LIBREAS.Library Ideas

So etwas wie eine Nummer eines besseren Design-Magazins, über Bibliotheken

Posted in LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 3. November 2016

von Karsten Schuldt

Zu: Maria Inês Cruz ; Lozana Rossenova (edit.) / Bookspace. Collected Essays on Libraries. London: Inland Editions, 2015

Dieses Buch ist das Ergebnis einer Kickstarter-Kampagne und offenbar des Interesses der beiden Herausgeberinnen an Bibliotheken im Allgemeinen. Dabei sind die beiden eher in Design und der Architektur verankert, als im Bibliothekswesen. Das sieht man dem Buch auch an, es ist extra ‒ sehr zurückhaltend ‒ von einem Buchdesigner (Øystein Arbo) gestaltet. Es wirkt eher wie ein Heft eines Literatur- oder Designmagazins denn wie ein Buch. Es ist auch erst das aktuell zweite Buch des Verlages. Insoweit scheint hier viel Interesse und Engagement drin zu stecken. (Und schon deshalb sollte das Buch unterstützt werden.) Ich selber habe es auch nicht in einer Bibliothek oder einer wissenschaftlichen Buchhandlung gefunden, sondern in einem auf kleine Verlage und Design spezialisierten Laden in Bern.

 

Gleichwohl: Es geht ganz explizit um Bibliotheken. Die Motivation dazu ist nicht ganz klar. Im Vorwort schreiben die beiden Herausgeberinnen davon, dass Bibliotheken sich einerseits entwickeln und positiv angesehen werden, andererseits ihr Etat ständig zusammengestrichen wird und sie deshalb in die News kommen. Das scheint ein sehr britischer Blick zu sein. Aus diesen Äusserungen folgt offenbar ein Interesse an Bibliotheken als Symbol, Architektur, aber auch als Raum, an ihrer Vergangenheit und Zukunft ‒ und das nicht nur in Grossbritannien, sondern auch in Kairo, New York und im restlichen Europa. Dabei ist das Buch sehr dünn (140 Seiten, fast A5). Deshalb ist einen solche Bandbreite an Themen nur sehr oberflächlich zu behandeln.

img_4563

Dies geschieht in relativ kurzen Beiträgen, die sich inhaltlich und formal sehr unterscheiden: Eine Photostrecke, ein Interview, zwei Beiträge zur Bibliotheksarchitektur (einer historisch angelegt, einer konkret auf ein Gebäude bezoge), zwei Texte, die tatsächlich als eher mäandernde Essays beschrieben werden können. Das alles, wie gesagt, schön gestaltet. Aber es hinterlässt eher den Eindruck ‒ wie im Titel dieses Beitrags schon gesagt ‒ eines Design-und-Architektur-Magazins (eines mit sozialem Gewissen und gesellschaftlichen Anspruch, aber trotzdem dem Fokus auf Design und Architektur), dass eine Schwerpunktnummer zu Bibliotheken macht, als den einer Monographie. Der Grossteil der Autorinnen und Autoren sind auch in Design und Architektur tätig, ein Interview wurde mit einem Verantwortlichen für Londoner Bibliotheken geführt, ein Bericht über Bibliotheken in Kairo von einer freelance cultural writer. Die ganzen Themen und Herangehensweisen sind sehr bunt und stehen unvermittelt nebeneinander.

David Pearson beschreibt als Bibliotheksverantwortlicher z.B. seinen Sicht auf die Entwicklungen im britischen Bibliothekswesen (die jetzt nicht so spannend neu sind: Mehr community, mehr social space, weniger Bücher, aber immer noch Bücher); Julius Motel liefert eine Bilderstrecke aus der Hauptfiliale der New York Public Library, Heba El-Sherif stellt den Stillstand in Kairos Bibliotheken, der nach den turbulent Zeiten nach der 25. Januar Revolution kam, dar, João Torres präsentiert die Architektur der neuen Zentralbibliothek in Lissabon. Interessant sind vor allem zwei Texte: Der von Jorge Reis, welcher die These aufstellt, dass die heutigen Bibliotheken als Bauten weiterhin Ideen aus der Romantik folgen (nämlich dem Ziel eines Exils/Raumes ausserhalb der Welt, der Betonung von Licht, insbesondere natürlichen Lichts, und dessen Führung sowie der Vorstellung vom endlosen Wissen, dass nie gesamthaft erfasst werden könnte). Und der kurze Verriss aktueller Hochschulbibliotheken von Tom Vandepuute, welcher sie als “neoliberale Bibliotheken” beschreibt, die einerseits von einem unnötigen Drängen nach Produktivität und Effektivität (deshalb gibt es seiner Meinung nach die Bibliothekscafés, obwohl früher Bibliotheken und Cafés zwei unterschiedliche Räume des Lernens gewesen wären ‒ aber halt Bibliotheken so keine Mieteinnahmen reingebracht hätten), bei gleichzeitig verstärkten Machtbeziehungen (z.B. wieder mehr sichtbare Regeln, an bestimmten Orten ruhig sein zu müssen). Dieser Text mäandert, wie schon gesagt; beschreibt dann noch die Tendenz von heutigen Nutzerinnen und Nutzern, sich innerhalb der Bibliothek in quasi-private Sphären (Kopfhörer) abzugrenzen, kommt aber nicht genau zu einem Punkt.

 

Das Buch hinterlässt einen leichten, verspielten Eindruck. Ob es wirklich einen längeren Einfluss haben kann, ist nicht so richtig klar. Aber, wie halt Design-Magazin mit sozialerem Anspruch: es eignet sich sehr gut als Lesestoff für einen freien Nachmittag.

Eine Antwort

Subscribe to comments with RSS.

  1. Walther Umstaetter said, on 28. November 2016 at 11:44

    Könnte es sein, dass die Autoren auch dieses Büchleins nach einer tragfähigen Zukunft für das Bibliothekswesen, als Raum für gedruckte Bücher suchen, aber keine wirklich brauchbare Perspektive haben?


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: