LIBREAS.Library Ideas

Bibliotheksgeschichte aktuell: Ein Blick auf Rafael Ball und Ideen zur Literaturversorgung im Jahr 1997.

Posted in LIBREAS.Debatte by Ben on 11. Februar 2016

Eine Anmerkung von Ben Kaden (@bkaden)

Man ist geneigt, in Rafael Ball, den Direktor der Bibliothek der ETH Zürich, nach seinen jüngsten Äußerungen einen nur mit begrenzter Bodenhaftung ausgestatten Radikaldenker des zeitgenössischen Bibliothekswesens zu sehen. Im Prinzip folgt er jedoch, und auch das muss man anerkennen, einer bibliothekstheoretischen Ideenwelt, die einmal sehr progressiv war. (Und, wir erinnern uns, gegen massive Vorbehalte ankämpfen musste.)

Deutlich wird dies ein wenig beim Blick in die Bestände mit Ausgaben der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Er verfasste für die Zeitung über einige Jahre nämlich mehr als 50 Artikel zu diversen Wissenschafts- und Bibliotheksthemen. In diesem journalistischen Schaffen lassen sich unschwer die Vorläufer dessen erkennen, was seine aktuellen Äußerungen heute motiviert.

Das Leitmotiv ist seit je, dass die digitalen Möglichkeiten die Welt der Bibliotheken grundlegend umgräbt, die Prämisse, dass die Zeit des Gedruckten abläuft und die Erwartung, dass die elektronische Literatur- bzw. Informationsvermittlung billiger, besser, schneller und einfacher sein muss. Der Grundfehler (nicht nur von Rafael Ball), so können wir heute ergänzen, ist, sich auf die unglückliche Konkurrenz Print vs. Digital einzuschießen, anstatt die grundlegenden Spezifika der jeweiligen medialen Form und ihrer Nutzungskulturen von vornherein anzuerkennen und differenziert zu elaborieren. Wie unvereinbar diese Medienformen sein werden, konnte man möglicherweise 1997 noch nicht vollumfänglich ahnen. Wenige Jahre später, nach Google, der Wikipedia, dem Web 2.0, lag es jedoch offen zutage.

In der FAZ erschien nun im Bereich Geisteswissenschaften in der Ausgabe vom 07. Mai 1997 über „Versuche mit der virtuellen Bibliothek“. Diese Bibliotheksform galt, wie man auch u.a. im fast zeitgleich erschienenen Lehrbuch des Bibliothekswissenschaftlers Walther Umstätter nachlesen konnte, als eine Art folgerichtige Evolutionsstufe der Institution nachdem sie ihren bis dato herrschenden „traditionellen“ Zustand, d.h. nicht mit EDV unterstützt, über eine EDV-unterstützte Fassung (=elektronische Bibliothek) hinaus entwickelt hatte.

Neu an der virtuellen Bibliothek war, kurz gesagt, dass nicht mehr nur die Bibliotheks- und Bestandsverwaltung digital, sondern auch die Bestände selbst und im Idealfall sogar vernetzt verfügbar waren. Das war naturgemäß ein erheblicher Transformationsschritt, weshalb man aller Orten von „tiefgreifendem Wandel“ oder „gewaltigen Veränderungen“ las. Rafael Ball bediente sich in seinem Artikel der zweiten Variante und eines Überwindungsoptimismus‘, der sich bis in sein jüngstes NZZ-Interview hält:

„Die virtuelle Bibliothek […] enthält keine gedruckte Literatur mehr. Alle Daten sind elektronisch gespeichert und von jedem unabhängig von Ort und Zeit via Datenautobahn nutzbar.“ (1997)

„Um Inhalte zu finden und zu lesen, brauchen Sie heute eben keine Bibliotheken mehr, weil Sie keine gedruckten Bücher mehr brauchen. Ein Grossteil der Literatur ist schon heute digitalisiert im Internet zu finden.“ (2016)

Theoretisch klingt dies in der einen oder anderen Hinsicht exzellent und die Open-Access-Bewegung, die sich zur selben Zeit so langsam entwickelte, griff auf die selbe Prämisse zurück. Das mag erklären, warum er sie ebenfalls vor wenigen Tagen zur Ideologie eines „Totel Open Access“ verdichtet ohne Not und etwas peinlich attackierte. Praktisch ist diese Deutung jedoch aus diversen Gründen auch heute nicht haltbar. (Siehe u.a. die Replik von Rudolf Mumenthaler zu Rafael Ball.)

Im Zeitgeist und mit wachsendem Verständnis des WWW bzw. der Möglichkeiten des Internets erblühte seit den späten 1990er Jahren die Idee des „Age of Access“. (So ein Buchtitel von Jeremy Rifkin aus dem Jahr 2000, der kurz zuvor schon das Ende der Arbeit in Aussicht gestellt hatte. Nun ja.) Man ging also passenderweise dort, wo über das Management digitaler Bibliotheken nachgedacht wurde, davon aus, dass das Besorgen digitaler Kopien der benötigten Literatur günstiger als das Vorhalten von gedruckten Beständen sei. Die Umstellung auf elektronische Zeitschriften schien dagegen weniger auf dem Radar zu sein.

Argumente für die Perspektive der digitalen Belieferung auf Verlagen erhielt Rafael Ball aus New York. Das dortige Stevens Institute of Technology hatte bereits 1993 entschieden, „alle Zeitschriften abzubestellen und Zeitschriftenartikel über elektronische Dienste zu beschaffen.“ Die Voraussetzung bildete eine Current-Contents-Datenbank, die den Bibliotheksnutzer_innen den elektronischen Zugriff auf Zeitschrifteninhaltsverzeichnisse bot, ein letzter Höhepunkt der Welt der Dokumentation, deren Weltorganisation sich zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem Pfad der Auflösung befand.

Im Jahr 1997 galt das Verfahren des Bestellens von Inhalten nach einer Datenbankrecherche ein gewaltiger Schritt für die Bibliotheken. (Bald darauf kam freilich Google und veränderte alle Vorzeichen des Zugangs zu digitaler Information in einem bis dahin ungeahntem Ausmaß.) Das Vorgehen des Steven Institute wurde als mögliches Vorbild und Erfolgsmodell angesehen und zwar vor allem deshalb, weil, wie Rafael Ball betont, „die Mitarbeiter […] den Umgang mit digitaler Informationstechnologie beherrschen.“ (Technische Kompetenz bzw. die Bereitschaft / das „mindset“ dazu wird auch heute noch als ein dringlichstes Desiderat im Bibliothekswesen gesehen, wie heute die Geeks-vs.-Büchertanten-Diskussion auf der #inetbib16 im Anschluss an einen Vortrag des Mannheimer Stadtbibliotheksleiters Bernd Schmidt-Ruhe unterstrich.)

Die Vorteile einer Umstellung schienen offensichtlich: Man nimmt den Nutzer_innen die gedruckten Bestände, gibt ihnen Datenbanken und schon haben diese einen „Zugang zu wesentlich umfangreichere[r] und bessere[r] Literatur“ und das „schneller und einfacher“. Weshalb die Informationen dadurch besser werden, dass sie per digitaler Fernkopie bezogen werden, ist heute nicht mehr rekonstruierbar. Und ebensowenig versteht man, warum man offenbar davon ausging, dass die Wissenschaftsverlage angesichts dieses Verfahrens, das immerhin wenn über das Stevens Institute hinausskaliert doch tausende Abbestellungen nach sich gezogen hätte, nichts an ihren Produktangeboten verändern hätten wollen. Wäre es tragfähig und nachhaltig gewesen? Aktuell weist der OPAC der Bibliothek des einst lobenswert subskriptionsfreien Stevens Institute mehr als 6000 gehaltene Titel nach. Am Ende waren es die Verlage selbst die, sicher nicht unbeeindruckt von Ideen wie der geschilderten, mit e-Journal-Angeboten auf die „elektronische Lieferung“ umstellten.

Dass das Post-Subskriptions-Verfahren nicht auf Erfolg abonniert war, schildert Rafael Ball ebenfalls in der FAZ an einem Access-vs.Holdings-Experiment namens BIODOC der Bibliothek der Cranfield University. Auch dort sah man eine zunehmende Nutzung der E-Mail-Technologie durch Forschende, weshalb man im Biotechnology Centre testweise Zeitschriften abbestellte und den Nutzer_innen Inhaltsverzeichnisse per elektronischer Mail zusandte. Bestellwünsche wurden auf dem gleichen Weg entgegen genommen. Das Experiment mit der elektronischen Literaturversorgung hakelte jedoch, so Rafael Ball, weil die Umstellung offenbar sehr komplex geplant war („in ein umfangreiches Management gebettet“, „wissenschaftlich begleitet und dokumentiert“, „lange Trainingszeit“). Möglicherweise war man auch einfach nur nicht konsequent genug. Eine Kernerkenntnis lautete nämlich:

„The most obvious solution and the natural progression would be to pass over more responsibility to the department in terms of selection of document supplier, and to allow them partial handling of their own budget.“

Was wir in der Rückschau aus dieser mittlerweile bibliotheksgeschichtlichen Notiz über digitale Bibliotheken lernen können, ist vor allem, wie die Current-Contents-Dienste, also digitale Entdeckungs- und Empfehlungswerkzeuge und Dokumentenlieferdienste die Wissenschaftler_innen potentiell überzeugten, der Traum der Kosteneinsparungen durch gezielte Artikelbeschaffung im Gegensatz zum Bezug von Zeitschriften dagegen ein solcher blieb. Das wusste auch Rafael Ball, der damals betonte „daß eine Politik der kostenlosen, unbegrenzten Dokumentenbesorgung nicht finanzierbar ist.“ Was technisch und organisatorisch machbar wäre, zöge, wie er meinte, zugleich die Notwendigkeit nach sich, Kosten an die Benutzer weiter zu reichen. Das Delivery-On-Demand-Modell setzte sich aus verschiedenen Gründen und vermutlich hauptsächlich angesichts der Zunahmen von elektronischen Zeitschriften und deren Lizenzierbarkeit also nicht sonderlich durch und die Zeitschriftenkrise, Auslöser der Überlegungen zur elektronischen Literaturversorgung, hat sich seitdem eigentlich nur in jeweils zeitgemäßes Erscheinungsformen verpuppt.

Zu Rafael Balls heutiger Rethorik lässt sich mittels der Schleife über das Jahr 1997 lernen, dass sie nach wie vor tief in Aufbruchswünschen um die virtuellen Bibliothek verankert ist, die immer mal wieder in den vergangenen zwanzig Jahren in Debatten auftauchten, jedoch so gut wie nie systematisch und bibliothekswissenschaftlich abgeprüft, dekonstruiert und an reale Bedingungen zurück gebunden wurden. Das freilich lässt sie sonderbar redundant wirken, auch ein wenig hilflos und in jedem Fall kaum fruchtbar für die Debatten und Gestaltungsanforderungen der Gegenwart.

Mitunter wirkt es einfach so, als wünschte sich jemand ungeduldig, dass die Entwicklung der Welt endlich bestätigt, wie Recht er/sie hat/te. Aber eigentlich brauchen Bibliothekswissenschaft und Bibliothekswesen Debattenanstöße, eher noch Provokationen, auf diesem Niveau ebensowenig wie die zahllosen apodiktischen Verkündungen zur Zukunft irgendeines Mediums und zur Institution Bibliothek (zum Beispiel auch diese). Mit ein wenig mehr Gelassenheit, historischem Selbstverständnis, Sachverstand, Realitätssinn und, sofern möglich, einem Hauch Selbstironie ließe sich dagegen deutlich mehr anregen. Versierte Bibliotheksdirektoren, die die digitalen Entwicklungen, Irrtümer und vor allem irrwitzigen Erlösungsdiskurse seit dem Beginn des WWW nicht nur erlebt, sondern auch beschrieben haben, sollten das eigentlich wissen und gerade in Interviews mit Schweizer Leitmedien, also mit Reichweite über die Fachcommunities hinaus, nüchterner, konzentrierter und weitblickender (auch in die eigene Vergangenheit) argumentieren.

(Berlin, 11.02.2016)

Quellen:

Rafael Ball: Vom Büchersammler zum Onlinejäger. Versuche mit der virtuellen Bibliothek. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.05.1997, S. N6

Rafael Ball: Total Open Access: the new gospel of scientific communication. In: Research Information, 08.02.2016

Rafael Ball, Michael Furger: Weg mit den Büchern! In: NZZ am Sonntag / nzz.ch, 07.02.2016

Janet Evans, Simon J. Bevan, John Harrington: BIODOC: access versus holdings in a university library. In: Interlending & Document Supply, Vol. 24 (1996) Issue 4, pp.5 – 11. DOI: 10.1108/02641619610151386

Peter H. Lewis: STATE OF THE ART; Searching For Less, Not More. In: New York Times, 30.09.1999

Rudolf Mumenthaler: Sind Bibliotheken überflüssig? Eine Replik. In: ruedimumenthaler.ch, 08.02.2016

3 Antworten

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  1. […] Kaden blickt im Libreas-Artikel „Bibliotheksgeschichte aktuell: Ein Blick auf Rafael Ball und Ideen zur Literaturversorgung im Jahr 1…“ auf Balls Entwicklung als Bibliotheks-Theoretiker (via […]

  2. […] mag sich fragen, was Ball antreibt so ganz “ohne Not” eine plumpe Schmähschrift gegen Open Access zu […]

  3. Urs said, on 13. Mai 2016 at 11:52

    „Versierte Bibliotheksdirektoren […] sollten das eigentlich wissen und gerade in Interviews mit Schweizer Leitmedien, also mit Reichweite über die Fachcommunities hinaus, nüchterner, konzentrierter und weitblickender (auch in die eigene Vergangenheit) argumentieren.“

    Messerscharfe Analyse und mein persönlicher Kommentar des Tages. Tolle Arbeit, mach einfach weiter so!


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