LIBREAS.Library Ideas

Das IB-Weblog und warum wir es vermissen.

Posted in LIBREAS aktuell by Ben on 5. Juli 2017

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

Update: Eine Nachfrage im Institut ergab, dass das Weblog nicht mehr gepflegt wird, offenbar auch offline bleibt, die Daten aber noch auf einem Server aufliegen, der momentan gewartet wird. Sie können also prinzipiell noch gerettet werden.

I

In den frühen 2000 Jahren und Richtung des 200. Jubiläums der Hochschule, entschied das Präsidium der Humboldt-Universität zu Berlin, wie häufig getrieben von externen Sparvorgaben, dass einige Wissenschaftsbereiche im beeindruckend breiten Fächerspektrum des Hauses verzichtbar sind. Die Landwirtschaftlich-Gärtnerische Fakultät sollte es komplett treffen. In der Philosophischen Fakultät sollte die Bibliothekswissenschaft ihre Professuren, ihr schönes Gebäude in der Dorotheenstraße und ihre Existenz als akademische Disziplin aufgeben. Darüber hinaus sollte hier und da eine Professur wegfallen. Die Auflösung der Bibliothekswissenschaft konnte bekanntlich verhindert werden, aber es war ein, wie man so schön sagt und wie es hier buchstäblich passt, close call.

Zur Rettung trugen ein Protest der nationalen und internationalen Bibliothekswelt bei sowie ein außerordentliches Engagement der Studierenden und der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Instituts, das vielleicht zum ersten Mal nach seiner Zusammenlegung mit seinem Westberliner Gegenstück in den 1990er Jahren zu einer Art gemeinsamer Identität fand. Parallel dazu bildete sich eine sonst eher seltene und nach Bologna auch gar nicht mehr so leicht mögliche studentische Mitwirkungsstruktur heraus, die kurioserweise auch die Studienordnung der neuen Studiengänge maßgeblich mitprägte, in deren engen Rastern Fachschaftsarbeit dieser Intensität keinen Platz mehr finden sollte.

Ziel und auch externe Vorgabe war, das nun nicht geschlossene Institut nachhaltig zukunftsfähig zu machen. Man berief die ausgewiesenen Digitalexperten Michael Seadle und Peter Schirmbacher als Professoren, schob damit den Institutsdirektor Walther Umstätter ein bisschen zu Seite, was ebenfalls eine gewisse Ironie enthält, da dieser schon denkbar früh am Institut für eine stärkere digitale Orientierung eintrat. Mit den neuen Professoren wurde dies nun eingelöst, wenn auch sicher weniger informationstheoretisch orientiert, als er es sich erhoffte. Mit der Emeritierung von Engelbert Plassmann verschwand ein Drittel der Aufmerksamkeit der Berliner Bibliothekswissenschaft am öffentlichen Bibliothekswesen und traditionellen Bibliotheksthemen, mit Frank Heidtmann und einer Reihe von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus dem Mittelbau ein zweites und schließlich nahm Konrad Umlauf mit seiner ausgelaufenen kw-Professur den Rest mit den Ruhestand. Seitdem geht es am IBI im weitesten Sinne nahezu ausschließlich um digitale Themen, was durchaus in die Zeit passt und sich nicht zuletzt deshalb erklärt, weil das IBI mittlerweile auch sehr viel Wert darauf legt, dass seine Absolventinnen und Absolventen für die im Zuge der Digitalisierung entstehenden Beschäftigungsbereiche auch zureichend qualifiziert sind. 

II

Ein großer Teil dieser Entwicklungen wurden in einem Forum dokumentiert, das Ergebnis eines arbeitsreichen Wochenendes im Sommer 2003 in Prora / Rügen war. Während nebenan am Strand knapp hinter der Ruine der U-Boot-Anlegestelle eine damals noch angesagte Rave-Party improvisiert wurde, saß ein kleines Grüppchen von Studierenden im Gruppenraum der Jugendherberge und überlegte, was sie für ihr Institut tun können. Dass etwas zu tun sei, war ihnen sehr bewusst, denn eine Eckprofessur war seit Jahren nicht besetzt, Schließungsideen machten auch vor dem Beschluss im Herbst 2003 die Runde und regelmäßig kamen Gastprofessoren, die sich immer viel Hoffnung auf Weiterbeschäftigung machten und dann doch wieder nach relativ kurzer Zeit gehen mussten. Kontinuität auch im Forschungs- und Lehrprofil ließ sich so natürlich schwer absichern. Zugleich war der Wunsch mehr Stabilität (auch: Planungssicherheit) bei vielen Studierenden ausgeprägt und so fuhr die kleine Fachschaftsgruppe an die Ostsee. 

Mit im Zug nach Norden war Jakob Voß, nicht nur Bibliothekswissenschaftler sondern auch Informatiker, wenigstens zu diesem Zeitpunkt XML-Enthusiast und begeisterter Anhänger des gerade aufkommenden Web 2.0. (Er brachte die Idee der Folksonomien und das nun endgültig erledigte del.icio.us ans Institut.) Das netbib-Weblog erlebte zu diesem Zeitpunkt gerade einen ersten Höhenflug, die Blogkultur als Idee drang langsam auch in die Leitmedien, oft noch als Kuriosum belächelt und von Größen der Werbewirtschaft abqualifiziert. Blogs waren neu, digitale Avantgarde und wurden in Keynotes als Musterbeispiel des Demokratisierungspotentials des Internets verhandelt. Das Institut bekam nun auch eines, inhaltlich eröffnet am 18.08.2003 von Boris Jacob mit einem kleinen und freundlichen Seitenhieb auf das Weblog der Darmstädter InformationswissenschaftDas IB-Weblog war anfangs weniger als Diskursmedium, sondern als Mittel zur Verbesserung der Nachrichtenflüsse des Instituts angedacht. Der in Prora entstandene Bericht (hier noch als PDF verfügbar) fasste es folgendermaßen:

Weblog

Weblogs sind eine Form elektronischer Newsletter, die zum Beispiel in der amerikanischen Bibliotheksszene ein etabliertes Mittel zur Informationsverbreitung sind. Ein Weblog zeichnet sich ähnlich wie ein Webforum durch eine einfache Bedienung aus. Registrierte Benutzer können in einem Weblog Nachrichten verfassen, die danach chronologisch geordnet auf einer Webseite sichtbar sind. Die Nachrichten können auch einzelnen Kategorien zugeteilt werden. Die Nachrichten einzelner Kategorien können gezielt angezeigt und das Nachrichten-Archiv durchsucht werden. Im Gegensatz zu einem Forum oder einer Mailingliste dient ein Weblog nicht primär der Kommunikation, sondern der Verbreitung von kurzen Nachrichten, die meist nur wenige Zeilen umfassen und oft über Hyperlinks auf weitere Quellen verweisen. Für das IB soll ein zentrales Weblog mit den oben genannten Kategorien eingerichtet werden, in dem ausgewählte Personen Nachrichten verfassen können. Alle relevanten Informationen, die bisher teilweise nur als Aushang verfügbar waren, sollen über das Weblog zugänglich sein. Aus diesem können einige Nachrichten für einen Aushang ausgedruckt werden, so dass kein doppelter Aufwand entsteht.

Betreut von Boris Jacob und mir, administriert von Jacob Voß ging das Weblog erstaunlich schnell und ohne große Gegenrede online. Man fremdelte zwar mit dem neuen Medium hier und da, hatte aber am Institut insgesamt bemerkenswert großes Vertrauen in die kleine Gruppe, die zum neuen Semester deutlich wuchs, freute sich wohl auch, dass die Fachschaft derart Initiative zeigt und ihr Institut nach der Sommerpause mit einem üppigen Maßnahmenkatalog zur Verbesserung der Lehr- und Forschungsaktivitäten überrascht. Den Schwung wollte man dann auch niemand bremsen und kurz darauf sollte er noch notwendiger werden. Zu Beginn des Wintersemesters 2003/2004 zeigte sich nämlich, wie wichtig und sinnvoll gerade das Weblog als Medium zur Selbstorganisation nach innen und für die Informationsvermittlung nach Außen war. Man hatte damit, ohne es zu ahnen, ein wichtiges Werkzeug, um einer Online-Öffentlichkeit (und sich selbst) tagesaktuell zu zeigen, dass das Institut keinesfalls gewillt war, sich kampflos auflösen zu lassen.

IB-Weblog - Schnappschuss aus dem Dezember 2003

Der Fall des IB-Weblogs unterstreicht zugleich die Bedeutung des Internet-Archives, das Anfangs monatlich und später auch häufiger spiegelte, was sich im Weblog sammelte. Stichproben und auch die aktuelle bibliothekswissenschaftliche Forschung zeigen allerdings, dass die Sammlung keinesfalls vollständig ist. Dennoch ist es natürlich die beste existierende Grundlage einer kommenden Web-Archäologie.

III

Angesichts dieser Vorgeschichte überrascht es wenig, dass das IB-Weblog wenigstens für die unmittelbar Beteiligten eine doch erhebliche Bedeutung besitzt, auch wenn diese für das Institut in seinem Alltag später naturgemäß abflachte. Für einen Großteil der 2000er Jahre war es eine Art Chronik der Geschehnisse zunächst um das Institut und seine Entwicklung und zunehmend auch für das Eindringen digitaler Trends in das Bibliothekswesen allgemein. Da das Internet Archive Ausschnitte speicherte, kann man sich davon auch jetzt noch ein Bild machen. In seinen besten Zeiten bildeten sich zu einzelnen Postings längere Diskussionsketten um die Auflösung der Zweigbibliothek Bibliothekswissenschaft, die Rolle der Zukunftsforschung für das Fach oder – auch das – die Deutung von Open Access durch Roland Reuß. Die heute fast vergessenen, damals aber dank Lambert Heller und Patrick Danowski im deutschen Bibliothekswesen sehr intensiv geführten Debatten um die Möglichkeit einer Bibliothek 2.0 fanden ebenfalls erheblichen Niederschlag. Auch Diskussionen wie die um das Thema Studiengebühren wurden aufgegriffen. Insgesamt bestand der größte Teil der etlichen 1000 Nachrichten vor allem aus Verweisen auf externe Quellen. Über den Zeitverlauf gesammelt und zumindest grob kategorisiert bilden diese jedoch ein hoch interessantes und einzigartiges Zeugnis zur Entwicklung von Bibliothekswesen und Digitalität mit seinen Debatten für einen großen Teil der 2000er Jahren. Es war, wie ich in einem Tweet notierte, tatsächlich ein Archiv der Diskursgeschichte.

Irgendwann in den letzten Tagen verschwand das Weblog plötzlich. Im Cache von Bing findet man noch diese Zeilen:

In Kürze wird der IBI-Weblog abgeschalten. Die Nutzung des Weblogs ist zu gering als das ein weiterer Betrieb gerechtfertig ist. Mit freundlichen Grüßen

Welche Prozesse und Entscheidungen im Institut dazu führten, ist leider nicht bekannt und ebenso wenig, ob die Daten vielleicht doch offline gesichert wurden. Erstaunlich ist weniger, dass das Weblog nicht mehr gepflegt wird. Die Idee der Blogs hat ihre dynamische Hochphase an vielen Stellen hinter sich. Weblogs sind mittlerweile ein normaler Teil der digitalen Medienvielfalt, was gerade für Institutionen eine gewisse redaktionelle Professionalisierung erfordert. Das muss man sich leisten können und wollen. Dass das Institut das aktuelle Aufwand-Nutzen-Verhältnis als nicht überzeugend einschätzt, mag man ihm nicht verdenken. 

Problematisch ist jedoch, dass das Weblog einfach so aus dem Netz verschwand. Und zwar nicht nur, weil es einzelnen Akteuren mit persönlichen Bindung besonders am Herzen liegt, sondern weil es sich um das Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft handelt. Es verfolgt mittlerweile eine nahezu rein digitale Agenda und akkumuliert erhebliche Expertise zu diesen Feldern. Das Dilemma verschwindender Internetquellen vor dem Hintergrund zukünftiger Forschung diskutiert man an ihm aber schon seit den 1990ern Jahren. Die digitale Langzeitarchivierung ist heute ein erklärter Schwerpunkt der Einrichtung. Die Sicherung, Aufbereitung und digitale Archivierung der strukturierten Inhalte aus 14 Jahren IB-Weblog hätte sich also mit vergleichsweise geringem Aufwand vielleicht sogar in einer Seminararbeit umsetzen lassen können. Und wenn nicht sofort, so hätte man das Blog als aktives Angebot schließen und für einen geeigneten Zeitpunkt online lassen können. Falls es gute Gründe für das Institut dagegen gegeben hätte, hätte auch der LIBREAS-Verein liebend gern das Blog auf seine Seite gezogen. Ein Stück weit müssen wir uns von LIBREAS, wie wir jetzt sehen, selbst vorwerfen, nicht darüber nachgedacht zu haben. (Bei der Gelegenheit sei übrigens angemerkt, dass wir die Bereitschaft für eine mögliche Spiegelung und Langzeitsicherung der Inhalte von IUWIS den aktuellen Betreibern bereits signalisiert haben.) Allerdings sind die Drähte zwischen IBI und LIBREAS nach wie vor sehr kurz. Als Frage bleibt also, warum das Weblog so aus der deutschen Biblioblogosphäre verschwinden musste. Die Begründung aus dem Suchmaschinen-Cache kann aus bibliothekswissenschaftlicher Sicht nicht überzeugen. Das Fach hat die Verpflichtung quellen- und datenorientiert in größeren Zeiträumen zu denken. Insofern ist es außerordentlich schade, wenn ein digitales Zeitdokument dieser Art so sang- und klanglos ausgesondert wird. Es erinnert zugleich daran, wie volatil Netzinhalte auch 2017 noch sind und welch dringender Bedarf auch für die Bibliothekswissenschaft besteht, sich darüber zu verständigen, wie man den Lebenszyklus von dynamischen Plattformen wie Weblogs auch zu seinem Ende hin so systematisiert, dass diese Inhalte als Kulturzeugen nachhaltig bewahrt werden können. 

(Berlin, 05.07.2017)

Wissenschaftskommunikation auf Gut Siggen. Und zehn Thesen als Ergebnis

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS on tour by Ben on 24. Oktober 2016

Ein Kurzbericht von Ben Kaden (@bkaden).

Gut Siggen / digitale Wissenschaft

Zwölf Ansichten (zu Digitalisierung und Wissenschaft): Ein Teil der Diskursgruppe auf Gut Siggen.

Den Berliner erinnert Ostholstein ohne große Umschweife irgendwie an Ostbrandenburg, allerdings immer mit einem erheblichen Unterschied im Detail. Der Bahnhof in Oldenburg wirkt wie so viele Provinzbahnhöfe mehr aufgelassen als betrieben. Aber auf seinem einzigen Gleis hält zweimal pro Stunde ein ICE (einmal nach Hamburg, einmal nach Kopenhagen). Beide Ecken Deutschlands enden im Osten an einem Wasser, das mit O beginnt: Oder und Ostsee. Beide Regionen setzen, wo es eben geht, auf Tourismus, aber die eine, sofern die Infrastruktur der Maßstab ist, mit deutlichem größeren Zustrom als die andere, was der Oktober mit seinem Nieselregen aber gründlich überdeckt.  Und sowohl dort wie auch dort ist es für alle ohne eigenes Fahrzeug gar nicht so leicht von A nach B zu gelangen. In Ostholstein zum Beispiel von Oldenburg nach Siggen / Heringsdorf.

Der öffentliche Nahverkehr besteht aus einem Kleintransporter namens Rufbus, den man freilich sehr frühzeitig rufen muss. Ansonsten steht man an einem grauen Montagabend auf einem Parkplatz und bemüht sich vergeblich am Telefon, denn der Anruf erfolgt außerhalb der Geschäftszeiten und da kann der Fahrer auch nichts machen. Beruhigt sind die, die dieses Telefonat nicht als Protagonisten sondern als Zeugen erleben, im besagten weißen Transporter sitzend und über schmale Straßen durchs Wagerland zum Gut der Wahl schwankend. Also wir. Bei der Gelegenheit erzählt der Fahrer von einem Herzenswunsch, der die Ostbrandenburger und die Ostholsteiner Abgeschiedenheit, nun ja, verbindet: Der Anschluss an ein schnelles Internet. Oder überhaupt ein Anschluss. Kathrin Passig, so wird später berichtet, sei hier erstmalig seit fast Jahrzehnten für zwei zusammenhängende Tage offline gewesen. Und wenngleich die meisten der diesmal in Siggen Anwesenden nicht ganz so radikaldigital orientiert sind, ging es ihnen genaugenommen ähnlich. Digitalität ist in unseren Feldern – Wissenschaft, Bibliotheken, Publikationsmärkte – das Adernetz, durch das die Kommunikationen rasant fließen. Auf den Feldern von Siggen aber immer noch eher Ausnahme als Regel.

Das allerdings ist gut so. Denn wo die Stille und bei Bedarf Ostseewellenrauschen ist, findet sich vielleicht auch ein neuer Weg, über das „Konzepte des wissenschaftlichen Publizieren im digitalen Zeitalter“ zu reflektieren. Zumal die schmale Leitung, die das Gut mit der digitalen Sphäre verbindet, immer noch stabil genug steht, um das entsprechende Twitter-Hashtag (#Siggen) über zwei Tage in den Twitter-Deutschland-Trends zu verankern (Dokumentation zu #Siggen). Das allerdings sagt auch viel über die Twitter-Nutzung in Deutschland aus. Für die Klausur zum digitalen Publizieren in der Wissenschaft erweist sich die Einbindung von Twitter in den Vor-Ort-Diskurs zugleich als digitale Wissenschaftspraxis und Outreach-Medium, mit dem es bald u.a. die Sorge zu zerstreuen gilt, hier entstände eine Art Bilderberg-Club für die Wissenschaftskommunikation. [Update 26.10.2016: Der hier verlinkte Ulrich Herb distanziert sich ausdrücklich von der Verknüpfung mit der Zuspitzung Bilderberg und weist ausdrücklich darauf hin, dass diese Zuspitzung ihre Ersturheberschaft in diesem Tweet von Eric Steinhauer hat.]

Diese Gefahr bestand freilich nie, auch wenn das Gut Siggen in seiner Geschichte schon manchen aus heutiger Sicht fragwürdigen Besuch beherbergte. Mittlerweile ist das von der Alfred Toepfer Stiftung betriebene Gut ein ganz normales Anwesen mit üppiger Hausbibliothek, Cembalo im Kaminzimmer und gutsgeschossenem Hirschbraten auf der Abendtafel, für dessen Nutzung sich jeder bewerben kann. Die Motivation hinter dem „Think Tank“ war keinesfalls, wie mehrfach versichert wurde, das Erzeugen von Exklusivität. Sondern der Wunsch, in größtmöglicher Konzentration neue Gesichtspunkte in einer Debatte freizulegen, in der eigentlich schon alles gesagt wurde, nur vielleicht noch nicht von jedem.

Wer einschlägige Konferenzdiskussionen kennt, weiß, dass in den fünf Minuten Fragezeit im Anschluss an dreißig Minuten Powerpointillismus meist die gleichen Akteure ihre bekannten Standpunkte in den Raum werfen und man sobald es wirklich spannend werden könnte, zur Postersession und dem Standgespräch in kleiner Gruppe weitergereicht wird. Selbiges ist oft inspirierend, bleibt aber meistens ohne weitere Aufzeichnung und wird daher spätestens mit dem Poster zusammengerollt und weggestellt.

Das Oktobertreffen zu Siggen folgte daher einem Modus, der das beste beider Welten kombiniert: kurze Impulsreferate in einem eher intimen Zirkel werden verbunden mit kaum begrenzter Diskussionszeit und dem Ziel, die in der Zwischenwelt aus Vortrag und Gespräch zum Thema entstehenden Ideen zu bündeln und zu veröffentlichen.

Das Siggener Themenspektrum war zu diesem Zweck breit aber erwartungsgemäß nicht allumfassend gestaltet: Es reichte von der Frage nach der Autorschaft im Digitalen speziell unter dem Einfluss genuin digitaler Publikationsformen (Wissenschaftsblogs, Soziale Netzwerke, Webannotation; Anne Baillot, Michael Kaiser, Alexander Nebrig), zu denen auch Forschungsdaten und Enhanced Publications (Ben Kaden) gehören über die Wissenschaftssprache und ihre Lektorierbarkeit (Friederike Moldenhauer) sowie Fragen der Qualitätssicherung und Reputationsmessung (insbesondere transparenten (Peer-)Review-Ansätzen; Thomas Ernst, Mareike König) im Digitalen bis hin, natürlich, zu Publikations- und Verlagsmodellen (Constanze Baum, Alexander Grossmann, Ekkehard Knörrer, Klaus Mickus, Volker Oppmann, Christina Riesenweber) und schließlich dem Urheberrecht (Eric Steinhauer).

Die konkreten Diskussionen zeigten nicht selten, dass bereits dieser geclusterte Ansatz möglicherweise zu weitläufig gewählt war, denn an vielen Stellen mussten Detailfragen doch aus dem Seminarzentrum heraus- und per Zwiegespräch auf den Weg zum Strand mitgenommen werden. Atmosphärisch ist das allerdings ungemein schöner als der Fachaustausch am Poster…

Im Ergebnis steht mit den Thesen naturgemäß wieder ein Kompromiss, der das wissenschaftliche Publikationssystem nicht aus der Bahn werfen wird, aber zehn komprimierte und Twitter-taugliche Thesen vorlegt, die nun offen diskutiert werden können und sollen. Zu diesem Zweck und in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift Merkur werden sie an verschiedenen Stellen, unter anderem an dieser Stelle im LIBREAS-Blog publiziert.

 


#Siggenthesen

Siggener Thesen zum wissenschaftlichen Publizieren im digitalen Zeitalter

Das digitale Publizieren ermöglicht bessere Arbeits- und Erkenntnisprozesse in der Wissenschaft. Diese Potenziale werden aus strukturellen Gründen gegenwärtig noch viel zu sehr blockiert. Wir möchten, dass sich das ändert, und stellen deswegen die folgenden Thesen zur Diskussion:

1

Digitales Publizieren braucht verlässliche Strukturen statt befristeter Projekte. #Siggenthesen #1

Innovationen im Bereich digitaler Publikationsformate in der Wissenschaft, die in Pilot- und Inselprojekten entwickelt werden, bedürfen einer gesicherten Überführung in dauerhaft angelegte, institutionen- und disziplinenübergreifende Infrastrukturen, um im Sinne der Wissenschaftsgemeinschaft nachhaltige und wettbewerbsfähige Angebote liefern zu können. Wir rufen sowohl Fördereinrichtungen und politische Instanzen als auch Verlage und Bibliotheken auf, sich dieser Verantwortung zu stellen und entsprechende Förder- und Integrationskonzepte im bestehenden Wissenschaftsbetrieb konkret und umgehend umzusetzen. Eine systemische Veränderung hin zum digitalen Publizieren kann nur durch ein verlässliches Angebot exzellenter Dienstleistungen erreicht werden.

2

Die traditionellen Großverlage behindern strukturell unsere offene Wissenschaftskommunikation. #Siggenthesen #2

Wissenschaftliche Publikationen sind Teil eines ökonomischen Wertschöpfungsprozesses, den vor allem große Verlage zur Kapitalsteigerung nutzen. Wir sehen allerdings, dass eine digitale Publikationskultur jenseits einer reinen Orientierung an Gewinnspannen aufgebaut werden kann, denn der Wissenschaftsbetrieb schafft selbst durch offene Lizenzierungen Räume für eine freie Zirkulation von Forschungsergebnissen. Die Zuschreibung von Reputation über Publikationsorte und Verlagsnamen, die Einschränkung von Sichtbarkeit durch Adressierung von kleinsten Expertenkreisen und das Beharren auf gewinnorientierten Verwertungsmechanismen, in denen wissenschaftliche Kommunikation sowie wissenschaftlicher Fortschritt zur Ware wird, stehen zur Disposition. Sie müssen, wenn sie den Zielen einer freien und offenen Wissenschaftskultur im Wege stehen, neu ausgehandelt werden – auch wenn dafür ökonomische oder statusbezogene Risiken für die beteiligten Akteure entstehen.

3

Wir publizieren Open Access, um zu kommunizieren. Langzeitverfügbarkeit ist ein nachrangiges (weitgehend gelöstes) Problem. #Siggenthesen #3

Ein oft geäußerter Einwand gegen Open Access ist die angebliche Flüchtigkeit des digitalen Mediums im Vergleich zu gedruckten Büchern. Dabei wird übersehen, dass auch für Druckschriften das Problem der Langzeitverfügbarkeit virulent ist. Diese Frage darf daher nicht überbetont werden. Vielmehr weisen wir auf die Vorteile digitaler Inhalte als Kommunikationsmittel hin: Digitale Veröffentlichungen, die anerkannte und standardisierte Formate nutzen, haben ebenso eine Überlebenschance wie eine beispielsweise nur noch von wenigen Bibliotheken abonnierte Subskriptionszeitschrift; die Sichtbarkeitschancen sind im digitalen Format indes ungleich höher. Außerdem sind die Methoden der digitalen Archivierung wie Emulation, Remediation und Format-Migration bereits weit entwickelt – und werden kontinuierlich eingesetzt und weiterentwickelt, da ein immer größerer Teil der Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung primär oder sogar ausschließlich digital vorliegt. Schließlich erleichtern digitale Netze erheblich die Archivierung digitaler Medien durch redundantes Speichern an mehreren physischen Lokationen.

4

Der Streit um Open Access ist kein Streit um technische Formate, sondern um Status und verschwindende Disziplinengrenzen. #Siggenthesen #4

Die öffentliche Diskussion um Open Access braucht eine neue Zielgerichtetheit, die Vor- und Nachteile transparent darstellt und statt polemischer Maschinenstürmerei kompetente Akzente setzt. Zeitschriftenkrise, Zukunft der Monographie, unklar werdende Fächergrenzen, bessere Wissenschaftskommunikation etc. dürfen nicht weiter in einen Topf geworfen werden, auch wenn der digitale Medienwandel diese unterschiedlichen Felder affiziert. Wir rufen alle Beteiligten – Befürworter wie Gegner des Open Access – auf, bewusster und sachgerechter zu reflektieren und zu diskutieren. Eine sinnvolle und gestaltende Veränderung gelingt nur, wenn wir anerkennen, dass digitales Publizieren bestehende Hierarchien hinterfragt und eine Umverteilung von symbolischem und ökonomischem Kapital mit sich bringen wird.

5

Webmedien wie Blogs, Wikis und andere soziale Medien sind zentral für einen offenen und freien Wissenschaftsdiskurs. #Siggenthesen #5

Digitale Publikationsmöglichkeiten bieten durch ihre bequeme und leicht erlernbare Handhabbarkeit sowie ihren unmittelbar vernetzenden Charakter die Möglichkeit, den Austausch von Informationen im Wissenschaftsdiskurs deutlich zu dynamisieren. So eignen sich beispielsweise Blogs für eine formal strengere Anbindung an bereits bestehende Genres des Wissenschaftsbetriebs, und ergänzen diese zugleich, indem sie (neuen) kleinen Formen, kommentierenden Texten und Konversationen einen Raum bieten. Der unaufwendige Betrieb dieser Medien macht sie zu weniger hierarchiebelasteten Kommunikationsformaten, wobei gleichzeitig auch redaktionelle Schranken zur Qualitätsoptimierung eingezogen werden können. Die prinzipielle Offenheit der Technik schafft einen kommunikativen Freiraum, der sich als Schreibschule im Prozess des wissenschaftlichen Arbeitens anbietet und die bestehende Wissenschaftskommunikation um neue Dimensionen erweitert.

6

Transparente Daten und ihre Bewertung ermöglichen andere und neue Formen der Qualitätsmessung in der Wissenschaft. #Siggenthesen #6

Bei der Auswahl von Artikeln für Fachzeitschriften oder bei der Bewertung von Publikationsleistungen beispielsweise in Berufungsverfahren werden meist unterkomplexe Formen der Qualitätsmessung eingesetzt bzw. einfachen Metriken und Kennzahlen zu viel Gewicht beigemessen (wie etwa dem Journal Impact Factor). Auf digitalen Plattformen stehen vielfältige Daten transparent zur Verfügung, die die Qualitäten von Artikeln besser quantifizierbar machen: etwa Aufruf- und Downloadzahlen, Lesedauer, Zahl der Reviews und Kommentare, Bewertungen in Reviews und Kommentaren, Zitationen in wissenschaftlicher Literatur und in Sozialen Medien. Wir schlagen vor, dass solche Nutzungsdaten ebenso öffentlich zugänglich gemacht und genutzt werden können wie die zugrundeliegenden Inhalte. Diese Daten können in spezifischen Bewertungsverfahren zielgerichtet kombiniert und müssen um qualitative Elemente ergänzt werden, um die aus den bisherigen quantitativen Messverfahren bekannte Manipulationsanfälligkeit weitestgehend auszuschließen.

7

In digitalen Publikationen und ihren Versionen können Autorschafts- und Beiträgerrollen genauer differenziert werden. #Siggenthesen #7

In gedruckten wissenschaftlichen Veröffentlichungen wurden verschiedene Autorschafts- und Beiträgerrollen nur ungenau bestimmt: Die Naturwissenschaften kennen die hierarchische Reihung der beteiligten Autorinnen und Autoren, die Geisteswissenschaften trennen im Regelfall zwischen der einen Autorperson und verschiedenen Beitragenden, die in der Danksagung genannt werden. Digitale Publikationen ermöglichen die abschnitts- und versionsgenaue Attribuierung von (Haupt-/Co-) Autorschaften sowie von Beiträgerrollen. Auf diese Weise kann wissenschaftliche Reputation zielgenauer und auf Basis einer Attribuierung auch kleinerer Beiträge, wie zum Beispiel von Kommentaren, transparenter ausgewiesen werden.

8

Entscheidungen über die digitale Agenda und ihre Infrastrukturen in der Wissenschaft setzen digitale Expertise voraus. #Siggenthesen #8

In vielen Gremien, die wichtige wissenschaftspolitische Infrastrukturentscheidungen treffen, sitzen unserer Einschätzung nach Akteure, die keine ausreichende medienpraktische und -theoretische Expertise zu Fragen des digitalen Publizierens besitzen. Hochschulen brauchen daher den Mut, Entscheidungen über ihre zukünftigen Infrastrukturen in die Hände digitalaffiner und entsprechend ausgebildeter Personen zu legen. Den digitalen Stillstand in vielen Bereichen unseres Hochschulsystems können und wollen wir uns nicht mehr leisten.

9

Der Erwerb und Einsatz digitaler Kompetenzen ist für die Ausbildung, Lehre und Forschung fundamental. #Siggenthesen #9

Um die Potenziale der digitalen Medien für Arbeits- und Erkenntnisprozesse in der Wissenschaft voll ausschöpfen zu können, ist es wichtig, digitale Kompetenzen auszubilden. Dazu gehören einerseits technische (Code lesen, Programmieren, Algorithmen verstehen) und handwerkliche Aspekte (kollaboratives und vernetztes Arbeiten, Social Reading, Multimedialität), die andererseits aber auch einschlägige analytische und soziale Fertigkeiten (Diskussionskompetenz, Medienkritik, kreatives Denken) grundlegend fördern. Der aktuelle Zustand in der Vermittlung digitaler Grundkenntnisse ist unserer Einschätzung nach an Schulen und Hochschulen – gerade auch im internationalen Vergleich – vollkommen unzureichend. Um das umgehend zu ändern, braucht es eine verbindliche und verpflichtende Ausbildung in allen Bereichen der Wissenschaft und über alle Ausbildungsstufen hinweg – hier müssen gerade auch die Lehrenden lernen.

10

Medienkonvergenzprognosen sind immer unsinnig. #Siggenthesen #10

Jede Disziplin hat einzelne zentrale Zeitschriften, die voraussichtlich auch demnächst noch nicht im Open Access veröffentlicht werden. Das ist aber kein Argument gegen den aktuell beobachtbaren Wandel – es werden auch noch Musikkassetten und Schallplattenspieler verkauft. Die Zukunft wird durch die Beteiligten gestaltet, somit beeinflussen wir die Gültigkeit unserer eigenen Prognosen. Da der Gestaltungsprozess grundsätzlich in einem Interessenwiderspruch stattfindet und der Diskurs dazu über weite Strecken von durchsetzungsgetriebener Rhetorik geprägt wird, ist es erforderlich, die eigenen Ziele und Interessen eindeutig und verständlich benennen zu können.

 

Sie können die #Siggenthesen auf dem Blog von Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken unterzeichnen und kommentieren.

Diese Thesen stehen unter der Lizenz CC BY 4.0. Sie entstanden im Rahmen des Programms „Eine Woche Zeit“ zum Thema „Konzepte wissenschaftlichen Publizierens im digitalen Zeitalter“. Die Veranstaltung fand vom 10.-16. Oktober 2016 im Seminarzentrum Gut Siggen statt, wurde organisiert von Klaus Mickus, Dr. Constanze Baum und Dr. Thomas Ernst in Kooperation mit der Alfred Toepfer Stiftung und dem Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken. An der Veranstaltung haben Vertreterinnen und Vertreter der folgenden Bereiche teilgenommen: Forschung, Lehre, Bibliotheken und wissenschaftliche Infrastrukturen, Wissenschaftsverlage, Lektorat, Übersetzung, Verlagsberatung, Wissenschaftsblogs, Online-Publikationsplattformen und Online-Zeitschriften.

 

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren u.a.:

  • Dr. Anne Baillot (Centre Marc Bloch, Berlin)
  • Dr. Constanze Baum (Forschungsverbund Marbach Weimar Wolfenbüttel; Redakteurin der Zeitschrift für digitale Geisteswissenschaften)
  • Dr. Thomas Ernst (Universität Duisburg-Essen, Literatur- und Medienwissenschaft)
  • Mirus Fitzner (Universität der Künste Berlin, Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikationswissenschaft)
  • Prof. Dr. Alexander Grossmann (HWTK Leipzig, Professor für Verlagsmanagement und Projektmanagement in Medienunternehmen)
  • Lambert Heller (Leiter des Open Science Lab der Technischen Informationsbibliothek Hannover)
  • Ben Kaden, M.A. (HU Berlin, DFG-Projekt Future Publications in den Humanities)
  • Dr. Michael Kaiser (Leitung von perspectivia.net, dem Publikationsportal der Max Weber Stiftung – Deutsche Geisteswissenschaftliche Institute im Ausland, Bonn; Lehrbeauftragter für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität zu Köln)
  • Dr. Ekkehard Knörer (Redakteur der Zeitschrift Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken)
  • Dr. Mareike König (Abteilungsleiterin 19. Jahrhundert, Digital Humanities und Bibliotheksleiterin am Deutschen Historischen Institut Paris, Redaktionsleiterin de.hypotheses.org)
  • Klaus Mickus (Berlin/Berkeley, juris GmbH)
  • Friederike Moldenhauer (Dipl. Soz., Lektorin und Übersetzerin, Hamburg)
  • Volker Oppmann (Geschäftsführer und Cultural Entrepreneur von log.os, Berlin)
  • Christina Riesenweber, M.A. (Freie Universität Berlin, Center für Digitale Systeme)
  • Prof. Dr. Eric Steinhauer (Bibliothekar an der FernUniversität in Hagen; Honorarprofessor am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der HU Berlin)

 

 

Berlin, 24.10.2016