LIBREAS.Library Ideas

In weiter Ferne und nah. Über Dekonstruktion, Digitalkultur und Digital Humanities

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 27. Juni 2013

Ein Blick in aktuelle Diskurse.

von Ben Kaden / @bkaden

„So einen wie ihn wird es im digitalen Zeitalter nicht mehr geben.“

beendet der Verleger Michael Krüger seinen Nachruf auf Henning Ritter in der Mittwochsausgabe der NZZ (Michael Krüger: Leser, Sammler und Privatgelehrter. Henning Ritter – eine Erinnerung. In: nzz.ch, 25.06.2013) und lässt damit den Leser anders berührt zurück, als es ein Nachruf gemeinhin zur Wirkung hat. Denn in gewisser Weise spricht er damit der Gegenwart, die wenig definiert als von Digitalem dominiert gekennzeichnet wird, die Möglichkeit ab, eine intellektuelle Kultur hervorzubringen, für die Henning Ritter stand. Das klingt nahezu resignativ und ist aus dem tiefem Empfinden des Verlusts auch erklärbar. Die traurige Einsicht ist zudem Lichtjahre von dem Furor entfernt, der der Debatte um eine Lücke zwischen Netz und Denkkultur noch vor wenigen Jahren mit Aufsätzen wie dem über den Hass (!) auf Intellektuelle im Internet von Adam Soboczynski kurzzeitig beigegeben wurde. (Adam Soboczynski: Das Netz als Feind. In: Die ZEIT, 20.05.2009) Ich weiß nicht, ob das Netz mittlerweile als Freund verstanden wird. In jedem Fall haben sich drei Auslegungen durchgesetzt: das Netz als Medium (nüchtern-funktional), das Netz als Marktplatz und das Netz als sozialer Wirkungsraum.

Dass das Netz auch als Austragungsort intellektueller Diskurse geeignet ist, merkt man dagegen in Deutschland weniger, einfach weil die spärlichen Gegenstücke zu dem nahezu Überfluss der entsprechenden Magazinkultur im englischsprachigen Weltenkreis, die längst medial eine e– und p-Hybridkultur ist und vom New Yorker über The Point bis zur White Review reicht, kaum im Netz präsent sind. Vielleicht gibt es auch tatsächlich zu wenige (junge) Intellektuelle dieses Kalibers in Deutschland. (Einige reiben sich auf irights.info am denkbar undankbaren Themenfeld des Urheberrechts auf und manchmal rutscht bei perlentaucher.de  etwas ins Blog, was in diese Richtung weist.) Und sicher hat dieses Defizit eine Reihe von Gründen. Das wir mittlerweile digitale Medienformen in unseren Alltag eingebettet haben, dürfte jedoch kaum die Ursache sein.

Dass sich die intellektuelle Kultur einer jeweiligen Gegenwart von der der Gegenwarten davor und danach unterscheidet, liegt darüber hinaus bereits offensichtlich in der Verfasstheit von Kultur begründet. Das digitale Zeitalter wird auch keinen Giordano Bruno hervorbringen (höchstens eine Giordano-Bruno-Stiftung) und keinen Walter Benjamin (höchstens einen Walter-Benjamin-Platz) und keinen Pjotr Kropotkin (höchstens noch ein unpassend eingeworfenes Zitat eines Oberschlaumeiers im politikwissenschaftlichen Proseminar). Aber „Postkarten mit aufgeklebten Zeichnungen oder vermischten Nachrichten, Briefe, die aus nichts als Zitaten bestanden“ zu versenden – das geschieht noch. Und zwar tatsächlich im Postkarten- und Briefformat und auch beispielsweise bei Tumblr, das diese Kulturpraxis des Collagierens, die an anderer Stelle selbst als Niedergang der abendländischen Kultur gesehen wurde, nahezu entfesselt erlebbar macht.

Auch intellektuelle Bohemiens gibt es erfahrungsgemäß und jedenfalls in Berlin nicht zu knapp. Nur sitzen sie – einige Jungfeuilletonisten ausgeklammert – nicht mehr bei «Lutter & Wegner», wohl aber manchmal im Verlagsprogramm bei der edition unseld und ansonsten, wenn sie noch etwas progressiver sind, doppelt exkludiert (freiwillig und weil die Verkaufskalkulatoren diesem Denken neben der Spur keinen Markt zusprechen) vom herkömmlichen Verlagsestablishment in ihren eigenen Diskursräumen (oft mehr Kammern). Und sogar den „unabhängigen Privatgelehrten, der mit einer gewissen boshaften Verachtung auf die akademischen Koryphäen herabblickt[…]“, findet man auf beliebigen Parties der Digital Boheme fast im Rudel. Die Zeiten, dass man Avantgarde war, wenn man sich von biederen Funktionswissenschaftlerei in den Hochschulen abgrenzte, waren schon vorbei, bevor man E-Mails schrieb. Der Hipsterismus hat aus dieser Einstellung sogar fast ein Freizeitutensil gemacht. Dass progressives Denken und Hochschulkarriere keine kausale Verknüpfung eingehen, sondern eher zufällig zusammenfinden, weiß mittlerweile auch jeder, sind das Universitäts- wie auch Wissenschaftssystem als rationaler Funktionskorpus doch geradezu naturgemäß darauf zugeschnitten, Denken zu normieren und in recht schmalen Kanälen zu führen.

Die Melancholie des Hanser-Verlagschefs Michael Krüger ist zweifellos nachvollziehbar. Neutral gesprochen wäre der Ausstiegssatz völlig zutreffend und selbstevident. Die Versuchung der Verklärung der persönlich verlebten Zeit als der besten aller möglichen Daseinsvarianten bedrängt sicher irgendwann fast jeden. Und einmal wird sicher eine Koryphäe der digitalen Geisteskultur einen ähnlichen Satz voller Trauer über einen Netzintellektuellen schreiben. Man darf ihm allerdings wünschen, dass er den Satz ohne Benennung der Nachfolgezeitrechnung (also ohne das dann aktuelle „digitale Zeitalter“) verfasst. Denn wie wahrer wäre die Aussage, wenn sie schlicht: „So einen wie ihn wird es nicht mehr geben.“ Oder besser noch: „Es gibt ihn nicht mehr.“ hieße. Große Persönlichkeiten, zu denen Henning Ritter, Homme de Lettres und Mensch als Mensch, zweifellos zählte, brauchen keine vergleichende Wie-Verortung im Zeitlauf.

II

Womöglich wird der „Methodenfreak“ (Süddeutsche Zeitung) Franco Moretti in diesem „einmal“ der Rückschau als eine Leitfigur der Geisteswissenschaften im Zeitalter ihrer digitalen Re-Evozierbarkeit gelten. Lothar Müller widmet dem Vorzeige-Digital-Humanist aus Stanford bereits heute im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung vom Mittwoch einen satten Sechsspalter (Lothar Müller: Ein Methodenfreak. In: Süddeutsche Zeitung, 26.06.2013, S. 14) mit einer eindrucksvollen Porträtaufnahme aus der Kamera der mit ihren Aufnahmen der deutschen Fußballnationalmannschaft ziemlich bekannt gewordenen Regina Schmeken. In der Bildrepräsentation spielt der Literaturwissenschaftler also bereits in einer oberen Liga. Isolde Ohlbaum dagegen, von der das zentrale Nachruffoto von Henning Ritter stammt (u. a. Dienstag im FAZ-Feuilleton), kennt man eher von ihren Aufnahmen von Alberto Moravia, Susan Sontag und Elias Canetti. Der Kulturbruch scheint sich bis ins Lichtbild einzuschreiben.

Franco Moretti, der ursprünglich (und „am liebsten“) theoretischer Physiker werden wollte, bricht nun tatsächlich und vielleicht noch stärker als jede These vom Tod der Autorenschaft in die stabile Kultur der Literaturanalyse ein, in dem er das Close Reading mit seiner quantitative Lektürepraxis, vorsichtig formuliert, in Frage stellt.

Lange Zeit war die Nahlektüre bereits aus praktischen Gründen die einzig gangbare wirkliche gründliche Auseinandersetzung mit Text. Denn angesichts der seit je immensen Mengen an Publiziertem, führte ein intellektuelles Mitteldistanzlesen meist nur zu – oft sehr eindrucksvollem – Querschnittswissen, was für das Kamingespräch hervorragend, für die harte wissenschaftliche Diskursführung aber zu oberflächlich ist. Die minutiöse Kenntnis weniger Texte und dazugehöriger Kontexte galt lange als edles Ziel der deutenden Textdisziplinen – wenngleich die minutiöse Kenntnis vieler Texte besser gewesen wäre, in einem normalen Wissenschaftsberufsleben aber einfach nicht realisierbar. Daher Kanonisierung, daher Beschränkung auf die Schlüsseltexte und Leitfiguren. Daher gern auch noch das dritte Buch über Achim (z.B. von Arnim).

III

Digitale Literaturwissenschaft bedeutet nun, sich der Stärken der Rechentechnik (= der automatischen Prozessierung großer Datenmengen) zu bedienen, um auf dieser Grundlage – sie nennen es „Distant Reading“ – das Phänomen Literatur strukturell, idealerweise als Gesamtgeschehen, zu erfassen, zu erschließen und (zunächst) interpretierbar zu machen. Die Manipulierbarkeit – vielleicht als „distant writing“ – wäre als Zugabe im Digitalen problemlos denkbar. Moretti trägt damit die naturwissenschaftliche Idee des verlässlichen Modells in die Beschäftigung mit Literatur:

„Ich bin auf Modelle aus […] auf die Analyse von Strukturen. Was ich am ‚close reading‘ nicht mag, ist das in den meisten Varianten anzutreffende Wohlbehagen an der unendlichen Multiplikation von Interpretationen, zum Beispiel der ‚deconstruction‘, wo die Leute umso glücklicher sind, je mehr Widersprüche sie in einem Text entdecken. Diese Beschränkung auf die immer reichere Interpretation einzelner Werke hat mich noch nie gereizt.“

So Moretti, der damit selbstredend auch eine völlige Ausblendung des Zwecks der Dekonstruktion vornimmt, die sich ausdrücklich und aus gutem Grund gegen die Reduktion der Welt auf allgemeine Regeln und hin zur Anerkennung bzw. der Untersuchung des Spezifischen wendet. Diesen Ansatz auf Wohlbehagen und Glücklichsein zu reduzieren, zeigt vor allem, wie tief die Gräben zwischen den Schulen in den USA sein müssen. Wer sich nämlich an einem dekonstruktiven Lesen versucht hat, weiß, wie unbehaglich und zwangsläufig unbefriedigend diese unendliche Kärrnerarbeit in der stetigen Verschiebung des Sinns sein muss. Mit einer modellorientierten Wissenschaftsauffassung, vermutlich sogar mit einer auf Erkenntnis (statt Verständnis) und Kontrolle (statt Anerkennung) gerichteten Wissenschaft lässt sich die Dekonstruktion kaum in Einklang bringen. Diese Art von Auseinandersetzung mit Text produziert kein sicheres Wissen, sondern im Gegenteil, wenn man so will, bewusst verunsicherndes. Das mag sie so unbequem und auch kaum leicht verwertbar machen.

IV

Was Moretti macht, wenn er Textmassen quantitativ und statistisch auswertet, entspricht prinzipiell den digitalökonomischen Datenanalysen, die man, wie wir mittlerweile wissen, auch zur geheimdienstlichen Terrorabwehr verwenden kann. Sein Konzept – er nennt es Quantitativen Formalismus – dient gleichfalls zur Strukturerschließung des Dokumentierten, also des Empirischen, wobei sich systematisch Abweichungen isolieren lassen, die man dann bei Bedarf qualitativ durchleuchten kann. Damit gewinnt man fraglos eine solidere Basis für die Auseinandersetzung mit Texten in ihrer Gesamtheit (so sie in ihrer Gesamtheit digitalisiert und Teil des Korpus sind). Man erfährt bei der richtigen Analyse viel über die syntaktischen, mitunter auch konzeptionellen Relationen zwischen Textprodukten bzw. Äußerungen. Man kann Querverbindungen und Referenzen isolieren und nachverfolgen. Bisweilen deckt man auch Plagiarismus auf und Doppelschöpfungen. Es lassen sich Aussagen über die Produktions- und Rezeptionsbedingungen von Texten treffen (zum Beispiel über das Mapping mit Ausleihstatistiken öffentlicher Bibliotheken). Aus vielen Perspektiven können wir zu den Gegenständen der Literaturwissenschaft so exakt wie noch nie in der Wissenschaftsgeschichte Aussagen treffen, Schlüsse und Querverbindungen ziehen und Einsichten vorbereiten. Wir sind in der Lage, aus einer Art Vogelperspektive ein riesiges Feld der Literatur zu betrachten und zugleich zu übersehen.

Allerdings, und das ist der Unterschied zwischen einem guten Close Reading und dem besten vorstellbaren Distanzlesen, bleibt die Literatur aus dem Korb dieses Heißluftballons unvermeidlich unbegreiflich. Wir können nicht gut mit unserer Wahrnehmung zugleich über den Dingen und in den Dingen sein. Im besten Fall können wir also in einer Kombination von close und distant Morettis Draufsichtverfahren als Drohne benutzen, um – je nach Erkenntnis- und Handlungsinteresse – den Zugriff zu präzisieren. In dieser Hinsicht sind statistische Zugänge eine grandiose Erweiterung des wissenschaftlichen Möglichen. Die Dekonstruktion könnte sich des Quantitativen Formalismus sogar ganz gut bedienen, wenn es darum geht, etablierte Perspektiven der Dekonstruktion zu verschieben. Als Alternative wäre das Verfahren der statistisch erschlossenen Vollempirie dagegen offensichtlich untauglich, da es schlicht etwas ganz anderes in den Blick nimmt, als die Praxis der Nähe.

V

„ ‚Persönlichkeit‘ auf wissenschaftlichem Gebiet hat nur der, der rein der Sache dient“, schreibt Max Weber, Morettis Idol, und dies reproduziert kaum verschleiert eine religiöse Bindung in die Wissenschaft, die hiermit die Sache zum Gottesersatz erhebt. Die Identität der Wissenschaftlerpersönlichkeit ergibt sich allein aus dem Dienst am Objekt. Mit Aufklärung hat die sich daraus leider bis heute oft ableitende Empiriefrömmelei jedoch wenig zu tun. Ein Dogma kämpft hier nur gegen das andere und für wirklich Intellektuelle war dieses Preisboxen um die Wahrheit noch nie ein besonders attraktives Spektakel, zumal sie meist nur von den billigen Plätzen zusehen durften. Nun wäre eine post-sachliche, also konsequent entdogmatisierte Wissenschaft nicht mehr Wissenschaft wie wir sie kennen, schätzen und als sinnvoll erachten. Sondern vielleicht systematisierte Intellektualität. Oder eben das, was man im besten Sinne meinte, als man Humanities eben nicht als Sciences konzipierte.

Die Digital Humanities und die quantitative Literaturwissenschaft sind nicht, wie man häufig vermutet, eine Weiterentwicklung der geisteswissenschaftlicher Praxen, sondern eine neuartige Annäherung an deren Bezugspunkte. Was dann durchaus sympathisch ist, wenn nicht Max-Weber-Adepten im gleichen Zug, diese weicheren Ansätze als inferior herausstellen, weil sie davon ausgehen, dass auch Literatur vor allem empirisch ist und damit in die Irre wandern. Spätestens seit dem 20. Jahrhundert sind der Literatur und der Kunst die Ansprüche der Empirie nämlich vor allem eins: gründlich suspekt. Literatur geht es – wie übrigens auch der Dekonstruktion – nicht mehr um die Spiegelung der Welt, sondern darum, sich den Spiegeln so gut es geht zu entziehen, das Bild zu biegen, um das sichtbar zu machen, was dahinter liegen könnte. Diese Art von Literatur zielt nicht auf Wahrheit und vermutlich macht sie diese für viele unheimlich und für ein paar Freunde des Close-Readings eben doch reizvoll. Wenn diese kreativ genug sind, nicht auf Wahrheitsanspruch zu lesen, gelingt es sogar, etwas Fruchtbares und Anschlussfähiges daraus abzuleiten, das keine Statistik jemals hergibt.

VI

Nun ist zu beantworten, worin dieses Fruchtbare bestehen könnte. Hinweise liefert vor allem der Blick in die Gegenwart bzw. in die etwas jüngere Vergangenheit, also in die Entfaltungszeit des Michael Krüger’schen „Digitalen Zeitalters“ (als besäße der Äonen-Bezug noch irgendeinen diskursiven Wert). Wer sich die Entfaltung der digitalen Kultur der vergangenen zwei Jahrzehnte ansieht, erkennt unschwer, dass ihr Erfolg durch die Kombination zweier Grundprinzipien begründet ist: das des Narrativen und das der Statistik. Plattformen wie Facebook sind biografischer Abbildungsraum und Sozialkartei herunteradressiert auf die kleinste kulturelle Einheit: Das Individuum. Während uns die Zahlen (Freunde, Likes, Shares, etc.) – Übernahme aus der Ökonomie – unseren Erfolg bei der sozialen Einbindung (Netzwerk) unseres Lebens präzise nachweisen, benutzen wir die Narration unserer Selbste dazu, diese Zahlen (unsere soziale Akzeptanz) zu beeinflussen. Selbstverständlich zählt im nächsten Schritt nicht nur die Quantität, sondern auch – FOAF – die Qualität unserer Kontakte.

Etwa in der Mitte dieser zwei Jahrzehnte öffentliche Netzkultur liegt eine Zäsur. Die ersten zehn Jahre etablierten den digitalen Kommunikationsraum noch weitgehend nach dem Muster der analogen Welt (massenmediale Kommunikation hier, private Kommunikation per E-Mail, Chat, P2P-Filesharing da und obendrauf noch ein paar Versandhäuser mit Online-Katalogen) wogegen mit dem sogenannten Web 2.0 die Trennwände nach und nach durchlässig wurden, so dass mittlerweile auf unseren Privatprofilen sichtbar wird, welche Zeitungsartikel wir abgerufen und welche Musiktitel wir abgespielt haben. Das Besondere als Basis der Handlungsstrukturen rückt in den Vordergrund. Wir schwanken zwischen Me-too und Me-first, letzteres mit der Chance, ganz früh im Trend zu sein und damit zu punkten (das Pyramidenspiel des Sozialprestiges) und zugleich mit dem Risiko, fehl zu gehen.

Diese relativ leicht erfass- und visualisierbare Statistik unseres Kulturverhaltens hilft uns einerseits, einen statistisch stabilisierten Überblick über unsere Nutzungsaktivitäten in äußerst komplexen Medien zu gewinnen und andererseits, dies in die Autofiktion unserer Identität einzubinden. Was wir von Max Weber also übernehmen können, ist der subjektive Sinn und das darin Eingebettete, das irreduzibel ist auch vor der Summe des einzeln Geteilten. Dieser subjektive Sinn geht, so eine Ergänzungsthese, nämlich nicht vollständig darin auf, was wir denken, was andere in unser Handeln hineinlesen sollen, sondern er wird auch permanent eigeninterpretiert und zwar vor dem Horizont unserer Selbstwahrnehmung und in Hinblick auf die Stimmigkeit unseres Eigennarrativs.

Die Explizierungsmedien für unser soziales Handeln helfen uns nun, die permanente Fortschreibung dieser Identitätserzählung so systematisch zu pflegen, wie es sonst bestenfalls mit einem penibel geführten Tagebuch möglich gewesen wäre. Das Reizvolle für die Bibliotheks- und Informationswissenschaft ist in diesem Zusammenhang die zu beobachtende Ausweitung dokumentarischer Praxen in die Selbstverwaltung der Identität. Wo wir unser Leben, die Spuren, aus denen wir Erinnerung generieren können, expliziert aufzeichnen und damit, teilweise öffentlich sichtbar, nachprüfbar machen, ist es nicht unwahrscheinlich, dass wir unsere Lebensgestaltung im Sinne eine dokumentierten Kontinuität und Stimmigkeit dieser Gesamtverläufe ausrichten. Dass der Sozialdruck, entstehend aus den geteilten Reise-, Konsum- und Aktivitätsbilanzen der Anderen, eine erhebliche Rolle spielt, ist unübersehbar.

Unser Web-Selbst wird so auf bestimmte Effekte hin manipuliert bzw. manipulierbar und unser, nennen wir es mal so, Offline-Selbst daran angepasst. Gerade bei Phänomenen wie dem Online-Dating entstehen erfahrungsgemäß häufig Differenzen aus dem geweckten Erwartungsbild (oder dem angenommen geweckten Erwartungsbild) und dem tatsächlich einlösbaren Offline-Original. Rein strukturell unterstützen die Plattformen die Verwandlung unserer sozialen Repräsentation in eine vermeintlich objektiv (Statistik) bewertbare Warenförmigkeit. Dies gilt also nicht nur in Hinblick auf unsere Adressierbarkeit für Werbung, sondern auch hinsichtlich des Repräsentationsdrucks auf unsere sozialen Kontakte, die uns jederzeit aus ihrem expliziten Netzwerk entfernen können, wenn wir ihnen als unpassend oder irrelevant erscheinen.

An der Schnittstelle zum professionellen Umfeld sind entsprechende Effekte noch deutlicher. Wo potentielle Arbeitgeber in den Besitz von Partyfotos und auf dieser Grundlage zu für uns realweltlich negativen Entscheidungen kommen können (eine große Debatte vor einigen Jahren), wirken diese Strukturen automatisch auf unser Verhalten zurück. Jedes aktuelle Mobiltelefon hat eine Kamera – wir können also überall fotografiert werden und müssen entsprechend überall adäquat wirken. Fast freut man sich, dass diese Spitze der Verhaltenslenkung noch nicht in Umsetzung ist und sich die Partytouristen in Berlin-Mitte nach wie vor benehmen als gäbe es weder Instagram noch ein Morgen. Und schließlich gibt es noch diejenigen, die keine Lust (mehr) auf die Nutzung dieser Verwaltungsmedien haben, denen die Gefahr der Fremdbeobachtung und / oder der Aufwand solcher Selbst(bild)kontrolle zu hoch ist. Offen ist allerdings, was wird, wenn eine virtuelle Repräsentation normativ wird, vielleicht sogar staatlich gesteuert. Wer das für absurd hält, der sollte sich einmal mit der Geschichte des Personalausweises befassen. Dann erscheint fast folgerichtig, dass früher oder später eindeutige digitale ID-Marker für unsere virtuellen Repräsentationen als notwendig eingeführt werden.

VII

Eine schöne Herleitung der generellen digitalkulturellen Entwicklung bis heute bietet in einer nahezu enzyklopädischen Form (immerhin nach dem Untergang der Enzyklopädien und damit der Vorstellung, man könne einen allgemeinen Kanon des Faktenwissens in einer geschlossenen Form abbilden) eine im Mai erschienene und noch erhältliche Sonderausgabe des zentralen Begleitmediums der Netzkultur – der Zeitschrift Wired: Wired. The first 20 years. (Interessanterweise wurde das mittlerweile zum popkulturellen Parallelmedium etablierte und weitaus anarchischere Vice Magazine fast zeitgleich gegründet. Wer die Jahrgänge dieser Publikationen bewahrt hat, dürfte für eine Genealogie der populärkulturellen Gegenwart mitsamt der dazugehörigen Kulturindustrie eine solide Forschungsgrundlage besitzen.)

Wired - das weiße Heft

Wired. Das weiße Heft, hier platziert auf einem Retro-Liegekissen. Auf der soeben erfundenen Moretti-Skala Close-Distant-Reading lautet die Leseempfehlung für diese Ausgabe: Mittel. Wer leichtgängigen kalifornischen Selbstbespiegelungsjournalismus mag, findet exakt was er erwartet, muss es also eigentlich nur überfliegen. Wer sich gern erinnern möchte, wie alles begann mit der Netzkultur, entdeckt die richtigen Schlüsselwörter (bzw. seine Madeleines wie Proustianer sagen würden). Wer sanftmütige Insiderscherze zur Ted-Talk-Präsentationspraxis sucht, bekommt Unterhaltung für die Länge von etwa 10 Tweets. Insgesamt ist die Ausgabe ein schmuckes Sammlerstück und wir werden in zehn Jahren sicherlich mit einigem Erstaunen und nicht wenig Freude an der Nostalgie wieder hineinblättern.

Diejenigen, die in den 1990ern mit der Netzkultur anbandelten, finden zudem im Jubiläumsheft eine Dokumentation einschlägiger Leitphänomene der eigenen Vergangenheit. Die Anknüpfungspunkte von A wie Angry Birds, Apps und Arab Spring über Friendster, Microsoft (sehr ausführlich), Napster (anderthalb Spalten), Trolling („But when skillful trolls do choose to converse with their critics, they poison the discussion with more over-the-top provocations masquerading as sincere statements.”, S. 160) und Wikileaks bis Z wie ZeuS sind jedenfalls vielfältig.

Ein schöner Trigger ist natürlich das Stichwort Blogs: 1998, als die meisten nutzergenerierten Inhalte noch bei Freespace-Anbietern wie Geocities oder tripod.com lagen, existierten, so erfährt man auf Seite 34, 23 Weblogs. Webweit. Ein Jahr später waren es ein paar zehntausend und der Schlüssel war eine vergleichsweise simple Webanwendung namens Blogger eines Zwei-Personen-Unternehmens namens Pyra Labs.

Diese Geschichte, genauso wie Google, das 2003 Blogger übernahm, zeigt den faszinierenden Kern der Digitalkultur. Die entscheidenden Entwicklungen waren immer durch das Engagement weniger Akteure (eine Porträtgalerie vom Präsidenten-Fotografen Platon präsentiert von Marissa Mayer bis Tim Cook all diese Lichtgestalten in Schwarz-Weiß), sehr simple Ideen, wenig langfristiger Planung und glücklicher Fügung geprägt. All diese Spuren sind so umfassend wie bei keiner anderen mächtigen Kulturentwicklung in der Menschheitsgeschichte dokumentiert. Die heutigen Big Player der Netzkultur begannen alle mit wenig mehr als vergleichsweise minimalem Budget und einer Idee. Wo man planvoll vorging und viel Geld investierte (kottke.com), ging es meist schief.

In die vom Ende der Geschichte erschöpften 1990er Jahre drang mit dem Internet eine frische Woge Zukunft und das Versprechen lautete, dass jeder, wenn er nur einen Computer und ein Modem und etwas Fantasie hatte, eine neue Welt nicht nur betreten, sondern sogar gestalten kann. (Und außerdem mit nur einer Idee sehr reich werden.) Für die Kulturindustrie wurden zu diesem Zeitpunkt die Karten neu gemischt, was viele Vertreter der etablierten Zweige weder verstanden noch überhaupt wahrnahmen. (sh. auch Sony, S. 136)

Das konnte natürlich auch scheitern, wie beispielsweise die Idee dank Hypertext nicht-lineare Narrationsformen durchzusetzen. „You can see this as a classic failure of futurism“, schreibt Steven Johnson zum entsprechenden Stichwort (S. 92), „Even those of us who actually have a grasp of longterm trends can’t predict the real consequences of those trends.” Wirkliche Webliteratur hat sich nirgends ein Publikum erobert und selbst wer nicht-lineare Texte liebt, liest seinen Danielewski (jedenfalls nach meiner Erfahrung) doch lieber als Blattwerk.

Die Übertragung des Vernetzungsprinzips auf die Reproduktion einer Verwaltungskartei für persönliche Kontakte wurde jedoch zum derzeitigen Zentralhabitat der Webpopulation. (sh. Facebook) Das man das Hauptgewicht tatsächlich auf Identität (das Gesicht) und nicht nur auf den Kontakt (ein Rolodex 2.0 hätte gewiss allein klanglich versagt) legte, ist Teil der Rezeptur.

Das weiße Wired-Heft selbst entspricht dem flockigen, anekdotengeschwängerten und niemals langweiligen Stil, der dem Web eigen ist, ist also auch ein gutes Zeitdokument journalistischer Standards der Netzkultur und lässt sich obendrein prima am Strand lesen. Idealerweise an einem mit Netzabdeckung, denn der Artikel zum Thema QR Code ist konsequent als QR Code-Verknüpfung eingedruckt. Mindestens so erstaunlich erscheint, dass die Firma 1&1 aus Montabaur auf Seite 193 eine Anzeige schaltet, deren Anmutung schon im Jahr 1993 in Wired altbacken gewirkt hätte. Aber vielleicht gerade deshalb.

VIII

Weiß man nach der Lektüre der Ausgabe präziser, wo wir nach 20 Jahren Wired (bzw. 20 Jahren Netzpopulärkultur) stehen? Vielleicht so viel, wie man über die Literatur einer Literaturgattung weiß, wenn man den Brockhaus-Artikel oder einen Moretti-Aufsatz zum Thema gelesen hat. Man hat einen Überblick und ein paar separate Fakten. Aber ohne unmittelbare Erfahrung bleibt es blanke Oberfläche. Die unmittelbare Gegenwartserfahrung zeigt eine gewisse Konsolidierung der Nutzungspraxen, die dafür mit dem Alltag verschmelzen. Die Wired-Ausgabe zeigt auf, was die vergangenen 20 Jahre eigentlich verschoben haben und nun sitzen wir hier vor den Macbook-Air und finden es eigentlich ganz okay, wenn es einen kleinen Sprung im Display gibt, also eine Brechung der Fassade. Im Hypertext-Eintrag heißt es: „and in the long run the web needed the poets and philosophers almost as much as it needed the coders.“ (S. 92)

Das Verhältnis scheint mir längst gekippt zu sein. Digitale Frühaufklärer wie Jewgeni Morosow und Gegenrevolutionäre wie Jaron Lanier sind längst im Metadiskurs auf Augenhöhe und in gleicher Dauerpräsenz wie die lange dominanten Futuristen und Heilsverkünder anzutreffen. Diese Vielstimmigkeit ist keine schlechte Entwicklung. Auch dahingehend geschah in den vergangenen Jahren sehr viel auch an Reifung. Alle, die über zwanzig sind, wissen, dass zwanzig Jahre überhaupt kein langer Zeitraum sind. Hält man sich vor Augen, wie grundlegend und disruptiv die Kulturverschiebung eigentlich wirkt (das Wired-Heft deutet es nur an), dann lief es – auch vor dem Horizont des geschichtlichen Wissens um kulturelle Verwerfungen) – geradezu friedlich und naiv ab, was sicher auch das Resultat einer schnellen und ziemlich umfassenden Bemächtigung, Steuerung, Moderation und Gestaltung dieser Prozesse durch einen nun digitalen Kapitalismus ist.

Die Entfaltung der Schattenseiten der Technologie, ihre Intrusivität hat sich bisher mit dem Emanzipationspotential die Waage gehalten. Ihres dystopischen Gehalt sind wir uns bewusst (und wer Nachholbedarf hat, sollte Gary Shteyngarts Super Sad True Love Story lesen).

Die Einblicke in Tempora und Prism durch Edward Snowden sind sicherlich eine nächste Zäsur und ein wichtiger Schritt zum Verständnis der Risiken eine Omnikodifizierung und Vernetzung unserer Lebenswelten. In jedem Fall zeigen sie die Notwendigkeit einer übergeordneten Gegenkontrolle zum angeordneten Monitoring unserer digitalen Handlungen. Entsprechend wichtig ist auch die Rolle der Intellektuellen und eines dekonstruierenden intellektuellen Diskurses dazu. Der muss nicht zwingend in der Wissenschaft geführt werden. Aber es würde natürlich der Wissenschaft nicht schaden, wenn sie ihn führte.

Das Fruchtbare dieses Bremsdiskurses wäre übrigens, dass die Gesellschaft beständig die gesamte Bandbreite ihrer Wertvorstellungen, Wünsche und Ängste gegenüber dem digitaltechnisch Machbaren und der Digitalkultur reflektiert, um früh und deutlich genug Einspruch erheben zu können, wenn etwas aus dem Ruder läuft und wenn neue Totalisierungstendenzen gleich welcher Art entstehen. Die Literatur schafft es, uns dafür sensibel zu halten, gerade in dem sie in der Nahlektüre berührt. Ich bin mir nicht sicher, wie die Stilanalytik des Distant Readings aus dem Stanford Literary Lab dafür einsetzbar wäre.

26.06.2013

It’s the frei<tag> 2013 Countdown (24): Blick zurück nach vorn. 1993 als Schlüsseljahr der Digitalkultur.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 26. Februar 2013

von Ben Kaden

„We were on tour and this guy came backstage and showed us the Internet. We were very impressed.” – Mike D., ca. 1993

Im April 1992 erschien das Album Check your head der Beastie Boys. Es dauerte wie immer eine Weile, bis jemand aus unserer kleinstädtischen Mitte in die Großstadt fuhr, die CD besorgte und wir anderen uns, wie üblich, Kassettenkopien für den Walkman erstellten. Wie es sich für Berufsmusiker gehört, tourten die Jungs aus New York im Anschluss. Aber natürlich nicht in unserer Nähe. Uns blieb nur, ausdauernd MTV in der Hoffnung zu schauen, dass sich zwischen den 4 Non Blondes, Soul Asylum und Ugly Kid Joe eines ihrer Videos zeigte. Irgendwo auf ihrer Bühnenrundreise begegneten die Beastie Boys anscheinend einem Nerd der ersten Stunden und sahen die Zukunft. Deshalb kann nun, um die 20 Jahre später, das New York Magazine Mike D.s Erinnerung in einer für uns Zeitzeugen erstaunlichen Collage unter der Überschrift Did 1993 Change Everything? abdrucken.

Das Jahr war tatsächlich eigenartig irgendwo zwischen Menace II Society, Björks Debut, dem Friedensnobelpreis für Nelson Mandela und Willem de Klerk (und damit dem Ende der Apartheid), Bill Clinton, der Entfesselung des Neoliberalismus (beispielsweise privatisierten die kurzsichtigen Briten ihre Eisenbahn), dem Vertrag von Maastricht, der Auflösung von a-ha und dem Tod von Kobo Abe, dem von Hans Jonas und dem von Pablo Escobar eingehängt. Natürlich bekommt man diese Fakten auch ohne Internet noch zusammen und weiß gar nicht, ob man sich darüber freuen soll, dass man so live dabei war, zu Siamese Dream mitträumte, zu Nuthin‘ but a „ G“ Thing mitbouncte und nicht wusste, dass man ein Jahr darauf von einer Downward Spiral noch ganz anders mitgerissen werden würde. (Und wie melancholisch stimmt es einen, wenn man beispielsweise realisiert, dass Isolda Dychauk, die das Gretchen in Alexandr Sokurovs Faust spielte, in diesem berühmten Jahr geboren wurde. Und wie erschütternd es ist, zu sehen, dass Justin Biebers Geburt damals sogar erst noch bevorstand.)

Es war das Jahr, in dem America Online (für Macintosh und Windows) kam, damit Amerika online geht. Allerdings wusste man in der ostdeutschen Provinz 1993 und noch ein wenig länger nur vom Hörensagen, was dieses Internet eigentlich sei. Dass jedoch alles, was in den USA geschieht, erst mit einem 10-Jährigen Nachhall Deutschland erreicht, stimmte selbstverständlich überhaupt nicht mehr. (Falls es überhaupt je zutreffend war.) Irgendwann hatte schließlich jemand ein Modem und eine Linkliste der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften, die es ermöglichte, zielsicher von ganz unten in die schon früh vorhandene Vielfalt der Netzkultur einzusteigen.

Netscape also und nicht Mosaic hieß das erste (Keller)Fenster zur virtuellen (Unter)Welt. Abgerechnet wurde die Einwahl zum Minutentarif und daher assoziierte niemand das Web mit dem Schlag- und Dreschwort der Kostenloskultur. Es war eher ein Rummelplatzerlebnis, bei dem man Eintritt zahlt, um danach durch ein Verrücktes Haus zu stolpern.

Das digitale Himmelreich zeigte sich allerdings auch bald und der erste Zugriff auf Amazon.com wirkte tatsächlich als Zäsur. Denn die dort abfragbare Vielfalt an (potentiell und nur in Amerika) verfügbaren Büchern über alle denkbaren und unvorstellbaren Themen erschien uns jedenfalls schlicht als Wunder. Die uns bekannten Versandhäuser führten biedere Namen, wie sie auf Klingelschildern in der Nachbarschaft hätten stehen können und zeigten in ihren Katalogen eine Ausstattungspalette für kleinbürgerliche Vorstadtexistenzen, die von Filmen auf VHS-Videokassetten (eine Doppelseite) über Fahrräder und Heimtrainer bis zu Massagestäben reichte, die man sich anscheinend an die Wange oder Schulter halten musste. Aber unserer Sehnsucht nach Welt boten diese aufgeräumten und hausbackenen Konsumquellen keinen adäquaten Horizont. Die verästelten Flussläufe der Nischenangebote des amerikanischen Buchmarkts dagegen erlebten wir in gewisser Weise als eine mittelschwere Erweckung und neue Welt.

Amazon war zu diesem Zeitpunkt, also etwa 1995, fast noch eine Garagenunternehmung, ein Broker, der eine Datenbank zwischen Buchkunden und externen Auslieferern schaltete. Im Juni 1996 verkaufte Amazon.com dann 5000 Bücher – am Tag. (vgl. dazu auch Lyster, 2012) Vermutlich ahnte Jeff Bezos spätestens zu diesem Zeitpunkt ziemlich sicher, dass er auf das richtige Pferd gesetzt hatte und es nur auf den langen Atem (und auf das Long Tail) ankam. Ganz ohne Wagemut ging es sicher nicht, denn wohin und wie das zarte Pflänzchen WWW tatsächlich wuchern sollte, war zu diesem Zeitpunkt nicht vollends absehbar. Allerdings konnte man den 20sten Jahrestag einiger Basisinnovationen für die neue Mediennutzungskultur verbuchen: Der Strichcode nach dem UPC-Standard wurde in den USA 1973 eingeführt, machte Gegenstände maschinenidentifizierbar und somit elektronisch gestützt prozessierbar , das ARPANET überwand dank Satellitentechnik im selben Jahr den Atlantik und wurde entsprechend global und mit den Videospielen wurde eine erste Praxis der direkten Bildschirminteraktion populär, ca. 13 pralle Jahre bevor Elizabeth Grant aka Lana del Rey geboren wurde, die uns 2011 zeigte, wie man mit der Referenz auf Video Games furchtbare Nostalgiegefühle auslösen kann. Außerdem war ab 1993 die Entfaltung des E-Commerce unter der neuen Regierung Clinton/Gore in den USA mehr als gewünscht.

Dass das Web ziemlich schnell den Nimbus einer hippen Zukunftssache erhielt, ist jedoch einer Printpublikation zu verdanken, die am 02. Januar 1993 on-kiosk ging. Die Metapher „Rolling Stone of Technology“ bedeutete für Wired einen Auftakt mit Ritterschlag, denn in diesen Jahren stand das Rolling Stone Magazine auf Papier für das, was MTV auf dem Fernsehschirm galt: Das Zentralorgan der Populärkultur. Noch hipper ging es nur im Untergrund und da es noch 14 Jahren bis zur Erfindung von Issuu und Tumblr dauern sollte, fehlte den Zines selbst bei liebevollster Gestaltung die Politur, die als Brücke zu den Massen taugte. Mit Wired wurde nicht nur das Web cool sondern zugleich ein Lebensstil, der auf Digitaltechnologie und die darüber vermittelte Kommunikation (bzw. Selbstentfaltung) setzte. (Grob zwanzig Jahre zuvor (in den frühen Jahren des Barcodes) gab es übrigens mindestens drei Maßstäbe setzende Kabelagen: den Bird on a Wire (Leonhard Cohen), den Man on Wire (Philippe Petit) und natürlich die World on a Wire (von Rainer Werner Fassbinder), wobei nur der dritte Film wirklich ins Wired-Schema passt.)

frei<tag> mit Praline

Die Suche nach einer unbedingt vorhanden geglaubten Wired-Ausgabe im privaten Zeitschriftenarchiv wirbelte zwar Staub auf, erwies sich insgesamt leider als erfolglos. (Alternativ fand sich zwar die generell hochinteressante Ausgabe des Playboy No. October 1969, die mit Jean Bell die erste dunkelhäutige Frau als Centerfold dieser Zeitschrift präsentiert, aber auch ansonsten wenig bis gar nichts mit Bezug zur elektronischen Medienkultur enthält – Anzeigen für zeitgenössische Unterhaltungselektronik wie den 8-Track-Stereo-Track-Recorder Panasonic Symphony 8 – „This is our answer to the scratchy phonograph record.“ – ausgenommen, wobei im Ergebnis die kratzige Schallplatte auch diese hochgespulte Ansage gelassen überpringen konnte). Daher wird die frei<tag>13-Karte hier anders inszeniert gezeigt. Nämlich vor einem soliden, goldbetupften Stückchen Pâtisserie-Kunst im nicht mehr so ganz angesagten Prenzlauer Berg. Man muss ja auch nicht immer mit dem Zeitgeist gehen. Und wie beruhigend ist doch die Undigitalisierbarkeit einer Canache.

Wer nun heute in die erste Ausgabe von Wired vermutlich eher hineinklickt als blättert, findet einen hochinteressanten Text mit dem Titel Libraries Without Walls for Books Without Pages: Electronic Libraries and the Information Economy vom für Europa zuständigen Wired-Redakteur John Browning. Aus 20 Jahren Distanz haben wir gut reden, könnte man meinen. Aber eigentlich haben wir nicht. Denn erstaunlicherweise sind sehr viele der damals formulierten Aussagen zur elektronisch und noch nicht digital genannten transformierten Bibliothek verblüffend aktuell:

Das Einstiegsthema des Artikels waren Digitalisierung und E-Books:

„Why not, the logic goes, cut out unnecessary page-turning and work directly with the electronic version of the document?”

konnte man lesen und außerdem erfahren, dass die BnF in einem Digitalisierungsprojekt (“perhaps the most ambitious”) einen Kanon von 100.000 Büchern binarisieren wollte.

E-Zeitschriften allerdings waren noch nicht unbedingt Online – sondern mehr Print-on-Demand-Journals:

„Instead of receiving a printed journal from publishers, for example, it [the British Library] now receives a CD-ROM containing digitized images of the articles from which it prints out a new hard copy each time one is requested.”

Dagegen wurde die Konkurrenz durch Konvergenz zu diesem Zeitpunkt absehbar:

„If someday in the future anybody can get an electronic copy of any book from a library free of charge, why should anyone ever set foot in a bookstore again? But if the books on a library’s electronic shelves are not free, what is left of the distinction between library, printer and bookstore – and what is left of the library’s traditional raison d’etre: namely, making information available to those who cannot afford to buy it?”

Eine schwierige Sachlage, die bis heute unter den Sigeln § 52a und § 52b auch die deutsche Gerichtsbarkeit in urheberrechtliche Auslegungsbredouillen bringt.

Wobei sich der Autor zu diesem Zeitpunkt die Elektronischen Leseplätze weitaus progressiver vorstellte, als sie das deutsche Urheberrechtsgesetz derzeit offensichtlich ermöglicht:

„The workstations will provide a network link to the card catalogs, note- taking and bibliography software, and, most ambitious, a sort of electronic notebook customized for work in electronic libraries. The workstations are still in the early prototype stage, but the plan is to allow a researcher to scan pages of text directly into a personal database instead of photocopying them for hard files. Scanned text can then be annotated, indexed, and searched by a variety of means.”

Indes füllen mittlerweile Dienste wie Scribd (Selbstbeschreibung: „a digital documents library“) die Lücke, die die Bibliotheken oft lassen müssen. Dennoch (bzw. deshalb) bleibt zeitkonstant die Aussage aktuell:

„One of the more vexing questions concerns copyright.”

John Browning wusste ebenfalls bereits von der Zeitschriftenkrise zu berichten:

„Problem is, libraries can no longer afford to have all the books and journals they feel they should have on their shelves. Over the past few decades, the number and cost of academic journals has skyrocketed.”

und sah gleich eine Lösung voraus, die freilich auch 20 Jahre später noch nicht allzuweit etabliert ist, nämlich

„to find new ways that enable researchers to get and to pay for only those journal articles that are needed. Here’s where new technology can help.“

Insgesamt enthält der für ein Rolling-Stone-Pendant eher nüchterne Text nur wenige Stellen, die aus der Zwei-Dekaden-Distanz erwartungsgemäß etwas drollig wirken. Eine davon betrifft die technologische Vorreiterposition der Grande Nation:

„For better or worse, that is how the country got the Concorde, the Airbus, its nuclear power program, Minitel – and now the electronic book.”

Zu E-Books stellte der Guardian im vergangenen Sommer immer noch fest:

„When it comes to reading books, the French are determinedly bucking the digital trend and sticking to paperbacks.”

Die Concorde und Minitel sind dagegen musealisiert, das Atomprogramm ist als Zukunftstechnologie eher ausgeglüht und wird durch die großen Urgewalten Sonne, Wind und Wasser bedroht und der Airbus besitzt in der Öffentlichkeit in etwa so viel Sex Appeal wie ein Citroën. Er soll heute vor allem störungsfrei befördern.

Ähnlich, aber erfahrungsgemäß nicht gänzlich überholt, ist auch die Aussage:

„The electronic image of a book is still a few gigabytes worth of information, and a gigabyte is a helluva lot of data – several times more than what fits into most of today’s computers or flows conveniently through computer networks.”

Es ist bemerkenswert, dass zwar elektronische Aufsätze durchaus auch als digitaler Text gedacht wurden, das Medium Buch jedoch in diesem Kontext beständig als Bilddigitalisat.

Andererseits war das Ausstiegsszenario des Aufsatzes das der Bibliothek als publizierendem Akteur – ein Thema, welches im Zusammenhang mit der Datenpublikation wieder richtig brisant werden könnte. John Browning  führte diese sich abzeichnende Rolle zur Formulierung eines Dilemmas:

„If libraries do not charge for electronic books, not only can they not reap rewards commensurate with their own increasing importance, but libraries can also put publishers out of business with free competition. If libraries do charge, that will disenfranchise people from information – a horrible thing. There is no obvious compromise.“

Zwei Absätze vorher notierte er nicht unpassend eine denkbar zeitlose Einsicht, die man durchaus – in vielleicht etwas poetischeren Worten – auch über ein Bibliotheksportal in den Sandstein meißeln könnte:

„None of these changes will happen overnight.”

Einige der prognostizierten Veränderungen stehen nämlich auch 20 Jahre später noch ziemlich aus.

Was gleichwohl zunehmend bemerkbar wird und woran die von Wired mitforcierte kulturelle Transformation der Gesellschaft nicht ganz unschuldig ist, ist die wachsende Unvorstellbarkeit der prädigitalen Welt. Carl Swanson rapportiert in seinem Beitrag zum Jahr 1993 im New York Magazine eine Anekdote aus der Familie des Wired-Mitbegründers Kevin Kelly. Dieser berichtete, so Swanson:

„My youngest son is 16, and when he was 10 or 11, he asked, ‘How did you get on the Internet without computers?‘ He kind of understood how computers might not exist […] but he couldn’t imagine the Internet not being there.”

Und Swanson ergänzt:

„It’s not easy for me, either, an I was there, calling the reference desk at the library.”

Die Zeit vor der Allgegenwart des Digitalen lässt sich 2013 (in der westlichen Lebenswelt) fast nur noch als Geschichte vermitteln. Wohin die Wege führen in 20 Jahren geführt haben werden, scheint derzeit ungewisser, als – in der Rückschau – jede Vorhersage aus dem Jahr 1993. Mutige Science-Fiction-Szenarien abseits finsterer Dystopien gibt es kaum. Offensichtlich ist sicher der Trend von wired zu wireless. Offensichtlich ist ebenfalls, dass ein Quantensprung ins Digitale (oder im Digitalen), wie er 1993+ erfolgte, heute nicht mehr mit einer Printpublikation begleitet werden wird. Nicht mal mit einer, die Wireless heißt. Die Avantgarde-Zeitschriftengründungen der letzten Jahre berühren vielmehr eine Art kritische Ausrichtung bis Gegenkultur zur Digitalität. Möglicherweise ist damit auch ein Trend für die nähere Zukunft bestimmt: Postbinäre und neoanaloge Kommunikationsformen. Im Jahr 2033 wird sicher jemand mehr darüber schreiben können. Aber wie und wo und welcher Form vermag ich nicht vorherzusagen. Dabei wird es schon spannend sein, zu sehen, wie er sich an die Medienkultur 2013 erinnert.

Quellen

John Browning (1993) Libraries Without Walls for Books Without Pages. Electronic Libraries and the Information Economy. In: Wired 1.01. Online: www.wired.com/wired/archive/1.01/libraries_pr.html

Angelique Chrisafis (2012) Why France is shunning the ebook. In: Guardian / Shortcuts Blog, 24.06.2012. Online: www.guardian.co.uk/books/shortcuts/2012/jun/24/why-is-france-shunning-ebooks

Clare Lyster (2012) The Logistical Figure. Apathy, individualism, power. In: Cabinet Magazine. Issue 47 (Fall 2012) S. 56-62

Carl Swanson (2013) Are we still living in 1993? In: New York Magazine. Februar 11, 2013, S. 28-37