LIBREAS.Library Ideas

Über Philatelie, Bibliophilatelie und eine Briefmarke aus Kansai.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 1. Oktober 2017

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

„I got rid of my stamp collection the other day.“ So begann der Journalist Eugene L. Meyer unlängst ein Opinion-Piece in der New York Times (Stamped Out. NYTimes.com, Sept. 29,2017). Bemerkenswert daran ist bereits, dass das Thema Philatelie überhaupt noch in die Diskurssphäre einer Tageszeitung gelangt. Andererseits stellte ebenfalls die New York Times unlängst in ihrer Rubrik „Stamp Notes“, die sie offenbar im Schnitt einmal pro Jahrzehnt bestückt, eine wunderbar zeitgemäße Neuausgabe vor, die sogar in den erweiterten Horizont der Bibliophilatelie passt, da sie ein Kinderbuch würdigt: The Snowy Day von Ezra Jack Keats (siehe Maria Russo: ‘The Snowy Day’ Captured in New Stamp Series. NYTimes.com, Sept. 22, 2017). Maria Russos kleine Kolumne über Peter im Schnee adressiert natürlich auch und zwar nicht ohne Melancholie einen Erinnerungsraum – The Snowy Day erschien 1962. Zugleich zeigt sie jedoch, wie wichtig und sinnvoll Erinnerungskulturen sind und welche eigenwillige und positive Rolle Postwertzeichen dabei spielen können:

„More than half a century later, that world hasn’t arrived — not even in children’s books, where brown children are still far underrepresented, relative to their percentage of the population. Peter is still, in a sense, a figure out of a dream. But those stamps will remind us that the dream still stands strong.“

Eugene L. Meyers Text ist dagegen eine eher typische Abhandlung, die man in ähnlicher Form leider schon Dutzende Male lesen konnte und zwar auch ziemlich identisch zum behaupteten Niedergang der Kultur des gedruckten Buches. Das Sammeln von Briefmarken ist, so das Bild, eine vergehende Leidenschaft, ähnlich vielleicht wie Modelleisenbahnen, der eine davonalterende Generation noch ein wenig nachhängt. Aber an sich ist es schon so gut wie ausgestorben, weshalb seine eigene Sammlung nun nichts mehr wert ist, wie ihm Händler versichern. Die Briefmarkensammlung ist aus dieser Warte eine unglückliche Fehlinvestition, die man längst hätte abstoßen sollen. „[T]here was a time when people cared about stamps“ hebt der Schwanengesang an und führt zum Briefmarkenkundler Franklin D. Roosevelt zurück und zu einer Zeit, in der es an jeder Schule eine Arbeitgemeinschaft der jungen Philatelisten gab. Heute wird „Junge Philatelie“, wie Meyer von der Fachhändlerin Judy Johnson erfährt, in einer anderen Altersspanne verortet: „“Trying to bring in the younger 30-to-50-year-old crowd is really difficult,” she said.“ Ähnlich dem Antiquariatsmarkt scheint auch der Briefmarkenhandel ein sterbendes Gewerbe zu sein. Der Blick daheim auf drei Regalmeter geerbte Alben, deren Wert sich auf ein persönliche Zuschreibung eingedampft ist, bestätigt dies.

Stamped Out offenbart aber zugleich, wo das Problem liegt und zwar in der selben Form, die einem auch auf Sammlerbörsen unmittelbar ins Auge springt: Die Welt der Philatelie schafft es kaum, das Medium der Briefmarke und die Aktivität eines vertiefenden Umgangs mit ihr neu zu interpretieren. Die Frage, was Philatelie im 21. Jahrhundert sein kann, wird von der Empirie in der Regel beantwortet als: Ein Echo des 20. Jahrhunderts mit den Protagonisten, die damals schon dabei waren.

Abgesehen von einer schmalen Hochpreiselite ist das Sammeln von Briefmarken in der Tat eine sehr unwirtschaftliche Betätigung. Andererseits sind die Einstiegskosten so gering, dass es auch nicht viel kostet, Für den Preis eine semi-professionellen digitalen Kamera oder auch eines aktuellen iPhones kann man sich mit philatelistischen Material für eine Dekade ausstatten. Bleibt die Frage, was man damit will.

Möglicherweise kann man mit der Bibliothekswissenschaft kann eine Antwort finden. Briefmarken sind hochdichte Informationsträger und Zeugnisse. Genauso wie andere Publikationen lassen sie sich sie sammeln, erschließen und verfügbar machen. Die Ebene des Sammelns ist die traditionell ausgeprägteste. Mit Album, Vordruckblättern und Michel-Katalog saßen jahrzehntelang die Sammler und in geringerem Maße Sammlerinnen an Sonntagnachmittagen in ihrer Wochenendstille und versuchten alle Marken, die in einem bestimmten Land oder zu einem bestimmten Motiv erschienen sind, zusammenzutragen, einzusortieren und somit für sich zu bewahren. Es ging um Vollständigkeit und eine der schönsten Seiten diese Tätigkeit war mutmaßlich ihre inhaltliche Leere, die so regenerativ wirkte wie anderen ein stundenlanges Warten an einem Waldsee auf einen anbeißenden Fisch.

Die zweite Dimension, also die Erschließung, verweist auf eine inhaltliche Auseinandersetzung mit einzelnen Objekten und zwar über die bloße Registratur nach Katalognummer hinaus. Man achtete darauf, wer eine Marke entworfen hat, welche Ereignisse sich mit einer Ausgabe verbanden und betrat damit einen deutenden Raum, wenngleich nicht zwingend einen interpretativen und kommunikativen. Die Briefmarke wurde immerhin zum Zeichen, dass auf etwas außerhalb ihrer bloßen Objekthaftigkeit verweist und dass sich zu lesen lohnt. Sie spiegelte Welt und erwies sich als Zugangsmedium zu dieser, das umso mehr an Aussagekraft gewinnt, je mehr man sich der Bedingungen ihrer Produktion und Zweckzuschreibung befasst.

Diese Funktion erfüllt sie nach wie vor, auch wenn die traditionelle Form der Ausstellung von Briefmarken in entsprechend komponierten Schautafeln auf Briefmarkenausstellungen, also in etwa einer Darstellungsform die man in der Wissenschaft von konferenzbegleitenden Postersessions kennt, ihre Anziehungskraft weitgehend verlor. Diese Tafelkunde markiert einen Übergang zur dritten Interaktionsform mit dem Medium Briefmarken: dem Verfügbarmachen, das heute leichter mit digitalen Mitteln bewerkstelligt werden kann. Das Briefmarkensammeln als solitäres Hobby mag seine kontemplativen Reize haben, die allerdings, wie Stamped Out treffend herausstellt, nur noch in der Nische Lieberhaberinnen und Lieberhaber findet. Es wird aber wie alle Kulturartefakte nur überleben können, wenn eine Aktualisierung gelingt. Dafür braucht es Sichtbarkeit und Kommunikation.

Eine andere und aus meiner Sicht fruchtbarere Herangehensweise wäre folglich, Formen von Diskursen, vielleicht eine Art Social Reading von Briefmarken zu entwickeln, in denen diese mit ihrer Spezifität sowohl medial wie auch inhaltlich einer Rolle spielen können. Naheliegend sind hier design-theoretische und kulturwissenschaftliche Annäherungen. Twitter-Timelines wie Kitteclub zeigen, wie erfrischend, gegenwärtig und anziehend Briefmarken potentiell dargestellt werden können. Ein Diskurs ist das eher noch nicht. Aber Sichtbarkeit wird erreicht. Und er Aspekt der Freude an der Beschäftigung wird sehr unterstrichen.

Ein Problem der, wenn man so will, Diskursivierung der Philatelie könnte in der Abgeschlossenheit der bisherigen Kommunikationen zum Gegenstand liegen. Die Kanäle sind entweder die verkehrten oder sehr exklusiv. Sehr aussagekräftig ist zum Beispiel, dass viele der wenigen Aufsätze zur Philatelie, die sich im Web of Knowledge finden lassen, mit der Darstellung beispielsweise großer Mediziner auf Briefmarken befassen und irgendwo unter Vermischtes in den Zeitschriften der entsprechenden Wissenschaftsgebiete erschienen sind. Die Zitationshäufigkeiten für solche Nebenaufsätze liegen erwartungsgemäß oft bei Null.

Einschlägige philatelistische Fachpublikationen sind entsprechend oft zwar sorgfältig und quasi-wissenschaftlich aufgearbeitet – zumindest im monografischen Bereich – werden aber kaum aus dieser Warte gesehen. Zudem ist die Philatelie meist bestenfalls eine Feierabendwissenschaft, weshalb sie zwar als Disziplin gedacht aber nicht praktiziert werden kann. Es fehlt jegliche akademische Rahmung. Die wenigen philatelistischen Spezialbibliotheken kämpfen regelmäßig um ihren Erhalt.

Die Publikumszeitschriften dagegen versammeln recht breite, im besten Fall populärwissenschaftlich aufbereitete Artikel und Berichte, die sich als Nebenbeilektüre für die Sammler_innengemeinschaft eignen, meist jedoch so gut wie keinen Appeal für Außenstehende besitzen. Diese eigenartige Exklusivität, die man auch sehr auf den Briefmarkenmessen atmen kann, ist aus meiner Sicht einer der großen Gründe, warum die philatelistische Welt so sonderbar überholt wirkt, massenmedial oft in einer Linie mit dem Klischee der Bibliotheken mit ihren Attributen staubig und funktional obsolet.

Wie bei Bibliotheken stellt sich auch für die Philatelie die Herausforderung, sichtbar zu vermitteln, dass das historisch gewachsene und sich verhärtete Abziehbild eines bestimmten Typus nicht zwingend der Realität entsprechen muss. Gerade der Schwung, der mit der Visualisierung von Kommunikation und zum Beispiel der Erblühen der Bildtheorie, spürbar ist, lässt sich sehr gut auf das Medium der Briefmarken anwenden. Alles was man tun muss, ist Briefmarken als Text bzw. als semiotische Objekte zu begreifen.

Ihre Narrativität ist naturgemäß sehr begrenzt. Sie sind Funktionstexte, bei denen ein Aussagegehalt in einer formal hochbegrenzten im Detail aber erstaunlich variablen Form eigentlich sehr erstaunlich an eine andere Objektfunktion – der Freimachung einer Postsendung – gebunden werden. Sie sind Träger sowohl von Metadaten (einerseits des Funktionswerts als Postwertzeichen, andererseits einer geographischen und unmittelbar bzw. mittelbar zeitlichen Einordnung) sowie einer inhaltlichen Bedeutungsebene, nämlich dem Motiv. Hinter diesem steht meist ein Ausgabeanlass, mindestens jedoch die Feststellung, dass die zuständigen Stellen dieses konkrete Thema zu einem bestimmten Zeitpunkt für einen repräsentierenden Kommunikationsakt ausgewählt haben. Der Kern dieses Aktes ist auf der elementarsten Ebene: Das konkret Gezeigte ist adäquat und typisch genug, um als Repräsentation einer bestimmten Vorstellung in die Welt geschickt zu werden. Selbstverständlich spielen auch Aspekte der Verkaufbarkeit eine Rolle, was zu einem Mangel an negativ besetzten Motiven führt. Und wenn, dann mitunter nicht sehr klug. Für die in dieser Hinsicht sehr interessante Ausgabe zur Topographie des Terrors wurde zum Beispiel unglücklicherweise der Postkartenwert von 45 Cent gewählt, was sie für den Hausgebrauch (=Urlaubspost) im Jahr 2017 fast disqualifiziert. Ein Bestseller wurde die Marke naturgemäß nicht.

Die enge Bindung des Motivs an ein konkretes Land – bzw. im Bereich der modernen Privatpost oft an eine bestimmte Region – rückt das Phänomen der Briefmarkengestaltung also in den Kontext einer, wenn auch sehr niedrigschwelligen, Geschichts- und Identitätspolitik. Wenn sich so etwas wie Leitkultur an einer Stelle abbildet, dann hier. So widmen sich die aktuellen Briefmarkenausgaben der Deutschen Post zwei idyllischen Landschaftsdarstellungen (Badische Weinstraße und Markgräflerland), einem sehr einschneiden Ereignis aus der deutschen Fernsehgeschichte (Das Millionenspiel), der Tradition der deutschen Antikenforschung (300. Geburtstag Johann Joachim Winckelmann) sowie einer Würdigung der gesellschaftlichen Wirkung der katholischen Kirche (50 Jahre Justitia et Pax). An alle diese Ausgaben kann man die Fragen stellen, wofür genau die Motive stehen, warum sie 2017 als relevant erachtet werden und wie sie grafisch umgesetzt sind. Sie spiegeln, wenn auch in einem Zerrspiegel, die Gegenwart mit ihren Werten und ästhetischen Vorlieben. Richtet man die Fragen an ältere Ausgaben, erzählen diese folglich viel über eine Vergangenheit. Je mehr Hintergrundwissen man erwirbt, je besser man sie zu lesen lernt, desto komplexer werden diese Geschichten.

Briefmarke Japan General Library, Kansai University.

Briefmarke Japan General Library, Kansai University.

Selbstverständlich kann man in der gleichen Weise eine Briefmarke befragen, die unlängst in meine Sammlung zur Bibliophilatelie fand. Leider – Stichwort Hintergrundwissen – erweist sich ihre Geschichte, die allein auf der Dechiffrierung des vorliegenden Objekts beruht, als eher flach.

Die aus Japan stammende Ausgabe zeigt die Hauptbibliothek der Universität von Kansai (関西大学総合図書館) und zwar getreu lokaler ästhetischer Präferenzen zur Zeit der Baumblüte. Das Idealbild wird durch den makellos blauen Himmel verstärkt. Ein kleine Gruppe Menschen ist mit etwas Abstand zum Eingang konzentriert als wartete sie auf eine Führung durch die Bibliothek oder über das Gelände. Die Szenerie ist idyllisch, keinesfalls dramatisch und harmoniert recht gut mit der sachlichen Architektur des Hauses. Das spektakulär auskragende Vordach über dem Haupteingang der Bibliothek erkennt man aus dieser Perspektive und Auflösung nicht und erahnt es nur, wenn man von seiner Existenz weiß.

Die Gestaltung der Marke und vor allem die Druckqualität lassen zugleich sofort erkennen, dass es sich bei dem Exemplar nicht um eine offizielle Ausgabe der japanischen Post sondern um eine selbst gestaltete Marke handelt, wie sie auch die Deutsche Post mit ihrem Dienst der „Briefmarke Individuell“ ermöglicht. Traditionelle Sammler verabscheuen solche Angebote meist zutiefst, da sie der auch von Eugene L. Meyer beklagten Briefmarkenflut („It is all just too much, even for the die-hards.“) noch einen völlig unüberschaubaren Ozean an individualisierten Postwertzeichen hinzufügt. Dieser als zusätzliche Einnahmequelle der Postdienstleister in vielen Ländern eingeführte Dienst sorgt jedoch für eine interessante und bisweilen sehr unterschätzte Wendung der philatelistischen Kultur, da er die Briefmarkengestaltung im Prinzip demokratisiert. Diese Marken verhalten sich zu den offiziellen Ausgaben in etwa wie Zines zu Verlagspublikationen. Und wie die Zines bleiben sie außerhalb jeder systematisierten Verzeichnis- und Archivierungskultur. Was das Phänomen eher noch spannender werden lässt.

Jeder kann nun, womöglich auch aber erfahrungsgemäß nicht zwingend motiviert durch ein Mimikry der traditionellen Exzeptionalisierung des Gezeigten durch das Zeigen, ein Motiv seiner Wahl zu einem zugelassen Postwertzeichen werden lassen. Aufgegriffen wird dies u.a. auch in der politischen Kunst. Im vorliegenden Fall der Kansai-Ausgabe wählte man den 1985 eröffnete Neubau der Universitätsbibliothek als Motiv. Verwendung fand vermutlich eine in ähnlicher Form bereits publizierte Fotografie, also denkbar eine offizielle Aufnahme aus dem Archiv der Hochschule. Daher ist davon auszugehen, dass die Einrichtung auch Auftraggeberin dieser Ausgabe war. Über den Ausgabeanlass und Verwendungszusammenhang der Marke ist leider nichts bekannt. Bemerkenswert ist jedoch, dass mit diesem Neubau auch in gewisser Weise die Hinwendung zur Digitalisierung an der Bibliothek eingeleitet wurde, ein Trend, der Phänomene wie individualisierte Briefmarken überhaupt erst technisch realisierbar macht. So schließt sich zumindest über Umwege ein Kreis. Zugleich ergänzt diese individualisierte Bibliotheksbriefmarke eine etwas vernachlässigte Nische in meiner Sammlung zur Bibliophilatelie.

Berlin, 01.10.2017

(Ich danke Takao Kobayashi für Informationen zur Kansai-Ausgabe.)

Advertisements

Mondfahrer von heute. Über den Sputnikschock und Diversität.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 10. Juli 2013

von Ben Kaden / @bkaden

I

Eine bestimmte (=meine) Generation von Studierenden des Instituts für Bibliothekswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin erlebte jeweils meist im ersten Semester ihren Sputnik-Schock. Und zwar in einer Vorlesung bei Professor Umstätter, der dieses Ereignis berechtigt aber soweit erinnerlich auch als einziger der Dozierenden in Beziehung zu dem setzte, was man damals unter Bibliothekswissenschaft verstand, also einer Annäherung an die Informationsversorgung vor allem als Fachinformation mit dokumentationswissenschaftlichem Schwerpunkt.

Aus diesem Zeithorizont begleitet uns das Echo der Dokumentation noch bis heute im Titel des informationswissenschaftlichen Standardhandbuchs Grundlagen der praktischen Information und Dokumentation und der Leitzeitschrift Journal of Documentation. Ansonsten scheint sich das Phänomen der Dokumentation wenigstens in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft weitgehend in anderen Themen und Schlagwörtern zwischen Informations- und Wissensphänomenen, der Digital Library und dem WWW aufgelöst zu haben. Wo Vladimir Nabokov einmal die schöne Metapher für eine Organisation wählte, die „nur noch ein Sonnenuntergang hinter einem Friedhof sei“, steht über dem Konzept einer Dokumentationswissenschaft schon lang der Abendstern.

Das ist insofern etwas bedauerlich, als dass mit dem bereits vor der Jahrhundertwende zwar etwas abgetragenen aber dafür auch sympathisch unpathetischen Begriff der Dokumentation ein anschauliches Bindeglied für die Gegenstandswelt zwischen Bibliotheks- und Informationswissenschaft existierte:

Bibliotheken befassten sich mit publizierter Information und verwalteten recht grobrasternd Bestände, die Dokumentation interessierte sich für alle greifbare Information, wenn sie nur relevant genug wahr, und verwaltete diese thematisch mittels Deskriptoren (der Datenträger als Objekt war zweitrangig) und die Informationswissenschaft blickte aus einer Metaebene darauf, was Menschen mit Information machen, also auf die Prozesse die den Gegenständen von Bibliotheks- und Dokumentationswissenschaft vorausgehen.

Damit gab es eine klar aufgefädelte Kette und Studierende des Faches wussten, wenn sie wollten, ziemlich genau, womit sich welche Facette beschäftigt. Heute scheint es, als würde die Informationswissenschaft mehr noch als die Bibliothekswissenschaft an dieser Hürde etwas straucheln, was nicht zuletzt daran liegt, dass die digitale vernetzte Gegenwartskultur uns permanent in Mischräumen allgegenwärtiger und diverser Formen von Information, Redundanz, Rauschen und also mehr oder weniger erfolgreicher Kommunikation hält. Soziale Netzwerke wie Facebook sind dabei eigentlich nichts weiter als Radikalisierungen der Dokumentation, wobei die Größe Thema durch die Größe persönliche soziale Identität ersetzt wurde. Selbstverständlich existieren die Erschließungssysteme auf der Zugangsebene höchstens simplifiziert (dafür aber für jeden sofort erschließbar). Auf der Verwaltungsebene der Anbieter sind sie dagegen kaum für Außenstehende einsichtig aber angenommen ziemlich elaboriert.

Eine solche Vermutung scheint jedenfalls insofern naheliegend, da die eigendokumentierten und von den Betreibern zielgerichtet nacherschlossenen Datenmengen dieser Kommunikationsnetzwerke, wir wie lange ahnten und heute sogar wissen, nicht nur Basis von Geschäftsmodellen sind, sondern auch zahlreichen Geheim- und Nachrichtendiensten ein Anwendungs- und Entwicklungsfeld für gesellschaftliches Steuerungswissen bieten. Darüber, wohin wir steuern bzw. gesteuert werden, besteht derweil bei weitem nicht gleichermaßen intensiv elaboriertes Wissen. Und wenn man hört, dass die Europäische Union die Forschungsförderung im geisteswissenschaftlichen Bereich rein auf Projekte aus dem Bereich der Digital Humanities konzentrieren möchte, dann scheint das übergeordnete Interesse an solchen metafunktionalen Fragestellungen auch nicht sonderlich ausgeprägt zu sein.

II

Im Jahre 1957 und lange vor der Polyexzentrik der Postmoderne hatte man es dahingehend noch gut. Denn man besaß den Kalten Krieg mit seiner bipolaren Ordnung als Orientierungsmuster. Sein Pendant ist heute vielleicht der Krieg gegen den Terror, der allerdings, so wie die Kommunikationsstrukturen, weitaus weniger schematisch aufgegliedert wirkt und auch nicht vergleichsweise mittels (Geheim)Diplomatie verhandelt werden kann. Glaubt man der Zeitung, haben wir es eher mit neoarchaischen Lösungen (und Denkmustern) zu tun, die sich dankbar auf Hochleistungstechnologie stützen. Wir streiten derweil aber auch nicht mehr um die Entwicklung eines besseren Gesellschaftssystems, sondern für die Konsolidierung des erreichten.

Die aktuellen Überwachungspraxen spiegeln das ausgezeichnet wieder und wo früher die Auslöschung der ganzen Erde im Raum steht, bleibt heute nur die Drohung, dass jeder gerade das ein Zufallsopfer sein kann. Über diesen Umweg gelingen eine Konkretisierung der gefühlten Gefährdung und eine weitaus überzeugendere Legitimation von kontrollierenden Eingriffen in das, was man sich einmal als Privatheit erkämpft hat.

Nicht die großen Entwürfe kollidierender Gesellschaftssysteme sondern individuelle Verstrickmuster, wie man sie aus der griechischen Tragödie erinnert und die sich in bester Passung vor einem ständig raunenden Chor aus sozialen und Massenmedien entfalten, dominieren die Stories unserer Gegenwart, wobei wir uns die damit verbundenen klassischen Fragestellungen schenken und rein auf die Fakten konzentrieren. Insofern ist die Umstrukturierung der Geisteswissenschaften von der Deutung hin zur Empirie vollauf konsequent.

Nun gibt es in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Library Quarterly einen kleinen (offensichtlichen Rede-)Text, der auf den ersten Blick fast ein Stück aus der Zeit gefallen zu sein scheint. (Totten, 2013) Denn er schlägt den Bogen in eine Zeit zurück, in der Individualität an sich noch kein allzu großer gesellschaftlicher Wert war, zugleich aber sogar Naturwissenschaftler vereinzelt noch, in den Spätausläufern der Little Science, als Persönlichkeiten (bzw. Eminenzen) galten (und diese Rolle auch Anstrebten), bevor die Big Science sie in Laborteams zum Dienste der Gesellschaft zusammendampfte. Die Invertierung der erfolgten Wertzuschreibung ist soziologisch sehr interessant: Während auf der Ebene des Privaten die persönliche Entfaltung zum Maßstab erwuchs (mit allen bekannten Folgen und Neu-Vermassungen) und die Menschen reihenweise die Fließbänder verließen, entwickelte sich im 20. Jahrhundert für die Wissenschaftler der Anspruch, sich möglichst jeder Idiosynkrasie entkleidet quasi wesensnackt an die Assembly-Line zu stellen und planmäßig Innovation oder wenigstens neues Wissen Projekt für Projekt (erfolgreich) zusammenzuschrauben. Dieser Prozess entfaltet sich bis heute, wobei José Ortega Y Gasset schon wieder recht frisch wirkt, während die Forschungs- und Wissenschaftspolitik noch beschäftigt ist, ihre Moderne zu Ende zu führen.

III

Dass Herman L. Totten, u. a. Dean des College of Information der University of North Texas, Chair der iConference 2013 und Träger des Melvil Dewey Award, nun abstrakt Diversität als Vorteil herausarbeitet, hat leider rein gar nichts mit einem humanistisch geprägten Konzept der Andersheit zu tun. (siehe Totten, 2013)  Sondern schlicht mit der Totalverwertung aller Verschiedenheiten zum Wohle eines übergeordneten Ganzen. Sein Einstieg ist eine Erinnerung an den Sputnik-Schock, dem er einst über das Twitter seiner Studienzeit – dem aufgeregten gemeinsamen Zeitungslesen im Wildcat Inn auf dem College-Campus – erfuhr: „Russia Launches the First Satellite!“ Die Scham über den Sieg der Sowjetunion (kurz: Russia) im Space Race der sich dereinst für die fortschrittlichere Hälfte der Welt haltenden Amerikanern, ging tief und sorgte für einige Verstörung. Wie aus – je nach Wetterlage auch buchstäblich – heiteren Himmel wurde das Selbstbild der technologisch führenden Nation erschüttert und, so fürchtete man, das Fremdbild ebenso:

„The United States was humilated. No longer would the world deem America as the superior nation in science and technology.“

Dass es dabei gar nicht mal so sehr darum ging, dass irgendwo am Himmel ein Satellit piepst und blinkt, sondern darum, dass dieselbe Raketentechnologie mutmaßlich aufwandsarm Nuklearsprengköpfe zum Zwecke der Detonation um die halbe Welt schicken konnte, erwähnt der Autor leider nicht. Vielleicht war der Atomkern des Technologiewettstreits im Kalten Krieg den Freshmen dieser Jahre aber auch nicht so bekannt.

Mit der Demütigung entfaltete sich jedenfalls eine große Verwunderung, etwa vergleichbar mit dem inneren Aufruhr des feschen Abschlussballkönigs, der zusehen muss, wie der farblose introvertierte Trottel aus der letzten Bank auf einmal Arm in Arm mit der Prom Queen aus der Ballsaal scharwenzelt – ebenfalls ein uramerikanisches Kulturnarrativ, das sich in zahllosen Generationen prägenden Teenagerfilmen findet, das jedoch heute, da diese einst gehänselten Nerds mit Mitte Zwanzig zu den reichsten Menschen des Landes gehören, weitgehend überlebt erscheint.

Im Jahr 1957 blieb die Frage im Raum:

„How could a country where the majority of the population had only learned to read and write in the last fifty years outdo the United States, the most innovative country in the world?“

Wie haben die Sowjets das gemacht? Herman L. Totten verspricht im Sommer 2013 eine Antwort zu geben und das Originelle an seiner Antwort ist, dass er die Lösung ausgerechnet in der Diversität sieht. Wobei Diversität in seiner Welt folgendermaßen beschrieben wird:

„Diversity includes gender, ethnicity, religion, cultural background, sexual orientation, age, and disabilities.“

Eine Aussage, die, da weitgehend unerläutert, dem Leser mehr als drei Fragezeichen auf den Weg gibt. Zumal die Sowjetunion der 1950er Jahre, wie sogar jeder Readers-Digest-Leser wissen konnte, schon ein paar Jahrzehnte Kulturentwicklung hinter sich hatte, die nicht unbedingt als  diversitätsfördernd bekannt waren. Im Gegenteil: Zur Blütezeit Stalins vermochte man nicht selten sogar mit hochkonformen Verhalten als Diversant durchgehen und musste sich in diesem Fall glücklich schätzen, wenn man sich weiterhin in hochdruckhomogenisierten Straflagerkolonnen am Sieg des Sozialismus beteiligen durfte. Für Wissenschaftler gab es zu diesem Zweck der fortgesetzten Teilhabe, wie wir von Solschenizyn wissen, einen eigenen Höllenkreis namens Scharaschka.

Dass Russland gerade für Großprojekte vom Fern- und U-Bahn-Bau über Stahlwerke und Stauseen im Niemandsland bis zum Weltraumprogramm unbegrenzt Menschenmaterial zur Verfügung stand, das man vergleichsweise flexibel nutzen konnte, bemerkt Herman L. Totten genauso wenig, wie, dass die sowjetische Wissenschaft aus naheliegenden Gründen weitaus zentralisierter und also frühzeitig an der Kandare politisch vorgeschriebener Zielstellungen arbeitete. Das erleichterte nicht nur die Abstimmung der Forschungspläne, sondern verkürzte auch Entscheidungsketten.

IV

Für Herman L. Totten ergibt sich der sowjetische Erfolg beim Wettlauf zu den Sternen vorwiegend daraus, dass die Rote Armee (kurz: Russia) 1945 tausende deutsche Wissenschaftler und versprengte jüdische Intellektuelle („the brightest and best minds in Europe“) nach Russland brachte. „Behind the Iron Curtain, Russia abducted and exploited the brilliant minds of these people.“ Das Quantum Wettbewerbsvorteil lag also im rücksichtlosen Import vielfältiger Expertise und so verkehrt ist das gar nicht. Denn Sergei Koroljow, DER (Scharaschka erfahrene) ingenieurtechnische Weltraumpionier der Sowjetunion dieser Zeit, brachte sich tatsächlich aus Deutschland ein paar kluge Assistenten aus dem Umfeld Wernher von Brauns auf sein abgeschiedenes Forschungseiland. Von Braun dagegen fand als einer von „some [abducted] German scientists“, die aber offenbar eine vergleichsweise überschaubare Rolle spielten in Fort Bliss, Texas dank zweier Integrationsprojekte namens Overcast und Paperclip sein Aus- und Einkommen. Die deutschen Denker im sowjetischen Raumfahrt-Think-Tank durften in den 1950er wieder zurück zu ihrer Heimaterde, nachdem sie ihren Anteil zum Wettbewerbsvorteil („The advantage of harnessed diversity! This advantage always leads to success.“) beigesteuert hatten.

In der Folge des Textes erwähnt Herman L. Totten dann doch noch das Vermixen von Diversität in der sowjetischen Kultur zu etwas, was er „Soviet puree“ nennt, dem er den „tossed salad“ (offensichtlich und hoffentlich in Unkenntnis der Slang-Bedeutung dieser Wendung) der USA entgegensetzt. Spätestens hier verliert die Brücke zwischen Sputnik-Schock und Diversität vollends ihr Geländer. Was erwiesenermaßen stimmt, ist, dass die USA als Schlussfolgerung aus dem ersten menschengemachten Erdtrabanten massiv in ihr Bildungs- und natürlich Fachinformationswesen investierten. Ein Effekt war offensichtlich auch die forcierte Entwicklung des Online Retrieval (Umstätter, 2000, S. 191), was aus heutiger Sicht erstaunlich geradlinig zum Googleversum führte.

Hermann L. Totten erwähnt die enorme Steigerung der Ressourcen, die der National Science Foundation (NSF) vom Kongress zugewiesen wurden,

„to promote the progress of science; to advance the national health, prosperity, and welfare; to secure the national defense“.

Es überrascht einerseits, dass an dieser Stelle das Schlagwort “Big Science” nicht fällt und dass andererseits der Dean einer informationswissenschaftlichen Einrichtung die Folgen für die Fachinformation – unter anderem den Ausbau von Metadokumentationen wie Referatediensten – nicht erwähnt. Beispielsweise wurde die Indexierung der Chemical Abstracts in den frühen 1960er computerisiert, was im Anschluss an den von Herman L. Totten ebenfalls unerwähnten Weinberg-Report nur folgerichtig war. Denn der Bericht stellte dezidiert die potentielle Bedeutung von (standardisierten) Referate- und Nachweisdiensten heraus. (Weinberg et al., 1963, S.4) Wobei diese Erkenntnis zugegeben weniger exklusiv von Alvin M. Weinberg und seinem Team hervorgebracht wurde, sondern als generelle Notwendigkeit schlicht in der Luft lag.

Aber immerhin hatte es so die Regierung der USA auch noch einmal expliziert auf dem Tisch, genauso wie die formulierte Notwendigkeit, die Fachinformationsflüsse an zentraler Regierungsstelle um Blick zu haben – also eine Art „Planning Tool for Resource Integration, Synchronization, and Management” – von Informationsflüssen. Es liegt eine gewisse schicksalshafte Ironie in der Tatsache, dass Alvin Weinberg gut zehn Jahre später von Präsident Nixon aus seiner Wissenschaftskarriere als Kernforschungsinstitutsdirektor geworfen wurde, weil er sich zu fortschrittsbremsend-technologiefolgenabschätzend (so die Einschätzung der Regierung) bei der Entwicklung Nuklearreaktoren zeigte. Am Ende eines Tages läuft es ja trotz aller Diversitätsversprechend des „tossed salads“ auf die Frage nach der Verteilung von Entscheidungsmacht heraus.

Briefmarken USA

Der Juli 1960 führte in den USA zu einigen Neuerungen. Unter anderem wurde das Prä-Touchpad Etch-a-Sketch auf den Markt gebracht. Zuvor jedoch, am 04. Juli, wurde die offizielle Flagge  mit den 50 Sternen (nach dem Entwurf des 17-jährigen Robert G. Heft ), die es auch auf den Mond schaffte, erstmalig aufgezogen. Am selben Tag erschien die berühmte 4 Cent-Briefmarke  (Scott-Katalog-Nummer 1153, gestaltet vom neusachlich geprägten Künstler Stevan Dehanos), produziert nach dem Monsignore des Wertzeichendrucks des 20. Jahrhunderts, Gualtiero Giori, benannten Druckverfahren (zweifarbiger Stichtiefdruck). Zwei Tage zuvor war die American Woman Issue (Scott-Nr. 1152) an den Postschaltern gelangt, die Mutter und Tochter hinter einem aufgeschlagenen Buch zeigt und  als „a tribute to American women and their accomplishments in civic affairs, education, arts and industry“ dienen sollte.  Die Briefmarkengeschichte ließe, wie sich zeigt, auch in diesem Fall eine wunderbare sozialgeschichtliche Zeitanalyse zu. Der gezeigte Beleg markiert nur eine Perspektive, die aber fast wie geplant die Verknüpfung von Nationalstolz, Wert der Diversität und optimierter Verwaltung kombiniert. Auf welcher Grundlage der Sender des Briefes aus Minneapolis ausgerechnet diese drei Marken wählte, ist leider nicht mehr ermittelbar. In jedem Fall griff er zu der im Juni 1981 ausgegebenen Sondermarke zum „International Year of the Disabled“ (Scott Nr. 1312) der UNO, die von der Zeichnerin und Streiterin für die Rechte Behinderter streitenden Martha Perske entworfen wurde.  Interessant ist an der Marke  die Betonung die Verknüpfung mit dem Erkenntnisinteresse unter dem Slogan der trotz der körperlichen Einschränkung gegebenen Befähigung. Wirklich aussagekräftig wird jedoch erst der Vergleich mit einer  am 19.07.1960 ausgegebenen Briefmarke. Die vom eher für seiner Cover-Gestaltung für Groschenromane bekannten Carl Bobertz entworfene Ausgabe (Scott Nr. 1155) zeigt ebenfalls einen Mann im Rollstuhl, der jedoch nicht ein Mikroskop sondern eine Bohrmaschine bedient. Die damit verbundene Aufforderung las sich: „Employ the Handicapped“. Zur Motivation der Marke ist mir nichts bekannt. Da der gezeigte Industriearbeiter jedoch beinamputiert zu sein scheint, könnte ein Bezug zur Sorge um Kriegsveteranen vorliegen. Für unsere kleine Nebenanalyse zeigt sich in den 20 Jahren Differenz zwischen Briefmarkenausgaben aber vor allem der Schritt von der Beschäftigung in der Industrie zur Teilhabe an einer Wissenschaftsgesellschaft. Die dritte Briefmarke auf dem Beleg zeigt schließlich die von Rudolph de Harak ziemlich lieblos gestaltete Figur des Metallmagnaten Joseph Wharton, der hier als Stifter der Wharton School an der University of UPenn geehrt wurde. (Scott Nr. 1920)  An die Schalter kam die Ausgabe ebenfalls im Juni 1981. Die Wharton School zählt bis heute zu den Topadressen, die man für einen MBA in Betracht ziehen kann.  Die derzeit dort lehrende Professorin für Informationsmanagement, Shawndra Hill, wurde zudem in diesem Jahr dadurch international bekannt, dass sie den Beruf das „Data Scientist“  zum mutmaßlich „sexiest job of the 21st century“ erklärte. (Allerdings zitierten sie nicht alle Quellen, die über diese Aussicht berichteten, als Quelle.) So schließt sich einstweilen der Kreis vom Nationalgefühl über die Integration in Wissensgenerierungsprozesse hin zu Ökonomisierung und Big Science, die eigentlich schon immer notwendig auch Big Data war. Dass die US-Post allerdings noch eine Briefmarke zu Ehren der Big Data Scientists herausbringen wird, ist angesichts ihrer wirtschaftlich prekären Lage nicht sicher. Wenn sie es jedoch tut, wird sie deren Verwendung wahrscheinlich minutiös dokumentieren. So ist sie also selbst bereits längst im Big-Data-Business aktiv.

V

Herman L. Tottens Volte pariert diese Aspekte durch die bekannte Praxis des Ausblendens. Sein Diversitätsbegriff ist, vorsichtig formuliert, unterreflektiert. Seine Schlüsse wirken teilweise fast rührend. Die zentrale Folge des Sputnik-Schocks ist für ihn eine Öffnung des Bildungssystems „to include all races and cultures living in the United States“, was ebenfalls eine gewisse Verkürzung der Geschichte des Bildungswesens der USA darstellt. Und vielleicht dann einen Hauch schönrednerisch wirkt, wenn man sich beispielsweise an die Kämpfe um die Desegregation des Schulbesuchs erinnert, die sich etwa zeitgleich mit dem Space Race entfalteten. Die Rassentrennung an US High Schools wurde nicht aus der Erkenntnis, dass Diversität die Wissenschaft befördert, aufgehoben. Sondern schlicht weil sie verfassungswidrig war. (Brown vs. Board of Education, 347 U.S. 483 (1954))

In der aufgeräumten Argumentationswelt von Herman L. Totten liest man dagegen:

„Monies were used to promote inclusiveness, which is the embracing and harnessing of a diverse talent pool. As a result of this harnessed diversity, the United States beat the Russians to the moon! In other words, diversity is an advantage to the nation as well as an advantage to all of you who are given the opportunity of an education to promote this inclusiveness.”

Es ist nicht ganz klar, wen der Dean hier adressiert, aber sein Text liest sich insgesamt wie eine Programmrede, die er vor möglicherweise betroffen zu Boden blickenden Absolventen des mehrfach erwähnten Institute of Museum and Library Services (IMLS) hielt, dessen Weblog einen solchen Termin vermerkt. (Cherry, 2012)

Doch selbst wenn man eine solch verkürzte Darstellung der Entwicklung der amerikanischen Bildungspolitik zur Integrativität und Diversitätsförderung in einer kleinen Festansprache zugunsten eines in jedem Fall hehren Anliegens hinnimmt, bleibt unklar, warum The Library Journal diesen Holzschnitt auch noch abdruckt. Und ob Sätze wie,

„People of diverse cultures, religionsm and social status founded the United States. Do you realize that this diversity has made the United States the strongest and greatest nation on earth?”,

in den USA tatsächlich das Kriterium für „scholarship about libraries as organizations that connect their communities to information” und „ research that explores the changing roles of libraries as they pertain to the growing influence of information in policymaking, equity, access, inclusion, human rights, and other societal issues.” erfüllen, bleibt wenigstens vor dem Horizont kontinentaleuropäischer Ansprüche an einen intellektuellen Diskurs fraglich.

Es könnte freilich sein, dass die Perspektive auf den Text durch eine mangelnde Kenntnis der lokalen Bedingungen in Denton, Texas verzerrt sind und dass die Aversion gegen Superlative bündelnden Aufbruchsappelle wie

„[b]y embracing diversity you will become a part of strongest nation in the world’s quest for knowledge, security, and peace.”

aus dem Ennui eines sehr diversitätsgeforderten Berliner Alltags resultiert. In jedem Fall gibt es die iConference 2014 an der Berlin School of Library and Information Science unter dem denkbar um Lokalkolorit bemühten Motto „Breaking down walls“ und Beiträge wie der von Herman L. Totten deuten die Möglichkeit eines kommenden kräftigen Kulturschocks mehr als an.

(Berlin, 04.07.2013)

Literatur

Brown et al. vs. Board of Education of Topeka et al. (1952-1954) Appeal from the United States District Court for the District of Kansas. No. 1 Entscheidung vom 17. Mai 1954, http://caselaw.lp.findlaw.com/scripts/getcase.pl?court=US&vol=347&invol=483

Kevin Cherry (2012) Things are Going SWIM-ingly Out West. In: UpNext: The IMLS-Blog. 07.12.2012, http://blog.imls.gov/?p=2009

Herman L. Totten (2013) The Advantages of Diversity. In: Library Quarterly. Vol. 83, No. 3, S. 204-206. http://www.jstor.org/stable/10.1086/670694

Walther Umstätter (2000) Die Nutzung des Internets zur Fließbandproduktion von Wissen. In: Klaus Fuchs-Kittowski, Heinrich Parthey , Walther Umstätter, Roland Wagner-Döbler (Hrsg.) Organisationsinformatik und Digitale Bibliothek in der Wissenschaft: Wissenschaftsforschung Jahrbuch 2000. Berlin: Gesellschaft für Wissenschaftsforschung 2010. S. 179-199 / 2. Auflage 2010 verfügbar unter http://www.wissenschaftsforschung.de/JB00_179-200.pdf

Alvin M. Weinberg / The President’s Science Advisory Committee (1963) Science, Government, and Information. The Responsibilities of the Technical Community and the Government in the Transfer of Information. Washington: US. Government Printing Office

Digitale Philatelie, angedeutet. Zu einem aktuellen Aufsatz in der International Information & Library Review.

Posted in LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Referate by Ben on 5. April 2012

von Ben Kaden

Zu:

Mangala Anil Hirwade; Ujwala Anil Nawlakhe: Postage stamps and digital philately: Worldwide and Indian scenario. In: The International Information & Library Review. Volume 44, Issue 1, March 2012, Seiten 28–39. http://dx.doi.org/10.1016/j.iilr.2012.01.001

Eine der Beobachtung nach häufig unterschätzte Stärke von Briefmarken ist ihr dokumentarischer Gehalt. Dabei stellen sie als lange Zeit hoheitliche Wertmarken äußerst ausdrucksstarke semiotische Kondensationen dar, die unzweifelhaft alles erfüllen, was man von Objekten des kulturellen Erbes erwarten kann.

Die Sammlerwelt goutiert allerdings, wie persönliche Messeerfahrungen zeigen, eine allzu hermeneutische Annäherung an ihre Gegenstände vergleichsweise selten. Hier ist es wie in vielen Lebensbereichen: Ästhetischer Reiz, Faktenhuberei oder die allseits dominante Frage nach einem möglichen finanziellen Gewinn dominieren diesen kuriosen Mikromarkt, auf dem wie bei fast allen Sammlermärkten aus ihrem ursprünglichen Funktionskontext gelöste Objekte weit über dem Materialwert über die Verbindung von Angebot und Nachfrage mit einem symbolischen Wert aufgeladen werden.

Briefmarke "State of Palestine" von Khaled Jarrar

Dies ist ein schönes Beispiel einer Briefmarke, bei der herkömmliche philatelistische Klassifikationsnormen ziemlich gefordert werden. Die Abbildung zeigt einen Jerichonektarvogel (Cinnyris osea), der sich einer Blüte nähert. Also Klasse=Fauna? Immerhin wurde bei der Stempelung sogar die Botschaft „Schützt die Natur“ als Maschinenwerbestempel mit dem WWF-Panda dazugefügt. Der Vogel ist allerdings deutlich – unter seinem englischen Namen Palestine Sunbird – in einer anderen Funktion unterwegs, nämlich als Bote eines möglichen State of Palestine. Allerdings gibt es diesen als briefmarkenherausgebende politische Entität nicht, weshalb die Marke eine nicht vorhandene Normalität vorspiegelt und insofern eine hochpolitische Aussage trifft: So könnte eine Dauermarke eines vollanerkannten Staates namens Palästina aussehen. Bzw. so lässt sie jemand aussehen. Dass man sie für die Frankierung von Briefen benutzen kann, ist ein Ergebnis ausgerechnet der Privatisierung der deutschen Post, die mittlerweile mit ihrem Produkt „Marke individuell“ durch Privatpersonen frei gestaltbare Ausgaben zulässt. Die Privatperson hinter dieser Marke ist der Künstler Khaled Jarrar. In gewisser Weise repolitisiert er das durch durch die Individualisierung von Briefmarken entpolitisierte Medium wieder und selbstverständlich wird eine entsprechend frankierte Sendung, wie die gezeigte gestern in Berlin eingeworfene, von der Deutschen Post anstandslos befördert und zugestellt. Es handelt sich also um a) eine offizielle deutsche Briefmarke mit b) dem inoffiziellen Motiv einer palästinensischen Ausgabe, die als Motiv c) einen hübschen Nektarvogel zeigt, der d) die Botschaft eines Wunsches nach einem ganz normalen (also auch Briefmarken emissionierenden) und unabhängigen Staat Palästina transportiert. Gibt es dafür eine Klasse bei der World Association for the Development of Philately (WADP)?

Diese spannende Facette interessiert Mangala Anil Hirwade und Ujwala Anil Nawlakhe vom Department of Library and Information Science der Rashtrasant Tukadoji Maharaj Nagpur University in ihrem Text zur Digitalen Philatelie leider nur am Rande. Sie erwähnen zwar einige Gesichtspunkte, an denen sich wirkliche Fragestellungen anschließen könnten, bleiben im Ergebnis aber bedauerlicherweise bei einer nicht sehr viel Erkenntnis stiftenden Vorstellung einer Datenbank und der Wiedergabe einiger Abfragen u.a. zu indischen Briefmarkenausgaben mit dem thematischen Schwerpunkt. Eigentlich handelt es sich also, ich muss es derart kühl sagen, um einen umfänglich annotierten Linktipp mit ein wenig dahingeschenkten Problematisierungspotential. Auch philatelistisch spielt der Text bestenfalls in der unteren Sammelklasse. So ist bereits die erste Definition dessen, was eine Briefmarke ist, schwer tragbar:

„small pieces of colorful paper issued by the government of a nation or country”.

Das könnte auch auf Banknoten zutreffen. Die Definition wird später durch eine etwas euphemistisch „Definition analysis“ benannte Passage anhand von drei Zitaten aus Drittquellen (The Freedictionary, Wikipedia) etwas nachgeschärft und ist dann erwartungsgemäß recht zutreffend. Da die Wikipedia auch weiß, was unter Philatelie zu verstehen ist, findet sich dieser Kontext ebenfalls korrekt eingebunden. Für Wissensquizze lehrreich ist eventuell der Hinweis, dass man ebenfalls von Timbrologie bzw. Timbrophilie sprechen könnte, wogegen sich die dazu geordnete Timbromanie nicht ganz auf der gleichen Bedeutungsschiene bewegen dürfte. In ihrer weiteren Verortung sprechen die Autoren nicht unbedingt von mitteleuropäischen Verhältnissen, denn gegen jede dieser Aussagen kann man leichthändig Gegenbeispiele aufschichten:

„Philately is the study of stamps and its collection is considered the king of hobbies. It is equally right to say philately is a hobby of a king due to its costly nature and huge investment. Philately is perhaps the most popular´pastime.“

Die ehemalige Popularität des Hobbys erklärte sich ja gerade aus relativ kleinen ökonomischen Einstiegshürden. Jedenfalls in einer Zeit, in der selbst Behördenbriefe mit Briefmarken zum Abweichen versehen waren. Material, idealerweise zum späteren Tauschen, kam mit nahezu jeder Postzustellung ins Haus. Das parallel dazu eine kleine ausgewählte Schichte monegassischer Hochfinanzphilatelie eine übersichtliche Auktionswirtschaft am Leben erhält, ist wahr. Diese Sammlerelite existiert allerdings auch für Münzen, Uhren und Fabergé-Eier. Abgesehen davon sind Briefmarken heute nicht unbedingt etwas, womit man das Gros jedenfalls deutscher Freizeitgestalter erreicht.

Die Parallele zwischen Sammler und Bibliothekar wirkt ebenso etwas sehr übers Knie gezwungen:

„As a library associates with collection, philatelists like a librarian are responsible for collection development and collection management.”

Auch in diesem Fall könnte jedes Sammelgut in den Mittelpunkt rücken. Immerhin wird noch einmal deutlich, dass sehr vieles mehr als traditionelle Buch-, Zeitschriften- oder ähnliche Publikationen Dokumente sein können. Nur bewegt man sich hierbei auf der zackigen Grenze zum Archivgut. Den Status von Briefmarkenausgaben dahingehend zu diskutieren, wäre sicher eine spannende Herausforderung.

Denn in gewisser Weise sind Briefmarken natürlich auch Publikationen (man spricht von Ausgaben oder – etwas unschön – von Emissionen). und entsprechend neben der Funktion als Freimachung Informationsträger wie Kommunikationsmedium bestimmter Botschaften. Wichtig ist dabei, dass sie mehr oder weniger dezente Hinweis- und Erinnerungsmedien sind: Sie verweisen auf die Existenz eines konkreten Phänomens (z.B. Frankfurter Buchmesse), häufig verbunden mit einem aktuellen Zeitereignis oder einer Botschaft (z.B. Schützt die Wälder!).

Manchmal ergibt sich daraus sogar eine Kreuzung zu innerbibliotheksweltlichen Themen. Ich habe einmal bei LIBREAS zu diesem Bibliophilatelie genannten Thema einen Text verfasst und irgendwann ein Weblog abgebrochen.

Die Autoren diskutieren zwar kurz den Begriff der Bibliophilatelie und verweisen mit Larry T. Nix und Jerzy Duda auf Leitfiguren dieser äußerst überschaubaren Bewegung, ignorieren mich als Google-Champion zu diesem Suchbegriff allerdings. Womit ich selbstverständlich leben kann, zumal die Bibliophilatelie offensichtlich nur auftaucht, um Vollständigkeit anzuzeigen. Zum eigentlich Kern ihres Beitrags trägt dieser Nebenschauplatz wenig bei.

Die wirkliche Relevanz entfaltet sich dort um eine Ecke, wo es um Briefmarkensammlungen als Bewahrens wertes Sammlungsgut auch für Bibliotheken geht. Die Langzeitarchivierung erweist sich hier wie allen Druckmaterialien u.U. als Problem, besonders wenn die Ausgangsmaterialien, wie beispielsweise bei Provisiorien, Notausgaben, etc. entsprechend schlecht waren. Wenn die Autoren allerdings schreiben:

„In order to keep the record of these postal heritage or historical documents of national origin, digitization projects provide a golden path in line with the initiative of the digital library for preserving art, culture, and heritage.”

gehen sie wieder fehl. Ein goldener Weg ist die Digitalisierung keinesfalls, steht doch bei Briefmarken die Materialität und teilweise das Einzelstück noch stärker im Mittelpunkt, als bei anderen Druckmedien: Farbechtheit, Plattenfehler, Zähnungsvarianten und natürlich auch Stempelungen spielen eine Rolle, die bei reinen Digitalisierung postfrischer Beispielexemplare auf der Strecke bleiben müssen. Die philatelistische Tätigkeit ist grundständig Exemplar orientiert. Die Stärke Digitaler Philatelie liegt demnach hauptsächlich auf der Ebene des Nachweises an sich.

Wer sich regelmäßig mit Papierschnitten an den Finger durch die vielen Bände des Scott’s Catalogue of Postage Stamps wühlt, wüsste eine Gesamtdatenbank der Briefmarken der Welt sehr zu schätzen. Abgesehen davon leisten die Katalogisierungsexperten von Michel, Yvert & Tellier oder Stanley Gibbons seit je hervorragende Arbeit auf diesem Gebiet und zunehmend liegen die Nachweise auch digital vor. Eine Welt- bzw. Verbunddatenbank zum Nachweis aller Ausgaben fehlt allerdings bis heute.

Interessant wäre in diesem Fall neben der separaten Digitalisierung besonderer Ganzstücke oder besonderer Exemplare vor allem die übergreifende Standardisierung dieser Daten, die auch die Integration von Sammlungsnachweisen beispielsweise der Postmuseen ermöglichte. Das vorgestellte WADP Numbering System (WNS) von World Association for the Development of Philately (WADP) und Weltpostverein ist immerhin ein sehr begrüßenswerter erster Ansatz. An deren Website www.wnsstamps.ch arbeiten sich nun die Autoren auf und ab und kommen u.a. zu dem Ergebnis, dass die Zahl der dort jeweils pro Jahr registrierten weltweiten Neuausgaben grob ab- und aufgerundet zwischen 5000 und 6500 Briefmarken schwankt. Aus irgendeinem Grund klafft in der Länderliste zwischen Georgia und Ghana, also dort wo man die bundesdeutschen Ausgaben erwartet in der Datenbank eine Lücke. Weshalb die deutschen Marken fehlen und ob noch andere Länder betroffen sind, wird leider nicht erklärt.

Ebenso unklar ist, weshalb ein Großteil des Aufsatzes von einer Liste „Country wise registrations in WNS database“ besteht. Jeder Leser mit Webzugang kann tagesaktuell die Verteilung abrufen und prüfen, ob Frankreich die philatelistische Nationenwertung dieser Datenbank nach wie vor vor Japan und den USA anführt. Dass die Tierwelt („fauna“, 6800 Marken) als beliebtestes Motiv bald abgelöst wird, steht nicht zu befürchten. Dazu ist der Abstand zur „Architektur“ (3610) zu groß. Letztere könnte freilich von der Flora (3490) überflügelt werden.

Wie die Kategorien voneinander abgegrenzt werden und auf welcher Grundlage die kategoriale Zuordnung der Einträge erfolgt, wäre da aus bibliothekswissenschaftlicher bzw. klassifikationstheoretischer Sicht hochinteressant gewesen. Denn nicht immer scheinen die Zuordnungen gut zu passen. So ist beispielsweise die Ausgabe „250 Jahre Zahlenlotto“ der Österreichischen Post dem Themenfeld „Economy & Industry (Banking & Currency)“ zugeordnet. Das stimmt schon irgendwie, überzeugt aber dennoch nicht auf ganzer Linie. Die Deutsche Nationalbibliothek führt Lottoliteratur nämlich fast stimmiger in der Sachgruppe 793 Spiel. Das deckt sich dann wieder halbwegs mit der Ausgabe „25 Jahre 6 aus 49“ der Österreichischen Post, die sowohl bei Economy & Industry wie auch Games & Toys einsortiert wurde. Nun will ich nicht über Gebühr pingelig sein, denn die Regelausgabe einer Sonderbriefmarke lässt sich relativ eindeutig einer Sachkategorie zuordnen. Daher funktioniert die Datenbank auch für den Alltagsgebrauch recht zufriedenstellend. (Andererseits finden sich in der Masse doch allerlei Zweifelsfälle, für die auch andere Zuordnungen denkbar wären.)

Mein Kummer mit dem Text liegt vielmehr hier: Wenn man nämlich einen Aufsatz in einer Art wissenschaftlichen Zeitschrift zum Thema Digitale Philatelie publiziert, könnte man durchaus auch mal über eine blanke Deskription einer Datenbank hinausgehen. Für mich zählt zu diesem Thema eine ganz andere Bandbreite, die von Weblogs zum Thema, der Kommunikation zu philatelistischen Fragen in Sozialen Netzwerken und anderen digitalen Plattformen bis hin zu aufbereitenden Sammlungsdarstellungen einzelner Institutionen reicht. Auch die Europeana weist einen Bestand von entsprechenden Digitalisaten nach: http://europeana.org/portal/search.html?query=philatelic.

Der Erkenntniswert des vorliegenden Aufsatzes lässt sich dagegen auf das Vermelden der Existenz der WNS-Datenbank mit dem Ziel eines einheitlichen globalen Nachweissystems für neuere Ausgaben (der Bestand reicht derzeit nur bis 2002 zurück) eingrenzen. Diese behandelt Briefmarken vorwiegend als Publikationen, die es anzuzeigen gilt. So bleiben die eigentlich spannenden Fragestellung der Konservierung und Digitalisierung von konkreten Objekten und Sammlungen, der Entwicklung philatelistischer Normdaten und ihr Austausch oder eben auch die Rolle von Briefmarken als Dokument des kulturellen Erbes und damit Sammlungsgutes mehr als unterbelichtet. Bei allem Enthusiasmus, den man den Autoren gern gönnt. Solche Sätze im Fazit:

„The nature of philately is undergoing its most dramatic change in history. This new electronic world is making philately more exciting and enjoyable than ever before!”

zeigen einerseits, wie wenig Anschluss die Autoren an die Welt der Philatelie haben (in der z.B. die Einführung personalisierter Briefmarken und jeder Wechsel im Druckverfahren als dramatischstes Verwerfung der Philateliegeschichte gelten) und andererseits, dass ihr Text vielleicht doch mehr in den Briefmarkenspiegel oder das Stamp Magazine gehört als in eine bibliothekarische Fachpublikation.

05.04.2012

It’s the frei<tag> Countdown. Noch 23 Tage.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS Veranstaltungen, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 18. Mai 2011

Irgendjemand verbreitet gern und wiederholt, dass die Menschen immer weniger Briefe schreiben. Ich glaube, mich zu erinnern, dass es vor allem die Deutsche Post ist, wenn sie über Spielräume beim Briefbeförderungsentgelt nachdenkt. Das Briefmonopol bekäme demnach demnächst einen besonderen Falz, da alles darauf hinausläuft, dass es nur noch vielleicht einen Brief am Tag gibt. Der Anbieter, der den befördert, hat dann auch das Monopol.

Ich kann diese Einschätzung weder teilen noch bestätigen, denn die Menschen in meinem Umfeld schreiben ohnehin selten Briefe. Ich bin ja auch kein guter Briefbeantworter, denn ich liebe das Medium zu sehr, um eine solche Korrespondenz in nachhaltig unbefangenen Bahnen zu absolvieren. Briefe, so ihre Funktion, verbinden. Daher, so meine Deutung, sind sie auch verbindlich.

Sollte Marbach jemals die Bündel meiner Briefwechsel (oft eher –sendungen) mit den Milenas und Felicen meiner Biografie ersteigern, so möchte ich selbstverständlich, dass es sich für das Archiv auch lohnt. Und wenn es wegen der Ersttagsstempel ist… Das Spiel, das sich mir Briefschach von Wuthenow aus solcher Einstellung eröffnet, bringt freilich erfahrungsgemäß weder Bauer noch Dame noch Dora auf die eigene Seite des Brettes. Sondern heißt schlicht Solitär.

post

Posta Cordalis? Nun ja, nicht jeder Brief geht zu Herzen. Das Briefing auf Seite N5 der heutigen FAZ über die Situation der Geisteswissenschaften in Großbritannien jedoch lässt es einem tatsächlich eng in der Brust werden. (siehe unten) Da zieht man diesen Fächern gern mal einen Strich durch die Forschungsrichtung. Im philatelistischen Deutschland hält man dagegen die Fahnen der systematischen Sinnsuche noch hoch. Allerdings sind Kulturkürzungen auch nichts, dessen Annahme man sich in hiesigen Breiten verweigern kann. Wieviele Museen brauchen wir morgen? Einem, welches wie das Wallraf-Richartz-Museum (Motto: "Ein Museum für alle, die neugierig sind.") per Briefmarke geehrt wurde, sollte jedenfalls nicht bange sein. Ungers Bau, martialisch am Marsplatz gelegen, ist ein wahre Trutzburg der Kunstgeschichte. Die Alten Meister halten daher selbst eine twombly-hafte Nachentwertung durch den Postboten locker aus.

(more…)