LIBREAS.Library Ideas

Aus der Redaktion: LIBREAS microbloggt nun auch bei Tumblr. Aber warum?

Posted in LIBREAS aktuell by Ben on 24. Januar 2013

Das Microblogging-Netzwerk Tumblr ist derzeit – bis auf wenige Ausnahmen – in der Wissenschaftskommunikation etwa so populär, wie es Twitter 2008 war und wie es Pinterest 2015 sein wird. Also eher nicht.

Während Wissenschafts- und Fachblogs mittlerweile weitgehend als sinnvolle Bereicherung wissenschaftlichen Austausches akzeptiert und genutzt werden, während das Streupotential von Twitter als Hinweismedium weithin anerkannt ist, stellt sich bei Tumblr bislang tatsächlich die Frage des Mehrwerts für einen fachlichen Austausch. Entsprechend finden sich unter den derzeit schätzungsweise dort gehosteten 80 Millionen Mikroblogs in der Tat äußerst wenige mit Wissenschafts- oder Fachbezug (aber es gibt sie). Möglicherweise hemmt das Fachpublikum, dass man sich dort noch schneller als auf anderen Plattformen der dem WWW prinzipiell innewohnenden Nachbarschaft zu Internet-Phänomenen wie dem Technoviking oder den Lolcats bewusst wird. Benutzungsschwellen scheiden dagegen eher aus – der Anspruch an die Bedienkompetenz liegt höchstens knapp über WhatsApp-Niveau.

Wer Tumblr regelmäßig nutzt, weiß natürlich, dass man sich dort eher auf einem Basar als in der Akademie bewegt. Als weiterer Nachteil mag gelten, dass man auf Tumblr nicht direkt kommentieren kann. Man kann Beiträge allerdings annotiert rebloggen. Und selbstverständlich ist es möglich, einem Beitrag – nicht mit Daumen, sondern per Herzchen – seine Anerkennung namens „like“ zuweisen. Diese beiden Formen der denkbar niedrigschwelligen Bestätigung bilden die Essenz des Tumblr-Modells und werden entsprechend gut aufgeschlüsselt angezeigt (vgl. dieses schöne Beispiel).

Wenn sich LIBREAS  nun dorthin erweitert, dann geschieht dies aus einer erkannten Lücke zwischen Blog und Twitter heraus. Wir publizieren hier im Weblog Beiträge, die sich im Regelfall direkt als Aufforderung zum Diskurs verstehen. Wir verlinken über Twitter (und Facebook) Inhalte, die uns im Web begegnen oder die wir ins Web stellen und auf die wir unsere Leser gern hinweisen möchten. Bisweilen stoßen wir jedoch auch auf Inhalte, die wir kommentieren oder etwas erweitert weitergeben möchten, ohne gleich einen größeren Blogbeitrag daraus zu entfalten. Weder Twitter noch Facebook eignen sich dafür besonders gut.

Man könnte nun die Rubrik LIBREAS.Referate in Anspruch nehmen. Aber auch dort haben sich eher längere Besprechungen etabliert. Bisweilen erscheinen in einem Beitrag jedoch nur einzelne Gesichtspunkte oder eben das, was als neue Erkenntnis in den Diskurs zurückfließt, interessant. Dafür nun gibt es das Tumblr(Micro)Blog. Eine lockere Inspiration mag man im berühmten Harper’s Index suchen und finden. Die Seite LIBREAS.tumblr.com dient also dem Zweck, selektiv und in betont knapper Form Erkenntnisse aus dem aktuellen Publikationsgeschehen in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft zu sammeln, zu bündeln und sorgsam auszutaggen. Ob sich dies auf einer täglichen Basis (#daily lis) durchhalten lässt, wird sich zeigen. Jedenfalls sind wir gewillt, in höherer Frequenz aus den Texten, die uns ohnehin regelmäßig über die Schreibtische und Desktops gleiten und zu denen wir sonst vielleicht eine Notiz auf einer Karteikarte machen würden, den einen oder anderen Fakt, das eine oder andere Zitat herauszuziehen und dort abzulegen. Nebenbei prüfen wir zudem, inwieweit sich diese Form des Microbloggings in die Praxis des wissenschaftlichen Kommunizierens mittels digitaler sozialer Netzwerke einbinden lässt.

Zusammengefasst: Wir nutzen Tumblr einerseits für eine Tätigkeit, die uns als maßgeblicher Baustein unserer Profession vermittelt wurde: Wir dokumentieren. Und andererseits für etwas, was uns von Natur aus mitgegeben wurde: Wir probieren aus.

(Ben Kaden, Berlin 24.01.2013)

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Das Jahr 2011 in der internationalen Bibliotheks- und Informationswissenschaft.

Posted in LIBREAS aktuell by Ben on 31. Dezember 2011

Eine Rundschau von Ben Kaden

Zum Jahresende blickt man nicht selten auf Stapel von Publikationen, die durchzusehen man sich anschickte, es aber aus dem einen anderen Grund nicht mit dem gewünschten Erfolg umzusetzen verstand. Schichtarbeiter, zu denen ich zähle, neigen vielmehr sogar dazu, die Stapel mit den Jahren wachsen zu lassen. Dass man sie bei digitalen Publikationen nicht direkt materiell als Bürde des Unterlassens vor sich sieht, ist nur ein schwacher Trost.

Bevor ich nun mit der Aufschichtungstradition zu breche und 2012 mit einem leeren Tisch in einem frisch gelüfteten Raum beginne, möchte ich wenigstens stichprobenartig ein bisschen durch den virtuellen Haufen des bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Outputs tauchen und ein paar Nadeln herausheben, um sie als Pins in meine persönliche kognitive Karte des Fachs einzustecken. Die Auswahl ist notwendig voreingenommen und hoch selektiv.

Mir steht dabei die klassische Kennzahl – hoffentlich richtig – vor Augen, dass ein Wissenschaftler im Jahr ca. 1000 Aufsätze sichtet und etwa 100 liest. Und einen schreibt. An anderer Stelle wurde mir einmal vorgerechnet, dass man etwa 70.000 Seiten im Jahr lesen muss, um halbwegs auf dem aktuellen Stand der Wissenschaftsentwicklung zu bleiben. Im Terror dieser Werte gefangen arbeite ich mich wie die meisten meiner Peers durch einen nicht zu bewältigenden Berg an Publikationen und lege ab und an selbst noch ein drauf. Für die nachfolgende Rundschau habe ich in etwa das Jahrespensum eines Wissenschaftlers zusammengedampft. Mehr geht derzeit nicht. Für eine vollständige Durchsicht des Publikationsgeschehens eines Jahres müssten die Zeit zwischen den Jahren bzw. vielleicht sogar die Jahre bedeutend länger sein. Immerhin lässt sich für das nächste Jahr vornehmen, die Materialstapel gleich zeitnah vielleicht einmal im Monat zu bearbeiten und auf diesem Weg einen systematischeren Blick auf die bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Entwicklungen zu entwickeln. Dies würde auch dazu beiträgen, dem Referateansatz dieses Weblogs eine verlässlichere Form zu geben.

Selbstverständlich wäre es etwas unsinnig, den Zeitraum eines einzigen Jahres als repräsentative Eingrenzung für das Geschehen in einer Wissenschaft heranzuziehen. Zumal auf der Basis von Zeitschriftenpublikationen. Denn solche Beiträge stecken schon mal gern länger im Review- und Drucklegungsverfahren und stammen genau genommen oft bereits aus dem Vorjahr.

Wenn wir versuchen anhand der Zeitschriftenpublikationen des Jahres 2011 Trends für Bibliotheks- und Informationswissenschaft zu ermitteln, ermitteln wir eigentlich, womit sich die Forschung 2010 beschäftigte. Andererseits sind die meisten der Beiträge tatsächlich erst irgendwann im Laufe des Jahres 2011 in unserer Aufmerksamkeit gelangt und haben unsere Forschungsperspektive daher in diesem Zeitpunkt auch erst beeinflussen können.

Die Wissenschaftskommunikation ist demzufolge ein stabil zeitversetzter Prozess, der, wenn man sich zum Beispiel die Entwicklung der Sozialen Netzwerke und ihrer gesellschaftlichen Rolle ansieht, immer einen Tick hinter einem allgemeinen Zeitgeist zu verorten scheint. Dafür ist die Perspektive weiter, denn der Leser sieht, wohin sein Tablet ihn tatsächlich trägt und liest drauf, was man im Sommer zuvor über eine mögliche Tragweite dachte. Wenn man Glück hat, gelingt aus dieser Lücke auf Seiten des Beobachters eine stimmige Extrapolation in die Zukunft.

Nachfolgend werden nun bar jedes Anspruchs auf Vollständigkeit stichpunktartig Kernaussagen, Trends, Erkenntnisse und Fakten zusammengestellt, die einige der Leitthemen und Haupttrends der internationalen Bibliotheks- und Informationswissenschaft des Jahres 2011 umreißen.

Lässt man die Lektüren des Jahres 2011 nun binnen einiger Nachmittagsstunden an Jahresendfeiertagen ihre Revue passieren, dann fällt für die Bibliotheks- und Informationswissenschaft im Rückblick auf, dass es nicht unbedingt eine Disziplin der großen Durchbrüche, Erkenntnisexplosionen und Quantensätze handelt, sondern um ein Fach mit einerseits sehr heterogenen Themenstellungen und andererseits mit eher behäbigen Verschiebungen im Diskurs. Für die Wissenschaft dürfte das einem Normalzustand entsprechen: Die Paradigmenwechsel – sofern man an Kuhn glaubt – vollziehen sich natürlich dennoch und einige Tendenzen werden ich nachfolgend herausstellen. Aber wenigstens im Zeitschriftenbereich finden sich im gesichteten Korpus (besonders Journal of Documentation, Journal of Information Science, Journal of the American Society for Information Science and Technology, Knowledge Organization, Scientometrics) keine Leuchtturmpublikationen deren Strahlkraft geeignet ist, völlig neue Sichtweisen zu eröffnen oder wenigstens in eine deftige Wissenschaftskontroverse zu führen. Die Diskussionen zwischen Birger Hjørland (2011b, http://dx.doi.org/10.1177/0165551511423169) und Marcia Bates (http://dx.doi.org/10.1002/asi.21594) deuten immerhin an, dass etwas in dieser Art denkbar ist und wie es aussehen könnte. Und auch der Text von John Palfrey und Johnathan Zittrain (http://dx.doi.org/10.1126/science.1210737) als einer von wenigen interdisziplinären Ausreißern der Rundschau zu Science und Nature bestätigt eigentlich nur, dass unsere Disziplin notgedrungen ein Fach des Digitalen ist.

Um diese Aussage gleich wieder einzuschränken muss nochmals unbedingt auf die Subjektivität von Auswahl, Deutung und Schwerpunktsetzung verwiesen werden. Die Zusammenfassung schließt vorwiegend solche Quellen ein, die ich persönlich benutze, um mich ein wenig auf dem Stand des Forschungs- und Erkenntnisverlaufs in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft zu halten. Eigene Lektüreinteressen spielen bei der konkreten Titel- und Artikelauswahl keine geringe Rolle. Es kann also durchaus sein, dass ich den das Paradigma umstoßenden Beitrag schlicht nicht gesehen und/oder nicht als solchen erkannt habe. Berücksichtigt wurde zudem in diesem Fall ausschließlich Zeitschriftenliteratur (mit einer persönlichen Ausnahme, die eigentlich in der LIBREAS-Ausgabe 19 als Aufsatz erscheinen sollte…). Nach einen kurzen Zusammenfassung der Haupttrends werden einzelne, in meinen Augen notierenswerte Erkenntnisse, Einsichten, Positionen und Fakten in Form von Stichpunkten zwar grob geclustert, im Übrigen jedoch soweit als möglich neutral und unkommentiert abgebildet. (more…)