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It’s the frei<tag> 2012 Countdown (30): Potsdam, Brandenburg

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS Veranstaltungen by Karsten Schuldt on 17. Juli 2012

Christoph Szepanski, Karsten Schuldt

„Mein liebes Weibchen! Potsdam ist ein teurer Ort. (…) So musst Du Dich bei meiner Rückkehr schon mehr auf mich freuen als auf das Geld.“

Wolfgang Amadeus Mozart

Was braucht es Potsdam, wenn es doch Berlin schon gibt? Sicher: Die historische Perspektive geht immer: Potsdam als Stadt mit Residenz; Potsdam, als Berlin noch kleiner war; Potsdam als Migrationsendpunkt. (Deshalb auch hat Potsdam die höchste Schlösserdichte Deutschlands und nicht Berlin.)

I.

Nur: Was braucht es Potsdam heute? Viele Menschen brauchen Potsdam als Studienort. Leben in Berlin, studieren in Potsdam. Klare Grenzen ziehen zwischen Studientätigkeiten und Alltag; zwischen Stress und Liebe. (Und in Berlin gibt es halt mehr Clubs, mehr Bars, mehr von allem, irgendwie – was für Hipster gut ist, aber manchen Menschen doch zu stressig. (Wobei auch die Auswahl in Potsdam nicht zu verachten ist.)) Seminaraufgabe und Lektüre in der Bahn erledigen. (Wie Menschen halt auch in Zürich leben und in Chur studieren, wegen der Bahnfahrt.) Weil das Studieren in einer kleineren Hochschule oder Universität netter ist für sie. Potsdam und Berlin sind in diesem Lebensentwurf zusammengedacht, können ohne einander nicht existieren.

Für einige ist Berlin dann auch der Ort, an dem es bezahlbarere Wohnungen gibt. Potsdam leidet an extremer Wohnungsnot.

II.

Aber: Leute wohnen auch in Potsdam, und das nicht wenig. Manche wollen hier wohnen, weil sie hier studieren. Aber es ist auch schön, fraglos. Villen, Schlösser, Holländisches Viertel, der Flair assimilierter Migrationsgeschichten aus Frankreich, Holland, Schweden, Böhmen, Russland.
Natur und Seen. Es gibt Leute, die wollen nicht in der Grossstadt sein, immer; aber auch nicht auf dem Dorf. Das ist ihr gutes Recht und Potsdam ist einer der netten Orte, wenn man so ein Leben leben will.

Wenn man nicht genau hinschaut, dann ist Potsdam zudem der Ort, mit dem positiven Seiten der preussischen Geschichte verbunden sind: Aufklärung, Edikt von Potsdam (Jeder soll nach seiner Façon glücklich werden.), Schloss Sanssoucci. Und man selber kann hier mitten in dieser Geschichte leben. (Nicht zu vergessen: Potsdamer Konferenz, dass Ende des NS.)

III.

Man muss Potsdam nicht von Berlin her denken. Es ist auch eine eigene Stadt mit eigenem Recht, mit eigenem urbanen Flair und eigener Identität.

IV.

Potsdam ist eine Insel. Wer das nicht weiß, sollte einen Blick auf die Landkarte werfen. Umgeben von Wasser, profitiert die Stadt von einer besonderen Lage: Im Inland, aber doch für sich. Auch das muss man nicht mögen, aber wer es mag (oder auch nur einmal erleben will), sollte sich Potsdam vormerken.

Wie gesagt: Schaut man nicht genauer hin, ist Potsdam schön. Schaut man genauer, wird es schwieriger. Ein verbittertes Bürgertum und eine geschichtslose Schicht von Neureichen versucht die Innenstadt in eine Neu-Preussen zu verwandeln, wobei Fachhochschule und Uni noch akzeptiert sind, aber alles was an die Moderne erinnert (es wird als DDR-Architektur bezeichnet, was nicht ganz falsch ist, aber man hat doch teilweise den Eindruck, es ginge gegen das Versprechen der Moderne auf ein Gutes Leben für alle und eben nicht nur die Happy Few, wie es Kevin Vennemann desletztens in “Sunset Boulevard: Vom Filmen, Bauen und Sterben in Los Angeles” (edition suhrkamp 2646, Berlin: Suhrkamp, 2012) wieder einmal beschrieben hat) abgerissen werden soll. Günther Jauch ist einer von denen, die sich mit solchen Forderungen in Potsdam hervortun. Wer schon immer glaubte, dass Jauch überbewertet und überbezahlt ist, kann in Potsdam beim genaueren Hinschauen sein Wunder erleben: Viele hier sind wie er.

V.

Potsdam kann man auch als 13. Bezirk Berlins verstehen. Dann ist die Frage nicht mehr, warum man Potsdam neben Berlin braucht, dann gehört beides zusammen. Fährt man zum Beispiel mit dem ÖPNV aus Berlin nach Potsdam oder von Potsdam nach Berlin, merkt man gar nicht, dass man eine Stadtgrenze überquert. Schaut man in den Breitbandatlas,1 sieht man, dass sich Berlin und Potsdam gleichförmig entwickeln. Dabei bilden Berlin und Potsdam eine digitale Insel in Ostdeutschland. (Noch ein Inselargument.)

Beweis!

VI.

Der unbestreitbare Charme der Stadt Potsdam ergibt sich daraus, dass sie so etwas wie eine Zwischenstadt darstellt. (Hierin Chur nicht unähnlich, übrigens.) Sie ist mal eigene Stadt, mal gefühlter Teil der Großstadt. Sie ist mal ausreichend groß und mal Ausgangsort für Größeres. Sie ist Hauptstadt und Randzone. Und sie ist eine Stadt mit Lebensqualität, urbaner und ländlicher gemeinsam.

Fußnote

1 Siehe dazu auch: Breitbandatlas des BMWi. Online verfügbar unter: http://www.zukunft-breitband.de/BBA/Navigation/Breitbandatlas/breitbandsuche.html

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2 Antworten

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  1. [...] bieten die Berliner und Brandenburger Landschaftsräume wunderbare Erholungsmöglichkeiten. Unser erster Countdown hat es bereits deutlich gemacht. Ein ziemlich verwegener Assoziationssprung verbindet die Brombeere [...]

  2. [...] was informationswissenschaftliche Belange angeht (nicht zufällig fand deshalb dort auch die frei12 [...]


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