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It’s the frei<tag> Countdown. Noch 10 Tage.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS Veranstaltungen, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 31. Mai 2011

Wer die Welt kennt, kennt nicht nur, wie die einstige NDW- und jetzige Erwachsenpopcombo Die Zimmermänner auf ihrem sympathischen Album Fortplanzungssupermarkt glauben machen möchte, den Zuckermann, sondern auch eine ganze Reihe von Heiligen von der Gottesmutter Maria bis hin zum Strohsack. Das hat weniger mit religiöser Ehrfurcht als mit ganz banaler Basisintegration mit der bendländischen Kulturgeschichte zu tun. Allerdings kratzt die Heiligenkenntnis des atheistisch-aufgeklärt Sozialisierten eher nur an der Spitze des Ei-Bergs. Tausendmal mehr und vielfältiger pocht hinter harten Schalen die weiche Substanz des guten Lebens.

I.

Heute zum Beispiel ist der Tag der Petronilla, Tochter des Fischers Simon und Gegenstand des Malers Simone (Pignoni). Von ihr ist wenig bekannt, außer dass sie märchenhaft schön gewesen sein soll und dazu fanatisch keusch, was gemeinhin einen nahezu unerträglichen Sozialdruck nach sich zieht, denn wie jeder weiß, ist Schönheit, die vor allem auf Jugend basiert, hochvergänglich und will, so ein pragmatischer Volksglaube, genutzt sein. Dies galt gerade in Zeiten, in denen eine (ökonomisch und genetisch) gute Partie das Überleben der gesamten Sippe sicherte.

So war ein angenehmes Äußeres der Tochter des Hauses nicht nur deren persönliches Kapital – was in Gary Shteyngarts Neu-Orwelliade „Super Sad True Love Story“ mit dem entzaubernden Statistikwert der Fuckability neben dem Aspekt der Personality und dem Konsumvermögen als zum Basisprofil des neuen Menschens der nahen Zukunft gehörig ausgegeben wird – sondern das Kapital der Familie.

Petronilla verweigerte sich einer Ehe, denn der um sie werbende Flaccus war ein heidnischer König. Die christliche Jungfrau entschied sich dieser Tatsache ansichtig für den Glauben und damit den jungfräulichen Tod und wurde damit Märtyrerin. Im deutschen Bibliothekswesen erinnert man sich der Petronilla dadurch, dass immerhin ein paar kirchlich betriebene Büchereien ihren Namen tragen. Ansonsten rief man sie an, wenn man gegen ein Fieber kämpfte.

Wo Petronilla also vor allem als fieberheilende Heilige ihre Funktion für das Leben des glaubenden Menschen erfüllt, schützt die Heilige Odilia sowohl Elsass als auch Augenlicht. Während Petronilla, so manche Quellen, von einer Lähmung geheilt wurde, kam Odilie nämlich blind zu Welt und erst die Taufe durch den Wanderbischof Erhard von Regensburg öffnete ihr die Augen zum Sehen. Dass sie überhaupt diese Taufe erlebte, verdankt sie der Mutter (mit dem schönen Namen Bereswinde), die sie vor dem Vater, Wüterich und Herzog Adalricus, rettete und sie, die vom Vater aufgrund ihrer Versehrtheit Todesgeweihte, in die rettenden Mauern eines Klosters gab. Später gründete Odilie selber eines und zwar auf oben auf der Kuppe, die heute erwartungsgemäß Mont Ste.-Odile heißt. Und ein zweites im Tal davor. Ihr Grab ist heute auf dem Berg in der kleinen, sehr gepflegten Anlage mit bezeichnenderweise herrlichen Blick über die Rheinebene und einem vom Abendlicht gefluteten Wallfahrerrestaurant, einer Herberge  mit die Zeitung lesenden Franzosen in der Lobby und einem um 19 Uhr bereits geschlossenen Souvenirshop.

II.

Im Prinzip funktioniert die Biografie zur Heiligwerdung immer ähnlich: Entweder wird man mit Handicap geboren oder es widerfährt einem eine Art Unbill, die das ganze bisher vorgebahnte Leben übermächtig aus dem Lot bringt. In Kooperation mit einer höheren Macht lernt man dies jedoch nicht nur zu ertragen, sondern auch zu etwas Gutem zu wenden und schließlich wird man für diese doppelten Verdienste (Aushalten und Gestalten) mit dem höchsten Grad der Anerkennung, den die Kirche zu vergeben hat, ausgestattet und ist MärtyrerIn.

In jüngerer Zeit geht es übrigens auch ohne fremdauferlegte Verwerfung im Schicksal. Jedoch nicht ohne selbstauferlegte weltliche Entbehrung sowie hoher Disziplin gegenüber den Regeln der jeweiligen Kirche. Diese wird in einer Art Führungszeugnis bescheinigt (nihil obstat).

Die Geschichte des pseudo-egalitären American Dream, des Giganten, der es vom Arbeiter Jett Rink zum Petrodollarmillionär Jett Rink bringt, folgt einem nicht unähnlichen Muster und zeigt zugleich, dass selbst im Aufbruchskapitalismus ein mühsam erarbeiteter Reichtum bestenfalls die halbe Miete darstellt. Am Ende gilt er bei der Eroberung unerschlossender Paradiese nur etwas, wenn sich der Edelmut eines Bick Benedicts dazu addiert. Man muss es demnach nicht nur geschafft haben. Sondern als Bonus auch noch seinen Nächsten lieben, also – genauer – demütig Gehorsam gegenüber einem alles transzendierenden Höheren zeigen. Das ist dann eher die Variante der protestantischen Ethik und der Schlüssel zur amerikanischen Philantropie.

III.

Dieses Heilige – manche nennen es auch das Erhabene – entspricht übrigens bei genauerer Betrachtung dem, was Max Frisch in seinen New Yorker Poetikvorlesungen im November 1981 unter dem Begriff der Utopie verortete. Nachdem Harold Brodkey bei einem dazugehörigen Panel Frischs zuvor in seiner Vorlesung aufgefalteten Bezug zum Utopischen präzisiert haben wollte, ergänzte Frisch, wie Mark Jay Mirsky berichtet:

„Es sei die Sehnsucht […] nach etwas, das der Mensch noch nie erlebt habe, das er aber haben möchte. »Die Trauer darüber, daß es so ist, wie es ist, die Einladung, dagegen zu protestieren, impliziert die Sehnsucht, daß die Welt anders sein könnte, ein Paradies.«“ und „»Wir werden es nicht schaffen. Die Sehnsucht gibt die Richtung an für das, was wir tun. […] Es ist nicht ganz weit weg vom religiösen Glauben. «“(In: Max Frisch (2008) Schwarzes Quadrat. Zwei Poetikvorlesungen. Frankfurt/Main: Suhrkamp. S. 79f.)

Es ist nicht nur nicht ganz weit weg. Es residiert sogar direkt um die Ecke. Denn wenig ist so leicht erkennbar, wie dass am Ende alle Rationalisierungsbestrebungen Fortsetzungen des Religiösen mit anderen (berechnenderen und berechenbareren) Mitteln darstellen.

Das, was zunimmt, ist die verwaltbare Komplexität, die immer auch semiotisch sein muss, denn nur was man labeln und konzeptionalisieren kann, kann man auch operationalisieren. Die Wissenschaft hat ihre eigenen Heiligen genauso wie die Literatur und alle streben mehr oder minder explizit einer unerreichbaren Mitte zu, die uns, da wir in Zeitachsen denken, als zukünftig erscheint, aber natürlich in der kosmologischen Perspektive als ewige Gegenwart verstanden werden muss.

Der Mensch ist aus der Laune wahlweise einer Natur oder eines Gottes als Sinn-Wesen und in seinem Kern als sich permanent in seinem Willen nach Kohärenz verschiebendes Sin-Zeichen angelegt. Pragmatisch geht es mit Roland Barthes‘ Vorlesungstitel „Comment vivre ensemble“ darum, das Miteinander so zu organisieren (buchstäblich: in ein weitgehend heterostatisches Gefüge von funktionierenden Wechselwirkungen zu bringen), dass man trotz aller Nachteile gesellig seine Jahre in ganz guter Form übersteht. Egal, was da eigentlich kommen mag. Die Heiligen, heißen sie nun Foucauld oder Foucault, helfen uns, die wir blind auf unsere Zukunft starren, als vorbildende Orientierungspunkte. Jede Lehre ist auch eine Art vorgespanntes Führungsseil, eine Braille-Markierung in einem Höhlenkomplex, in der wir, unsere Becky Thatcher an der Hand, wenigstens unser Gleichnis suchen. Und/oder die Schatzkiste des Indianer-Joe.

Die Bibliotheks- und Informationswissenschaft ist selbstverständlich auch eine Art Lehre, die in der funktional differenzierten Wissenschaftsgegenwart so etwas wie eine Subgemeinschaft (=Fachcommunity) darstellt, der es momentan zugegeben ein wenig an Heiligkeit fehlt.

Da sich nun aber vorwiegend das Noviziat der kleinen intellektuellen Gilde rund um Buch, Bibliothek und Digitalo-versum in anderthalb Wochen (wenn es gut läuft) zu einer Art Hambacher Fest des bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Denkens trifft, darf also die Frage nach dem, was unserer Community eigentlich heilig ist, ruhig mal aufs Tapis.

St. Odile

"Ich wünschte, es gäbe einen Knall und die Psyche wäre aufgeräumt." Ach Kitty Hoff, es ist schon fast bestürzend, wie Dein "Psychenswing" den Refrain zum Thema bietet. Denn das, was uns heilig ist, ist in gewisser Weise und buchstäblich die ersehnte Knallcharge. Daher heißt das Album, auf dem sich das Lied befindet sehr passend "Blick ins Tal". Irgendwo dort unten, in einem Örtchen namens Avolsheim steht die Église Saint-Pierre de Molsheim. Die ist insofern für den vorliegenden Text beachtenswert, als dass man – jedenfalls wenn man Elsässer war – lange Zeit dachte, die Heilige Petronilla sei tatsächlich in dieser Kirche begraben. Entsprechend wurde die Grabstätte Pilgerort der lokalen Fieberkranken bis sich herausstellte, dass dort eine gewisse Terentia Augustala beigesetzt sei, die weder eine Heilige noch eine Fieberheilkräftige war. Sondern nur eine ganz normale römische Frau. Erstaunlicherweise erfüllte das Grab, als Statthalter der Heiligkeit Petronillas missverstanden, seinen Zweck als placeboesker Pilgerort bis zur Enttarnung offenbar recht gut. Wenn es, jetzt abstrakter gedacht, in diesem Zusammenhang eine Aufgabe für die Bibliotheks- und Informationswissenschaft geben kann, dann die, die zunächst dank der Postmoderne einzig möglich Form des Umgangs mit diesen Transzendenz-Storyplots auszuentwickeln: eine Synopse der Möglichkeiten des Heiligen. Beispielsweise in der Wissenschaft. Hat man daraus dann ein wohlgeordnetes (wissenschaftssoziologisches) und in der semiotischen Grundanlage organisches Zeichengewebe gesponnen, wird sich, da darf man sicher sein, schon eine neue Aufgabe zur Arbeit an den Infrastrukturen auch des wissenschaftlichen Glaubens finden.

(bk)

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