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It’s the frei<tag> 2012-Countdown (26): Bibliotheken sind (auch) Orte des Nichtwissens

Posted in LIBREAS aktuell by Ben on 21. Juli 2012

Christoph Szepanski

„Es dürfte uns gut tun, uns manchmal daran zu erinnern, dass wir zwar in dem Wenigen, das wir wissen, sehr verschieden sein mögen, dass wir aber in unserer grenzenlosen Unwissenheit alle gleich sind.“ – Karl Popper Vermutungen und Widerlegungen. Tübingen: Mohr, Teilband 1, S. 43

Nichtnomen, Nichtziele, Nichtwissen…die deutsche Sprache kennt einige dieser Wortgebilde dessen Beginn ein Negierendes ist. Wissen und Nichtwissen sind naheliegend zwei Seiten der gleichen Medaille. Aber mit sehr unterschiedlicher Zahl- und Wirkkraft. Während wir aus dem Wissen die Kontrolle über die Welt gewinnen oder wenigstens zu gewinnen glauben, erweist sich das Nichtwissen als mehr oder weniger bedrohliches Unbestimmtes, das alles enthalten kann von der Weltformel bis zum schwarzen Loch.

Stadt- und Landesbibliothek Potsdam

Der neue Wissensspeicher in Potsdam, betretbar wohl im ersten Halbjahr 2013. Verkehrstechnisch zwar durchaus günstig gelegen erweckt die Modernisierung der ehemaligen Stadt- und Landesbibliothek wenig Zuversicht im Hinblick auf das Postulat eines neuen Umgangs mit den verschiedenen Wissensdimensionen und der Orientierung in ihr. Was fehlt ist die (stadtplanerische) Vision, welche sich u.a. in der Architektur wiederfindet –  oder zumindest mehr Mut. Ob diese, jedenfalls mich,  in der Interpretation als ein Mahnmal stark an die  sozialistische Moderne der 1970er erinnernde Architektur die Digital Natives anziehen wird, bleibt abzuwarten. (Foto: Christoph Szepanski)

Auch auf nicht-kosmischer Ebene spielt der Umgang bzw. das Wissen vom Nichtwissen eine zentrale Rolle. Das ist notwendig, um sich in komplexen Strukturen zurechtzufinden und in diesen angemessen(er) agieren zu können. Im Wissensmanagementdiskurs weiß man das vielleicht. Man berücksichtigt es aber offensichtlich eher selten.

Andreas Zeuch (2007) teilt das Nichtwissen wie folgt auf:

  • fachlich = Nichtwissen in einem Fachgebiet
  • strategisch = zukunftsorientiertes Nichtwissen
  • operativ = Verhaltensweisen und Begebenheiten, außerhalb des individuellen Beobachtungsrahmens

Darüber hinaus erweisen sich die Wissenszustände „Ich weiß nicht, dass ich es weiß“ (das Implizite) sowie „Ich weiß, dass ich nicht weiß“ (Sokrates) und „Ich weiß, dass ich es nicht mehr weiß“ (Vergessen) als relevant. Dies nicht zuletzt, so meine These, für Einrichtungen in der Informationsbranche, also einer institutionellen Wissensverwaltung.

Eine strategische Dimension erreicht das Nichtwissen, wenn bspw. Innovationen erfolgreich in  Bibliotheken integriert werden sollen . Dabei kommt es darauf an, mit einer Kombination aus Wissen und intuitivem Gespür zukünftige Marktentwicklungen zu antizipieren und die Bibliotheksdienstleistungen entsprechend auszurichten.
Hierin liegt auch der größte Unterschied zum Wissen an sich, da die Bewältigung des Nichtwissens nicht mehr allein manageriale Fähigkeiten voraussetzt. Dieser Umstand wird besonders vor dem hier erwähnten 4. Wissenschaftsparadigma interessant, wenn es darum geht fremde Wissenswelten in vorliegenden Daten zu erkunden, ganz gleich ob sie noch einmal genutzt und neu kontextualisiert werden sollen oder ob es sich um bisher ungenutzte Daten handelt.

Die Wissensdimension des Vergessens findet man auch im derzeitigen Bibliotheksalltag, z.B. wenn ein Buch scheinbar unauffindbar verstellt wurde. Ebenso passt die Situation eines nicht mehr auslesbaren Datenträgers hierzu. Vergessen entspricht dem dauerhaft verhinderten Zugriff auf Wissen, das einmal zugänglich war. Es ist anzunehmen, dass dieser Zustand wohl auch in der Erwerbungsabteilung auftaucht, weil man aufgrund des Magischen Dreiecks und der Begrenztheit analoger sowie digitaler Räumeaußer Stande istall die theoretisch durchführbaren und oft sogar notwendigen Beschaffungen zu einem Fach- bzw. Sondersammelgebietes zu erfüllen.

Aber auch auf Managementebene kann das Vergessen als Wissenszustand auftreten, wenn erfahrene Mitarbeiter aus Bibliotheken (und anderen Organisationen natürlich) ausscheiden und ihre individuellen Kenntnisse in den Ruhestand oder eine andere Organisation mitnehmen.Besonders in öffentlichen Einrichtungen wirkt diese Begebenheit schwer, entwickeln sich die Mitarbeiter doch aufgrund geringerer Personalfluktuation über die Jahrzehnte hinweg nicht selten zu Experten auf ihrem Gebiet. Fehlt dann die entsprechende Wissensmanagementstrategie wandelt sich Wissen zurück in Nichtwissen. Die Organisation vergisst.

Mir erscheint die Vorstellung, insbesondere in der Gegenwart des 21. Jahrhunderts, mit (neuen) Verfahren zur Zugänglichmachung bekannter und unbekannter analoger sowie digitaler Wissenswelten, die dahinterliegende Nichtwissensmenge reduzieren zu können  – euphemistisch formuliert – hoffnungslos romantisch.

Der Standpunkt, dass mit dem exponentiellen Zuwachs an Wissen ebenso exponentiell die Nichtwissensmenge zunimmt, erweist sich hier folglich  näher an der Wirklichkeit.

Abschließend bleibt nur die Forderung nach einer neuen Souveränität im Umgang mit dem Nichtwissen zu stellen und zwar zu wissen, was man nicht wissen muss, was zweifelsfrei schwer genug ist. Wissensverzicht erscheint als ein wichtiger Teil einer kognitiven (Wissens)Hygiene und einer Strategie im Umgang mit den oft beschriebenen Phänomenen Informationsflut und Information Overload.

Wenn wir Spezialisten für die Nutzbarmachung von Daten, Information und Wissen sein wollen, kommen wir um das Nichtwissen nicht herum.

Literatur:

Hasler Roumois, Ursula (2010): Studienbuch Wissensmanagement. Grundlagen der Wissensarbeit in Wirtschafts-, Non-Profit- und Public-Organisationen. UTB Wirtschaftswissenschaften, Betriebswirtschaftlehre. 2., überarb. und erw. Aufl. Zürich: Orell Füssli. S.64-67.

Natsikos, Lubja; Richter, Bernhard. (2010): Nichtwissen als möglicher Erfolgsfaktor in Organisationen. In:  Open Journal of Knowledge Management, (4) 2011. Online verfügbar unter: http://www.community-of-knowledge.de/fileadmin/user_upload/attachments/pb_OpenJournalOfKnowledgeManagement_CoK_AusgabeIV_r.pd

Pfeffing, Judith (2011): Unbekanntes Nichtwissen in der Szenario-Technik: Zum Navigieren in den Untiefen des Nichtwissens. München : Grin Verlag

Zeuch, Andreas (2007): Wie gehen Unternehmen mit Nichtwissen um? In: Zeuch, Andreas (Hg.) (2007): Management von Nichtwissen in Unternehmen. 1. Aufl. Heidelberg: Carl Auer, S.99-116.

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It’s the frei<tag> Countdown. Noch 21 Tage.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS Veranstaltungen, LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 20. Mai 2011

Das hinterlistige an Symbolen ist, dass sich ihr Bedeutungsinhalt beständig verschiebt und neu auflädt. Vielmehr: Symbole in Zeiten der Popkultur verweigern sich einer allgemeinen, gar gesellschaftsweiten Zuschreibarkeit. Die Postmoderne hat sich mit Symboliken und sich verschiebenden Machtverhältnissen auch so intensiv beschäftigt, weil sich diese beständig der Greif- und Beschreibbarkeit entzogen. Ist das ein Allgemeinsatz? Eventuell. Das allerdings heißt nicht, dass er einfach aufzulösen wäre.
Die Fluidität der Symbole stellt unter anderem eine beständige Negierung der Hoffnung dar, Wissen und Inhalte vollständig und endgültig beschreiben und zugänglich machen zu können. Wenn eine Gesellschaft und noch mehr einzelne Gruppen der Gesellschaft beständig die Bedeutung der Symbole und ihre Einbindungen und Verwendungen in Machtverhältnissen verschieben, wie kann man da dieses Wissen sinnvoll erfassen? Die Tendenz der postmodernen Wissenschaften ging immer dahin, jede Analyse und Beschreibung von Diskursen nicht nur geographisch und sozial zu situieren, sondern auch zeitlich zu verorten.
Mit dieser Grundthese konnte immerhin gezeigt werden, dass sich Bedeutungen nicht nur rasend schnell wandeln können, sondern konträr zu ihrer Beweglichkeit Diskurse auch weiterschreiben und mithilfe von Symbolen über die Zeit retten. Nicht nur die feministische Forschung, sondern gerade die zum Antisemitismus konnte ein solches Weiterschreiben von Vorstellungsmustern, Vorurteilen und Bildern nachweisen. Das angebliche anything goes, welches konservative Kritikerinnen und Kritiker der modernen Gesellschaft unterstellen, gab und gibt es nicht. Vielmehr zeigen sich gerade Unterdrückungsverhältnisse als relativ beständig. Konfigurationen von Symbolen, Diskursen, also auch handlungs- und entscheidungsleitenden Vorstellungen, scheinen immer wieder das bessere Bild der ständigen Bedeutungswandlungen zu sein, als der angeblich existierende Supermarkt freier Wahlmöglichkeiten. Dies war letztlich eine der wichtigsten Erkenntnisse der ganzen postmodernen kritischen Forschung in den letzten beiden Jahrzehnten.
Die postmoderne Gesellschaft hat sich weithin mit dieser Eigenheit eingerichtet. Das partielle Vergessen, Wiederentdecken und Neuinterpretieren von Symbolen und bedeutungstragenden Bildern ist zur Eigenheit der Postmoderne geworden. So ist – selbstverständlich mit den Vorbildern des Hip-Hop – das Samplen und Zitieren früherer Popkultur heute quasi eine Aufgabe jeder und jedes ernstzunehmenden (und anderer) Popkünstlerinnen und -künstler und das Erkennen und Verorten dieser Zitate Teil popkultureller Praxis – und damit auch die Differenzierung zwischen denen, die Ahnung haben und denen, die sie nicht haben. Was in Jahrhunderten zuvor an der Kenntnis oder Unkenntnis des jeweiligen Katechismus der Nationalkultur mit direkter Verbindung zu Bildungstiteln und damit auch sozialer Stellung als machtvolle Differenzierung wirkte, funktioniert immer mehr im Mainstream der Gesamtgesellschaft. Wir können den Kopf darüber schütteln, dass Menschen die direkten Zitate Lady Gagas aus Madonnas Stil und Videos nicht erkennen, gar fragen, wer Madonna eigentlich ist; wir stellen mit Erschrecken fest, dass Menschen beim Wort „Rosebud“ verwirrt schauen und nicht an Schlitten denken; denn es beweist unseren Wissensvorsprung genauso wie das Vergessen kultureller Artefakte in der heutigen Gesellschaft. Gleichzeitig: Ist das wichtig? Hatte die Nationalkultur, dass Zitierenkönnen des Ostersparziergangs oder das Wissen darum, was im Westen nichts Neues sei einst ein weitergehendes Bildungswissen angezeigt, zeigt es jetzt mehr an, als dass wir einen der wichtigsten Filme der Geschichte kennen und andere nicht? Es ist zumindest keine einfache Linie zu ziehen. Wer gar keine Kultur hat, die er oder sie zitieren und persiflieren kann, ist nicht nur in der zwischenmenschlichen Kommunikation eingeschränkt, sondern auch weiterhin gesellschaftlich ausgeschlossen. Aber wenn jemanden Orson Welles unbekannt ist, kann derjenige oder diejenige immer noch anderes Wissen haben und über Chanspeak und LoLcats mehr wissen, als uns Bücherlesenden lieb sein kann. Das schließt niemand mehr aus der Gesellschaft aus.
Aber wir schweifen ab. Obgleich auf eines noch hingewiesen werden muss: Die beständige Bedeutungsverschiebung von Symbol und Inhalt ist nicht nur ein Teil der Gesellschaft, der so schnell nicht verschwinden wird; es ist vielmehr auch zum explizit genutzten Bestandteil politischen Engagements geworden. Immer wieder zitiert wird dabeu zu Recht die positiv umdeutende Aneignung des Begriffes Gay durch die LTGB-Bewegung. Judith Butler versuchte das unter den analytischen Begriffen der Performativität und Maskerade als politisches Konzept zu fassen und war damit erfolgreich.
Das alles stellt nun aber immer wieder die Frage: Was tun mit diesem Bedeutungswandel, wenn man Wissen ordnen und zugänglich machen will? Nicht nur für den Moment, sondern für die Ewigkeit. Der Hype um die Folksonomies in den letzten Jahren hatte ja auch mit dem Versprechen zu tun, dass diese das Potential hätten, die Gesellschaft dazu zu bringen, das produzierte Wissen selber zu beschreiben und damit zu erschließen. Selbstverständlich hat sich diese Versprechen nicht vollständig erfüllt, so wie all die einst konzipierten Universalklassifikationen ihr Versprechen nicht halten konnten, alles Wissen zu ordnen. Aber fraglos führten Folksonomies den Gedanken, dass Klassifikationen flexibel und multiperspektivisch sein müssen, verstärkt in das Nachdenken über die Ordnung des Wissens ein. Die Ordnung des Wissens übrigens, die auch bei der frei<tag> Thema sein kann.

Eine Banane im Stadtbild Berlins, ein überladenes Symbol der Popkultur. Bekanntlich (?) das sichtbarste Symbol eines der wichtigsten und innovativsten Alben der Popgeschichte und der Verbindung zur Popart der 1960er Jahre. Aber was heißt sie nun? Sie taucht immer wieder auf. An der Humboldt-Universität wird sie beispielsweise getragen von Studierenden auf ihren T-Shirts, doch haben die jemals von Velvet Underground gehört? Was wissen die mit Andy Warhol anzufangen? Ist für die Nico mehr als ein Name? Hat sich das Symbol nicht – allerdings ganz im Sinne Warholes – verselbstständigt? Oder ist Banane in Ostberlin nur der letzte Rest des Witzes von den Ossis, die sich keine Südfrüchte leisten konnten und für die deshalb Bananen angeblich zu einem wichtigeren Symbol der Freiheit wurden als das Grundgesetz? Wurde vielleicht die Geschichte des Symbols vergessen oder überschrieben? Hat es eine Bedeutung? Zumal die Banane Street-Art ist, verortet also weiterhin in einer widerständigen Praxis, die aber auch Kunst sein will, wie uns letztens der Bansky-Film „Exit through the giftshop“ (Den man auch kennen muss, will man über Symbole in der Postmoderne reden, auch weil er Warhol und dessen Grundfrage direkt und indirekt immer wieder thematisierte. Oder?) belehrte? Man darf keine einfache Antwort auf diese Frage erwarten.

Franzens Bad in der Informationsmenge. Und: Der n+1-Diskurs zum Thema gerät in der Frühlingsausgabe zum digital-bohemischen Dorf.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 4. Mai 2011

von Ben Kaden

Es ist durchaus ein berechenbarer Blick mit einem klar fokussierbaren theoretischen Hintergrund, den die Autoren der Zeitschrift n+1 auf all diejenigen Phänomene werfen, die auch uns tagtäglich beschäftigen: Foucault, Bourdieu, Adorno, mitunter ein paar weitere Franzosen treiben die Leser regelmäßig durch das obligatorische „Information Essay“, das zudem durchweg wie von einer Dachterrasse in Brooklyn aus geschrieben wirkt. Und dabei gelingt es dem Redaktionsteam zumeist, in diesem Editorial zur „Intellectual Situation“ ihrer Zeit aus ihrem sozial-, kultur- und literaturwissenschaftlichen (im weitesten Sinne) Winkel mühelos die präzisesten und überzeugendsten Einschätzungen zur kulturell munter vor sich hin evolutionierenden Informationsgesellschaft aufs Papier zu bringen, die aktuell im Pressevertrieb zu haben sind. (more…)