LIBREAS.Library Ideas

Ist community-led and need-based librarianship die bibliothekarische Antwort auf die soziale Frage?

Posted in LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 23. März 2014

Karsten Schuldt

Zu: Pateman, John ; Williment, Ken / Developing Community-Led Public Libraries : Evidence from the UK and Canada. Farnham ; Burlington, VT : Ashgate, 2013

John Pateman und Williment Ken setzen in Developing Community-Led Public Libraries dazu an, Öffentlichen Bibliotheken eine Arbeitsweise vorzuschlagen, die dazu führen soll, dass Bibliotheken vor allem die Bedürfnisse von sozial Ausgegrenzten bedienen. Beide gehen davon aus, dass dies notwendig wäre und stützen sich dabei auf die Ergebnisse aus zwei grösseren Projekten; einmal der Arbeitsgruppe, die in den frühen 2000er Jahren im Auftrag der damaligen Labour-Regierung in Grossbritannien Fragen der sozialen Exklusion und Inklusion im Bezug auf Öffentliche Bibliotheken untersuchte (und dabei den damals recht weit beachteten Bericht „Open to All?“ veröffentlichte) und das andere Mal auf das „Working Together Project“, welches in Kanada Möglichkeiten der sozialen Inklusion durch Bibliotheken erprobte. Beide Autoren waren in diesen Projekten aktiv involviert, Pateman in „Open to All?“ und Williment im „Working Together Project“; Pateman hat zudem in den Jahren zuvor und danach oft zu diesen Fragen publiziert und ist heute aktiv in „The Network“, einem losen Zusammenschluss von Personen, die sich mit Fragestellungen der sozialen Exklusion und Bibliotheken, Archiven und Museen beschäftigen (www.seapn.org.uk). Das Buch baut auf diesen Erfahrungen auf.

In einem ersten Schritt kritisieren die Autoren die zumeist unternommenen Versuche von Bibliotheken, auf soziale Fragen zu reagieren. Zwei Punkte heben sie dabei besonders hervor.

Erstens seien die meisten Angebote, auch die zahlreichen Outreach-Programme, auf der Vorstellung universell gültiger Informationsbedürfnisse aufgebaut: Alle Menschen würden praktisch die gleichen Informationen in ähnlichen Varianten bedürfen. Deshalb würden Bibliotheken vor allem darüber nachdenken, wie sie Zugang zu Informationen schaffen können und anschliessend diesen Zugang in einem „Take it or Leave it“-Ansatz bereithalten. Würden sozial Ausgeschlossene diese Angebote nicht annehmen, so die Kehrseite dieser Programme, gelte dies dann eher als deren eigene Entscheidung, aber nicht als Problem der Bibliothek. Pateman und Williment betonen hingegen, dass Menschen je nach ihrem sozialen Status sehr unterschiedliche Informationsbedürfnisse hätten und Bibliotheken auch auf sehr unterschiedliche Weisen für diese Menschen relevant werden müssten. Ein reines Angebot würde oft dazu führen, dass gerade diejenigen Personen, welche den das Angebot entwerfenden Bibliothekarinnen und Bibliothekaren ähnlich sind, dieses nutzten, da es passgenau mit ihren Interessen und Verständnis der Bibliothek wäre. Oder anders, immer noch im Duktus des Buches: mittelständische Bibliotheken würden Angebote für den Mittelstand entwerfen, gleichzeitig aber der Meinung sein, Personen aus anderen Sozialschichten hätten damit die gleichen Zugangsmöglichkeiten.

Zweitens kritisieren Pateman und Williment, dass die meisten bibliothekarischen Aktivitäten von den Bibliotheken für andere Personen entworfen werden, nicht mit anderen Personen. Dies würde dazu führen, dass sich Bibliotheken Informationsbedürfnisse anderer Menschen vorstellen würden, auf die dann mit bibliothekarische Angeboten reagiert würde; anstatt Angebote zu schaffen, welche auf die tatsächlichen Interessen und Bedürfnisse zum Beispiel der Community um die Bibliotheken herum eingehen würden.

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Lösungsansatz

Als Antwort auf diese Kritiken entwerfen die Autoren eine need-based und community-led Bibliotheksarbeit. (Wobei Pateman die Vorstellung eines needs-based library service schon früher dargelegt hat, beispielsweise in Pateman, John (2003) / Developing a needs-based library service. Leicester : National Institute of Adult Education.) Beide halten sehr viel von diesem Ansatz, welcher grundsätzlich die beständige Einbeziehung der Community, für welche die Bibliothek zuständig ist, in die Planung und Evaluation der Bibliothek bedeutet. Für sie ist klar, dass ein solcher Ansatz die Bibliothek grundsätzlich verändert.

„Once needs have been identified and prioritized they can be met by using a community development approach. This is very different from an outreach approach which simply takes library services (which have been designed, planned, delivered and evaluated by library staff) out of the library and into community settings. A community development approach is based on creating meaningful and sustained relationships with local communities, while acknowledging that the community is the expert on its members‘ own needs. Library staff become listeners rather than tellers, and staff and community co-produce library services. Community-led work ist not prescriptive, which is a mayor strength, as it is highly adaptable and applicable to all contexts and communities which librarians are working in, or could working in.” [Pateman & Williment 2012: 2]

Beide Autoren sind erkennbar sozialdemokratisch geprägt. Durchgängig wird sich positiv auf sozialdemokratisch Werte und die Labour-Regierungen in Grossbritannien bezogen, gleichzeitig von den konservativen beziehungsweise konservativ-liberalen Regierungen, die bei der Publikation des Buches in Grossbritannien und Kanada an der Macht waren, gewarnt. Zudem scheint in früheren Werken Patemans eine mindestens oberflächliche Marx-Lektüre durch. In Übereinstimmung damit sehen Pateman und Williment die community-led Bibliotheksarbeit als politische Bibliotheksarbeit an.

„A needs-based and communitiy-led approach enables library services to be targeted at the underserved and the library becomes an agent of social change and social justice.” [Pateman & Williment 2012: 2]

Ein community-led Bibliotheksansatz sieht mehrere Schritte vor:

  1. Consulation (mit der Community, für welche die Bibliothek tätig sein soll)
  2. Needs based assement and research (einer auf den Interessen der Mitglieder der Community basierenden Recherche über die tatsächlichen Lebensverhältnisse und damit auch Informationsinteressen dieser Community)
  3. Library image and identity (hier vor allem die Frage, wie die Bibliothek tatsächlich von denen wahrgenommen wird, die sie unterstützen soll, wobei Pateman & Williment vor allem unterschiedliche Formen von sozialen Barrieren ansprechen)
  4. outreach, community development and partnerships (die Entwicklung und Pflege derselben)
  5. ICT [Information and Computer Technology] and social exclusion (hier vor allem die Frage, wie Bibliotheken zum Teil selber technische Barrieren mit aufbauen)
  6. Materials Provision (die Auswahl des Bestandes, wobei die Autoren weiterhin eine „viktorianische“ Vorstellung von der sozialen Kontrolle der „deserving poor“ durch eine professionelle Elite als Grundlage der heutigen durchgeführten Bestandsauswahl beschreiben, einer Vorstellung, die es zu überwinden gälte)
  7. Staffing, recruitment, training and education (die Frage, welches Personal in den Bibliotheken vorhanden ist und welches Personal eigentlich benötigt wird, um community-led zu arbeiten)
  8. Mainstreaming and resourcing for social exclusion (hiermit ist gemeint, dass die Arbeit gegen soziale Exklsion in der Bibliothek als normaler Teil der Bibliotheksarbeit etabliert werden soll, nicht als Projekt am Rande)
  9. Standards and monitoring of services (hier ist die Ausrichtung von Evaluationen der Bibliotheksarbeit auf die Interessen und Bedürfnisse der Community gemeint)

Die Artikel des Buches folgen dieser Liste. Ausser dem einführenden und zwei abschliessenden Kapitel sind alle anderen neun Kapitel ähnlich aufgebaut. Sie beginnen mit einer kurzen Erläuterung des jeweiligen Punktes, führend dann Erfahrungen aus Grossbritannien an, welche den Punkt unterstützen sollen, anschliessend solche aus dem kanadischen Programm, um dann jeweils mit einer kurzen Liste von Handlungsempfehlungen für Bibliotheken zu diesem Punkt abzuschliessen. Insoweit ist ein Grossteil des Buches zusammengesetzt aus Berichten, Zitaten und Erfahrungsberichten aus anderen Texten. Stellenweise liesst sich dies wie ein aus mehreren Quellen zusammenkopierter und mit kurzen Überleitungen zusammengehaltener Text.

New Labour revisited

Zudem sind die angeführten Beispiele und Erfahrungen (die als „Evidence“ verstanden werden) nicht immer überzeugend. Zumindest nicht als reine Fakten. Vielmehr sind sie Teil einer politischen Begründung von Bibliotheksarbeit. Es sind oft Herleitungen. Zum Beispiel nutzen wenige kanadischen Ureinwohnerinnen und Ureinwohner die Bibliotheken oder auch weniger Menschen mit bestimmten Migrationshintergründen, als nach ihrer Anzahl in den beiden Ländern zu erwarten wäre; deshalb ist offenbar die Bibliotheksarbeit, die geleistet wird falsch. So ungefähr funktionieren die meisten Herleitungen. Das kann überzeugen oder auch nicht, aber es sind keine Fakten, wie sie gerne im betriebswirtschaftlich orientierten Reden von „Evidence“, „Evaluation“ und so weiter angedacht werden.

Dieses Problem ist im Buch selber angelegt: Die gesamte Rhetorik ist geprägt von betriebswirtschaftlichen Vokabeln, gleichzeitig wollen Pateman und Williment vor allem darstellen, dass die Realität komplexer, verwirrender, schwieriger (messy) ist, als in dieser Rhetorik angelegt. Nur wer diese Realität wahrnimmt, könne auch direkt mit der Communities zusammenarbeiten. Aber solche Komplexität ist nicht vorgesehen in einer Rhetorik, die klare Anweisungen und einfache, übertragbare Konzepte erfordert. Dies erinnert alles stark an die Rhetorik der Sozialdemokratie in den frühen Jahren des 20. Jahrhundert. Deshalb ist das Buch als ganzes auch nicht überzeugend, beziehungsweise ist es nur dann überzeugend, wenn man der gleichen politischen Meinung ist wie die beiden Autoren – die damit gar nicht hinter dem Berg halten. Aber alles, jedes Projekt, jeder Hinweis, wird von den Autoren irgendwie in die aktuelle Rhetorik integriert, ohne dass das unbedingt notwendig wäre. Dies geht soweit, dass behauptet wird, dass eigentlich alles, was community-led librarianship ausmacht, schon in aktuellen Konzepten von Bibliotheken vorliegen würde. Zum Beispiel wird die Funktionen einer oder eines community development librarians beschrieben (einer Person, die in die community geht, dort rumhängt, Kontakte aufbaut, nicht mit den Eliten, sondern den Personen vor Ort), nur um zu behaupten, dass dies wenig mehr als eine spezifische Form des liason librarians wäre. Gleichzeitig aber betonen Pateman und Williment beständig, dass sich praktisch alles ändern muss, die Leitung der Bibliotheken in die Hand der Communities gelegt werden und diese bei ihrer Entwicklung begleitet werden müssten. Ein Widerspruch, der aber auch dazu beträgt, dass sich das Ganze oft wirklich wie ein Dokument der Sozialdemokratie unter Tony Blair oder Gerhard Schröder liesst, nur bezogen auf Öffentliche Bibliotheken – und im Jahr 2012.

Dabei sind die einzelnen Punkte, die im Buch angesprochen werden, nicht einmal uninteressant, ebenso ist die Kritik, die immer wieder an der heutigen Bibliothekspraxis geäussert wird, nicht vollständig ohne Belang. Immer wieder finden sich spannende Ergebnisse oder auch Anregungen. Der Grossteil dieser interessanten Teile ist allerdings aus anderen Texten der beiden Autoren zusammengetragen. Beispielsweise findet sich eine Tabelle, die mögliche Formen des Engagements mit der Community um eine Bibliothek systematisiert (von Passiv über Reactive, Partizipative und Empowerment zu Leadership [durch die Community]) (S. 24) oder eine Tabelle, welche die unterschiedlichen Informationsverhalten von sozial inkludierten Personen (selbstständig, aktiv) und sozial exkludierten Personen (getrieben, im eigene sozialen Netzwerk, ohne Vertrauen in offizielle Institutionen) gegenüberstellt (S. 51). Für solche Stelle lohnt sich das Lesen des Buches.

Fazit: Auf zur Diskussion

Ein anderer Grund das Buch trotz seiner Schwächen zu lesen ist sehr einfach, dass sich sonst kaum jemand wirklich mit der Fragestellung beschäftigt, wie Bibliotheken mit sozialer Exklusion umgehen beziehungsweise gegen sie vorgehen sollen. Sicherlich; das was Pateman und Williment vorschlagen, ist wenig mehr, als zu akzeptieren, dass Bibliotheken bislang zu dieser Exklusion mit beitragen, dass sie sich verändern müssen und anfangen müssen, sich so umzugestalten, dass sie für die sozial Ausgegrenzten relevant werden. Und zwar mit den Ausgegrenzten, nicht für sie. Well, maybe so. Aber dies alleine ist noch lange nicht der grosse Wurf, den die Autoren im Vorwort ankündigen, es ist eher eine politische Position in einem Bibliothekswesen, dass oft unpolitisch sein will und gerne das, was es schon macht, weitermachen möchte. Anders gesagt ist dieses Buch eine Erinnerung daran, dass das gesamte Thema Armut, soziale Exklusion und Bibliotheken wenig bearbeitet ist (obwohl die Armut nicht verschwunden ist) und dass es nötig sein kann, klare Positionen zu beziehen. Trotz der Hinweise für eine community-led Bibliotheksarbeit, die in jedem Kapitel enthalten sind, ist das Buch eher eine sinnvolle Aufforderung zu Diskussion, die angenommen werden sollte und hat wohl weniger direkten Bezug auf die Praxis.

Activist Librarians and Archivists

Posted in LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 10. März 2014

Karsten Schuldt

Zu: Morrone, Melissa (edit.) / Informed Agitation : Library and Information Skills in Social Justice Movements and Beyond. Sacramento : Library Juice Press, 2014

„Yes, our work is inherently political, because we make choices every day in large and small ways that show who it is that we are truly serving. If we don’t consciously make our choices, we’ll end up serving those who are easiest to serve, with the resources and services that are easiest to provide. We can and should do more by focusing on seeing and hearing our community (including people that we don’t yet work with) and proactively including, welcoming and serving them in the particular ways that they need. By ‚proactively including,‘ I mean reading out to and building relationships with all members of the community, so that we can listen to them about their needs and interests and let them know what content and service we have that might be of use to them.” (Vacteon, Jude: Inside and Outside of the Library: On Removing Barriers and Connecting People with Health Care Resources and Zines. In: Morrone 2014: 147-160, 149)

“I’d like to see an awareness of political nature of our work, and I’d like to see people in the field take responsibility for that – in the general discourse in the field, in library school programs, and in our workplace. I’d like to experience a safer and more vital atmosphere for these types of conversations, not a fear- oder apathy-filled work culture when it comes to the basic questions of what we’re doing and who we’re doing it for. All of the denial and resistance to political conversations dissipate energy and rob us of opportunities to genuinely serve everyone, and to serve them in a way that helps create joy and crucial change.” (Vacteon 2014, 158f.)

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Informed Agitation ist kein wirklich gutes Buch, aber es ist eines, dass gerade in den deutschsprachigen Bibliothekswesen von Interesse sein kann, weil es etwas aufzeigt, dass in der bibliothekarischen Diskussion so nicht offensichtlich wird: Es gibt eine sehr langlebige Tradition sehr politischer, explizit linker (beziehungsweise im US-amerikanische Sprachgebrauch, in dem politische Begriffe anders besetzt sind, „radical“ oder „activist“) Bibliotheks- und Archivarbeit. Sowohl innerhalb als auch ausserhalb der offiziellen Einrichtungen (oder oft auch sowohl – als auch). Mellissa Morrone, die Herausgeberin dieses Buches, geht sogar davon aus, dass der Eindruck, Bibliotheksarbeit wäre politisch linke Arbeit, ausserhalb der Bibliotheken weit verbreitet ist. Sie berichtet im Vorwort davon, wie sie, schon als sie als Studentin anfing, einer Organisation auszuhelfen, welche die Bibliothek in einem Federal Prison für Frauen unterstützt, ständig auf Leute traf – dem Pfarrer, der das Gefängnis mit betreut, Leute auf Parties – welche Bibliothekarinnen und Bibliothekare als „radical“ und aktivistisch begriffen. Dabei, so Morrone, ist das kein Eindruck, welcher im Bibliothekswesen stark vertreten wird. Es gibt allerdings eine ganze Reihe von oft nicht weithin auffälligen Initiativen, die sich mehr oder minder mit politischen Positionen identifizieren, einige organisiert, beispielsweise in der Progressive Librarians Guild, andere eher lokal orientiert. Zudem existiert eine kleine Tradition, über die Arbeit dieser Initiativen zu publizieren. Morrone selber, die sich als Bibliothekarin und als activist begreift, fand diese „linke“ Bibliotheks- und Archivarbeit unterrepräsentiert. Deshalb gibt es jetzt Informed Agitation, eine aktuelle Textsammlung von Aktiven aus diesen Organisationen, fast alle aus den USA, mit einem starken Fokus auf New York City, einige aus Kanada, Grossbritannien und Neuseeland. Erschienen ist es bei Library Juice, immerhin dem Verlag, bei dem man solche Publikationen erwartet.

Ein solches Buch lebt selbstverständlich von den aktuellen linken Gruppen und Diskursen und allen ihren Vor- und Nachteilen. Und es gibt viele Nachteile. In Informed Agitation wird zum Beispiel – erstaunlich bei diesen Titel – überhaupt nicht für oder gegen bestimmte politische Positionen und Themen argumentiert. Sie werden zumeist einfach als gegeben präsentiert. Wer sich mit Ihnen nicht identifizieren kann, wird mit den Texten oft weniger anzufangen wissen. [Zum Beispiel findet sich ein Text von Aktiven aus der Boykott-Israel-Bewegung, die im englischsprachigen Diskurs unter Aktiven akzeptiert ist, aber in den deutschsprachigen linken Szenen spätestens seit den 1990er Jahren – meiner Meinung nach vollkommen zu Recht – als antisemitisch ausgeschlossen ist. Deren Text kann ich kaum ernstnehmen. Ähnlich wird es Anderen bei Texten gehen, in denen zum Beispiel ein anarchistisches Archiv in Philadelphia vorgestellt wird, welches explizit kein Material an die Archive der beiden Universitäten der Stadt, die als gierig angesehen werden (die Unviersitäten), übergeben will.] Man bemerkt zudem immer wieder die postmodernen politischen Diskurse, welche das schreibende Individuum in den Mittelpunkt stellen. Nahezu alle Texte reflektieren über die Positionen der Person oder Personen, welche den Text schrieben: „ich habe dies so und so entschieden“, „wir machen das so und so“.

Dabei suchen die meisten Texte einen direkten Anschluss an aktuelle bibliothekarische oder archivalische Debatten. Die soziale Verantwortung der Bibliotheks- und Archivarbeit wird betont und aus ihr eine politische Aufgabe abgeleitet, mehrere Beispiele von Archiven verweisen darauf, dass diese sich der Verantwortung stellen müssten, nicht nur die Geschichte des Staates zu repräsentieren, sondern aktiv die Geschichten der Ausgeschlossenen in das Archiv zu holen. Fast durchgängig führen die Aktiven ihre Arbeit auf die Aufgaben von Bibliotheken und Archiven zurück; mehrfach wird auch betont, dass Bibliotheken eine für den Kapitalismus erstaunliche Einrichtung darstellen würden, da sie Zugang für alle ermöglichen würden. („Part of what makes librarianship so exciting is this ontological question about its politics. The Library is so mainstream, yet also so… socialist.“ Morrone, Meliassa: Introduction. In: Morrone 2014: 1-7, 2)

Für die deutschsprachigen Bibliothekswesen scheint eher die inhärente Fragestellung, ob die Bibliotheks- und Archivarbeit wirklich politisch ist oder ob nicht eher bestimmte Beispiele bibliothekarische und archivalische Prinzipien auf politische Gruppen und Fragestellungen anwenden werden, interessant. Dass das Buch immerhin 21 Texte zum Thema einwerben konnte, hat auch etwas mit der Grösse des englischen Sprachraumes (und New York Cities) zu tun. Wer genau sucht, wird aber auch in Berlin, Wien, Hamburg, Zürich und einigen anderen Städten auf ähnliche Projekte stossen,[1] immerhin ist die im Buch präsentierte Auswahl ziemlich weit. Die Spannbreite reicht von Archiven, welche unterrepräsentierte Gruppen (die libanesisch-stämmige Bevölkerung in North Carolina), die anarchistische Bewegung oder soziale Auseinandersetzung (Welfare Rights Initiative, Metropolian Council for Housing, Occupy Wall Street, alle NYC) dokumentieren, über die Occupy Wall Street Library und Bibliotheksservices für Frauen in einem Gefängnis, über mehrere Texte zum Sammeln von Zines bis hin zu einer Mailingliste für Housing, die Selfidentified Queer Woman of Colour and their Allies dienen soll und von einer Bibliothekarin betrieben wird [das Beispiel zeigt schon bei der Beschreibung, wie sehr die aktuellen politischen Diskurse in die Texte einfliessen] sowie einem, jetzt eingestellten, Informationsdienst über Möglichkeiten der medizinischen Versorgung für Unversicherte. Obwohl einige dieser Initiativen spannend sind, ist wohl eher die Aufforderung interessant, diese Arbeiten, wenn sie auch nur zum Teil in „offiziellen“ Bibliotheken und Archiven stattfinden, als eine Einheit zu sehen, über deren Bedeutung und Voraussetzungen zu reflektieren wäre.

Ansonsten sind die Texte leider selten so anregend, wie man vielleicht erhoffen würde. Sie sind oft sehr speziell, sind oft recht langatmig geschrieben oder aber, weil sie politisch sein wollen, in ungewöhnlichen, nicht immer hilfreichen Formen. Beispielsweise ist der Text zum Women’s Prison and Reintegration Commitee durchmischt mit einzelnen Statements von Aktiven der Gruppe und Frauen, welche die Gefängnissbibliothek, welche dieses Commitee betreibt, nutzen – manche mit Bezug zum Text, manche ohne. Dies soll unterschiedliche Stimmen hörbar machen, aber es trägt nicht unbedingt zum Lesefluss bei.

Alles in allen also eher ein Buch, dass zur eigenen Reflektion und Verortung aufruft, keines, dass wirklich überzeugt.

Fussnote

[1] Zum Beispiel APABIZ (Berlin), Anarchistische Bibliothek und Archiv (Wien), Hamburger Studienbibliothek (Hamburg), Infoladen Kasama (Zürich).

Personen ohne festen Wohnsitz in der Bibliothek des Centre Pompidou

Posted in LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 10. Juni 2013

Karsten Schuldt

[Zu: Paugam, Serge ; Giorgetti, Camila (2013) / Des pauvres à la bibliothèque : Enquête au Centre Pompidou. – Le lien social. – Paris : Presses Universitaires de France, 2013]

 

In Frankreich, so scheint es, werden interessantere Bücher zum Bibliothekswesen publiziert als im DACh-Raum. Die Studie Des pauvres à la bibliothéque von Paugam und Giorgetti ist nur eines davon. Auf der einen Seite untersuchten die beiden Forschenden eine sehr spezielle Gruppe von Nutzerinnen und Nutzern einer sehr speziellen Bibliothek, nämlich Obdachlose in der Bibliothek des Centre Pompidou in Paris. Diese Bibliothek ist eingelassen in das radikal-demokratische Grundkonzept des Centre, welches wiederum innerhalb einer Metropole – also auch einem Anziehungspunkt für sehr unterschiedliche Personen; die anderswo kaum ein sozial akzeptables Leben führen könnten – verortet ist. Auf der anderen Seite legen die beiden Forschenden etwas, was im deutschsprachigen Raum praktisch vergebens gesucht würde, vor: eine (ethnologische) Untersuchung der Nutzung einen Bibliothek, die auf soziologische Theoriebildung zurückgreift und diese widerum informieren kann.

Dies ist noch nicht einmal beispiellos im französischen Bibliothekswesen. So legten im Jahr 2000 drei Forschende eine ebenso soziologische Untersuchung zur Nutzung der gleichen Bibliothek vor. [Evans, Christophe ; Camus, Agnès ; Cretin, Jean-Michel (2000) / Les habitués : Le microcosme d’une grande bibliothèque. [Paris] : Bibliothèque publique d’information – Centre Georges Pompidou, 2000] Zugleich ist die Diskussion um die tatsächliche soziale Rolle der Öffentlichen Bibliothek in Frankreich weiter fortgeschritten als in den deutschsprachigen Bibliothekswesen. [Dies gilt auch für das englisch-sprachige Bibliothekswesen, für das stellvertretend auf die erste Ausgabe 2013 der Library Review verwiesen werden soll, die sich vollständig mit dem Thema Public Libraries and the Homeless beschäftigt und in der sich auch eine englisch-sprachige Zusammenfassung des hier besprochenen Buches findet – leider alles hinter eine Paywall.] Grundsätzlich lohnt es sich, über den Rhein zu schauen.

Fragilité, Dépendance, Rupture

Paugam und Giorgetti legen eine Studie vor, deren Ergebnisse nur mit einiger Vorsicht – da es sich, wie gesagt, um eine sehr spezielle Bibliothek handelt – übertragen werden können, aber deren Design in anderen Bibliotheken sinnvoll angewendet werden könnte. Es werden in ihr soziologische Theoriebildung, Beaobachtung und Interviews verbunden. Aufgebaut ist die Studie auf ein in früheren Arbeiten von Paugam erarbeitet Struktur vom Leben in Obdachlosigkeit. Diese postuliert, dass es unterschiedliche Stufen der sozialen Desintegration beim Leben ohne festen Wohnsitz gäbe. Grob unterteilt in Fragilité ( Prekarität), Dépendance ( Abhängigkeit von gesellschaftlicher Unterstützung) und Rupture ( Bruch mit der gesellschaftlichen Integration) implizieren diese Stufen ein sehr unterschiedliches Verhalten und unterschiedliche Ziele, der Personen, die von ihnen betroffen sind. (Und dies selbstverständlich immer als Idealtypen, die in der Realität komplexer sind.)

Dabei darf Obdachlosigkeit in Wetseuropa nicht als das Leben auf der Strasse verstanden werden, sondern ist zumeist gekennzeichnet von Leben zwischen unterschiedlichen Unterkünften, die aber alle prekär sind (Heime, Unterkünfte, „Couchsurfing“ etc.).

Personen, welche der Stufe Fragilité zugeordnet werden, versuchen zumeist, direkt aus der Obdachlosigkeit auszusteigen. Diese Personen zeigen in der Untersuchung auch ein Verhalten, dass geprägt ist von Versuchen, in die französische Gesellschaft (wieder) einzusteigen. Gerade bei Flüchtlingen ist dies gezeichnet von Lernaktivitäten in der Bibliothek, insbesondere dem Französisch-Lernen. Die Bibliothek wird zudem aktiv genutzt, um Informationen über den Arbeitsmarkt oder über Unterstützungsleistungen einzuholen. Gleichzeitig wird von diesen Personen aktiv versucht, ihre ökonomische und gesellschaftliche Situation nicht offen darzustellen. Paugam und Giorgetti beschreiben einige Strategien, dies zu tun, beispielsweise das Besuchen der Bibliothek in Anzug und Kostüm. Gleichzeitig versuchen diese Personen in den Interviews, sich von den „echten Armen“ abzugrenzen und ihre eigene Situation als Übergang darzustellen. Dabei besuchen sie die Bibliothek auch wegen ihres Habitus als „intellektuelles Zentrum“. Das Arbeiten in der (grossen und bekannten) Bibliothek verleiht den Personen, so Paugam und Giorgetti, ein positive Identität. So stellt die Studie auch eine Höherorientierung der bevorzugtes Literatur durch diese Personen fest, die, wenn sie gefragt werden, betonen, eher Weltliteratur oder den französischen Literaturkanon zu bevorzugen als „einfache Belletristik“.

Personen, die auf der Stufe Dépendance verortet werden, nutzen die Bibliothek oft als Lebensraum und als Ort, von dem aus Unterstützungsleistungen organisiert, also recherchiert, werden können. Auch diese Nutzenden sind nicht per se auffällig, sondern versuchen, sich dem Alltag der Bibliothek (beziehungsweise des gesamten Centre Pompidou) anzupassen. Dabei kommt ihnen die Grösse des Centre zupass. Dennoch sind sie auffällig, da sie sich ständig in der Bibliothek, der auch als geschützter Raum wirkt, aufhalten. In der Studie werden Beispiele von Personen angeführt, die fast täglich acht Stunden in der Bibliothek verbringen. Hauptinteresse dieser Personen ist, neben der Recherche nach Unterstützungsleistungen zum Überleben und zum Ausstieg aus ihrer sozialen und ökonomischen Situation, die Strukutrierung ihres Alltags. Sich in der Bibliothek aufhalten und lesen gilt ihnen als sinnvolle Tagesgestaltung.

Nur Personen, die der Stufe der Rupture zugeordnet werden, stimmen überhaupt in Ansätzen mit den Vorurteilen über Obdachlose überein, aber auch das nicht wirklich. (Wie eigentlich auch zu erwarten war.) Zwar nutzen einige dieser Personen die Bibliothek auch als Aufenthaltsraum; aber nicht übermässig. Zudem stellen sie nicht die Mehrzahl der Personen sans domicile fixe. Die Bibliothek – und wieder eigentlich das gesamte Centre Pompidou – stellen für sie Aufenthaltsräume da, die zwar nicht vom Leben „auf der Strasse“ abgetrennt sind, aber doch im Gegensatz zu anderen Orten relativ sicher sind. Diese Personen versuchen immer wieder einmal, die Regeln auszutesten, sind aber auch schnell bereit, sich den Regeln, die sie getestet haben, unterzuordnen, um diesen Raum nicht zu verliehren. Ihr Interesse an der Bibliothek ist hauptsächlich der geschützte Raum.

Frage zur sozialen Beobachtungsgabe, vom Cover der Studie gestellt: In welcher sozialen Situation befindet sich die abgebildete Person?

Frage zur sozialen Beobachtungsgabe, vom Cover der Studie gestellt: In welcher sozialen Situation befindet sich die abgebildete Person?

Insgesamt zeigt die Studie, dass die Personen die Bibliothek sehr gezielt zur Gestaltung ihres eigenen Lebens nutzen und zwar immer wieder ausgehend von ihrer sozialen Situation und den Zielen, die sie sich realistisch zu setzen bereit sind. Sie alle sind der Bibliothek gegenüber positiv eingestellt. Gleichwohl die Bibliothek ganz explizit keine Sozialarbeit betreibt, erfüllt sie für diese Personen eine soziale Funktion und zwar durch die offene Angebotsstruktur.

Für die deutschsprachigen Bibliothekswesen (zumindest in der den Grossstädten und Metropolen) lässt sich lernen, dass die Interessen und Nutzungsweisen der Personen ohne festen Wohnsitz nicht mit so einfachen Modellen wie Zielgruppenanalysen oder einfachen Interviews zu erfassen sind. Die soziale Realität ist offensichtlich zu komplex. (Und gleichzeitig wirkt die Bibliothek als gesellschaftlich relevant positiv, ohne direkt daraufhin gestaltet zu sein.)

Forschungsdesign

Neben dem soziologischen Wissen, dass vor der Studie vorhanden war, nutzten die Forschenden ein grundsätzlich einfaches Forschungsdesign, welches allerdings eine relativ lange Forschungszeit und Offenheit für Beobachtungen und das sich Einlassen auf Situationen erforderte. Auf der einen Seite wurden Beobachtungen durchgeführt. Personen, die mehr oder minder auffällig waren und deren Verhalten in der Bibliothek wurden von einer Forschenden beobachtet und diese Beobachtungen in einem Forschungstagebuch eingetragen. Die Personen wurden so beschrieben, dass die Forschenden die Beobachtungen mehrere Tage zusammenfassen konnten; gleichzeitig waren die Personen anonymisiert.

Eine andere Forschende sprach im Verlaufe der Untersuchung Personen an, die beobachtet wurden und befragte sie, wenn diese zustimmten, in strukturiert-narrativen Interviews (also anhand eines Fragebogens durchgeführten Interviews, bei denen die Interviewten möglichst frei antworten konnten).

Die Auswahl der Personen, die beobachtet und interviewt wurden, bedurfte einer relativ grossen Beobachtungsgabe. Ansonsten wäre es zum Beispiel schwierig, Personen zu erkennen, die ihre soziale Situation gerade verstecken wollen. Sie bedurfte auch einiges an Fingerspitzengefühl bei den Interviews und den möglichst objektiven Beschreibungen der Beobachtungen, welches sich mit einer langjährigen Forschungspraxis erarbeitet werden musste.

Die Auswertung der Daten bedurfte ebenso einer grossen sozialen Offenheit. Die Einzelfälle durften nicht als reine (bedauernswerte) Einzelfälle betrachtet, aber auch nicht einfach subsumiert werden. Dabei half die soziologische Theoriebildung, auf die zurückgriffen wurde; welche die Forschenden bei der Zusammenstellung der Daten und Auswertung leitete, da sie nicht darauf angewiesen waren, einfach nur Daten zu berichten (etwas, was notwendig ist, wenn man ohne Theoriebildung einfach nur Umfragen macht), sondern in der Lage waren, Aussagen und Verhaltensweisen in ein Modell der gesellschaftlichen Nutzung von Bibliotheken als Ort und Infrastruktur zu integrieren, dieses Modell zu erweitern und aus diesem Modell Erklärungen für Verhaltensweisen abzuleiten.

Le Livre

Das Buch ist in einem eingängigen Französisch geschrieben. Zur Erläuterung der Ausführungen werden sowohl die Aufzeichnungen aus dem Beobachtungstagebuch als auch den Interviews angeführt. Weite Teile der Erklärungen bestimmter sozialer Ansichten werden überhaupt von Interviewaussagen getragen.

Paugam und Giorgetti sind beide sozialwissenschaftlich Forschende und halten sich deshalb auch erfrischend klar mit konkreten Handlungsanweisungen zurück. Während in deutschsprachigen Bibliothekswesen wohl sehr schnell der Ruf nach einer Praxisanleitung erhoben würde – im Sinne von: Was genau soll die Bibliothek tun? Wo sind die abzuarbeitenden Checklisten? etc. – beschränkt sich die Studie darauf, zu beschreiben und verständlich zu machen. Dies gibt den Kolleginnen und Kollegen in Paris die Aufgabe, die Erkenntnisse der Studie selber zu interpretieren; dabei aber sind sie dazu aufgefordert, diese nachzuvollziehen, was ein sinnvolles Zurücktreten von der Praxisfrage erzwingt beziehungsweise ermöglicht und vor Augen führt, dass die gesellschaftliche Situation so komplex ist, dass sie mit einfachen Werkzeugen nicht zu bearbeiten ist. Gleichzeitig legt die Studie damit die Möglichkeit an, über den – wie schon gesagt sehr speziellen – Einzelfall der Bibliothek im Centre Pompidou hinaus etwas über die tatsächliche Nutzung von Bibliotheken durch Personen in sozial und ökonomisch prekären Lagen zu lernen.