LIBREAS.Library Ideas

Die Entdeckung des „Faselns“. Der Stroemfeld-Verlag sieht sich über dem Diskurs.

Posted in LIBREAS.Debatte by Ben on 7. November 2016

Ein Stimmungsbild von Ben Kaden (@bkaden)

Mitunter nimmt Diskurs auf Twitter wundersame Wendungen. Nachdem es vor zwei Wochen im Anschluss an die #Siggenthesen viel zu diskutieren und klarzustellen gab angesichts des Vorwurfs, diese würden einzig altbekannte und selbstverständliche Banalitäten zu Open Access und der Entwicklung des digitalen Publizierens neu aufgegossen anbieten (vgl. auch hier), donnerte am Freitag eher unerwartet der Twitter-Account des Stroemfeld-Verlages sowie dessen Lektors Alexander Losse hochengagiert und mit aller verfügbaren Überheblichkeit los, um augenscheinlich noch vor dem Wochenende ein wenig Dampf abzulassen. Das wäre nicht weiter problematisch, wenngleich in dieser Form und diesem Rahmen unangemessen, gäbe es im Gepäck der Sticheleien des Verlags-Twitterers vom Dienst, wenigstens einen Aspekt, der über Frust und Trollerei hinauswiese.

Hinausgewiesen soll freilich offenbar jeder werden, der im digitalen Publizieren und der Idee des Open Access nicht gleich und vollumfänglich den Tod des Buches sieht. Das ausdrücklich betonte Interesse an der Meinung des Anderen wird nicht nur nicht ernstgenommen. Vielmehr versucht man sich daran, es lächerlich zu machen. Das kann man machen. Aber es strahlt nicht gerade sonderlich weit.

Zugleich bleibt noch immer völlig unersichtlich, warum ausgerechnet der Stroemfeld Verlag in seiner Existenz bedroht sei, wenn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Disziplinen, die völlig jenseits seines Schwerpunkts publizieren, gern die digitale Open-Access-Variante wählen wollen und zugleich sinnvollerweise aus der Wissenschaft heraus für diese Publikationsform Strukturen geschaffen werden.

Ebenfalls unverständlich bleibt mir, warum der einflussreiche Verlag, dessen Zentralautor ja bekanntlich beliebig viel Platz zur Verkündung seiner Sicht der Dinge von der FAZ eingeräumt bekommt, ausgerechnet auf denjenigen losprügelt, der sich regelmäßig daran versucht, etwas aus dem rhetorischen Überschwang über eine drohende „DDR 5.0“ herauszuziehen, was sich für eine Diskussion eignet. Dass die Texte des Roland Reuss in meinem Umfeld nur Kopfschütteln ernten, liegt nicht unbedingt daran, dass hier jede/r Open Access für das allein glückselig machende Mittel der wissenschaftlichen Kommunikation hält. Sondern daran, dass er wie jemand wirkt, der zutiefst getrieben ist, etwas von der Kanzel zu predigen, jedoch immer wieder nur in die Bütt steigt. Nur eine Drehung weiter, so scheint es oft, und er ist an dieser Stelle. Wir wissen nicht, was ihn treibt, sehen aber, das Kleinkunstrhetorik niemandem etwas nützt. Das ist meines Erachtens das einzige reale Problem in dieser Angelegenheit. Umso bedauerlicher ist es, wenn der Stroemfeld-Twitter nun mitjonglieren möchte. Das Kafka-Zitat wird zum Diabolo. So schön, so billig.

Im übrigen vertrete ich in der eigentlichen Sache seit je wie jede/r, der/die über Open Access reflektiert hat, die Auffassung, dass das Verfahren nicht für alle Fachgemeinschaften gleichermaßen das Mittel der Wahl sein kann und daher pauschale und disziplinäre Besonderheiten ignorierende Verordnungen nicht das Mittel der Wahl sein können.

Ich finde es obendrein sogar sehr schön, dass es auch Kleinverlage wie Stroemfeld gibt und habe die Regale daheim eher zu voll mit dem, was manchmal etwas großspurig als „das gute Buch“ bezeichnet wird. Ob dieses geschätzt wird oder nicht, hat reichlich wenig mit Digitalisierung und Open Access zu tun. Peter Kurzeck verkauft sich sicher exzellent (jedenfalls in meiner Peer Group) und völlig unbeeindruckt von Repositorien und digitalen Semesterapparaten. Die Zeitschrift Text. Kritische Beiträge wird nach wie vor Dutzenden Bibliotheken subskribiert und ist aller Erwartung nach Lichtjahre davon entfernt, zum e-Journal zu werden. Ob Stroemfeld überlebt oder nicht, zeigt sich, so jedenfalls mein Verständnis, eher auf dem Buchmarkt und in betriebswirtschaftlicher Kompetenz und nicht mittelbar an einem Projekt zu den Möglichkeiten digitalen Publizierens für die Geisteswissenschaften. Dies er- und bekannte übrigens auch etwas öffentlich, was eigentlich die Aufrichtigkeit des Dialogangebotes alle, die die Entwicklung mit Sorge betrachtet, unterstreicht:

Entscheidend ist eine bewusste, idealerweise systematisierte und übergreifend diskursive Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten, Grenzen und Folgen digitaler Publikationsmöglichkeiten in Rückbindung an konkret feststellbare Bedarfe der Publizierenden.

Warum wir so etwas nicht nur allgemein sondern auch der DFG gegenüber vorheucheln sollten, bleibt ein Rätsel der Fantasie der Stroemfelder Sicht.

Mir bleibt auch nach langer Beschäftigung mit dem digitalen Publizieren in der Wissenschaft, nur festzustellen, dass in den Geisteswissenschaften beide Welten heute völlig gleichberechtigt nebeneinander stehen, etwas, das ich sehr begrüße. Und sicher ist, dass wirklich niemand dem Stroemfeld Verlag den Untergang wünscht.

Möglicherweise bin ich daher besonders motiviert, erfahren zu wollen, wieso der Kummerbund des Frankfurter Verlagshauses offenbar so sehr drückt, dass es mich ohne Rücksprache öffentlich bloßzustellen und meine Position als nicht diskursfähig abzuwerten versucht. Es wird mir zunächst ohne Not ein Interessenkonflikt angedichtet, dann Böswilligkeit unterstellt und schließlich vorsätzliche Lüge und Heuchelei vorgeworfen.

Irgendwann nimmt man so etwas vielleicht sogar persönlich und staunt zugleich, wie amateurhaft hier ein angesehner Verlag ein öffentliches Medium benutzt und sich zugleich noch ein paar Namen herausschleudert, die einzig Distinktion in einer Weise aufbauen kann, wie man es eigentlich nur aus vergangenen Tagen vom Kleinbürgerbücherbord kennt. Für den öffentlichen Auftritt eines Verlags wie Stroemfeld ist das aus meinem Verständnis heraus schon geradezu tragisch und auch der Rest des Kommunikationsmanagements in diesem Fall überraschend plump.

Da den zugleich Trolligkeiten des Twitter-Verantwortlichen satt und zugleich gewillt, zu keiner weiteren Eskalation beizutragen, entschloss ich mich am Freitagabend per E-Mail höflich darauf hinzuweisen, dass mir das Ganze etwas unwürdig erscheint. Darüber hat man in der Holzhausenstraße offenbar herzlich gelacht. Und  es folgendermaßen kommentiert:

Twitterkommunikation des Stroemfeld Verlags

Die Botschaft der Twitterkommunikation des Stroemfeld Verlags: Du lügst. Deine Stimme zählt nicht. So reden im Normalfall Leute, die ganz viel von dem durchschauen, worüber man nicht reden darf.

Wer „faseln“ sagt, meint leider „Halt das Maul!“

Meinen Brief an den Verlag veröffentliche ich der Vollständigkeit halber nachstehend mit einigermaßen Fassungslosigkeit darüber, mit welcher Arroganz ein durchaus angesehener Verlag seinen offensichtlichen Hass auf eine Welt, die ganz und gar nichts mit seiner zu tun hat, durch Twitter hinaus ventiliert. Das nun wirklich wiederholte Angebots eines Dialogs, dessen Zweck andere Verleger problemlos verstehen, wird von wem auch immer mit Zugangsrechten zum @stroemfeld-Twitter mit einer trüben Selbstüberhöhung abgekanzelt, die, so muss man es leider sagen, unter allem Niveau ist.  So streut man Gift in die Debatte und disqualifiziert sich im Prinzip selbst. Aber den Köder schlucke ich natürlich nicht. Ich werde auch weiter selbst in den dadaistischsten Verlautbarungen aus Heidelberg und Frankfurt kein zynisches Kalkül sondern höchstens in der Argumentation sehen und höchst wohlwollend schauen, ob sich etwas zur Sache entdecken lässt.

Dennoch bleibt unverständlich, warum sich der Verlag derart grotesk entblösst. Die Siggenthese #4

Der Streit um Open Access ist kein Streit um technische Formate, sondern um Status und verschwindende Disziplinengrenzen. #Siggenthesen #4

könnte einen Erklärung andeuten. Aber genauer wird man die Ängste der Stroemfelds und vielleicht noch einiger anderer erst verstehen, wenn sich deren Vertreter dazu herablassen, etwas Substantielles zur Debatte beizutragen. Der Kommentarbereich dieses Weblogs steht dafür gern zur Verfügung.

Dokumentation der E-Mail an KD Wolff und Rudi Deuble vom 04. November 2016

Sehr geehrter Herr Wolff, sehr geehrter Herr Deuble,

ich schreibe Ihnen kurz, weil ich Ihre Arbeit seit langem mit großem Respekt und hin und wieder auch per Erwerb des einen oder anderen Titels aus Ihrem Programm verfolge. Gerade deshalb ist es mir wichtig, Sie darauf hinzuweisen, dass es auf Außenstehende nicht sonderlich souverän wirkt, wenn der offizielle Twitter-Account des Verlages und der private Account Ihres Lektors gleichermaßen öffentlich über eine Privatperson, also mich, verbreiten, dass sie ein Lügner und ein Heuchler sei, vgl. https://twitter.com/Stroemfeld/status/794482789747949569

Twitter ist ein offenes und informelleres Medium und eine seiner großen Stärken liegt in der schnellen und ungezwungenen Möglichkeit zur Diskussion. Ich nehme das gern an. Die Grenze verläuft wenigstens aus meiner Sicht dort, wo es beleidigend wird und eine versuchte Rufschädigung naheliegt. Das Problem ist, dass Sie, in dem diese Aussagen über den Verlagsnamen getätigt werden, vor allem auch Ihre Marke einer Beschädigung aussetzen. Ihr Verlag begibt sich mit der pauschalen Unterstellung, jemand der seine Meinung erläutert, die hier und da von Ihrer Position abweichen mag, würde lügen, in ein Umfeld, in dem Sie sich ganz bestimmt nicht wiederfinden wollen. Das kann also nicht in Ihrem Interesse sein und in meinem ist es auch nicht.

Ich versichere Ihnen, dass mein Interesse an einem Dialog über mögliche Auswirkungen des Einflusses digitaler Technologien auf die Wissenschaft und das wissenschaftliche Publizieren für das Verlagswesen in Deutschland aufrichtig ist. Mein an verschiedenen Stellen geäußertes Gesprächsangebot gilt nach wie vor. Sie müssen es nicht annehmen. Ich möchte Sie aber in jedem Fall bitten, von weiteren abqualifizierenden Bemerkungen zu meiner Person in Zusammenhang mit meinen Positionen in diesem Diskurs abzusehen. Vielleicht mögen Sie das auch an Herrn Losse ausrichten.

Mit herzlichen Grüßen aus Berlin,

Ben Kaden

(Berlin, 07.11.2016)

8 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. brembs said, on 8. November 2016 at 12:20

    Hmm, das sind ja ganz seltsame, Trump-esque Ausfälle, die dieser Verlag sich da leistet. Ich bin Naturwissenschaftler, kenne den Verlag daher gar nicht – gibt es da eine Vorgeschichte? Bei OA geht es ja um Zeitschriften mit öffentlich finanziertem Inhalt. Verlegt Stroemfeld neben Büchern auch solche Zeitschriften? Wenn nicht, ist das Verhalten ja komplett unverständlich – ungefähr so wie wenn sich ein Fahrrad-Händler Angst machen würde, bei selbstfahrenden Autos würde ja keiner mehr Fahrräder kaufen.
    Ist auch höchst unprofessionell, dass sich eine Firma so öffentlich disqualifiziert. Habe seit Jahren (zum Glück zumeist nur indirekt) mit Elsevier zu tun, die disqualifizieren sich, wie sich das für Profis gehört, über Spenden an Politiker und mit hanebüchenen Regeln was ihre Autoren mit ihren Werken tun dürfen🙂

    • Ben said, on 9. November 2016 at 14:09

      Zum Stroemfeld-Verlag bietet die Wikipedia eine ganz gute Übersicht: Stroemfeld_Verlag. Warum er gerade, übrigens an- und ausdauernd, den Gang unter die Gürtellinie sucht, lässt sich vermutlich nur dadurch erklären, dass er sehr eng mit Roland Reuss verbandelt ist und offenbar wie dieser denkt, dass man irgendetwas erreicht, wenn man seinen Affekten öffentlich freien Lauf lässt.

      Ich persönlich hatte mit dem Verlag bisher keinen direkten Kontakt, aber ich verstehe, dass es für die Herren aus Frankfurt einfacher ist, ihre blinde Wut auf eine konkrete Person zu fokussieren. Ich habe damit kein Problem, so lange ein gewisser Anstand gewahrt bleibt und man sich nicht in die Zone übler Nachrede begibt.

      Aber vielleicht ist das ja etwas, was man im Zeitalter des Wutbürgertums als besonders kreative Form der Öffentlichkeitsarbeit versteht. Auf meinen Brief an den Verlag gab es übrigens bislang keine Antwort. Ich finde die Dialogverweigung verbunden mit dem Troll-Habitus nach wie vor einerseits für einen solchen Verlag einerseits unwürdig und andererseits für die ganze Diskussion sehr bedauerlich. So einen plumpen Hochmut bin ich nicht mal aus der Berliner Galerieszene gewohnt. Und diese Messlatte liegt wirklich sehr hoch.

      • brembs said, on 10. November 2016 at 09:06

        Danke für die Links, das erklärt ein wenig die Haltung, aber eine spezifische Vorgeschichte konnte ich da nicht finden. Die haben sich also, wie es scheint, ohne Not aus lauter Jux und Tollerei in eine Debatte geworfen, die sie eigentlich gar nicht zu berühren braucht. Das klingt mir sehr danach, dass hier wirklich Dialog vonnöten ist, vielleicht auch eher Aufklärung. Wenn die mit Reuss verbandelt sind (von dem ich nur wenige Zeilen bisher gelesen habe, die so uninformiert und offensichtlich faktisch falsch waren, dass ich gleich aufgehört habe zu lesen), ist da wirklich eher Aufklärung, denn Dialog wichtig. Heutzutage scheint das Interesse an Aufklärung jedoch in so einigen Schichten weniger zu zählen als der richtige Empörungsgrad mit der dazugehörenden Aufmerksamkeit. So treffen sich das linke und das rechte Ende des politischen Spektrums, wie so häufig in der Geschichte. Meiner Erfahrung mit Kreationisten und Klimaleugnern nach ist es mit solchen Gruppen fast aussichtslos das Gespräch zu suchen, und wenn es zum Gespräch kommt, ist es ungefähr so produktiv als redete man mit einer Wand.

        Als Wissenschaftler ist es eine unserer Hauptqualitäten von einer liebgewonnenen Hypothese zu lassen, und unsere Meinung zu ändern, wenn die Datenlage die Hypothese falsifiziert. In unserer Konkurrenz-geprägten Gesellschaft scheinen heutzutage sogar die Linken so vom Neoliberalismus angesteckt, dass die Meinung zu ändern einer Niederlage gleich kommt, anstatt einem Schritt vorwärts auf dem Weg zu mehr Verständnis. So weit hat sich dieser Krebs bereits in unsere Gesellschaft gefressen, dass sogar von den Linken Lern-Momente als Niederlagen aufgefasst werden. Eigentlich traurig.

  2. Ben said, on 10. November 2016 at 13:37

    Vielleicht kann man noch eine Aspekt ergänzen, der beim Verständnis der doch intensiven Abneigung des Stroemfeld-Verlags und von Roland Reuss gegenüber der DFG und deren Orientierung in Richtung Open Access hilft. Ich erinnere mich sehr gut, dass 2009 auf dem Podium dieser Veranstaltung diskutiert wurde, wie es überhaupt zu der Hyperbel des Heidelberger Appells kommen konnte.

    Jemand, der mit dem Forschungs- und Publikationsansprüchen des Heidelberger Philologen ganz gut vertraut war, erzählte auf dem dortigen Podium, dass Roland Reuss und sein Verleger deswegen so kochen, weil die DFG den Antrag für die Förderung einer gedruckten Edition nur unter dem Hinweis bewilligen wollte, dass es parallel auch eine Open-Access-Ausgabe gibt.

    Das wiederum war für die Antragsteller kein gangbarer Weg, was nicht verwundert, wenn man in einem FAZ-Artikel aus dem Jahr 1998 folgendes liest:

    „Roland Reuss (Heidelberg) beleuchtete als Herausgeber der historisch-kritischen Kleist- und Kafka-Ausgaben bei Stroemfeld die praktischen Probleme einer Online-Edition. Die im Netz verwendeten Sprachen ermöglichen keine “standgenaue Übertragung” von Dokumenten, da je nach Einstellung des Browsers Texte unterschiedlich dargestellt werden. Als Medium für wissenschaftliche Editionen sei das Buch unentbehrlich, was von Verlegerseite Vittorio Klostermann (Frankfurt am Main) unterstützte, indem er die Unrentabilität von Online-Publikationen anschaulich darlegte.“ Quelle: Richard Kämmerlings:Lesesaal, Gedächtnisort, Datenraum Der Standort der Bücher: Auf dem Weg zur hybriden Bibliothek, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.10.1998, S.46

    Inwieweit die berichtete Anekdote stimmt, mag ich nicht abschätzen. Ich habe sie aber in denn vergangenen Jahren von vier unterschiedlichen Personen mit diesem Kern gehört. Und ganz unplausibel scheint es jedoch nicht, den 2014 schloß Arno Widmann in der Frankfurter Rundschau ein Loblied auf den Stroemfeld-Verlag (Als das Lesen neu gelernt wurde, fr-online.de, 23.April 2014) mit der eingetrübten Aussicht:

    „Aber Reuß und Wolff machen einem bald klar, dass die Ausgangsbedingungen sich deutlich verschlechtert haben. KD Wolff berichtet: „Als wir mit Hölderlin anfingen, hat sich in den entsprechenden Institutionen niemand getraut, zu sagen, wir brauchen keine neue Hölderlin-Ausgabe. Wenn wir begründen konnten, was es mit den Faksimiles auf sich hatte und wie man dadurch in den Entstehungsprozess der Hölderlin’schen Dichtung einsteigen kann, dann hatte das eine bestimmte Evidenz für sich. Man hat das Gefühl, wenn jetzt über Kafka-Anträge diskutiert wird, wird mit den Schultern gezuckt und gesagt: so what. Und die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat ja, als unser Antrag abgelehnt wurde, definitiv gesagt, es gäbe schon eine Kafka-Ausgabe, warum solle es eine neue, weitere Ausgabe geben? Das heißt, die haben sich der wissenschaftlichen Frage, wie das Kafka’sche Werk adäquat erschlossen werden kann, gar nicht stellen wollen.“

    Für Außenstehende stellt sich die Situation nun fast zwangsläufig tatsächlich so dar, als entspränge der Zorn bei Stroemfeld und Roland Reuss aus einem abgelehnten Antrag auf Finanzierung der Kafka-Edition und der zugleich wahrnehmbaren Schwerpunktsetzung im
    Zuvor hatte die DFG über 16 Jahre Roland Reuss‘ Brandenburger Ausgabe der Werke Heinrich von Kleists (BKA) gefördert.

    Die bei GEPRIS erwähnte dazugehörige digitale Ausgabe

    über den Internet-Server der Universität Frankfurt (Oder) werden sowohl der Text der Ausgabe (HTML & pdf-Format), alle Lebensdokumente, ein Katalog aller erhaltenen und bekanntgewordenen Handschriften, ein Katalog der Erstdrucke sowie eine Personendatenbank der Öffentlichkeit zugänglich gemacht

    konnte ich leider nicht auffinden. Aber vielleicht ist sie zu versteckt oder – vgl. Siggenthese #1 – irgendwann wieder offline gegangen. Wahrscheinlicher ist freilich, dass sie nach dem frühenZerwürfnis mit dem zusätzlich zur DFG fördernden Land Brandenburg auf der Strecke blieb:

    „Für die Kleist-Ausgabe würden von dort jährlich 72 400 Mark benötigt, wie Reuß erklärt. Eine verhältnismäßig geringe Summe. Doch das Geld ist nur bis Ende dieses Jahres gesichert. Zu klären war, auf welche Weise die Arbeit dann an die Viadrina-Universität Frankfurt/Oder angegliedert werden sollte. Was logisch wäre, da der Dichter in dieser Stadt geboren wurde und hier 1996 ein Heinrich-von-Kleist-Institut für Literatur und Politik gegründet werden soll. Vor zwei Wochen nun schrieb Kultusminister Reiche an Roland Reuß, „die einzige Möglichkeit einer Unterstützung“ könne darin bestehen, „daß die Universität Potsdam einen oder zwei wissenschaftliche Mitarbeiter für die Mitarbeit bei der Herausgabe bereitstellen könnte.“ Immerhin etwas, könnte man meinen. Reuß und Staengle aber können damit nicht viel anfangen. Denn sie haben bereits zwei Mitarbeiter, die seit Jahren in Heidelberg und Freiburg mit dem Projekt beschäftigt sind. Sie müßten folglich diesen kündigen und zwei andere neu in das Projekt einarbeiten. Worum es ihnen geht, ist die Anbindung der bereits involvierten Wissenschaftler an die Universität, ohne daß diese dort einen Arbeitsplatz beziehen müßten. Dies scheint nicht möglich. Eklat programmiert.“ – Cornelia Geisler: Potsdamer Kultusministerium verknüpft Förderung mit Bedingungen Ein Trauerspiel, nicht von Kleist. Berliner Zeitung, 24.11.1995

    Es wäre nicht nur wissenschaftshistorisch sehr interessant, diese Konstellationen nach zu recherchieren, aber das führt an dieser Stelle zu weit.

    Unstrittig dürfte sein, dass bestimmte Erfahrungen von Differenz zwischen den eigenen wissenschaftlichen Ansprüchen und dem was die öffentliche Hand zu finanzieren bereit ist, zu nicht wenig Frustration führt. Das ist jedem bekannt, der einmal einen Antrag mit lieblosen und oft schwer nachvollziehbaren Ablehnungsgründen zurück erhalten hat.

    Allerdings schlägt das nicht bei jedem in eine derart rigorose und auf allen Kanälen geführte Schlacht um, für die man sich unter anderem, wie nun aktuell, jemanden als Zielscheibe nimmt, der zufällig in einem DFG-geförderten Drittmittelprojekt arbeitet, dessen Ausrichtung aber so rein gar nichts mit Kafka-Ausgaben zu tun hat. Roland Reuss mag man so etwas irgendwie nachsehen, sieht er doch sein Lebenswerk gefährdet. Dass er offenbar nicht sieht, wie er es selber sabotiert, wenn er über weite Strecken eben nicht mehr als Kafka- oder Kleist-Herausgeber bekannt ist, sondern als Anti-Open-Access-Rohrspatz vom Dienst, ist auch seine Angelegenheit. Dass er sich für seine Aus- und Einfälle zum Thema kritisieren, von manchen auch belächeln lassen muss, ist darin notwendig eingepreist.

    Nicht verständlich ist mir nach wie vor, warum seit kurzer Zeit auch das unpersönliche Verlagsschild von Stroemfeld dafür herhalten muss, auf Twitter auf Attacke zu gehen und allem und jedem Feindlichkeit und Käuflichkeit zu unterstellen. (Ein Verlagsvertreter lehnte nachdrücklich jede Kommunikation zum Thema ab.)

    Das Vorgehen ist nach üblichen Maßstäben völlig inakzeptabel, unabhängig von der Tatsache, dass selbstverständlich Wissenschaftsfreiheit und Autorenrechte ein hohes Gut sind, das bei allen Entwicklung im Open-Access-Bereich wertgeschätzt und sehr geschützt werden muss. Vielleicht sieht der Verlag dahinter irgendeine Guerilla-PR-Strategie, die sich mir verschließt. Persönlich verspürte ich allerdings wenig Lust auf solche Sperenzchen. Der einzige Aspekt, der mich in der Sache und zwar schon lange interessiert ist, worauf dieses realitätsferne Narrativ von Zwangsmaßnahmen und Entmündigung durch Open Access beruht, das, so muss man es leider wirklich sagen, mit Rhetorik aus einem Bereich daher kommt, der stärker an Verschwörungstheoretiker Dresdner als an Diskursgemeinschaften Habermas’scher Prägung erinnert. Niemand zumindest aus meinem Umfeld versteht, warum ein durchaus angesehener und verdienstvoller Verlag wie Stroemfeld diesen Weg wählt. Wenn man jeder auch nur minimal abweichenden Sicht pauschal Lügen und versteckten Interessen unterstellt, braucht man schon sehr geduldige Gegenüber, um nicht irgendwann isoliert in der eigenen Echokammer zu enden.

    • Ben said, on 14. November 2016 at 13:58

      Weitere Materialien zur Ablehnung einer Förderung der Franz-Kafka-Ausgabe (FKA) durch die DFG gibt es übrigens auf Textkritik.de. So beispielsweise eine Pressemitteilung von Wolfram Groddeck und Walter Morgenthaler vom 12. Oktober 2006. Weitere Dokumente inklusive des Antrages von Roland Reuss gibt es gesammelt auf dieser Webseite. Interessant ist dabei vor allem auch der abschlägige Bescheid der DFG, der auf seiner zweiten Seite (.jpg) eine aufschlussreiche Bemerkung zur Kommunikation der Antragsteller enthält.

  3. Matthias Ulmer said, on 11. November 2016 at 01:14

    Lieber Herr Kaden, ich freue mich über das Bemühen um einen Dialog. Dass dieser von Herrn Reuß nicht aufgegriffen wurde, kann ja auch daran liegen, dass er seine Argumente so oft dargelegt hat und statt einer produktiven Diskussion nichts als Häme zurück bekam, dass er an den Dialog nicht mehr glaubt. Wenn man zig Artikel und der FAZ geschrieben hat, auf zig Podien die Argumente vorgetragen hat, in Essaybänden die Hintergründe erläutert, dann wird man vielleicht auch mal müde. Oder man fängt an zu verstehen, dass es gar nicht um Argumente geht, sondern um Ideologie, und er solange gebasht werden soll, bis er die Klappe hält. Und wie immer: Sie können das nicht nachvollziehen, aber für die andere Seite ist das vielleicht die bittere Realität. Den anderen verstehen zu wollen, das ist die Bedingung des Dialogs. Daran mangelt es. Nicht bei Ihnen, aber bei den übrigen 99,99%.
    Die Trennung von Geisteswissenschaften und STM, von Büchern und Zeitschriften, das funktioniert beim Thema OA eben auch nicht mehr. Der Absolutheitsanspruch der OA-Förderung stellt viele geisteswissenschaftliche Verlage und auch Wissenschaftler vor die Frage, welche Zukunft es für ihr Thema überhaupt noch gibt. Die Förderungsgeschichte der – sie anerkennen das ja als einer der wenigen Akteure in der aktuellen Diskussion – kritischen Texteditionen, macht ambitionierte Editionen von privaten Spendern abhängig. Forschungsgelder gibt es unter dem OA-Primat nicht mehr. Es geht eben nicht mehr um den wissenschaftlichen Gehalt, es geht nur noch um die publizierte Version. Darf man das, muss man das nicht sogar scharf kritisieren?
    Frau Wanka sagt: wer nicht OA publizieren will, der muss ja nicht, er kann ja auf die Publikation ganz verzichten. Oder auf Forschungsgelder. Sie lässt die Wahl zwischen Tod und Sterben, immerhin.
    Und wenn Sie die Gemütslage von Verlagen und Autoren verstehen wollen, dann ein paar Glanzlichter:
    Auf der Göttinger Urheberrechtskonferenz diesen Dienstag sagte Prof Haucap auf die Frage, warum er für sein Gutachten über die Auswirkung der Wissenschaftsschranke auf Verlage keinen einzigen Verlag befragt hat, dafür aber 300 Bibliotheken: woher hätte ich denn wissen sollen, ob die Antworten der Verlage wahr sind, die können einem ja alles erzählen. Also fragt er lieber nicht und meldet als Ergebnis, was Frau Wanka prompt twittert: Gute Nachricht, Wissenschaftsschranke schadet Verlagen nicht!
    Die nächste Tagung der Allianz steht unter dem Titel „Welche Rechte sollen/dürfen Autoren und Verlage an ihren Werken haben?“ Wohlgemerkt, da wird über ein grundgesetzlich verbürgtes Recht von Autoren und Verlagen verhandelt. Ebenfalls übrigens quasi ohne Beteiligung der Betroffenen.
    Weiter: Die Wissenschaftsschranke in der geforderten Form wird natürlich nicht nur STM Verlage betreffen, sie wird das Lehrbuch und Schulbuch vernichten, wenn es keine Bereichsausnahme gibt, was Bibliotheken natürlich heftig bekämpfen statt zu unterstützen. Und sie trifft genau so Verlage wie Reclam, Suhrkamp, Beltz usw, in den Grundfesten ihrer Finanzierung.
    Die DEAL Verhandlungen mit drei STM Großverlagen werden zur Monopolisierung führen, weil für diese der Zugang für alle Bibliotheken verhandelt wird, mit anderen Verlagen wird nicht einmal mehr verhandelt, geschweige denn, dass dafür noch ein Budget da sein wird.
    Die Ablehnung des Rahmenvertrags der KMK mit der VG Wort durch die Bibliotheken ist eine kollektive Ablehnung eines BGH Urteils. Dieses Urteil hat die Forderung der Verlage und Autoren, ja auch die Festlegung einer angemessenen Vergütung durch das MPI auf einen Bruchteil reduziert, zu einer lächerlichen Tantieme. Noch nicht einmal diese ist man bereit zu zahlen.
    Die Einzelabrechnung ist Grundlage für das Erfüllen der Auskunftspflicht gegenüber den Autoren. Das neue Urhebervertragsrecht stärkt den Auskunftsanspruch der Autoren. Nur die Bibliotheken weigern sich, dem nachzukommen. Das gilt auch für die Onleihe, bisher.
    Das heutige Urteil zum E-Lending bei E-Books hat zur Konsequenz, dass statt einer angemessenen Vergütung an Autor und Verlag nur mehr eine Tantieme von 3 Cent pro Nutzung an den Autor geht, an den Verlag nichts. Es ist für Menschen bei klarem Verstand logisch, dass damit eine Refinanzierung von Investitionen unmöglich gemacht wird und das E-Book tot ist. Dieses Urteil haben die Bibliotheksverbände mit Unterstützung der Verbraucherschützer erstritten und feiern nun das Ergebnis.
    Die Neuformulierung einer Informationsinfrastruktur für Deutschland erfolgte unter explizitem Ausschluss der Verlage.
    Die Diskussion zum Thema E-Learning des Wissenschaftsministeriums erfolgt ebenfalls unter explizitem Ausschluss der Verlage. Bei der Frage, warum das so ist, kam die Antwort von Wanka: wir können ja nicht jeden einladen.
    Ich könnte noch weiter machen, aber es müsste eigentlich zur Illustration ausreichen: für uns sieht es so aus, als wäre Schriftkultur in Deutschland nur noch möglich, wenn es gelingt, sie vor Bibliotheken zu schützen. Unsere Frage ist: wie kann ich verhindern, dass meine Bücher in eine Bibliothek kommen?
    Aber da ich ja auch um Verständnis bemüht bin, frage ich mich, oder Sie, falls Sie es mir sagen können? Was bezweckt der Bibliotheksverband, was bezwecken die Wissenschaftsorganisationen? Ist das (im Verhältnis zur gesamten Buchkultur und zu den Bildungsmedien) lächerliche Thema der STM-Zeitschriften so wichtig, dass als Kollateralschaden alles in die Tonne getreten wird? Ist die Angst um das Budget bei Bibliotheken so groß, dass sie die Kultur schlachten, nur um an das noch verfügbare Schrifttum billiger zu kommen? Oder kann mir einer der Verantwortlichen vom Bibliotheksverband mal sagen, wie man das aktuelle Handeln unter Nachhaltigkeitsperspektiven sieht?
    Gerade kam wieder von Bibliotheksseite der Vorwurf, man müsse für das E-Lendig unerträglich aufwändige Verhandlungen mit jedem einzelnen Verlag für jedes einzelne Buch führen, das gefährde die Literaturversorgung der Bevölkerung. Dabei ist das eine glatte Lüge, denn eine Bibliothek schließt einfach einen einmaligen Vertrag für die Onleihe und bekommt dann alles so simpel wie Jedermann die Schuhe von Zalando. Der dbv weiß, dass das eine Lüge ist, er weiß auch, dass wir wissen, dass das eine Lüge ist.

    Gibt es denn auf Seiten der Bibliotheken niemanden mehr, der realisiert, was gerade passiert? Gibt es keine Bibliothekare mehr, die eine Verantwortung für die Kultur empfinden?

    • Ben said, on 11. November 2016 at 11:47

      Lieber Herr Ulmer,

      haben Sie vielen Dank für die ausführliche Antwort. Ich finde es sehr wichtig, die Positionen einmal in dieser Form ausgeführt zu lesen und ich werde bei Gelegenheit auch gern auf diesen Kommentar verlinken.

      Mir scheint, dass die Zahl von 99,99% Dialogverweigerern zu hoch gegriffen ist. Auch im Bibliotheksumfeld gibt es ganz Bandbreite von Einstellungen und Interessen. Was uns offensichtlich fehlt, ist eine passende und nachhaltige Plattform für einen Austausch. Ich selbst habe tatsächlich das Problem, nur in bestimmten Diskursgruppen unterwegs sein zu können. Sonderbarerweise hat gerade das DFG-Projekt zum digitalen Publizieren in den Geisteswissenschaften sehr viele Anschlusspunkte zur Fachwissenschaft eröffnet. Umso mehr trifft es mich dann, wenn sich die Vertreter von Stroemfeld derart abschätzig zeigen. Ich bin ja primär Bibliothekswissenschaftler, also Wissenschaftler, und habe entsprechend meiner Erkenntnisethik nichts für Lagerbildung und die Ideologisierung übrig. Björn Brembs hat es oben sehr schön formuliert:

      Als Wissenschaftler ist es eine unserer Hauptqualitäten von einer liebgewonnenen Hypothese zu lassen, und unsere Meinung zu ändern, wenn die Datenlage die Hypothese falsifiziert.

      Datenlage allein reicht in diesem Fall natürlich nicht. Hier spielen politische und rechtliche Rahmenbedingungen genauso eine Rolle wie ganz offensichtlich das Temperament einzelner Akteure. Und noch ein paar andere Sachen. Ich denke aber und zwar diesmal aus der Sicht eines Beobachters von Außen, dass sich die Verlagsseite keinen Gefallen tut, derart prominent mit den konfrontativen Zeitungsartikeln und Stellungnahmen von Herrn Reuss präsent zu sein. So verständlich sein Zorn sein mag, so inakzeptabel ist die Rhetorik. Das macht es gerade auch Akteuren, die Ihre Anliegen aus welchen Gründen auch pauschal abwehren und abwerten möchten, sehr einfach. Und wenn man dann vom Twittersprachrohr des Stroemfeld Verlags quasi dafür ausgelacht wird, dass man auf die Grundbedingungen der Diskursethik hinweist, ist das schon ernüchternd.

      Wenigstens ich habe meinen Habermas (bzw. Wolfgang Kuhlmann) gelesen und empfinde die Prinzipien:

      Argumentiere rational.; Bemühe dich um einen vernünftigen Konsens.; Bemühe dich in allen Fällen, in denen deine Interessen mit denen anderer kollidieren können, um einen vernünftigen praktischen Konsens mit ihnen.; Bemühe dich stets darum, zur (langfristigen) Realisierung solcher Verhältnisse beizutragen, die der idealen Kommunikationsgemeinschaft näher kommen, und trage stets Sorge dafür, daß die schon existierenden Bedingungen der möglichen Realisierung einer idealen Kommunikationsgemeinschaft bewahrt werden.

      als sehr sinnvolle Leitlinien. Sie sind natürlich nicht der Zweck der Debatte, aber doch etwas, woran man sich zu orientieren versuchen sollte.

      Nur kurz zu einigen benannten Aspekten:

      Dass es bestimmte geisteswissenschaftliche Themen und vor allem Forschungsformen schwer haben, wenn auf radikale Digitalisierung gesetzt wird, verstehe ich voll. Ich war einigermaßen entsetzt, als ich vor einigen Jahren auf dem Podium einer Digital-Humanities-Veranstaltung erfuhr, dass es tatsächlich die Forderung gibt, geisteswissenschaftliche Vorhaben nur noch als Digital Humanities zu fördern. Das wäre ein Irrweg, denn auch wenn die Digital Humanities an vielen Stellen sehr sinnvolle Dinge hervorgebracht haben, haben sie aus meiner Sicht noch nirgends den Beweis erbracht, dass sie die zwangsläufigen Nachfolger der Geisteswissenschaften sind. Mittlerweile erkennt man dann das aber auch in der DH-Community.

      Als Erweiterung sind DH-Ansätze sehr sinnvoll. Digitale Editionen haben aus meiner Sicht ein außerordentliches Potential. Distant Reading hat unbestritten seinen Reiz und passt gut in den Big-Data-Zeitgeist. Aber all das kann und sollte zusätzlich bzw. komplementär und – wieder! – im permanenten Dialog mit den bisherigen Ansätzen verfolgt werden. Ich denke und begrüße, dass wir eine grundlegende Transformation der Wissenschaft und des wissenschaftlichen Publizierens durch digitale Strukturen, Werkzeuge und Möglichkeiten durchlaufen. Aber gerade weil sie so grundlegend ist, schadet es nicht, wenn sie sich mehr Zeit zum Gestalten lässt. Das gilt aus meiner Sicht übrigens auch für den E-Book-Markt, der bislang in Deutschland jedenfalls auf ganzer Linie fehlkonstruiert wirkt. Aber das ist ein anderes Thema.

      Woran man hier aber erinnern kann, ist, dass die DFG als eine Selbstverwaltungsorganisation der Wissenschaft angelegt ist. Prinzipiell sollten also die Fachgesellschaften selbst einen Einfluss auf die Ausrichtung der DFG nehmen können. Die Verlage sind ein wenig außen vor, aber wenn ihre Autorinnen und Autoren andere Förderbedingungen wollen, dann können sie und müssen sie ihre Interessen zurückspielen. Es ist sicherlich heute schwierig, die Notwendigkeit einer gedruckten Edition zu vermitteln. Aber wenn es mediologisch relevante Gründe dafür gibt, dann hilft es sicher, sie immer wieder klar und eindeutig zurückzumelden und möglicherweise auch eine diesbezügliche medien- bzw. buchwissenschaftliche Debatte forcieren.

      Ich verstehe, dass so etwas mühsam und ernüchternd ist. Spreche ich das an, höre ich dann, man hätte schon genug zu tun und will sich nicht lächerlich machen. Das Problem ist, dass es in den Geisteswissenschaften derzeit noch eine Generation gibt, die in ihren jeweils überschaubaren Rahmen vergleichsweise gut abgesichert und halbwegs ungestört bis zum Ruhestand vor sich hinwirtschaften kann und im Zweifelsfall auch mal aus der eigenen Kasse etwas zu den Druckkosten zuschießt. Da ist der Leidensdruck vermutlich wirklich überschaubar. Auch der ökonomische. Für die nachfolgenden Wissenschaftsgenerationen ist er ungleich höher. Oft fehlen Sicherheit und auch Einfluss und Netzwerk. Eine Juniorprofessorin wird sich verständlicherweise mehrfach überlegen, ob sie es riskiert, sich als Einzelkämpferin in prinzipiellen Fragen mit vermeintlich unbequemen Positionen zu exponieren.

      Zu Ihren Fragen

      Was bezweckt der Bibliotheksverband, was bezwecken die Wissenschaftsorganisationen? Ist das (im Verhältnis zur gesamten Buchkultur und zu den Bildungsmedien) lächerliche Thema der STM-Zeitschriften so wichtig, dass als Kollateralschaden alles in die Tonne getreten wird? Ist die Angst um das Budget bei Bibliotheken so groß, dass sie die Kultur schlachten, nur um an das noch verfügbare Schrifttum billiger zu kommen? Oder kann mir einer der Verantwortlichen vom Bibliotheksverband mal sagen, wie man das aktuelle Handeln unter Nachhaltigkeitsperspektiven sieht?

      Ich kann Ihnen dahingehend keine umfassende Antworten geben, weil ich auch da überall nur als Zaungast zuschaue.

      Für die Bibliotheken mag zu beachten sein, dass der Budget-Druck nicht in der Bibliothek selbst entsteht, wohl aber oft die Verpflichtung vorgegeben wird, unterschiedlichste Ansprüche zusammenzuführen. Die beteiligten Personen sind, bis auf wenige Ausnahmen, keinesfalls kulturfeindlich. Sie stehen aber unter einem nicht unbedingt abnehmendem Druck, wirtschaftlich arbeiten zu müssen und zwar in einer Weise die die spezifische Form, Idee und Möglichkeiten der Einrichtung Bibliothek nicht so sehr berücksichtigt. Zugleich sehen sie sich in der Aufgabe, und zwar aus meiner Sicht auch berechtigt, das Feld des digitalen Publizierens und neuer Formen digitaler Wissenschaftskommunikation zu erschließen, einfach auch um zukunftsfähig zu bleiben. Dass dafür die Etats meist nicht aufgestockt sondern nur umverteilt werden, ist selbstverständlich keine zufriedenstellende Lösung, zumal sie oft nur zu temporären, projekthaften Ergebnissen führt. (vgl. auch die Siggenthese #1)

      Das Thema der STM-Zeitschriften ist, das kann ich mit Bestimmtheit sagen, für die Bibliotheken alles andere als lächerlich. Es ist völlig berechtigt seit je der Hauptansatzpunkt der Open-Access-Bestrebungen. Die Flurschäden, die die Geschäftspraxen der großen Spieler nicht zuletzt für das Image des Konzept des Wissenschaftsverlages anrichten, sind gewaltig. Und Sie, also die klein- und mittelständischen Wissenschaftverlage haben darunter sehr zu leiden.

      Ich kann Ihnen versichern, dass ich niemanden im Bibliothekswesen (vielleicht mir der Einschränkung: persönlich) kenne, der nicht Sympathien für das Medium Buch und die Idee der Buchkultur hegt. Eher im Gegenteil. Es gibt nicht wenige, die gern in einer überschauberen und gut eingespielten Print-Only-Kultur geblieben wären, bei der die Frage der Aussonderung wegen Platzmangels das zentrale Streitthema ist.
      Ich denke, es ist auch wichtig, im Diskurs an dieser Stelle zu deeskalieren. Aber noch wichtiger ist es vermutlich, an der Dialogkultur zu arbeiten. Wenn die Verlage vom Ministerium und von Wissenschaftsorganisationen bei den Diskussionen übergangen werden, widerspricht dies unbestreitbar grundlegend elementaren Regel einer diskursethisch akzeptablen Aushandlung von Interessen.

      Zu den Motiven und Positionen des dbv kann ich leider nichts sagen. Ich kann Ihnen aber vielleicht anbieten, dass Sie ihre Fragen und Argumente zu einem Beitrag für LIBREAS (bzw. aktueller für einen Gastbeitrag für dieses Blog) zusammenfassen. Und dann laden wir gern auch den dbv zur Diskussion ein.

      Mit besten Grüßen,

      Ben Kaden

  4. […] möchte – der dieser leider zu oft mit Beißreflex und also bunt gewürfelten Unterstellungen begegnet – dann sicher in der Feststellung, dass es oft beim Austausch von Textbausteinen […]


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: