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Ordnung ist das halbe Lesen. Zu Mikko Kuorinkis Variation über Foucault.

Posted in LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Referate by Ben on 19. April 2012

Rezension zu: Mikko Kuorinki (2012): The Order of Things: An Archaeology of the Human Sciences. Karlsruhe: Mark Pezinger Verlag.

von Ben Kaden

Bis auf das Buch „Das Totenschiff“ segelte B. Traven an meiner Lektürebiografie fast spurlos vorbei. Aber irgendwie auch nicht. Denn eine meiner angenehmsten Tätigkeiten zur Entspannung des manchmal etwas von alltäglicher Betriebsblindheit geprägten Blicks während meiner Tätigkeit als studentischer Mitarbeiter in der Saur-Bibliothek des Berliner Instituts – damals noch nur – für Bibliothekswissenschaft, war das Herumstöbern in der teils doch sehr wunderlichen Zusammenstellung des dort vorgehaltenen Programms des Saur-Verlags. Einer meiner Lieblingstitel wurde Joachim Dietzes B. Travens Wortschatz [1]. Auch wenn ich also B. Travens Worten weitgehend fremd gegenüber stehe, so sind mir doch seine Wörter vertraut. Joachim Dietzes Arbeit ist nämlich ein so genanntes Frequenzwörterbuch, welches sämtliche von B. Traven verwendete Wörter nach Schaffensperioden auf etwas mehr als 700 Seiten listet. Das liest sich nicht mitreißender als ein Telefonbuch, aber dank Rückbezug zu einem konkreten Autor und seinem Werk doch aufregender als der Duden. Von den jeweiligen Handlungsverläufen erfährt man natürlich nichts, aber erstaunlicherweise ergibt sich aus dem aufmerksamen Durchblättern des tabellarisch nach Häufigkeit aufgeschlüsselten Wortschatzes durchaus ein grober Eindruck, worüber der Schriftsteller wie schrieb.

Sich mit Sinn und Zweck derartiger Erschließungen auseinanderzusetzen ist Gegenstand einer literaturwissenschaftlich orientierten Linguistik. Hilfreich sind Frequenzanalysen vor allem für Fragestellungen einer quantitativen Literaturwissenschaft, die sich auch mit Wortschatzauffälligkeiten und Verschiebungen im Vokabular befasst.

Einem Betrachter ohne Bezug zu solchen Erkenntnisverfahren erscheint die Vorstellung, ein Textwerk derart aufzulösen und zu -listen dagegen verständlicherweise wahlweise als spleenig, absurd oder frevelhaft.

Bibliotheks- und Informationswissenschaftler sehen schließlich darin möglicherweise wichtige Vorarbeiten einer literaturwissenschaftlichen Semiometrik, die für semantische Netze und Ontologieentwicklung nützliche Grundlagen legen kann.

Wie Joachim Dietze methodisch vorging, ist mir nicht bekannt und das Buch liegt mir auch nicht mehr vor, um in einer eventuellen Vorbemerkung entsprechend nachzulesen. Auch inwieweit Volltextkorpora wie Google-Books semiometrische Verfahren elaborieren vermag ich nicht genauer abzuschätzen und für entsprechende Hinweise bin ich immer dankbar. Der N-gram-Viewer[2] lässt jedoch vermuten, dass dort Ansätze dieser Art keine geringe Rolle spielen. Eher  darüber hinaus, wie sich derartige Verfahren als Werkzeuge auf Digitale Geisteswissenschaften appliziert denken lassen.

Eine Schwierigkeit bleibt freilich bestehen. Denn man besitzt zwar im Idealfall Korpus, Methode und Analysetechnik. Der Zweck, also das Erkenntnisziel, dieses „how (not) to read a million books“[3] bleibt aber unbestimmt.

In der Informationswissenschaft kenn man das schon länger. Denn die Formulierung relevanter Forschungsfragen und in gewisser Weise die Re-Qualifizierung quantitativer Möglichkeiten ist eine Herausforderung, die Sziento- und Bibliometrie grundlegend umtreibt. Wir können alles Mögliche messen, relationieren und visualisieren. Die Möglichkeit eines Übergangs zwischen einer Leistungsschau der Rechentechnik, dem ästhetischen Vergnügen an sauberen Kurvenverläufen und sinnvollen Aussagen mit konkreten Handlungsimplikationen wird dabei jedoch nicht immer greifbar.

Mikko Kuorinki - The Order of Things (Cover)

"Snobs who go to Bonn for bonbons know how to shop for good food." - Christian Böks nach-oulipotisches Eunonia (Edinburgh: Cannonball Books, 2001) stellt in gewisser Weise das Gegenmodell zu Mikko Kuorinkis' Ansatz dar. In fünf Kapiteln wird eine Literatur erzeugt, die der strengen Regel erfolgt, in jedem Kapitel jeweils nur einen Vokal zuzulassen, dafür aber möglichst das gesamte Repertoire an integrierbarem Vokabular zu verarbeiten. Laut Nachwort gelang dies zu 98 %. Das Vergnügen - man kann es am zitierten Satz leicht erproben - entsteht beim lauten Vortrag. Damit unterscheidet es sich übrigens grundlegend von Mikko Kuorinkis Ordnungswerk. Vor allem, weil man dort angesichts gebündelter Redundanz beim Lesen viel zu leicht in der Zeile verrutscht.

Wenn nun der finnischen Künstler Mikko Kuorinki die Methode des Frequenzwörterbuchs auf Michel Foucaults Les mots et les choses (allerdings englische Übersetzung, also: The Order of Things) anwendet, darf man sicher keinen übermäßig wissenschaftlichen Hintergrund erwarten. Zudem ist anzunehmen, dass die Übersetzung ohnehin einige Verwischungen im Sprachgebrauch enthält, was auch die Aussagekraft über den Sprachgebrauch Foucaults begrenzt. Dennoch eröffnet sich ein erfrischender Zugang.

Das Werk zur Umordnung des Textes ist selbstverständlich bewusst gewählt. Es in der Form aufzubrechen und nach Worthäufigkeiten neu aufzustellen, es also von formulierten Aussagen zu in der Wortverwendung an sich aufschimmernden impliziten Aussagen eines Subtextes zu öffnen, lässt sich unschwer als Referenz auf die Grund(in)fragestellung von Wissen durch die Idee des Diskurses lesen. Mikko Kuorinki treibt die Vorstellung, wie wir über die Dinge sprechen und wie sie Foucault gerade auch in diesem Werk unter dem Begriff der Archäologie untersuchte auf eine interessante und dekonstruktive Spitze. Und zwar, indem er sich ausschließlich des in der Vorlage benutzten Vokabulars bedient und es nach dem schlichtmöglichsten Ordnungsverfahren (=alphabetisch) arrangiert. „Discourse“ besetzt nun mehr als eine ganze der leider nicht nummerierten Seiten und geht direkt in eine halbe weitere mit „discover“ über. Inwiefern auf Schöpferseite (also bei Mikko Kuorinki) die Freude am Nonsens bei der Arbeit eine Rolle spielte, wird vom Buch her nicht deutlich. Die Werkgeschichte des Künstlers ist aber durchaus von der Auseinandersetzung mit der Verbindung zwischen Mensch und Welt via Sprache geprägt. Damit kann man ihn sicher vom L’art pour l’art-Verdacht freisprechen. Im Buch selbst findet sich keine Erklärung. Die etwas zu gequälten Blurbs auf der Buchbanderole wirken fast ein wenig den Spaß verderbend.

Der Inhalt ist wahrscheinlich tatsächlich wortidentisch mit der Vorlage, semantisch aber maximal aufgespreizt. Denn jedes Wort steht nun für sich und alle abgebildeten Kontexte sind syntaktisch motiviert. Was mitunter tatsächlich in eine eigenartig konkretisierte Poesie des Eigensinns der Sprache führt. Abgesehen davon überrascht die linguistische Visualisierung der Wortverwendungen („information“ kommt nur dreimal vor, „belief“ bzw. „believe“ in verschiedenen Beugungen 49 Mal) mit einiger Aufschlusskraft über den Foucault‘schen Diskurs, also die spezifische Rede- bzw. Schreibweise über seinen Gegenstand.

Möglicherweise ist diese rücksichtslose Form der Diskursbrechung dank eines simplen Ordnungssystems der uns verbliebene Weg einer erkennenden Distanzierung zu den unvermeidlich gebundenen Aussagesystemen der Wissenschaften. Ich glaube nicht, dass Mikko Kuorinkis Arbeit als Plädoyer für die Elaboration entsprechender semiografischer und semiometrischer Methoden angedacht ist. Aber sie lässt sich – wenn man hier von lesen sprechen möchte – vor allem so lesen. Und enthält dabei, die richtige Fragestellung vorausgesetzt, durchaus Erkenntnis stiftendes Potential.


[1] Joachim Dietze: B. Travens Wortschatz : ein Frequenzwörterbuch zu seinen drei Schaffensperioden. München : Saur, 1998

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Die Zwiegesprächsregulationsmaschine. Boris Groys über Google.

Posted in LIBREAS.Referate by Ben on 27. Februar 2012

Anmerkungen zu: Boris Groys (2012) Google: Worte jenseits der Grammatik.  dOCUMENTA (13): 100 Notizen – 100 Gedanken Nr. 046. Ostfildern : Hatje Cantz. (Weitere Informationen zum Titel beim Verlag)

von Ben Kaden

„Die Sprache ist ja weder blosses Werkzeug zur präzise-korrekten Verständigung, noch lässt sie sich in Schablonen von Norm und Ethos pressen. Sie lebt, assimiliert fortlaufend neue Erfahrungen und Realitäten und ist darüber hinaus auch ein hoch emotionales Medium.“

So schreibt der Bankier, Pferdezüchter und Stiftungsrat Hans-Dieter Vontobel im Vorwort zu Broschüre „Sprachen der Jungen“ von Angelika Overrath (Zürich: Vontobel-Stiftung, 2011, mehr dazu bei der NZZ) und benennt damit genau das Verständnis, was wir gemeinhin von der dynamische Grundsubstanz unserer Kommunikationen haben sollten. Für die Alltagssprache von Angesicht zu Angesicht wird sich dies auch kaum ändern und wenn junge Menschen (in diesem Fall etwa um die 14 Jahre) in der S-Bahn einander zurufen: „Das ist doch voll ehec, Alter!“ dann beweisen sie durch die Übernahme durchaus Anschlusspunkte und Rekontextualisierungskompetenz zu übergreifenden gesellschaftlichen Diskursen. Anders stellt sich die Situation dagegen für die digital vermittelte Kommunikation dar. Boris Groys beschäftigt ich in einem kleinen als Positionierung zur Documenta 13 publizierten Aufsatz mit den Auswirkungen einer wenn man so will Googlefizierung der Kommunikation. Als Ausgangspunkt formuliert er die Prämisse, dass unser Leben ein beständiges Zwiegespräch mit der Welt und daher, wenn man so will, in jedem Moment kommunikativ sei. Für das Verhältnis zwischen Individuum und Welt drängen sich damit zwei Fragen auf:

  1. Wie stellen wir bestimmte Fragen an die Welt?
  2. Wie bestimmen wir, welche der Antworten, die uns die Welt gibt, als relevant erscheinen?

Die Diskussionen die sich bei einer allgemeinen Betrachtung aus dieser Annäherung ergäben, führten unweigerlich in die Elementardebatten der Kulturgeschichte. Mit dem Internet, dass uns als Kommunikationsraum ein zugleich ungreifbares (da virtuelles), aber doch in der Struktur erkennbares (dank der programmierten Basis) Modell von Welt bietet, können wir diese Dialogizität konkretisieren und konkret untersuchen. Man kann natürlich darüber streiten, ob die Aussage:

„Heute führen wir unser Zwiegespräch mit der Welt in erster Linie über das Internet.“

nicht auch vom Lebensstil abhängig ist und es nach wie vor Menschen gibt, die das Internet als Beigabe ihrer Kommunikationswelt benützen oder sogar überhaupt nicht.  Aber nicht erst seit Kathrin Passig (vgl. dazu u.a. diesen Kommentar) ist die Praxis, eigene Erfahrungen mit diesem Medienfeld zur Allgemeinverbindlichkeit hochzurechnen ein Kernbaustein der digitalen Diskurse zum Medienwandel. Die damit verbundene verkündete markerschütternde Dringlichkeit, sein Leben entsprechend zu ändern, wäre selbst hervorragender Gegenstand einer Reflexion über die Prozesse der Normkonstruktion in der digitalen Gesellschaft. Boris Groys stellt jedoch einen anderen Aspekt in den Mittelpunkt seines Aufsatzes. Er fragt nach den „spezifischen Regeln und Formate[n]“ die den Strukturrahmen des Zwiegesprächs bestimmen. Google, als zentrale Anfrageinstanz, erhält dabei einen besonderen Status: (more…)

Die Bibliothek in der Literatur. Heute: Schmetterling und Wörterglocke. Zu einem Gedicht Thomas Klings.

Posted in Die Bibliothek in der Literatur, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 28. Februar 2011

Jüngst saß eine LIBREAS-Rumpfredaktion stilecht im Schaufenster des Sankt Oberholz und während der Abendverkehr aus der Brunnenstraße seinen Halbkreis nach Osten beschrieb, sprachen wir fast aus Versehen über Lyrik und wie präsent bzw. wenig präsent sie unserem Alltag ist. So ist das nun einmal in der funktional aufgeteilten Welt und auch in Deutschland vollzieht sich eine Entwicklung, die in den USA längst unter dem Label Writer’s writer bekannt ist: Wer dichtet, dichtet eher als Ausnahme für ein offenes Publikum und in der Hauptsache für andere, die dichten. Wir empfanden diese Marginalisierung natürlich als bedauerlich und wo kann man denn auch besser im Blues über eine durchdringend effizienzgeprägte Lebenswelt versinken, die Marktentzug selbst kaum mehr in Nischen zulässt, als am zentralen Platz der Digital Bohème, von der manche auch als Digitalem Prekariat sprechen, für das „Mein Haus am See“ auf Lebenszeit nur Milchschaum im Café bleibt, während sie den Marktgedanken konsequent bis zum Kaffeesatz auf ihre Art durchlebt. Spätestens an dieser Stelle treffen sich Digitalität und Literatur recht genau. Wohl dem, der mit der Trambahn von diesem Spielort einer Avantgarde auf der ständigen Kippe heimlich in seine saturierte Daseinsumgebung abreisen kann, wenn es ihm behagt…

Lyrik, sofern sie sie selbst und sperrig ist – und das ist sie fast immer, wenn sie sich ernst nimmt und an den Grenzen der Sprache operiert – hat es in puncto Marktgängigkeit natürlich besonders schwer, denn sie entzieht sich dem Primat der schnellen Erfassbarkeit und besitzt zusätzlich nur höchst selten das Maß an Dringlichkeit, das uns dann vielleicht doch ein nicht minder schwer erfassbarer Dissertationstext vorzuspielen versteht.

So gilt sie zugegeben auch uns häufig eher als Luxus, da ein Großteil des Tages nunmal von anderen Aspekten der Kommunikation besetzt wird und wir vielleicht nicht als erste Handlung am Morgen jene Funde einer Luise Boege betrachten, sondern die Pressemitteilungen zur Causa zu Guttenberg im E-Mail-Postfach.

Ist ein Leben in beiden Welten möglich? Wir glauben ja und mehr noch: Wir streichen das möglich und ersetzen es durch ein nötig. Die kleine feuilletonistische Erweiterung des LIBREAS-Blogs unter dem Namen „Die Bibliothek in der Literatur“ erfüllt für uns diese Funktion: Die Literatur erweist sich spätestens dann als ideales Komplement zur Bibliothekswissenschaft, wenn deren Operationsfeld von semantischen Technologien und semiotischen Theorien dominiert wird. Denn dort, wo die Bibliothekswissenschaft auf Eindeutigkeit, Normierung und Standardisierung von Sprache zuläuft, stemmt sich die Literatur naturgemäß dagegen. Auch sie operiert in der Sprache, allerdings auf der anderen Seite: Wo die Bibliothekswissenschaft der Sprache mit dem Anspruch der Algorithmisierbarkeit von Textobjekten eine Grenze ziehen wollen muss, hebelt die Literatur mit dem Anspruch der intellektuellen und emotionalen Erfahrbarmachung durch Sprache diese Grenzziehungen immer wieder auf. Nicht zuletzt, um die eigene Aufgabe ernstzunehmen und immer das Andere, das ja existiert und möglich ist, zu bedenken und damit anschlussfähig zu bleiben, schadet es der Bibliothekswissenschaft sicher nicht, das literarische Denken zu berücksichtigen.

Die heutige Folge unserer Reihe zur Bibliothek in der Literatur ist denn auch die erste, die sich ein Gedicht als Gegenstand heranzieht. Und vermutlich nicht die letzte.

Schmetterling und Wörterglocke. Zu einem Gedicht Thomas Klings

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