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Überlegungen zum Verhältnis von Mensch und Technik in Wissenschaftsinfrastrukturprojekten.

Posted in LIBREAS.Referate by Ben on 7. Januar 2013

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Sonja Palfner, Ulla Tschida: Grid: Technologie und soziale Praxis. In: Technikfolgenabschätzung. Theorie und Praxis. 21 / Heft 2. November 2012. S. 50-53

Unter den Projekten zur Digitalisierung der Wissenschaftspraxis in der Bundesrepublik der 2000er Jahre ragt die D-GRID-Initiative markant hervor. Das begründet sich einerseits aus ihrem Anspruch heraus, Grid-Computing in enger Kooperation mit den Fachcommunities in der Fläche zu etablieren. Und andererseits aufgrund des erheblichen Fördervolumens, das sich freilich nach dem Anspruch richtete. Die enge Verzahnung zwischen informatischer Innovation und fachwissenschaftlichen Ansprüchen prädestinierte die Initiative für eine wissenschaftssoziologische Begleitforschung. Technologie ist unzweifelhaft grundsätzlich vor allem soziales Geschehen. Auch die Entscheidung des BMBF zur massiven Förderung genau dieses Ansatzes ist Ergebnis sozialer Interaktionen. Aktuell bewegen sich diese um die Frage, wie, wo und in welcher Form die entwickelten Infrastrukturelemente und forschungsbegleitenden Werkzeuge mitsamt der für sie notwendigen Weiterentwicklung verstetigt werden können? Die technischen Möglichkeiten selbst wirken gewiss dispositiv auf das Machbare. Was aber tatsächlich umgesetzt wird, resultiert aus einer komplexen Wechselwirkung diverser Faktoren – von Budgets über die Motivation, Interessen, Konkurrenzkonstellationen und Kompetenzen von Einzelakteuren bis hin zu rechtlichen Gesichtspunkten.

Sonja Palfner und Ulla Tschida, die die D-Grid-Initiative aus einer techniksoziologischen Perspektive beforschen, rücken in ihrem kurzen Beitrag für die Zeitschrift Technikfolgenabschätzung die Frage nach dem Verhältnis zwischen den Fachgemeinschaften und den Entwicklern ins Zentrum, eine Frage also, die sich zwangsläufig auch der Bibliothekswissenschaft stellt. Denn einerseits sind wissenschaftliche Bibliotheken grundsätzlich ebenfalls Dienstleister für die Wissenschaftspraxis. Und andererseits sind Digitale Bibliotheken durch und durch informatische Ensemble. Die Entwicklung Digitaler Bibliotheksdienstleistungen, die sinnvollerweise konsequent mit dem Ziel der tatsächlichen Inanspruchnahme durch die Bibliotheksnutzer erfolgen muss, bewegt sich folglich in einem Spannungsverhältnis ähnlich dem, das die Autorinnen anhand von drei Konstellationstypen aufschlüsseln.

Beim ersten Typ dominiert die Fachwissenschaft die Informatik. Die Entwickler sollen passgenaue Dienste nach den Bedürfnissen und Ansprüchen der Wissenschaftler entwickeln. Das Problem dabei liegt jedoch in der Dynamik exakt dieser Ansprüche. Die Autorinnen betonen, dass „ein etablierter Service […] durch die Forschung selbst quasi ständig aus der bekannten Routine gerissen werden [kann].“ (S. 53)

Geht man von einer idealtypischen Wissenschaft, also einem permanenten Erkenntnisfortschritt mit sich verschiebenden Forschungshorizonten aus, dann ist das nicht einmal ein Kann-Zustand, sondern elementar: Es gibt in der Wissenschaft bestenfalls zeitweilige Stabilisierungen und Konsolidierungen in Routinen, die aber naturgemäß je nach Überarbeitung der Thesen, Forschungsfragen und Erkenntniszielen eher früher als später selbst infrage gestellt werden. Dauerhafte Routinedienste für die Wissenschaft sind hierbei bestenfalls im Sinne von Basiskonzepten und vor allem von Standards für Begleit- und Nachweisdienste (Forschungsdokumentation, Datenarchivierung), also metawissenschaftlich, denkbar. Je konkreter die Forschungspraxis und das dazu entwickelte Werkzeug (bzw. je näher an der so genannten Forschungsfront), desto zwingender wird auch eine Weiter- oder gar Neuentwicklung dazugehörender Anwendungen werden.

Was bleibt, sind Lessons-Learned- und Best-Practice-Erkenntnisse, die den jeweiligen Anpassungen zugrunde liegen. Bei einer engen Verzahnung von Bibliothek bzw. Dokumentation mit Forschungsprojekten wäre es beispielsweise ein Embedded Librarian, der mit einem diesbezüglichen Erfahrungswissen hinzugezogen wird und eine Grundsolidität der für ein Projekt notwendigen technischen Begleitdienste garantiert. Und der vielleicht entscheidet, ob auf etablierte Anwendungen zurückgegriffen werden kann/sollte oder Neu- bzw. Weiterentwicklungen unumgänglich sind. Denn ohne Zweifel gibt es trotz des oben Gesagten weite Bereiche der Wissenschaftspraxis, die methodische Nachnutzungen auch aus (wissenschafts-)ökonomischer Sicht als pragmatische Lösung zweckmäßig erscheinen lassen. Wer mit Projektwissenschaft vertraut ist, weiß, dass ein kompromissloses Streben nach neuer Erkenntnis in der Praxis eher die Ausnahme als die Wissenschaftsregel darstellt. Offen bleibt dennoch auch dann, ob bzw. wann man die Forschungsfrage den zur Verfügung stehenden Werkzeuge anpasst oder Werkzeuge zur Forschungsfrage entwickelt. Pauschal ist sie in einer hochdifferenzierten Wissenschaftswelt nicht zu beantworten.

Die zweite Konstellation bezeichnen die Autorinnen als „Service in the making“ und meinen vermutlich einen Ansatz im Einklang mit der beschriebenen Entwicklung: Eine Softwarelösung wird konkret für ein Problem oder einen Forschungsansatz entwickelt. Entwicklerkapazitäten wären unmittelbar und auf Augenhöhe mit den fachwissenschaftlichen Kapazitäten in ein Projekt einzubinden.

Für Bibliotheken könnte man analog eine permanente Interaktion mit den Bibliotheksnutzern parallel stellen. Hier wäre also direkt eine Bibliothekswissenschaft angesprochen, die die Praxen und Entwicklungen in der Wissenschaftskommunikation systematisch analysiert und zu Hinweisen und Leitlinien für die Praxen und Entwicklungen im Bibliothekswesen weiterverarbeitet. Wenn der Bibliothekswissenschaft in diesem Zusammenhang eine Aufgabe zufällt, dann die, den Akteuren der wissenschaftlichen Literatur- bzw. Informationsversorgung – vorrangig aber eben nicht nur Bibliotheken – Orientierungswissen zur Verfügung zu stellen.

Der dritte Konstellationstyp invertiert schließlich das Verhältnis des ersten. Die fachwissenschaftliche Herausforderung dient hier nur als Aufhänger für die Produkt- oder Serviceentwicklung. Die Autorinnen sprechen von der „Materialisierung des informatischen Erkenntnisgewinns.“ (S. 53) Löst man dies von der Wissenschaftspraxis ab, findet man sich schnell im Bereich kommerzieller Software-Entwicklung, zum Beispiel bei Social-Media-Anbietern, die Erkenntnisse der Sozialen Netzwerk-Analyse benutzen, um die Algorithmen hinter ihren Plattformen zu optimieren.

In der Realität finden sich die Konstellationen selten trennscharf ausgeprägt. Vielmehr dürften sie sich selbst dynamisch entwickeln. Persönliche Motivationen dürften ebenso wie Ressourcenlagen und bestimmt auch Opportunitätsüberlegungen eine wichtige Rolle bei der Ausprägung der Schwerpunkte in diesem Wechselspiel zwischen Fachwissenschaftlern und Entwicklern einnehmen. Zumal auf einer Individualebene in der Praxis häufig Doppelrollen übernommen werden. Nicht selten dominieren Akteure, die sowohl einen fachwissenschaftlichen wie auch einen informatischen Hintergrund besitzen. Kombinationsstudiengänge fördern korrespondierend solch interdisziplinäre Grundausrichtungen, wobei sich die wissenschaftssoziologische Überlegung anschließt, inwieweit sich hierdurch bestimmt wissenschaftliche Eliten gezielt etablieren (können). Angesichts der wahrscheinlichen Intensivierung von Verfahren aus den so genannten Digitalen Geisteswissenschaften (bzw. Digital Humanities) ist so beispielsweise die Kombination einer geisteswissenschaftlichen Abschlusses mit einem computerwissenschaftlichen berufsstrategisch sicher eine bessere Wahl, als sich allein beispielsweise auf die Literaturwissenschaft zu konzentrieren. Interdisziplinarität meint in der heutigen Wissenschaftslandschaft möglicherweise weniger den Spagat zwischen zwei Disziplinen und mehr den zwischen einer fachwissenschaftlichen (theoretischen) und einer wissenschaftspraktischen Qualifikation.

Welche der drei Konstellationen sich tatsächlich wie entfaltet, lässt sich naturgemäß durch die Begleitforschung erst im Nachgang eines Projektes abschließend ermitteln. Sie kann aber fraglos, analog u. a. zur Diskursanalyse, die bestimmte Trends in sich konkret vollziehenden Diskursen zu erkennen und zu konstatieren und so auf den Diskurs Einfluss zu nehmen vermag, schon während der Durchführung eines Projektes, feststellen, wie sich Verteilungen entwickeln (Dominanz der Fachwissenschaft oder Dominanz der Informatik) und auf Abweichungen von einer angestrebten Ideallinie in diesem Verhältnis mit dem Ziel einer Korrektur hinweisen. Dies setzt selbstverständlich voraus, dass entsprechende Schwerpunkte und auch Parameter zwischen den Beteiligten ausgehandelt wurden. Beziehungsweise mitunter sogar, dass zunächst einmal ein Verständnis für die soziologische Grundierung dieses Verhältnisses zwischen Wissenschaft und Service für die Wissenschaft besteht. Also eine Sensibilität für die soziale Bedingtheit der Beziehung zwischen dem forschenden Menschen und den technischen / technologischen Dispositiven (Infrastrukturen, Bibliotheksdienste, Software) seiner Forschung sowie denen, die für die Bereitstellung und Entwicklung dieser Dispositive zuständig sind (Rechenzentren, Bibliotheken, Entwickler).

( Ben Kaden / Berlin / 07.01.2013 )

(Anmerkung: Ben Kaden ist aktuell wissenschaftlicher Mitarbeiter im TextGrid-Projekt.)

It’s the frei<tag> 2012-Countdown (27): Unleserlichkeit / Illegibility. Pamela M. Lee über Meyer Schapiro

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Referate by Ben on 20. Juli 2012

von Ben Kaden

„Then I will be very happy: write furiously rapid notes  …” (Brief Meyer Schapiro an Lilian Schapiro, 21.Juli 1927. Zitiert nach Daniel Esterman (Hrsg.): Meyer Schapiro abroad: letters to Lillian and travel notebooks. Los Angeles: Getty Research Institute, 2009. S. 96)

Pamela M. Lee, Kunst- und Kulturwissenschaftlerin in Stanford, befasst sich in ihrem Aufsatz für die Documenta (100 Notizen – 100 Gedanken, No. 030. Ostfildern: Hatje Cantz, 2011) mit einem Thema, dass jedem nahe steht, der wild denkt und seine Notizen nach wie vor nicht nur als diszplinierten (=maschinenlesbaren) Code in Twitterfeeds und Smartphone-Apps einträgt, sondern auf Papier fixiert: Der Unleserlichkeit.

Und die Autorin setzt mit einem beneidenswerten Optimismus ein:

„[…] wenn wir auf Notizen stoßen, und vor allem, wenn diese unleserlich sind, ob nun von anderen oder von uns selbst verfasst, beginnen wir, ihre Funktion bei der Überlieferung, ihre offenkundige Rolle als Niederschrift zu hinterfragen.“ (S. 16)

Viel mehr bleibt uns mangels Zugang zum gefassten Inhalt ja auch nicht übrig. Informationstheoretisch handelt es sich bei unleserlichem Text dieser Art eigentlich nur um Rauschen. Dass die Auseinandersetzung mit diesem gesonderte intellektuelle Produktivität stimuliert, uns also eventuell gar berauscht, kann ich persönlich kaum nachvollziehen. Gerade bei meinen eigenen Notizen überfällt oft eher eine Katerstimmung und ich ärgere mich, von der Motorik anscheinend nur die groben Züge als genetische Mitgift erhalten zu haben.

Aber wenn wir im Essay weiterlesen und Pamela Lees eigentliche Perspektive zur „Semiotik der Unleserlichkeit“ erfassen, wird es ein wenig heller. Denn sie liest das Unleserliche in der Tat nicht auf den eigentlichen Inhalt, sondern als Verweis auf den dahinterstehenden Denkprozess, also auf eine Situierung vollzogener intellektueller Aktivität. Der Federstrich (oder die Ballpoint-Linie) stehen für die Verkörperung des Bemühens, einem Gedanken oder Eindruck Form zu geben. Und damit öffnet sich ein großer Analyseraum, der viel über die spezifische geistige Arbeit der jeweils analysierten Einzelakteure offenbaren kann. Oder ihre präferierten Schreibwerkzeuge. Oder über den Ort, an dem sie Notizen verfertigen (Eine Notiz, die auf einer Straßenbahnfahrt entsteht zeigt selbst in derselben Handschrift andere Züge und mitunter auch die Spur eines abrupten Bremsens.) Pamela Lee zieht für die Analyse sich selbst sowie den Kunsthistoriker (und zeitweiligen Redakteur von Semiotica) Meyer Schapiro heran:

„Die Untersuchung beginnt in meiner eigenen Bibliothek. Ich nehme ein Buch aus dem Regal […] [das] ich mir vor über zwanzig Jahren als Studentin gekauft habe. Beim Durchblättern stoße ich auf Passagen, die energisch unterstrichen und mit Sternchen markiert sind. Die wenigen leeren letzten Seiten des Buchs sind mit allen möglichen Notizen in unterschiedlichen Schriftarten gefüllt. […] Das Ganze sieht aus wie ein […] verfehltes Experiment in Konkreter Poesie.“ (S. 17/18)

Aus diesem Eindruck stellt sich ihr (zum ersten Mal) die Frage, aus der sich die Eingangsthese speist, nämlich welchen Zweck eigentlich Notizen haben (können), die sich der Leserlichkeit (zu unterscheiden von der Lesbarkeit) entziehen? Was also ihren Wert jenseits der inhaltlichen Aussage bestimmt?

Rein semiotisch gedacht betrachten wir damit die mögliche Deutbarkeit solcher Spuren als (genuin) indexikalische Zeichen. Sie referenzieren direkt auf akteurs- und kontextspezifische Eigenschaften, also eine besondere pragmatische Dimension: die Erzeugung von Spuren. Orientieren wir uns an Peirce berühmtem Beispiel des Fußabdrucks am Sandstrand bei Robinson Crusoe, dann zeigt sich natürlich auch eine verwischte Randbemerkung als „mixed sign“ mit verschiedenen Verweisebenen: Von der Tatsache der Lektüre an sich bis hin zum abstrakten Konzept der Annotation. Das alles aufzudröseln ist freilich keine Sache von wenigen Seiten und so sieht man Pamela Lee nach, dass sie es in ihrem Aufsatz unterlässt.

Lieber greift sie – mit einem kurzen Umweg über Sigmund Freud –nachvollziehbar zu Jacques Derrida und sieht in ihren Supplementen am Textrand eine Verstärkung (man könnte auch sagen: den Beweis) der Anwesenheit des Lesers. Die in der Regel immer als Code leserlichen Annotationen und Markierungen (Like-Button) der digitalen Kommunikationswelt enthalten naheliegend zahllose Anknüpfungspunkte für das Weiterdenken dieser Präsenztheorie. Dieses müssen wir ebenfalls selbst leisten, denn Pamela Lee steigt weiter ins Archiv Meyer Schapiros. Dabei formuliert sie die ebenfalls mehrschichtige Frage, was wir eigentlich erwarten, wenn wir uns mit den Nicht-Publikationen – also Notizen, Briefen, Entwürfen und Manuskripten – eines Wissenschaftlers befassen?

Sie unterscheidet zwei Ziele:
(1) Das Auffinden von Material zum Stützen einer Hypothese.
(2) Die „Hoffnung […], zu unserem Thema etwas vollkommen Neues und Merkwürdiges zu entdecken – etwas, das früheren Interpretationen den Boden entzieht und zu einem Wechsel kanonischer Paradigmen führt.“ (S. 19) Also im Prinzip ein Beleg zum gnadenlosen Wegschlagen der Stützpfeiler einer Hypothese.

Als dritte Option würde ich als Freund der Serendipity noch die Variante des Findens der Grundlage für die Ausfertigung einer Hypothese betonen. Und die vierte Variante führt Pamela Lee wieder selbst ins Feld, nämlich „über den Notizen einer historischen Figur zu grübeln und festzustellen, dass sie kaum brauchbare Informationen abwerfen“. (ebd.) Aber vielleicht stattdessen die Forschungsfrage umwerfen. In der Auseinandersetzung mit Archivmaterial langsam aber unvermeidlich in Richtung einer grundlegenden Falsifikation des eigenen Forschungsansatzes zu rutschen, ist womöglich eine der grausamsten Facetten wissenschaftlicher Alltagsarbeit.

Meyer Schapiros Nachlass zwang nun Pamela Lee ein wenig in die Knie, ist doch „die Unleserlichkeit ein wesentliches Merkmal seines Archivs“ (S. 20). Und: „Die Menge der Notizen, die sich im Lauf eines Lebens angesammelt haben, ist beängstigend, und ihre schwere Lesbarkeit ist einschüchternd.“ (S. 21) Dazu kreist über allem die immer wieder berühmte Kinderfrage Gottfried Benns: Wozu?

Pamela Lee differenziert sich diese in Fortführung der bereits anhand ihrer eigenen Notizen aufgekommenen Überlegungen und eröffnet damit ein wunderbares archivwissenschaftliches Forschungsfeld, das dabei helfen könnte, über die Kriterien des Bewahrens zu reflektieren:

(1) Worin liegt der praktische Zweck dieser „besonderen Sammlung von Notizen, deren überwältigende Mehrheit unentzifferbar ist“? (ebd.)
(2) „Welcher Art von Wissen vermitteln oder produzieren diese Notizen?“ (ebd.)
(3) „Wie sollen wir sie nutzen?“ (ebd.)
(4) „Wie hat Schapiro sie genutzt?“ (ebd.)

Doch auch die Antworten darauf bleiben eher Andeutungen von Antworten.

Das Konvolut im Archiv und seine Verfasstheit ließen sich sicher selbst als Dokument und Dokumentation sehen, die geradewegs andere Aspekte (die konkrete Arbeitsweise, die Entwicklung der Arbeitsweise) in den Mittelpunkt einer Analyse rücken. Pamela Lee betont denn auch den generellen historiografischen Wert der Sammlung. Das einzelne Element erscheint ihr jedoch als Träger von „Codes ohne Botschaft“. Also als buchstäblich sinnlos.

Möglicherweise aus dem Widerstreben, eine solche Einschätzung einfach stehen zu lassen, dehnt sie anschließend das Phänomen der Unleserlichkeit zum „faktischen Widerstand gegen ihre Unterordnung unter die Vernunft.“ (ebd.) Damit holt sie schon ziemlich weit und wird sich irgendwann auch selbst nicht mehr einholen.

Wenn sie nämlich schließlich die selbe Unleserlichkeit, dieses „Zeichen für die Irreduzibilität der Notizen, für das Scheitern des leichten Konsums“ als (implizit geäußertes) Ausleben des Widerstands gegen die Illusion einer Semiotik als Werkzeug zur „bruchlosen Interpretation“ und die „Überdeterminiertheit ikonografischer und textueller Lesarten“ anführt, dann wirkt das zwar sehr sympathisch und ich wünschte, ich könnte meine Notizbücher als Subversion (mutmaßlich auch gegen mein eigenes Denken) lesen.

Aber solch eine nachgeschobene Selbstrechtfertigung ist wenig glaubwürdig. Und in gleicher Form wirkt Pamela Lees Schlussfolgerung wenigstens in dem vorliegenden Essay eben auch als Notlösung, um aus dem Scheitern an der Handschrift noch irgendetwas Begreifbares heraus zu meißeln.

Das Lob der Widerspenstigkeit gegen die Vereinnahmung und das Postulieren eines „unbeabsichtigten Affront gegen den Druck, unter dem intellektuelle Arbeit heutzutage [sic!] stattfindet“ angesichts unleserlicher Mitschriften, die während der Second International Conference on Semiotics (12. bis 19.09.1967 in Kazimierz na Wisla) entstanden, erscheinen doch eine Drehung zu wohlwollend (bzw. psychologisierend). Denn möglicherweise hat sich Meyer Schapiro auch einfach nur ein bisschen während der Vorträge gelangweilt. Unglücklicherweise – für den Aufsatz – beginnen die Leser spätestens an dieser Stelle Funktion und Rolle dieses Aufsatzes zu hinterfragen.

Unleserlichkeit

Unleserlichkeit ist ein Anagramm von Urteilchen Silke (und vice versa) und wie diese Zeichenkette nur schwer hinsichtlich einer Bedeutung entzifferbar. Aber gerade Geistesarbeiter in den tiefen Stollen der Handschriftenarchive begeben sich, mit welcher Motivation auch immer, dennoch regelmäßig in diese ermüdende Sinnsuche in den Textspuren der Anderen. All diesen ist das nachfolgende Gedicht gewidmet, das zeigt, wie nahe Wissenschaft, Romantik und die Urgründe des Daseins einander stehen (können).

Nur zwei Dinge (Wissenschaftsremix)

Durch so viel Spuren gegraben,/durch Text und Bild.. Und nu`?/
Was uns noch bleibt, ist verzagen./Und die ewige Frage: wozu?/ Das ist eine Kinderfrage./ Dir wurde erst spät bewusst: / es gibt nur eines: ertrage /
– ob These, Gesetz, Forschungsfrage – / dein fachbestimmtes: Du musst. /
Ob Lee, Schapiro, ob Kaden, /wer etwas per Hand schreibt, verschmiert, /
es gibt nur zwei Dinge: die Lagen / und das drauf verzeichnete Hier.

Dass eine Form von Wissenschafts-Fadesse Meyer Schapiro nicht zwingend fremd gewesen sein muss, deutet immerhin auch eine Passage in dem bereits eingangs zitierten Brief an Lilian an:

„The minuteness of such work becomes ridiculous […] that I despair of its seriousness. […] I know that after 1000 monographs have exhausted a million details, their blurred image will make a fine picture for the people who are taken by those things, May they be taken by other things. The professional habit becomes so strong that vanity is reinforced each moment by simple success of its preoccupations. The humility of unpaid, unsung scholarship is a foolish tale: I am overwhelmed by the libraries of the world which surely contain 10,000,000 monographs – & the books, stores & quais […] What business man has the circulation of a poor thesis? the discussion, the review, the endless citation & recollection of his existence in footnotes & polemics?” (ebd.)

Vielleicht ist Pamela Lee also doch auf der richtigen Fährte und die Unleserlichkeit der privaten Notizen Meyer Schapiros diente als ein in die Zukunft gerichtetes Bollwerk um zu verhindern, dass irgendwann noch das kleinste Detail zum Forschungsgegenstand erhoben wird. Nun denn – der Aufsatz als Tatsache (nicht unbedingt sein Inhalt) zeigt:  Diese Schanze hielt ganz offensichtlich nicht stand.

Berlin, 17.07.2012