LIBREAS.Library Ideas

Studien zur Nutzung von Bibliotheken in Frankreich

Posted in LIBREAS.Rezension by Karsten Schuldt on 11. September 2019

Karsten Schuldt

Zu: Yolande Maury; Susan Kovacs; Sylvie Condette (dir.). Bibliothèques en mouvement. Innover, fonder, pratiquer de nouveaux espaces de savoir. (Information – Communication). Villeneuve d’Ascq : Presse universitaires du Septentrion, 2018

 

Von 2013 bis 2015 gab es in Frankreich Forschungsmittel für zwei soziologisch / ethnologische Projekte zur Nutzung von Bibliotheken (Wissenschaftliche, Öffentliche und „centres de documentation et d’information”, CDI – die französischen Formen von Schulbibliotheken) durch Nutzer*innen und Bibliothekar*innen. Die Projekte wurden von Forschenden verschiedener Universitäten in zahlreichen Unterprojekten und vor allen in Gemeinden um Paris und Marseille durchgeführt. Im Band „Bibliothèques en mouvement” wurden im letzten Jahr die Ergebnisse dieser Untersuchungen vorgelegt. Gründe für die Verzögerung sind nicht ersichtlich, aber sie ist dennoch relevant, da in den letzten Jahren bekanntlich weitere Entwicklungen in Technologie, Medien und gewiss auch französischen Bibliotheken stattfanden.

Einige Schwachstellen des Buches

Ebenso nicht ersichtlich ist die Rolle, die Bibliotheken in diesen Forschungen spielten – wurden sie nur untersucht oder hatten sie selber Anteil daran, dass die Projekte überhaupt zustande kamen? Das ist nicht unwichtig. Die Hauptthese des Buches ist, dass es ungefähr seit dem Jahr 2000 sowohl in Medien und Technologie als auch in Bibliotheken zu massiven Veränderungen gekommen sei. Die Studien sollen erfassen, wie die Bibliotheken in der neuen Medien- und Technologielandschaft funktionieren. Aufhänger für viele der Unterprojekte sind „Learning Centre”, welche in diesen Jahren in französischen Bibliotheken eingerichtet wurden, sowohl in Universitäten als auch in Schulen, wo sie zur Modernisierung (der schon in den 1970ern als moderne Bibliotheksform eingerichteten und in den 1990ern, unter anderem durch eine eigene Ausbildung des Personals als „professeur documentaliste”, professionalisierten) CDI genutzt wurden. Es ist, um das vorwegzunehmen, ein Problem des Buches, diese Veränderungen überhaupt nicht zu zeigen (dazu sind ethnologische und interpretative Methoden, die in den Studien verwendet wurden, vielleicht auch nicht geeignet), sondern aus Policy-Dokumenten und Darstellungen von Bibliothekar*innen abzuleiten. Es ist nicht klar, ob dies von Bibliotheken motiviert wurde oder ob die Forschenden von sich aus diese Vorstellungen entwickelt haben. Es ist zumindest ein Schwachpunkt, da die Studien immer Momentaufnahmen zeigen, aber behaupten, daraus auch Entwicklungen ableiten zu können.

Eine weitere Schwierigkeit mit dem Buch ist wohl, dass es – aus guten Gründen – eingebunden ist in französische akademische Denkstrukturen. Immer wieder wird auf französische Philosophie und Ethnologie zurückgegriffen, aber wenig erläutert. Das macht das Buch nicht unlesbar, aber Vorwissen über diese Denktraditionen ist von Vorteil für das Verständnis der Diskussionen in ihm. Einige Texte – vor allem eher philosophische Reflexionen über die Veränderung von Wissen im digitalen Zeitalter –, die wenig zum eigentlich Thema des Buches beitragen, sind wohl nur aus diesen akademischen Traditionen zu verstehen.

Der Blick von aussen auf Bibliotheken

Dabei soll nicht der Eindruck erzeugt werden, dass das Buch unnötig oder durchgängig problematisch wäre. Beachtet man seine Grenzen, dann ist es beachtlich. Zuerst ist es bemerkswert, dass überhaupt solche Studien finanziert wurden. Das wäre im DACH-Raum nicht zu erwarten. Interessant auch, dass sich Forschenden aus anderen Bereichen – und gerade nicht aus der bibliothekarischen Fachhochschule enssib (École nationale supérieure des sciences de l’information et des bibliothèques) – fanden, welche zu dieser Frage forschen wollten. Gerade letzteres ist auch eine Stärke der Studien, da hier Forschende ohne den Wunsch, unbedingt etwas positives (oder negatives) über Bibliotheken beweisen zu wollen, ihre Methoden anwandten, um zu klären, wie Bibliotheken genutzt werden. (Dabei zeigen sie auch gleichzeitig, dass sie die Bibliotheken sehr wohl als relevante Einrichtungen wahrnehmen.)

Die angewandten Methoden sind letztlich nicht sehr zahlreich: Es wurden viele Interviews geführt, Beobachtungen durchgeführt, Photos und Pläne als Artefakte erstellt und ausgewertet, Umfragen durchgeführt und zudem wurde – wie schon gesagt – zum Teil auf philosophische Theorien zurückgegriffen. Das ist alles in der Bibliotheksforschung nicht vollkommen neu, aber doch eindrucksvoll, diese versammelt zu sehen. Offensichtlich, so zeigt das Buch, sind die Methoden wirklich geeignet, Bibliotheken zu untersuchen. Hingegen sind die untersuchten Bibliothekstypen – wie ebenso schon erwähnt – divers. Auch wurde darauf geachtet, nicht etwa nur Metropolbibliotheken zu untersuchen, sondern eher solche in den Vorstädten und kleineren Gemeinden, die wohl besser „normale” Bibliotheken repräsentieren.

Nutzung der Bibliotheken: Gut, aber unaufregend

Während das Buch selber davon ausgeht, dass Veränderungen stattfanden, zeigen die Untersuchungen selber eine weniger aufregende Nutzung der Bibliotheken. Yolande Maury berichtet zum Beispiel von einer Studie über relativ neu eingerichtete Learning Centre in Universitäten. Es wurde vor allem die Raumaufteilung und die Raumnutzung beobachtet. Alle Centre wurden so eingerichtet, dass es laute und leise Zonen gäbe, denen spezifische Funktionen, die teilweise für die Bibliotheken neu sein sollen, zugeschrieben wurden. Die Zonen waren immer so angeordnet, dass sich die lauten in der Nähe des Eingangs befänden. Gleichwohl wurden die Learning Centre nicht so genutzt: In allen gab es eine sichtbare Nutzung, aber vor allem eine sehr ruhige. Trotz all der Zonen und anderen Angebote arbeiteten die Studierenden hauptsächlich ruhig und für sich alleine. Sie richteten Arbeitsplätze halb privat ein, indem sie diese mit eigenen Materialien, Mänteln und Taschen für sich markierten. (Etwas, was auch in anderen Studien in anderen Ländern mehrfach beobachtet wurde.)

Isabelle Fabre und Cécile Gardiès untersuchten die Nutzung eines Learning Centre, welches in einem CDI eingerichtet wurde (als eigener, einigermassen flexibel zu nutzender Raum) und stellten fest, dass die Schüler*innen diesen je nachdem nutzen, welche Aufgaben sie zu erfüllen hatten und dabei vor allem mit eigenen Materialien – nicht den Medien des CDI – arbeiteten. Gleichzeitig begriffen sie das Learning Centre nicht als gesonderte Einheit, sondern als Teil des CDI. Letzteres zeigt auch Sylvie Condette, die in neuen Schulen untersuchte, wie dort die Learning Centre wahrgenommen werden: Nicht viel anders als die CDI oder Bibliotheken selber auch, als sichere Räume und Rückzugsorte zum Arbeiten und Lernen.

Personal

Ein Fokus, der vielleicht so nicht eingenommen worden wäre, wären nicht Forschende von ausserhalb der Bibliotheken bestimmend gewesen, ist der des Personals. Untergründig ist dessen Einstellung zu den postulierten Veränderungen in verschiedenen Texten zu finden, explizit wurde es in zwei Teilprojekten untersucht (vorgestellt wieder von Yolande Maury und Sylvie Condette): Welche Veränderungen im professionellen Selbstbild des Personals und welche Ängste gibt es? Auch hier sind die Aussagen nicht eindeutig. Usus ist, dass Veränderungen stattfinden, aber sowohl welche als auch wie diese bewertet werden sollten, ist nicht klar. Der technologische Wandel wird genannt und als Fakt akzeptiert, aber gleichzeitig wird auf weiterlebende Werte und eine sich zum Teil wenig wandelnde reale Nutzung verwiesen. Gerade die zweite Studie stellt unter anderem eine grosse Unzufriedenheit und mangelhafte Kommunikation zwischen Leitung und Personal fest, die als grösseres Problem erscheint, als die konkreten Veränderungen.

Fazit: Unklar

So unklar wie diese Ergebnisse ist dann auch das Fazit des Buches: Es gibt Veränderungen, aber diese sind nicht wirklich greifbar. Während es einfach ist, anzugeben, was sich technologisch seit dem Jahr 2000 entwickelt hat und welche Bibliotheken wie umgebaut wurden, ist es offenbar viel schwerer, dies für die konkrete Nutzung von Bibliotheken (und Learning Centre) zu sagen. Sie werden positiv wahrgenommen und auch genutzt, aber viel weniger „aktiv”, laut, innovativ als vielleicht zu erwarten wäre. Sicherlich, gerade in den Schulen war die Einrichtung von Learning Centres eine von oben herab angestossene Entwicklung (wie sollte es Frankreich auch anders sein), aber doch immer in lokalen Ausprägungen. Vielleicht wurden so Veränderungen in der Nutzung von Bibliotheken antizipiert, die nicht eingetreten sind. Gleichzeitig zeigen die Studien aber auch, dass Learning Centre und andere neu eingerichtete Bibliotheken – mit den gleichen Grundideen wie im DACH-Raum, inklusive dem „3. Ort”, der nicht wirklich greifbar definiert werden kann – auch nicht schlecht genutzt werden. (Auch das gilt nicht nur für Frankreich, sondern findet sich auch in anderen Staaten wieder.)

Das Buch ergänzt also gut das Wissen über die Nutzung von Bibliotheken aus einem französischen Blickwinkel. Nicht ganz zielführend scheine die eher philosophischen Beiträge, welche eher ein Nachdenken über „Wissen” weitertreiben, dabei aber in einer eigenen, französischen Tradition verbleiben, die zum Beispiel informationswissenschaftliche Debatten aus anderen Staaten überhaupt nicht zu beachten scheinen. Es geht in ihnen eher um eine angebliche „Verflüssigung” des Wissens im Digitalen.

It’s the frei<tag> 2012-Countdown (26): Bibliotheken sind (auch) Orte des Nichtwissens

Posted in LIBREAS aktuell by Ben on 21. Juli 2012

Christoph Szepanski

„Es dürfte uns gut tun, uns manchmal daran zu erinnern, dass wir zwar in dem Wenigen, das wir wissen, sehr verschieden sein mögen, dass wir aber in unserer grenzenlosen Unwissenheit alle gleich sind.“ – Karl Popper Vermutungen und Widerlegungen. Tübingen: Mohr, Teilband 1, S. 43

Nichtnomen, Nichtziele, Nichtwissen…die deutsche Sprache kennt einige dieser Wortgebilde dessen Beginn ein Negierendes ist. Wissen und Nichtwissen sind naheliegend zwei Seiten der gleichen Medaille. Aber mit sehr unterschiedlicher Zahl- und Wirkkraft. Während wir aus dem Wissen die Kontrolle über die Welt gewinnen oder wenigstens zu gewinnen glauben, erweist sich das Nichtwissen als mehr oder weniger bedrohliches Unbestimmtes, das alles enthalten kann von der Weltformel bis zum schwarzen Loch.

Stadt- und Landesbibliothek Potsdam

Der neue Wissensspeicher in Potsdam, betretbar wohl im ersten Halbjahr 2013. Verkehrstechnisch zwar durchaus günstig gelegen erweckt die Modernisierung der ehemaligen Stadt- und Landesbibliothek wenig Zuversicht im Hinblick auf das Postulat eines neuen Umgangs mit den verschiedenen Wissensdimensionen und der Orientierung in ihr. Was fehlt ist die (stadtplanerische) Vision, welche sich u.a. in der Architektur wiederfindet –  oder zumindest mehr Mut. Ob diese, jedenfalls mich,  in der Interpretation als ein Mahnmal stark an die  sozialistische Moderne der 1970er erinnernde Architektur die Digital Natives anziehen wird, bleibt abzuwarten. (Foto: Christoph Szepanski)

Auch auf nicht-kosmischer Ebene spielt der Umgang bzw. das Wissen vom Nichtwissen eine zentrale Rolle. Das ist notwendig, um sich in komplexen Strukturen zurechtzufinden und in diesen angemessen(er) agieren zu können. Im Wissensmanagementdiskurs weiß man das vielleicht. Man berücksichtigt es aber offensichtlich eher selten.

Andreas Zeuch (2007) teilt das Nichtwissen wie folgt auf:

  • fachlich = Nichtwissen in einem Fachgebiet
  • strategisch = zukunftsorientiertes Nichtwissen
  • operativ = Verhaltensweisen und Begebenheiten, außerhalb des individuellen Beobachtungsrahmens

Darüber hinaus erweisen sich die Wissenszustände „Ich weiß nicht, dass ich es weiß“ (das Implizite) sowie „Ich weiß, dass ich nicht weiß“ (Sokrates) und „Ich weiß, dass ich es nicht mehr weiß“ (Vergessen) als relevant. Dies nicht zuletzt, so meine These, für Einrichtungen in der Informationsbranche, also einer institutionellen Wissensverwaltung.

Eine strategische Dimension erreicht das Nichtwissen, wenn bspw. Innovationen erfolgreich in  Bibliotheken integriert werden sollen . Dabei kommt es darauf an, mit einer Kombination aus Wissen und intuitivem Gespür zukünftige Marktentwicklungen zu antizipieren und die Bibliotheksdienstleistungen entsprechend auszurichten.
Hierin liegt auch der größte Unterschied zum Wissen an sich, da die Bewältigung des Nichtwissens nicht mehr allein manageriale Fähigkeiten voraussetzt. Dieser Umstand wird besonders vor dem hier erwähnten 4. Wissenschaftsparadigma interessant, wenn es darum geht fremde Wissenswelten in vorliegenden Daten zu erkunden, ganz gleich ob sie noch einmal genutzt und neu kontextualisiert werden sollen oder ob es sich um bisher ungenutzte Daten handelt.

Die Wissensdimension des Vergessens findet man auch im derzeitigen Bibliotheksalltag, z.B. wenn ein Buch scheinbar unauffindbar verstellt wurde. Ebenso passt die Situation eines nicht mehr auslesbaren Datenträgers hierzu. Vergessen entspricht dem dauerhaft verhinderten Zugriff auf Wissen, das einmal zugänglich war. Es ist anzunehmen, dass dieser Zustand wohl auch in der Erwerbungsabteilung auftaucht, weil man aufgrund des Magischen Dreiecks und der Begrenztheit analoger sowie digitaler Räumeaußer Stande istall die theoretisch durchführbaren und oft sogar notwendigen Beschaffungen zu einem Fach- bzw. Sondersammelgebietes zu erfüllen.

Aber auch auf Managementebene kann das Vergessen als Wissenszustand auftreten, wenn erfahrene Mitarbeiter aus Bibliotheken (und anderen Organisationen natürlich) ausscheiden und ihre individuellen Kenntnisse in den Ruhestand oder eine andere Organisation mitnehmen.Besonders in öffentlichen Einrichtungen wirkt diese Begebenheit schwer, entwickeln sich die Mitarbeiter doch aufgrund geringerer Personalfluktuation über die Jahrzehnte hinweg nicht selten zu Experten auf ihrem Gebiet. Fehlt dann die entsprechende Wissensmanagementstrategie wandelt sich Wissen zurück in Nichtwissen. Die Organisation vergisst.

Mir erscheint die Vorstellung, insbesondere in der Gegenwart des 21. Jahrhunderts, mit (neuen) Verfahren zur Zugänglichmachung bekannter und unbekannter analoger sowie digitaler Wissenswelten, die dahinterliegende Nichtwissensmenge reduzieren zu können  – euphemistisch formuliert – hoffnungslos romantisch.

Der Standpunkt, dass mit dem exponentiellen Zuwachs an Wissen ebenso exponentiell die Nichtwissensmenge zunimmt, erweist sich hier folglich  näher an der Wirklichkeit.

Abschließend bleibt nur die Forderung nach einer neuen Souveränität im Umgang mit dem Nichtwissen zu stellen und zwar zu wissen, was man nicht wissen muss, was zweifelsfrei schwer genug ist. Wissensverzicht erscheint als ein wichtiger Teil einer kognitiven (Wissens)Hygiene und einer Strategie im Umgang mit den oft beschriebenen Phänomenen Informationsflut und Information Overload.

Wenn wir Spezialisten für die Nutzbarmachung von Daten, Information und Wissen sein wollen, kommen wir um das Nichtwissen nicht herum.

Literatur:

Hasler Roumois, Ursula (2010): Studienbuch Wissensmanagement. Grundlagen der Wissensarbeit in Wirtschafts-, Non-Profit- und Public-Organisationen. UTB Wirtschaftswissenschaften, Betriebswirtschaftlehre. 2., überarb. und erw. Aufl. Zürich: Orell Füssli. S.64-67.

Natsikos, Lubja; Richter, Bernhard. (2010): Nichtwissen als möglicher Erfolgsfaktor in Organisationen. In:  Open Journal of Knowledge Management, (4) 2011. Online verfügbar unter: http://www.community-of-knowledge.de/fileadmin/user_upload/attachments/pb_OpenJournalOfKnowledgeManagement_CoK_AusgabeIV_r.pd

Pfeffing, Judith (2011): Unbekanntes Nichtwissen in der Szenario-Technik: Zum Navigieren in den Untiefen des Nichtwissens. München : Grin Verlag

Zeuch, Andreas (2007): Wie gehen Unternehmen mit Nichtwissen um? In: Zeuch, Andreas (Hg.) (2007): Management von Nichtwissen in Unternehmen. 1. Aufl. Heidelberg: Carl Auer, S.99-116.

It’s the frei<tag> Countdown. Noch 21 Tage.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS Veranstaltungen, LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 20. Mai 2011

Das hinterlistige an Symbolen ist, dass sich ihr Bedeutungsinhalt beständig verschiebt und neu auflädt. Vielmehr: Symbole in Zeiten der Popkultur verweigern sich einer allgemeinen, gar gesellschaftsweiten Zuschreibarkeit. Die Postmoderne hat sich mit Symboliken und sich verschiebenden Machtverhältnissen auch so intensiv beschäftigt, weil sich diese beständig der Greif- und Beschreibbarkeit entzogen. Ist das ein Allgemeinsatz? Eventuell. Das allerdings heißt nicht, dass er einfach aufzulösen wäre.
Die Fluidität der Symbole stellt unter anderem eine beständige Negierung der Hoffnung dar, Wissen und Inhalte vollständig und endgültig beschreiben und zugänglich machen zu können. Wenn eine Gesellschaft und noch mehr einzelne Gruppen der Gesellschaft beständig die Bedeutung der Symbole und ihre Einbindungen und Verwendungen in Machtverhältnissen verschieben, wie kann man da dieses Wissen sinnvoll erfassen? Die Tendenz der postmodernen Wissenschaften ging immer dahin, jede Analyse und Beschreibung von Diskursen nicht nur geographisch und sozial zu situieren, sondern auch zeitlich zu verorten.
Mit dieser Grundthese konnte immerhin gezeigt werden, dass sich Bedeutungen nicht nur rasend schnell wandeln können, sondern konträr zu ihrer Beweglichkeit Diskurse auch weiterschreiben und mithilfe von Symbolen über die Zeit retten. Nicht nur die feministische Forschung, sondern gerade die zum Antisemitismus konnte ein solches Weiterschreiben von Vorstellungsmustern, Vorurteilen und Bildern nachweisen. Das angebliche anything goes, welches konservative Kritikerinnen und Kritiker der modernen Gesellschaft unterstellen, gab und gibt es nicht. Vielmehr zeigen sich gerade Unterdrückungsverhältnisse als relativ beständig. Konfigurationen von Symbolen, Diskursen, also auch handlungs- und entscheidungsleitenden Vorstellungen, scheinen immer wieder das bessere Bild der ständigen Bedeutungswandlungen zu sein, als der angeblich existierende Supermarkt freier Wahlmöglichkeiten. Dies war letztlich eine der wichtigsten Erkenntnisse der ganzen postmodernen kritischen Forschung in den letzten beiden Jahrzehnten.
Die postmoderne Gesellschaft hat sich weithin mit dieser Eigenheit eingerichtet. Das partielle Vergessen, Wiederentdecken und Neuinterpretieren von Symbolen und bedeutungstragenden Bildern ist zur Eigenheit der Postmoderne geworden. So ist – selbstverständlich mit den Vorbildern des Hip-Hop – das Samplen und Zitieren früherer Popkultur heute quasi eine Aufgabe jeder und jedes ernstzunehmenden (und anderer) Popkünstlerinnen und -künstler und das Erkennen und Verorten dieser Zitate Teil popkultureller Praxis – und damit auch die Differenzierung zwischen denen, die Ahnung haben und denen, die sie nicht haben. Was in Jahrhunderten zuvor an der Kenntnis oder Unkenntnis des jeweiligen Katechismus der Nationalkultur mit direkter Verbindung zu Bildungstiteln und damit auch sozialer Stellung als machtvolle Differenzierung wirkte, funktioniert immer mehr im Mainstream der Gesamtgesellschaft. Wir können den Kopf darüber schütteln, dass Menschen die direkten Zitate Lady Gagas aus Madonnas Stil und Videos nicht erkennen, gar fragen, wer Madonna eigentlich ist; wir stellen mit Erschrecken fest, dass Menschen beim Wort „Rosebud“ verwirrt schauen und nicht an Schlitten denken; denn es beweist unseren Wissensvorsprung genauso wie das Vergessen kultureller Artefakte in der heutigen Gesellschaft. Gleichzeitig: Ist das wichtig? Hatte die Nationalkultur, dass Zitierenkönnen des Ostersparziergangs oder das Wissen darum, was im Westen nichts Neues sei einst ein weitergehendes Bildungswissen angezeigt, zeigt es jetzt mehr an, als dass wir einen der wichtigsten Filme der Geschichte kennen und andere nicht? Es ist zumindest keine einfache Linie zu ziehen. Wer gar keine Kultur hat, die er oder sie zitieren und persiflieren kann, ist nicht nur in der zwischenmenschlichen Kommunikation eingeschränkt, sondern auch weiterhin gesellschaftlich ausgeschlossen. Aber wenn jemanden Orson Welles unbekannt ist, kann derjenige oder diejenige immer noch anderes Wissen haben und über Chanspeak und LoLcats mehr wissen, als uns Bücherlesenden lieb sein kann. Das schließt niemand mehr aus der Gesellschaft aus.
Aber wir schweifen ab. Obgleich auf eines noch hingewiesen werden muss: Die beständige Bedeutungsverschiebung von Symbol und Inhalt ist nicht nur ein Teil der Gesellschaft, der so schnell nicht verschwinden wird; es ist vielmehr auch zum explizit genutzten Bestandteil politischen Engagements geworden. Immer wieder zitiert wird dabeu zu Recht die positiv umdeutende Aneignung des Begriffes Gay durch die LTGB-Bewegung. Judith Butler versuchte das unter den analytischen Begriffen der Performativität und Maskerade als politisches Konzept zu fassen und war damit erfolgreich.
Das alles stellt nun aber immer wieder die Frage: Was tun mit diesem Bedeutungswandel, wenn man Wissen ordnen und zugänglich machen will? Nicht nur für den Moment, sondern für die Ewigkeit. Der Hype um die Folksonomies in den letzten Jahren hatte ja auch mit dem Versprechen zu tun, dass diese das Potential hätten, die Gesellschaft dazu zu bringen, das produzierte Wissen selber zu beschreiben und damit zu erschließen. Selbstverständlich hat sich diese Versprechen nicht vollständig erfüllt, so wie all die einst konzipierten Universalklassifikationen ihr Versprechen nicht halten konnten, alles Wissen zu ordnen. Aber fraglos führten Folksonomies den Gedanken, dass Klassifikationen flexibel und multiperspektivisch sein müssen, verstärkt in das Nachdenken über die Ordnung des Wissens ein. Die Ordnung des Wissens übrigens, die auch bei der frei<tag> Thema sein kann.

Eine Banane im Stadtbild Berlins, ein überladenes Symbol der Popkultur. Bekanntlich (?) das sichtbarste Symbol eines der wichtigsten und innovativsten Alben der Popgeschichte und der Verbindung zur Popart der 1960er Jahre. Aber was heißt sie nun? Sie taucht immer wieder auf. An der Humboldt-Universität wird sie beispielsweise getragen von Studierenden auf ihren T-Shirts, doch haben die jemals von Velvet Underground gehört? Was wissen die mit Andy Warhol anzufangen? Ist für die Nico mehr als ein Name? Hat sich das Symbol nicht – allerdings ganz im Sinne Warholes – verselbstständigt? Oder ist Banane in Ostberlin nur der letzte Rest des Witzes von den Ossis, die sich keine Südfrüchte leisten konnten und für die deshalb Bananen angeblich zu einem wichtigeren Symbol der Freiheit wurden als das Grundgesetz? Wurde vielleicht die Geschichte des Symbols vergessen oder überschrieben? Hat es eine Bedeutung? Zumal die Banane Street-Art ist, verortet also weiterhin in einer widerständigen Praxis, die aber auch Kunst sein will, wie uns letztens der Bansky-Film „Exit through the giftshop“ (Den man auch kennen muss, will man über Symbole in der Postmoderne reden, auch weil er Warhol und dessen Grundfrage direkt und indirekt immer wieder thematisierte. Oder?) belehrte? Man darf keine einfache Antwort auf diese Frage erwarten.

Franzens Bad in der Informationsmenge. Und: Der n+1-Diskurs zum Thema gerät in der Frühlingsausgabe zum digital-bohemischen Dorf.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 4. Mai 2011

von Ben Kaden

Es ist durchaus ein berechenbarer Blick mit einem klar fokussierbaren theoretischen Hintergrund, den die Autoren der Zeitschrift n+1 auf all diejenigen Phänomene werfen, die auch uns tagtäglich beschäftigen: Foucault, Bourdieu, Adorno, mitunter ein paar weitere Franzosen treiben die Leser regelmäßig durch das obligatorische „Information Essay“, das zudem durchweg wie von einer Dachterrasse in Brooklyn aus geschrieben wirkt. Und dabei gelingt es dem Redaktionsteam zumeist, in diesem Editorial zur „Intellectual Situation“ ihrer Zeit aus ihrem sozial-, kultur- und literaturwissenschaftlichen (im weitesten Sinne) Winkel mühelos die präzisesten und überzeugendsten Einschätzungen zur kulturell munter vor sich hin evolutionierenden Informationsgesellschaft aufs Papier zu bringen, die aktuell im Pressevertrieb zu haben sind. (more…)