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Warum die Publikation von Forschungsdaten nach wie vor ein begrenztes Phänomen bleibt.

Posted in LIBREAS.Referate by Ben on 5. April 2017

Eine Notiz im Anschluss an

Jens Klump: Data as Social Capital and the Gift Culture in Research. In: Data Science Journal. 16, p.14. DOI: http://doi.org/10.5334/dsj-2017-014

von Ben Kaden (@bkaden)

Wer sich mit dem Thema der Forschungsdatenpublikation befasst, kann die Lücke zwischen allgemeinen in Forschungsdaten-Policies verkündeten Anspruch an einen offenen Zugang zu diesen Daten und der Wissenschaftspraxis nicht übersehen: Trotz aller wohlbegründeten Argumente ist die Zahl der publizierten Datensätze sehr überschaubar. Andererseits ist das Konzept der Forschungsdatenpublikation nur dann wirklich nachhaltig und sinnvoll, wenn solche Veröffentlichungen nicht insular und aus dem Enthusiasmus einzelner Forschender heraus geschehen, sondern dort, wo sie sinnvoll sind, ein Eckstein wissenschaftlichen Austauschs bilden. Wissenschaft lebt von Systematizität. Wenn Forschungsdatensätze eher zufällig auf einem Repositorium landen, ist es sicher besser als keine Verfügbarkeit. Aber es ist eben nicht wissenschaftlich und ähnelt im Fall einer Nachnutzung eher dem glücklichen Zufallsfund im Archiv, während der Normalfall bleibt, dass man keine Daten für seine Forschungsfrage findet. Auch wenn es eigentlich welche gäbe.

Gemeinhin werden drei Gründe für Forschungsdatenpublikationen benannt: Forschungstransparenz, Nachnutzung und der Erwerb wissenschaftlicher Reputation. Abgesehen von ethisch besonders motivierten Publizierenden dürfte vor allem der Aspekt einer die Anrechenbarkeit von Forschungsdatenpublikationen als wissenschaftliches Kapital der Schlüssel zu einer weiteren Verbreitung sein. Insofern ist es unter anderem wichtig, Datenpublikationen so zitier- und verfügbar zu halten, wie es auch Aufsatzpublikationen sind. Die übergeordnete Sachlage ist aber selbstverständlich komplexer.

In einem aktuellen Aufsatz für das Data Science Journal geht nun Jens Klump der Frage nach, weshalb Data-Sharing-Policies bisher nur begrenztes Echo in den Fachkulturen und ihren Kommunikationspraxen finden. Er nähert sich der Frage wissenschaftssoziologisch und argumentiert nachvollziehbar, dass es nicht ausreicht, Forschungsdateninfrastrukturen aufzubauen. Vielmehr, so lässt sich ergänzen, sind diese eine Basisanforderung, um Data-Sharing-Praxen zu stimulieren. Entscheidend ist jedoch eigentlich, die Verfassung des sozialen Systems der Wissenschaft als eine „Reputation Economy“ zu verstehen und aus diesem Verständnis heraus passende Ansatzpunkte für Anreize zu setzen. Der einschlägigen Infrastrukturforschung bescheinigt Jens Klump dahingehend Defizite. Wenn also in der Reputationsökonomie der Wissenschaft die eigenen wissenschaftlichen Handlungsmöglichkeiten (z.B. über Fördermittel und Anstellungen) mittels kommunikationsbasierten Erwerb von Reputation und wissenschaftlichem Status gesichert und ausgebaut werden, dann sollte das Phänomen der Forschungsdatenpublikation folgerichtig in dieses System grundlegend integriert werden.

Interessant ist nun die durch den Übergang von einer vorwiegenden Individualwissenschaft zu einer Kollaborationswissenschaft (oft, aber nicht nur, in Gestalt von Großforschung) auftretende Verschiebung der Anforderungen. Im zweiten Fall bedarf es für eine Karriere mehr als Reputation – es gilt die Balance zwischen Reputationsgewinnen und Kollaborationsgewinnen zu finden. Man muss also in der kollaborativen Forschung nicht nur als Individuum wissenschaftlich hochklassig arbeiten, sondern zugleich an den richtigen Punkten ein geschickter Teamspieler sein.

Zwangsläufig betonen und belohnen, wie auch Jens Klump herausstellt, kollaborativ orientierte Fachkulturen das Teilen von Forschungsressourcen und also auch Forschungsdaten stärker als Kulturen, in denen der Schwerpunkt hauptsächlich auf  dem Reputationsgewinn des einzelnen Forschers liegt. Zieht man dies heran, erklärt sich auch das Spannungsverhältnis zwischen den sehr auf Kollaboration gerichteten Digital Humanities und den traditioneller ausgerichteten Geisteswissenschaften, bei denen sich Forschende häufig selbst als primär Werkschöpfende mit allen Ansprüchen an eine so genannte „Werkherrschaft“ sehen. Die aktuellen deutschen Urheberrechtsdebatten (Stichwort Publikationsfreiheit.de) könnten also maßgeblich von der Sorge um Reputationseinbußen getrieben werden. Zugleich stehen sie deutlich erkennbar den Ansprüchen kollaborationsorientierter Wissenschaft entgegen. Während die traditionellen Individualwissenschaften Erkenntnis primär zentriert auf den individuellen Forscher als Erkennenden (und idealweiser Ersterkennenden) gelesen und interpretiert haben, fokussieren, so eine natürlich etwas verkürzte Deutung, Kollaborationskulturen viel stärker den Forschungsgegenstand und das Erkenntnisziel als Fixpunkte. Sie behandeln die Forschenden zwar nicht als beliebig austauschbar, aber doch als stärker hinter die Forschungsziele zurücktretend. Ist das eigentliche Ziel nun idealerweise der Erkenntnisfortschritt selbst, so scheint es auch deutlich plausibler und vermittelbarer, dass zum Beispiel die Bereitstellung von Forschungsdaten für die Community im Sinne dieses Fortschritts stärker zu gewichten ist, als der individuelle Anspruch als Erheber dieser Daten auch eine umfassende Datenherrschaft ausüben zu können.

Individualwissenschaftliche Praxen knüpfen dagegen stärker die Originalität einer Erkenntnis an die konkrete forschende und erkennende Person als Urheber. Zu viel Transparenz oder gar die Bereitstellung der eigenen Datengrundlage (zum Beispiel in Form von Annotationen) für ähnlich motivierte Forschende (=Konkurrenten) wird zwangsläufig als erhebliche Preisgabe wissenschaftlichen Kapitals gesehen, aus dem das soziale Kapital gewonnen wird, mit man seine Karriere macht.

Einen Sonderfall stellt die Auftragsforschung dar, wenn sie das Ziel des Intellectual Property mit Teamforschung verbindet und zum Beispiel Patentierbarkeit des Erkenntnisproduktes anstrebt. Dann greifen ähnliche Zurückhaltungsmechanismen und eine Preisgabe u.a. der Datengrundlage oder auch der Verfahrensbeschreibung ist vor Sicherung des Patents und damit des rechtlich stabilisierten Verwertungsanspruchs unbedingt zu vermeiden.

Mit der Zunahme von Public-Private-Partnership-Projekten verkompliziert sich die Frage nach den Anreizen zum Teilen von Forschungsdaten demnach zusätzlich. Wissenschaft ist somit keinesfalls als isoliertes soziales System zu betrachten, auch wenn diese Sicht zunächst einmal hilft, um über die Idee einer idealtypischen Reputationsökonomie nach den passenden Interventionspunkten zugunsten einer stärkeren Öffnung wissenschaftlicher Arbeit zu suchen. Die Kommodifizierung der Erkenntnisproduktion verlagert den als für das wissenschaftliche Verhalten bestimmend definierten Peer Pressure in stärker rechtlich regulierte Bedingungen. Für denkbare Anreize zum Teilen von Forschungsdaten und -verfahren muss dies nicht schlecht sein, weil man auf rechtlichem Wege stärker auch verbindliche Mandatierungen anstreben kann – so wie die Nicht-Veröffentlichung bereits jetzt bei der Auftragsforschung klar mandatiert wird.

Abgesehen davon ist es zweifellos nach wie vor sinnvoll, auch die impliziten Normen des sozialen Systems Wissenschaft zu adressieren. „[P]ublishing data must add to reputation“ (vgl. Klump, S. 5) ist eine Basisformel für das Schaffen von Anreizen für die Forschungsdatenpublikation, die jede/r in diesem Bereich Aktive berücksichtigen sollte. Denn ohne die Aussicht auf einen potentiellen Reputationsgewinn wird es schwer, den erheblichen Mehraufwand einer soliden Datenpublikation zu vermitteln. Wissenschaftsethische Argumente werden selbstverständlich gern gehört und Ideen einer Open Scholarship stoßen selten auf Widerspruch. Ebenso selten haben sie freilich eine Wirkung, die über ein „Ja, man müsste..“ hinausreicht. Der aktuell wirksamste Weg zur Anregung von Datenpublikationen scheint die zunehmende Einforderung von Begleitdaten durch (High-Impact-)Journals, die einen gewissen Zwang mit einem Reputationsversprechen verknüpft. (vgl. zu solchen Supplementary Materials auch diesen Artikel im eDissPlus-Blog)

Dass Datenzitation (und Zitationsindices) und damit einhergehend Reputationsgewinne jedoch vergleichbar mit dem Publizieren von formalen Wissenschaftspublikationen wie Aufsätzen und auch Monografien größeren Einfluss haben werden, scheint trotz allem aktuell wenig wahrscheinlich. Während eine wissenschaftliche Erkenntnis selbst publiziert werden muss, um gelten zu können, ist dies für die ihr zugrundeliegenden Forschungsschritte nicht erforderlich. Für den Weg zur Erkenntnis reicht meist eine kurze Schilderung als Beleg des wissenschaftlichen Vorgehens. Eine weitere Anreicherung um zusätzliche Materialien wie umfassende Forschungsdaten scheint dagegen nicht zuletzt angesichts der schon lange beklagten Publikationsflut (und damit Rezeptionskrise) kaum als Default-Modus gewünscht. Zudem ist auch so nicht jeder Datensatz zur Nachnutzung geeignet oder zur Feststellung des Werts der daraus gewonnen Erkenntnis notwendig. Schließlich stehen sehr häufig auch einfach persönlichkeits- und datenschutzrechtliche Aspekte als unverrückbare Hürden vor einer möglichen Datenpublikation.

(Offenes) Data-Sharing dürfte daher auch langfristig nur in bestimmten Forschungsbereichen relevant werden. In diesen jedoch ist eine umfassende Abdeckung fraglos erstrebenswert. Und auch bereits für diese keineswegs eindeutig bestimmten und überschaubaren Felder haben Infrastrukturforschung und Policy-Entwicklung noch viel Arbeit vor sich. Daher könnte es sogar förderlich sein, das Ideal einer vollumfänglichen Open-Data-Kultur zugunsten einer differenzierteren Sichtweise zu relativieren um anhand schärfer bestimmter Zielgruppen und -szenarien die passenden Anreize definieren zu können.

(Berlin, 05. April 2017)

Wer übernimmt was? Zum Verhältnis von Digital Humanities und Geisteswissenschaften.

Posted in LIBREAS.Debatte, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 12. September 2013

Ein Kommentar von Ben Kaden (@bkaden)

Der Beitrag ist zwar nach den Zeitrechnungsstandards des WWW schon uralt, da er aber offensichtlich in der deutschen Digital-HumanitiesCommunity für einigen Wirbel sorgt und mir, nachdem er sich scheu unter meinem ansonsten schon zuverlässig zugreifenden Radar hindurch geduckt hatte, nun noch einmal mit Nachdruck (bzw. als Ausdruck) auf den Schreibtisch gelegt wurde, will ich doch wenigstens meine Kenntnisnahme dokumentieren.

Am 19.07.2013 druckte die Frankfurter Allgemeine Zeitung auf der Themenseite Bildungswelten (S. 9) einen Beitrag des Literatur-Juniorprofessors Jan Röhnert (TU Braunschweig, Wikipedia-Seite) mit dem Titel Feindliche Übernahme? Die Geisteswissenschaften wehren sich gegen falsche Ansprüche der Informatik, aber setzen auf die „Digital Humanities“. Er berichtet vom „Gespenst einer feindlichen Übernahme [der geisteswissenschaftlichen] Fächerkultur durch die Dogmen der Informatik.“ , was offensichtlich derzeit das heißeste Eisen im Metadiskurs der Geisteswissenschaften zu sein scheint. Jedenfalls auf dem Sommerplenum 2013 des Philosophischen Fakultätentages in Chemnitz im späten Juni.

Eigentlich handelt es sich um einen Methodenstreit, denn die Geisteswissenschaften fürchten ihre Mathematisierung und damit einhergehend die Verdrängung von Interpretation bzw. Hermeneutik. Erstaunlicherweise ist die Bibliothekswissenschaft hier einen Schritt voraus, denn ähnliche Debatten wurden am Berliner Institut bereits Ende der 1990er Jahre rege ausgefochten, wobei die zweite Seele (meist die biblio- bzw. szientometrische) lange Zeit parallel irgendwo unter der Bezeichnung „wissenschaftliche Informationsversorgung“ oder auch „Dokumentation(swissenschaft)“ parallel an ihrer Entfaltung arbeitete, um schließlich mit der nahezu Volldigitalisierung bibliothekarischer Datenverarbeitungsprozesse und endlich auch mehr und mehr der Bibliotheksbestände zur bestimmenden wurde. Dass die Gegenstände der Bibliothek digitalisiert wurden ist insofern von Bedeutung, als dass diese Digitalisierungen zugleich häufig die Gegenstände der Geisteswissenschaften (nämlich Texte) digitalisierten und so erst die Digital Humanities möglich machten.

Der Paradigmenwechsel, den laut Jan Röhnert der Bremer eScience-Fachmann Manfred Wischnewsky einfordert, vollzog sich dort schon weitaus früher und mittlerweile sind alle Facetten metamedialer Auseinandersetzung mit analogen Bibliotheksbeständen (Einbandkunde, Buchgeschichte, u. ä.) längst aus den Lehrplänen des Berliner Instituts verschwunden. Das Medium Buch ist für die Bibliothekswissenschaft in Berlin weitgehend irrelevant geworden. Betrachtet man die Debatten der Digitalen Geisteswissenschaften aus einer medialen Warte, geht es dort um einen ganz ähnlichen Schritt: Die Auflösung des Einzelobjekts, also in der Regel eines Werkes, das in der Literaturwissenschaft oft klassischerweise in direkter Beziehung zum Medium Buch oder etwas ähnlich Berührbarem steht.

Es sind verschiedene Stränge, die im Diskurs zusammen- und auch aneinander vorbei laufen. Jan Röhnert berichtet von Positivismus-Vorwürfen und dem bekannten und aus irgendeinem Grund gepflegten Irrtum, bei dem man „quantitativ erzeugte technische Simulationen bereits als qualitativen Wissenszuwachs ausgibt.“

Zumal der Wissensbegriff selbst, wie heute jedem bewusst sein dürfte, mit oft myopischem Blick auf ein Simulacrum verweist. Abstrakt ist das Wort „Wissen“ auch durch seine Übernutzung in den vergangenen Jahrzehnten derart zu einem substanzarmen Textbaustein eingeschrumpft, dass eigentlich jeder mit etwas Sprachbewusstsein ausgestattete Diskursteilnehmer auf dieses Hohlwort zu verzichten bemüht sein sollte.  Dann würden vielleicht auch die aus dem mit dem Ausdruck „Wissen“ fast  verbundenen Anspruchsdenken nicht ganz unzusammenhängenden Missverständnisse reduziert.

Aus einer distanzierten Warte ist die Aufregung ohnehin unverständlich, handelt es sich bei den Digital Humanities doch ganz offensichtlich nicht um die Fortsetzung der Geisteswissenschaften mit digitalen Methoden, sondern um die Auseinandersetzung mit traditionell geisteswissenschaftlichen Gegenständen mittels digitaler Aufbereitungs- und Analysewerkzeuge. Es ist eher eine neue Form von Wissenschaft, die hier entsteht. Dass man sich einer geistigen Schöpfung nach wie vor auch hermeneutisch nähern kann (und zum Wohle der Menschheit auch zukünftig muss), sollte außer Frage stehen. Bedenklich wird es erst, wenn Förderinstitutionen Durch- und Weitblick verlieren und aus Zeitgeist-, Marketing- oder anderen Gründen denken, dass man die Unterstützung für die Geisteswissenschaften auf die Digital Humanities umschichten sollte. Diese Angst ist, wie man oft von Betroffenen hört, nicht ganz unbegründet und wahrscheinlich die eigentliche Essenz der Behauptungskämpfe.

Inhaltlich verwundert dagegen (nicht nur) aus einer semiotischen Warte, warum die traditionellen Geisteswissenschaften (eine behelfsmäßige Formulierung in Abgrenzung zum Ausdruck der „digitalen Geisteswissenschaften“) ihre hermeneutische Kompetenz nicht noch stärker auf natur- und sozialwissenschaftliche Gegenstandsbereiche ausweiten. Wer beispielsweise Franz Hessels Stadtraumlektüren kennt, weiß sofort, dass sich jedes beobachtbare soziale Gefüge genauso wie auch die Geometrie als Narrativ lesen und verstehen lässt.

Übrigens auch die Debatte um die „Feindliche Übernahme“, wobei Jan Röhnert unnötig in die – etwas wohlfeile –  Parallele zu geheimdienstlicher Datenanalyse stolpert:

„Solche Software, die  – nicht unähnlich den kürzlich aufgedeckten Spionageprogrammen „Prism“ und „Tempora“ –  unvorstellbar große Informationsmengen analysiert […]“

So naheliegend die Ähnlichkeit ist, so unglücklich ist der Vergleich. Denn dass natürlich geheimdienstliche Aufklärung seit je massiv auch auf interpretatorische, teilweise sicher auch hermeneutisch inspirierte Verfahren setzte, steht genauso außer Frage. Die Parallele ist keinesfalls neu und als kritisches Argument nur tauglich, wenn man sie auch entsprechend erläutert. In der Länge dieses Artikels ist das freilich nicht möglich. Dabei liegen mit den zitierten Positionen von Gerhard Lauer und Malte Rehbein eigentlich schon sehr konsensfähige Positionen auf dem Tisch und im Text und auch Jan Röhnert beendet seine Schilderung derart versöhnlich, dass man als außenstehender Beobachter die Aufregung gar nicht versteht. Übrigens auch nicht die, der Digital-Humanities-Community, von der mir heute berichtet wurde.

 (Berlin, 12.09.2013)