge und darin für die meisten so faszinierend wie eine Elektrolokomotive. Alle anderen lesen, je nach Präferenz, das LOK Magazin oder Macworld.

Überraschend ist, dass das Vorhandensein heimischer Breitbandzugänge ebenso wenig wie frühere Medienkonkurrenten so viele Menschen nicht davon abhält, doch ab und an in die Bibliothek zu gehen. (Oder eine Computerzeitschrift in der Papierausgabe zu kaufen.) In Universitätsbibliotheken sind es häufig sogar ein bisschen zu viele. Will man also die Bibliothek und ihre Attraktivität beleuchten, braucht man eigentlich nur fragen, warum sie in die „Papiermuseen“ (Kathrin Passig) streben. Dann weiß man auch, was man an Eigenschaften erhalten muss, damit sie wieder kommen.

Man muss sich, so denke ich, aus Sicht der Bibliotheken gar nicht so sehr in dieses Binärschema der Diskursmühle einspannen lassen, das eine kleine Gruppe von Menschen, die bestimmte Technologien lieb(t)en und durchsetzen woll(t)en, in ihrem digitalen Revolutionskampf bis zur Mainstreamifizierung der re:publica entwickelten und heute auch bereits aus Tradition weiterpflegen und dessen Kern lautet: Entweder wir oder ihr. Aber besser wir.

Es geht hier nicht darum, wer Recht hat oder sich durchsetzt. So laut und wichtig die Stimme von Kathrin Passig ist – sie wird nicht maßgeblich darüber entscheiden, wie die Menschen lesen. Denn die meisten Menschen lesen nicht einmal sie. Wir tun es und zwar gern und hoffen auf Anregung. Es ist richtig, solch radikale und wie die meisten radikalen Positionen, anscheinend nur bedingt auf Eigenaktualisierung und Dauerreflexion gerichteten Ansätze, zur Kenntnis zu nehmen. Man sollte sich nur nicht von ihren Prognosen verrückt machen lassen. Zumal Kathrin Passig selbst einmal sagte:

„Ich glaube nicht, dass es das Qualitätskriterium für einen Gedanken ist, dass er auch in 300 Jahren noch richtig sein muss. Ich glaube, man kann sehr gute Ideen haben, die genau von jetzt bis nächsten Sommer richtig sind und danach nicht mehr. „

Derzeit jedenfalls blühen wenigstens im Publikationsbereich beide Kulturen, die des Materials und die des Digitalen, ganz gedeihlich miteinander.

V

Ein Hauptdefizit der Diskussion ist schließlich, wie sich die Vertreter des Bibliothekswesens auf den Aspekt, etwas besser oder billiger vermitteln zu können (oder müssen), festnageln lassen. Denn darum geht es in Bibliotheken idealerweise nur sehr am Rand. Bibliotheken sind, wie das Internet auch, Räume der Möglichkeit, jedoch im besten Fall nicht von Markt- und Renditeerwartungen getrieben. Sie stehen daher auch außer Konkurrenz. Die Einführung betriebswirtschaftlicher Radikalkuren in das Bibliothekswesen brachte zwar einigen Beratern und einer Handvoll Akteuren aus der Bibliotheksbranche ein bisschen was, gab dem Bibliothekswesen selbst jedoch weniger Impulse, die es wirklich verwerten konnte. Wer hart kalkulieren und jede Ausgabe begründen muss, wird eben nicht flexibler und kann auch nicht gut experimentieren – also genau die Fertigkeiten entwickeln, die der Digitalkultur (und der Digitalwirtschaft) einst die entscheidenden Schübe gaben. Was das Bibliothekswesen wahrscheinlich viel stärker als eine vermeintliche Liebe zum Papier hemmt, ist die Kombination von umfassender Abrechnungsbürokratie und absoluter Zeitgeistigkeitserwartung.

Das Bibliotheken sich gerade nicht rechnen müssen, ist (war?) übrigens ein zentrales Argument für diese Einrichtungen und ihre Rolle in einer auf Inklusion gerichteten Gesellschaft, was unbedingt einschließt, dass sie einen solchen freien und offenen Raum auch so weit wie möglich in das Internet ausdehnen. Wer kann wirklich abschätzen, welche Effekte konkrete Erfahrungen mit öffentlichen (digitalen) Bibliotheken auf welchen ihrer Nutzer und mit welcher Langzeitwirkung haben? Es gibt zwar immer ein paar gesellschaftliche Leuchtturmfiguren, die als Kinder gern in Bibliotheken herumstöberten und darin die Grundlage ihres kulturellen Aufstiegs sehen. Es gibt zugleich genügend Erfolgsgeschichten in jungen Jahren sozial marginalisierter Outsider, die aus der Garage jeweils eine Technologie in die Welt brachten, der sich auf einmal ein Großteil der informationell engagierten Welt unterwerfen wollten. Beides ist nicht sehr repräsentativ.

Es existieren nämlich Millionen von ehemaligen Bibliotheksnutzern, die irgendwann ein ganz überschaubares Leben als Berufskraftfahrer oder Sachbearbeiter führten. Und zehntausende Nerds, die nicht zu Milliardären wurden, sondern als Brotprogrammierer Verkaufsplattformen am Laufen halten. Wahrscheinlich wollen die wenigstens Menschen Teil einer Wissenschaftsgesellschaft sein, in der sie ständig gehalten sind, informationelle Höchstleistungen zu erbringen. Sondern einen handhabbaren Lebensalltag. Ihnen gefällt vielleicht gerade das begrenzte Maß an Serendipity, das eine Freihandaufstellung oder sogar ihr Regal zuhause bereithält. Vielleicht mögen sie also Bibliotheken vor allem dann, wenn sie sich dort irgendwie ihren Bedürfnissen gemäß mit Medien oder auch nur der Kontemplation auseinander setzen können und nicht, wenn ihnen permanent Bildungs- und Aufstiegs- und Aktivitätsnotwendigkeiten aufgedrängt werden. Bibliotheken sollten wahrscheinlich beide Dimensionen, die Streuung und die Konzentration anbieten. Nicht selten tun sie es de facto auch. Dass man zur Konzentration im Internet schwer ein Gegenstück im WWW findet, wäre mir allerdings als Argument in der Auseinandersetzung, wer was besser kann, der Apfel Internet oder die Birne Bibliothek, ein bisschen zu preiswert.

Interessanter sind für mich nämlich zwei damit zusammenhängende Grundfehler, die ich in der Debatte erkenne. Einerseits modelliert man in der Regel einen auf ein sehr aktives und bewusstes Informations- und Rezeptionsverhalten ausgerichteten Menschen als Ideal. Man geht davon aus, dass der Mensche immer mehr Wissen will, quantifiziert also seine Bedürfnisse in einer vergleichsweise schlichten Form. In Bezug auf Kinderbibliotheken und Informationskompetenz strebt man bisweilen danach, genau solche Informations-Poweruser heranzuziehen. Andererseits stellt man immer den Anspruch einer Optimierung, nach technischer Höchstleistung und maximalem Durchsatz. Man reproduziert demnach Muster der Leistungsgesellschaft in eine Sphäre, in der diese gar nicht notwendig wären, eventuell sogar schädlich sind.

Obendrein betreffen beide Aspekte nur ganz bestimmte Milieus und angesichts der kognitiven Investitionen und den erstaunlicherweise nicht weniger sondern meist nur komplexer werdenden Entscheidungen, die ein Mensch in solchen Kontexten zu treffen hat, sind diese als Zielpunkte des Lebens nur noch mäßig attraktiv. Dadurch, dass fast jeder jederzeit Zugriff zu Unmassen von Daten, Informationen und Inhalten hat, wird dieser Zugang banal und die Verpflichtung zur Teilhabe an der informationellen Entfaltung fast zur Last geworden. Die großen Luxushotels dieser Tage integrieren fast alle einen Bibliotheksraum. Keines jedoch einen Computerpool. Es ist heute ein Kennzeichen der Elite, nicht permanent netzvermittelte Informationen verarbeiten zu müssen. Und ein wenig scheint mir, als sickere dieser Abstinenzgedanke schon wieder in andere soziale Schichten durch.

VI

Ich bin mir nicht sicher, ob wir bereits den Einstieg in ein postdigitale Kultur erleben, in der die digitale Vernetzung so nebenher läuft, wie es vor fünfundzwanzig Jahren das Radio und das Telefon taten. Digitale Informationsräume sind Teil der Infrastruktur, auf die wir permanent zurückgreifen, wenn wir einen Bedarf haben. Ansonsten, so vermute ich, sind die Menschen in Zukunft gar nicht unglücklich, wenn sie sie nicht mehr wahrnehmen. Die Google-Brille ist übrigens ein konkreter Schritt in dieser Richtung. Digitale Kommunikationsmedien sind damit aber völlig normal und damit auch grundsätzlich in die Bibliotheken integriert, denn die Nutzer tragen sie ja bereits am Körper.

Die Bibliotheken haben aber damit selbst wenig zu tun. Menschen, wenigstens die aus den Schichten vom Mittelstand aufwärts, gehen nicht in die Bibliothek, weil es keine Alternativen gäbe, mit denen sie ihr Informations- oder Unterhaltungsbedürfnis ansprechen und bedienen können. Sie gehen in die Bibliothek, weil bzw. wenn diese ihnen die für ihren Geschmack und ihre Stimmung passende Form anbieten. Es ist kurioserweise eine Konsumentscheidung – wie der Kauf von Zahnpaste, bei dem der konsumhedonistische Großstädter mal Dentagard, mal Aronal, mal Marvis ins Bad stellt, mal einen Film im Online-Streaming und ein anderes Mal im Kino ansieht oder heute zu Curry 36 und morgen ins Grill Royal maschiert. Dank Internetzugang und e-Commerce sind wir für alles, was digital oder im Postpaket transportabel ist, überall in Deutschland potentiell konsumhedonistische Großstädter. In jedem Fall haben wir eine Vielzahl von Optionen.

Das gilt genauso für das gedruckte Buch. Wir leben in der luxuriösen Situation, dass wir oft wählen können, in welcher Form wir einen Text lesen wollen. Wenn man sich heute die gebundene Ausgabe entscheidet, dann einfach, weil man es möchte. Solange sich diese Entscheidungen zu einem Volumen addieren, das einen Absatzmarkt mit nur minimaler Marge ergibt, wird es höchstwahrscheinlich jemanden geben, der diesen Markt auch bedient. Wer beobacht hat, was Menschen auf sich nahmen, um das furchtbar unbequeme und anachronistische Medium des Polaroid-Films nach der Einstellung der Produktion am Leben zu halten (und zwar mit Erfolg), den wird nicht überraschen, dass es außerhalb unserer kleinen fachbibliothekarischen und feuilletonistischen Diskurszirkel Millionen von Menschen gibt, die nicht aus Nutzenrationalität handeln und deshalb danach fragen, was die Bibliothek oder das Internet besser können. Sondern einfach tun, worauf sie gerade Lust haben. Daher lohnt es sich mittlerweile offenbar auch wieder, Hörbücher auf Schallplatten zu veröffentlichen.

Bei aller Liebe zum haptischen Appeal des Apple-versums. Wenn es um die Lust und also um ein erotisches Moment (in der Bedeutung von Sinnlichkeit) geht, dann haben die Bibliotheken einige Dimensionen mehr zur Verfügung als die Displays, die für die Digitalkultur wahrscheinlich auch nur eine Zwischenlösung darstellen. Da die Nutzer ohnehin ihre Tablets oder Smartphones mitbringen, reicht es fast, die Versorgung mit W-Lan und Lade-Docks sicherzustellen. Und vielleicht eine Handvoll Tablets in Reserve zu halten, falls jemand keines mitbringt. Und eine App als Marketinginstrument. So etwas mag nicht die edelste Strategie sein, an der man Bibliotheksentwicklungen ausrichten kann. Aber sie als über-funktionale, sinnliche Erlebnisräume für alle zu denken, kann sie womöglich derzeit viel zeitgemäßer und, auch das, auratischer wirken lassen, als es die ein- und abgeschliffenen Argumente aus dem Strahlenkreis der Informationsversorgung vermögen. Nebenbei könnte man dann in aller Ruhe beginnen, die eigentliche gesellschaftliche Rolle einer Bibliothek neu zu bestimmen.

04.11.2013

23 Antworten

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  1. […] mit dem sie sich auf der letzten Buchmesse auf einem Podium unterhalten hatte, und mindestens zwei Blogger, die in meinem Feedreader auftauchen, haben darauf bereits reagiert. Da kann ich nicht […]

  2. Dirk Hansen said, on 5. November 2013 at 15:23

    Ich wurde aus dem Link-Universum von Twitter auf diese Seite geschleudert. Schon die Länge des Textes hat mich sofort entschleunigt.“Serendipität“ musste ich nachschlagen. Aber gleichwohl hat mich die weise Analyse der Diskussion des Medienwandels entschleunigt und tief beeindruckt. Volle Zustimmung. Derlei Differenzierung täte vielen Tieffliegern im Luftkampf um die digitalen Deutungshoheit gut.

  3. Walther Umstätter said, on 5. November 2013 at 15:37

    Die Kolumne von K. Passig hat zwei Aspekte. Der erste bibliotheksevolutionäre, bei dem wir feststellen müssen, dass die Digitale Bibliothek 1963 ihren Anfang hatte, und dass wir seit fünfzig Jahren über die zunehmende Digitalisierung, ihre Vor- und Nachteile, ihr Konsequenzen und über die Zukunft der Bibliotheken diskutieren. Unter diesem Aspekt ist bei Frau Passig eigentlich nichts Neues erkennbar. Die Digitalisierung schreitet weiterhin fort.

    Der zweite Aspekt betrifft den Ist-Zustand, und dabei insbesondere die Rettung des gedruckten Buches. Während ein Teil dieser Gesellschaft beklagt, dass die Digitalisierung nicht rasch genug voranschreitet, beklagen etliche Verleger, Bibliothekare und auch klassische Bibliophile das zu rasante Wachstum der Digitalen Bibliothek.

    K. Passig sieht nur diese scheinbaren Opfer der Digitalisierung, da sie naheliegenderweise besonders laut klagen. Damit ist es für die Autorin recht einfach und klar, Bibliothekare haben das verstaubte Image von Liebhabern des gedruckten Buches, und sollten nun endlich begreifen, dass es das Internet gibt. Man kann ihr kaum verübeln, dass sie heute nicht mehr weiß, welchen Einfluss der Weinberg Report 1963 auf die Online-Revolution und damit das moderne Bibliothekswesen mit dem Digital Library Project und der Entstehung von Google hatte. Sie sieht nur den Teil der Bibliothekare die um ihre Existenz fürchten, und die ihren scheinbaren Anachronismus endlich erkennen sollten. Die Gegenargumente, bei denen Verlage ihre finanziellen Verluste bei Printausgaben beklagen, bei denen Bibliothekare bedauern, dass man sie im digitalen Bereich juristisch enteignet, und bei denen Menschen sehr viel Geld in teure Printausgaben investiert haben, und nun erkennen müssen, dass das meist zu wertlosem Papier verkommen ist, ist nicht ihr Problem.

    Dafür, dass die Zahl großer Bibliotheksneubauten trotz Digitalisierung noch immer wächst, reicht das Argument, „dahinter stehen etablierte Argumentations- und Finanzierungsstrukturen“ nicht aus. Sie sind zwar wichtig, aber auch in diesen Neubauten spielen die Angebote der Digitalen Bibliothek längst die entscheidende Rolle. Sie sind nur oft nicht so sichtbar, wie die Vielzahl gebundener Druckwerke. Verlage, die Bibliotheken zwingen auch elektronische Informationen nur begrenzt in ihren Bereichen anbieten zu dürfen, schaffen juristische Fakten. Was für Laien schwer verständlich bleibt, ist die Tatsache, dass auch in der Digitalen Bibliothek bedrucktes Papier, neben dem Bildschirm, noch immer eine wichtige Ausgabeform der vorhandenen Information bleibt.

    Interessant ist bei der seit fünfzig Jahren laufenden Diskussion über die Digitalisierungsgeschwindigkeit, dass sie kaum eine Wirkung auf den Fortschritt hat. Dieser setzt sich mit Brachialgewalt fort, was die Gegner um so vehementer und lauter beklagen, während die Befürworter einer raschen Digitalisierung sie mit ihren Argumenten auch nicht beschleunigen, weil Digitalisierung Zeit und Geld kostet. Das hat Ähnlichkeit mit der Open Access Bewegung, die ebenso massiv voranschreitet, unabhängig davon wie viele Gegner und Befürworter sie hat, weil mit jedem zusätzlichen Befürworter sich sofort ein neuer Gegner findet. Insofern können wir davon ausgehen, dass die Kolumne von K. Passig die Gegner der Digitalisierung nicht weiter überzeugt haben dürfte, während die Befürworter der fortschreitenden Digitalisierung sich lediglich bestätigt sehen.

    Die gesellschaftliche Rolle der Digitalen Bibliothek hat sich nicht geändert. Sie ist definitorisch funktional festgelegt als eine Einrichtung, die unter archivarischen, ökonomischen und synoptischen Gesichtspunkten publizierte Information für die Benutzer sammelt, ordnet und verfügbar macht. Diese Aufgabe kann sie heute nur noch als Digitale Bibliothek erfüllen, weil der Anteil, der nur auf Papier gespeichert ist, von Tag zu Tag geringer wird – trotz der vielen Bücher in Frankfurt. Dass Google dabei viele Funktionen früherer Kataloge und Bibliografien längst übernommen bzw. erheblich verbessert hat, ist allgemein bekannt.

    Walther Umstätter

  4. Ben said, on 6. November 2013 at 14:20

    In einem Kommentar zur Buchreport-Zusammenfassung der Kolumne von Kathrin Passig verdeutlicht Matthias Ulmer, wie die Bewertung bzw. Spekulation der Zukunft der Bibliotheken von der Definition ihrer Funktion abhängig ist:

    Wenn man als Mission einer Bibliothek versteht alle Bürger kostenlos mit Medien zu versorgen, dann ist es richtig, das kann eine digitale Zentralbibliothek genau so.

    Wenn man die Funktion der Bibliothek darin sieht, einen Bestand aufzubauen und zu archivieren, dann halte ich das auch für fragwürdig, auch das kann in wenigen Spezialarchiven zentralisiert werden.

    Wenn man aber die Aufgabe der Bibliothek anders definiert, als lokale Kultureinrichtung zur Förderung des Umgangs mit Medien, zur kulturellen Bildung, zur Förderung der Literatur, zur Integration verschiedener gesellschaftlicher Gruppierungen, zur Förderung eines lokalen kulturellen Lebens, als Ort der Begegnung, dann ist gegenüber solchen Zielen eine digitale Zentralbibliothek schlicht impotent.

    Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob eine digitale Bibliothek die Versorgung tatsächlich genauso wie die traditionellen Bibliotheken vornehmen könnte. Denn es handelt sich um unterschiedliche Medienformen und Distributionsprozesse, wobei u.a. so etwas wie die Übertragung des traditionellen Ausleihprinzips in digitale Zusammenhänge, beispielsweise der Onleihe, schon etwas anachronistisch anmutet. Die Reduktion von Medialität auf den Inhalt, der vom Träger unabhängig in digitalen und materiellen Zusammenhängen in gleicher Weise erstellt, verteilt und genutzt werden kann, ist aus einer medientheoretischen Sicht nicht haltbar. In der Frage, was ein digitales Dokument auszeichnet (abgesehen vom mark-up) ist auch die Bibliotheks- und Informationswissenschaft noch weit von einer konsensfähigen Antwort entfernt. Das ist in diesem Kontext auch deshalb bedeutsam, weil die Frage, was wir unter einem digitalen Bestand verstehen können, maßgeblich von dieser Antwort abhängt. Persönlich glaube ich, dass sich mit der Digitalisierung auch das Konzept des Bestands in digitalen Bibliotheken früher oder später als überholt erweisen wird. Wie diese Räumen medial organisiert werden, können wir heute vermutlich erst in Grundzügen erahnen.

    Aus der abstrakteren informationstheoretische Perspektive dagegen sind digitale Kanäle, sofern der Zugang gewährleistet ist, wahrscheinlich momentan die Optimalform des Informationszugangs und der Informationsvermittlung. Verbunden mit der Filterfunktion Sozialer Medien, die oft in vielen Nutzungszusammenhängen wichtiger ist als die der Suchmaschinen, bekommt man eine hochinteressante Restrukturierung nicht nur des Informationszugangs sondern auch des Zugangs zu öffentlichen Diskursen. Ich finde es sogar bedauerlich, dass dieser Schritt über die Informationsvermittlung hinaus von Bibliotheken bisher kaum adressiert wird. (Mit IUWIS hatten wir übrigens ein Projekt in der Schublade, dass diesen Schritt für ein überschaubares Diskursfeld, nämlich das des Urheberrechts in der Wissenschaft, vollziehen sollte. Leider ließen sich die DFG-Gutachter in diesem Fall nicht überzeugen, weshalb die Vorarbeiten nun brach liegen.)

    Was die dritte Funktion angeht, kann ich Matthias Ulmer nur zustimmen. Selbst wo Bibliotheken – wie beispielsweise die New York Public Library – intensiv in digitalen Sozialen Netzwerken präsent sind, funktioniert dies nur als Ergänzung und zumeist nur für eine bestimmte dort sehr rege Gruppe von Nutzern.

    Das Pew Internet and American Life Project veröffentlichte unlängst das Ergebnis einer Erhebung:

    „As of May 2013, 15% of American adults ages 18 and older do not use the internet or email.“

    Auch in Deutschland sind derzeit noch mehr als 20 % der Bevölkerung nicht online.

    In beiden Fällen ist Anteil aus meiner Sicht deutlich zu groß, als dass die Bibliotheken ihn bei ihrer Zukunfts- und Programmplanung ignorieren sollten. Dazu kommt die Zahl derer, die, wie ich bereits oben schrieb, zwar online sein können wann und wie sie wollen, sich aber aus verschiedenen Gründen auch für andere Formen der Mediennutzung entscheiden. Dies lässt sich nicht zuletzt in Universitätsbibliotheken beobachten.

    Um festzustellen, dass es bei der Bibliotheksnutzung und bei den Bibliotheksdiensten um weit aus mehr geht, als um die Versorgung mit Information und die Bereitstellung eines Zugangs zu Inhalten, und dass daher jede auf Aspekte der leichten Übermittlung von Information gerichtete Argumentation zwar in ihrem technisch-funktionalen Zusammenhang richtig ist, in einem übergeordneten gesellschaftlichen aber notwendig zu kurz greift, sollte also eigentlich schon ein aufmerksamer Blick in die eigene Lebensumwelt reichen.

    Zweifellos ist die digitale Bibliothek eine zentrale Größe und seit vielleicht 15 Jahren in der deutschen Bibliothekswissenschaft berechtigt der Hauptbezugspunkt. Das Bibliothekswesen ist jedoch weitaus komplexer. Und möglicherweise besitzen besonders in Öffentlichen Bibliotheken Fragen der digitalen Informationsvermittlung gar nicht den Stellenwert, der ihnen auch in der Fachdiskussion zugewiesen wird. Papiermuseen sind sie aufgrund des hohen Bestandsdurchsatzes ohnehin nie gewesen.

  5. […] Hier wurde das Thema in anderen Richtungen weiter gedacht: archivalia, schneeschmelze, libreas, […]

  6. […] teilweise deutlich fundiertere Beiträge zur Debatte gibt es bei Libreas, Archivalia und […]

    • Jens Mittelbach said, on 7. November 2013 at 10:48

      Lieber Ben Kaden, Ihre Frage: „Aber warum muss man 2013 noch so kämpfen, als stände man noch immer den bornierten Fortschrittsverweigerern des Jahres 1997 gegenüber, denen die Virtualität digitaler Kommunikation in keiner Form greifbar wird und die deshalb alles ablehnen, was binär anmutet.“ würde Frau Passig vielleicht so beantworten: Weil es so ist. Aber auch wenn es nicht so ist, ist es von der Nicht-Ablehnung des Fortschritts über die souveränen Akzeptanz der Herausforderung, die er impliziert, bis hin zum kreativen Umgang damit und zur Identifizierung und Belegung neuer Handlungsfelder ein weiter Schritt, der noch lange nicht geleistet ist und für den wir uns, entgegen Ihrer Meinung, keine Zeit lassen können. Der Grund dafür ist einfach: Felder, die einmal belegt sind, lassen sich nicht noch einmal belegen und nur schwer erobern. Und Ansagen, dass keine Eile sei, führen nicht dazu, dass man in Ruhe nachdenkt, sondern das In-Ruhe-Nachdenken auf den Sankt-Nimmerleinstag verschiebt.

  7. Ben said, on 7. November 2013 at 12:03

    Lieber Jens Mittelbach,

    vielen Dank für die Anmerkung.

    „Und Ansagen, dass keine Eile sei, führen nicht dazu, dass man in Ruhe nachdenkt, sondern das In-Ruhe-Nachdenken auf den Sankt-Nimmerleinstag verschiebt.“

    Ich kann mir durchaus vorstellen, worauf Sie Bezug nehmen und verstehe Sie an dieser Stelle ganz gut. Als Bibliothekswissenschaftler bin ich allerdings grundsätzlich gewohnt, nachzudenken und das tue ich tatsächlich lieber in Ruhe, auch weil ich weiß, dass man aus Hektik, Zukunftsangst und großer Aufregung selten die richtigen Entscheidungen trifft.

    Keine Entscheidungen zu treffen ist selbstverständlich auch keine Option. Wenn ich also darauf hinweise, dass man etwas Ruhe bewahren sollte, dann bedeutet das überhaupt nicht, dass man nichts tun sollte. Ganz im Gegenteil. Man sollte aus meiner Sicht nur ausgewogen tun und berücksichtigen, dass das soziale Gefüge der Bibliothek und ihre Beziehung zur Gesellschaft nicht ausschließlich über die Frage der Informationsvermittlung, digitaler Dienstleistungen und totaler Fortschrittsgetriebenheit gesteuert werden sollte.

    Es gibt mittlerweile zureichend Akteure, die in diesem Strom sehr progressive Positionen vertreten. Kathrin Passigs ziemlich schwache Kolumne mag ich nicht dazu zählen, da sie, vielleicht ähnlich zu bestimmten Hauptstrom-Debatten im Bibliothekswesen, so auch vor fünf Jahren in der Zeitung stehen hätte können. Aber als Trigger der Debatte und als Multiplikator war sie eindeutig außerordentlich geeignet. Wahrscheinlich benötigt man auch solche Ereignisse.

    Mich beschäftigt aber auch ohne Kathrin Passigs Technikkolumnen die Frage: Wie können wir nach vielleicht 20 Jahren wahrnehmbares WWW und Digitalisierung in Bibliotheken, nach all der Reifephase des Internet vom Informationsnetz zu einer Kommunikationssphäre, im Jahr 2013 Bibliotheken vor allem auch in Bezug auf ihre Rolle in der Gesellschaft denken?

    Dies nur unter dem großen Schlaglicht Digitalisierung zu tun, ist mir in diesem Punkt erwartungsgemäß zu eindimensional. Auch den Abschied von Papier als Träger zu forcieren, wenn nach wie vor eine große Nachfrage danach besteht, erschiene mir sehr kurzsichtig. Die Bibliothek hat nach meinem Verständnis nicht die Aufgabe, ihre Nutzer auf breiter Linie auf bestimmte Nutzungsformen hin zu erziehen. Zumal die Felder des Digitalen bereits alle ziemlich belegt scheinen und zwar von kommerziellen Akteuren. Dass sich unter den Stichworten Open Access und Open Science Formen in der Wissenschaft entwickeln, die dies ein wenig brechen, ist aus meiner Sicht sehr begrüßenswert. Aber es ist aus meiner Erfahrung nicht so, dass Wissenschaftler und Studierende durchweg begeistert auf diesen Zug aufspringen. Es gibt die bekannte Debatte, inwieweit man hier mandatieren bzw. Druck ausüben soll bzw. kann oder nicht. Darauf einzugehen, führte hier allerdings zu weit.

    Wogegen ich mich sträube, ist, wenn Diskussionen und Debatte in einen ideologischen Schlagabtausch führen, bei dem es nur um Entweder-oder geht und am Ende um das persönliche Rechthaben geht, dessen Krönung gemeinhin im genüsslichen „Hab ich’s euch nicht gesagt!“ besteht. Da geht es dann nicht mehr um die Debatte, sondern um den persönlichen Wunsche, in der Debatte etwas zu gelten. Das darf man durchaus trennen. Ich finde es wichtig, dass wir auch die Dinge, die uns begeistern und von denen wir überzeugt sind, regelmäßig durch kritisches Hinterfragen und die Verortung in einem größeren Zusammenhang selbst erden. Meine Erfahrung an deutschen Universitäten ist, dass dies bedauerlicherweise fast nie eingeübt wird. Daher kämpft man so oft auch bis auf das Messer um Definitionshoheiten über, aus der Distanz gesehen, völlig unerhebliche Details.

    Ich denke, es braucht auch ein Durchbrechen dieser Muster zur „souveränen Akzeptanz von Herausforderungen“, die permanent gegeben sind. Die Digitalisierung wirkt dahingehend möglicherweise besonders, wie man sagt, disruptiv, weil sie soviel um- und zusammenfasst. Auch das Bibliothekswesen im 20. Jahrhundert hat sich enorm verändert und irgendwie gut funktioniert. Vielleicht sollte man wenigstens eine Stück weit darauf vertrauen. Sicher gibt es immer Akteure, denen die Um- und Durchsetzung bestimmter Trends zu langsam geht und welche, denen es zu schnell geht. Im besten Fall balanciert sich die Entwicklung im Ergebnis auf eine vernünftige Mitte ein.

    Das neue Element bei der Rundum-Digitalisierung ist, dass es mehrere sehr große Spieler gibt, die vor allem auch aus wirtschaftlichen Interessen bestimmte Varianten sehr aggressiv durchsetzen wollen. Die Bibliotheken können schon aus Ressourcenmangel nicht auf demselben Spielfeld konkurrieren.

    Aber sie (und die Bibliothekswissenschaft) können, und das war ja die Grundthese meines Vortrags im Mai in Dresden, überlegen, ob es in einer pluralistischen Gesellschaft, die weitaus mehr Spielräume lässt, als uns die Mainstream-Ideologie der Digitalisierung einreden möchte. Auch die Digitalisierung lässt sich anders denken und wir investieren momentan relativ wenig an dieser Stelle, weil wir oft dazu neigen, die Muster, die uns vorgegeben werden, als alternativlos anzunehmen. Wenn wir jedoch neben diesen Spuren und vielleicht auch abseits von Kategorien wie Produkten und Marktfähigkeit denken wollen, dann wird es anstrengend und es braucht Zeit. Vielleicht auch mehr Willen.

    Die Bibliotheken als öffentliche Einrichtungen und die Bibliothekswissenschaft als offene Erkenntnispraxis scheinen mir sogar prädestiniert zu sein, wirklich einmal „außerhalb der Box“ zu denken und zwar der, die uns von den Hegemonen der Digitalwirtschaft vorgesetzt wird. Um die Auslastung der Einrichtungen selbst muss man sich derweil, wie die Praxis zeigt, eigentlich keine Sorgen machen. Soweit ich mich erinnere, war auch der Lesesaal der SLUB bei meinem letzten Besuch ganz gut gefüllt und auch sonst scheint es nicht so, dass den Bibliotheken die Nutzer reihenweise wegbleiben.

    Aber vielleicht gehe ich auch einfach zu häufig in Bibliotheken.

    Beste Grüße,

    Ben Kaden

    • Jens Mittelbach said, on 7. November 2013 at 15:59

      Lieber Ben, ich bin beeindruckt, wie schnell Sie wie viel schreiben können. Ich hätte für diese Replik zwei Tage benötigt. Sie lesend stelle ich folgendes fest: Wir sind nicht weit auseinander. Mein Problem ist nur, dass der überhaupt nicht neue, aber durchaus legitime Aufruf an Bibliotheken, neue Handlungsfelder zu bestimmen und sich ggf. auch von alten, lieb gewonnenen zu trennen, vorhersagbar die Fraktion auf den Plan ruft, die mit Lobhudeleien und Selbstbeweihräucherung die (mittelfristig) existentielle (ja!) Bedrohung der Bibliotheken wegdrängt (s. z.B. http://youtu.be/pqWnnyy8bJQ). Ich glaube auch an eine Zukunft der Bibliotheken – sonst würde ich nicht auf Dauer in einer arbeiten können – aber Bedingung ist, dass wir uns ständig neu ausrichten, weil wir in einem dynamischen, technologiegetriebenen und immer ausgiebiger digitalen Segment unterwegs sind. Dafür sind waches Agieren, Wissbegierde, Bereitschaft zum unaufhörlichen Dazulernen und auch immer eine Portion Risikofreude nötig. Alles Eigenschaften, die eher einschlafen, wenn man auf einem Ruhekissen liegt.

  8. […] einen spannenden, leicht provokanten Kommentar geschrieben, der im Netz eifrig (etwa hier, hier und hier) diskutiert wird. Und malt sie unter der Überschrift “Die Zukunft des Papierverleihs” […]

  9. […] Einen oder zwei Tage später gibt es auf LIBREAS die Replik auf Kathrin Passig von Ben Kaden (https://libreas.wordpress.com/2013/11/04/bibliotheken/). Der ist so sehr im Thema, dass er mehr richtig stellt als angesprochen ist. Umgangssprachlich […]

  10. […] Über Kathrin Passigs Bibliotheksbild und was wir daraus lernen können. Veröffentlicht in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Debatte, LIBREAS.Feuilleton von Ben am 4. November 2013. Ein Kommentar von Ben Kaden / @bkaden. https://libreas.wordpress.com/2013/11/04/bibliotheken/ […]

  11. […] gilt – Bibliothek aus, Internet an – auch wenn sich diese Analogie anbieten mag. (Auf Libreas diskutiert Ben Kalden die Problematik ausführlich in einem […]

  12. […] Hier eine lange, lange Antwort auf Kathrin Passig. […]

  13. […] Archivalia kein Grund Bibliotheken hervorzuheben, die Bewahrung von Altbeständen dagegen schon. Ben Kaden vom Libreas Blog sieht eher Forschungsbedarf in der Tatsache “Überraschend ist, dass das Vorhandensein […]

  14. […] sich zu diesem Beitrag eine heiße Diskussion in der Bibliothekswelt aufgetan (Beispiele hier, hier, hier und hier). Da ich mich schon länger mit dem Thema beschäftigte (hier, hier […]

  15. […] Über Kathrin Passigs Bibliotheksbild und was wir daraus lernen können. | LIBREAS.Library Ideas Kathrin Passigs Text zur Zukunft der Bibliotheken hab ich hier schon verlinkt. In der Bibliothekswelt gab’s dazu reichlich Replik. Eine der ausführlichsten und fundiertesten ist der Text von Ben Kaden. […]

  16. […] Über Kathrin Passigs Bibliotheksbild und was wir daraus lernen können. […]

  17. […] verkündet, sie seien durch die Informationstechnologie zu Auslaufmodellen geworden (vgl. dazu auch hier) und das Berufsbild “Bibliothekar” führe in eine […]

  18. […] ist bei dem viel diskutierten Aufsatz aber nicht nur wegen der anderswo kritisierten Punkte schlecht geworden, sondern zugegebenermaßen auch deshalb, weil ich auch […]

  19. […] der Lektüre des Briefes zeigt sich, dass Alexander Grossmann argumentativ ein bisschen auf den Spuren von Kathrin Passig wandelt und wieder einmal alle Klischees auf den Tisch legt, die sich gemeinhin einstellen, wenn […]

  20. […] vielbeschworene Untergang der Bibliotheken löst immer wieder neue und heiß geführte Debatten aus. Ohnehin, so scheint es, geht jede Woche irgendetwas Neues unter. […]

  21. […] Verkündungen zur Zukunft irgendeines Mediums und zur Institution Bibliothek (zum Beispiel auch diese). Mit ein wenig mehr Gelassenheit, historischem Selbstverständnis, Sachverstand, Realitätssinn […]


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