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Die Bibliothek in der Literatur. Heute: In Hanns Cibulkas Swantow.

Posted in Die Bibliothek in der Literatur, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 29. Januar 2017

Ein Sonntagstext von Ben Kaden (@bkaden)

I

Im März 1989 schrieb jemand mit dem schönen nordischen Namen Olaf mutmaßlich im Uckermärkischen Templin – es findet sich die Abkürzung Tpl neben dem Datum – die erste Zeile eines der bekanntesten Lieder der DDR-Popmusik in einem schmalen Band aus der Kleinen Edition des Mitteldeutschen Verlags. „Einmal wissen dieses bleibt für immer“, popularisiert durch „Am Fenster“ der Band City, formuliert von Hildegard Maria Rauchfuß, erstveröffentlicht 1970 in dem heute schwer vergriffenen Band „Versuch es mit der kleinen Liebe“. Die Lyrikerin war bekannt für singbare und Singeklub taugliche Texte und durfte einmal gemeinsam im Auftrag des Rat des Bezirkes Leipzig mit dem Komponisten Peter Herrmann eine Kantate zu Ehren Karl Liebknechts erarbeiten. So war kurz vor ihrem Band eine Schallplatte der heute trotz Stiftung weitgehend versunkenen Schlagercombo Fred Frohberg und das Ensemble 67 mit einigen Vertonungen ihrer Texte durch die Presswerke von Amiga gegangen. „Versuch es mit der kleinen Liebe“ war beim Henschelverlag in der Kabarettabteilung untergekommen und wurde von Erika Baarmann illustriert. Im Jahr nach Erscheinen intonierte der Pionierchor Böhlen bei den 13. Arbeiterfestspielen zur Freude der Berichterstatterin des Neuen Deutschland „ein Loblied gleichsam auf die arbeitenden Menschen unserer Republik und das kostbare, verpflichtende Vertrauen der Kinder zu ihnen.“ (vgl. Pehlivanian, 1971) Die Amiga-Single von „Am Fenster“ erschien 1977, ergänzt um das zutiefst nostalgische Lied „Mein alter Freund“ und ebenso die westdeutsche Pressung bei Telefunken. Die Produktion von City war, wie auch bei ein paar anderen Gruppen, die bei der gefeierten Vorstellung von „Am Fenster“ auf der „Rhythmus 77“ im Berliner Palast der Republik aufspielten (und auch solchen die fernblieben – die Puhdys tourten gerade durch Bulgarien, dem Heimatland von City-Mitglied und Am-Fenster-Arrangeur Georgi Gogow.) buchstäblich ein Exportschlager auch ins nichtsozialistische Ausland. In Griechenland beispielsweise erreichte die Schallplatte den Status einer goldenen. Das lag nicht unbedingt nur am Text, sondern mutmaßlich weitaus mehr an der überaus stimmigen Komposition, die sich unmittelbar einprägt und zwar so, dass sie sofort erklingt, wenn man die Worte liest, hier handschriftlich in ein Exemplar der vierten Auflage von Hanns Cibulkas Swantow eingewidmet, direkt unter die Mottos, die Cibulka von Goethe und Hugo von Hofmannsthal für sein Buch wählte, was Hildegard Maria Rauchfuß sicher gefreut hätte.

Hanns Cibulka - Swantow - aufgeschlagen, mit Widmung

Einmal wissen – dieses ist für immer!? Nun ja. Für den Aufenthalt des Buches im Regal der beschenkten Person galt dies offenbar nicht. Aber vielleicht wird das Bild ja alsbald vom Crawler des Internet-Archives eingesammelt. Und dann ist zumindest die Erinnerung an die Verknüpfung von Olaf und Swantow für eine kleine digitale Ewigkeit archiviert. Für immer ist das auch nicht. Aber immerhin.

II

Dass dies möglich war, dass also das Buch des Absolventen der Berliner Bibliotheksschule und langjährigen Leiters der „Heinrich-Heine-Stadt- und Kreisbibliothek“ in Gotha 1982 überhaupte erscheinen konnte, war durchaus nicht selbstverständlich. Umweltpolitisch geprägte Literatur, noch dazu von einer derart boddenlandschaftlichen Melancholie, war nicht unbedingt etwas, was gut in die Hauptlinie der Literaturproduktion im Industrieland DDR passte, zumal wenn die Sorge um eine auch zukünftig belebbare Welt besonders durch die am anderen Boddenufer befindlichen Anlagen des VE Kombinat Kernkraftwerke ‚Bruno Leuschner‘ Greifswald einen besonderen Schub erhält. Die atomtechnische Industrialisierung, der Zukunft zugewandt mit unendlichen Produktivitätsversprechen, bricht in die Sommerhausidylle Rügens ein und in die Caspar-David-Friedrich-Erhabenheit aus Kreideweiß, Frühlingsgrün und Meeresblau. Ein, zwei Segelboote stören das Stubbenkammerspiel nicht. Wichtiger ist dagegen, wie sich der Mensch dort wie hier am Abgrund erkennt. Wie soll er sich positionieren? Friedrich ermalte in Öl drei Möglichkeiten, aber sein dem „Kreidefelsen auf Rügen“ nachgeschobenes Aquarell mit der gleichen Perspektive ist, um es so zu lesen, ein Herz im Winter, an Menschen leer. Der Blick geht weiter ohne sie.

In Swantow nun wird die Abgeschiedenheit der Ostseeinsel ganz und gar passend nicht etwa Gegenform sondern viel mehr Erkenntnisinstrument für die verkündete und angestrebte Modernität der Gegenwart, der Moderne, der Republik dann auch.

„Was wurde am Fuß dieser Felsen nicht alles schon angeschwemmt: Schiffsplanken, zerfetzte Segel, leere Fässer. Warum nicht auch ein paar tote Sirenen? Sie konnten mit dem Röhren der Dampfer nicht mithalten […]“ (Cibulka, 1982, S.131)

– erspürt der Protagonisten Andreas Flemming beim Tagesausflug auf den Königsstuhl. Ein paar Wochen zuvor hatte er sich in sein Sommertagebuch, das „Swantow“ ist, notiert: „Jod-129 Halbwertzeit 1,7 Millionen Jahr“(ebd. S.16) . Und dazwischen:

„Das archaische Landschaftsbild ist auch auf Rügen am Verblassen. Metallene Riesenvögel ziehen durch die Luft, Kampfhubschrauber fliegen in Kirchturmhöhe über das Land, vor der Küste liegen Zerstörer.“ (ebd. S.107)

Die doppelte Gefährdung in Krieg (ergo Militärtechnik) und Frieden (ergo Produktionstechnik). Manöverkultur der Volksarmee und Produktionsschub dank Kernenergie, das waren nun nicht gerade Felder, nach deren kritischer Bearbeitung sich die DDR-Kultur streckte. Cibulkas Flemming der Innerlichkeit, der Betrachtungen sammelnde, stille Dichter in der Sommerfrische ist daher auch dahingehend nachvollziehbar als passende Figur gewählt, um, am Ende scheinbar harmlos nur ein paar Gedichte hervorreflektierend, vorsichtig entsprechende Gedanken in den Literaturmarkt der DDR zu heben.

III

Swantow also. Das Haus in dem gleichnamigen Fischerdorf gehört seiner Begleiterin Liv, einer Krankenschwester im Umbruch. Beide sind nicht mehr jung („in der Lebensmitte“, ebd. S.24) , kein Paar und auf der Sinnsuche und ziemlich deutlich eine Kombination, die eher neben der Linie der Lebensideale der DDR-Gesellschaft liegt. Für Liv ist Swantow Kindheit. Das Haus gehörte ihren Großeltern, die Eltern sind auf dem Dorffriedhof begraben. Es gibt eine Krise, hauptsächlich, aber nicht nur, durch den Unfalltod ihres Lebenspartners ausgelöst. Sie überlebte, schwer verletzt. Es gab zwei Monate Klinik, „in Gips, ein Körper, der nur noch seiner Nahrung, seiner Verdauung nachging.“ (ebd. S.25). Schicksalsschlag, ja. Und zwar einer, der etwas öffnet, nämlich eine neue Sensibilität für die Schicksale anderer und für die Vergänglichkeit an sich. Da ist eine an Krebs sterbende Bäuerin aus der LPG ‚Roter Oktober‘, zum Beispiel.

„[F]ünfundfünzig Jahre war sie alt. Seit vier Wochen lag sie in einem Einzelzimmer und wartete auf den Tod.“ (ebd. S.67)

Liv, die Krankenschwester wartet mit, tut was sie kann und kann sehr wenig, außer sich die Lebenslinie aus Arbeit, Entbehrung und Aufopferung anzuhören, mitzunehmen, nicht mehr loszuwerden.

„Schwester, begreifen Sie das? Vor zehn Wochen, an einem Sonntag, sind wir noch mit unserer Brigade nach Weimar gefahren, da ging auch ich noch durch den Park, bis nach Belvedere, und jetzt komme ich kaum noch hoch. Wenn man darüber nachdenkt, könnte man wahnsinnig werden. Und nach einer Weile: Haben Sie jemals daran gedacht, daß in jeder Stadt so ein Krankenhaus steht, von außen so friedlich und still, doch in den Zimmern macht sich das Schicksal breit, hockt an den Betten. Ich weiß, was mit mir los ist, mich braucht keiner zu belügen.“ (ebd., S.68)

Unter diesen Umständen in der Klinik zu sein führt fast zwangsläufig in ein Abgleiten in das Existentielle. Und erstaunlicherweise gerät in diesem Fall zugleich ein Bezug zum Bibliothekswesen – der einzige im Buch – in die Aufzeichnungen des Andreas Flemming, denn die Todkranke schaut auf die Zirkularität ihrer jahrelangen Alltage und fragt sich:

„War das Leben nicht allzuoft das gleiche, was hat sich da nicht alles wiederholt? Wie auf einem Karussell, wie auf einer Schaukel, immer auf und ab. Einmal im Jahr konnte ich aufatmen, das war im Urlaub, achtzehn Tage, und dann begann alles wieder von vorn, und jetzt, da mich die Krankheit niederwirft, ist es für viele Dinge zu spät. Trotzdem, ich habe viel gelesen. Jeden Monat holte ich mir aus der Gemeindebibliothek zwei Bücher, immer nur zwei, aber regelmäßig. Schöne Bücher haben sie dort. Kennen sie ‚Effi Briest‘, ‚Vater Goriot, dem ‚Untertan‘?“ (ebd., S.71)

IV

Fontane, Balzac, Heinrich Mann – ob Cibulka die drei Titel und Autoren bewusst wählte oder sie als Repräsentanten des in der DDR und in den Bibliotheken der DDR üblichen Literaturkanons wählte, ist schwer zu beantworten. Zu Effi Briest ließe sich vielleicht die Kette der Pflicht und den Zwang der Gesellschaft spannen, aber zwingend ergibt sich da nichts zur skizzierten Biografie der sinn- oder Alltagsbruch suchenden Gemeindebibliotheksnutzerin und auch nicht zu Liv. Interessant ist jedoch, welche Rolle die Bibliothek als Lieferantin von Fluchtpunkten für die in Routinen und Pflichten Gefangene zu spielen scheint. Der monatliche Gang zur Bibliothek komplementiert den Urlaub, ist ein Fenster zum Anderen, das es ja auch gibt, und sichert einen so viel offeneren Erfahrungsraum neben den langen Werktagen in der LPG. Aus dieser Perspektive ist die Titelauswahl durchaus nachvollziehbar und bei einem Bibliotheksleiter mutmaßlich auch aus der Wirklichkeit geschöpft. Zugleich wird hier ein Indiz für den Topos des „Leseland DDR“ ausgestreut. Es wird seine Gründe gegeben haben, dass beispielsweise ein Beitrag in der Berliner Zeitung vom 10. Januar 1980 unter der Überschrift „Höhere Produktivität und bessere Arbeitsbedingungen“ (dort S.3) und zwar in der VEB Baumwollspinnerei und -zwirnerei Leinefelde ausdrücklich auf das Vorhandensein einer Werksbibliothek mit „über 15.000 Büchern“ hinweist. Die Bibliothek zu den Werktätigen zu bringen war durchaus ein kulturpolitische Herzensangelegenheit der DDR. Und wo es keine Werksbibliothek gab, übernahm gern die Gemeindebibliothek diese Aufgabe.

Nicht im Buch und überhaupt seltener in der Literatur findet sich die zweite Ebene des Bibliothekswesens, nämlich seine Rolle im Dienst des wissenschaftlich-technischen Fortschritts. Das Berliner Institut, an dem offenbar auch Cibulka studiert hatte, besaß immerhin seit 1966 einen Schwerpunkt „gesellschaftswissenschaftliche Information und Dokumentation“ und den Namen Institut für Bibliothekswissenschaft und wissenschaftliche Information. Aber öffentliche Bibliothek auf der einen und Fachbibliothek und Dokumentation der anderen fanden wenigstens vor dem Hintergrund der Swantower Handlung nur wenig zueinander.

Andererseits scheint es jedoch nicht abseitig, Kenntnisse der Informations- bzw. Dokumentationswissenschaft in Cibulkas Wahrnehmungsradius zu vermuten. Denn im Buch gelangt die Idee der Verdopplungsrate des Wissens auch nach Swantow und zugleich in resignierte Kritik:

„Wie oft hat man uns schon gesagt, daß sich das Wissen in den letzten dreißig Jahren verdoppelt, daß es sich auf verschiedenen Gebieten verzehnfacht habe. Was aber haben wir mit diesem Wissen angefangen? Haben wir an unserer inneren Front Waffenstillstand geschlossen?“ (S.81)

Wir müssen uns Andreas Flemming als jemanden vorstellen, der auch hin und wieder in der URANIA liest, was übrigens auch nicht ungewöhnlich war, denn so mancher Haushalt der DDR hatte sowohl die neue deutsche literatur (ndl) und die für ihrer Infografiken (von Georg Seyler, „Linkshänder, Urberliner„, berühmte Monatsschrift über Natur und Gesellschaft subskribiert und vielleicht als Brücke noch die Deutsche Zeitschrift für Philosophie, in der sich durchaus auch Arbeiten zur Informationstheorie(diskussion) fanden. Der Philosoph und Kybernetiker Heinz Liebscher wusste beispielsweise in einem Aufsatz Zur philosophischen Diskussion um die Information zu berichten:

„So erklärte z.B. E. Forth in einer Diskussion auf dem Kühlungsborner Kolloquium zur Information von 1974, daß der Informationsbegriff so viele, zum Teil widersprüchliche Inhalte angenommen habe, daß man sich fragen müsse, ob er überhaupt noch verwendbar sei.“

Eine verbindliche und definitive Antwort, wie man aus wissenschaftlicher Sicht präzise mit dem Begriff umzugehen habe, gibt es bis heute nicht, auch wenn die am Berliner Institut für Bibliothekswissenschaft lange prägende Konfliktlinie zwischen den Professoren Walther Umstätter und Rainer Kuhlen in dieser Sache mittlerweile keinen Spitzenplatz mehr in den einschlägigen Fachdiskussionen zu beanspruchen scheint.

V

Der Blick in die alten Zeitschriften hilft zumindest ein wenig, um den möglichen intellektuellen Rahmen der DDR in den 1980er Jahren nachvollziehen zu können. Zur Dialektik des Vergesellschaftungsprozesses in der sozialistischen Industrie der DDR (Hans-Joachim Braun und Erhard Döschel, Heft 8-9/1984 der Zeitschrift für Philosophie, DOI: 10.1524/dzph.1984.32.89.737) oder Berufsethos des Ingenieurs – Triebkraft humaner Gestaltung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts im Sozialismus (Helmar Hegewald, Heft 5/1984, DOI: 10.1524/dzph.1984.32.5.437) lagen auf dem Schreibtisch, während in an westlichen Fachinstituten Das postmoderne Wissen, La carte postale oder Der philosophische Diskurs der Moderne Seminarstoff wurden. Aber das ist ein anderes Thema. Für eine Rezeptionsgeschichte von Swantow sind einzig die beiden Erwähnungen interessant, die es in der Zeitschrift gab. So beschreibt Günther K. Lehmann in seinem Aufsatz Der wissenschaftlich-technische Fortschritt und die Kunst. Die „Entkunstung der Kunst“ und ihre philosophischen Hintergründe nicht nur, wie „Propheten der Videotechnik, allen voran Marshall McLuhan, die Unterwerfung der Jugend unter die Diktatur der monopolistisch gesteuerten Medienindustrie [betreiben]“, sondern stellt auch angesichts der fortschreitenden Informatisierung für das Kunstschaffen fest:

„[M]ancher Künstler [befürchtet] das Ende der ästhetischen und personalen Unmittelbarkeit, sobald der Monitor zur Schaltzentrale der geistig-kulturellen Kommunikation geworden ist. Die Informatik scheint dem „magischen Zauber“ der Kunstsprache, ihrer Suggestivität und Faszination abträglich zu sein, die nüchterne Datenübertragung per Computer die Musen und die reflektive Besinnung zu verdrängen.“

und setzt eine Fußnote auf Swantow, die sich aber bei nochmaliger Lektüre eher auf eine weiter davor befindliche Passage im Aufsatz zu beziehen scheint. Dort erörtert der Philosoph aus Karl-Marx-Stadt:

„Dennoch läßt sich konstatieren, daß in künstlerischen Stellungnahmen häufiger die Risiken des wissenschaftlich-technischen Fortschritts bedacht werden als die Chancen. Das reicht von den Gefahren für die Natur, über den ästhetischen Wertverlust durch serielle Massenproduktion bis zum nuklearen Untergang der Menschheit. Die globale Situation wird teils als „Verstrickung“ des Menschen (Laokoon-Metapher), teils als historische Verirrung beschrieben, deren unheilvolle Folgen geweissagt werden (Kassandra-Legende).“ (ebd.)

Auf Seite 72 von Cibulkas Buch, Ziel der Fußnote Lehmanns, findet sich allerdings weder das eine noch das andere sondern eine Betrachtung über die Einsamkeit der Sterbenden, zumal wenn die Kinder im nichtsozialistischen Ausland wohnen bzw. im sozialistischen auf Montage sind. Die beschriebene einer mehr auf das Risiko als auf die Chancen gerichteten Betrachtung des „wissenschaftlich-technischen Fortschritts“ ist zweifelsohne die Grundmelodie von Swantow. Ansonsten versucht sich Lehmann nicht mit einer weiteren Auseinandersetzung und führt seinen Aufsatz über die übliche marxistische Schleife zur „weltanschauliche[n] Überzeugung […], daß die Kunst nicht im Widerstand gegen die „Technik“, sondern im Bündnis mit dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt ihre Unentbehrlichkeit behauptet.“ (ebd.)

Die Notwendigkeit dieses Zusammenfließens sieht denn auch Gregor Schirmer in seinem Aufsatz Wissenschaftlich-technischer und geistig-kultureller Fortschritt, wenn auch von einem anderen Steg ablegend:

„Wir brauchen auch in dieser Sphäre [=die „Lebensweise der Menschen außerhalb der Berufstätigkeit“] nicht weniger Technik‘ zugunsten von Muße, ursprünglicher Natürlichkeit und Schöngeistigkeit, sondern hochwertige, der sozialistischen Persönlichkeit angemessene Technik und ein souveränes Verhältnis des Menschen zu ihr. Der wissenschaftlich-technische Fortschritt braucht Menschen mit musischem Empfinden, ästhetischem Geschmack und künstlerischer Genußfähigkeit. Hanns Cibulka läßt in „Swantow“ seinen Andreas Flemming fragen: „Wäre es denkbar, daß der Mensch eines Tages nur noch die abstrakte Sprache der Wissenschaft versteht, das bezifferte Programm, und nicht mehr die Sprache der Poesie?“ Nein, das ist nicht unser Ziel. Die Werktätigen in der DDR bewerten aufgrund ihrer sozialen Erfahrung den wissenschaftlich-technischen Fortschritt positiv.“

Immerhin steht hier die Prämisse, dass sich die Technik dem Menschen und seinen kulturellen Bedürfnissen anpassen sollte, was, wie der letzte Satz des Zitats zum Leuchten bringt, in der DDR unbedingt gegeben ist. Kunst und Poesie, so könnte man zusammenfassen, bleiben in der Lebenswelt des aufgeschlossenen sozialistischen Menschen dann willkommener Teil des Kulturlebens, wenn sie die zentrale und wachsende Rolle der Wissenschaft und Technik affirmieren und sich mit diesen beiden mehr oder minder heterarchisch zu einer kulturellen Dreiheit verbinden. „Wir können – wie Kurt Hager sagte – weder auf die Entdeckungen der Wissenschaften noch auf die Entdeckungen der Künste verzichten.“(Schirmer) Wer will dem schon widersprechen? Man spürt das schulterklopfende Warum so nachdenklich, warum diese Trübsal? dem Literaten gegenüber fast auf der eigenen, wenn man sich heute durch die marxistische Fortschrittsphilosophie dieser Jahre blättert. Den Kern des Buches und dessen, was Cibulka umtrieb, um es zu schreiben, dürfte man damit aber verfehlt wissen.

VI

Vor dem Zeithorizont zeigt es sich als Endpunkt einer Ernüchterungskurve auch des Hanns Cibulka gegenüber der sich ent- und dann wieder einfaltenden Idee der sozialistischen Industriegesellschaft, jedenfalls wenn man seinen „Ruf an die Dichter“ aus dem Jahr 1951 neben Swantow legt, in dem er an die Macht des literarischen Wortes appelliert:

„Kämpfer der Feder ,/ Wacht auf! / Es gilt in eine bessere Zukunft / einzugehen. / Ihr alle seid heute / den stählernen Bajonetten / gleichgesetzt.“ (Berliner Zeitung, Fr. 23. Februar 1951, S.3)

Es gab also eine Zeit, in der war Kunst nicht nur gleichauf mit der Wissenschaft zu sehen, sondern auch mit Stichwaffen, solange sie nur Mittel des richtigen Zweckes („die bessere Zukunft“!) sind. Die Dichtung so hilflos als Fortsetzung der Revolution mit anderen Mitteln zu propagieren, hätte es beim Druckgenehmigungsverfahren in den 1980ern der DDR sicher auch nicht mehr leicht gehabt. Swantow näherte sich gewissermaßen von der anderen Seite an das Problem. Die oben zitierten Rezeptionsspuren in der akademischen Philosophie der DDR nehmen vorweg, was den Genehmigungsvorgang des Buches prägte: Wie skeptisch darf man, wie euphorisch muss man sein gegenüber dem wissenschaftlich-technischen Avancieren der ambitionierten Republik, wenn man darüber Schriftstellen möchte?

Die literarischen Gutachter Gerhard Wolf und Wulf Kirsten oder auch Helga Duty, Cheflektorin des Mitteldeutschen Verlags, sahen im Manuskript das Potential einer erheblichen Bereicherung der Literaturlandschaft und zwar aus mehreren Perspektiven. Durch das Schriftsteller-Alter-Ego Andreas Flemming, dessen persönliches Swantower Ziel ein Zyklus von Gedichten über die Bedrohung der Menschheit ist, eröffnet sich erstens eine tiefe Exploration der Möglichkeiten, der Verantwortung und den Sinn des Schreibens, der Literatur und der Poesie in der Gegenwart des letzten Viertels des 20. Jahrhunderts. Mit der Krankenschwester Liv, die ihre Stelle als Krankenschwester nach Verlusterfahrungen und konkret einem Konflikt mit ihrem Vorgesetzten aufgibt, erkundet das Buch, zweitens, die Selbstzweifel einer engagierten („zweifacher Aktivist der sozialistischen Arbeit“) und doch nicht komplett auf Linie und zwar auch der leitbildgebenden Vorstellung von „Wissenschaftlichkeit“ (in der Medizin) liegenden Frau in der sozialistischen Gesellschaft. Vor dem Sterben, so die Empirie der Liv, stolpern die exakten Wissenschaften. Der ihr vorgesetzte Chefarzt sah dies anders und angesichts des Konfliktes vermerkt Andreas Flemming: „Ich kenne keine menschliche Gesellschaft, in der nicht auch Elemente der Despotie vorhanden sind.“ (S.125) – eine sicher zutreffende, im Selbstbild der sozialistischen Gesellschaft der DDR aber sicher auch höchst unangenehme Wahrheit.

Die dritte Perspektive ist die der Gefährdung von Mensch, Natur und Erde durch vermeintlich unvermeidliche Entwicklungszwänge in Naturwissenschaft und Technik und insbesondere die aufkommende Kernenergiewirtschaft, welche eben auch die sich in Rügen, Swantow und sogar im Sommerhaus in Form eines Wespennestes noch halbwegs pur zu erspürende Natur mit potentieller Vernichtung bedroht. Der Mensch, so scheint es, ist naiver Zauberlehrling und rührt an Dingen, die er im Ernstfall nicht mehr kontrollieren können wird und die zur übermächtigen Bedrohung taugen. Tschernobyl sollte bald kommen.

Der Gutachter Horst Paucke vom Institut für Soziologie und Sozialpolitik der Akademie der Wissenschaften der DDR mochte dieses Anbranden von Zweifeln nicht so stehen lassen. Im Prinzip warf er Cibulka wissenschaftliche Naivität vor, ritt also der kritischen Rezeption des Buches in der DDR-Wissenschaft auf erwartbarem Pfad voraus. Er betonte, dass der Energiebedarf der Menschheit zukünftig nur mittels Kernergie zu decken sein wird und dass daher mögliche Risiken und offene Herausforderungen beispielsweise der Endlagerung keineswegs zu Pessimismus führen dürften. „Inzwischen ist es allgemeine Auffassung der Wissenschaft aller Länder, daß es trotz großer Anstrengungen […] nicht möglich sein wird, die sogenannten reproduzierbaren Energiequellen (Gezeiten-, Wind-, Sonnen- und geothermische Entegie) im großen Maßstab einzusetzen.“ – so der Akademieexperte am 29. April 1981 in seiner Verteidigung der Atomkraft.

Und: „Auf sie [die Kernenergie] zu verzichten, würde unweigerlich zu einer starken Bremsung der Energieproduktion mit all ihren Folgen für die weitere Entwicklung der Weltzivilisation führen.“ (vgl. Neumann, S.217ff) Während Paucke anerkennt, dass er als Wissenschaftler keineswegs weiß, wie man Literatur über Kernenergie überzeugend schreibt, betont er die Gefahr, dass allzu kritische Literatur Gefühle und Vorurteile gegenüber der Kernkraft auslöst, die wissenschaftlich nicht haltbar sind. Auch das, nämlich ein Übermaß an Sorge, ist eine Gefahr, zwar nicht für die Menschheit, aber für die Fortschrittsplanung der DDR-Wirtschaft und -Gesellschaft.

Nachdem der Verlagsleiter des Mitteldeutschen Verlages, Eberhard Günther, quasi per Einzelbetreuung eine – sehr umfassende – Überarbeitung des Manuskriptes anregen konnte und der neue Fassung von zwei weiteren sehr kritischen Gutachten ein gewisser Mangel an originellen Positionen bescheinigt wurde, sie aber dennoch zur Drucklegung empfohlen wurde, erschien das Buch und wurde umgehend ein Bestseller (20.000 verkaufte Exemplare in drei Tagen) und offenbar auch kontroverser Diskussionsgegenstand. Im Kulturministerium ahnte man so etwas vermutlich, weshalb Klaus Höpcke als für Literatur veranwortlicher stellvertrender Minister den schmalen Band in der Sinn und Form auf nicht weniger dreizehn Seiten per Rezension einordnete und recht geschickt herausarbeitete, warum umweltpolitische Aspekte ein wichtiges Thema für die Literatur der DDR sind, andererseits aber zur Kritik an der Kernkraft die nötige Distanz hielt und sich weitgehend der Unvermeidlichkeitsposition des Gutachters Paucke anschloss. Der Fall Swantow ist demnach in mehrfacher Hinsicht ein lehrreiches Stück über die diskursive Navigationskultur in diesen Gewässern. Dazu passt, dass das Buch ein Erfolg neben der kulturpolitische Leitspur wurde, hauptsächlich gefördert durch informelle Hinweise und Veranstaltungen im Schutzraum den die Kirche der Umweltbewegung gab. Dass ein Umweltbewusstsein im Entstehen war, Cibulka mit Swantow also in Teilen der DDR-Bevölkerung existierende Wahrnehmungen auffing und damit greifbar machte, mag zur Publikation beigetragen haben. Lesungen in Bibliotheken fanden aber nicht statt. Über die Verbreitung in Bibliotheksbeständen kann man heute naturgemäß nur mutmaßen. Der Katalog des KOBV weist aktuell noch eine Reihe Exemplare nach. Im Jahr 1988 erschien die polnische Übersetzung durch  Eugeniusz Wachowiak in einer Auflage von immerhin 10.000 Exemplaren. Die vierte Auflage des Mitteldeutschen Verlags erschien 1989. Heute bekommt man das Buch nur noch antiquarisch.

(Berlin, 29.01.2017)

Quellen:

Han[n]s Cibulka: Ruf an die Dichter. Berliner Zeitung, Fr. 23. Februar 1951, S.3

Hanns Cibulka: Swantow. Die Aufzeichnung des Andreas Flemming. Halle, Leipzig: Mitteldeutscher Verlag, 1982

Günther K. Lehmann: Der wissenschaftlich-technische Fortschritt und die Kunst. Die „Entkunstung der Kunst“ und ihre philosophischen Hintergründe. In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 2/1987, DOI: 10.1524/dzph.1987.35.2.134,

Heinz Liebscher: Zur philosophischen Diskussion um die Information. In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 12/1984, DOI: 10.1524/dzph.1984.32.12.1068,

Helga Neumann, Manfred Neumann: Der lange Schatten des Chefideologen. DDR-Schriftsteller und Zensur. Würzburg: Könighausen & Neumann, 2016

Christa Pehlivanian: Herz des Volkes – die Partei. In: Neues Deutschland, So. 6. Juni 1971, Seite 3

Georg Schirmer: Wissenschaftlich-technischer und geistig-kultureller Fortschritt. In: Zeitschrift für Deutsche Philosophie, 1/1986, DOI:10.1524/dzph.1986.34.1.1

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