LIBREAS.Library Ideas

Berlin – Ecke Queen Street. Eine Ansichtskarte.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 18. November 2018

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

Eine kleine überraschende Ergänzung unserer im LIBREAS.Tumblr – viel zu wenig – gepflegten Serie Berliner Bibliotheken fand sich unlängst in einem Ordner mit älteren Ansichtskarten und das ist naturgemäß zu schön, um nicht auch hier verzeichnet zu werden. Wie bei solchen Fundstücken üblich, sind die Wege, die sie über die Jahre – in diesem Fall immerhin schmale 111 davon – nahm, kaum rekonstruierbar. Ausgenommen von dieser Einsicht ist die erste Etappe, da es zum postalischen Gebrauch gehört, in solche Kommunikationsträger auch entsprechende Metadaten einzuschreiben – also Adresse, Datierung und Poststempel. Dadurch wird es uns möglich, sie auch heute noch eine Lektüre zu unterziehen, die freilich verwaschen bleiben muss. Denn zahlreiche Rahmenangaben für die Analysekette Wer-was-wann-wie-wo-warum? sind nicht ermittelbar und werden es mutmaßlich nie mehr sein.

Ansichtskarte - Berlin, Ontario, Public Library

King Edward schaut wie auf diese Bibliothek: Eine Ansichtskarte aus Berlin, Ontario.

Was wir unschwer sehen: Eine Madame Verret aus Quebec – und zwar Quebec City bzw. besser noch Ville de Québec entschied sich, diese Karte aus dem Sortiment des so jungen wie nach einem Brand mit Totalverlust im Jahr 1904 gebeutelten Druckhauses Warwick Brothers & Rutter, Ltd. aus Toronto zu nutzen, um einem Jules Bellard zu schreiben, in die Kleinstadt Argentan (Orne), das Textilhistoriker*innen möglicherweise wegen seiner Spitze bekannt ist, dem so genannten Dentelle-d’Argentan-Muster, kräftig, floral, robust, ein Favorit von Louis XV und danach bald weitgehend vergessen, außer in Argentan natürlich, wo heute im Museum ausführlich an diese ruhmreiche Facette der Stadtgeschichte erinnert wird.

Nach Argentan also reiste die Karte, in die Hausnummer 4 der rue [de la] Chaussee, in der sich heute ein Fachgeschäft für Mobiltelefonie befindet, nur indirekt ein Gruß und mit dem ausdrücklichen Zweck offenbar der Übermittlung der Postanschrift von Madame Verret an diesen Jules. Wer Madame Verret schreiben wollte, der schrieb an die 172 rue Richelieu in Quebec Can., vermutlich angesichts der Lage im Quartier Faubourg Saint-Jean bereits zu dieser Zeit keine schlechte Adresse und heute Standort eines wuchtigen Appartementhauses jüngeren Baujahrs und damit für die Rekonstruktion der sozio-postalischen Spuren eine Sackgasse namens Tandem – Condos sur Cor.

Der Bezug von Madame Verret zur Carnegie gestifteten öffentlichen Bibliothek in Berlin, Ontario bleibt dagegen wie heute die Rue Richelieu 172 weitgehend im Schatten und möglicherweise ist in diesem auch gar nicht übermäßig viel zu entdecken. Es könnte auch schlicht eine Motivwahl aus Zeitgeist gewesen sein. Die Bibliothek in Berlin war nämlich ein Schmuckstück ihrer Zeit, noch sehr jung – im Januar 1904 als eine von elf ihrer Art in der Region eröffnet – und besonders üppig mit Mitteln in Höhe von 24.500 $ durch eben die Carnegie Foundation gefördert.

Interessanterweise stellte man aber 1907 fest, dass der Bau für den Bibliotheksbetrieb wenig optimal war. Sie schien schnell zu klein für eine aufstrebende Kommune mit 10.000, bald 15.000 Einwohnern. Und war vor allem zu feucht, so dass der Keller nicht für Bibliothekszwecke nutzbar war. Es blieb offenbar aus gutem Grund der erste und der letzte Bibliotheksbau des in Mannheim, Warterloo County geborenen Architekten Charles Knechtel (1869-1951), der glücklicherweise den Abriss des Gebäudes im Jahr 1963 nicht mehr erleben musste, wohl aber die Schmach einer Art Rettungsumbaus. James Bertram, Privatsekretär von Andrew Carnegie, äußerte sich in einem Brief an den Ontario Inspector of Public Libraries, Walter R. Nursey, später, als Charles Knechtel längst mit der Planung von Schulen, Kirchen und Fabriken anderswo befasst war, mit einer bemerkenswert brutale Einschätzung zum Gebäude:

“[T]he Berlin bilding [sic] is one of the most short sighted planned bildings of which I have ever seen the plans. It is cut in small areas and the balcony feature could only have been introduced under the belief that money was no object as it is absolutely unnecessary and entails expenditure of money without any return whatever.” (zitiert nach Beckman, Landmead, Black, 1984, S. 52)

Nachvollziehbar frustriert mit den Vorgängen in Berlin blockte James Bertram eine ganze Weile resolut alle Anfragen des Berlin Library Boards nach weiteren Zuschüssen für eine Neugestaltung und Erweiterung des Gebäudes ab, bis er dann schließlich doch durch die regelmäßigen Anfragen von W.H. Breithaupt, Vorsitzender des Library Board Building Committee, erweicht genug war, um nochmals 12.900 $ bereitzustellen, möglicherweise besonders motiviert durch die Tatsache, dass auch die Stadt Berlin eine erhebliche Summe beisteuerte. Im Februar 1916 wurde, verzögert auch in diesem Berlin durch den Ersten Weltkrieg, die umgebaute und erheblich erweiterte Bibliothek, jetzt mit einer Kinderbibliothek und trockenem Keller, wieder eröffnet. Auch James Bertram zeigte sich nun zufrieden. Im gleichen Jahr, auch eine Folge des Ersten Weltkriegs, benannte man Berlin in Kitchener um, als Würdigung des gerade vor den Orkney Inseln mit 736 weiteren Menschen mit der HMS Hampshire nach deutschem Minenschlag ertrunkenen britischen Feldmarschalls Lord Horatio Kitchener, der unter anderem für die Strategie der “verbrannten Erde” und das Konzept der Konzentrationslager berühmt geworden war. Parallel wurde übrigens in Australien das Gebäckstück namens “Berliner”, das wir in Berlin Pfannkuchen nennen, in Kitchener Bun umgetauft und zum Beispiel auch die Siedlung Friedensthal, South Australia in Black Hill, alles kurios und zugleich eine Erinnerung daran, wie sehr zeitpolitische Symbolentscheidungen auch in der Vergangenheit häufig grotesk und furchtbar waren.

Die nun Kitchener Public Library erfüllte jedenfalls ihren Zweck bis in die 1960er Jahre. Mittlerweile war die Bevölkerung der Stadt auf über 70.000 angewachsen und entsprechend willkommen war der ganz in der Nähe von Kitcheners wichtigsten Architekten dieser Jahre, nämlich Carl Rieder, entworfene flache und sehr moderne Neubau der Main Library an der Queen Street, der im Mai 1962 eröffnet wurde. Für die Kunst am Bau beauftragte man den Maler Jack Bechtel mit einem Wandbild, das zu seiner vielleicht bekanntesten Arbeit werden sollte. Die fast vier mal zehn Meter große in erdigen Tönen gestaltete Darstellung für den Lesesaal zeigt, zum Lichte empor, das Streben des Menschen nach Wissen, heißt passend auch “Enlightenment” und entstand 1963 in der bereits eröffneten Bibliothek und zwar etappenweise in den Nachtstunden.

Den Knechtel-Bau, der wahrscheinlich nie so genannt wurde, ebnete man kurz darauf ein und irgendwann später erwuchs an seiner Stelle ein brutalistische Züge tragendes Gebäude namens The Commerce House Office Tower. Die Berliner Bibliothek blieb die einzige der elf Carnegie-Bibliotheken in der Region Waterloo, die abgerissen wurde. Allerdings verschwand im benachbarten Guelph 1964/65 ein auf den ersten Fassadenblick noch deutlich eindrucksvollerer Carnegie-Bibliotheksbau (von William Frye Colwill).

Mittlerweile verschob sich erwartungsgemäß der Blick auf das bibiotheksarchitektonische Erbe des Andrew Carnegie soweit, dass so gut wie verbliebenen Häuser im Focus des Denkmalschutzes stehen. Für Berlin-Kitchener kommt das zu spät. Aber da Madame Verret sich im September 1907 entschied, ihre Adresse auf eine Bibliotheksansichtskarte von Warwick Bros & Rutter zu schreiben, deren Programm allein die Public Library von Berlin mindestens vier Mal aufwies, und möglicherweise sogar unterfrankiert ins Vorkriegseuropa zu schicken (eine portohistorische Prüfung steht noch an) bleibt sie uns als Berlin Public Library zumindest per Bildzeugnis erhalten.

(Berlin, 18.11.2018)

Literatur

Beckman, Margaret; Landmead, Stephen; Black, John: The Best Gift: A Record of the Carnegie Libraries in Ontario. Toronto, London: Durndurn Press, 1984

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Stapleton, the carnegiest. Eine Bibliotheksansicht aus der Heimat des Wu-Tang-Clans.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 19. Dezember 2012

Nachdem ich unlängst auf der LIBREAS-Facebook-Zweigstelle auf eine ganz wunderbare Ansichtskarte des Hauptgebäudes der New York Public Library hinwies, die ein Schiffsmusiker der Holland-Amerika Lijn im Januar 1925 seinem nicht ganz sechs jährigen Sohn von Hoboken nach Rotterdam schickte, möchte ich heute an dieser Stelle noch eine weitere historische Ansicht einer öffentlichen Bibliothek aus NYPL-System mit der Weböffentlichkeit teilen.

Die Karte ist noch älter als die auf Facebook gezeigte und transportierte eine Ansicht der sehr hübschen und derzeit möglicherweise noch in Renovierung bzw. im Umbau befindlichen Stapleton-Dependance.  Das Gebäude existiert nach wie vor, stammt aus dem Jahr 1907 und ist eine vier Bibliotheken, die Andrew Carnegie Staten Island stiftete. Die Ansichtskarte wurde von Ignatz Stern / Brooklyn herausgegeben und interessanterweise in Deutschland, mutmaßlich in Leipzig, gedruckt. Irgendjemand hat sie 07. Februar 1911 wahrscheinlich im letzten Haus in der hügeligen Louis Street, das sich in angenehmer Laufweite zum hübschen Bibliotheksneubau befand, sorgfältig und kaum lesbar beschrieben, mit einer philatelistisch hoffnungslos unspektakulären karminroten 2 Cent-Briefmarke mit dem Profil George Washingtons beklebt und zur Post gegeben, wo sie mittags gegen halb eins gestempelt und auf den Weg nach Bad Essen gebracht wurde.

Viel mehr gibt die leicht ramponierte Karte auf den ersten Blick leider nicht preis. Da aber Klaus Graf mit großem Einsatz die Relevanz der Textsorte Miszelle und das Potential des Weblogs als Transportmedium selbiger betont (z.B. in diesem Kommentar), möchte ich diese Anregung auch zukünftig wieder verstärkt aufgreifen und Kommunikationsartefakte mit Bibliotheksbezug wie diese Ansichtskarte einer kurzen Betrachtung und Kontextualisierung unterziehen. Ob das Verfahren, solche Zeitspuren quer und aus der heutigen Sicht zu neu lesen, bibliothekswissenschaftlich wirklich belangvoll ist, darf zunächst außen vor bleiben. Darum geht es in solchen Beiträgen nämlich nicht. Wichtiger ist mir die Faszination, das es möglich ist, dass eine zufällig entdeckte alte Ansichtskarte Berlin im Dezember 2012 mit Stapleton / Staten Island im Februar 1911 verknüpft, woraufhin sich archivgeschichtlich zwangsläufig die in die Zukunft weisende Frage stellt, auf Basis welcher Artefakte solche Verbindungslinien in hundert Jahren gezogen werden können? Vielleicht ja auf der dieses Postings, das in irgendeiner Nische des virtuellen Gedächtnisraums überdauert.

Stapleton Public Library

„Stapleton, the craziest, y’all know what time it is“ (Shyheim, Shaolin Style, 1996)  Der Rapper Shyheim ist einer von  zahlreichen jungen Männern aus dem Umfeld der in den 1990er Jahren maßgeblichen Rap-Formation Wu-Tang Clan, die Stapleton popkulturgeschichtlich noch bekannter machten, als die dortige Bibliothek es je vermochte. Und sei ehemaliger Nachbar Ghostface Killah schaffte es sogar, in die Einleitung eines seiner Titel folgende, ebenfalls Zeit bezügliche Zeile unterzubringen: „Salut this / Library shit / 
Rock the belt, uh-huh, you know what time it is / They understand and support us“  (Theodore auf dem Album Bulletproof Wallets, 2001) Ob er damit seiner Erfahrungen in der Bibliothek in der Canal Street, die immerhin direkt in seine einstige Heimatstraße Broad Street einmündet, anspielt, muss an dieser Stelle leider offen bleiben.

(bk, Berlin, 19.12.2012)

Zwei Ansichten und eine Prise Marriage Plot

Posted in Die Bibliothek in der Literatur, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 4. November 2011

Eine Betrachtung.

von Ben Kaden

(Zitate aus Jeffrey Eugenides (2011): The Marriage Plot.  New York: Farrar, Strauss and Giroux)

„She was going to play the field this time, and therefore had been flirting with rich old Harvard, urbane Columbia, cerebral Chicago, and trustworthy Michigan, as well as giving face time even to lowly Baxter.“ (Jeffrey Eugenides, S.180)

Es stehen Madeleine Hanna nach ihrem College-Abschluss in Jeffrey Eugenides (Post-)Campus-Novel “The Marriage Plot” viele, fast zu viele Ziele vor Augen und zudem genügend Aufregung ums Herz. Swoopy-Freddie-falconesque Bowling Green ist allerdings weder von dem einen noch von dem anderen betroffen. Vermutlich wechselt man mit einem College-Abschluss in Providence einfach nicht in eine kleine Universitätsstadt, in der auch die Nationale Zugmaschinen-Meisterschaft der USA ausgetragen wird. Zur selben Zeit, zu der die Protagonisten Madeleine, Leonard Bankhead und Mitchell Grammaticus nach dem Willen ihres Schöpfers im Efeu-Status der Brown-University ihren Abschluss anstreben (bzw. in der Sommerfrische weilen) und bevor sich eine ganze Palette von postgradualem Zurechtfinden und Scheiden und Scheitern und Wiederaufstehen eröffnet, schlendert mutmaßlich ein José, dessen Nachnamen wir nicht kennen, durch die späte Julihitze Ohios und zupft aus einem Postkartenständer eine Ansicht der dortigen William T. Jerome Library.

Bowling Green - Library

Bowling Green - Library

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