LIBREAS.Library Ideas

CfP #31: Emotionen & Emotional Labor

Posted in LIBREAS Call for Papers by Karsten Schuldt on 6. Dezember 2016

Bibliotheken managen nicht nur den Bestand, sondern sie sind auch Ort, an dem Menschen miteinander kommunizieren.

Die Fachliteratur thematisiert dies eher eng, vor allem als Informationsbedarfsgespräch, bei dem vorausgesetzt wird, dass die Nutzerinnen und Nutzer auch alle mit einem klar erfragbaren Interesse in die Bibliothek kommen. Aber ist dies die einzige Situationen, in denen Personal und Bibliotheksnutzern miteinander kommunzieren? Was wird im Rahmen solcher Gespräche mitgeteilt, mit welchen Gefühlen gehen beide Seiten in solche Situationen hinein, mit welchen gehen sie hinaus? Und was ist mit den anderen „Kontaktsituationen“, zum Beispiel bei Veranstaltungen? All diese Kontakte bedeuten auch, dass Menschen mit ihren Identitäten, Vorstellungen, Vorarbeiten, Ängsten, Hoffnungen und teilweise eher unkonkreten Bedürfnissen aufeinander treffen.
Lisa Sloniowski (2016) bemerkt, dass diese „emotional labor“ in Bibliotheken ständig stattfindet, aber kaum thematisiert oder gesondert bemerkt, entlohnt oder gesteuert würde. Vielmehr würden stärker klar messbare oder sichtbarere Aspekte zur Bewertung von guter oder schlechter Arbeit genutzt. Ein Beispiel sind technische Projekte. Sie weist zudem darauf hin, dass zumindest in ihrem Umfeld – der Bibliothek der York University, Toronto – die „emotional labor“ vor allem von Frauen geleistet wird. Hat diese Arbeit also, so fragt sie weiter, einen ähnlichen Status, wie die „unsichtbare Hausarbeit“, welche die zweite Frauenbewegung in den 1960ern und 1970ern erst sichtbar machen musste? Tragen Frauen in Bibliothek genauso mit unbezahlter Arbeit zum Funktionieren der Institution bei, wenn sie die Arbeit mit den Nutzenden verrichten, wie Frauen unbezahlt im Haushalt das Funktionieren der „kleinbürgerlichen Kleinfamilie“ garantierten? Sloniowski tendiert zu dieser Deutung und leitet daraus unter anderem die Forderung ab, die Situation feministisch zu interpretieren und gegen den von ihr postulierten neoliberalen Alltag der (kanadischen) Universität zu wenden.

Daneben ist zu bemerken, dass der Umgang mit „schwierigen Nutzenden“ zwar vor allem als Sicherheitsproblem thematisiert wird (Eichhorn 2015), aber viel öfter und viel eher eine persönliche Komponente enthält. Zumeist werden Probleme mit diesen Personen ohne Sicherheitsdienst oder Vorschriften gelöst. Aber wie genau? Zumal zum Beispiel Bodaghi, Cheong & Zainab (2015) zeigen, dass – zumindest in dem von ihnen untersuchten Bibliotheken in Malaysia – ein gewisser Mangel von Empathie auf Seiten des Bibliothekspersonals aus Nutzenden mit Sehbeeinträchtigungen erst „schwierige Nutzende“ machte. Wie gesagt: In der Bibliothek treffen Menschen auf vielen Seiten mit ihren eigenen Identitäten, Möglichkeiten und Vorstellungen aufeinander.

Bibliotheken sind zudem Einrichtungen, in denen sich Personal begegnet, zusammenarbeitet oder zumindest mit einander auskommen muss. Daher kann und muss man aus einer, wenn man so will, emotionstheoretischen Perspektive fragen: Was passiert in den Bibliotheken im Hintergrund? Wie funktionieren Bibliotheken auf der persönlichen, zwischenmenschlichen Ebene? Wie geht das Personal an der Theke mit dem Personal in der Katalogisierung um? Wie die Fachreferentin mit dem Medienbearbeiter? Wie mit den befristet eingestellten Projektleiterinnen und Projektleitern? Wie mit der Praktikantin, dem Praktikanten? (Larrivee 2015)

Zudem, der Kontakt zwischen Personal und Chefin oder Chef: In einer Bibliothek erwarten man eigentlich kein hartes Aufeinandertreffen. Es ist keine Firma, die sich mit ihrer Arbeit gegen Konkurrenten behaupten muss. Doch Machtbeziehungen existieren unweigerlich da, wo Hierarchien sind. Bibliotheken sind nach wie vor sehr oft eher nach traditionellen Mustern der Verwaltungsorganisation und damit hoch hierarchisch organisiert. Wie wirkt sich das auf der Ebene zwischen Menschen aus? Steuern Chefinnen und Chefs in Bibliotheken ihre Mitarbeitenden mit Emotionen? Lassen diese es sich gefallen?

Ein Thema aus dem englischsprachigen Bibliothekswesen ist das der „Mikroagression“ innerhalb des Personals, also der (zumeist ungewollten, aber strukturell auf Machtbeziehungen aufbauenden) Provokationen und Beleidigungen aufgrund unreflektierter Urteile über Menschen oder Vorannahmen, beispielsweise das Bestreiten von vorhanden Machtbeziehungen oder unnötig niedrige Anforderungen, die Mitarbeitenden vermitteln, dass ihnen weniger zugetraut wird. (Alabi 2015) Ist dies in Bibliotheken in den deutschsprachigen Ländern auch ein Thema?

Hin und wieder thematisiert werden die Ängste vor der Benutzung von Bibliotheken, die (potentielle) Nutzende davon abhalten, Bibliotheken überhaupt oder in Teilen so zu nutzen, wie es ihnen eigentlich möglich wäre. Dass solche Ängste bestehen, ist bekannt; dass sie die Nutzung von Bibliotheken einschränken, ist klar ersichtlich. (Jan, Anwar & Warraich 2016; Gremmels 2015) Doch: Wie verbreitet sind sie in deutschsprachigen Ländern? Wie prägen sie sich aus? Vor allem: Ängste sind persönlich – auch wenn sie gesellschaftlich vermittelt werden. Beschäftigen sich Bibliotheken mit solchen Ängsten? Gehen sie dagegen vor, dass sie bei (potentiellen) Nutzenden entstehen? Helfen sie, diese abzubauen? Wie? Wer macht diese emotionale, persönliche Arbeit?

In der Forschung weniger thematisiert, weil nicht den Problemfall oder das Pathologische ansprechend, können auch positive Emotionen der Bibliothek gegenüber oder in der Bibliothek auftreten. Die Architektur bereitet womöglich ästhetisches Wohlgefallen, der Büchergeruch lässt die schöne Kindheit wiederaufleben, in der Bibliothekslounge verfällt man endlich in die lang ersehnte tiefe Entspannung, für gemeinsames Arbeiten oder auch Flirten bietet die Bibliothek das perfekte Setting. Das emotionale Spektrum ist breit und kann individuell sehr stark variieren: Für die eine/den einen ist die Bibliothek der schönste Platz zum Aufhalten und Arbeiten, der/die andere empfindet die Bibliothek als elitären Ort, dessen neobarocke Eingangspforte sie oder er nie passieren würde.

Aufruf für Beiträge

Die LIBREAS. Library Ideas möchte die Ausgabe #31 zu diesem Themenbereich “Emotionen und Emotional Labor” gestalten und ruft zu Beiträgen auf, die sich mit den gerade genannten oder andere, passenden Fragen aufgreifen. Grundsätzlich bieten sich dazu persönliche Berichte und Reflexionen genauso an, wie Beschreibungen von institutionellen Strategien zum Umgang mit der emotionalen Komponenten bibliothekarischer Arbeit oder übergreifende Texte. Die Form der Beiträge ist offen, beispielsweise wären neben Essays und Artikeln auch mehr künstlerische Beiträge wie Lyrik oder Bilder denkbar. Erfahrungsberichte sind ebenfalls sehr willkommen und können auf Wunsch auch anonym (oder unter Pseudonym) veröffentlicht werden.

Für Rückfragen oder die Diskussion von Ideen für Beiträge steht die Redaktion gerne zur Verfügung. Kontakt und Einreichungen gerne per Mail. Deadline ist der 30.04.2017.

Eure/Ihre Redaktion LIBREAS. Library Ideas

(Berlin, Chur, Dresden, Hannover, München)

Literatur

Alabi, Jaena: Racial Microaggressions in Academic Libraries: Results of a Survey of Minority and Non-minority Librarians. In: The Journal of Academic Librarianship 41 (2015) 1: 47-53 (http://aurora.auburn.edu/handle/11200/48541)

Eichhorn, Martin: Konflikt- und Gefahrensituationen in Bibliotheken: ein Leitfaden für die Praxis. (3. Auflage) Berlin: De Gruyter Saur, 2015

Gremmels, Gillian S.: Constance Mellon’s „Library Anxiety”: An Appreciation and a Critique. In: College & Research Libraries 76 (2015) 3: 268-275

Jan, Sajjad Ullah ; Anwar, Mumtaz Ali ; Warraich, Nosheen Fatima: Library Anxiety and Emotion Perception Among the Undergraduate Social Sciences Students: A Relationship Study. In: Behavioral & Social Sciences Librarian 35 (2016) 2: 52-63

Larrivee, Anne: Exploring the Stressors of New Librarians. In: Public Service Quarterly 10 (2014) 1: 1-10

Matteson, Miriam L. ; Chittock, Sharon ; Mease, David: In Their Own Words: Stories of Emotional Labor from the Library Workforce. In: Library Quarterly 85 (2015) 1: 85-105

Sloniowski, Lisa: Affective Labor, Resistance, and the Academic Librarian. In: Library Trends (Issue: Reconfiguring Race, Gender, and Sexuality) 64 (2016) 4: 645-666

 

— Edit 06.12.2016 —

Deadline ist in 2017, nicht wie anfänglich angegeben, in 2016. Selbstverständlich.

— Edit 07.12.2016 —

Einige Tipp- und Korrekturfehler behoben.

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2 Antworten

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  1. Lila said, on 6. Dezember 2016 at 14:57

    Deadline soll vermutlich eher 2017 sein, oder? 😉


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