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Von Geeks und Büchertanten.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by libreas on 18. Februar 2016

Ein Kommentar von Juliane Waack (@Jules_McCloud)

Im Rahmen des #inetbib16, kurz für die 13. InetBib-Tagung in Stuttgart, die vom 10. bis 12. Februar stattfand, geisterte ein Zitat von Bernd Schmid-Ruhe, Leiter der Mannheimer Stadtbibliothek, durch die Twitter-Sphere: „Wir brauchen mehr Geeks und weniger Büchertanten.“

Diese Formulierung ist, gelinde gesagt, ungeschickt. Da kann man sich gegenüber kritischer Einwände jetzt ganz unelegant damit herausreden, dass es überspitzt formuliert wurde, also gar nicht so gemeint war, im Kontext ganz anders war und sowieso ironisch zu verstehen ist und überhaupt, versteht denn niemand hier Spaß?

Nun, Spaß schon, aber Sexismus eher weniger.

„Wir brauchen weniger Geeks und mehr Büchertanten“ ist also eine dieser Formulierungen, die für Diskussionen sorgen sollen. Nichtsdestotrotz sollte man selbst in diesen ankurbelnden Buzzword-triefenden TED-Talk-Aussagen Begriffe verwenden, die man auch so im normalen Diskurs verwenden würde, ohne sich danach erklären zu müssen.

Wer Stereotype und Klischees verwendet, ohne Alternativen zu nennen, der kann sie noch so ironisch meinen, sie werden sich weiterhin in den Köpfen festsetzen. Wer sich ein wenig mit der psychologischen Theorie dessen beschäftigen will, kann dazu tief eintauchen (etwa hier), denn insbesondere in den amerikanischen Rassismus-Debatten hat sich diese Thematik als sehr fruchtbares Studienthema herausgestellt. Um es kurz zu fassen: selbst die humoristische Verwendung von Stereotypen verunsichert die Personen, die davon betroffen sind, verändert ihr (natürliches) Verhalten und nagt außerdem am kulturellen Selbstbild. Zusätzlich sorgt das Auslassen einer Alternative dafür, dass es dennoch nichts weiter als dieses Stereotyp im Diskussionsrahmen gibt (und nein, der „Geek“ ist keine positive Alternative zur „Büchertante“, das wäre höchstens die „Digital Native Büchertante“).

Das wirklich Ärgerliche an der Unterscheidung zwischen „Büchertante“ und „Geek“ ist offensichtlich: das eine ist eindeutig einem Geschlecht zugewiesen, das andere eher nicht, wird jedoch vorwiegend und gerne für Männer verwendet. Sprich: Bibliothek und Bibliothekswissenschaft brauchen anscheinend mehr hippe coole Start-up, Silicon-Valley-Typen (an sich schon eine Einöde, was Diversität angeht) und soll sich von diesen lahmen Bibliothekarinnen verabschieden.

Die müssen sich in diesem Zusammenhang seit eh und je im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen mit Konnotationen auseinandersetzen, die durchgehend auf ihr Aussehen und ihre Rolle als entweder reizlose alte Jungfer oder übersexualisierte Männerfantasie konzentriert wird. Kompetenzen, Qualifikationen und Intelligenz werden nur marginal betrachtet, wenn man sich mit „Büchertanten“ auseinandersetzt und selbst dann sind sie der Grund, warum die „Tante“ noch Single ist (wer mag schon kluge Frauen, igitt).

Wer sich einmal die Rollen von Bibliothekar/innen in Film und Fernsehen ansieht, der wird schnell erkennen, dass vorwiegend Frauen in dem nicht sehr schmeichelhaftem Klischee-Korsett gefangen sind und das seit mehr als 60 Jahren, wie Julia A. Wells in ihrem Essay „The Female Librarian in Film: Has the Image Changed in 60 Years?“ (PDF) hervorhebt.

Bibliothekarinnen sind im popkulturellen Rahmen streng, freudlos und alleinstehend oder aber im krassen Gegensatz nur dazu da, mit knappen Outfits die Wünsche bzw. Fantasien der männlichen Besucher zu erfüllen. Kurzum: die Tätigkeit alleine suggeriert vielen ein frauenfeindliches Bild, das – wenn wir mal ehrlich sind – auch der Bibliothek und deren Wissenschaft keinen Gefallen getan hat und tun kann.

Wer (mit dieser Aussage ausschließlich) Frauen durch absurde Klischees und Stereotype einen Stempel aufdrückt und ihnen sowohl technisches Know-how, Zeitgeist als auch moderne Ansätze abspricht, der sorgt für eine wenig einladende Atmosphäre im Studiengang, der Wissenschaft und dem Berufsfeld. So sehr sich stolze „Büchertanten“ den Begriff zurückholen wollen, um ihn mit positiven Konnotationen zu besetzen (smart, belesen, organisiert und sozial), so sehr sabotiert ein derartiger Sprachgebrauch diese Bemühungen.

Wer heute noch abfällig das Wort „Streber“ in den Mund nimmt, offenbart sich ebenso als intellektuellenfeindlich wie sich ein „Büchertanten“-Denunziant als latent frauenfeindlich angreifbar macht (natürlich spielt bei derartigen Aussagen immer die Intention eine Rolle, gleichfalls stellt sich jedoch die Frage, warum ausgerechnet dieses Wort so locker auf der Zunge lag).

Wer die Bibliothek ins 21. Jahrhundert bringen möchte, der muss sich nicht der engagierten Wissenschaftlerinnen und Bibliothekarinnen entledigen, sondern der Hürden und elitären Ansätze, die scheinbar fortschrittliche, aber eigentlich völlig anachronistische Trend-Berater so von sich geben. Die Bibliothek braucht nicht mehr Geeks, sondern sie muss als Arbeitsplatz und als Wissenschaftsbereich attraktiver für intelligente und aufgeschlossene Menschen werden, die sozial und zukunftsweisend zugleich denken können. Dafür braucht es Anreize, die nicht nur per Nützlichkeitsmessung oder Image-Optimierung zu bestimmen sind, sondern vor allen Dingen einen Diskurs, der nicht mehr als die Hälfte aller Beteiligten mit derartigen, auf Abgrenzung zielenden Sprüchen vor der Tür stehen lässt.

(Berlin, 17.02.2016)