LIBREAS.Library Ideas

Himmel ohne Helden. Eine Titelbildbetrachtung.

Posted in Sonstiges by Ben on 25. September 2010

(PDF-Version: Ben Kaden (2010) : Himmel ohne Helden. Eine Bildbetrachtung. )

Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum der Humboldt-Universität zu Berlin

Ein grüner Kran und das Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum der Humboldt-Universität zu Berlin

Grau ist nicht nur alle Theorie. Sondern auch der Herbsthimmel über Berlin. Das Titelfoto der 17. Ausgabe von LIBREAS könnte also auch ein aktuelles Webcam-Motiv sein. Eine Momentaufnahme, so wie LIBREAS auch immer eine kleine Momentaufnahme informations- und bibliotheks-wissenschaftlichen Denkens sein will.

Eines fällt am Bild auf (und irgendwie auch in der Ausgabe): An Helden fehlt’s im Revier. Wo sind die Menschen, fragt sich der Betrachter ganz zu Recht und so genau er auch schaut, er wird keine finden.

Nur Zeichen, die auf menschliches, ja durch und durch wissenschaftliches Handeln verweisen: die Kunst der Konstruktion und die Kunst des Ausdrucks. Sein, das verstanden werden kann, ist Sprache – so die Grundformel der Gadamer’schen Hermeneutik.

Das Bild sagt zunächst eines: Ich bin. Und eröffnet dabei die Folgefrage: Was bin ich, wenn ich bin? Es geht um Sein und Haben. Es existiert zweifellos. Aber was hat es – und was hat es damit auf sich? Verstehen ist nicht Feststellen. Verstehen ist Auslesen.

Wie also kann das Bild selbst, kann sein Haben, sein Gehalt verstanden werden? Wie spricht es zum Betrachter? Erst wenn es spricht, wird es wirklich. Wir müssen ihm lesend zuhören. Wir müssen seine Formen, Farben und Strukturen entschlüsseln.

Da ist zunächst einmal das Halbtönende der Farbe Grau als dominanter Eindruck. Die unbunte, kaum gesättigte Welt. Eine fade Leinwand. Aber vielleicht erweist sie sich gerade deshalb für die affekt- und effektreduzierte Wissenschaftswelt, diese neutrale Zeichenfläche für das intellektuell Begreifbare im Menschenmöglichen, als einzige denkbare Palette.

Und: Grau ist nicht einfach grau. „Grau“ ist ein höchst vielfältiges Schattierungsspektrum. Auch der Himmel über dem Wissenschaftsviertel in der Mitte Berlins ist nicht einfach grau. Er ist gräulich geschichtet: Vom unteren Bildrand zieht sich auf der Leinwand doch Lichteres empor, während es oben kraftvoll dunkelt. Was mag man hieraus lesen? Nun: Vielleicht stehen wir beim Erleuchtet=werden gar nicht auf den Schultern der Giganten, sondern schultern sie selbst, türmen die nach und nach verdunkelnden Vorgänger solange auf, bis sie im Schwerefeld der intellektuellen Arbeit verloren gehen. Vielleicht ist Wissenschaft nicht akkumulierend: vielleicht ist sie viel mehr Konstruktion, idealerweise in Grün.

Denn Grün ist bekanntlich die Hoffnung, der Aufbruch und natürlich ist geistiges Arbeiten immer ein Akt des Hoffens und eine permanente (Ab)Reise. Wer sich vor das weiße Blatt-Simulacrum der Textverarbeitung setzt, nimmt sich vor, das weiße Band der Unschuld und Reinheit des Nicht-Geschriebenen, des Noch-Nicht-Gesagten zu beflecken – mit mehr oder weniger gelungenen Formulierungen grau zu waschen, zum Zwecke einer höheren Fülle, vielleicht Erfüllung. Man gibt viel auf, wenn man sich auf die Welt des dahin formulierten Ein- und Ausdenkens einlässt. Denn zur Makellosigkeit des blütenweißen Davor kehrt man jedenfalls in sich nie mehr zurück, schon gar nicht, wenn man dabei scheitert. Was einmal gelesen wurde, kann unmöglich spurlos zurückgenommen werden. Es bleibt ein Schatten im Gewebe. Wohl dem also, der für seinen Aufstieg aus dem Immergleichhellen des weißen Rauschens in die Welt der Graustufen einem Gerüst folgen kann, mit einer Leiter und kleinen Plattformen, die umzäunt mit guten Aussichten und sicherem Geländer als Zwischenstadien nutzbar sind.

Oben wartet dann kein Paradies, aber ein orangenes Kabinchen mit den Schalthebeln für die Konstruktion der Welt. Orange: das ist angemischte Freude und Reife zugleich, die Farbe der Herausforderung und der Warnung. Sie ist das Symbol von Piratenparteilichkeit und von ukrainischem Bürgersinn. Sie war in der Abstufung „Pantone 144 C“ Ausdruck deutscher Bürgerlichkeit. In Verbindung mit dem Burgess/Kubrick’schen Uhrwerk schlägt sie um in eine Dystopie ersten Ranges. Im Fußball steht die Farbe traditionell für gutes Niveau und Scheitern vor dem Gipfel. Die dynamische Note markiert als Spur: hier wird entwickelt, geschichtet, errichtet, gekämpft, gestrebt und zerstört.
So ein Kranführer ist aber auch in der Wissenschaft weit davon entfernt, ein allmächtiger Schöpfergott zu sein. Die Emanation wird am Kran vielmehr negiert: Man vermag nur zu fügen (oder zu verlasten), was der Kranausleger greifen und tragen kann. Man hat die Draufsicht, aber die Mittel sind begrenzt.

Der grüne, durchstrebte Kran zeigt sich als Gegenpol zum undurchdringlichen Elfenbeinturm. Der Blick aus der Kabine ist auf die abgewandte Seite des Unbekannten gerichtet, weg vom falben Sandstein der gegebenen Erkenntnis. Diese steht im Rücken zur Kranführung, wie ein Schutzwall oder auch eine Trennwand zum Bereits-Geschriebenen, mehrfach geschlitzt für die Reflexion. Hellblau und wattewolkenweiß schimmert dort etwas, was man beim Blick nach vorn, beim Geradeaus-Schauen ins Grau in Grau der ungebrochenen Perspektive nicht sieht.

Dass uns diese Farbgebung auf dem Symbolbild aus der Corporate Identity eines internationalen, im Kern niederländischen Hochbauunternehmens begegnet, erweist sich als passende Schraffur im Deutungsmuster: die heutigen Hochbauten der Erkenntnis sind keine Resultate der Gelehrtenrepublik, sondern nicht selten ein planmäßiges, nationale Grenzen übergreifendes Zusammenwirken von Wirtschafts- und Erkenntnisinteressen. Kein offenes und in sich ruhendes Sinnieren, sondern ein klaren Regeln und Computer-Aided-Designvorgaben bis zur Eroberung des Himmels, wenn nicht gar der Sterne, vordringendes Spinning off einer größeren Wissenschaft, einer Big Science, deren moderne Variante ihre Stärke gerade daraus zieht, dass sie nicht massig ist. Dass sie feinverstrebt und sicher verschraubt, mit optimaler Statik und doch durchlässig für alle Winde, die das grün-orangene Fähnchen flattern oder hängen lassen, die Höhenmarken produziert.

Dem Gegenüber weder ab- noch zugewandt, sondern monolithisch mit breiter Anschlusskante an etwas, was außerhalb des Rahmens bleibt, steht die Geometrie des Berliner Grimm-Zentrums. Diese Form des archivierten Denkens, der Tradition des Nachvollzugs mittels vertiefender Lektüre repräsentiert vor allem eines: Geschlossenheit. Die durchaus konsultierbar ist, sofern man den Zugang findet. Das Grau kann diesen Körper nicht durchdringen, bestenfalls rahmen und sich in ihm spiegeln. Nicht der Sky sondern die Skyline und ihre Reflektoren markieren die Grenze.

Zwei Modelle des Wahrnehmens, Denkens und Handeln stehen sich demnach auf dem Bild gegenüber.
Nun legt sich ein drittes ohne erkennbare Bindung vor beide, vor den Elfenbeinturm und den Konstruktionskran, und entrollt kleine stählerne Kabellagen zur Übertragung von – ja von was eigentlich? Diese Transferstruktur, diese sich am Sockel um alles legenden knotenarmen Kanten führen an den beiden Vertikalobjekten so vorbei wie sie sie verbinden. Es sind dünne, periphere Linien, die alles, was das Bild an Welt zeigt, horizontal kreuzen. Die nicht den Himmel anvisieren, sondern auf die Semi-Parallelität einer endlosen Gegenwart, die sie selber sind. Sie streben quer, sie reflektieren nicht und dass sie leiten, hört man nur. Was sie leiten, könnte man nur spüren. Es ist eine dynamische Struktur, eine Energie am Fuß des Bildes. Aus dieser Perspektive vermitteln die Linien als Unterleitungssystem scheinbar zwischen den beiden Polen. Aber wir wissen: Es könnte auch anders sein. Nur wie, das wissen wir nicht. Beinahe mutet es so an, als würde hier neben der verstehenden Reflexion des Himmlischen und der Konstruktion von Erkenntnisbäumen und -kränen ein schwer greifbares Drittes, etwas unter Spannung Stehendes, Umspannendes – womöglich gar ein wissenschaftliches Umspannwerk – den Betrachtungsraum des wissenschaftlichen Handelns durchdringen. Es ist ein Übertragungssystem und spätestens jetzt sollte deutlich werden, wieso sich dieses Bild auf der Eingangsseite einer bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Zeitschrift findet…

Eine Antwort

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  1. […] aus: Himmel ohne Helden. Eine Titelbildbetrachtung. von Ben Kaden, Berlin, […]


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